Kapitel 1.03 – Der Geist ist willig …

Severus öffnete eine Schranktür nach der anderen. Hinter jeder fand er entweder Essen oder Geschirr oder beides. Und jede schlug er wieder zu.

Er schloss die Augen, stützte sich mit einer Hand auf der Arbeitsplatte ab, griff sich mit der anderen an die Nasenwurzel. Er wollte nichts essen. Der Heiltrank, mit dem Granger ihn gestern gequält hatte, quälte ihn auch heute noch. Er reagierte empfindlicher darauf als andere Patienten – jedenfalls hatte Poppy das gesagt.

Nicht dass er an dieser Information interessiert gewesen wäre.

Und Granger hatte den Trank auch noch höher dosiert als üblich. Er stöhnte. Ob sie wohl wusste, was sie ihm damit angetan hatte?

Aber er musste etwas essen, damit hatte sie recht. Er fühlte sich schwach und zittrig, es lagen Monate hinter ihm, in denen er nur mit dem absoluten Minimum an Nahrung und Wasser versorgt worden war. Und die letzte Nacht hatte zumindest seinen Ernährungszustand nicht verbessert.

Mit verkniffenem Mund wandte er sich wieder dem Schrank zu, in dem er ein Toastbrot entdeckt hatte. Er nahm eine Scheibe aus der Tüte und sah sich um. Es gab keine Muggelhaushaltsgeräte hier, keinen Toaster. Und er hatte keinen Zauberstab mehr, Lucius hatte ihn zerbrochen, als er ihn gefangen genommen hatte. Verdrossen sah er auf das weiße, labbrige Brot hinab. Also gut, dann eben so.

Gestern Abend hatte Granger ein Labor erwähnt. Während Severus langsam das weiche Brot aß, plante er, es sich anzusehen. Vielleicht könnte er sich den einen oder anderen lindernden Trank selbst zubereiten; er war es leid, dass sie ihm zu jeder sich bietenden Gelegenheit einen unbeschrifteten Trank zuschob. Und er vermisste es, am Kessel zu stehen.

Seitdem Lucius die Führung der Todesser übernommen hatte, hatte Severus kaum noch Gelegenheit gehabt, im Labor zu arbeiten. Lucius war ein Zauberstab-Magier. Für den Dunklen Lord hatte Severus hin und wieder noch Tränke zubereiten müssen, insbesondere Veritaserum und diverse Gifte. Lucius ging die Dinge anders an. Er folterte Gefangene lieber, um an die Informationen zu kommen, die er suchte. Nicht dass der Dunkle Lord nicht gefoltert hätte, aber er verlor schnell die Geduld und bevor er versehentlich jemanden umbrachte, den er noch brauchte, griff er lieber auf wirksamere Methoden zurück. Lucius hingegen ließ sich gern Zeit.

Und wenn es Monate dauerte …

Severus riss sich blinzelnd aus seinen Gedanken. Wo war er stehen geblieben? Ach ja, er hatte lange nicht mehr im Labor gearbeitet.

Und gleichzeitig hatte er es die ganzen letzten Monate getan.

Das Labor war sein Zufluchtsort gewesen, seitdem er zum ersten Mal hinter einem Kessel gestanden hatte. Hier war alles geplant, vorhersagbar, geordnet, wunderschön. Es war auch in den letzten Monaten seine Zuflucht gewesen. Er hatte sich so lange und so tief in dieser Vorstellung versteckt, dass er sie jetzt vermisste. Vor allem vermisste er die Gesellschaft von Meister Dendron, seinem damaligen Ausbilder. Die Realität fühlte sich irreal an. Vielleicht konnte er dieses Empfinden etwas lindern, wenn er hier Zeit im Labor verbrachte.

Aber vorher ging er zurück in sein Zimmer und suchte nach der Kiste mit den persönlichen Gegenständen, die Granger erwähnt hatte. Er fand sie ganz hinten am Boden des Schrankes. Es war eine kleine Kiste, etwa von der Größe einer Zigarrenschachtel. Severus schob den Deckel ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Albus hatte alle seine Sachen magisch verkleinert, damit sie in diese kleine Kiste passten. „War das wirklich nötig?", grollte Severus.

Er stand einen Moment lang bewegungslos vor seinem Tisch. Es widerstrebte ihm, Granger um ihren Zauberstab zu bitten. Aber wenn er mit seinen Sachen etwas anfangen wollte, dann blieb ihm nichts anderes übrig.

Severus straffte seine Haltung, biss die Zähne aufeinander, als dabei die schlecht verheilten Wunden wieder schmerzten, und machte sich auf die Suche nach Granger. Er fand sie im Wohnzimmer. Diesmal saß sie mit ihrem Buch auf der Couch und wieder ignorierte sie ihn, als er den Raum betrat.

Severus räusperte sich.

Sie zog die Augenbrauen hoch und sah widerwillig zu ihm auf. Schwieg.

„Darf ich mir kurz Ihren Zauberstab ausleihen?" Er musste die Worte quasi aus seinem Mund prügeln. Sie schmeckten sehr bitter.

„Wofür?"

Severus knackte mit den Fingern. „Albus war so umsichtig, meine persönlichen Gegenstände zu verkleinern. Ich möchte das rückgängig machen."

Sie verdrehte tatsächlich die Augen! Severus biss die Zähne aufeinander. Aber dann zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche und reichte ihn ihm. „In der Speisekammer unter der Treppe können Sie Bestellungen aufgeben. Legen Sie einfach einen Zettel auf den Tisch."

„Danke", sagte er gequält, aber sie machte nur eine ungeduldige Geste mit der Hand und war schon wieder mit ihrem Buch beschäftigt.

Severus wandte sich um und verließ das Wohnzimmer, bevor er der Versuchung erlag, ihr Buch in einen Haufen Spinnen zu verwandeln.

Kurz darauf räumte er den Inhalt der Kiste auf den Tisch und wog Grangers Zauberstab in seinen Händen. Er war etwas kürzer und dunkler als sein Zauberstab und auch wenn er deutlich spüren konnte, dass ihr Zauberstab ihm nicht gern gehorchen würde, wusste er gleichzeitig mit absoluter Sicherheit, dass er es trotzdem tun würde.

Severus schwang den Zauberstab durch die Luft und kehrte den Schrumpfzauber um. Aus alter Gewohnheit ließ er Grangers Zauberstab in seinen Ärmel gleiten und sah sich die Sachen genauer an.

Als erstes griff er nach einer Flasche Rotwein, die besorgniserregend dicht an den Rand des Tisches gerollt war. Es war eine der Flaschen, die er damals in Hogwarts hatte zurücklassen müssen. Severus stellte sie zur Seite. Auch ein Stapel seiner Lieblingsbücher, sowie das Notizbuch, in das er alle Kleinigkeiten schrieb, die ihm bezüglich seiner Tränke durch den Kopf gingen, hatten ihren Weg in die Kiste gefunden. Albus musste in seinem Haus gewesen sein, um diese Dinge zu holen. Severus war sich unschlüssig, was er davon halten sollte.

Außerdem fand er ein Glas Tinte und mehrere Federn, seine Armbanduhr und das magisch fixierte Weidenblatt, das ihn an den ersten Herbst in Hogwarts erinnerte. Er nutzte es inzwischen als Lesezeichen.

Und schließlich sein kleines Denkarium. Einige Erinnerungen schwebten darin in ihrem eigentümlichen nicht flüssigen, aber auch nicht gasförmigen Zustand herum. Severus hatte sich oft von der einen oder anderen Erinnerung befreien müssen, weil der Dunkle Lord sie nicht hatte finden dürfen. Aber den Dunklen Lord gab es nicht mehr. Niemand zwang ihn jetzt noch dazu, Erinnerungen abzulegen. Vielleicht würde er diese Erinnerungen wieder in seinen Geist zurücklegen. Er hatte jetzt wohl genug Zeit, um darüber nachzudenken.

Es war nicht viel, das nun geordnet auf dem Tisch lag. Aber es war fast alles da, das ihm wichtig war. Nur ein weiteres, persönliches Notizbuch fehlte. Dafür würde sich ein Ersatz finden. Er hatte sein Leben in den letzten zwanzig Jahren immer weiter reduziert und auf das Wesentliche beschränkt. Er selbst, so wie er wirklich war, mit all seinen Überzeugungen, Wünschen und Interessen, hatte keinen Platz gehabt in dem Leben, das er zu führen geschworen hatte.

Severus räumte die Sachen weg. Stellte die Bücher ins Regal, legte das Notizbuch und sein Lesezeichen in die oberste Schublade seines Nachtschranks und band sich die Uhr um das rechte Handgelenk. Als der Tisch leer war, wandte er sich ab und machte sich auf die Suche nach dem Labor. Auf dem Weg dorthin konnte er auch Granger ihren Zauberstab zurückgeben und die Bestellung für einen neuen Zauberstab in die Speisekammer legen.


Es war nicht schwer, in einem Haus dieser Größe das Labor zu finden. Zu Severus' Zufriedenheit war es im Keller untergebracht – alles andere wäre auch indiskutabel gewesen, denn viele Zutaten brauchten absolute Dunkelheit, damit sie nicht vor ihrer Zeit verdarben.

Mit aufmerksamen Blicken streifte er zwischen den Tischen und Geräten umher, prüfte den Bestand der Kessel und der Zutaten. Es war passabel.

Severus nahm einen der Kessel und stellte die Zutaten zusammen, die er für einen Trank gegen Übelkeit benötigte. Eine gute Viertelstunde lang vertiefte er sich in die Vorbereitung der Zutaten, genoss das Gefühl des scharfen Messers, das durch die Ingwerwurzel glitt, und des Stößels, mit dem er den Kümmel im Mörser zerrieb. Er genoss es, obwohl ihm dabei die Hände zu zittern begannen, weil diese Tätigkeit ihm mehr Kraft abverlangte, als er hatte. Er genoss es, weil die Anspannung von ihm abfiel und sein Geist ruhig wurde.

Ruhig genug, um eine Erinnerung hervorzuholen, die eine gefühlte Ewigkeit zurücklag. Damals hatte er zusammen mit Granger im Labor gearbeitet – sehr zum Missfallen von Weasley. Bei einem flüchtigen Blick in dessen Geist hatte Severus gesehen, wie sehr er es hasste, dass Granger mehr Zeit mit ihm, Severus, verbrachte, als mit ihrem Partner. Das einzige, was Weasley noch mehr gehasst hatte, war, dass es ihr nicht mal etwas auszumachen schien.

An diesem Abend hatte er versucht, sie aus dem Labor zu locken, während Severus im Vorratsraum gewesen war. Severus hatte sich nicht mal versucht, ihr Gespräch zu überhören. Sollten sie doch woanders reden.

„Du könntest doch … du weißt schon, die Sachen einfach magisch …"

Grangers Stöhnen hatte ihn verstummen lassen. „Hast du im Unterricht denn wirklich nie aufgepasst? Magie verändert die Beschaffenheit der Zutaten, Ron. Das könnte alles ruinieren."

Den Rest des Gesprächs hatten sie so leise geführt, dass Severus nichts mehr verstanden hatte. Kurz darauf war Weasley wieder gegangen und er war an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Sein Blick hatte Grangers gekreuzt. „Ein Wort und ich gehe ihm nach."

Er hatte nur den Kopf geschüttelt. Den Teufel würde er tun und sich in ihr Liebesleben einmischen.

Aber es hatte ihn mit Genugtuung erfüllt, dass sie das korrekte Vorbereiten der Zutaten ernst nahm. In der Tränkekunst fand der Zauberstab wenig Anwendung und er hatte diesen Umstand nie so sehr genossen wie in diesem Moment, in dem er keinen Zauberstab besaß. Er brauchte ihn nicht, um sich einen Trank gegen Übelkeit zuzubereiten. Und hier, in diesem verdammten Haus, würde er den neuen Zauberstab, den er hoffentlich bald bekam, wohl eher aus Bequemlichkeit benutzen, als aus einer echten Notwendigkeit heraus. Wobei … so wie Granger sich bisher verhielt, würde er dafür nicht seine Hand ins Feuer legen. Aber jetzt im Moment brauchte er ihn nicht.

Und dann musste er das Feuer entzünden. Mit Streichhölzern.

Er mühte sich geschlagene zehn Minuten damit ab und war kurz davor, die Streichhölzer in die Ecke zu schmeißen (und den Kessel gleich hinterher), bis es ihm endlich gelang. Severus schloss kurz die Augen, holte tief Luft und ließ sie langsam wieder durch seine Nase strömen. Er brauchte keinen verdammten Zauberstab!

Aber als er die Augen wieder öffnete, schwankte das Labor um ihn herum. Er zog den Hocker unter dem Arbeitstisch hervor und setzte sich. Er schwitzte und jetzt waren es nicht mehr nur seine Hände, die zitterten.

Severus schnaubte leise. Er konnte seinen Geist beherrschen wie kaum ein anderer. Konnte Erinnerungen und Gefühle wegschieben und sie in sich verschließen, so tief, dass er sie selbst manchmal nicht mehr fand.

Aber sein Körper …

Der Körper ließ sich nur bedingt beherrschen. Er konnte Schmerzen lange aushalten, auch Müdigkeit und Erschöpfung wurden erst spät ein Problem für ihn. Mehr als einmal hatte er seinen Körper bis ans Limit getrieben, phasenweise auch darüber hinaus. Einer der Gründe dafür, warum er überhaupt noch am Leben war. Sein Körper hatte ihn bis hierher getragen und jetzt war Schluss.

„Warum nehmen Sie nicht einen der fertigen Tränke?"

Severus zuckte unmerklich zusammen und sah sich nach Granger um, die hinter ihm in der Tür zum Labor stand. „Es geht nicht um den Trank", entgegnete er.

„Sondern?"

Er zog eine Augenbraue hoch. „Als ob Sie das interessieren würde."

„Touché." Dann wanderte ihr Blick über den Labortisch und die Zutaten, die er schon vorbereitet hatte. Er konnte beobachten, wie sie alles miteinander kombinierte und als sie verstanden hatte, ging sie zu einem Schrank in der Ecke und griff gezielt erst nach einer, dann nach einer zweiten Phiole. „Gegen die Übelkeit, gegen die körperliche Schwäche", sagte sie, während sie die Flaschen auf den Tisch stellte. Sie fing seinen Blick ein. „Sie hätten mir sagen können, dass Ihnen immer noch übel ist."

„Das schien Sie gestern nicht zu kümmern", entgegnete er.

„Gestern war es auch noch normal und die Übelkeit zu unterdrücken, hätte die Wirksamkeit des Heiltrankes beeinträchtigt. Heute ist es nicht mehr normal."

Severus brummte leise und wich ihrem Blick aus.

Nach einem Moment der Stille sagte sie: „Es tut mir leid, dass ich den Trank höher dosiert habe, ohne das vorher mit Ihnen zu besprechen."

„Tatsächlich?", grollte er. „Oder tut es Ihnen nur leid, weil ich mehr darunter leide, als Sie es geplant hatten?"

Sie presste die Lippen aufeinander, verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich wusste nicht, dass Sie empfindlich auf diesen Trank reagieren! Davon hat Madam Pomfrey mir nichts gesagt."

Severus kniff die Augen zusammen. „Was hat Poppy Ihnen denn gesagt?"

„Alles, was sie für wichtig hielt." Granger reckte das Kinn vor. „Und jetzt trinken Sie und seien Sie dankbar dafür, dass ich über Ihre anderen medizinischen Macken Bescheid weiß, sonst würde es Ihnen noch schlechter gehen."

Er rümpfte die Nase. „Ich werde mit Poppy ein ernstes Gespräch über die ärztliche Schweigepflicht führen, wenn wir hier wieder rauskommen."

Sie zögerte kurz. „Ich hab mit ihr zusammengearbeitet und hatte deswegen Zugriff auf alle ihre Akten so wie jeder andere Auszubildende auch. Und ich unterstehe ebenfalls der ärztlichen Schweigepflicht."

„Ich bin nicht alle Patienten und Poppy weiß das. Sie hat Informationen über mich ohne mein Einverständnis weitergegeben!", beharrte er.

„Weil es notwendig war! Sie können ihr kaum vorwerfen, dass sie Ihnen vorher keine Eule geschickt und um Ihr Einverständnis gebeten hat!"

Severus wandte den Blick ab. Natürlich hatte Granger recht. Genau genommen war es sogar ein Fauxpas von Poppy gewesen, ihr nicht von der Überempfindlichkeit auf den Heiltrank zu erzählen. Aber Granger war gerade die letzte, von der er wollte, dass sie all diese Dinge über ihn wusste. Sie war die letzte, vor der er …

Fauxpas?

Severus verlor den Faden, als seine Gedanken ein paar Sätze zurücksprangen. Poppy machte keine Fehler bei ihren Patienten. Er kannte sie jetzt seit dreißig Jahren und sie hatte nie eine Allergie oder Überempfindlichkeit vergessen. Es war unheimlich, wie zuverlässig ihr Gedächtnis dahingehend funktionierte. Sie vergaß zwar manchmal, welchen Tag sie hatten, aber sie vergaß keine Patientendetails. Erst recht keine Details von ihm, dafür war er zu lange und zu oft ihr Patient gewesen.

Ihre Akten hingegen …

„Sie haben das Wissen über mich nicht von Poppy", sagte Severus und sah Granger scharf an.

„Wie bitte?", fragte sie.

„Poppy hätte niemals vergessen, Ihnen von dieser Überempfindlichkeit zu erzählen. Sie wäre mit das erste gewesen, das sie aufgezählt hätte, wenn es um Dinge geht, die man über mich wissen muss."

Granger schluckte.

„Sie haben nur meine Akte gelesen." Es war keine Frage. „Poppy hat ihre Akten nicht besonders gründlich geführt. Sie hatte alles wichtige im Kopf."

Jetzt war sie es, die den Blick abwandte.

„Weiß Poppy überhaupt, dass Sie sich über mich informiert haben?"

Er sah, wie sie die Zähne aufeinander biss. „Nein", sagte sie so leise, dass er es fast überhört hätte.

Severus schnaubte und die aufsteigende Wut gab ihm genug Kraft, um aufzustehen und durch das Labor zu tigern.

„Ich konnte sie nicht mehr nach Ihnen befragen, mir blieb nur die Akte", sagte Granger und klang dabei irgendwie getrieben.

„Tatsächlich? Wie überstürzt hat Albus sich diesen wunderbaren Plan denn ausgedacht?", fragte Severus scharf.

Sie stutzte. „Der Plan stand seit einem Monat, ich musste Sie nur noch finden."

„Dann verstehe ich nicht, warum Sie ohne ihr Wissen Poppys Akten durchwühlt haben, anstatt sie zu fragen. Es ist ja schließlich nicht so, als ob Sie vierundzwanzig Stunden am Tag auf der Suche nach mir gewesen wären …"

„Nein, ich habe mich bemüht, es auf zwanzig zu reduzieren, als ich körperliche Beschwerden bekam."

Severus verlor den Faden und spürte widerwillig seinen Ärger schwinden. „Es hat Sie niemand dazu gezwungen", sagte er missmutig. „Und es ist unverantwortlich, dass Poppy das zugelassen hat!"

Granger schloss die Augen und holte scharf Luft. „Madam Pomfrey hat gar nichts zugelassen. Madam Pomfrey ist tot."

Severus erstarrte mitten in der Bewegung. Er sah sie an, ihre Brust hob und senkte sich rasch, sie wandte sich ab. „Sie starb eine Woche nachdem ich meinen Abschluss gemacht habe", erklärte sie leise. Er sah, wie sie schluckte.

„Wie?" Seine Stimme klang belegt.

„Das ist nicht wichtig."

„Miss Granger!"

„Ein Tumor!" Sie wirbelte zu ihm herum. „Sie starb an einem verdammten Tumor, den man problemlos hätte heilen können, wenn sie nicht zu stur gewesen wäre, es sich einzugestehen!" Ihre Augen wurden feucht.

Severus seufzte, presste kurz die Lippen aufeinander. „Hören Sie auf, sich die Schuld an Poppys Tod zu geben, Miss Granger. Sie wusste genau, was sie tat. Sie hatte schon mehrfach Tumore, die sie immer wieder behandeln ließ. Wenn sie dieses Mal keine Heilung wollte, dann war das allein ihre Entscheidung."

Grangers Augen weiteten sich. Einen Moment lang schien auch sie den Faden verloren zu haben. Dann fasste sie sich wieder. „Es gibt Entscheidungen, die sollte man nicht alleine treffen." Dann deutete sie erneut auf die Phiolen. „Trinken Sie das und dann legen Sie sich hin und ruhen Sie sich aus. Je schneller Sie wieder auf die Beine kommen, desto besser. Es macht keinen Spaß, Ihre Heilerin zu sein." Mit diesen Worten wandte sie sich um und lief die Treppe hinauf.

„Ihr Patient zu sein, ist auch nicht lustig!", rief Severus ihr hinterher, ehe er sich mit zitternden Beinen wieder auf den Hocker sinken ließ. Patient zu sein war nicht lustig!


Kurz darauf verließ Severus ebenfalls das Labor. Er tat es widerwillig. Dass sein Körper es ihm unmöglich machte, sich die mentale Auszeit zu nehmen, nach der er sich sehnte, ärgerte ihn. Selbst mit dem Aufbautrank, den Granger ihm gegeben hatte, würde es noch einige Tage dauern, bis er wieder bei Kräften war. Vielleicht konnte er noch eine Weile lang seine Vorstellungskraft bemühen.

Als er die Tür zum Keller hinter sich schloss und sich zum Gehen umwandte, fiel sein Blick auf ein kleines Stück Pergament, das am Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite des Flures hing. Mit gerunzelter Stirn ging er hinüber und riss die Nachricht ab.

Die Salbe ist für Ihre Wunden. Und setzen Sie sich auf die Terrasse! Sonnenlicht ist wichtig für den Vitamin D-Stoffwechsel.'

Er verdrehte die Augen, dann fiel sein Blick auf den kleinen Tiegel, der auf der Kommode unter dem Spiegel stand. Er drehte ihn auf und roch daran. Kamille. Ringelblume. Murtlap-Essenz. Einen Versuch war es wert, damit die schlecht verheilten Wunden zu behandeln.

Severus stieg die Stufen ins Obergeschoss hinauf und schloss seine Zimmertür hinter sich ab. Dann zog er sich aus und begann, die Wunden, die die Diptam-Essenz nicht richtig geheilt hatte, einzucremen. Es tat immer noch weh, wenn er die dünnen Hautschichten, die die Wunden leidlich verschlossen, berührte, vor allem bei den Wunden, die sehr lange offen gewesen waren. Lucius und seine Abgesandten hatten ihre Aufgabe ernst genommen und die sich schließenden Wunden in regelmäßigen Abständen wieder geöffnet. Gerade weit genug, dass es ihn quälte, ohne dass er daran verblutete.

Schließlich hatte er alle Wunden versorgt, die er so fand. Severus stand mit verbissener Miene vor dem Kleiderschrank. Er wollte – das alles – nicht sehen!

Aber die Alternative dazu war Granger.

Er rümpfte die Nase und zog die Schranktür auf. Ohne sein Gesicht anzusehen, ließ er seinen Blick über seinen Körper wandern. Vorne hatte er alle Wunden erwischt. Severus schluckte, dann drehte er sich zur Seite, um seinen Rücken sehen zu können. Er war übersät mit langen dicken roten Narben, als hätte man ihn ausgepeitscht. Eine Peitsche hatte Walden dafür allerdings nicht gebraucht, es gab Flüche, die diese Wirkung hatten.

Einige der Striemen waren jedoch noch nicht vernarbt. Sie waren noch offen gewesen, als Granger ihn befreit hatte. Die Diptam-Essenz hatte auch hier eine dünne Hautschicht erschaffen, die die Wunden verschloss, aber in der Tiefe war das Gewebe noch verletzt. Die Wunden würden zweifellos auch so heilen. Langsam. Aber das würde weitere Narben hinterlassen.

Nicht, dass das noch auffallen würde.

Severus rieb auch diese Wunden mit der Salbe ein, soweit er sie erreichen konnte. Ein paar Stellen in der Mitte seines Rückens blieben unbehandelt.

Todesser … Severus schüttelte langsam den Kopf. Heute wusste er zwar noch, warum er sich ihnen damals angeschlossen hatte – nachvollziehen konnte er seine Gründe jedoch nicht mehr. Es war die größte Dummheit seines Lebens gewesen und diese monatelange Folter war nicht der höchste Preis, den er dafür bezahlt hatte.

Severus verschloss den Tiegel und stellte die Salbe in die oberste Schublade seines Nachtschrankes. Nichts würde ihn dazu bringen, Granger um Hilfe zu bitten. Sie wusste, wo seine Wunden waren. Offensichtlich hatte sie kein Interesse daran, ihm behilflich zu sein.


Aber gänzlich uninteressiert an seinem Befinden war sie anscheinend auch nicht.

Er hatte auf ihren Rat gehört und sich draußen in die Sonne gesetzt. Seine schwarze Kleidung verstärkte die Wärme und erst hier fiel ihm auf, dass ihm vorher kalt gewesen war.

Severus saß auf einem der beiden Gartenstühle, die auf dem gefliesten Teil der Terrasse standen, und studierte das Bild, das sich ihm bot. Bis zu dem altersschwachen Lattenzaun hatten Blüten, Bäume und Rasen klare Formen, waren real und greifbar. Aber alles, was dahinter lag, war unscharf und verwischt, so als existiere es in einer anderen Welt.

Dabei waren sie es, die in einer anderen Welt waren.

„Ich frage mich, wie es funktioniert."

Dieses Mal erschrak er nicht. Er hatte vorher schon eine Bewegung im Augenwinkel wahrgenommen. Grangers Stimme klang nachdenklich und als er ihr den Kopf zuwandte, sah er sie am Rahmen der Terrassentür lehnen. „Albus hat dieses Haus und den Garten aus unserer Dimension gelöst und in eine eigene, neue verwandelt. Diese Dimension besteht nur aus dem Haus und dem Garten. Doch sie ist dicht an ihre ursprüngliche Dimension gelehnt. Wir können sie erahnen, auch wenn wir sie nicht klar sehen können."

Sie schwieg einen Moment. „Es ist ein großes Stück Magie, oder?"

Severus spürte, wie er ruhig wurde. In diesem Moment war es, als wären die letzten Jahre nicht passiert. Als würden sie noch immer gemeinsam an den Tränken zur Vernichtung des Dunklen Lords arbeiten, denn diese sachliche und friedliche Stimmung war es, die sie sich damals erarbeitet hatten.

Und das war gerade ihm nicht leicht gefallen! Bei Salazar, anfangs hätte er sie am liebsten kopfüber an die Kerkerwand gehängt, nur damit sie ihm nicht im Weg stand!

Genauso wie jetzt war es auch damals ihr aufrichtiger Wunsch nach Wissen gewesen, der ihn besänftigt hatte. Damals hatte er ihn sogar dazu veranlasst, ihr einen Platz in seinem Labor zu schaffen, der vorher nicht da gewesen war. Vielleicht würde er ihnen auch dieses Mal hilfreich sein.

„Das ist es", sagte er schließlich und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

Ob sie wohl auch darüber nachdachte, dass diese neue Dimension ein großer Aufwand war für einen Menschen wie ihn? Dass Albus viel auf sich genommen hatte mit diesem Plan und dass noch nicht fest stand, ob es sich lohnen würde? Albus hatte sein Vertrauen in sie gelegt. Er erwartete, dass sie miteinander klarkommen würden. Dass dieser Aufwand sich lohnen würde.

Als ob Granger beschlossen hätte, dieses Vertrauen auf der Stelle zu erfüllen, sagte sie: „Ich werde jetzt kochen. Wonach steht Ihnen der Sinn, Sir?"

Severus verzog das Gesicht. „Denken Sie sich etwas aus, Miss Granger. Ich lasse mich überraschen. Aber sparen Sie mit Gewürzen."

„Natürlich!" Sie verdrehte die Augen und verschwand wieder im Haus.

Er schnaubte. Vielleicht würden sie sich doch irgendwann arrangieren können.