Kapitel 1.02 – Rekonvaleszenz
Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, als Granger ihn weckte. Brutal. Ein singender Hauself wäre rücksichtsvoller gewesen als das, was sie mit ihrem Zauberstab veranstaltete. Und es tat seinem pochenden Kopf nicht gut. „Man sollte Ihnen das Ding wegnehmen", nuschelte er. Hustete und rümpfte die Nase. In seiner Brust brodelte es noch immer.
Aber er war nicht mehr im Flur auf dem Boden. Er lag in einem Bett. Blinzelte. Und das Zimmer, in dem dieses Bett stand, war abgedunkelt, also hatte sie vielleicht doch ein bisschen Mitgefühl für seinen lädierten Zustand.
„Schön, dass Sie wieder unter den Zurechnungsfähigen weilen", erwiderte Granger in diesem Moment. Sie saß ihm gegenüber an einem kleinen Tisch, ein Bein über das andere geschlagen, beobachtete ihn.
Severus setzte sich auf. Beziehungsweise versuchte er es, bis sein Körper ihn daran erinnerte, in was für einem miserablen Zustand er sich befand. Er konnte noch nicht mal einen Schrei unterdrücken, ehe er auf die Matratze zurücksank. Das Zimmer drehte sich um ihn.
Granger sah ihn gleichmütig an. „Sie sollten liegen bleiben, Sir."
„Tatsächlich?", fragte er hohl.
„Ich habe bisher nur die Brüche und Hautverletzungen heilen können … weitestgehend jedenfalls, einiges braucht noch Zeit. Und für den Rest brauche ich Sie bei Bewusstsein."
„Das haben Sie ja nun erreicht", grollte er und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Es fühlte sich tatsächlich wieder an wie sein Gesicht und nicht mehr wie der unförmige Klumpen, den Mulciber, Rookwood und ein paar halbe Kinder, die er nicht kannte, daraus gemacht hatten. An anderen Stellen seines Körpers war die Heilung nicht ganz so erfolgreich gewesen, auch wenn die Schmerzen, die er jetzt hatte, kein Vergleich mehr waren zu vorher. „Was werden Sie jetzt tun?", wandte er sich wieder Granger zu.
„Ich werde erst mal gar nichts tun. Sie sind dran. Als erstes werden Sie den Trank nehmen, der ganz links auf Ihrem Nachtschrank steht."
Severus reckte den Kopf und kniff die Augen zusammen, bis er scharf sehen konnte. Drei Phiolen standen auf besagtem Nachtschrank. In der Dunkelheit des Zimmers konnte er keine Farben unterscheiden, also streckte er eine zitternde Hand danach aus, zog den Korken aus dem Flaschenhals und roch daran. „Blutbildungstrank", murmelte er.
„Bravo, Ihre Fähigkeiten existieren noch."
Severus' Augenbrauen zuckten, aber er sah sie nicht an. Was war bloß mit ihr passiert in den letzten zwei Jahren? Er würde das rausfinden. Später. Jetzt setzte er erst mal die gläserne Flasche an den Mund und trank sie in einem Zug aus. Der Trank schmeckte metallisch, leicht salzig, und seine Wirkung trat schnell ein. Der Schwindel legte sich, die Kopfschmerzen ließen etwas nach, sein Puls flatterte nicht mehr so sehr.
„Und nun?", fragte er.
„Der nächste Trank in der Reihe."
Er stellte die leere Phiole weg und griff nach der nächsten. Auch diese entkorkte er, um den Trank einer Geruchsprobe zu unterziehen. Er knurrte. „Sie waren etwas großzügig mit dem Pfeffer, Miss Granger."
Sie zuckte mit den Schultern. „Das bleibt vermutlich die einzige Gelegenheit, bei der ich Sie jemals mit dampfenden Ohren sehen werde, Sir. Ich will das genießen."
Nun wandte er ihr doch den Kopf zu. Ein mitleidloses Lächeln lag auf ihren blassen Lippen. Er sah wieder weg und leerte auch die Phiole mit dem Aufpäppeltrank. Die Kopfschmerzen verschwanden endgültig, er konnte leichter atmen und fühlte sich nicht mehr so überhitzt. Dafür schoss besagter Dampf aus seinen Ohren. „Zufrieden?", fragte er.
„Sehr." Sie schmunzelte.
Diesmal fragte er nicht, bevor er nach der dritten Phiole griff. Sie enthielt mehr von dem Schmerztrank, den sie ihm schon draußen in der Hütte gegeben hatte. „Glauben Sie, das wird meine Probleme lösen?"
„Nein. Aber er wird sie dazu befähigen, sich auf den letzten Trank vorzubereiten."
Severus verdrehte die Augen und leerte auch diese Phiole, nicht ohne ihr vorher damit zuzuprosten. Als er sich diesmal aufsetzte, hielt sein Körper ihn nicht davon ab. Die dünne Decke rutschte ihm in den Schoß, ihm wurde kalt. Sie hatte es versäumt, ihm nach der Wundversorgung etwas anzuziehen.
Sein Blick glitt zum ersten Mal durch das Zimmer. Es war spartanisch eingerichtet. Ein Kleiderschrank, daneben der Tisch, an dem sie saß, zwei Stühle. Auf der anderen Seite das Bett und der Nachtschrank. Ein kleines Regal neben der Tür zu seiner Rechten. Abgenutzte Vorhänge verbargen das Fenster auf der linken Seite des Zimmers. Ihm gegenüber gab es eine Tür, von der er vermutete, dass sie in ein Bad führte.
„Wie geht es Ihnen, Miss Granger?", fragte er, als sein Blick wieder bei ihr landete. Sie hatte sich auch verletzt bei ihrer Flucht.
„Bestens", sagte sie. Ihr Gesicht blieb leer.
„Nun, dann sind wir schon zwei." Er hustete, wobei ihm trotz des Schmerztrankes der ganze Brustkorb wehtat.
„Nein, Sir, Ihnen geht es selbst jetzt noch beschissen. Ihre Milz blutet, Ihre Leber blutet, Ihre Lunge ist verletzt von den gebrochenen Rippen, die ich bereits geheilt habe … Das ist quasi das Gegenteil von bestens."
„Sonst noch was?", grollte er.
„Ein paar Ihrer Wunden brauchen noch eine längere Behandlung. Alles andere … hab ich bereits geheilt." Ihre Stimme wurde merkwürdig weich, als sie den letzten Satz aussprach, und in ihrem Blick lag zum ersten Mal etwas anderes als Gleichgültigkeit oder Abscheu. Zum ersten Mal seit ihrer letzten Begegnung vor über zwei Jahren flackerte Mitgefühl durch das helle Braun.
Alles andere … Alles. Severus schluckte und senkte den Blick. Sein Herz schlug heftig, als er glaubte, es wieder spüren zu können. Nein. Nein, nein, nein. Nein! Er griff sich an die Nasenwurzel, drängte die Bilder zurück, die ihn zu überkommen drohten. „Woher können Sie das alles?", fragte er und verdammt! Seine Stimme klang … seltsam. Er räusperte sich.
„Ich habe eine Ausbildung zur Heilerin bei Madam Pomfrey absolviert."
„In zwei Jahren?" Er zog eine Augenbraue in die Stirn.
„Anderthalb." Sie reckte kaum merklich das Kinn. „Aufgrund der Umstände durfte ich meine Prüfung vorziehen. Praxiserfahrung hatte ich genug."
„Und?"
„Klassenbeste."
Severus schnaubte. „Natürlich."
Granger stand auf. „Ziehen Sie sich den Schlafanzug an, während ich Ihnen etwas zu essen mache", sagte sie und deutete im Vorbeigehen auf einen schwarzen Stoffhaufen am Fußende des Bettes.
„Ich habe keinen Hunger."
Sie blieb bei der Tür stehen und sah ihn an. „Ihre Entscheidung. Ich nehme an, Sie kennen die Tränke zum Heilen von inneren Verletzungen?"
Severus schloss die Augen. Natürlich kannte er die. Er hatte die Wahl zwischen langsam und schmerzhaft oder schnell und Übelkeit erregend. Schon beim Gedanken an letzteres zog sich ihm der Magen zusammen. „Ja, die kenne ich", sagte er hohl.
„Und, für welchen entscheiden Sie sich?"
Er sah sie nicht an. „Ich ziehe eine halbe Stunde Übelkeit zwölf Stunden Schmerzen vor."
„Ja, das dachte ich mir." Es klang gelangweilt. „Also … möchten Sie vorher etwas essen?"
Severus nickte und hörte, wie sie ging. Stille legte sich über das Zimmer. Aber nicht über seinen Geist. Schreie, seine eigenen … Schmerzen … Crucio … und dann …
Nein!
Severus holte tief Luft, leerte seinen Verstand. Er würde nicht dorthin zurückkehren.
Mit zitternden Beinen stand er auf und tat, was Granger ihm gesagt hatte: Er zog sich an. Und hoffte, dass seine verdammten Ohren bald aufhören würden zu dampfen!
Die Suppe, die Granger ihm brachte, war kräftig und nahrhaft. Sein Magen knurrte, kaum dass er sie gerochen hatte. Er saß ihr gegenüber am Tisch. Sie hatte einige Pergamente vor sich liegen und beachtete ihn nicht. Severus reckte den Kopf, aber ihre Schrift war immer noch so klein, dass er über Kopf nichts erkennen konnte. Ihr Tagebuch würde es aber wohl kaum sein.
Nachdem er seinen ersten Hunger gestillt hatte, aß Severus langsamer und musterte sie. Sie saß leicht nach vorne gekrümmt, vermutlich noch immer die Nachwirkungen des Sturzes, über den sie sich zu reden weigerte. Was auch immer sie sich dabei getan hatte, es ließ sich anscheinend nicht so schnell heilen.
„Hören Sie auf, mich zu beobachten", sagte sie in diesem Moment ohne aufzusehen.
„Mir bleibt nichts anderes übrig, Sie reden ja nicht mit mir."
Sie hob den Blick. „Was wollen Sie denn wissen?"
„Was tun wir hier? Wie lange bleiben wir hier? Und was ist der Plan?" Der Löffel schwebte zitternd über seinem Teller. Als Grangers Blick darauf fiel, legte Severus ihn weg.
„Der Plan ist, dass wir hier sind. Ich weiß nicht für wie lange. Es gibt ein paar Gesellschaftsspiele, viele Bücher und ein Labor im Keller, das Sie sicherlich interessieren wird, sobald Sie wieder auf den Beinen sind." Noch während sie sprach, senkte sie wieder den Blick auf ihr Pergament und schrieb weiter.
Ein Muskel unter seinem Auge zuckte. „Reden wir von Tagen oder Wochen?"
„Hm?" Sie runzelte die Stirn.
„Die Dauer unseres Aufenthalts!", sagte Severus ungeduldig.
„Oh. Eher Monate", entgegnete sie gleichmütig.
Severus schloss die Augen. Monate. In diesem Haus. Nur mit ihr. Mit dieser Version von ihr. „Das war Albus' Idee, nicht wahr?"
„Natürlich."
„Erzählen Sie mir mehr", forderte er.
Granger seufzte und legte die Feder weg. „Der Zauber, den ich gestern aktivierte, schottet dieses Haus und den Garten drum herum komplett von der Realität ab. Es gibt keinen Weg rein und keinen Weg raus, solange der Zauber nicht aufgehoben wird. Nur Professor Dumbledore kann dies tun und er wird es erst tun, wenn die Todesser allesamt tot oder verhaftet und in Askaban sind."
„Das kann Jahre dauern!"
„Sie sollten anfangen zu beten, dass es schneller geht", erwiderte sie trocken und wandte sich wieder ihren Pergamenten zu.
Er rieb sich die Stirn. Der Appetit war ihm endgültig vergangen. „Was bezweckt Albus damit?"
Nun stöhnte sie tatsächlich und legte den Kopf in den Nacken. Dabei rutschten ihr die Haare aus dem Gesicht und die Narbe, die er bereits in der Hütte gesehen hatte, fiel ihm wieder ins Auge. Sie zog sich direkt am Haaransatz entlang. Sein Blick zuckte zu ihren Augen zurück, als sie sagte: „Er hielt es für das Beste. Sie sind ein permanentes Ziel für die Todesser. Hier sind Sie sicher, ohne dass er sich ständig um Ihre Sicherheit kümmern muss. Er wollte Sie aus dem Weg räumen, damit der Orden freier agieren kann."
„Die Todesser wissen doch, wo ich bin. Sie sind uns hierher gefolgt. Lucius wird einen Weg hier rein finden." Und wenn es das Letzte war, was er tat.
„Zwischen den Zaubern, die ich gestern aktivierte, war auch ein Fidelius-Zauber. Außer Professor Dumbledore weiß niemand mehr, wo wir sind."
Severus runzelte die Stirn. Gut, Albus hatte ihn also aus dem Weg geräumt. Das konnte er nachvollziehen. Aber Granger? „Und warum sind Sie hier?", fragte er deswegen.
„Weil ich dumm genug war, diesen Auftrag anzunehmen." Der Verdruss, mit dem sie es sagte, verschlug ihm kurz die Sprache.
„Was habe ich Ihnen getan, Miss Granger?"
Sie presste die Lippen aufeinander. „Machen Sie sich nicht lächerlich", sagte sie leise und wandte den Blick ab.
„Bitte?"
„Wir haben uns seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen. Wie können Sie glauben, dass Sie die Macht hätten, mir wehzutun?"
Er zog die Augenbrauen hoch. „Irgendetwas hat Ihnen jedenfalls wehgetan …"
Ihre Augen wurden schmal. „Als ob Sie das interessieren würde." Sie stand auf, wobei sie sich so hart auf dem Tisch abstützte, dass dieser zu zittern begann. „Bleiben wir doch einfach bei distanziert und bissig, das ist wenigstens ehrlich", fügte sie hinzu.
Severus sah ihr mit gerunzelter Stirn dabei zu, wie sie eine kleine Phiole vom Schrank nahm und den Inhalt schwenkte, bis er gründlich durchmischt war. Sie stellte sie vor ihm auf den Tisch. „Trinken Sie! Je eher wir anfangen, desto schneller haben wir es hinter uns."
Ohne seine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und ging auf die Tür neben dem Tisch zu. Severus lehnte sich zur Seite und konnte ein kleines Stück des Raumes dahinter erkennen. Er sah die Rundung eines Waschbeckens. Es war also tatsächlich ein Badezimmer.
Er stand auf, schnappte sich den Heiltrank und ging zum Bett zurück. Es war nicht seine erste Erfahrung mit diesem Trank; für gewöhnlich gab es nach Abklingen der Übelkeit nicht mehr viel, das ihn noch aufrecht hielt. Er zog es vor, dann nicht vom Stuhl zu kippen.
Granger kehrte kurz darauf mit einem Eimer zurück, stellte ihn vor ihm auf den Boden und zog eine weitere Phiole aus ihrer Tasche, die sie allerdings selbst leerte. Severus hatte gerade den letzten Rest seines Trankes geschluckt und beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. Dann verzog er das Gesicht und stellte die nun leere Glasflasche auf den Nachtschrank. „Vielen Dank, Sie können dann gehen", sagte er und wappnete sich gegen die kommende Übelkeit.
Granger schnaubte laut. „Kommt gar nicht in Frage. In diesem Zustand würde ich Sie nicht mal eine Aspirin ohne Aufsicht nehmen lassen, geschweige denn dieses Zeug!"
Er sah sie irritiert an. „Aspirin?"
Sie wedelte mit der Hand durch die Luft. „Vergessen Sie's. Ich werde jedenfalls hier bleiben."
„Das werden Sie nicht!" Er würde nicht vor ihr erbrechen! Dass sie seine Wunden geheilt hatte … alle Wunden … war schon schlimm genug. Er würde sich nicht noch mehr vor ihr entblößen.
„Das werde ich! Stellen Sie sich nicht so an, Harry und Ron haben es auch überlebt." Ihr Blick flackerte.
Severus stöhnte. Es fühlte sich an, als würde sich etwas in seinem Körper bewegen. Der Trank begann zu wirken.
„Bitte, gehen Sie, Miss Granger!" Er presste sich die Hand in den Bauch, als könne er so festhalten, was dort rumorte. Als könne er so verhindern, was gleich passieren würde.
„Nein", sagte sie und hielt ihm den Eimer vors Gesicht. Sie stand direkt neben ihm.
So nah.
Severus riss ihr den Eimer aus der Hand und drehte sich von ihr weg, auch wenn die Bettkante ihm nicht viel Spielraum gab. Sein Magen hob sich und so sehr er es auch versuchte, er konnte sich nicht dagegen wehren. Er senkte seinen Kopf in den Eimer, so tief er konnte; wenn sie schon hörte und roch, was dieser Trank ihm antat, konnte er zumindest versuchen, es sie nicht sehen zu lassen.
Minutenlang konnte er kaum atmen, weil er so heftig würgte. Sein Bauch, seine Brust fühlten sich an, als würden Schlangen sich darin umeinander winden. Bald tat ihm der Hals weh, bald stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Sein Magen war längst leer, aber dieses Gefühl, als würde jemand seine Organe durcheinander wühlen, ließ einfach nicht nach.
„Evanesco! Vergessen Sie das Atmen nicht, Sir!", sagte sie neben ihm. Immer noch so nah. Das einzig Gute daran war, dass sie immer wieder den Eimer leerte.
Er rang nach Luft, bevor sein Magen sich ein weiteres Mal zusammenzog. Dieses Gefühl, dieses Erbrechen mit leerem Magen … Es beschwor Bilder herauf, die er nicht sehen wollte. Es beschwor Schmerzen herauf, die längst vergangen waren. Er versuchte, seinen Geist zu leeren, aber er konnte sich nicht konzentrieren.
Nein!
Meister Dendron, dachte er, Meister Dendron, das Labor, der Trank. Er wiederholte diese sechs Worte in seinem Kopf wie ein Mantra. Meister Dendron, das Labor, der Trank. Er hielt sich daran fest wie ein Ertrinkender an einer Planke. Meister Dendron. Das Labor. Der Trank.
Zehn Minuten später saß er zusammengekrümmt auf seinem Bett. Immer noch überkam ihn unvermittelt das Würgen, dabei konnte er sich kaum noch aufrecht halten. SO heftig war es noch nie gewesen. So lange, so quälend. Er wünschte, es würde endlich aufhören. Als er beinahe nach vorn vom Bett kippte, griff Granger nach seiner Schulter und hielt ihn fest.
„Nein!", rief er heiser und riss den Arm hoch.
Sie trat erschrocken einen Schritt zurück, hob die Hände in die Luft. „Ich tue Ihnen nichts", sagte sie.
Severus schloss kurz die Augen, dann sah er zu ihr auf. Sie war ziemlich blass um die Nase. „Wollen Sie auch?", fragte er erschöpft, als sein Magen ihm einen Moment Ruhe gönnte und hielt ihr den Eimer hin.
„Danke, aber der gehört Ihnen alleine", sagte sie, als er erneut zu würgen begann.
Eine weitere gefühlte Ewigkeit später versetzte Granger ihm einen Stoß, der ihn nach hinten ins Bett kippen ließ. Severus blieb erschöpft liegen. „Das sollte es gewesen sein", sagte sie matt. „Ich hab den Trank etwas höher dosiert als üblich."
Er schloss die Augen, Tränen brannten hinter seinen Lidern. „Biest", sagte er schwach.
„Sie hätten das gleiche getan", entgegnete sie, während sie eine Decke über seinem zitternden Körper ausbreitete.
„Miss Granger?"
Sie wandte ihm widerwillig ihre Aufmerksamkeit zu.
„Das hätte ich nicht."
Sie schluckte. Zum ersten Mal hatte er den Eindruck, dass etwas, das er gesagt hatte, sie tatsächlich erreicht hatte. Sie wandte den Blick ab und zupfte an der Decke herum, die längst glatt lag. „Schlafen Sie", sagte sie leise.
Severus seufzte und schloss die Augen. Er hörte, wie sie das Fenster öffnete und Schritte, die an seinem Bett vorbei gingen. Dann verloren sich seine Gedanken und er sank in gnädige Schwärze.
Am nächsten Morgen betrat Severus steifbeinig die Küche. Sie lag direkt gegenüber der Treppe, die aus dem Obergeschoss hinunter führte. Seine Muskeln schmerzten bei jeder Bewegung, aber er hatte nicht vor, darauf Rücksicht zu nehmen. Firlefanz.
Im Schrank hatte er Kleidung gefunden. Nicht seine, aber gleichartige. Sie war ihm gut zwei Nummern zu groß. Er hatte viel Gewicht verloren in der letzten Zeit.
An der Innenseite seiner Schranktür war ein Spiegel angebracht. Severus hatte den Blick hinein vermieden, sowohl vor dem Duschen als auch danach. Er war lange der Gewalt der Todesser ausgeliefert gewesen. Viele Wunden waren bereits von allein verheilt und hatten wulstige Narben hinterlassen. Am schlimmsten hatte es neben seinem Rücken wohl seinen linken Unterarm erwischt. Lucius hatte versucht, ihm das Dunkle Mal aus der Haut zu brennen. Sie war vernarbt, deformiert, taub. Und trotzdem war das Dunkle Mal noch leicht zu erkennen. Es war ein Wunder, dass keine Sehnen verletzt worden waren und seine Hand funktionsfähig geblieben war.
Andere, noch offene Wunden hatten nur eingeschränkt auf Grangers Behandlung reagiert, weil sie schon einige Tage, wenn nicht sogar Wochen alt waren, tief und entzündet. Es hatte sich nur eine dünne Hautschicht darüber gebildet. Er wollte nichts davon genauer sehen, als unbedingt nötig.
Granger saß auf einer Bank am Tisch, die Füße auf die Sitzfläche gestellt, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Sie hielt einen angebissenen Apfel in der Hand, las ein Buch und schenkte ihm keinerlei Beachtung, als er sich eine Tasse Kaffee eingoss und auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm.
„Wie geht es Ihnen?", fragte er mit heiserer Stimme, räusperte sich. Die Eskapaden des letzten Abends hatten seinen Stimmbändern und vor allem seinem Rachen überhaupt nicht gut getan.
Sie schob ihm wortlos eine weitere Phiole zu. Severus konnte die Dinger bald nicht mehr sehen, nahm sie aber trotzdem an sich, roch an dem Inhalt und entschied, dass es seinem Hals helfen würde. Er verzog das Gesicht, als er den Trank mit zwei Schlucken hinuntergewürgt hatte. Er hasste Kamille.
Lauter als nötig stellte er die Phiole auf den Tisch zurück und wiederholte seine Frage: „Wie geht es Ihnen, Miss Granger?" Ah ja, jetzt klang er wieder wie er selbst.
Nur die Wirkung war nicht mehr dieselbe. Granger seufzte, kaute weiter an dem Apfel herum und ließ sich sehr viel Zeit, ehe sie ihm antwortete: „Bestens."
Severus ließ seine Fingerknöchel knacken. „Ich meine mich zu erinnern, dass Sie früher ein größeres Repertoire an Antworten benutzten."
„Nicht für ein und dieselbe Frage."
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er holte gerade Luft, um darauf zu antworten und es wäre keine nette Antwort gewesen. Aber dann fiel sein Blick auf den goldenen Ring, den sie an der linken Hand trug. Er blitzte im Licht der Morgensonne, als sie eine Seite umblätterte.
Severus blinzelte. Granger war seit dem Ende ihrer Schulzeit mit Ronald Weasley liiert gewesen, eine Wahl, die Severus nie wirklich verstanden hatte. Potter wäre vielleicht noch nachvollziehbar gewesen; er war berühmt und das alles. Aber Weasley … Er konnte ihr nicht das Wasser reichen, weder intellektuell noch emotional. Zweifelsohne war er ein loyaler Freund, schließlich hatte Potter nie allein in Schwierigkeiten gesteckt. Aber es war ihm selten gelungen, sich in andere hineinzuversetzen und sie zu verstehen, ohne dass ihm jemand vorkaute, was er mit etwas weniger Egozentrik auch selbst herausgefunden hätte. Granger war damals ein offenes Buch gewesen, das Weasley trotzdem nie wirklich hatte lesen können. Er verstand nicht, warum das für sie in Ordnung gewesen war.
„Wann haben Sie geheiratet?", fragte Severus mit einer Sekunde Verspätung und gänzlich abweichend von seinem ursprünglichen Plan.
Granger blickte ihn scheel an und legte den Apfel weg, bevor sie antwortete: „Vor nicht ganz zwei Jahren."
„Und Sie haben mich nicht eingeladen? Ich bin enttäuscht", erwiderte er trocken, hob eine Augenbraue.
„Ich hätte Sie ja liebend gerne dabei gehabt, aber leider haben Sie vor Ihrer Flucht keine Adresse hinterlassen."
„Ich bin nicht geflohen und ich konnte keine Adresse hinterlassen."
Die Neuformierung der Todesser hatte keine zwei Stunden nach dem Tod des Dunklen Lords begonnen und für ihn hatte es oberste Priorität gehabt, seine Tarnung aufrecht zu erhalten. Er hatte zu lange daran gearbeitet, dieses Geschwür der magischen Welt zu zerstören, um an diesem Punkt aufzuhören. Er hatte zu viel dafür geopfert.
Aber bitter war es trotzdem gewesen. Er hatte doch tatsächlich geglaubt, dass das alles nach dem Tod des Dunklen Lords ein Ende haben würde. Dass er seine Schuld endlich getilgt hätte und frei wäre zu gehen, wohin auch immer er gehen wollte, um zu tun, was auch immer er tun wollte.
Gut, gegangen war er. Und dann hatte er festgestellt, dass er lieber geblieben wäre.
Das war nicht sein einziger Irrtum gewesen. Er hatte auch geglaubt, Lucius Malfoy sei ihm irgendwie wohl gesonnen. Er hatte geglaubt, sie hätten einen Draht zueinander gehabt. Im letzten Jahr unter dem Dunklen Lord hatte Severus den Eindruck gehabt, er sei nicht mehr sehr glücklich mit alldem gewesen. „Ich war nicht mehr glücklich mit den Entscheidungen des Dunklen Lords", hatte Lucius ihm gesagt. „Er hat sich zu sehr auf den Potter-Jungen konzentriert und das große Ziel aus den Augen verloren. Das wird mir nicht passieren. Also, Severus. Bist du dabei?"
Natürlich war er dabei gewesen. Aber Lucius war anders als der Dunkle Lord. Den Dunklen Lord hatte die Stimmung seiner Anhänger nicht interessiert. Er sah sich ihren Geist an und wenn er, der selbst ernannte beste Legilimens aller Zeiten, nichts Verdächtiges darin fand, reichte ihm das.
Lucius verlangte mehr, um jemandem zu vertrauen. Mehr als Severus ihm geben konnte. Er hatte viel Zeit und Energie darauf verwendet, Severus' Treue zu hinterfragen. Lange hatte Severus seine Zweifel zerschlagen können, wenn auch mit … unkonventionellen Methoden. Bis das Glück ihn schließlich verlassen hatte.
„Dann beschweren Sie sich nicht", riss Grangers Stimme ihn aus seinen Gedanken, „dass Sie keine Einladung in Ihrer Post hatten."
„Muss ich Sie dann jetzt 'Mrs Weasley' nennen, Miss Granger?", fragte Severus ölig.
Für einen Moment glaubte er, etwas in ihren Augen blitzen zu sehen. Doch sie fasste sich schnell wieder. „Bleiben Sie bei Miss Granger, den Namen haben Sie schon oft genug missbraucht."
Severus kniff die Augen zusammen. „Sie sehen gar nicht aus wie eine glücklich verheiratete Frau."
„Es ist Krieg. Und ich sitze hier fest. Wenn ich mich richtig erinnere, sahen Sie auch nie so aus, als würden Sie Ihren Job sonderlich genießen."
„Das habe ich nicht."
„Und trotzdem haben Sie ihn weiter gemacht."
„Ich hatte keine andere Wahl."
„Und aus genau diesem Grund bin ich hier. Ohne meinen Mann." Als er auf diese Feststellung hin schwieg, stand Granger auf und räumte ihr benutztes Geschirr in die Spüle, in der eine eifrige Bürste anfing, das Porzellan zu schrubben. Leises Klirren und Plätschern erfüllte die Küche. „Sie sollten etwas essen. Ihr Körper braucht Energie, vor allem nach der letzten Nacht", wies sie ihn an. „Falls Sie sie noch nicht gefunden haben sollten: Im Schrank in Ihrem Zimmer ist auch eine Kiste mit persönlichen Dingen, die Albus zusammengestellt hat."
Er zog die Augenbraue hoch.
„Nein, ich habe nicht hineingesehen", sagte sie und verdrehte die Augen. „Essen Sie! Es wird Ihnen gut tun."
„Was Sie nicht sagen", erwiderte er lakonisch, doch sie reagierte nicht darauf. Nur wenige Sekunden später saß er alleine in der Küche und strich sich seufzend durch die schwarzen Haare.
Heute war sie kein offenes Buch mehr.
