Als Remus erwachte war er allein. Er hörte wie Tonks in der Küche herumfuhrwerkte. Langsam rollte er sich auf den Rücken. Er war noch erschöpft von gestern, aber glücklich. Sein Körper sagte ihm, dass er keine Siebzehn mehr war, doch seinem Herzen war das egal. Remus umschlang sich mit seinen Armen und dachte an die Empfindungen, sexuell oder nicht. Er setzte sich auf und zog sich eine neue Unterhose an ehe er aus dem Schlafzimmer in die Küche tapste.

Tonks machte gerade Rührei und Speck. Typisch britisch halt. Er umarmte sie von hinten.

„He!", machte Tonks.

Remus küsste ihren Hals.

„Du bist auch unersättlich, oder?", fragte sie.

Remus ließ ab von ihr und sie wandte sich zu ihm um. Sie sahen sich an und Remus begann zu lächeln. Er sagte nichts, sondern nahm nur ihre Hand und streichelte sie. Die Gefühle und Gedanken von letzter Nacht waren noch präsent in ihm. Er hätte nicht gewusst, was er sagen sollte, außer wie sehr er sie brauchte und wollte. Es war schon komisch wie sehr ihn dieses Gefühl vereinnahmte. Das war das erste Mal seit vielen Jahren, dass er so etwas empfand und all die Dunkelheit plötzlich wie weggefegt erschien. Zumindest bis zum nächsten Vollmond.

„Bleibst du hier?", fragte er.

„Ich muss auch noch arbeiten, falls du das vergessen hast.", sagte Tonks und tischten ihnen beiden eine Portion Rührei auf. Sie setzten sich an den Tisch und aßen gemeinsam.

„Komm heute Nacht bitte nicht zurück.", sagte er schweren Herzens.

„Das hatten wir doch schon.", antwortete Tonks.

„Ich will nicht, dass du mich so siehst. Der Wolfsbanntrank unterdrückt nur den Wahnsinn, nicht die Transformation."

Tonks nahm seine Hand.

„Hör auf damit! Ich weiß außerdem wie ein verwandelter Werwolf aussieht."

Wusste sie das? Ja, sie war Aurorin, aber hatte sie je die Transformation miterlebt? Erlebt wie der Mann, den sie liebte sich unter grauenvollen Schreien verwandelte und sie nicht mehr wiedererkannte?

Remus hatte vor jeder einzelnen Mondnacht Angst. Je näher der Mondzyklus seinem Höhepunkt rückte desto stärker spürte er das Tier in sich. Dass er sich mit Tonks gestern so geliebt hatte war nur eines der Symptome. Sonst war er in Depressionen verfallen. Dieses Mal kanalisierte sein Geist die nahende Verwandlung anders. Manche Menschen wurden in den Tagen vor Vollmond gewalttätig. Alles Zeichen, was ihnen bevorstand.

Er hatte es immer wieder versucht ihr auszureden hier zu bleiben. Remus verstand ihre Intention ja. Sie wollte bei ihm sein, ihm helfen, doch für das was er durchlitt gab es keine Heilung.

Remus aß sein Rührei auf und ging anschließend unter die Dusche. Das warme Wasser tat ihm gut und spülte einige äußerst grüblerische Gedanken hinfort. Anschließend zog er sich an und ging nach draußen, wo ihn seine Hundemeute erwartete. Er kraulte einen nach dem anderen hinter den Ohren und machte sich an sein Tagwerk. Hunde füttern, Holz hacken, den Garten pflegen. Das er hier so isoliert lebte bedeutete auch, dass er fast alles selbst machen musste. Er war ein Selbstversorger und es klappe meist, ohne das er etwas zukaufen musste. So ließ sich zumindest seine finanzielle Armut abmildern.

Tonks apparierte zurück ins Ministerium. Damit tat sie mehr für den Orden als er, der nur warten konnte und die Zeit aussaß zwischen seinen Anfällen. Remus ließ sich daher auch nur selten beim Orden blicken. Meistens ging er nur, um nach Sirius zu sehen, der sich ähnlich nutzlos fühlte und seine Sorgen immer öfter in Whiskey ertränkte. Ihm ging es in dieser Beziehung noch schlechter als Remus.

Gegen Abend bereitete Remus die Phiole mit dem Wolfsbanntrank vor und ging in den Keller, der nur aus einem, mit einer dicken Stahltür gesicherten, Raum bestand. Er öffenete die Tür und dahinter lag ein karger Raum mit gemauerten Wänden und einem kleinen, vergitterten Fenster. Die Stahltür ließ sich nur von innen mit einem massiven Stahlriegel verschließen. Selbst ohne den Wahnsinn war er verwandelt noch gefährlich genug.

Remus überprüfte gerade alle Sicherungsmaßnahmen im Raum als er hörte wie ein leises Pflop! von oben kam. Das war sicher Tonks. Er hörte wie ihre leichten Schritte die Treppe herunter kamen.

„Remus?", fragte sie und blieb in der Tür stehen.

„Ich muss dabei alleine sein.", sagte er zu ihr.

„Ich bin da, wenn du mich brauchst.", antwortete sie.

Remus nickte ihr verstehend zu und ging zur Tür. Er nahm ihre Hände und stricht mit dem Daumen über ihren Handrücken.

„Komm nicht vor morgen Früh.",sagte Remus und schloss die Tür. Er schob den großen Riegel ins Schloss und hoffte sie würde sich daran halten.

Remus zog seine Sachen aus und legte sie sauber zusammengefaltet auf einen Haufen. Er nahm die Phiole und trank sie in einem Zug aus. Remus schüttelte sich angewidert. Furchtbares Zeug, aber Zucker neutralisierte dummer Weise die Wirkung.

Er setzte sich auf den Boden und wartete. Anders als in irgendwelchen Horrorfilmen brauchte es keinen Strahl von Mondlicht, um die Transformation auszulösen. Die berühmte am Mond vorüber ziehende Wolke hatte keinen Einfluss auf seinen Zustand. Viel eher hing es mit der Uhrzeit zusammen. Nicht Punkt Mitternacht, so schön das Klischee auch war. Man konnte leider nicht die Uhr danach stellen.

Schließlich spürte er wie der Wolf in ihm Gestalt annahm. Remus krümmte sich zusammen und spürte wie das Tier in ihm herausbrach. Eine unbändige Wildheit und das Verlangen nach Fleisch nahmen in ihm Gestalt an. Uralte, animalische Triebe von denen die meisten Menschen nicht einmal wussten, dass sie sie hatten.

Dann spürte Remus wie sich die Knochen in seinem Körper verdrehten und Muskeln wuchsen. Selbst mit dem Trank war die Transformation schmerzhaft. Er schrie und hörte das Knacken seiner Knochen, während er über seine natürliche Größe hinauswuchs. Braunes Haar sprießte ihm am ganzen Körper und seine Hände und Füße wurden zu übermächtigen Pranken.

Statt des Wahnsinns herrschte Leere in seinem Kopf, dafür waren die Schmerzen und das Animalische umso stärker. Hätte man ihm in diesem Zustand ein Lamm in den Raum gegeben, dann hätte er es ohne Wenn und Aber verschlungen. So beschränkte er sich darauf sich auf dem Boden einzurollen und die Nacht über zu winseln.

Tonks tat, was sie Remus versprochen hatte, und ließ ihn über Nacht in Ruhe. Sie hörte seine Schreie und das Winseln. Sie wusste wie grauenvoll das sein musste. Als sie noch ein Grünschnabel bei den Auroren war hatte sie einmal einer vollständigen Transformation beiwohnen müssen. Sie ahnte also was in Remus vorging und genau deshalb hatte sie sich geweigert ihn allein zu lassen. Sie wollte, dass er wusste, das sie ihm beistand. Auch dabei.

Tonks hatte sich den Tag über in den Ministeriumsarchiven verschanzt und Akten durchstöbert. Sicher hätte sie Remus auch fragen können, doch sie fand es bisher unpassend. Im Ministerium lagerten alle Akten aller registrierten und auffälligen Werwölfe. Wie sie vermutet hatte war auch Remus' Erzeuger dabei – so nannten sie die Werwölfe, die ihren Fluch willentlich übertrugen indem sie Leute bissen. Sie fand die Akte eines gewissen Fenrir Greyback. Einer der wenigen Werwölfe, die sich freiwillig Voldemort anschlossen, um ihren Blutdurst zu stillen. Vor dem Krieg war er schon berüchtigt für seine brutalen Überfälle bei denen er zig Opfer fand, sie tötete oder biss. Remus war nur eines von vielen aufgelisteten Opfern.

Tonks würde ihn nicht fragen und alte Wunden aufreißen. So war es ihr lieber. Immerhin saß Greyback seit 15 Jahren in Askaban.

Sie legte sich auf das Sofa und schlief dort damit sie hörte, wenn sich etwas änderte. Am Morgen erwachte sie bereits bei den ersten Sonnenstrahlen. Tonks stand auf und ging in den Keller. Es war still. Sie klopfte an die Stahltür.

„Remus?", rief sie. Keine Antwort. Sie zog ihren Zauberstab. „Scheißegal! Alohomora!"

Der schwere Riegel auf der anderen Seite schob sich quietschend in die Ausgangsposition zurück. Sie öffnete die Tür und fand Remus nackt auf den kalten Boden liegend. Bei näheren Hinsehen bemerkte sie, dass er blutete. Jede Transformation sorgte für eine Narbe mehr.

Tonks hockte sich neben ihn und tastete nach seinem Puls. Als nächstes zog sie ihm die Augenlider hoch. Alles okay, er war ohnmächtig. Sie hievte ihn hoch und trug ihn über die Schulter hängend nach oben. Der gute, alte Rettungsgriff. Wofür eine Aurorenausbildung so alles gut war.

Oben angekommen verband sie seine neuen Wunden und bugsierte ihn im Bett. Anschließend legte sie sich zu ihm und ruhte ihm ihrem Kopf auf seiner Brust. So leicht würde er sie nicht los.

Als Remus erwachte bemerkte zunächst gar nicht wo er war. Ihm tat jeder einzelne Knochen weh und sein Kopf schien kurz vorm Platzen. Nach den Verwandlungen fühlte er sich immer als habe man ihn durch den Fleischwolf gedreht. Er konnte die Augen kaum offen halten. Das Tageslicht stach ihn in den Augen. Moment, Tageslicht? Erst jetzt wurde ihm klar, dass er nicht mehr im Keller lag, sondern in seinem Bett. Tonks lag an seine Seite gekuschelt und hatte ihm offenbar seine Wunden versorgt.

Remus rieb sich die Nasenwurzel und die Augen. Er war ganz sicher nicht wütend, dass sie ihn aus dem Keller geholt und sich um ihn gekümmert hatte. Tatsächlich war er sogar etwas dankbar. Sich selbst auf die Beine zu quälen und blutverschmiert die Treppe hinauf zu wanken raubte ihm sonst immer die letzten Kräfte.

Remus strich Tonks eine pinke Strähne aus dem Gesicht. Sie schlug die Augen auf.

„Wie geht es dir?", fragte sie.

„Besser, dank dir.", sagte Remus gerade heraus.

Tonks setzte sich auf.

„Bleib liegen, ruh' dich aus."

„Du musst dir keine Umstände machen.", sagte Remus. Tatsächlich hätte es ihm gefallen, wenn sie sich Umstände gemacht hätte.

„Hör auf damit!", entgegnete Tonks streng. „Mit physischen Verfall ist nicht zu spaßen."

Natürlich wusste sie es, sie war immerhin Aurorin. Manchmal vergaß er das. Der „physische Verfall" war das, was ihn Tagelang im Bett liegen ließ nach seinen Anfälle. Von außen wirkte es wie eine heftige Grippe. In Wahrheit kämpfte sein Körper den aussichtslosen Kampf gegen den Werwolf, der ihn von Jahr zu Jahr mehr Kraft raubte und ihn schließlich töten würde. Es war ein langer, dahinsiechender Tod, der sich über Jahrzehnte hinwegzog. Remus hätte niemanden damit belasten wollen. Schon gar nicht Tonks. Nichts war schlimmer als jemanden auf diese Art sterben zu sehen, und sei es auch nur kurz.

„Du weißt, dass ich eines Tages daran sterben werde?", fragte Remus gerade heraus.

„Ja.", antwortete Tonks. „Aber nicht jetzt und nicht in zehn Jahren."

„Ich wäre irgendwann nur noch ein Wrack. Ein Pflegefall. Willst du dich wirklich damit belasten?"

„Remus Lupin", sagte sie nun deutlich wütend. „deine Abschreckungstaktik kannst du dir sparen! Verdammt, ich Liebe dich! Ja, jetzt ist es raus!"

Wie hieß es so schön: Die Welt kennt keinen Zorn, wie den einer Frau. Aber Tonks hatte ja recht; er hatte Angst. Er versank geradezu in Angst und immer wenn er das tat startete er Versuche sich alle anderen Menschen vom Leib zu halten. Remus war halt schon zu lange allein mit sich und dem Wolf.

„Ich liebe dich auch.", sagte Remus schließlich. „Ich habe nur so schreckliche Angst davor dir weh zu tun."

„Du tust mir viel mehr weh, wenn du mich abwehrst.", antwortete Tonks.

Remus versuchte sich aufzusetzen, scheiterte jedoch an seinen Schmerzen.

„Ruh dich aus.", sagte Tonks und küsste ihn. Sie erhob sich und ging raus.

Remus schloss erschöpft die Augen. Sie hatte wie immer recht. Er war eben ein Idiot.