Am nächsten Tag saß Severus am Tisch in der Küche des Grimmauldplatzes. Ihm gegenüber saß Sirius Black. Sie taxierten sich still voller Verachtung. Es dauerte eine ganze Weile bis Potter endlich die Treppe nach unten gelaufen kam, nichts ahnend, was ihn hier erwartete. Als er in die Küche kam stocke er an der Tür.

„Was macht der denn hier?", fragte er unbesonnen.

„Potter ich kann Sie hören.", kommentierte Severus den Satz.

„Harry, komm her.", rief Sirius ihn herbei. Potter ließ sich an der Seite seines Patenonkels nieder. Sein Blick huschte zwischen Sirius und Severus hin und her.

„Was ist das hier?", fragte er.

„Ich mach es kurz. Der Schulleiter hat angeordnet, dass Sie, Potter, zusätzlichen Unterricht in Okklumentik erhalten werden."

„Okkluwas?", sagte Potter mal wieder ganz ohne nachzudenken.

„Okklumentik, Potter. Das ist die Kunst seinen Geist vor Angriffen von außen zu schützen.", antwortete Severus.

„Schön und wer soll mich unterrichten?", fragte Potter.

„Ich.", antwortete Severus knapp.

Potter fielen fast die Augen aus dem Kopf.

„Glauben Sie mir, das habe ich mir ganz bestimmt nicht ausgesucht.", fügte Severus hinzu. „Einmal in der Woche werden Sie bei mir Unterricht haben und Sie werden niemanden, absolut niemanden, auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählen! Habe ich mich klar ausgedrückt? Falls jemand fragt sagen Sie, dass Sie Nachhilfe in Zaubertränke nehmen. Keiner, der Sie in meinem Unterricht erlebt hat wird daran zweifeln, dass Sie dringend welche nötig haben."

Potter war sprachlos. Auch ein seltener Zustand.

„Und jetzt zu dir!", sagte Sirius Black und zeigte aggressiv mit dem Finger auf ihn. „Wenn ich herauskriege, dass du Harry in deinem Unterricht irgendwie fertig machst, dann kannst du mich kennen lernen!"

„Ist das eine Drohung, Black? Wie rührend väterlich.", entgegnete Severus und verdrehte genervt die Augen. Er erhob sich unter den fixierten Blicken von Black und Potter.

„Freitag, achtzehn Uhr, Potter. In meinem Büro. Kommen Sie ausnahmsweise mal nicht zu spät.", sagte Severus und verschwand aus der Höhle des Löwen.

Severus saß in seinem Büro und sah auf die Uhr.

Wieder zu spät, Potter. , dachte er.

Es klopfte an der Tür.

„Herein.", sagte Severus und Harry Potter betrat den Raum.

„So, also?", fragte er.

„Wir wollen das hier nicht falsch anfangen, also tue ich so als ob ich das nicht gehört hätte.", sagte Severus und erhob sich hinter seinem Schreibtisch. „Wie ich dir neulich schon gesagt habe lernst du hier Okklumentik."

„Warum eigentlich?", fragte Potter schon wieder aufmüpfig.

„Ganz einfach, weil du bei der Sache mit Arthur Weasley nur Glück hattest. Hätte der Dunkle Lord es gewollt, dann hätte er deinen Geist in Stücke gerissen. Voldemort hat lediglich getestet, so wie andere ein Stück Fleisch anschneiden, um zu sehen, ob es noch blutig ist."

„Aber ohne mich hätte der Orden nie von Mr Weasley erfahren!", sagte Potter.

„Nochmal zum mitschreiben, weil du es offensichtlich noch nicht begriffen hast: Er lässt dich genau das sehen von dem er will, dass du es siehst! Arthur, Nagini und du standen wie Schachfiguren genau dort, wo er sie haben wollte. Capito?"

„Na schön.", sagte Potter kleinlaut.

„Die Okklumentik ist ein weniger bekannter Zweig der Magie, aber definitiv ein nützlicher. Bevor wir hier jedoch irgendetwas machen musst du lernen deinen Geist zu leeren. Du darfst an absolut nichts denken. Das dürfte dir ja nicht sonderlich schwer fallen, oder?", sagte Severus. „Schließe deine Augen und denke an absolut nichts!"

Potter atmete tief durch. Es fiel ihm offensichtlich schwer Severus so weit zu vertrauen und die Augen in seiner Gegenwart zu schließen.

„Gut, denkst du an gar nichts?", fragte Severus nach einigen Augenblicken.

„An absolut nichts.", antwortete Potter.

„Was ist mit Creamtörtchen?"

„Creamtörtchen?", fragte Potter verdutzt und öffnete die Augen.

„Siehst du, schon ist es passiert!"

„Das ist unfair!", warf Potter ihm entgegen.

„Nein, das ist das Leben, Potter! Ablenkungen! Überall!", sagte Severus. „Also nochmal!"

Genervt schnaubend schloss Potter wieder seine Augen und versuchte seinen Geist zu leeren. Severus wartete eine Weile.

„Fertig?"

„Hmm-hmm.", machte Potter.

Severus zog seinen Zauberstab.

„Legilimens!", sagte er und sah vor seinem geistigen Auge alles, was Harry Potter so beschäftigte. Von irgendwelchen Streitereien über die Schule, den Orden und …

Potter fiel vor ihm auf den Boden.

„Was war das?", fragte er erschrocken.

„So fühlt es sich an, wenn ein Legilimentor in den Geist eindringt. Zumindest die plumpste Art. Bei jemanden wie Voldemort würdest du es erst merken, wenn es längst zu spät ist. Und sei froh, dass ich nicht weiter in deinem Kopf gebohrt habe."

„Sie hätten mich vorwarnen müssen!", empörte sich Potter.

„Glaubst du, der Dunkle Lord würde dich vorwarnen?", sagte Severus. „Du musst jeder Zeit darauf gefasst sein und dann musst du deinen Kopf leeren und verhindern, dass jemand ihn gegen dich benutzt."

„Warum können Sie das?", fragte Potter. „Kann Dumbledore das?"

„Das steht beides nicht zur Debatte. Du musst es lernen und Ende!"

„Sie könnten wenigstens etwas Rücksicht nehmen!", sagte Potter.

„Nein, besser du lernst es gleich auf die harte Tour.", antwortete Severus. „Also nochmal?"

Er konnte dem Jungen ansehen wie er innerlich kochte. Severus hatte ihn ins kalte Wasser geschmissen und er würde das so lange tun bis er anfing zu schwimmen.

„Legilimens!", sagte Severus. Er durchschnitt die Barriere in Potters Kopf wie ein Messer die Butter. Der Junge war einfach viel zu unkonzentriert. Er hörte auf tiefer zu graben.

Potter stand schwer atmend vor ihm.

„Hausaufgabe für nächste Woche: Kopf leeren! Sonst hat das alles keinen Sinn. Jeden Abend vorm Schlafen gehen sorgst du dafür, dass du an absolut nichts denkst, verstanden?"

„Ja, Sir.", sagte Potter düster.

Severus nickte in Richtung der Tür und Potter stiefelte wie auf ein Zeichen davon.

Der Okklumentikunterricht mit Potter war für Severus eine Qual. Fast jede Woche fing er wieder von vorne an als habe der Junge nichts von dem behalten, was er ihm gesagt hatte. Es war bereits Januar und sie waren keinen Schritt vorwärts gekommen.

„Wie oft, Potter? Wie oft habe ich das jetzt schon gesagt? Konzentration! Es ist immer die Konzentration!", sagte Severus laut.

„Ich konzentriere mich doch!", erwiderte Potter.

„Nein, tust du nicht!"

Es war zum verrückt werden! Das hier war einfach die absolute Bestrafung seitens Dumbledore! Wie sollte Potter das je in seinen verfluchten Schädel bekommen?

Severus hatte ihm erlaubt seinen Zauberstab in der Hand zu halten damit er irgendwas hatte woran er sich festhalten konnte. Das half allerdings auch nicht.

„Nochmal!", sagte Severus entnervt. „Legilimens!"

Er drang in Potters Kopf und sah etwas, dass er neben den ganzen jugendlichen Teenagerproblemen noch nicht einordnen konnte. Potter stand mit einem Mädchen irgendwo. Ihre Lippen nährten sich …

Oh!, dachte Severus. Auf einmal spürte er wie sein Druck auf Potters Geist schwächer wurde. Mit einem Mal wurde Severus aus seinem Kopf geschleudert und taumelte einige Schritte nach hinten.

„Das ist privat, Sie …!", giftete Potter ihn auf einmal an. Verkniff sich jedoch zu sagen, was Severus angeblich war.

Zu seiner eigenen Überraschung war das tatsächlich ein Fortschritt. Vielleicht strengte sich der Junge ja mehr an, wenn Severus in ihm wichtige Erinnerungen anvisierte.

„In diesem Fach ist absolut nichts privat.", entgegnete Severus. „Was glaubst du wie viele Geheimnisse schon auf diesen Weg entlockt wurden?

„Sie müssen es ja wissen!", zischte Potter böse. Er schnappte sich seine Sachen und stiefelte aus dem Raum.

„Potter, komm sofort zurück! Wir sind hier noch nicht fertig!", rief Severus ihm hinterher.

Von draußen konnte er ein zorniges „Aaaargh!" hören und wie jemand irgendwo dagegen trat.

Severus saß in Dumbledores Büro und klagte ihm gerade sein Leid.

„Sie müssen den Jungen einfach mehr motivieren?", sagte der Schulleiter.

„Motivieren? Wie soll das gehen? Er hat keine Konzentration, ist faul, frech und hat ein Gedächtnis wie ein Schweizer Käse! Wie soll ich dem je irgendetwas beibringen?"

„Severus, ist das etwa schon wieder Ihre alte Leier?", fragte Dumbledore.

„Es ist doch wahr!", ereiferte sich Severus. „Er ist genau wie sein Vater! Genau so arrogant und genauso ein elender, selbstgerechter …!"

Eigentlich war Severus schon wieder dabei sich in seine Tirade rein zu steigern als plötzlich die Tür des Büros aufflog und eine hell erfreute Dolores Umbridge samt dem Minister, seinem Assistenten und zwei Auroren – einer davon war zum Glück Kingsley – im Schlepptau hereinspaziert kam. Der Assistent, auch einer der Weasleys, hatte Potter am Kragen gepackt. Hinzu kamen zwei Ravenclaw-Mädchen.

„Was soll dieser Aufruhr, wenn ich Fragen darf?", sagte Dumbledore und erhob sich hinter seinem Schreibtisch.

„Wenn Sie erlauben, Herr Minister, zur Beweisführung!", sagte Umbridge triumphierend und wedelte mit einem Zettel in der Hand herum. Severus ahnte bereits schlimmes und hielt sich bewusst im Hintergrund.

„Da steht es schwarz auf weiß! Dumbledores Armee! Offensichtlich hat Professor Dumbledore die Schüler dazu angestiftet sich zu einer Streitmacht gegen das Ministerium zu formieren!"

Severus hätte fast losgeprustet. Bitte was? Das konnte unmöglich ihr ernst sein!

„Dürfte ich dieses Beweisstück einmal sehen, meine geschätzte Kollegin?", fragte Dumbledore.

Umbridge hielt ihm den Zettel vor die Nase. Er nahm ihn, las ihn kurz und reichte ihn ohne hinzusehen an Severus weiter. Der hätte fast einen Herzinfarkt gekriegt. Da stand es. Tatsächlich! Mit den Unterschriften von Potter, Weasley, Granger und mindestens einem Dutzend weiterer Schüler. Gott! Wenn man eine geheime Gruppe gründete führte man doch keine Mitgliedslisten! Diese Kinder mussten noch verdammt viel lernen!

Oh Potter, du dämlicher Vollidiot!, dachte Severus die ganze Zeit.

„Wir haben die Geständnisse dutzender Schüler!", sagte Umbridge fast schon voller Glückseligkeit.

„Darwlish ...", rief Fudge einen der Auroren heran. „... schicken Sie eine Eule nach Askaban. Dort erwartet Professor Dumbledore dann sein Prozess wegen Verschwörung und Aufwiegelung!"

„Ah, ich sehe schon, Sie unterliegen diesem Irrtum, dass ich mich – wie sagt man? - widerstandslos abführen lasse?", entgegnete Dumbledore im Plauderton.

„So, Dumbledore, das war's!", sagte Umbridge und zog ihren Zauberstab.

Dumbledore zwinkerte Potter leicht zu. Auf einmal kam Fawkes von einer Stange auf ihn zugeflogen. Albus streckte die Hand nach seinem Vogel und und verschwand in einem großen Feuerball dessen Wucht sie alle von den Füßen riss.

Severus lag unter Dumbledores Tisch und hustete.

„Auch, wenn Sie ihn nicht leiden können … Dumbledore hat echt Stil!", hörte er Kingsley sagen.

Severus rappelte sich auf. Im Büro fllogen überall aufgewirbelte Zettel und Pergamentfetzen herum.

„Sie! Snape! Holen Sie ihn zurück! Sofort! Auf der Stelle!", rief Umbridge ihm sichtlich hysterisch zu.

„Ich glaube nicht, dass ich das kann.", sagte Severus.

„Wollen Sie sich etwa gegen mich stellen?", sagte sie und fuchtelte mit ihrem Zauberstab vor ihm herum.

„Ich meinte damit, dass Dumbledores Kräfte meine wohl bei weitem übersteigen."

Er konnte Umbridge ansehen wie sie kurz davor war einen Nervenzusammenbruch zu kriegen. Etwas, dass er gerne gesehen hätte, aber es gab leider Wichtigeres.

„Wenn Sie erlauben, bringe ich Mr Potter zurück in seinen Gemeinschaftsraum. Eine Bestrafung für ihn und seine Clique werden Sie sicher verschieben können.", sagte Severus und packte Potter am Arm.

Er schleifte den Jungen förmlich die Treppe hinunter zurück in Richtung des Gryffindorturms.

„Ich habe keine Ahnung wie ihr so verdammt blöd sein konntet!", sagte Severus während sie durch die dunklen Flure liefen. „Aber das wird Konsequenzen haben – für uns alle!"

Potter schwieg. Severus hätte ihm am liebsten eine ordentliche Standpauke gehalten, doch er wollte nicht, dass die falschen Ohren davon Wind bekamen. Vor der Treppe zum Gyffindorturm ließ er ihn los.

„Rein da! Und halt den Kopf unten, verdammt nochmal!"