Kapitel 1.04 – … aber das Fleisch ist schwach

Severus geriet nur eine Millisekunde lang aus dem Takt, als er die Tür zu seinem Labor öffnete und Lucius Malfoy entdeckte. „Was willst du hier, Lucius?", fragte er und wandte sich seinem Schreibtisch zu, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Ich kam zufällig vorbei", entgegnete Lucius gedehnt. „Was ist das für ein Trank?"

Severus warf ihm einen kurzen Blick zu. Nicht, dass das nötig gewesen wäre; er wusste genau, welcher Trank in diesem Kessel war. Es war die bisher vielversprechendste Variante der Magie neutralisierenden Essenz, an der er seit einer Weile mit Granger arbeitete. „Veritaserum", sagte Severus ohne zu zögern.

Tatsächlich? Ich dachte immer, das wäre durchsichtig …"

Severus verdrehte die Augen. „Deswegen beauftragt der Dunkle Lord mich mit der Herstellung des Serums und nicht dich." Er fuhr damit fort, die Aufsätze der vierten Klasse zusammenzuräumen, die Lucius sich während seiner Abwesenheit eindeutig näher angesehen hatte. „Soweit ich weiß, bist du noch nie zufällig in Hogwarts vorbeigekommen", sagte er dabei, „Das letzte Mal, als es dich nach Hogwarts getrieben hat, musstest du dich persönlich davon überzeugen, dass das Erpressen von Ministerialbeamten nicht immer von Erfolg gekrönt ist."

Lucius schnalzte mit der Zunge. „Erpressung ist so ein hartes Wort, Severus."

Wie würdest du es nennen?"

Er sah ihn lange an, kniff die Augen ein bisschen zusammen. „Lassen wir das."

Severus nickte. „Natürlich. Wie geht es Draco?"

Gut. Warum fragst du?"

Da du offensichtlich hergekommen bist, um etwas zu plaudern, hielt ich es für angemessen, mich nach ihm zu erkundigen. Wie kommt er mit dem Auftrag voran, den der Dunkle Lord ihm gegeben hat?"

Severus konnte sehen, wie Lucius den Faden verlor. „Du weißt davon?"

Ja, ich weiß davon", entgegnete Severus, ohne seinen Gegenüber aus dem Auge zu lassen. Lucius hegte schon seit einer Weile Zweifel an Severus' Loyalität dem Dunklen Lord gegenüber. Zweifellos war er auf der Suche nach Beweisen hergekommen und wenn er mehr von der Trankzubereitung verstünde, hätte er den Beweis, der direkt vor seiner Nase stand, auch als solchen erkannt. Es war pures Glück, dass der Trank gerade tatsächlich so sehr dem Veritaserum in einem frühen Zubereitungsstadium ähnelte, dass Lucius nicht mal nach eingehender Recherche den Unterschied bemerken dürfte. „Wie ich gehört habe, tut er sich schwer damit", kehrte Severus zum Thema zurück. „Vielleicht solltest du deine Zeit lieber damit verbringen, ihm unter die Arme zu greifen, anstatt … zufällig hier vorbeizukommen. Der Dunkle Lord ist nicht gut auf euch zu sprechen derzeit …"

Lucius durchmaß das Labor mit zwei großen Schritten und drängte Severus gegen die Kerkerwand, den Unterarm gegen seine Kehle gepresst. „Soll das eine Drohung sein?", fragte er scharf. Seine Augen waren eine Nuance dunkler als sonst.

Severus lachte kehlig. „Nein, Lucius, das war Small Talk." Seine Stimme klang gepresst und er musste sich unterbrechen, um Luft zu holen, ehe er fortfuhr: „Eine Drohung ist es, wenn ich dich daran erinnere, dass der Dunkle Lord sich regelmäßig in meinem Geist umschaut, und darüber sinniere, was er wohl zu dieser Erinnerung sagen wird."

Lucius' Augen weiteten sich, dann trat er einen Schritt zurück.

Severus rieb sich den Hals. „Liegt dir sonst noch etwas auf dem Herzen?"

Er rümpfte die Nase, während er Severus von oben bis unten musterte. „Ich weiß, dass du irgendetwas verheimlichst, Severus. Ich werde es herausfinden und dann werden wir sehen, auf wen der Dunkle Lord nicht gut zu sprechen ist." Er wandte sich ab und verließ das Labor, nicht ohne hinter sich die Tür zuzuknallen.

Blinzelnd riss Severus sich aus dieser Erinnerung und sah sich im Zimmer um, als würde er es zum ersten Mal sehen. Er runzelte die Stirn. Eigentlich hatte er versucht, in sein imaginäres Labor zurückzukehren. Sein Geist hatte jedoch einen anderen Weg eingeschlagen. Das war ihm noch nie passiert. Er rieb sich über die juckenden Augen.

Wie lange war es jetzt her, dass er Lucius in seinem Labor erwischt hatte? Mindestens zweieinhalb Jahre. Er hatte damals bereits mit Granger zusammengearbeitet und der Trank, den Lucius sich angesehen hatte, war einer der Sargnägel des Dunklen Lords gewesen. Er hatte dafür gesorgt, dass er Granger das erste Mal wirklich begeistert gesehen hatte. Für einen Moment stand ihr strahlendes Gesicht ihm vor Augen, als wäre es gestern gewesen.

Severus schüttelte den Kopf. Als wäre dies von Anfang an der Plan gewesen, stand er auf und verließ sein Zimmer. Es war so warm, dass er Schuhe und Socken ausgezogen hatte, er bewegte sich beinahe lautlos. In der Küche goss er sich ein Glas Wasser ein und trank gierig. Er konnte Durst in den letzten Tagen nicht besonders gut aushalten. Er brachte andere Gefühle mit sich. Beengende Gefühle. Beinahe so, als befände er sich noch immer in dieser Hütte.

Und so weit weg war seine Gefangenschaft ja auch tatsächlich nicht, hier in diesem Haus. Zugegeben, er hatte mehr Beinfreiheit und die Verkostung war besser, doch letztendlich hatte Albus nur die Eisenketten gegen die Dimensionsbarriere getauscht. Severus war hier genauso unfreiwillig, wie er in der Hütte auf der Insel im Atlantik gewesen war. Er konnte noch immer nicht gehen.

Ein ungutes Gefühl stieg in Severus auf. Sein Herz schlug schneller. Er schloss die Augen und atmete tief durch.

Ein paar Minuten später verließ er die Küche und warf einen flüchtigen Blick hinüber zur Terrassentür. Er blieb abrupt stehen. Ein Schatten zeichnete sich gegen das Licht der Nachmittagssonne ab. Severus runzelte die Stirn.

Leise ging er zur offenen Wohnzimmertür. Granger bemerkte ihn nicht. Sie wandte ihm den Rücken zu und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Die Terrassentür stand offen, aber es war absolut still. Hier gab es nichts, das Geräusche verursachen konnte. Keinen Wind, keine Tiere, selbst in der Dämmerung zirpten keine Grillen. Hier existierten nur sie und er selbst. Und ein Gnom, wie er am Vormittag festgestellt hatte. Sie mussten aufpassen, dass die Terrassentür nachts geschlossen blieb.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Severus horchte. Dann hörte er es wieder. Ein Schluchzen.

Sie weinte.

Severus schluckte. Er hatte sie bisher nie richtig weinen gesehen. Manchmal, wenn er besonders gemein zu ihr gewesen war, waren ihr Tränen in die Augen gestiegen, aber richtig geweint hatte sie vor ihm noch nie. Das hätte sie niemals zugelassen.

Er wandte den Blick ab, fühlte sich wie ein Eindringling in diesem Moment. Unwillkommen. Genauso unwillkommen wie die Gedanken, die sich ihm aufdrängten. Im Gegensatz zu ihm hatte sie ein Leben zurückgelassen, um hier mit ihm auf das Ende des Krieges zu warten. Sie hatte da draußen etwas zu verlieren und konnte es von hier aus nicht beschützen. Wie hatte Albus das bloß von ihr verlangen können? Für ihn?

Severus warf ihr einen letzten Blick zu, bevor er sich genauso lautlos abwandte und ins Obergeschoss zurückkehrte, wie er gekommen war. Er schloss seine Zimmertür ab, als könnte er damit auch seine Schuldgefühle ausschließen. Rastlos lief er durch den viel zu kleinen Raum und riss dann das Fenster auf, lehnte sich weit nach draußen, rang nach Luft.


Granger wimmerte, als Lucius ihren Kopf an den Haaren zurückzog. „Tu es richtig, Severus!", sagte er über ihre Schulter hinweg. Seine Zauberstabspitze lag an ihrem Hals. Severus konnte den Blick nicht davon abwenden.

„Was soll ich tun?", fragte er.

„Der Trank, Severus! Tu es richtig!" Lucius nickte mit dem Kopf zu ihm herüber.

Severus senkte den Blick. Da war tatsächlich ein Kessel. Der Inhalt brodelte. Es sah so aus, als würde er bald explodieren. Severus wollte hingehen und das Feuer löschen, aber er konnte sich nicht bewegen.

Der Trank würde explodieren! Er musste das verhindern!

Granger schrie, als Lucius ihr den Zauberstab noch tiefer in den Hals presste. „Der Trank, Severus!"

„Ja!", rief Severus zurück und wand sich, aber er konnte sich nicht bewegen! Der Trank zischte, als er über den Rand lief und ins Feuer darunter tropfte. Severus sah hoch. Seine Hände! Sie waren gefesselt über seinem Kopf. „Mach mich los!", sagte er laut.

Lucius lachte. „Das kann ich nicht tun, Severus."

Das Brodeln des Trankes wurde immer lauter, wieder schrie Granger. „Mach mich los!", brüllte Severus. Sein Puls wummerte in seinen Ohren.

Dann schrak er aus dem Schlaf. Verschwitzt. Zitternd. Sein Herzschlag pochte in seinem Kopf, viel zu schnell. Er keuchte, fühlte sich, als würde er unter Strom stehen. Er setzte sich auf und warf das dünne Laken von sich. Das Zittern wurde heftiger, obwohl es gefühlte dreißig Grad im Schlafzimmer hatte.

Nur langsam beruhigte er sich. Nur langsam fiel der Traum von ihm ab. Zurück blieb eine nagende Übelkeit. Er ging ins Bad und trank etwas Wasser aus der Hand. Dann spritzte er es sich ins Gesicht. Fuhr sich durch die Haare. In der Dunkelheit konnte er die Konturen des Bads nur vage erkennen.

Schließlich legte er sich wieder hin, aber schlafen konnte er lange nicht.


'Eiswasser' stand in krakeliger Schrift auf dem Pergament, doppelt unterstrichen und mit drei Ausrufezeichen dahinter. Severus schnaubte.

Im nächsten Moment grapschte eine Hand nach dem Pergament. „Finger weg von meinen Notizen!" Granger funkelte ihn an und steckte die Aufzeichnungen in ein Buch über Heiltränke. Bevor Severus den genauen Titel lesen konnte, ließ sie auch dieses aus seinem Blickfeld verschwinden.

„Dann lassen Sie Ihre Sachen nicht überall liegen. Ist das hier nicht ein Gemeinschaftsraum? Das Chaos hier übertrifft alles, was Longbottom je fabriziert hat!" Er ließ seinen Blick über das Wohnzimmer gleiten. Ihre Bücher lagen auf dem Tisch und den Schränken, Notizen flogen wild durch die Gegend – viele davon zerknüllt oder zerrissen – und über der Lehne der Couch hing sogar einer ihrer Pullover. Im Hochsommer!

Als sein Blick schließlich wieder bei ihr landete, grinste sie selbstgefällig. „Wissen Sie, was Neville jetzt macht?"

Er rümpfte die Nase. „Ich denke nicht, dass ich es wissen will."

„Ich sag es Ihnen trotzdem." Sie zog die Augenbrauen hoch. „Er ist Besitzer und Leiter einer der erfolgreichsten Zauberapotheken in London. Er braut die Tränke selbst."

Severus verschluckte sich beinahe an seinem eigenen Speichel. „Wie viele Todesfälle hat er denn schon zu verantworten?"

„Nicht einen!", sagte sie entrüstet. „Im Gegenteil, er ist für die erstklassige Zubereitung der Tränke bekannt." Es machte ihr sichtlich Spaß, ihm das zu erzählen.

„Kaum zu fassen, wie wenig Wert heutzutage noch auf Referenzen gelegt wird." Er verschränkte die Arme vor der Brust.

„Oh, er hat gute Referenzen. Meister Rutherforth hat sich seiner angenommen, als er Nevilles Talent im Bereich der Kräuterkunde sah. Er hielt es für skandalös, dass er vor der Verwendung der Zutaten zurückschreckte, als würde er eine heiße Herdplatte berühren." Grangers Augen funkelten angriffslustig.

„Es wäre besser für alle Beteiligten, wenn es dabei geblieben wäre." Wenn Neville Longbottom jetzt Tränkemeister war – und das musste er sein, um eine Apotheke führen zu dürfen – dann würde Severus ihm zwangsweise irgendwann wieder begegnen. Beruflich. Auf Augenhöhe. Er verdrehte die Augen. Dieses Haus und ihr Zwangsaufenthalt hier stiegen in seiner Gunst.

„Ansichtssache", erwiderte Granger in diesem Moment, ihre Augen funkelten. „Sie sollten übrigens noch einen der Aufbautränke nehmen. Sie scheinen gut darauf anzusprechen."

Widerwillig musste er ihr recht geben. Schon nach zwei Phiolen davon fühlte er sich kräftiger. Und dann dämmerte es ihm. „Nein", sagte er gedehnt

Sie grinste. „Doch!"

Verdammt!

„Sie stammen von Neville. Ich hatte vor unserer … Abreise … keine Zeit, selbst welche zuzubereiten, und Sie wissen ja, wie schnell speziell dieser Trank verdirbt." Zufrieden hob sie einen Stapel Bücher hoch. „Es wird ihn sicher freuen zu hören, dass die Tränke Ihre Standards erfüllen."

„Ich habe nichts dergleichen gesagt, Miss Granger!"

„Aber Sie können auch nichts Gegenteiliges über diese Tränke sagen und das ist quasi das gleiche, Sir." Granger genoss den Anblick seines verbissenen Gesichtsausdruckes einige Sekunden. Dann wurde ihr Blick wieder ernst. „Lassen Sie die Finger von meinen Sachen", erinnerte sie ihn noch einmal und verließ den Raum.


In den letzten beiden Tagen hatte Severus herauszufinden versucht, was es mit diesem Eiswasser auf sich hatte. Zweifellos arbeitete Granger an einem Trank und er konnte diese Art der Beschäftigung nur unterstützen. Doch es ärgerte ihn, dass sie ihn nicht mit einbezog. Wann immer er sie sah, war sie in Bücher vertieft und recherchierte mühsam Dinge, die er ihr hätte sagen können – wenn sie ihn denn fragen würde.

Sie hatte schon immer Talent am Kessel bewiesen und in der Zeit, in der sie zusammen gearbeitet hatten, hatte er ihr dabei geholfen, es weiter auszubauen. Doch anscheinend hatte sie im Hinblick auf den Krieg auf ein weiteres Studium der Tränke verzichtet und stattdessen eine Ausbildung begonnen, die nützlicher war. Auch die Heilkunst war herausfordernd, aber dass sie sich derzeit mehr mit Tränkebüchern als mit Büchern über die Heilkunst beschäftigte, zeigte, dass ihre Interessen woanders lagen. Wobei sich das eine problemlos mit dem anderen kombinieren ließ.

Es reizte ihn, sie auszubilden. Zeit genug hatten sie und es würde sie beide davon abhalten, in nächster Zeit den Verstand zu verlieren. Vor allem ihn! Ihn würde es definitiv davon abhalten, den Verstand zu verlieren. Aber sie schien momentan nicht zugänglich für Vorschläge dieser Art. Im Gegenteil, gerade schien sie selbst den Boden zu verachten, auf dem er lief, und das verbesserte seinen Geisteszustand ganz und gar nicht.

Der Krieg hatte ihr anscheinend nicht nur die Heilkunst aufgezwungen, sondern auch Charaktereigenschaften, die er eher von sich als von ihr kannte. Er erkannte sie nicht mehr wieder. Die Basis, die sie sich damals erarbeitet hatten, war zerstört.

Bei diesem Gedanken fröstelte Severus. Er hatte in seinem Leben bereits einige Bekannt- und Freundschaften zerbrechen sehen, aber für gewöhnlich wusste er immer, was das Problem gewesen war – meistens er selbst. Bei Granger war er sich nicht sicher.

Er hielt es immer noch für möglich, dass sie ihm den Tod von Potter nachtrug. Aber sie hatten den Trank gemeinsam entwickelt, er hatte nichts vor ihr geheim gehalten. Dass Potter gestorben war, hatte nur bedingt an diesem Trank gelegen. Das musste sie doch wissen.

Oder?

War sie dabei gewesen? Hatte sie es gesehen? Hatte es sonst jemand gesehen? Und wenn ja, hatte dieser Jemand es ihr hinterher erzählt?

Albus hatte es bestimmt niemandem gesagt.

Severus verzog das Gesicht. Möglicherweise wusste Granger es tatsächlich nicht.

Aber war das tatsächlich der Grund für ihren Groll? War es jetzt noch wichtig, warum Potter gestorben war? Bitter war es, zweifellos. Er starb in dem Glauben, der magischen Welt damit den Frieden zu schenken. Severus hatte Potter nie leiden können, aber er hoffte, dass er nicht wusste, wie die magische Welt sich entwickelt hatte.

Severus' blinzelte, sah sich in seinem Zimmer um. Etwas stimmte nicht. Sein Blick fiel auf die Fensterscheiben. Zarte Eisblüten bildeten sich darauf, er konnte dabei zusehen, wie sie wuchsen. Aber das Fenster lag in der Sonne.

„Was zum …", murmelte er.

Und dann spürte er es ganz deutlich. Die Temperaturen im Haus sanken. Grundsätzlich war das wünschenswert, die Hitze draußen hatte das Haus wie einen Backofen aufgeheizt und selbst die Kühlzauber hielten die Nacht nicht durch. Aber sein Atem kondensierte in der Luft! Das war des Guten dann doch zu viel.

„Granger!", knurrte Severus und durchmaß mit großen Schritten sein Zimmer. Er lief die Treppe hinunter, es wurde immer kälter. „Miss Granger! Was haben Sie angestellt?" Auf der letzten Stufe rutschte sein Fuß auf einmal weg, er schaffte es gerade noch, sich am Treppengeländer festzuhalten. Eine dünne Eisschicht hatte sich auf dem Boden gebildet.

Erst als sein Schreck langsam abklang, spürte er die Schmerzen. Sein Rücken. Die Wunden waren wieder aufgerissen. Severus schloss die Augen und atmete langgezogen aus.

Granger schrie.

Er lief über den Flur; glücklicherweise lag hier ein Läufer auf dem Boden. Als er die Tür zum Keller aufriss, stoben ihm Schneeflocken entgegen und er stolperte zurück, als ihm eine heftige Windböe die Haare über die Schulter blies. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper. Dann lehnte er sich gegen den Wind und kämpfte sich in den Keller hinunter.

„Miss Granger! Was ist hier …" Seine Stimme verlor sich, als er das Labor sah. Schnee. Überall war Schnee und von der Decke rieselten weitere Flocken herab. Am Wasserhahn hatte sich ein Eiszapfen gebildet, die flüssigen Zutaten in den Gläsern auf den Regalen waren eingefroren, einige Glasbehälter waren gesprungen. Die Temperaturen lagen bei gefühlten minus dreißig Grad.

Dann sah er die Pinguine.

Pinguine!

Sie standen auf dem Labortisch. Einer schob gerade ein großes Ei tiefer unter seinen Bauch, der andere stand davor und fauchte Severus an. Der wich zurück, die Augen weit aufgerissen. Jetzt könnte er definitiv einen Zauberstab gebrauchen! Aber in der Speisekammer war noch keiner aufgetaucht. Nur frische Lebensmittel und einen Brief für Granger hatte er gefunden.

„Miss Granger, ich verlange eine Erklärung!", sagte er scharf und sah sich um.

Ein weiterer Schrei wies ihm die Richtung. Granger stand im hinteren Teil des Labors in einer Ecke, in die ein halbwüchsiger Eisbär sie gedrängt hatte. „Tut mir leid, das ist gerade ganz schlecht!", rief sie und deutete auf ihren Zauberstab, der ihr anscheinend bei der Flucht aus der Hand gefallen war.

Severus schnaubte. „Hätten Sie sich nicht wenigstens für Nord- oder Südpol entscheiden können?", sagte er mit einer Seelenruhe, die nur möglicherweise die Rache für den Longbottom-Zwischenfall war. Er sah, wie sie ihm einen wütenden Blick zuwarf und nach einem Besen griff, um den Eisbären von sich fern zu halten. Der hatte nämlich das Interesse an den Kisten und Kartons verloren und wandte sich mit wachsendem Hunger in den Augen Granger zu.

„Jetzt machen Sie schon!"

Severus bückte sich, um den Zauberstab aufzuheben. Die Wunden rissen noch weiter auf. Er presste die Lippen aufeinander. Dann deutete er mit ihrem Zauberstab auf das Chaos im Labor und sagte: „Finite Incantatem!"

Schnee, Eis, Pinguine und Eisbär verschwanden mit einem leisen Plopp. Einen Moment lang stand Granger noch mit dem Besen in der Hand in der Ecke, dann stellte sie ihn weg. Ihr Gesicht war dunkelrot, ihre Haare tropften und sie atmete schwer.

Severus reichte ihr den Zauberstab, sie griff unwirsch danach. „Entschuldigen Sie bitte, dass es mir unter diesen Umständen nicht möglich war, die Finger von Ihren Sachen zu lassen", sagte er ölig. Auf seinem Rücken kribbelte es.

„Seien Sie still und ziehen Sie das Hemd aus", sagte Granger, offenbar entschlossen, die Eiswüste nicht weiter zu erklären. Beiläufig schwenkte sie einen Kessel vom Feuer und räumte einige Dinge von der Arbeitsplatte.

„Wie bitte?", fragte er spitz.

Sie sah ihn an. „Ihr Hemd, Sir. Sie bluten."

Er rümpfte die Nase. Die Pinguine hatten ihn so überrascht, dass er ihr kurz den Rücken zugewandt hatte. Natürlich hatte sie es gesehen. Nicht mal ein verdammter Eisbär konnte sie davon abhalten, so etwas zu sehen. Widerwillig folgte er also ihrer Aufforderung.

„Worauf warten Sie? Umdrehen!", fügte sie ungeduldig hinzu, als er mit nacktem Oberkörper vor ihr stand und sie zähneknirschend anstarrte.

Also tat er auch das. Widerwillig! Er hörte sie scharf einatmen, als sie seinen Rücken sah. Sie sagte aber nichts, sondern legte lediglich ihre Hände auf seine Schultern und zwang ihn, auf dem Hocker Platz zu nehmen, den sie vorher unter dem Labortisch hervorgezogen hatte.

„Woher kam die Eiswüste?", fragte er, während sie zum Laborschrank ging und eine kleine Flasche mit Diptam-Essenz und einen weiteren Salbentiegel holte.

„Das geht Sie nichts an", murmelte sie. Severus spürte das Prickeln eines Reinigungszaubers, dann hörte er, wie sie die Flasche aufschraubte.

„Das sehe ich anders."

„Das ist Ihr gutes Recht." Severus wollte aufstehen, doch sie hielt ihn zurück. „Unterstehen Sie sich!" In den nächsten Minuten betupfte sie die Wunden mit Diptam-Essenz und als sich eine neue dünne Hautschicht gebildet hatte, cremte sie sie mit der Salbe ein. „Sie hätten eher zu mir kommen sollen", sagte sie abschließend.

Severus schnaubte. „Es wäre auch von alleine geheilt", grollte er.

„Schon. Aber wie?"

„So wie alle anderen Wunden auch." Severus sah sie nicht an, während er sich das Hemd wieder anzog und begann, es zuzuknöpfen. Sie hatte es zusammen mit seinem Rücken gesäubert, es waren keine Blutspuren mehr darauf zu sehen. Er verschränkte die Arme vor der Brust, als er damit fertig war. „Also, woher kam diese Eiswüste, Miss Granger?"

Sie stöhnte, rieb sich die Stirn. „Der eine Teil kam offensichtlich vom Nordpol, der andere vom Südpol."

„Hüten Sie Ihre Zunge!", sagte er scharf. „Ich brauche keine Hauspunkte, damit Sie wieder lernen, mich zu respektieren."

Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich zittere schon vor Angst. Nein, halt! Das kommt von der Raumtemperatur. Mein Fehler." Sie schnalzte mit der Zunge und wandte sich von ihm ab. Bevor er etwas auf ihre dreiste Äußerung erwidern konnte, fuhr sie fort: „Sie müssen diese Wunden zweimal täglich eincremen. Wenn Sie es alleine nicht schaffen, dann kommen Sie verdammt noch mal zu mir, ich beiße nicht!"

„Sicher?", fragte er spitz.

Sie sah sich zu ihm um. „Haben Sie etwa Angst?"

Er lachte dunkel. „Ich zittere schon vor Angst. Nein, halt!"

Granger kniff die Augen leicht zusammen. „Morgens und abends!", wiederholte sie nur, dann wandte sie sich ab und lief aus dem Labor.

Severus sah ihr nach, die Stirn gerunzelt.