Als Harry Potter erwachte tat ihm alles weh als habe ihn eine Herde Zentauren niedergetrampelt. Er sah an die Decke des Krankenzimmers. Hatte er das wirklich überlebt? Einmal gestorben und zurück?

Die Tür öffnete sich und Jennifer trat ein. Sie hatte einen Beutel mit Nährstofflösung in der Hand.

„Du bist wach.", sagte sie.

„Ich fühl mich grauenvoll.", antwortete Harry schwach.

„Das vergeht. Du brauchst ein paar Tage Ruhe und etwas zum munter machen." Sie deutete auf die Infusion.

„Ich glaube, jetzt will ich erst mal nicht mehr sterben.", sagte Harry.

„Das will ich dir auch geraten haben.", entgegnete Jennifer und wechselte den Beutel.

Sie strich ihm die Haare von der Stirn.

„Unfassbar, dass das funktioniert hat.", sagte Jennifer mehr zu sich selbst. „Willst du es sehen?"

Harry nickte. Jennifer nahm den Spiegel von der Wand und zeigte Harry seine Stirn. Die Narbe war nur noch eine schmale, weiße Linie. Es sah eher aus als habe er sich vor langer Zeit den Kopf angeschlagen.

„Gruselig.", sagte Harry.

Jennifer hängte den Spiegel wieder über das Waschbecken und ging aus dem Raum. Harry schloss die Augen. Er döste wieder weg.

Es dauerte fast eine Woche bis Harry wieder auf dem Damm war und die Krankenstation verlassen konnte. Trotzdem fühlte er sich noch etwas schlaff. Zu Sterben war wirklich kein Zuckerschlecken.

Je länger sein kurzzeitiger Tod her war desto mehr verblasste seine Narbe. Bis schließlich gar nichts mehr zu sehen war. Er lebte und der Horcrux war tot. Das war die Hauptsache.

Harry fand Snape in der Bibliothek, wo er mal wieder über Dumbledores Notizbuch brütete. Er setzte sich zu ihm an den Tisch, sagte aber nichts bis Snape schließlich aufsah.

„Kann ich etwas für dich tun?", fragte er.

„Ich wollte Ihnen danken.", sagte Harry.

Snape sah ihn an, fast so als traue er dem Gehörten nicht.

„Ich meine, ohne Sie wäre ich jetzt tot, oder?"

„Vielleicht.", antwortete Snape ausweichend.

„Kann ich Sie etwas Persönliches fragen?"

„Hmm-hmm.", machte Snape.

„Ich weiß, das kommt jetzt vielleicht nicht gut, aber erinnern Sie sich noch an den Okklumentikunterricht?", fragte Harry.

„Wie könnte ich den je vergessen?", entgegnete sein Gegenüber.

„Das was ich damals bei Ihnen gesehen habe … nun, das beschäftigt mich schon ziemlich lange und von den Freunden meines Dads konnte es mir keiner sagen ..." Harry rang mit sich. Er hatte während er im Bett lag verdammt lange darüber nachgedacht, ob er ihn das wirklich fragen sollte.

„Du willst wissen, was du damals in meiner Erinnerung gesehen hast? Ob James Potter wirklich so ein Drecksack war?", sagte Snape. „Das war er. Pausenlos. Wundert mich, dass weder Black noch Lupin ein Wort darüber verloren haben."

„Und meine Mutter?", sagte Harry.

Snape erhob sich von seinem Platz und kramte ein Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche hervor.

„Ich glaube, das wird ein längeres Gespräch. Da brauch ich was zu Trinken.", sagte Snape und ging zur Tür. „Komm mit."

Zögernd erhob Harry sich und folgte ihm. Sie gingen in das Büro an dem der General mehrmals durchgestrichen wurde. Drinnen war es erstaunlich geräumig mit einem Schreibtisch auf dem sich eine Schreibmaschine befand. Dazu ein Bett und ein kleines Sofa mit einem Tischchen sowie einem eigenen Bad.

„Sie sind der General?", ging es Harry plötzlich auf.

Snape atmete tief.

„Ich habe den Jungs schon tausendmal gesagt sie sollen mich nicht so nennen.", antwortete er. „Komm, setz dich."

Snape holte aus dem Schrank neben sich eine Flasche Whisky und zwei Gläser. Er schenkte ihnen ein und reichte Harry das Glas mit dem Schnaps.

„Also ich weiß nicht, ob ...", begann Harry.

„Trink das. Das wird eines dieses Gespräche, was man nicht ohne Alkohol führen sollte. Außerdem sind wir nicht mehr in Hogwarts.", sagte Snape.

Zögernd nahm Harry das Glas und ließ sich auf dem Sofa nieder. Snape setzte sich auf das Bett gegenüber. Er rutschte bis an die Wand streckte die Beine aus.

„Deine Mutter ist ein kompliziertes Thema, aber es ist okay.", sagte er und zündete sich eine Zigarette an. „Wo fang ich da an?"

„Vielleicht dort, wo Sie sie Schlammblut genannt haben?", fragte Harry.

„Oh, das war nicht der Anfang, sondern das Ende.", sagte Snape und nahm einen Schluck Whiskey. „Weißt du, ich war nämlich wirklich sehr lange mit ihr befreundet. Eigentlich bis zu diesem Tag."

„Haben Sie sie irgendwie geliebt?", fragte Harry.

„So sehr wie Miss Granger dich liebt.", antwortete Snape.

„Sie liebt Ron, nicht mich.", entgegnete Harry.

„Bist du dir da sicher?", fragte Snape.

„Ziemlich.", antwortete Harry und spürte wie eine gewisse Verunsicherung in ihm aufstieg.

„Na ja, wie dem auch sei … als Teenager macht man ziemlich dumme Dinge. Etwa die beste Freundin beschimpfen, weil man selbst sich nicht noch mehr blamieren möchte. Ich war fünfzehn und ziemlich neben mir. Weißt du noch wie du mit Fünfzehn warst? Das ist ja bei dir noch nicht so lange her wie bei mir."

„Ziemlich neben mir?", sagte Harry und sah in sein Whiskyglas.

„Dein Vater jedoch war genau das, was ich dir immer gesagt habe. Ein arroganter Wichtigtuer, der sich einen Spaß daraus gemacht hat mit Schwächeren den Boden aufzuwischen. Und du hast leider das eine oder andere von ihm.", sagte Snape.

Harry wunderte es selbst, dass sein alter Lehrer so redselig war, doch wenn er das nicht mehr volle Schnapsglas in seiner Hand sah, dann ergab das auch wieder Sinn. Er hingegen fühlte sich unwohl. Das alles über seine Eltern zu hören. Harry wusste auch nicht, was er sich erhoffte ausgerechnet Snape danach zu fragen.

Während er noch darüber nachdachte öffnete sich die Tür und John kam herein.

„Sag mal, Severus, füllst du den armen Jungen etwa ab?", sagte John mit Blick auf sie beide und die Schnapsgläser in ihren Händen.

„Na! Wir haben hier nur ein hübsches, kleines Männergespräch, nicht wahr, Harry?", sagte Snape und leerte den Rest seines Glases.

„Harry, lass dich von ihm nicht unter den Tisch saufen. Der verträgt einiges!", sagte John.

„Tz!", machte Snape und stand auf. „Von irgendjemanden musst du das ja haben!"

Harry verstand erst nicht. Vom wem sollte John was haben? Dann ging es ihm plötzlich auf! Jetzt wo er die beiden so nebeneinander stehen sah.

„Er … ich meine, er ist Ihr Sohn!?", fragte Harry völlig von der Rolle.

„Ist ihm das etwa jetzt erst aufgefallen?", fragte Snape an John gewandt.

„Muss an den Haaren liegen.", meinte John zu seinem Vater.

Harry stellte sein noch volles Whiskyglas auf das Tischchen vor sich. Eigentlich war das kein Grund sich irgendwie aufzuregen, doch Harry hatte sich nie vorstellen können, dass jemand wie Snape ernsthaft eine Familie hatte. Schließlich war er immer so kalt und unnahbar gewesen. Der Severus Snape, der ihm jedoch hier begegnete, war ein völlig anderer. Und das verwirrte Harry ungemein.

„Ich … also … ähm … ich muss gehen.", sagte Harry und drängte sich zwischen den beiden durch die Tür.

Severus lag in seinem Bett und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Da es hier unten kalt war trug er noch seinen Pullover. Jennifer kam gerade aus dem Bad und zog sich ihr Unterhemd über den Kopf, bevor sie sich zu ihm legte.

„Ich glaube, du hast Harry ziemlich verwirrt.", sagte sie.

„Ich war ja auch angetrunken.", antwortete Severus.

„Du weißt, dass er dich sicher noch mal fragen wird, oder?"

„Als ob ich wüsste, was mit seinen Eltern war.", sagte Severus und nahm die Arme herunter. Er schmiegte sich an Jennifer und küsste sanft ihren Nacken.

„Urrrg, du solltest dich wirklich rasieren!"

„Warum? Das ist mein abgeranzter Widerstands-Look.", antwortete Severus.

„Blödmann.", sagte Jennifer lachend.

Alles in allem war dieses Gespräch mit Harry Potter doch glimpflich verlaufen. Sie hatten sich weder angeschrien noch geprügelt. Ganz anders als damals in ihrem Okklumentikunterricht. Das es den Jungen jedoch so aus der Fassung brachte zu erfahren, dass Severus irgendeine Art von Familie hatte wunderte ihn nicht. Er war in Hogwarts damit nicht gerade hausieren gegangen und selbst vor Dumbledore hatte Severus daraus ein Geheimnis gemacht. Schließlich wollte er dem Alten keinen weiteren Grund geben, dass er ihm irgendetwas schuldete. Dieser Kreis hatte sich geschlossen. Dumbledore und Severus waren quitt. Zwanzig Jahre in denen er ihm dienen musste reichten völlig.

Severus schloss die Augen und kuschelte sich an Jennifer. Es war verdammt lange her, dass sie so beieinander liegen konnten.

Als Severus am nächsten Morgen in der Kantine saß würdigte Harry Potter ihn nicht eines Blickes. Tatsächlich setzte er sich nur so weit von ihm weg wie es nur ging.

Severus blätterte mal wieder in Dumbledores Notizbuch, während er hin und wieder von seinem Schinkensandwitch abbiss. Die Beschreibung der Standorte der Horcruxe war recht wage, weil Albus offenbar nur die ungefähren Orte kannte. Es gab leider Karte, die den entsprechenden Punkt mit einem X markierte und ihm genau sagte wo er suchen musste. Sicher war nur, einer der Horcruxe befand sich offenbar in Hogwarts, doch selbst Dumbledore schien das Schloss vergeblich auf den Kopf gestellt zu haben. Er hegte offenbar die Vermutung es könne mit dem Friedhof von Hogsmead zu tun zu haben. Dieser war alt und eigentlich nur ein vergessenes Stück Land mit einigen uralten Gräber, aber es hätte zu Voldemort gepasst. Er hatte ja schließlich so eine Affinität zur Grabschändung.

Die anderen waren über ganz Großbritannien verstreut. Meist Orte aus Tom Riddles Jugend, die irgendwie für ihn von Bedeutung waren. Komisch, Severus, hätte den Dunklen Lord niemals für so einen Nostalgiker gehalten.

Während er so vertieft war setzte sich John an den Tisch. Er hatte irgendwas mit Gemüse und Reis auf dem Teller. Jared Il Khan war nicht nur der Untergrundboss der Halbtrolle, sondern auch ein leidenschaftlicher Koch. Ihm hatte die Idee sich um die Küche zu kümmern sofort gefallen. Immerhin ahnte Severus jetzt warum so viele Gangstergeschäfte aus irgendwelchen Restaurants und Bars heraus abgeschlossen wurden.

„Schon weiter gekommen?", fragte John.

„Ich denke, wir kommen am Besten, wenn wir versuchen das Versteck von Regulus Black ausfindig zu machen. Er hat schließlich einen der Horcruxe an sich genommen. Ansonsten bleibt noch Hogwarts und zwei sehr vage Orte in London. Ich vermute einer dieser Orte ist das Waisenhaus in dem er früher gelebt hat, falls es überhaupt noch steht."

„Warum sollte er nur all diese Orte nehmen, die er als Kind gehasst hat? Das Waisenhaus? Das Haus der Gaunts? Hogwarts? Die Höhle? Und so weiter?", fragte John.

„Es sind Orte mit denen er eine tiefe Verbindung hat. Ich weiß, das klingt alles viel zu romantisch für Lord Voldemort.", sagte Severus. „Aber eine andere Spur haben wir nicht und Dumbledore war nicht bekannt dafür schlampig zu recherchieren."

„Willst du den Jungen mitnehmen?", fragte John. „Er scheint mir seit gestern etwas verstört."

„Stell dir vor ich hätte dich all die Jahre unterrichtet ...", begann Severus.

„Aber genau das hast du doch!", unterbrach John ihn.

„Ist mir nicht aufgefallen. Wann soll das gewesen sein?", entgegnete Severus voller Sarkasmus. „Und jetzt stell dir vor du hättest mich gehasst wie die Pest ..."

„Manchmal hab ich das.", gab John zu. „Du warst ja auch eine Nervensäge als Lehrer!"

„Pff!", machte Severus und verdrehte die Augen. „Waren wir das nicht alle?"

„Vielleicht, aber bei dir habe ich gelernt, dass Strafaufsätze schreiben eine wahre Kunst ist, die man beherrschen muss. Und aus irgendeinem Grund waren meine immer länger als die aller anderen Schüler.", sagte John.

„Purer Zufall.", entgegnete Severus und aß sein Sandwitch auf. „Aber zurück zu Potter! Ich denke, es wäre falsch die Horcruxe allein zu zerstören. Für irgendwas muss diese Sache mit dem Auserwählten ja gut sein."

„Seit wann traust du irgendeiner Prophezeiung?", fragte John.

„Tu ich nicht. Alles dummer Hokuspokus, aber Voldemort ist abergläubisch bis ins Mark und das werde ich nicht ignorieren."

„Hokuspokus?", fragte John belustigt.

„Das ist nur so eine Redensart.", entgegnete Severus. „Ich sehe nur ein Problem: Wir müssen zurück in den Grimmauldplatz. Regulus Black hat dort bis zu seinem Tod gewohnt. Ich denke nicht, dass er den Horcrux da versteckt hat, aber er hatte dort ein Zimmer."

„Der Orden wird uns erwarten.", sagte John.

„Genau das meine ich! Es sei denn wir schicken jemanden, den sie kennen ..."

„Potter? Du kannst ihn nicht alleine da hin schicken!", ereiferte sich John.

„So dämlich bin ja nun auch nicht. Aber er könnte unser Druckmittel sein, falls der Orden Probleme macht.", antwortete Severus.

„Wolltest du nicht sein Vertrauen gewinnen?", sagte John und sah zu Harry am anderen Ende des Raumes, der lustlos in seinem Essen herumstocherte.

„Egal wie ich es mache, ich kann es nur falsch machen. Lasse ich ihn hier wird er es mir übel nehmen. Nehme ich ihn mit und verhandel mit dem Orden kommt es aufs Gleiche raus.", entgegnete Severus.

„Oder wir schleichen uns rein, wenn keiner da ist.", sagte John. „Da müsste ich dann wohl alleine gehen."

„Damit dich einer von Mad-Eyes Schutzzaubern zerfetzt? Kommt gar nicht in Frage!", antwortete Severus strikt.

Während sie das diskutierten bemerkten Severus und John gar nicht wie Harry von seinem Platz aufstand und auf sie zu kam. Erst als er direkt neben ihnen stand wurde ihnen gewahr, dass er einiges von dem, was sie sagten mitgehört hatte.

„Was immer Sie wollen, ich mach es.", sagte Harry.

„Bitte was?", fragte Severus verwirrt.

„Ich weiß nicht wer Sie sind, Severus Snape, oder warum Sie so sind, aber wenn es darum geht Voldemort in die Suppe zu spucken bin ich dabei."

Severus saß für einen Augenblick mit offenen Mund da und wusste nicht, was er sagen sollte. Er wartete ständig darauf, dass Potter austicken würde und sie sich lautstark stritten – so wie sonst immer -, aber es passierte einfach nicht.

„Wir gehen in den Grimmauldplatz und beklauen eventuell den Bruder deines Paten, ist das okay für dich?", fragte John.

„Ja, das ist okay.", antwortete Harry.

„Tatsächlich?", fragte Severus jetzt noch verwirrter. John gab ihm unter dem Tisch einen Tritt ins Schienbein. „Ich meinte, gut. Das ist wirklich gut."

„Außerdem werden Sie meine Hilfe brauchen und dann muss ich auch nicht mehr Ihr Druckmittel sein.", sagte Harry und gab den beiden zu verstehen, dass er weit mehr mitgehört hatte als nur die paar letzten Worte. Er drehte sich um marschierte aus der Kantine.

„Puh!", machte Severus. Das wäre ja beinahe ins Auge gegangen.