Die nächsten Wochen vergingen für Remus und Tonks in einer gewissen Routine. Er kümmerte sich um die Hütte während sie im Ministerium arbeitete. Ab und an schlugen sie im Grimmauldplatz auf, um sich über die aktuelle Lage zu informieren. Und die Abendstunden verbrachten Remus und Tonks gerne damit miteinander zu schlafen. So ließen sich die regelmäßigen, schlechten Nachrichten von der Front besser aushalten. Auch seine Verwandlungen ertrug Remus mittlerweile wesentlich besser, wenn er wusste, dass jemand da war, der sich in den schweren Stunden um ihn sorgte.
Zu Weihnachten hatte Mrs Weasley ein kleines Festessen für die Ordensleute organisiert. Im wesentlichen nahmen jedoch nur Harry und seine Freunde, die Weasleys und einige Ordensleute wie Kingsley, Sirius und natürlich Remus und Tonks teil. Die anderen arbeiteten oder – wie im Falle von Snape – interessierten sich nicht für derartige Anlässe.
Am Kopf des langen Tisches saß Arthur, der entgegen vieler, schlechter Prognosen das Krankenhaus mittlerweile wieder verlassen hatte. Diese Feier war auch für ihn.
Die Stimmung war ausgelassen und Sirius fraß sich sprichwörtlich durch jeden von Mrs Weasleys Kuchen, den sie mitgebracht hatte.
„Du frisst ja wie ein Scheunendrescher!", bemerkte Remus an seinen Freund gewandt.
„Unter der Woche muss ich mit Minervas Ingwerkeksen überleben."
„Du hast ja zum Glück keine Küche.", bemerkte Tonks.
„Damit Kreacher mich vergiften kann? Auf keinen Fall!", sagte Sirius und tat sich noch etwas Himbeer-Schoko-Kuchen auf. „Ich weiß wirklich nicht wie Molly das alles kocht."
„Frag sie doch mal.", meinte Tonks.
„Nein.", machte Sirius verschwörerisch. „Dann ist ja die Vorfreude weg. Ich will das ja genießen. Apropos, wie geht's es euch beiden?"
„Wie soll es uns schon gehen?", fragte Remus.
„Ihr wart in letzter Zeit relativ ruhig. Ich will nur nicht, dass ich was verpasse."
„Wie in Dreiteufelsnamen kann man bloß so neugierig sein, Sirius?", sagte Tonks und schüttelte lächelnd den Kopf.
„Ich bin halt eine Tratschtante. Muss an den ganzen Frauen in der Familie liegen."
„Jetzt stell ich mir gerade vor wie Bellatrix tratscht.", sagte Remus.
„Oh, tu das nicht. Am Ende stirbt noch jemand!"
Tonks prustete los. Sie war Bellatrix Lestrange nie persönlich begegnet, aber sie kannte alle Geschichten über diese komplett durchgeknallte Todesserin. Ihre Bösartigkeit und vor allem ihre sadistischen Foltermethoden waren an der Aurorenakademie legendär. Sie war quasi das Abziehbild aller Todesser. Sich vorzustellen wie so jemand beim Kaffeeklatsch saß war auf eine beängstigende Weise amüsant.
„Uns geht es gut.", sagte Remus schließlich. „Besser."
Tonks sah zwischen Sirius und Remus hin und her. Sie sah den beiden förmlich an, dass sie am Liebsten alles ausgetauscht hätten, aber es lieber nicht in ihrem Beisein taten.
„Na kommt, ihr Klatschguschen, irgendwas, was ich nicht hören darf?", sagte Tonks und die beiden sahen sie an als habe sie sie beim Klauen von Süßigkeiten erwischt.
„Na ja, also ...", begann Sirius. Es hatte ihm tatsächlich die Sprache verschlagen.
„Es ist ganz einfach Sirius.", sagte Tonks. „Ich liebe diesen alten Werwolf hier. Ich bin offensichtlich um einiges jünger, was mich nicht die Bohne interessiert. Genauso wenig interessiert es mich, dass er ein Werwolf ist, klar? Und ja, ich schlafe mit ihm und es ist mir egal, was irgendeiner dieser Anstifter im Hintergrund dazu sagt, die immer nur dich vor schicken. Das wird langsam wirklich peinlich, Sirius!"
Remus lehnte sich zurück und lächelte in sich hinein. Sirius saß nur völlig verdattert da und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Wer war es?", fragte Tonks. „Mad-Eye?"
„Auch.", gab Sirius kleinlaut zu.
„Wer noch? Jemand, der hier am Tisch sitzt?"
„Vielleicht.", wisch Sirius aus. „Willst du nicht viel lieber noch etwas von diesem fabelhaften Kuchen kosten?"
„Hör auf abzulenken!", sagte Tonks mit schneidender Stimme.
„Ist das hier ein Verhör?", fragte Sirius.
„Warte nur bis ich die Folterinstrumente raushole!", sagte Tonks. Sirius sah sie erschrocken an und Tonks begann herzlich zu lachen. „Du solltest mal dein Gesicht sehen!"
„Remus, Sie ist echt fies!", sagte Sirius ernst, doch auch Remus musste lachen als er das Gesicht seines Freundes sah.
„Ja, ja, Hauptsache ihr habt Spaß!", sagte Sirius und verdrehte die Augen. Er schwieg einen Augenblick, doch dann packte es ihn wieder. „Ich frage jetzt als Freund, okay? Wie geht es euch? Ehrlich, Tonks, ich will nur bescheid wissen, falls ihr was braucht."
„Ist schon gut.", sagte Remus an Tonks gerichtet. „Mir geht es besser, Sirius. Die Verwandlungen sind dank ihr ..." Er sah zu Tonks. „... aushaltbar geworden."
„Das ist schön.", sagte Sirius. „Wirklich, ich freu' mich für euch beide. Du siehst auch nicht mehr so fertig aus, wenn ich das sagen darf."
„Die Sache mit Arthur hat uns zu schaffen gemacht.", sagte Tonks.
„Ja, mir auch.", entgegnete Sirius.
„Nein, du verstehst nicht.", sagte Tonks. „Ich dachte in dem Moment es geht los. Dass am nächsten Tag der Krieg ausbricht und wir alle sterben werden. Ich kann es ehrlich gesagt nicht fassen, dass es so ruhig geblieben ist."
„Ihr wisst, dass der Orden zur Zeit alles tut, um genau das zu verhindern.", sagte Sirius.
„Ja, aber man sieht davon nichts. Du bist hier eingesperrt. Ich sorge im Namen von Dumbledore dafür, dass uns allen nicht die Decke auf den Kopf fällt. Und Tonks tut, was Auroren nun mal so tun.", sagte Remus.
„Was nicht sehr viel ist.", wandte Tonks mit einer gewissen Frustration in der Stimme ein.
„Ja, ich weiß. Harry schreibt mir immer alles. Ich versuche ihn immer aufzumuntern, dass er nichts falsch gemacht hat."
„Fudge ist eine Plage!", gab Tonks zu bedenken.
„Das sind aber keinen netten Worte über den Chef.", entgegnete Sirius.
„Er war schon immer ein Einfallspinsel, aber das was er mit Harry abzieht ist einfach die Höhe!", sagte Tonks. „Und wir Auroren dürfen den ganzen Quatsch dann ausbaden. Am schlimmsten ist aber seine Assistentin. Wie heißt sie gleich?"
„Umbridge.", grollte Sirius.
„Ich kenne sie auch. Flüchtig. Sie hat vorher das Ressort für Tiermenschenangelegenheiten geführt.", sagte Remus.
„Oh oh!", machte Tonks.
„Du sagst es.", entgegnete Remus.
„Sirius!", rief Molly Weasley von der anderen Seite des Tischs. „Kommst du mal!?"
„Oh je, die Pflicht ruft.", sagte Sirius und ging in Richtung Mrs Weasley davon.
„Sieht nicht so aus als würden die anderen uns noch groß brauchen.", bemerkte Remus.
„Denkst du das Gleiche wie ich?", fragte Tonks.
„Vielleicht.", antwortete Remus.
Tonks erhob sich und streckte ihm ihre Hand entgegen. Remus ergriff sie und sie disapperierten – unglücklicher Weise direkt in einen Schneehaufen.
„Das hatte ich anders in Erinnerung.", sagte Tonks als sie sich zusammen mit Remus aus den Schneemassen hinter dem Haus kämpften. Remus begann herzhaft zu lachen und hielt Tonks am Arm fest.
„Frohe Weihnachten und so.", sagte er und küsste sie.
Sie gingen nach drinnen. Anders als im Grimmauldplatz war hier nichts geschmückt. Warum auch? Remus lebte bis vor ein paar Monaten noch völlig allein hier.
Im Flur klopften sie sich den Schnee ab und zogen ihre Jacken aus. Remus ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Er ließ seinen Kopf nach hinten fallen und machte ein angestrengtes Geräusch. Tonks gesellte sich zu ihm. Sie hatte eine dicke Wolldecke dabei, die sie über sie beide warf.
Im Winter war die Hütte ganz anders. Die Balken knarzten mehr, es war allgemein dunkler und vor allem kälter. Tonks nahm Remus' Arm und kuschelte sich an ihren Werwolf.
„Wie mich das alles manchmal anödet.", sagte Remus. „Als könnten sie uns nicht einfach in Ruhe lassen."
Zwar hatten sie Sirius aufgezogen, doch sie kannten diese Art von Befragungen mittlerweile. Einmal im Monat mindestens.
„Bestimmt hat Dumbledore seine Finger im Spiel.", sagte Remus müde. „Der steckt seine Nase auch immer in Sachen, die ihn nichts angehen."
Remus hatte Dumbledore viel zu verdanken, aber manchmal war er einfach nur eine penetrante Nervensäge. Er hatte das ja schon öfter mit ihm durch.
Tonks legte ihren Kopf an seine Schulter.
„Du hast noch Schnee im Haar.", sagte Remus und wischte ihre die letzten Flocken weg.
Sie saßen noch eine ganze Weile so da. Aneinander gekuschelt und friedlich. Schließlich sah Remus auf seine Uhr.
„Es ist Zeit.", sagte er und erhob sich allmählich.
Tonks tat es ihm nach und folgte ihm ins Bad. Dort zog er sich aus und warf den Bademantel über. Tonks gab ihm die Decke, die sich um die Schultern warf, und reichte ihm aus dem Regal ein Fläschchen Wolfsbanntrank.
„Cheers!", sagte Remus und trank auf Ex. Er schüttelte sich.
Sie hatten es in den letzten zwei Monaten geschafft den Umgang mit Remus' Verwandlungen etwas zu routinieren. Tonks hatte ihn auch überredet sich schon oben auszuziehen. Dann ging sie mit Remus zusammen in den Keller und verabschiedete ihn mit einer Umarmung.
„Ich liebe dich.", sagte er bevor er die Tür schloss und verriegelte.
Tonks ging nach oben und holte den Verbandskasten aus dem Schrank im Bad. Sie stellte ihn griffbereit an die Kellertür. Oben setzte sie sich aufs Sofa, wickelte sich in eine weitere Decke ein. Nach einer Weile hörte sie Remus' schreien. Immer wieder und immer lauter. Es waren entsetzliche schmerzverzerrte Schreie. Tonks ertrug es, obwohl es ihr das Herz zerriss.
Sie hatte auf Arbeit zum Thema Lykanthrophie recherchiert. Nicht nur, was in den Lehrbüchern stand, sondern vor allem auch den Krankheitsverlauf. Es gab in den Archiven des St. Mungos tonnenweise Fallakten. Dabei stolperte sie auch über die von Remus. Er war lange in Behandlung gewesen brach dann aber irgendwann vor zwei Jahren den Kontakt zu seinen Ärzten abrupt ab. Tonks wusste mittlerweile dass das die Zeit war nachdem er als Lehrer in Hogwarts war. Damals erlitt er einen schweren Rückfall, der ihn auch wieder in eine tiefe Depression gleiten ließ. Sie hatte die Geschichte aus Sirius raus gekitzelt, der damals ebenfalls dabei war.
Der Krankheitsverlauf war fast immer tödlich. Es gab nur wenige Werwölfe, die ein hohes Alter erreichten. Bei den meisten versagten vorher die inneren Organe, die die ständigen Transformationen irgendwann nicht mehr durchhielten.
Tonks verstand mittlerweile seine Verbitterung und seine Angst davor je wieder jemanden an sich heran zu lassen. Das Leben war nicht gerade gnädig zu ihm. Trotzdem würde sie ihm nicht von der Seite weichen. Was auch immer geschehen war und was immer er durchleiden musste, sie würde dafür sorgen, dass er es durchstand.
Am frühen Morgen hörte sie wie er ihren Namen rief. Alarmiert sprang Tonks auf und schnappte sich den Arztkoffer. Remus rief sie sonst nie.
Tonks lief die Kellertreppe hinab und öffnete mit einem Schwung ihres Zauberstabes die Tür. Auf dem Boden lag Remus in einer Blutlache. Sie stürzte auf ihn zu und drehte ihn um. Er hatte sich bei seiner Verwandlung offenbar die Brust aufgeschlitzt.
Tonks ließ die Angst in ihrem Kopf nicht zu. Das war wie wenn sie im Einsatz war. Erst handeln, dann denken. Sie zog ihn auf die Beine und schleppte ihn nach oben. Seine Füße hinterließen eine Blutspur quer durchs Haus. Oben hievte sie ihn in die Badewanne und wusch ihm das Blut ab. Anschließend verband sie ihm die große Wunde quer über seinen Torso. Sie schleppte ihn ins Bett und deckte ihn zu.
Remus bekam von alldem nichts mit. Er war im Delirium und sagte immer zu leise ihren Namen. Tonks wusste, dass sie ihn in diesem Zustand keinesfalls alleine lassen konnte. Sie holte ein Fläschchen aus dem Arztkoffer und zog die klare Flüssigkeit daraus auf eine Spritze. Sie injizierte ihm den Inhalt in den Arm. Damit würden zumindest seine Schmerzen erträglicher sein.
Tonks legte sich neben ihn hin und strich ihm sanft durch das Haar. Mehr konnte sie im Augenblick nicht für ihn tun.
Als Remus erwachte tat ihm jeder Knochen in seinem Körper weh. Er lag im Bett und Tonks hatte sich an seine Seite gekuschelt. Ohne sie läge er jetzt vermutlich immer noch mit einer Unterkühlung im Keller. Wie es schon so oft geschehen war.
Remus setzte sich auf und betastete den Verband an seiner Brust. Dieses mal war es selbst für seine Verhältnisse schlimm gewesen. Unsicher auf den Beinen tapste er ins Bad und legte den Verband ab. Die Wunde auf seiner Brust war tief und blutete noch immer nach.
„Du sollst das doch nicht alleine machen.", hörte er Tonks strenge Stimme hinter sich.
„Sorry, alte Gewohnheit.", sagte er und ließ sich von ihr beim neu verbinden der Wunde helfen.
Remus zog sich an und legte sich erschöpft auf das Sofa. Tonks deckte ihn zu.
„Du wärst bestimmt auch eine gute Krankenschwester.", sagte er zu ihr.
„Nein, dafür bin ich viel zu aggressiv.", gab Tonks lächelnd zu.
Remus bekam den Tag kaum mit. Er schlief den überwiegenden Teil auf der Couch und wachte nur kurz auf. Manchmal dauerte es Tage bis er aus diesem Zustand wieder komplett zu sich kam. So auch dieses Mal. Am Zustand der Wohnung sah er, dass Tonks hier gewesen war. Auf dem Tisch fiel ihm ein Buch mit einem Lesezeichen auf. Es war ein Leitfaden über Lykanthrophie. Natürlich war ihm klar, dass Tonks sich mit der ganzen Sache beschäftigte. Er nahm das Buch und schlug es an der markierten Stelle auf. Es ging gerade um die Abbauerscheinungen eines Werwolfs. Schnelleres altern, versagen einzelner Organe, Lähmungen. Die ganze Palette an Begleitererscheinungen, die ihn irgendwann noch erwarten würden.
Remus schlug das Buch zu und legte es zurück. Er trug es ihr nicht nach, dass sie sich schlau machte. Er selbst sprach ja ohnehin nicht gern darüber, obwohl ihm jeder Arzt von Anfang an klar gemacht hatte wo das Dasein eines Werwolfes frühzeitig endete. Mittlerweile hatte er jedoch einen Punkt erreicht an dem er es nicht mehr wissen wollte. Die wenige Zeit, die ihm vermutlich noch blieb wollte er nicht mit Trübsinnigkeit über seinen Zustand verschwenden. Er hatte bereits vor sehr langer Zeit akzeptiert, dass er so enden würde. Remus wollte nur nicht andere noch mit seinem Zustand belasten, deshalb hatte er sich auch in die Wildnis zurück gezogen. Im Fall der Fälle wäre er lieber alleine gestorben. Es war schon seltsam. Wie eine Art schleichender Suizid, den er selbst schon längst akzeptiert hatte.
Tonks hingegen hatte ihm neue Hoffnung gegeben. Dass er vielleicht doch noch glücklich sein könnte, bevor das Ende kommt. Und er wollte glücklich sein. Davon abgesehen gab es vermutlich keine bessere Ablenkung von seinem Zustand.
