Harry Potter saß auf dem Betonboden seiner Zelle. Er hatte keine Ahnung wie lange er schon hier war. Seit seiner Entführung hatte sich sein Kidnapper nicht wieder sehen lassen. Ab und an kam zwar eine Wache, die ihm etwas zu Essen brachte, doch alles in allem ließen sie ihn schmoren. Harry war in seinem Kopf alles immer und immer wieder durchgegangen. Seine Entführung durch diese Leute machte für ihn keinerlei Sinn. Wären Sie mit Voldemort im Bunde, dann hätten sie ihn sicher schon langst an ihn übergeben. Harry wusste schließlich was der schwarze Magier mit Männern machte, die nicht seinen Befehlen gehorschten. Ebenso zermarterte er sich das Gehirn woher er die Stimme ihres Anführers kannte. Harry konnte schwören, dass er sie kannte, aber er kam nicht auf den Namen. Das frustrierte ihn wohl am meisten, denn wäre er darauf gekommen wer dieser Typ war, dann hätte er vielleicht herleiten können warum sie ihn entführten, doch sein Kopf verweigerte ihm schlicht den Dienst.
Mit einem lauten Quietschen wurde der Riegel auf der anderen Seite der Tür weg geschoben. Einer der schwarz maskierten Wachen trat ein. Er warf Harry einen schwarzen Sack vor die Füße.
"Anziehen!", sagte die Wache.
"Nein.", sagte Harry trotzig.
"Wie du willst.", antwortete die Wache.
Sie kam auf ihn zu und hob den Sack vom Boden auf. In diesem Augenblick stürzte Harry sich auf die Wache und schlug ihm auf die Nase. Mit einem Jaulen ging der Mann zu Boden. Harry hastete aus seiner Zelle und fand sich in einem Flur wieder, der genauso aus kaltem Beton war. An der Decke hingen Neonröhren, die alles in ein steriles Licht tauchten. Hier gab es noch mehr Zellen deren Türen jedoch alle auf standen. War er etwa ihr einziger Gefangener?
Harry rannte den Flur entlang genau in eine weitere Wache hinein.
"Stehen bleiben!", rief der Mann.
Harry jedoch rannte weiter bis zu einer offen stehenden Gittertür. Er warf sie zu, um den Mann hinter sich zu bremsen. Die Gänge hinter dem Gefängnis sahen genauso aus wie der Trakt aus dem er gerade rannte. Die Flure hatten keine Namen, sondern nur Bezifferungen und so langsam wurde Harry klar, dass er irgendwo unter der Erde sein musste. Alles wirkte militärisch und zweckmäßig und obendrein war es ein Labyrinth. Selbst wenn diese Männer ihn nicht wieder einfingen hatte er keine Ahnung wie man hier wieder herauskam.
Harry hörte das Trampeln von Stiefeln hinter sich und bog um die nächste Ecke in der Hoffnung keinen von ihnen in die Arme zu laufen. Genau das hätte er jedoch nicht tun sollen. Vor ihm tauchten Wachen auf. Sie trugen komischer Weise keine Zauberstäbe, sondern Maschinenpistolen.
"Das war's, mein Junge!", sagte eine der Wachen.
Harry sah hinter sich. Die Männer, die er gehört hatte, schnitten ihm nun auch diesen Weg ab.
"Shit!", machte Harry und hob langsam die Hände.
"Guter Junge.", sagte die Wache. Sie gab jemanden ein Handzeichen. Harry wurde von hinten gepackt und ihm ein schwarzer Sack über den Kopf gezogen. Er spürte wie ihm das Herz bis weit unter die Gürtellinie sank. Was würden sie jetzt wohl mit ihm machen?
Harry fühlte wie sie ihn an den Armen packten und irgendwo hinführten. Sie stiegen mehrere Treppen hinauf und gingen durch Korridore. Er hörte Stimmen um sich herum und das geschäftige Treiben als seien sie in irgendeiner Art Werkstatt. Schließlich merkte er wie sie in einen Raum gingen und Harry auf einen Stuhl bugsierten. Sie zogen ihm den Sack vom Kopf. Harry saß auf einem Holzstuhl an einem Tisch in einer Art Bibliothek. Auf dem Tisch lag das Amulett, dass Harry aus der Höhle mit den Inferi mitgebracht hatte. Vor ihm stand der maskierte Mann, dem er bereits bei seiner Entführung begegnet war.
"Ihr könnt gehen.", sagte er zu den Wachen und sie ließen die beiden allein.
"Wer sind Sie und was wollen Sie?", fragte Harry einmal mehr.
"Das ist kompliziert.", sagte der Mann.
Die Tür des Raumes öffnete sich und eine Frau trat ein. Sie hatte kurzes, rotes Haar und trug ein kariertes Flanellhemd und Jeans. Sie stellte ein Tablett mit drei Tassen und einer Teekanne auf den Tisch und teilte die Getränke aus.
"So", sagte sie. "Jetzt können wir dieses Gespräch starten."
Die Frau setzte sich an die Seite des Tisches, so, dass Harry und der Mann sich gegenüber saßen.
"Das ergibt alles keinen Sinn!", sagte Harry mehr zu sich selbst als zu den beiden.
"Es wird schon bald Sinn ergeben.", sagte der Mann.
Er und die Frau sahen sich an. Sie blickte ihn streng an als würde sie ihm allein durch ihren Blick zu etwas auffordern. Der Mann atmete tief.
"Ich weiß, dass ich das bereuen werde.", grummelte er auf eine Art, die Harry seltsam bekannt vorkam.
Der Mann zog sich die Sturmhaube vom Kopf und Harry starrte ihn für einen Augenblick nur an. Sein Gehirn registrierte zunächst gar nicht, wer da vor ihm stand, denn mit den kurzen Haaren und dem Dreitagebart hätte er ihn beinahe nicht erkannt. Es war Severus Snape.
"Sie?", rief Harry aus. Es war eine Mischung aus ehrlicher Überraschung und dem Schock, dass es ausgerechnet er war.
"Lass uns das wie zivilisierte Menschen angehen, ja?", sagte Snape zu Harry.
Der sprang jedoch von seinem Stuhl auf und machte einen Satz rückwärts.
"Sie? Sie!", rief Harry immer wieder als könne er es nicht fassen und deutete mit dem Finger auf ihn. "Sie haben Dumbledore getötet!"
"Ja, soweit bin ich leider auch schon.", antwortete Snape.
"Was haben Sie vor? Wollen Sie mich selbst töten? Den Ruhm einfahren?", rief Harry.
Snape rollte mit den Augen als sei er gerade tierisch genervt.
"Ich hab dir ja gesagt, das wird toll.", sagte Snape an die Frau gewandt. "Ich schlage vor du setzt dich und trinkst erstmal eine schöne Tasse Tee."
"Den Sie vergiftet haben!", schloss Harry.
"Nein, den Tee zu vergiften wäre eine Schande. Wir sind schließlich Engländer.", entgegnete Snape mit sarkastischem Unterton.
"Harry, wir wollen dir nichts tun. Wirklich.", sagte die Frau.
"Und was soll dieses ganze Theater dann? Meine Entführung und das alles?"
"Der Dunkle Lord jagd dich – und mich jetzt übrigens auch, denn ich habe ihn ganz offen verraten als ich nach Dumbledores Tod einfach verschwunden bin. Allerdings ... der Orden, das Ministerium, wer hätte mir geglaubt, wenn ich meine Unschuld beteuert hätte? Sie wären auf mich losgegangen so wie du jetzt.", sagte Snape.
"Sie haben ihn getötet! Ich habe es gesehen!", rief Harry aufgebracht.
"Was du gesehen hast und was wirklich passiert ist sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.", entgegnete Snape völlig ruhig.
"Was wollen Sie damit sagen?", fragte Harry.
"Es ist für dich vielleicht schwer zu begreifen, doch Dumbledore hatte vor dem Auserwählten allerhand Geheimnisse. Er war nicht der freundliche, alte Mann für den du ihn halten solltest."
"Das ist gelogen!", sagte Harry.
"Nein, es ist nur der Teil der Wahrheit, den du nie zu Gesicht bekommen hast. Ich hingegen schon. Ich habe Albus vor seinem Tod geschworen, dass ich ihn nicht den Todessern überlasse und genau das habe ich getan.", entgegnete Snape.
"Was soll das heißen? Das er etwa wollte, dass Sie ihn umbringen? Warum hätte er das tun sollen?"
"Du weißt das er krank war, oder? Dass er sich etwas zugezogen hatte von dem es keine Heilung gab?", sagte Snape.
Harry erinnerte sich an die schwarze Hand. Dumbledore hatte angedeutet, dass ihn ein Fluch getroffen hatte für den es keine herkömmlichen Mittel gab. Das es jedoch so schlecht um ihn stand, dass er jemanden wie Snape gebeten hätte ihn zu töten? Nein, das war unmöglich! Snape war ein Todesser!
"Dumbledore hat Sie angefleht! Wissen Sie noch! Er hat Sie angefleht ihn zu verschonen als Draco ihn nicht töten konnte!", sagte Harry.
"Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätten es Lestrange und Greyback getan und ich muss dir wohl nicht ausmalen, dass das für Dumbledore ein wesentlich schlimmeres Ende gewesen wäre.", entgegnete Snape.
"Aber Sie sind ein Todesser!", beharrte Harry.
Snape zog die Ärmel seines Pullovers hoch und zeigte ihm seine Unterarme. Das Dunkle Mal auf seinem rechten Arm war komplett verschwunden als habe es nie existiert.
"Nicht mehr.", sagte Snape.
"Man kann das Dunkle Mal nicht entfernen! Einmal Todesser, immer Todesser!"
"Nun, ganz offensichtlich nicht.", antwortete Snape und zog sich die Ärmel wieder herunter. "Du musst begreifen, dass wir vieles vor dir geheim gehalten haben. Zu deinem und unserem Schutz. Ich bin auf deiner Seite, Potter. Das war ich immer."
Harry sah ihn an als könne er nicht glauben, was er da hörte. Snape auf seiner Seite? Das war doch Unsinn!
"Ich glaube Ihnen kein einziges Wort!", rief Harry.
"Immer diese Sturheit!", schimpfte Snape vor sich hin.
"So kommen wir nicht weiter, Harry.", sagte die Frau zu ihm. Etwas Sanftes in ihrer Stimme ließ Harrys Zorn für einen Moment abschwellen.
"Nehmen wir für einen Augenblick an ich würde Ihnen das alles abkaufen, warum haben Sie mich entführt?", fragte Harry.
"Wie ich schon sagte, wir sind jetzt Gejagte. Es schien mir intelligenter dich zu holen bevor es andere tun konnten. Und ich habe damit ja offenbar auch einige Leute mächtig verwirrt.", sagte Snape. "Und ich wusste, dass du niemals freiwillig mitkommen würdest, wenn ich freundlich an der Tür klingel."
"Da haben Sie verdammt nochmal recht!", entgegnete Harry.
"Er stimmt mir zu? Das ich das noch erleben darf!", sagte Snape überrascht.
Harry setzte sich an den Tisch und nahm die Tasse Tee. Er schnüffelte daran als fürchte er Snape könne das Getränk doch vergiftet haben.
"Also gut.", sagte Harry und trank einen Schluck. "Was haben Sie jetzt mit mir vor?"
"Wir gehen Horcruxe suchen.", sagte Snape und setzte sich nun ebenfalls. Er deutete auf das Amulett auf dem Tisch.
"Leider war das ein völliger Reinfall!", sagte Harry. "R.A.B. - wer auch immer das ist - hat das Medallion ausgetauscht."
"Regulus Acturus Black.", sagte Snape.
"Was?", fragte Harry verwirrt.
"Darauf hättest du von selbst kommen können. Du warst oft genug im Grimmauldplatz.", entgegnete Snape in einem Ton als habe Harry sich im Zaubertrankunterricht wieder einen unglaublichen Patzer erlaubt.
"Sirius' Bruder?", fragte Harry.
"Er war während des ersten Krieges bei den Todessern. Ich persönlich habe ihn nie näher kennen gelernt, doch offenbar ist er damals bereits hinter das Geheimnis von Voldemorts Unsterblichkeit gekommen.", sagte Snape.
"Und er hat das echte Medallion versteckt.", schloss Harry.
"Genau.", antwortete Snape.
"Und wo ist es?", fragte Harry. "Haben Sie es?"
"So schnell bin ich nun auch wieder nicht.", entgegnete Snape. "Aber ich habe eine Ahnung, wo wir den entscheideneden Hinweis finden könnten."
"Wo?", fragte Harry.
"Oh, das wäre zu viel verraten, aber wir machen demnächst einen kleinen Ausflug. Bis dahin kannst du es dir hier in unserem kleinen Widerstandsnest gemütlich machen. Jennifer hier, zeigt dir dein Zimmer."
Harry schüttelte den Kopf. Er verstand immer noch nicht, was hier ablief. Hatte Snape hier eine Armee aufgebaut ohne das Dumbledore oder Voldemort es erfahren hatten? Wie war das alles möglich? Und das er ihm plötzlich helfen wollte verursachte in Harrys Magen ein Gefühl als habe jemand ihm Steine in den Bauch gelegt. Dieser Mann, der ihn in Hogwarts immer so getriezt hatte, der ein Todesser und Spion war, wollte ihm auf einmal helfen!?
"Komm, Harry.", sagte die Frau und erhob sich.
Harry folgte ihr wortlos.
Dieser Ort hier, an dem sie sich befanden, wenn er so darüber nachdachte, dann wirkte es wie ein alter Bunker. Harry wusste nicht wie Snape und seine Leute an das alles gekommen waren, aber es war natürlich clever sich außerhalb der magischen Gemeinschaft zu verbergen. Ehrlich gesagt hatte Harry das alles nicht erwartet. Und so wie er das sah hatte Snape die gesame Zaubererschaft mit seiner Entführung ordentlich an der Nase herum geführt.
Die Frau zeigte ihm die Tür zu seinem Raum. Er war klein, doch es gab ein Bett und einen kleinen Tisch darin.
"Woher kennen Sie ihn.", fragte Harry die Frau.
"Ich kenne Severus schon lange.", antwortete sie und eine seltsame Vertrautheit lag in ihrer Stimme.
"Glauben Sie ihm das alles?", fragte Harry.
"Ja, jedes Wort und du solltest das auch. Ich weiß, dass er schwierig sein kann und auch das seine Rolle in dieser Geschichte nicht gerade dazu aufruft ihm zu vertrauen, aber ich kann dir versichern, dass er aktuell der Einzige ist, der dir nichts antun will.", sagte sie.
"Hmm.", machte Harry und setzte sich auf das Bett. Er fühlte sich verloren.
"Ruh dich aus und denk über das nach, was er gesagt hat.", sagte sie und ging aus dem Raum.
Für Harry fühlte sich das alles wie ein schlechter Traum an.
