Zu Severus' großer Überraschung hielt sich Umbridge an ihre Abmachung. Sie stellte alle Lehrer wieder ein – außer Trelawney und Hagrid – und hielt sich größtenteils heraus, wenn es um Lehrer-Schüler-Dispute ging, die sie ohne den Schulleiter klären konnten. Zwar saß sie ihnen nicht mehr direkt im Nacken, doch die war immer noch die Direktorin. Ihre Ausbildungserlasse galten noch und ihr Inquisitionskommando spazierte immer noch durch die Flure. Dennoch war es ruhiger geworden. Diesen Kampf hatte die Lehrerschaft, allen voran Severus, erst einmal gewonnen. Es würde sich zeigen, wann Umbridge sich wieder zurückbesinnen und sie erneut traktieren würde, doch bis dahin hatten sie erst einmal Luft zum Atmen.
Es waren nur noch wenige Wochen bis zu den Abschlussprüfungen. Für die Lehrer hieß das, dass sie mit den Fünftklässlern und den Siebentklässlern, die Vorbereitung auf deren ZAG- und UTZ-Prüfungen intensivierten. Diese Zeit war jedes Jahr nervenaufreibend, für die Schüler und die Lehrer.
Severus saß einmal mehr vor der Fünften Klasse, die sich an einer Prüfungsaufgabe abmühte. Er beobachtete Potter, der mit der Zunge zwischen den Zähnen versuchte theoretische Fragen halbwegs richtig zu beantworten. Die Ergebnisse des Jungen waren mittlerweile immerhin so, dass er nicht mehr komplett durchfallen würde. Die Frage war eher, ob er nicht in praktischen Prüfung wieder alles vergaß.
Mitten während der Stunde bemerkte Severus wie sein rechter Arm anfing weh zu tun. Das Dunkle Mal an seinem Unterarm brannte. Er wurde gerufen. Ohne eine Miene zu verziehen stand er hinter seinem Tisch auf und ging zur Tür.
„Weitermachen.", sagte er zur Klasse und ging nach draußen.
Es war ungewöhnlich, dass er mitten am Tag zu seinem Meister gerufen wurde. Severus ging die Treppe weiter nach unten bis er in einem Lagerraum ankam. Er rückte eines der voll bepackten Regale zur Seite und tippte mit seinem Zauberstab auf einen hervorstehenden Stein. Das alte Gemäuer rückte zur Seite und offenbarte ihm einen Gang. Es gab im Schloss Geheimgänge, die nicht einmal Filch oder die Schüler kannten. Er folgte dem tropfnassen Steinweg bis er zu einem mit Moos behangenen Gitter kam. Severus schob es quietschend zur Seite und kam am unteren Ufer des Sees heraus. Draußen schloss er es wieder und zog den Ärmel seiner Robe und des Hemds zurück. Er griff auf das schmerzende Mal und augenblicklich katapultierte es ihn in die Vorhalle des Anwesens des Dunklen Lords. Wie so oft wischte Wurmschwanz gerade wieder den Boden. Dieses Mal mühte er sich jedoch mit einer frischen Blutlache ab. Die dazugehörige Leiche war jedoch nirgends zu sehen.
Severus öffnete die großen Eichentüren zum Saal und traf dort auf Voldemort. Er hatte Nagini um seine Schultern liegen als sei sie ein Schal. An dem langen Tisch im Raum saßen bereits einige Todesser. Er machte Lucius aus und einige der Gefangenen, die sie bei ihrer Askaban-Operation befreit hatten wie Augustus Rookwood und Rudolphus und Bellatrix Lestrange. Severus hatte immer gehofft diese Frau nie wieder sehen zu müssen. Sie saß da in einem schwarzen, aufreizenden Kleid und hatte ein Glas Wein in der Hand.
„Na sieh mal einer an!", sagte sie als Severus den Raum betrat. „Wenn das nicht unser schmieriger Wunderling ist, der sich bekanntlich aus allem herauswindet."
Severus atmete tief und setzte sich an seinem Stammplatz an dem Tisch.
„Was denn? Gar keine Begrüßung?", fragte Bellatrix.
„Alles, was mir dazu einfällt, ist leider weit unter unseren Niveau, Bellatrix.", entgegnete Severus.
„Feigling.", quietschte Bellatrix.
„Du glaubst doch nicht, dass ich hier auch nur im Geringsten auf deine billigen Provokationen eingehe. Du bist noch genauso vulgär wie früher.", sagte Severus.
„Und du bist noch genauso so ein Kriecher.", antwortete Bellatrix. „Langweilig noch dazu."
„Deine Art von Aufregung kennen wir hier ja zur genüge.", sagte Severus.
„Aber, aber, liebe Kinder, nicht streiten.", mischte sich Voldemort ein und ging zu seinem Stuhl am Fuße des Tischs. „Ich will ja schließlich nicht, dass hinterher noch jemand weint."
Voldemort lachte hohl und setzte sich.
„Ich habe euch zusammengerufen, weil wir fast am Ziel sind. Alle Köder sind gelegt und schon bald werden wir der Prophezeiung und damit der Kontrolle über das Ministerium einen Schritt näher sein. Lucius?"
Lucius räusperte sich.
„Ich habe alles veranlasst damit wir reibungslosen Zugang zur Mysteriumsabteilung erhalten. Ebenso wie Potter und alle anderen, die wir dort brauchen. Der Dunkle Lord hat mir versichert, dass er dem armen Jungen eine Vision eingeben wird, die er nicht ignorieren kann. Sobald Potter an der richtigen Stelle steht muss er nur noch die Prophezeiung an sich nehmen. Wir überwältigen ihn, nehmen die Prophezeiung und bringen ihn zudem noch als Souvenir mit. Das sollte eigentlich alles ganz schnell gehen."
„Wenn ich mich kurz einmischen darf, in diese sicher tadellos geplante Aktion ...", sagte Severus.
„Natürlich hat er was dran auszusetzen.", unterbrach Bellatrix ihn. „Wie früher, immer nur am meckern!"
„Bella!", ermahnte Voldemort sie.
„Es ist nur ein freundlicher Hinweis, mein Lord. Wir sollten den Erfindungsreichtum von Harry Potter nicht unterschätzen. Er ist zwar meist einfältig, doch wenn er zum Kampf gezwungen wird, dann kann er recht zäh sein."
„Glaubst du, das weiß unser Meister nicht, du …!", fuhr Bellatrix ihn an.
„Bellatrix, was haben wir neulich gesagt wegen der Manieren bei Tisch?", sagte Voldemort in einem für ihn ganz untypischen, freundlichen Tonfall.
Bellatrix verdrehte die Augen und widmete sich schmollend ihrem Weinglas.
„Ich verstehe deine Bedenken, Severus, wirklich. All die Planung soll ja nicht wegen eines dummen Jungens vergeblich sein. Dieses Mal ist jedoch niemand da, um ihm zu helfen. Kein Dumbledore und kein Ministerium weit und breit. Lehn dich also zurück. Dieses Mal wird nichts schief gehen.", sagte Voldemort.
„Ich halte derweil die Stellung?", fragte Severus.
„Ja, richtig, verkriech dich.", giftete Bellatrix aus ihrem Weinglas zu ihm herüber.
Voldemort schlug mit der Flachen Hand auf den Tisch.
„Bella, wenn du dich nicht benehmen kannst, dann gehst du! Ich brauch dein weibisches Gezeter hier wirklich nicht!"
Severus und die anderen Todesser hielten kurz den Atem an. Er wusste, dass Bellatrix und der Dunkle Lord sich früher näher gestanden hatten, doch er wollte wirklich keine Beziehungskrise zwischen den beiden miterleben.
Bellatrix schwieg endlich und Voldemort widmete sich wieder Severus.
„Ja, du bleibst in Hogwarts. Es darf kein Verdacht auf dich gelenkt werden."
„Natürlich.", antwortete Severus.
„Gut, das wäre dann alles. Bellatrix, zu mir. Ich glaube, wir müssen uns mal kurz unterhalten!", sagte der Dunkle Lord und deutete mit dem Finger auf sie.
Das wollte Severus lieber nicht miterleben. Er ging so schnell wie möglich aus dem Saal und disapperierte.
Severus informierte Dumbledore bei der nächsten Sitzung des Ordens über das Kommende.
„Dann müssen wir alles tun, um das zu verhindern!", mischte sich Sirius Black ein, nachdem Severus mit seinem Vortrag über die Pläne der Todesser geendet hatte.
„Nein, Sirius.", sagte Dumbledore. „Diese Prophezeiung ist für ihn genauso wichtig wie für uns."
„Was?", sagte Black ungläubig.
„Egal womit der Dunkle Lord Potter ins Ministerium locken wird, er wird ihn erst angreifen sobald er die Prophezeiung an sich genommen hat.", sagte Severus.
„Und Harry als Köder benutzen? Hast du dir das ausgedacht, Schniefulus?"
„Severus, hat nicht das geringste damit zu tun.", pflichtete Dumbledore ihm bei. „Und hier geht es um Größeres als nur um Harrys Sicherheit. Da wir nicht verhindern können, dass Voldemort ihn ins Ministerium lockt müssen wir genau den richtigen Moment abpassen. Wenn wir Harry vorher abhalten, dann wird er wissen, dass jemand geplaudert hat und das wiederum wäre viel gefährlicher. Ich rede ja nicht davon den Jungen völlig ohne Rückendeckung da rein zu schicken. Wir werden bereits im Ministerium sein. Wenn die Todesser angreifen werden wir da sein, um Harry und die Prophezeiung da raus zu bringen."
„Ein riskanter Plan.", bemerkte Kingsley. „Aber machbar."
„Severus, Sie bleiben, wo Sie sind. Sie müssen ein Auge auf Harry haben und uns berichten, falls sich etwas ereignet.", sagte Dumbledore.
Severus nickte. Ihm gefiel es nicht schon wieder die Position inne zu haben an der nur warten und hoffen konnte, doch seine Tarnung war wichtiger. Für Dumbledore und für den Dunklen Lord, die beide davon ausgingen er würde nur sie informieren. Es war ein abgekartetes Spiel, wie so oft.
Die nächsten Tage zogen sich dahin und Severus war angespannt wie lange nicht nicht mehr. Er wartete jeden Tag darauf, dass es los ging, doch es blieb ruhig. Zu ruhig für seinen Geschmack. Der Dunkle Lord hielt sich wage, was seinen Zeitplan anging und so konnte Severus nur ahnen, wann sie zuschlagen würden. Er behielt Potter nun noch genauer im Auge, doch der Junge schien sich vor allem mit seiner Prüfungsvorbereitung herumzuschlagen. Nichts deutete darauf hin, dass ihn irgendwelche, furchtbaren Visionen ereilt hätten.
Severus tigerte dieser Tage ständig vor dem Kamin im Lehrerzimmer hin und her. Dieses Warten, das machte ihn ganz fertig.
„Jetzt hören Sie endlich auf!", sagte Minerva ganz entnervt zu ihm. „Das kann ja niemand mit ansehen."
Severus grummelte etwas in sich hinein und verließ den Raum. Im Unterricht war er nicht weniger gereizt und ging die Schüler wegen kleinster Lappalien an. Es dauerte und dauerte.
Schließlich kam die Prüfungszeit und Severus konnte sich zumindest damit ablenken. Zu seiner großen Überraschung schrieb Potter sogar eine einigermaßen zufriedenstellende Prüfung in Zaubertränke. Wer hätte das gedacht? Er hatte in den letzten fünf Jahren dem Jungen tatsächlich etwas beigebracht.
Severus saß am Abend im Büro und korrigierte noch einige der ZAG-Prüfungen durch als es an der Tür klopfte.
„Herein.", sagte Severus laut.
Die Tür öffnete sich und Draco kam herein.
„Solltest du nicht schon in deinem Gemeinschaftsraum sein?", fragte Severus vorwurfsvoll.
„Professor Umbridge hat mich geschickt. Du sollst unverzüglich in ihr Büro kommen.", sagte Draco. Er wirkte seltsam angespannt.
„Was ist los?", fragte Severus.
„Das sagt Sie dir lieber selbst.", antwortete Draco ausweichend.
Severus ging mit seinem Patensohn im Schlepptau zu Umbridge. Das Draco sich so wortkarg gab machte ihm in der Tat Sorgen. Als er endlich die Tür zu Umbridges Büro aufschlug musste er erst einmal tief Luft holen. Harry Potter war von Umbridge an einen Stuhl gefesselt worden und seine Freunde Weasley und Granger wurden von Grabbe und Goyle im Würgegriff fest gehalten. Weasley bekam einen knallroten Kopf.
„Snape, gut. Sie sind hier!", sagte Umbridge. „Ich brauche Veritaserum für die Befragung dieser Schüler!"
Severus stöhnte innerlich auf. Was hatten die Drei jetzt schon wieder angestellt, dass sie Umbridge derart in Rage brachten, dass Sie sie für ein brutales Verhör vorgesehen hatte?
„Tut mir leid, Professor, aber ich habe gerade keins auf Lager.", sagte Severus.
„Wie bitte?", fragte Umbridge überrascht.
„So was kommt schon mal vor, wenn gewisse Schulleiter alles für ihre kleine Diktatur aufbrauchen.", entgegnete Severus schnippisch.
Er hörte wie Weasley neben ihm würgte.
„Grabbe, wenn Sie Weasley erwürgen bedeutet das für mich jede Menge Papierkram und ich fürchte, ich müsste es in ihrem Zeugnis erwähnen."
„Sie müssen mir etwas besorgen!", keifte Umbridge ihn an.
„Klar … ich bastel nur schnell welches aus einem Kugelschreiber und einen Faden."
„Ihren Sarkasmus können Sie sich sonst wohin stecken!", entgegnete Umbridge wütend.
„Wie ich schon sagte, ich habe keins und Neues herzustellen dauert ungefähr einen Monat. Haben Sie so viel Zeit?", entgegnete Severus.
„Professor", wandte sich Potter plötzlich an ihn. „es geht um Tatze. Sie haben ihn! Sie haben ihn an dem Ort, wo sie versteckt ist!"
Severus verstand, auch wenn die Art wie der Junge versuchte eine Geheimbotschaft an ihn zu übermitteln herzlich plump erschien.
„Was? Wo was versteckt ist? Wer ist Tatze?", fragte Umbridge völlig außer sich.
„Keine Ahnung.", sagte Severus. „Der plappert ja immer so komisches Zeug. Der Unterricht, die reine Tortur!"
Severus wandte sich ab und verließ den Raum. Das Umbridge Potter in ihrer Gewalt hatte verschaffte ihm wertvolle Zeit. Sicher würde sie ihn nicht gleich zu Tode foltern. Also ging er nach draußen in Richtung Wald, wo ihn niemand sehen konnte. Severus beschwor seinen Patronus, der sich in einen Raben verwandelte. Bis vor zwei Jahren hatte sein Patronus noch die Form einer Hirschkuh gehabt, doch das was ihn damit verband hatte er überwunden. Sein Unterbewusstsein hatte verkraftet, was geschehen war und so formte sich auch die Gestalt seines Patronus neu.
„Bringe ihnen die Nachricht: Es ist soweit. Die Würfel sind gefallen. Die Figuren rücken vor.", sagte Severus.
Der Patronus galoppierte davon und verwandelte sich in eine hell leuchtende Kugel, die schließlich in die Weiten des Abendhimmels davon zischte.
Als Severus sich umdrehte und in Richtung Schloss schaute sah er wie Umbridge mit erhobenen Zauberstab das Trio vor sich her trieb – und zwar genau in Richtung des Verbotenen Waldes. Was hatte die alte Schabracke denn jetzt vor? Severus folgte ihnen mit sehr viel Abstand.
Sie gingen immer tiefer in den Wald hinein. Das machte alles keinen Sinn. Wohin gingen sie? Schließlich gelangten sie auf eine Lichtung. Potter, Weasley und Granger blieben plötzlich erschrocken stehen als seien sie überrascht etwas hier nicht vorzufinden.
„Sie …!", sagte Umbridge. Im stillen Wald konnte Severus jedes Wort hören, obwohl er sich mindestens fünfzehn Meter hinter ihnen im Gebüsch verbarg.
„Es gibt keine Geheimwaffe, richtig? Sie haben mich in die Irre geführt?!"
Eine was?, dachte Severus. Was für eine Geschichte hatten sie Umbridge da aufgetischt? Das war ja herzallerliebst.
„Wissen Sie, ich hasse Kinder so sehr …!", sagte Umbridge jetzt mit Verzweiflung in der Stimme.
Plötzlich war das Getrappel von Hufen zu vernehmen. Zentauren tauchten aus dem Unterholz auf.
Na das konnte ja heiter werden. Severus kannte die Zentauren und er kannte Umbridge. Keine gute Mischung.
„Bleibt stehen, Zentaurus! Ich bin eine Vertreterin des Ministeriums und als Wesen mit annähernd menschlicher Intelligenz ..."
Das hätte sie nicht sagen sollen. Die Zentauren spannten ihre Bögen und richtete sie auf sie. Einer von ihnen schoss einen Pfeil auf Umbridge ab.
„Protego!", rief sie und wehrte den Pfeil ab. „Das du dich das traust! Incarcerus!"
Seile schossen aus ihrem Zauberstab und fesselten den Zentauren. Sie würgten ihn um den Hals und an den Beinen. Granger, warf sich auf den Zentaur und riss an den Seilen.
„Aufhören!", rief sie den Tränen nahe. „Aufhören! Bitte!"
„RUHE!", schrie Umbridge völlig außer sich. „Ich verlange Disziplin und Ordnung!"
Gerade als sie das wie eine Beschwörung vor sich hin rief tauchte etwas Gigantisches zwischen den Bäumen auf. Ein Riese, bestimmt fünf Meter hoch, und schnappte sich Umbridge. Severus duckte sich unwillkürlich. Seit wann gab es gottverdammte Riesen im Verbotenen Wald?
Die Zentauren gingen auf den Riesen, der Umbridge in der Hand trug, los und schossen mit den Pfeilen auf ihn.
„Gwarp!", rief Granger. „Er versteht euch nicht! Lasst ihn in Ruhe!"
Umbridge kreischte wie am Spieß.
„Wisst ihr überhaupt wer ICH bin?", rief sie.
Der Riese ließ Umbridge auf den Boden fallen und stolperte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen davon. Kurz darauf packten die Zentauren sie an den Armen.
„Potter!", rief sie. „Potter, bitte! Sagen Sie ihnen, dass ich nichts böses im Schilde führe!"
„Tut mir leid, Professor", sagte Potter mit einer gefährlichen Ruhe, die Severus so noch nie an dem Jungen erlebt hatte. „Aber ich soll keine Lügen erzählen!"
Einer der Zentauren warf sich Umbridge wie ein Stück Beute über die Schulter. Sie zappelte und hämmerte mit den Fäusten auf dem Rücken des Zentauren ein.
„Ich bin Dolores Jane Umbridge, erste Untersekretärin des Ministers – LASST – MICH – LOOOOS!"
Die Zentauren jedoch lachten nur und trampelten mit Umbridge im Gepäck davon. Das Trio rannte davon und Severus saß in seinem Versteck und konnte gerade nicht fassen, was sich da abspielte. Er musste wirklich mal ein ernstes Wörtchen mit den Dreien wechseln.
Severus hob sich aus dem Unterholz und folgte den Spuren der Zentauren. In Potters Angelegenheiten konnte er sich jetzt nicht mehr einmischen. Das lag nicht mehr in seinen Händen. Umbridge jedoch … würde er sie den Zentauren überlassen, dann würde die alte Kröte das mit ziemlicher Sicherheit nicht überleben.
Die Spuren der Zentauren endeten im Dorf der Halbmenschen, das in einer Lichtung lag. Severus war noch nie hier gewesen, hatte aber Geschichten gehört. Die Zentauren lebten in aus Asten gebauten Hütten, die mit Laub bedeckt waren. Junge Fohlen liefen aufgeregt herum wie spielende Kinder. Die männlichen Zentauren waren bewaffnet mit einfachen Speeren oder Bögen. In der Mitte des Dorfes war ein großer, verzierter Pfahl mit eingeschnitzen Tiergesichtern, ähnlich einem indianischen Marterpfahl. Umbridge hatten sie wie ein Tier daran festgebunden. Ein Seil um ihren Hals hielt sie wie einen Hund an seiner Kette fest. Die Zentauren hatten sich lachend und spottend um sie versammelt. Sie Warfen ihr alte Knochen und Essensreste zu. Umbridge selbst saß zu einem Häuflein Elend zusammengekauert am Fuß des Pfahls und weinte bitterlich. Jetzt wusste sie immerhin wie es sich anfühlte, so als Hauptattraktion.
Als Severus sich der Szenerie nährte wurde er von einem jungen Zentauren aufgehalten. Er knurrte ihn in der seltsamen Sprache seines Volkes an. Von weiter vorn hörte er jemanden etwas rufen und der Zentaur ließ Severus passieren. Er erblickten einen alten Zentaurus, der in eine alte Rüstung gekleidet war, die an ihre griechischen Ursprünge erinnerte. Es war Bane, ihr Häuptling.
„Severus Snape.", sagte der alte Zentaur. „Sehr lange nicht mehr gesehen. Bist du wegen ihr hier?"
„Leider ja.", entgegnete Severus.
„Hmpf.", machte Bane und spuckte auf den Boden.
„Sie ist ein hohes Tier beim Ministerium.", ermahnte Severus sein Gegenüber. „Ihr könnt ihr nichts antun, ohne dass das für uns alle böse endet."
Severus sah hinüber zu den Zentauren, die sich immer noch an Umbridges Elend ergötzten und sie mit Abfall füttern wollten.
„Ich kann es euch nicht verübeln. Ehrlich. Sie ist abscheulich.", sagte Severus.
„Wir wissen wer Sie ist, Snape. Sie hat es ja schließlich durch den gesamten Wald geschrien.", sagte Bane und klang belustigt. „Lass meinen Leuten noch etwas Spaß mit ihr. Sie ist schließlich eine von denen, die dafür verantwortlich sind, dass unsereins hier hausen muss."
„Ich kenne deine Sorte von Rache, Bane, und ich kann das nicht zulassen.", sagte Severus.
„Wäre ich noch der alte Krieger, der ich einst war, dann hätte ich ihr schon längst den Kopf abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt, doch ich fürchte das Alter hat mich mild werden lassen."
Banes Art von milde bekam Umbridge gerade am eigenen Leib zu spüren. Severus wusste wie unfassbar stolz die Zentauren und allen voran Bane waren. Sie zahlten jede Erniedrigung tausendfach zurück.
„Na gut, können wir kurz unter vier Augen reden. Danach nehme ich sie mit, aber ich habe ein Angebot für dich und deinen Clan. Wenn du ablehnst ist alles gut und du hörst nie wieder was von mir." , sagte Severus.
Bane nickte und sie gingen in eine der Hütten. Bane legte sich ins Stroh und wies Severus einen Platz auf einem Baumstamm zu, der aussah als sei er als Sitzplatz für Gäste gedacht.
„Was für ein Angebot?", fragte Bane.
„Es ist klar, dass es nicht mehr lange dauern wird bis ein Krieg ausbricht. Du und dein Clan sind ungeschützt. Wenn die Todesser wieder kommen werden sie euch abschlachten. Ich kann euch vielleicht die Art von Schutz bieten, die ihr braucht."
„Ach, und das würdest du aus reiner Herzensgüte tun?", fragte Bane.
„Ich habe nicht vor untätig zu sein, doch weder Dumbledore noch Voldemort wären davon begeistert. Ich wähle meinen eigenen Weg."
„Und dafür brauchst du einen Zentauren-Clan?", fragte Bane. „Du durchtriebener, kleiner Mensch."
Bane begann leise zu lachen.
„Ich werde nicht warten bis ich wie eine Schachfigur geopfert werde. Voldemort wird sein blaues Wunder erleben. Dazu brauche ich aber Hilfe."
„Na schön, du kannst dieses Tier da draußen mitnehmen. Ich muss mich erst mit meinem Clan beraten über deinen Vorschlag.", sagte Bane.
„Danke.", antwortete Severus und nickte höflich.
Er und Bane erhoben sich und gingen wieder nach draußen. Sie drängten sich durch die Menge.
„Snape!", rief Umbridge und ihre verweinte Stimme bebte vor Erleichterung.
„Da haben Sie sich aber etwas eingebrockt, Dolores.", sagte Severus und ging auf sie zu.
„Snape, bitte! Bitte retten Sie mich vor diesen Dingern!" Umbridge warf sich an sein Bein wie ein kleines Kind.
Severus bückte sich zu ihr herunter und löste die Schlinge um ihren Hals. Er zog sie auf die Beine und nahm ihren Arm. Severus führte sie an der immer noch johlenden und mit Essensresten nach ihr werfenden Zentauren vorbei.
Er führte sie am Arm aus dem Dorf und als sie sich etwas entfernt hatten begann Umbridge zu weinen.
„Ich dachte diese Viecher würden mich umbringen!", jammerte sie lautstark.
„Wissen Sie, es hilft schon ungemein, wenn man Sie nicht als Viecher betitelt.", sagte Severus ohne sie anzusehen.
Das sorgte nur dafür das Umbridge noch lauter und verzweifelter weinte. Was sollte er nur mit der alten Kröte machen? Sein Mitleid für sie hielt sich ja nun wirklich in Grenzen.
Er schaffte sie hoch zum Schloss. Als er sie endlich abgeliefert hatte war Severus nur glücklich sie endlich los zu sein. Er konnte dieses heulende Gejammer schon nicht mehr ertragen.
Es dauerte eine ganze Weile bis Severus bewusst wurde, dass es schon weit nach Mitternacht war. Was auch immer sich im Ministerium ereignete war bereits in vollen Gange. Müde ließ sich Severus in den Sessel vor seinem Kamin sinken. Durch die ganze Sache mit Umbridge hatte er das alles völlig vergessen. Vielleicht war es auch besser so. Wer wusste schon welches Grauen der nächste Morgen bringen würde?
