Severus Snape stampfte durch den langsam tauenden, nassen Schnee in Hogsmead. Die Straße verwandelte sich im Schneeregen in eine regelrechte Matschpiste. Es war die alljährliche Schlammschlacht, die den Frühling einleitete. Severus ging in einer schmalen Nebengasse auf und ab und zog sich den Kragen seines Mantels näher heran. Er stand hier schon seit fast einer Stunde als endlich ein untersetzter Mann in Lederjacke und mit einem schwarzen Filzhut auf dem Kopf auftauchte.
„Was für ein Sauwetter!", sagte der Mann und reichte Severus einen dicken Briefumschlag.
„Schön, dass du auch endlich auftauchst!", entgegnete er ungehalten. Er nahm den Umschlag an sich und ließ ihn in der Innentasche seines Mantels verschwinden.
„Du weißt doch, die Post wird immer langsamer.", entgegnete der Mann grinsend und ein billiger Goldzahn kam zum Vorschein.
Mundungus Fletcher war wie alle Diebe nicht besonders vertrauenswürdig, doch für Geld machte er alles. Selbst mysteriöse Briefumschläge zustellen.
„Sehr witzig.", sagte Severus. Er reichte ihm ein Bündel Pfundnoten.
„Was? Mehr nicht!?", fragte Fletcher mit gespielter Enttäuschung.
„Sei froh, dass ich dich überhaupt bezahle.", antwortete Severus.
„He, das Hehlergeschäft ist schwerer als es aussieht. Und normaler Weise übernehme ich keine Botengänge!"
„Was? Hast du Black noch nicht alle Silberlöffel gestohlen? Da würde ich mich aber mal ran halten!", sagte Severus.
„Du glaubst gar nicht wie wenig Verkäufliches es in dieser alten Bruchbude gibt."
„Dumbledore muss nichts von unserem kleinen Geschäft erfahren, verstanden?", sagte Severus.
„Oh sicher, Schweigen ist in unserer Branche ja Gold."
Severus nickte ihm zu und stampfte über den schlammigen Pfad wieder zurück zum Schloss. Wenn man früher einen renommierten Gangsterboss treffen wollte da reichte es sich an einem öffentlichen Platz zu Treffen und ein entsprechendes Geschäft auszuhandeln. Heute war das wesentlich schwieriger. Das Ministerium hatte die Gangs und Halbmenschen rund um die Nocturnegasse stark unter Druck gesetzt. Ständig gab es irgendwelche Razzien und Auroren saßen als Spitzel in ihren Bars. Sie mussten sich in den Untergrund zurückziehen und Kontakt zu knüpfen wurde schwierig, wenn man nicht die richtigen Leute kannte. Überall wohin man sah gab es Misstrauen.
Der Boss mit dem sich Severus treffen wollte war ein hohes Tier unter den Halbmenschen und jemand, der sowohl das Ministerium als auch die Todesser bis aufs Blut hasste. Wenn alles glatt ging, dann hätte er einen mächtigen Verbündeten auf seiner Seite. Dennoch waren sie Gangster. Sie interessierte nur das Geschäft. Damit sie Severus halfen brauchte er eine gute Verhandlungsgrundlage. Und die befand sich in einem Briefumschlag in seiner Jackentasche. Es war ein hoher Einsatz am Pokertisch, aber ihm blieb nichts anderes übrig.
Severus hatte die Anweisungen von La Hook erhalten in London am Picadilly Circus zu warten. Es war einfach sich in den Massen der Touristen zu verbergen und der Platz war, wenn man sich auf die etwas erhöhte Position beim charakteristischen Springbrunnen in der Mitte stellte, gut einsehbar.
Ein schwarzer Wagen fuhr vor und zwei Männer in Anzügen und mit Sonnenbrille stiegen aus. Severus nährte sich ihnen. Einer der Männer öffnete die Hintertür und Severus quetschte sich auf die typisch britische, viel zu enge Rückbank. Der Mann, der ihm die Tür aufgehalten hatte folgte und setzte sich neben ihn. Sie fuhren los und er reichte Severus wortlos einen schwarzen Sack.
„Wie altmodisch.", bemerkte Severus und ließ sich die Kapuze über den Kopf ziehen.
Er verhielt sich die ganze Fahrt über ruhig, jedoch bemerkte er, dass sie irgendwann die guten Straßen der Innenstadt verließen und schließlich auf einer huckligen Piste so ziemlich jedes Schlagloch mitnahmen, was sich ihnen anbot. Irgendwann stiegen sie aus. Die Männer packten Severus jeweils an einem Arm und führten ihn über einen schlammigen Weg irgendwohin. Er roch allerdings die Gosse um sich herum. Eine charakteristische Mischung aus Fischabfällen und Abwasser wie sie nur die Londoner Hafenviertel bieten konnten.
Sie gingen irgendwelche Treppen herunter. Er hörte das Quietschen von Metalltüren und schließlich das Patschen ihrer Schuhe auf nassen Grund. Ihre Schritte verursachten einen Hall, der Severus sagte, dass sie unter der Erde waren. Wasser rieselte und tropfte und der Geruch der Kloake intensivierte sich mit jedem Meter.
Sie waren in den Abwasserkanälen. Anders konnte es nicht sein. Da bekam das Wort Untergrund eine völlig neue Bedeutung. Und es war so klischeehaft. Wie in einem schlechten Film.
Sie bogen mit ihm ab. Links, dann rechts, dann gerade aus und wieder links. Eine Treppe hoch und eine hinunter. Wieder ungeölte Türen und das Summen eines Generators. Wenn sie ihn verwirren wollten, dann machten sie das nicht besonders gut. In der Karte Londons in seinem Gedächtnis versuchte er die ganze Zeit auszumachen wo sie waren. Er hätte darauf wetten können irgendwo zwischen Canary Wharf und Woolwich. Die Stunde im Auto wären sie sicher nicht weiter gekommen. Er kannte das Londoner Verkehrschaos ja.
Schließlich stoppten sie und zogen Severus den Sack vom Kopf. Er fand sich in einer Art Kaverne wieder. Es war ein großer, betonierter Raum mit senkrecht verlaufenden Rohren und Säulen. Alte, vergitterte Baulampen spendeten ein dämmeriges Licht. In der Mitte befand sich eine Art Podest mit einem thronartigen, gemauerten Stuhl auf dem ein Halbtroll saß. Er war in eine ärmellose Robe gehüllt, die offenbarte, das sein rechter Arm und sein linkes Bein aus einer mechanischen Prothese bestanden. Sein Gesicht war – und vermutlich auch der Rest seines Körpers – waren von Brandnarben übersät. Neben ihm standen ebenfalls zwei Trolle mit nacktem Oberkörper und Hosen, die sie in ihre übergroßen Stiefel gesteckt hatten. Sie hatten jeweils Patronengurte um die Schultern hängen und trugen ihre dazugehörigen Maschinengewehre lässig in einer Hand als handle es sich lediglich um kleine Handfeuerwaffen. Tatsächlich dürfte das, runter gebrochen auf die Größe eines Trolls, vermutlich sogar stimmen.
Im Raum waren viele, ähnliche Wachen verteilt. Einige von ihnen waren jedoch auch Menschen. So wie die zwei Typen, die Severus hergebracht hatten. Sie trugen alte, russische PPS-Maschinenpistolen. Mit ihren Anzügen sahen sie wie Filmgangster aus und wirkten seltsam deplatziert in diesem nach Abwasser stinkenden Versteck.
„Ihr könnt ihn loslassen, Jungs.", sagte der verstümmelte Troll auf dem Thron.
Severus verbeugte sich kurz. Er wusste, dass Etikette bei diesen Halbmenschen eine große Rolle spielte.
„Jared Il Khan", stellte der Troll sich vor.
„Es ist mir eine Ehre.", sagte Severus.
„Hmm", machte Jared und legte den Kopf schief. „Verzichten wir auf die Floskeln, Snape. Was willst du?"
„Gleich zur Sache. Gut. Ich habe dir und deinen Leuten ein Angebot zu machen, dass ihr vermutlich sehr ansprechend finden werdet."
„So?", fragte Jared. „In wessen Auftrag? Dumbledore?"
„Nein, in meinem.", sagte Severus.
Jared Il Khan erhob sich und ging auf ihn zu. Seine Schritte waren schwer und langsam.
„Verscheißer mich nicht!"
„Es ist die Wahrheit. Ich arbeite allein.", antwortete Severus.
„Seit wann?", fragte Jared.
„Seit neulich.", entgegnete Severus.
„Woher weiß ich, dass das keine Falle ist?", fragte der Halbtroll.
„Dann wäre ich bestimmt nicht alleine gekommen. Nein, ich habe eine Plan, doch für den brauche ich Verbündete. Männer wie dich, die weder dem Ministerium noch den Todessern treu sind."
„Na schön, du hast meine Aufmerksamkeit.", sagte Jared.
„Ich will Lord Voldemort töten.", antwortete Severus.
Jared brach in Gelächter aus. Seine Männer ebenfalls.
„Ist das dein ernst?", fragte er schließlich wieder ganz ernst.
„Ich wäre sonst nicht hier." Severus griff in seine Innenjackentasche. Reflexartig legten die Gangster ihre Gewehre auf ihn an. Er hob seine andere Hand. „Kein Grund nervös zu werden!"
Severus holte einen dicken Briefumschlag heraus und reichte ihm Jared. Dieser griff zögerlich danach und öffnete ihn. Er holte einige Bündel mit Pfundnoten heraus und einen Brief. Er las ihn still und blickte Severus schließlich an.
„Koordinaten?", fragte Jared.
„Der Treffpunkt, wenn du zusagst.", antwortete Severus.
„Du Irrer willst also wirklich einen Alleingang wagen?", fragte Jared leise.
„Ich wage ihn nicht nur.", sagte Severus. „Ich brauche eure Feuerkraft, wenn du verstehst."
„Warum glaubst du, dass ich mich für so ein Himmelfahrtskommando anheuern lasse?", fragte Jared.
„Weil du ganz genau weißt, was passiert, wenn die Todesser wieder an die Macht kommen.", sagte Severus und deutete auf den amputierten Arm seines Gegenübers.
Jared stand da und überlegte. Seine Augen huschten zwischen dem Brief und Severus hin und her.
„Verdammt sollst du sein! Ich mach es!", sagte der Halbtroll. „Diese Mistkerle haben so viele unserer Leute auf dem Gewissen. Da müsstest du mir nicht mal was für zahlen!"
„Ich erwarte euch in ein paar Tagen dort.", sagte Severus.
Völlig unvermittelt kamen drei Gangster in den Raum gerannt und riefen: „AUROREN!"
„Freunde von dir?", fragte Jared Severus.
„Ganz sicher nicht.", antwortete er.
Die hatten ihm gerade noch gefehlt.
Unmittelbar schlugen helle Blitze neben ihm ein. Severus hechtete hinter eine der Betonsäulen und zog seinen Zauberstab. Die Halbmenschen und Gangster schossen aus allen Rohren. Severus sah in der Hektik nicht worauf genau.
„Yeaha! Nehmt das ihr Ministeriumsbastarde!", rief einer der Trolle mit dem MG und schoss die Waffe locker aus der Hüfte als handle es sich um einen Revolver in einem Western.
Staub, herumfliegende Betonbrocken, zuckende Blitze und das gleißende Feuer der Maschinenpistolen. Schwarze Schemen rannten durch den dichten Rauch. Manche davon fielen hin und blieben reglos liegen.
Nach wenigen Minuten war der Kampf zu Ende und Severus wagte sich aus seiner Deckung.
„Verdammtes Ministerium!", hörte er Jared schimpfen. „Das ist schon der dritte Unterschlupf in diesem Jahr, den sie stürmen!"
„Und jedes Mal kriegen sie aufs Maul!", hörte er La Hook zustimmend.
Jared trug eines der MGs in seiner Hand und wandte sich zu Severus um.
„Na schön, Snape, sieht aus als Spiele die Zeit für dich. Wir haben jetzt eh keine Wahl mehr."
Severus war gelinde überrascht über den Ausgang dieses Treffens. Eigentlich hatte er schon damit gerechnet den Kopf einzuziehen und fliehen zu müssen. Diese Gangster waren in der Regel nachtragend, was ihre Sicherheit anging. Der kurze Showdown mit den Auroren hatte seine Pläne auf unvorhergesehene Weise beschleunigt.
Zwei Tage später fuhren zwei große LKW vor das rostige Tor des geheimen Bunkers. Jason öffnete ebenjenes und ließ die Fahrer schnell passieren. Severus hatte es tatsächlich geschafft. Er hatte ja seine Zweifel gehabt, ob das Klappen würde. Jason wusste ja wie eigen dieses Völkchen von Untergrund-Halbmenschen sein konnte.
Er lotste die Fahrer zum Eingang des Bunkers. Dort öffneten sie die Klappen der Anhänger und jeweils ein Dutzend Halbtrolle und Menschen sprangen heraus. Zuletzt kam ihr Anführer. Jason kannte die Geschichten über Jared Il Khan. Berüchtigter Unterweltboss, aber fast noch berüchtigter als seine krummen Geschäfte war sein Hass auf das Ministerium und die Todesser.
Jason verneigte sich vor ihm.
„Mein Ruf eilt mir wohl mal wieder voraus.", sagte Jared.
„Mehr als das.", antwortete Jason.
Er brachte die Halbmenschen nach drinnen und zeigte ihnen die Anlage. Anschließend hievten sie große, schwere Holzkisten aus den Lastern und brachten sie hinein. Jason wies sie an das Zeug beim Schießstand einzulagern. Er ahnte schon, was sich darin befand. Als sie fertig waren öffnete er eine und erblickte ordentlich gestapelte Maschinenpistolen. Genug für eine kleine Armee. Sie würden sie hoffentlich nicht zu bald einsetzen müssen. Ihr Plan sah rohe Gewalt erst in der letzten Phase vor und da waren sie noch lange nicht.
„Eine nette Operationsbasis habt ihr hier.", sagte Jared, der hinter Jason aufgetaucht war. „Sowas hätte ich schon vor Jahren gebraucht."
„Ich hoffe du hast nicht vor hier deine Art von Geschäften aufzuziehen.", sagte Jason. „Severus hat mir versichert, dass du und deine Männer uns vollkommen unterstützen."
„Ich habe lediglich laut gedacht.", entgegnete Jared.
„Das will ich hoffen. Das hier ist größer als ein Syndikat von organisierten Kriminellen."
„Nicht so abweisend. Ihr braucht unsere Hilfe. Verbündete, die euch den Rücken decken und die Drecksarbeit machen. Mir ist das völlig klar, Murlahey. Ich habe nicht vor euch zu hintergehen. Ich bin Geschäftsmann und als solcher stehe ich zu meinem Wort. Ich habe genauso guten Grund den Dunklen Lord den Tod zu wünschen wie du. Ich würde alles dafür geben, um diesen Tag zu erleben."
„Ihr Halbmenschen habt im letzten Krieg viel gelitten.", bemerkte Jason.
„Was weißt du schon von unserem Leid, Zauberer? Das was er seinesgleichen angetan hat war nichts im Vergleich zu dem, was er den Völkern antat, die er für niedriger hielt."
Jason schwieg. Die Halbmenschen, Zentauren, Riesen, Trolle, sie alle hatten mehr als alle anderen gelitten. Für die Todesser waren sie nicht besser als Vieh gewesen und wie Vieh schlachteten sie viele von ihnen ab. Der entstellte Körper seines Gegenübers war nur ein stummer Zeuge dieses Grauens.
„Ihr werdet eure Rache bekommen. Wir alle werden sie bekommen, wenn die Zeit reif ist.", sagte Jason.
Jared nickte ihm zustimmend zu und wandte sich von ihm ab. Das hier war ihr Krieg. Und sie würden ihn ausfechten bis zum letzten Tropfen Blut in ihren Adern. Das war auch der Grund warum Severus und Jason sich mit ihnen verbündeten. Sie hatten keinen Grund sie an das Ministerium oder die Todesser zu verraten. Ihr Hass auf ihre Unterdrücker war rein.
