Nachdem sie sich beruhigt hatte saß Tonks mit Remus auf der Couch vor dem Kamin im großen Saal. Sirius saß ihnen gegenüber in einem alten Sessel und hatte entgegen aller Manieren die Füße auf den Couchtisch gelegt. Er hielt ein halbvolles Glas Whiskey in seiner Hand.
Sie redeten und tranken Wein, fast wie gute, alte Freunde.
„Und du magst wirklich keine Frauen?", fragte Tonks.
Sirius sah zu seinem alten Freund.
„Ach, Remus …!"
Der zuckte nur mit gespielter Unschuld die Schultern.
„Ich weiß schon, Sirius. Ich dachte halt nur die ganze Zeit du wärst der Frauenschwarm.", sagte Tonks.
„Eigentlich war James immer der Frauenschwarm. Warum erzähle ich dir das eigentlich?"
„Weil du mit unserer Situation wohl vertrauter bist als du zugibst.", antwortete Tonks.
Sirius setzte sich aufrecht hin und stellte sein Glas ab. Er sah von Remus zu Tonks und wieder zurück.
„Na, jetzt ist die Katze ja eh aus dem Sack. Die Wahrheit ist, dass ich von Anfang an das Schwarze Schaf bei den Blacks war. Regulus war da ganz anders. Der tadellose Sohn. Diese alten Zaubererfamilien, die so viel wert legen auf Blut und Erblinien … sagen wir einfach auf Männer zu stehen lag da nicht hoch im Kurs. Ich hatte auch nie ein Coming-Out oder so. Ich bin zum Glück zeitig genug da weg gekommen, bevor ich gezwungen war meine ganze Familie im Blutrausch zu ermorden. Was dich und Remus betrifft; Willkommen bei den Ausgestoßenen!"
„Sirius!", sagte Remus, doch der winkte nur ab.
„Meine Eltern hätten vermutlich noch eher einen Werwolf akzeptiert als einen Sohn, der aufgrund seiner sexuellen Vorlieben ohnehin nie einen Erben produziert hätte. Ganz ehrlich, es war scheußlich. Ihr könnt eigentlich froh sein, dass es hier bis auf ein paar einzelne Ausnahmen niemanden interessiert."
„Warum dann die Nachricht?", fragte Tonks.
„Um euch zu warnen. Mad-Eye ist ja nicht der einzige, der so drauf ist im Orden. Ich dachte lieber erfahrt ihr es von mir als wenn euch irgendjemand direkt darauf anspricht. Sie sind halt altmodisch, diese Zauberer. Und ich weiß ja selbst wie ein einziges, schlechtes Gerücht einem die Laune verderben kann."
„Und wer weiß von dir?", fragte Tonks.
„Ich geh damit bestimmt nicht hausieren.", antwortete Sirius. „Und so soll es auch bleiben."
„Verstehe." Tonks trank einen Schluck ihres Weines. „Hattest du je jemanden?"
„Niemand den ihr kennt.", entgegnete Sirius und griff wieder zu seinem Schnapsglas.
„Tonks, du kannst sowas doch nicht fragen.", ermahnte Remus sie.
„Ich hab' ein Talent für Fettnäpfchen. Da wir eh schon beim Thema waren dachte ich, ich trete gleich noch in eins.", sagte sie.
Zu ihrer Überraschung fing Sirius an zu lachen.
„Der war gut.", sagte er. „Den muss ich mir merken."
Sie redeten noch lange. Am Ende lag Tonks mit dem Kopf an Remus Brust und er lehnte sich an ihren Kopf. Sirius war schon ins Bett gewankt.
Plötzlich tauchte im leeren Porträt über dem Kamin der alte Phineus Black auf. Ein ehemaliger Schulleiter von Hogwarts, hochdekoriertes Mitglied der Familie Black und ihr direkter Strang zu Dumbledores Büro in Hogwarts.
„Hallo? Wer da? Irgendjemand!?"
Tonks schreckte hoch und Remus erhob sich prompt.
„Ja. Ja, natürlich.", sagte er müde.
„So nicht! Es ist für mich schließlich auch schon die sechste Stunde!", meckerte Phineus.
„Was?", sagte Remus ungehalten.
„Folgende Nachricht: Arthur Weasley wird gleich bei euch eintreffen. Verwundet. Ihr sollt ihn versorgen und euch kümmern. Wie auch immer."
Phineus verschwand wieder im Rahmen des Portäts.
Remus hastete in den Flur und rief ein paar Mal nach Sirius. Kaum einen Augenblick später trat Kingsley aus dem Kaminfeuer mit einem schwer verletzten Arthur Weasley in den Armen. Er hatte mehrere klaffende Wunden am Körper und blutete wie ein abgestochenes Schwein. Es war ein Wunder, dass er noch nicht verblutet war.
Tonks bugsierte ihn mit Kingsley auf der Couch und versuchte die Blutungen zu stoppen. Auroreneinmaleins.
„Wir müssen ihn in ein Krankenhaus bringen.", sagte Tonks. „Was ist mit ihm passiert?"
Kingsley schwieg sich dazu aus. Das er nichts sagte bedeutete, dass er es auch nicht wusste.
In jenem Moment kam Sirius durch die Tür gewankt.
„Ihr glaubt gar nicht was ich für einen Kater … oh verdammt!"
Sirius stürzte auf Arthur zu.
„Hilfe ist unterwegs!", sagte Kingsley. „Sie müssten bald kommen."
Während sie warteten versuchte Tonks die Wunden magisch zu schließen. Es funktionierte nicht. Arthur hob den Kopf und versuchte ein Wort zu keuchen.
„Schl-Schlange.", sagte er und ließ den Kopf wieder nach unten fallen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchten weitere Leute vom Orden auf. Sie packten Arthur auf eine magische Trage und verschwanden mit ihm wieder im Flohnetzwerk durch den Kamin. Kingsley und die anderen folgten ihnen.
Zurück blieben nur Tonks, Remus und Sirius. Sie sah auf ihre blutverschmierten Hände. Keiner von ihnen tat die restliche Nacht noch ein Auge zu. Selbst Sirius, der immerhin betrunken genug dafür war.
Das Trio wartete auf Nachrichten, doch die kamen erst am Morgen in Form von Minerva McGonnagal an. Sie trat aus dem Kaminfeuer. Wie immer gekleidet in ihre smaragdgrüne Robe und mit dem Spitzhut auf dem Kopf. Offenbar kam sie direkt aus Hogwarts.
„Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat. Diese Nacht war ein fürchterliches Durcheinander.", sagte sie und sah in die übernächtigten Gesichter der drei. Ihres sah jedoch keineswegs besser aus.
„Arthur lebt.", sagte sie knapp. Tonks, Remus und Sirius atmeten erleichtert aus. „Das der gute Arthur Weasley noch lebt verdanken wir Mr Potter, der in dieser Nacht wohl eine Art Vision hatte."
„Eine was?", fragte Sirius.
„Sie haben schon richtig gehört. Meine Güte, Sirius, riechen Sie hier so?"
Tatsächlich mischte sich in seiner Gegenwart ein Geruch aus Schweiß und Singlemalt Whiskey zu einer unangenehmen Brühe zusammen. Der typische Geruch einer durchzechten Nacht.
„Ähm, wo war ich? Professor Dumbledore hat bisher nur Vermutungen. Es besteht jedoch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ein großer Legilimentor ihm Eingebungen gemacht hat. Mit anderen Worten, passen Sie auf, was Sie in Potters Gegenwart sagen. Die Sicherheit des Ordens darf nicht durch unbedachte Äußerungen gefährdet werden. Haben Sie mich verstanden, Mr Black?"
Sirius winkte ab. Er saß in seinem Sessel und stützte den Kopf auf seine Hände.
Minerva nickte ihnen zu und verschwand wieder durch den Kamin.
„Du stinkst aber wirklich.", sagte Remus.
„Ich will mal sehen wie sie nach einer Flasche Hochprozentigem riecht.", antwortete Sirius.
„Pass lieber auf was du dir wünschst.", entgegnete Remus. „Zur Hogwartsweihnachtsfeier vor zwei Jahren hat sie alle Lehrer unter den Tisch getrunken. Selbst Snape, und der verträgt ne Menge."
„Näh.", machte Sirius und erhob sich. Er schwankte zurück in den Flur. Plötzlich hörten sie es poltern.
„Scheißdreck! Verdammt nochmal!", hörten sie Sirius rufen.
Offenbar hatte er das Trollbein vergessen.
„Wenigstens bin ich es diesmal nicht.", sagte Tonks und machte sich auf den Weg das keifende Porträt von Mrs Black zum Schweigen zu bringen.
Sirius lag volltrunken in seinem Bett, jedoch konnte er nicht schlafen. Er wusste selbst, dass der Alkohol ihn nur in seinen düsteren Momenten betäubte. Und davon hatte er, seitdem er in den Grimmauldplatz zurückgekehrt war, jede Menge. Dieser Ort erinnerte ihn an alles, was er am Liebsten vergessen würde. An seine herrschsüchtige Mutter, seine völlig vom Reinblutwahn erfüllten und durchgedrehten Verwandten. Er konnte damit nie etwas anfangen. Wahrscheinlich war er deshalb auch der einzige Gryffindor in seiner Familie gewesen.
Sirius war in Harrys Alter als er endgültig aus diesem Alptraum floh, seine Sachen packte und einfach zu James zog. Wahrscheinlich ein Anfall pubertären Trotzes, aber vermutlich eine Entscheidung, die sein Leben rettete. Damals bemerkte er auch zum ersten Mal, dass er mit Mädchen gar nichts anfangen konnte und entwickelte eine verliebte Schwärmerei für seinen besten Freund. James machte ihm schon zeitig klar, dass das mit ihnen nichts werden würde. Sie blieben beste Freunde, aber manchmal ließ James eine gewisse Distanzierung durchblicken, die einfach sehr typisch war für die Zaubererschaften.
Sirius hatte gelernt sich zu verstellen und jemanden zu spielen, der er nicht war. Diese Rolle war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er verstand Tonks' Wut und Remus' Rückzug aus der Welt nur zu gut. Wäre er nicht in Askaban gelandet, wer weiß was er noch hätte erdulden müssen. Im Gefängnis hatte er jedoch ganz andere Probleme als seine sexuelle Orientierung.
Remus konnte sich glücklich schätzen. Er hatte wenigstens jemanden mit dem er schlafen und seine Sorgen teilen konnte.
Sirius drehte sich um und vergrub sein Gesicht im Kissen. Schon komisch wie das nach all den Jahren wieder in ihm hoch kam. In Askaban hatte ihn der Hass genährt, jetzt fühlte er sich nutzlos und verlassen. Sirius bewunderte Tonks' Mut sich zu Remus so offen zu bekennen, doch es würde nichts nützen. Am Ende erwartete sie alle das gleiche Trauerspiel.
