Severus Snape saß ab diesem Abend ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte Dumbledores Notizbuch in der Hand und vertiefte sich in die Lektüre. Dieses Buch war ein wahrer Schatz. Es enthielt alles, was der alte Magier über die Horcruxe in Erfahrung gebracht hatte. Von den Orten an denen sie versteckt sein konnte über die genaue Funktionsweise bis hin zu der Theorie, die er über Harrys Narbe angestrengt hatte. Weiter hinten gab es neuere Notizen, die Dumbledore vor seinem Tod gemacht haben musste. Darin beschäftigte er sich mit diesem seltsamen, schwarzen Schleim, der ihn befallen hatte. Albus hielt es für eine Art reine, schwarze Magie, die der Horcrux ausstrahlte. Der Ring, den er zerstört hatte war bereits beschädigt worden. Offenbar als jemand anders vor ihm versuchte ihn zu vernichten. Vielleicht war das Amulett in der Höhle nicht der einzige Horcrux, den Regulus Black zerstören wollte? Nur offenbar fehlten ihm damals die Mittel.
Der schwarze Schleim, den der Horcrux abgab war konzentriertes Böses. Vermutlich der Seelenteil Voldemorts, der sich gegen seinen Angreifer wehrte.
Severus bereitete jedoch die Möglichkeit, dass Harry Potter unfreiwillig zu einem Gefäß für einen Horcrux geworden sein konnte Kopfzerbrechen. Allerdings würde das ziemlich klar erklären warum er so eine direkte Verbindung mit dem Dunklen Lord hatte oder warum er Parsel sprach. Und im Grunde war es nicht mal der Junge selbst, sondern der Seelenteil Voldemorts. Mal davon abgesehen, dass Severus noch nie davon gehört hatte, dass jemand erfolgreich ein lebendes Wesen zu einem Horcrux gemacht hatte, hatte er keinen blassen Schimmer wie sich das auf den Seelensplitter in ihm auswirkte. War es dann überhaupt möglich ihn zu zerstören ohne Harry zu töten?
Dumbledore überließ die undankbaren Aufgaben ja immer ihm, aber Harry umzubringen, um den Horcrux in ihm zu zerstören, das wollte sich Severus nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen. Warum hatte der alte Narr das nie erwähnt? Warum hatte er das für sich behalten? Oder wollte er es selbst tun, wenn der Augenblick da war? Wollte Dumbledore Harry töten? Warum hatten sie ihn dann all die Jahre am Leben erhalten, wenn er sowieso sterben musste?
Severus machte das wütend und er begann beim Lesen auf seiner Unterlippe herumzukauen.
„Was ist los?", fragte Jennifer.
Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett und rauchte eine Zigarette.
„Dumbledore", brummte Severus. „Hat seine Geheimnisse mit ins Grab genommen und mir hinterlässt er wieder das kaputte Geschirr!"
„Warum? Was steht da drin?", wollte Jennifer wissen.
Severus schlug das Buch zu und setzte sich auf.
„All die Jahre hat er gewusst, dass der Junge ein Horcrux sein könnte und hat es niemanden gesagt! Was soll ich denn jetzt mit ihm machen? Ihn umbringen damit Lord Voldemort stirbt!? So was kann auch wieder nur ihm einfallen!"
„Vielleicht fiel es ihm auch nicht leicht?", sagte Jennifer. „Vielleicht hat er sich geschämt?"
„Dumbledore und Scham? Das wäre ja ganz was Neues!", sagte Severus.
„Gib das Buch mal her.", sagte Jennifer.
Severus reichte es ihr. Jennifer war vielleicht eine Muggel, doch sie verstand etwas von Logik und rationalen Zusammenhängen. Man musste kein Magier sein, um Rätsel zu lösen.
„Was meint er mit Umkehrung?", fragte Jennifer.
„Vielleicht einen Horcrux umzukehren? Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich, schließlich hat Voldemort seine Seele zerrissen und sie in Gegenständen überall in der Gegend verteilt.", sagte Severus.
„Und wenn es stimmt? Wenn es eine Möglichkeit gibt den Horcrux in Harry zu vernichten ohne ihn zu töten?", fragte Jennifer.
„Dann wäre das eine dieser seltenen, guten Neuigkeiten.", antwortete Severus.
„Weißt du noch als du das Dunkle Mal an dir entfernt hast?", sagte sie. „Das Mal hatte eine direkte Verbindung zu Voldemort, genau wie der Horcrux."
Severus sah sie an als habe er nicht recht gehört.
„Sonst habe ich doch immer diese dummen Ideen!", entgegnete er ihr.
„Wenn es beim Mal geklappt hat, dann wieso nicht auch hier?", fragte sie ihn.
„Dem würde er niemals zustimmen!", sagte Severus.
„Ja, und er hätte damit völlig recht. Ich wollte schließlich auch nicht, dass du dich umbringst, aber es hat geklappt.", sagte Jennifer.
„Du hast mit Büchern nach mir geworfen!"
„Das war ja wohl das Mindeste!", antwortete Jennifer. „Ihr Jungs mit euren blöden Ideen, aber diese blöde Idee hat ja offensichtlich funktioniert und ich verweigere mich doch nicht empirischen Ergebnissen."
Severus wusste für einen Augenblick nicht, was er sagen sollte. Er liebte sie, aber manchmal machte sie ihm auch einfach nur Angst.
Harry Potter saß auf seinem Bett. Er völlig niedergeschlagen nach ihrem Ausflug in Dumbledores Haus. Er selbst ein Horcrux? Das war unfassbar! Das war schlimmer als alles, was Snape ihm hätte jemals antun können! Aber nun wurde ihm klar warum vieles so eigenartig an ihm war. Es war der Teil von Voldemorts Seele in ihm, der dafür sorgte dass seine Narbe schmerzte, dass er mit Schlangen sprach oder das er Visionen hatte. Harry ließ sich seitlich auf das Bett fallen. Am Liebsten wäre er gestorben. Noch schlimmer konnte es gar nicht werden! Was wohl Ron und Hermine dazu gesagt hätten? Bestimmt hätte Hermine ein passendes Buch parat gehabt und Ron hätte irgendeinen Witz gerissen, um ihn aufzumuntern, doch so war es nicht. Er war allein.
Es klopfte an der Tür. Harry antwortete nicht, sondern vergrub sein Gesicht in dem Kissen vor ihm.
Nach einigen Augenblicken öffnete sich die Tür und ausgerechnet Snape kam herein. Harry wollte nicht, dass er ihn so verzweifelt sah, also blieb er liegen und tat so als habe er es nicht gemerkt.
Snape räusperte sich unüberhörbar.
„Gehen Sie weg!", sagte Harry.
„Ich weiß, dass das ein Schock für dich ist. Für mich ja auch.", sagte Snape.
Harry fuhr herum und sah ihn mit geröteten Augen an.
„Was wissen Sie schon?", bellte Harry. „All die Jahre ..."
„... hat er uns nicht die Wahrheit erzählt.", beendete Snape den Satz. „Das ist bei Dumbledore aber nicht verwunderlich. Er hat so etwas mit mir ständig gemacht. Severus Snape und Harry Potter werden schon sehen wie sie da wieder rauskommen."
Harry setzte sich auf und atmete schwer.
„Leider gibt dieses Buch keinen Hinweis darauf wie man den Horcrux entfernt.", sagte Snape und deutete auf das kleine, rote Buch in seiner Hand. „Aber es gibt eine sehr vage Möglichkeit."
„Welche?", fragte Harry.
„Tja, und genau das ist der komplizierte Teil.", sagte Snape und kratzte sich am Kopf als habe er Läuse. „Als ich das Dunkle Mal von mir genommen habe musste ich dafür erst sterben."
„Sie sind gestorben?", fragte Harry und sah ihn fragend an.
„Ich war für wenige Sekunden klinisch tot. Man hat mich wiederbelebt, sonst wäre ich ja jetzt nicht hier. Die Verbindung, die der Horcrux zu Voldemort hat könnte ähnlich der Verbindung sein, die das Dunkle Mal benutzt hat.", sagte er.
„Also muss ich sterben? Wie?", fragte Harry.
„Hör zu, ich will dass du dir das ganz genau überlegst, denn das Ganze ist nicht ohne Risiko. Ich denke, ich hatte auch jede Menge Glück.", sagte Snape.
„Also entweder töten Sie mich oder Voldemort. Da nehme ich lieber Sie.", antwortete Harry.
„Ernsthaft?", fragte Snape überrascht.
„Jap.", meinte Harry. „Wie läuft das ab?"
„Ich habe mich damals mit einem Starkstromkabel in den Nimbus befördert. Wir machen das unten im OP. Es gibt da einen Defibrillator. Dein Gehirn ist dann für einige Sekunden ohne Funktion. Mach dich also auf eine heftige Nahtoderfahrung gefasst."
„Und so sind Sie das Mal losgeworden?", fragte Harry.
„Glaub mir, nochmal mach ich das ganz bestimmt nicht. Ich war danach tagelang ohnmächtig.", sagte Snape. „Es ist deine Entscheidung."
„Dann tun Sie es. Das ist besser als darauf zu warten.", antwortete Harry.
„Gut, wie du willst. Ich bereite alles vor."
Snape ging aus dem Raum.
Harry wusste, dass das hart werden würde, doch es war besser als wirklich zu sterben.
Harry Potter saß nur in Unterhosen im OP-Saal. Die Füße hatte er in eine Schüssel mit Wasser getaucht. Er war nervös. Man starb schließlich nicht alle Tage.
Neben Snape waren noch Jennifer und John hier. Zudem ein paar Helfer. Sie bereiteten die Geräte am OP-Tisch vor. Snape rollte ein großes Kabel aus und schloss es an den Strom an.
„Tut das weh?", fragte Harry unsicher.
„Oh ja, und wie.", antwortete Snape. „Das ist eine Stromstärke wie bei einem elektrischen Stuhl. Aber den haben bekanntlich auch einige überlebt."
„Sehen Sie, ich kann nie erkennen, ob Sie gerade einen Witz machen oder nicht.", sagte Harry.
„Das war kein Witz.", entgegnete Snape ungerührt. „Falls ich einen mache sage ich dir vorher bescheid."
„Bereit, Chef.", sagte Jennifer zu ihm.
„Bereit, Harry?", fragte Snape.
Harry atmete nochmal tief durch und nickte schließlich. Snape tauchte das Kabel in die Wasserschüssel und Harry bekam einen Schlag, der ihn herum beutelte und ihn schließlich leblos nach vorn kippen ließ.
Snape fing ihn auf und einer der Helfer nahm seine Beine. Sie legten ihn auf den OP-Tisch. Er machte den Defibrillator bereit und legte die Schockelektroden auf seine Brust. Jennifer band ihm währenddessen den Arm ab und machte eine Kanüle bereit.
„Schock!"
Durch Harrys Körper jagte der Strom, doch er rührte sich nicht.
„Nochmal Schock!"
Harrys Körper blieb weiter leblos.
„Tu mir das nicht an, Potter! Nochmal!"
Der Strom jagte in Harrys Brust und er öffnete benommen die Augen. Jennifer schloss einen Tropf an ihn an und setzte ihm die Sauerstoffmaske auf.
„Wir haben ihn!", rief Snape als würde ihm ein großer Stein vom Herzen fallen.
Die Männer rollten eine Trage her und sie hievten ihn darauf. Sie schaffte ihn in eines der Krankenzimmer und legten ihn ins Bett.
Snape raufte sich das Haar und und atmete erleichtert aus. Harry Potter, der Junge, der überlebt hatte. Mal wieder.
Der Dunkle Lord stand in dem großen Salon seines Anwesens. Er streichelte Nagini auf seinem Arm als ihn unvermittelt ein nie dagewesener Schmerz traf. Es war als würde sich etwas Spitzes in seinen Kopf bohren und ihm ein Stück seiner Selbst herausreißen.
Voldemort ging in die Knie. Nagini huschte überrascht davon. Nach einem Augenblick konnte er wieder Atmen, doch er fühlte, dass etwas ganz und gar schreckliches passiert war. Etwas das gar nicht passiert sein konnte!
„Mein Lord, geht es Euch gut?", fragte ein Todesser, der gerade herein kam und seinen Meister so am Boden kauern sah.
„Raus! Verschwinde!", rief Voldemort ihm entgegen und sein Diener nahm die Beine in die Hand.
Der Dunkle Lord rappelte sich wieder auf. Wohl wissend, dass er in Gefahr war, denn wenn wirklich passiert war was er vermutete, dann waren ihm seine Feinde dieses Mal näher gekommen als jemals zuvor. Und das durfte nicht sein! Das konnte nicht sein!
