Kapitel 1.05 – In den Tiefen der Seele
Am nächsten Spätnachmittag hatte Severus sich mit einem Buch auf die Terrasse zurückgezogen. Er hatte das absurde Gefühl, dass das Haus sich seit dem Wintereinbruch gestern noch nicht wieder aufgeheizt hatte. Aber das war Irrsinn. Die Sonne machte aus ihrer Dimension unter der Barriere eine Art Gewächshaus. Es war wieder warm. Viel zu warm!
Dennoch überzog eine Gänsehaut seinen Körper, immer und immer wieder fröstelte es ihn. Deswegen war er freiwillig rausgegangen und hatte sich in die pralle Sonne gesetzt. Ein bisschen besser war es hier geworden, doch bis in sein Innerstes schien auch diese Wärme nicht vorzudringen. Selbst hier zitterte er hin und wieder.
Mit Granger hatte er seit gestern kein Wort mehr gewechselt. Sie waren sich aus dem Weg gegangen und angesichts der miesen Laune, die er heute hatte (dreimal hatte ein verdammter Traum ihn letzte Nacht aus dem Schlaf gerissen!), war das auch besser für sie beide. Bei ihrem hitzigen Gemüt und seinen strapazierten Nerven konnte er für nichts garantieren.
Als hätten seine Gedanken sie heraufbeschworen, trat Granger in diesem Moment auf die Terrasse hinaus. „Professor Snape?"
Er knurrte zum Zeichen, dass er sie hörte.
„Möchten Sie auch etwas essen? Ich habe gekocht."
„Nein."
Sie blieb stehen, schwieg einen Moment, dann: „Sie sollten wirklich etwas essen, Sir."
Widerwillig sah er von seinem Buch auf und blinzelte sie gegen die Sonne. „Ich habe keinen Hunger, Miss Granger."
Sie runzelte die Stirn und musterte ihn mit den aufmerksamen Blicken einer Heilerin. Severus' Finger pressten sich fest gegen den Buchdeckel. „Schlechter Tag?", fragte sie dann vorsichtig und vielleicht war es ein Versöhnungsangebot.
Unter normalen Umständen wäre er auf dieses Angebot nicht eingegangen. Aber das hier waren keine normalen Umstände. Er war des Kämpfens müde. Deswegen nickte er. „Ja, schlechter Tag." Und das bereits seit dem Frühstück, welches er nicht länger als zehn Minuten bei sich behalten hatte. Sein Körper war in einem entsetzlichen Zustand.
Sie nickte. „Kommen Sie nachher zu mir wegen der Wunden auf Ihrem Rücken", erinnerte sie ihn mit ruhiger Stimme, dann wandte sie sich ab und kehrte ins Haus zurück.
Severus sah ihr hinterher. Nach ein paar Sekunden wandte er sich wieder seinem Buch zu, aber er konnte sich nicht auf die Worte konzentrieren. Seine Gedanken schweiften ab, wanderten in die Vergangenheit zurück. Sein Geist zerrte eine Erinnerung hervor und zwang ihn, sie anzuschauen. Dabei wollte er sie doch so dringend hinter sich lassen …
Er konnte nichts sehen. Es regnete. Es war dunkel. Und diese verdammte Maske machte es nicht besser! Severus stolperte und wäre beinahe in den Schlamm gestürzt. Schwankend fand er sein Gleichgewicht wieder. Blieb stehen, den Zauberstab erhoben. Sein Atem kondensierte in der kühlen feuchten Luft. Wasser sickerte durch seine Umhänge. Vor seinen Augen verschwamm der Regen mit den schwarzen Umrissen der Kämpfenden vor den blitzenden Lichtern der Flüche. Es war laut. Jemandes Schrei war trotzdem deutlich zu hören.
Er konnte nichts sehen! Mit dieser Maske war es noch gefährlicher als ohne sie. Egal. Er riss sie sich vom Gesicht und warf sie achtlos in den Dreck.
Jemand rempelte von hinten gegen ihn. Severus geriet wieder ins Straucheln, fing sich, drehte sich um. „Tut mir leid!" Die Stimme von Avery.
Severus nickte mechanisch. Avery lief in die Masse der Kämpfenden zurück. Severus hob seinen Zauberstab, zielte und jagte ihm einen Stupor auf den Hals. „Keine Ursache."
Er lief weiter.
Eigentlich hatte er gar keine Zeit für diese Spielchen. Der Dunkle Lord war besiegt. Die Todesser nicht. Sie formierten sich neu. Sie gaben nicht auf. Sie hatten auch keinen Grund dafür, so wie es im Moment aussah. Das war ein Problem. Er musste weitermachen. Weiter spionieren. Weiter durchhalten. Und um das tun zu können, musste er wissen, ob Lucius noch lebte.
An jeder Leiche, die Severus sah, hielt er an, drehte sie auf den Rücken und versuchte herauszufinden, wen er vor sich hatte. Das war nicht so einfach, wie man meinen sollte, nicht alle Todesser trugen noch ihre Maske. Aber es waren definitiv mehr Auroren und Ordensmitglieder als Todesser darunter. Und nirgendwo Lucius. Hatte der Mistkerl es etwa genauso wie er selbst verpasst, sich vor einen Todesfluch zu werfen?
Nein, im Ernst: Warum lebte er selbst noch? In allen Szenarien des finalen Kampfes, die Severus durchgespielt hatte, war diese Möglichkeit nicht aufgetaucht. Natürlich war es sein Ziel gewesen, so lange wie möglich durchzuhalten. Aber bis zum Ende? Über den Kampf hinaus? Nein. Er fühlte sich, als hätte er seinen Zug verpasst.
Als hätte Potter seinen Platz gestohlen.
Der Dunkle Lord war ein Statist auf dem Spielfeld gewesen. Er hatte sich auf Potter konzentriert und Potter sich darauf, ihn schneller umzubringen. Oder ihn – falls das nicht gelingen sollte – wenigstens mitzunehmen. Die Erde hatte gebebt unter der geballten Macht dieser zwei und kaum jemand hatte gesehen, dass Albus Potter mit seiner eigenen Magie unterstützt hatte. Sie hatten sich den Himmel und die Erde unterworfen und die Kräfte der Natur gegen das Böse gerichtet. Das war es, was die beiden in den letzten Monaten ausgeheckt hatten. Severus konnte nicht anders, als sie dafür zu bewundern.
Und er hatte mit Granger Tränke gepanscht.
Natürlich hatte die Essenz, die sie hergestellt hatten, den Dunklen Lord geschwächt. Langsam. Mit jedem Tropfen, den Severus ihm untergejubelt hatte. Und natürlich hatte ein zweiter Trank Potters Magie vervielfacht. Aber hatte das wirklich den Tod des Dunklen Lords ermöglicht? Wäre er unter Albus' Magie nicht ohnehin gestorben?
Auf jeden Fall hatte der Trank zu Potters Tod geführt. Der Trank hatte seine eigene Magie schon so enorm verstärkt, dass ein menschlicher Körper nur noch gerade so dazu in der Lage gewesen war, das auszuhalten. Zusammen mit Albus' Magie hatte er keine Chance gehabt. Was Albus gewusst hatte. Als der alte Schachspieler, der er war, hatte er eine Figur geopfert in dem Glauben, damit das Spiel zu gewinnen.
Severus schnaubte und lief weiter.
Noch eine Leiche. Wieder ein Ordensmitglied.
Als er sich aufrichtete, erstarrte Severus. Direkt vor ihm stand er. Das weißblonde Haar etwas zerzaust und klitschnass, die Todessermaske in der Hand, der Umhang an mehreren Stellen verdreckt. Lucius Malfoy.
„Es gibt noch etwas, das ich mit dir besprechen muss, Severus", sagte er, als wären sie zum Tee verabredet, und kam auf ihn zu.
„Das trifft sich gut. Ich war ebenfalls auf der Suche nach dir." Severus machte eine ausladende Bewegung über die am Boden liegenden Körper. Lucius war inzwischen so nahe, dass Severus sehen konnte, wie er die Augenbraue hochzog.
„Ich hätte gedacht, dass du mir mehr zutraust." Er drehte seinen Zauberstab in den Händen. Noch immer trug er seine schwarzen Handschuhe.
„Ich denke, ich habe eine sehr treffende Einschätzung deiner Fähigkeiten, Lucius." Severus machte eine Pause. „Nun, was ist es, das du mit mir besprechen wolltest?" Er verbarg seinen eigenen Zauberstab zwischen den Falten seines nassen Umhanges.
Lucius machte eine einladende Geste. „Du zuerst! Sonst hast du womöglich nicht mehr die Gelegenheit dazu."
Severus knurrte, was im Rauschen des Regens jedoch nicht zu hören war. Er wollte nicht reden, er hatte andere Pläne. Für einen Moment überlegte er, ob er Lucius nicht einfach umbringen sollte. Das würde alles leichter machen. Das würde das Problem lösen.
Es gab dabei nur zwei Probleme. Erstens: Severus war kein Mörder. Er hatte noch nie jemanden umgebracht. Zweitens: Es war Lucius. Lucius, der ihn in den Sommerferien bei sich aufgenommen hatte, damit er nicht nach Hause zurück musste. Lucius, der dafür gesorgt hatte, dass er Freunde in Hogwarts fand. Lucius, der ihm geholfen hatte. Jedes Mal. Ohne Fragen zu stellen.
So sehr Severus es auch hasste … Und so sehr Lucius ihn inzwischen auch hasste … Er konnte ihn nicht umbringen.
Severus hob die Spitze seines Zauberstabes ein kleines Stück an, ohne dass Lucius es bemerkte. Und dann jagte er ihm eine Ganzkörperklammer auf den Hals. Ohne ein Wort zu sagen. Lucius sah es nicht kommen, er kippte mit weit aufgerissenen Augen nach hinten. Schlamm und Wasser spritzten in die Luft.
Severus ging langsam zu ihm und kniete sich neben ihm nieder. „Worte allein werden nicht reichen, um dich zu überzeugen, Lucius", sagte er und zog eine Phiole aus seinem Umhang. Ja, er hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ein Schritt wie dieser erforderlich werden könnte. Er hatte sich vorbereitet. „Ich tue das nicht gern, unsere Freundschaft hat mir immer viel bedeutet. Aber du willst einfach nicht locker lassen und jetzt, da der Dunkle Lord tot ist, habe ich keine andere Wahl mehr. Ich kann noch nicht sterben. Versteh' mich nicht falsch, ich hänge nicht sonderlich an meinem Leben. Aber Albus braucht mich und ich bin sein Mann." Lucius' Augen weiteten sich. „Ja, du hattest recht, Lucius. Ich bin schon viel länger Albus' Mann, als du das für möglich halten würdest."
Durch seine vom Zauber verschlossenen Lippen stieß Lucius wütende Töne aus, die sicherlich Worte hätten werden sollen.
„Oh, ich verstehe dich. Ich spüre deine Faust in meinem Gesicht. Hier." Er tippte sich gegen den Kiefer. „Machen wir weiter." Severus entkorkte die Phiole und öffnete Lucius' Mund mit Hilfe seines Zauberstabes soweit, dass er den Trank hineinträufeln konnte. Lucius gurgelte und ein Teil des Trankes lief ihm aus den Mundwinkeln, aber er musste nicht viel davon schlucken, damit er wirkte.
Severus warf die leere Flasche ebenso in den Dreck wie vorher seine Todessermaske und bereitete sich darauf vor, in den Verstand des Mannes am Boden einzudringen. Aber vorher richtete er seinen Zauberstab auf eine der Leichen, die um sie herum im Schlamm lagen, und belegte sie mit einem Illusionszauber. Sie sah jetzt aus wie eine junge Frau. Wie eine halbnackte junge Frau. Lucius würde wissen, dass Severus etwas in seinem Geist getan hatte. Er musste ihm eine Erklärung dafür liefern.
„Nun zu uns beiden", murmelte er an Lucius gewandt und drang in seinen Geist ein. Es gelang ihm nun, da er entsprechend vorbereitet war, ohne große Mühe. Und ebenso leicht fand er auch die Erinnerungen, die er unbedingt beseitigt wissen wollte. Dummerweise konnte er Lucius nicht obliviieren, es waren einfach zu viele kleine Momente, die ihn skeptisch gemacht hatten. Das Misstrauen Severus gegenüber zog sich wie ein roter Faden durch beinahe jede Begegnung, egal ob es in dem Moment gerechtfertigt gewesen wäre oder nicht. Er musste jeden dieser Momente sorgfältig heraustrennen aus dem Zusammenhang, es gab drum herum zu viel, das Lucius nicht vergessen durfte. Aber Severus konnte all die kleinen Verdachtsmomente wegsperren und dafür sorgen, dass Lucius keinen Zugriff mehr darauf hatte.
Nach einigen Minuten zog er sich zurück und hob die Ganzkörperklammer auf. „Es tut mir leid, Lucius. Du bist verwirrt, das ist normal. Du hast mich darum gebeten, diese Erinnerung zu beseitigen, weißt du noch?"
Die grauen Augen weiteten sich. Er schüttelte den Kopf.
Severus hielt ihm die Hand hin und zog ihn mit sich auf die Beine. „Das hast du. Es war dir wichtig."
„Was … Was für eine Erinnerung?"
Severus zog die Augenbrauen hoch. „Welchen Sinn hätte die Beseitigung gehabt, wenn ich dir jetzt sage, was für eine Erinnerung es war?"
„Oh, ja. Ja." Lucius zog beklommen an seinem Umhang, der Regen lief an seinem blassen Gesicht hinab. Severus konnte quasi sehen, wie seine Gedanken rasten. „War es … eine schlimme Erinnerung?"
Severus verzog den Mund. „Eher … beschämend."
Lucius sah ihn überrascht an. „Beschämend? Für mich?"
„Ich befürchte ja."
Er schluckte. Senkte den Blick und sah sich um. Dann entdeckte er die Leiche der Frau und stutzte. „Wer ist sie?", fragte er irritiert.
„Nur eine Muggel."
„Eine Muggel?" Lucius' Blick fand ihn wieder. „Was tut eine Muggel hier?"
„Ich weiß es nicht, Lucius. Wollen wir nicht gehen?" Er griff nach Lucius' Arm, aber der riss sich los.
„Warum ist sie entblößt, Severus?"
Severus sah ihn scharf an. „Hör auf, Fragen zu stellen, Lucius! Du hast mich darum gebeten, diese Erinnerung zu löschen. Du könntest damit nicht leben, hast du gesagt."
Lucius schluckte. Regenwasser tropfte ihm von der Nase, an seinem Hals konnte Severus seinen Puls rasen sehen. „Niemand darf es erfahren", sagte er monoton.
„Niemand wird es erfahren!", bekräftigte Severus. „Nicht einmal du."
Lucius sah ihm mit einem leicht verwirrten Blick in die Augen. „Niemand darf es erfahren", murmelte er dann erneut und drehte sich zum Gehen, ohne Severus weiter zu beachten.
Endlich schaffte Severus es, sich aus der Erinnerung zu reißen. Er keuchte und rieb sich die Stirn. Was war es bloß, was sein Geist da mit ihm anstellte? Warum zwang er ihn plötzlich, sich Erinnerungen anzusehen? Warum stellte er sich nach all den Jahren plötzlich gegen ihn? Er wünschte, er hätte endlich einen Zauberstab, um diese Erinnerungen ins Denkarium zu legen.
Severus schloss die Augen. Diese Nacht … Seitdem war viel passiert. Unter anderem war er jetzt ein Mörder. Allerdings einer mit reinem Gewissen.
Zwei Jahre hatte seine kleine Farce gehalten. Zwei Jahre, in denen Lucius ihn weitestgehend in Ruhe gelassen hatte. Woran es letztendlich gescheitert war, wie er erfahren hatte, dass es diese Muggel nie gegeben und dass er sie vor allem nie angerührt hatte, hatte Severus nicht erfahren.
Er richtete sich in dem Gartenstuhl auf. Licht aus dem Haus fiel auf die Terrasse. Die Sonne war schon fast untergegangen. Mit steifen Gliedern erhob er sich und angelte nach dem Buch, wobei er ins Schwanken geriet und sich festhalten musste. Nein, das war definitiv nicht sein Tag. Am besten beendete er ihn bald.
Aber vorher musste er sich bei Granger vorstellen, damit sie seinen Rücken versorgen konnte. Heute morgen hatte ihn das noch furchtbar aufgeregt und am liebsten hätte er es irgendwie alleine getan. Doch seine Muskeln waren noch immer steif und es war ihm unmöglich, alle Narben auf seinem Rücken zu erreichen.
Jetzt spürte er gar keinen so großen Widerwillen mehr. War es nicht egal?
Mit gemächlichen Schritten durchquerte er das Wohnzimmer, das einsam und ruhig dalag, obwohl das Licht brannte. Auf der Kommode unter dem Spiegel im Flur stand der Tiegel mit der Salbe und er nahm ihn im Gehen an sich, während er nach Granger Ausschau hielt.
Die Küche war ebenso leer wie der Keller. Also schaltete er im Wohnzimmer das Licht aus und stieg die Treppen hinauf. Unschlüssig blieb er vor ihrem Zimmer stehen. Tagelang hatte er nicht einmal gewusst, wo sie sich einquartiert hatte (nicht dass es ihn interessiert hätte). Früher hätte er nicht gezögert zu klopfen. Dass er es jetzt tat, ärgerte ihn. Deswegen tat er es umso lauter und wartete.
„Wer ist da?"
Severus hob ungläubig eine Augenbraue. „Der Eisbär", antwortete er trocken.
Kurz darauf öffnete Granger ihm die Tür und sah ihn verlegen an. Eine feine Röte überzog ihre Wangen. „Eher ein Schwarzbär", sagte sie und nahm ihm den Tiegel aus der Hand, ehe sie zur Seite trat und ihn herein ließ.
Severus sah sich um. Das Zimmer war ähnlich spartanisch eingerichtet wie sein eigenes. Ein Bild von ihr und Weasley stand auf dem Nachttisch; sie lachten und Granger strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ansonsten verliehen nur Reihen von Büchern dem Zimmer eine persönliche Note. Er wandte den Blick rasch wieder zu ihr und begann dabei sein Hemd zu öffnen. „Mit wie vielen Leuten haben Sie vor unserer Ankunft hier zusammen gelebt?"
Sie sah ihn einen Moment lang perplex an. „Mit einigen."
Severus zog die Augenbrauen hoch. Sich von einigen Mitbewohnern auf einen, noch dazu einen unbeliebten zu reduzieren, musste für einen sozialen Menschen wie sie hart sein. „Sie hätten einen Hauselfen mitbringen können."
Granger runzelte die Stirn. „Was sollen wir hier mit einem Hauselfen? Ist ja nicht so, als ob wir zu viel zu tun hätten", murmelte sie und schraubte den Salbentiegel auf. Anschließend legte sie beide Teile auf den Tisch und wartete, dass er ihr den Rücken zuwandte.
„Ein Hauself hat auch andere Funktionen als die Hausarbeit, Miss Granger." Er hatte jahrelang die meisten Gespräche mit Hauselfen geführt.
„Das ist mir durchaus bewusst, Sir", sagte sie, während ihre Finger über seinen Rücken glitten. „Aber ich war in Sorge um seine Gesundheit."
Er schnaubte. „Glauben Sie, dass wir mal in eine Lage kommen werden, in der Gegenstände durch die Luft fliegen?"
„Möglich ist alles", sagte sie vage.
Grangers Finger glitten seinen Rücken immer weiter hinab. Die letzten Verletzungen lagen dicht über seinem Hosenbund. Was er gestern im Labor durch das Adrenalin und heute morgen durch seine Verdrossenheit kaum bemerkt hatte, war für ihn jetzt kaum auszuhalten. Severus schloss die Augen und atmete langsam aus. „Ich lege es nicht darauf an", sagte er gepresst. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als Bilder vor seinem inneren Auge auftauchten. Seine Finger zitterten.
„Das ist gut zu wissen", hörte er sie antworten und lernte zum ersten Mal das Gefühl kennen, aus wirklich tiefen Gedanken in die Realität gerissen zu werden. Es fühlte sich an, als würde man ihn aufwecken, als würde ihn etwas gewaltsam in beide Richtungen zerren. „Ist alles in Ordnung, Sir?" Granger trat um ihn herum und sah ihn prüfend an.
Severus blinzelte. „Ja. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Miss Granger." Er zog sich das Hemd wieder an und knöpfte es zu. Seine verdammten Finger zitterten immer noch.
„Kein Problem. Ich denke, in zwei Tagen können wir die Behandlung abschließen."
Severus nickte und wandte sich der Tür zu. „Ich wünsche eine angenehme Nacht."
Wieder war er in diesem verdammten Labor. Er hörte etwas. Hinter sich. Schritte. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Severus versuchte, über seine Schulter etwas zu sehen, aber da war nur Dunkelheit.
Ein Schritt. Noch einer.
„Das werde ich dir heimzahlen, Severus."
Lucius. Severus schnappte nach Luft, dann biss er die Zähne aufeinander, damit sie aufhörten zu klappern. Es war so kalt hier. Schneeflocken fielen vor ihm zu Boden. Legten sich eiskalt auf seinen nackten Körper.
„Lass die Finger von meinen Sachen, Severus!" Er spürte Lucius' Stimme in seinem Kopf vibrieren.
„Genau!"
Granger!
Severus riss den Kopf herum. Da stand sie. Neben ihm. Und neben einem Kessel, aus dem die Schneeflocken in die Luft stiegen, die über ihm wieder zu Boden sanken.
„Er versteht das einfach nicht", sagte sie an Lucius gewandt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Tu es, Lucius!"
„Nein!", rief Severus. Er glaubte, ihm würde das Herz gleich aus der Brust springen.
„Gern, meine Liebe", sagte Lucius an Granger gewandt. Und zu Severus sagte er: „Spiele niemals mit meinen Erinnerungen!"
Severus hörte ein Zischen – ein Zauberstab, der schnell durch die Luft geschwungen wurde. Und dann war da der Schmerz, der ihm den Körper zerriss. Er schrie und schrie und schrie!
Etwas rüttelte ihn.
„Wachen Sie auf, Sir!"
Jemand! Jemand rüttelte ihn. Er spürte den Griff zweier Hände an seinen Schultern. Das war kein Traum.
„Aufwachen!"
Die Stimme war wie ein Wegweiser. Als hätte er endlich begriffen, wo der Ausgang aus diesem Albtraum war. Severus rang nach Luft, als er die Augen aufschlug.
Granger stand neben seinem Bett, das Licht war an. „Sind Sie wieder klar?" Er nickte. „Werden Sie endlich aufhören zu schreien?" Wieder nickte er. „Gut." Sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück.
Severus setzte sich an den Rand seines Bettes und strich über seine feuchte Stirn. Sein Gesicht brannte. Im nächsten Moment hielt Granger ihm eine Phiole unter die Nase. „Was ist das?", fragte er heiser.
„Der Trank der Lebenden Toten. Sie werden ihn heute Nacht nehmen und morgen werden wir uns mit diesen Träumen beschäftigen."
Er nahm die Phiole, machte allerdings keine Anstalten, den Inhalt zu trinken. „Ich denke nicht, dass das nötig ist."
Granger hob eine Augenbraue. „Wie viele Nächte wollen Sie denn noch mit diesen Albträumen verbringen?"
Severus schnaubte abfällig. „Ich bin schlimmeres gewohnt."
„Bei allem Respekt, Sir, Sie wurden gefoltert und missbraucht." Granger sah ihn eindringlich an. „Möglicherweise haben Sie es geschafft, eine Distanz dazu aufzubauen, ihr Geist aber nicht. Sie sollten sich damit auseinandersetzen, bevor es schlimmer wird."
„Und warum sollte ich das mit Ihnen tun?", fragte er ölig.
„Es ist niemand anderes hier." Sie zuckte mit den Schultern.
Severus stellte die Phiole auf seinen Nachtschrank, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er war so müde. Die Kontrolle über seinen Geist entglitt ihm. Er wollte seine Ruhe – vor ihr und vor den letzten Monaten und vor seinem Geist, der ihn so hinterhältig zu quälen begonnen hatte. Sollte sie doch ihre Spielchen mit ihm spielen, vielleicht konnte er dabei auch was für sich rausschlagen. Er sah zu ihr auf. „Gut. Ich bin einverstanden." Sie sah ihn überrascht an. „Aber nur unter einer Bedingung." Ihre Überraschung wich Resignation.
„Die da wäre?"
„Wenn wir mit mir fertig sind, wenden wir uns Ihren Albträumen zu." Severus sah, wie Grangers Gesichtszüge kurzzeitig entglitten. Etwas oder jemand hatte ihr wehgetan. Es stand in ihren Augen, es lag in ihrer Stimme und er konnte es sehen, jedes Mal wenn mitten in der Nacht noch Licht unter ihrer Tür hervor sickerte. Ja, er kämpfte mit Dämonen – aber sie auch.
Granger fasste sich schnell wieder. „Mal sehen", entgegnete sie vage. „Nehmen Sie den Trank und schlafen Sie sich aus. Die nächste Zeit wird anstrengend." Ohne auf eine Antwort seinerseits zu warten, wandte sie sich um und verließ sein Zimmer.
Severus drehte den Kopf auf dem Nacken, bis es knackte. Er hatte vieles erlebt, das ihn bis in seine Träume verfolgt hatte. Er hatte Methoden gefunden, um damit umzugehen. Aber die letzten Monate waren schlimmer gewesen als alles, was er vorher erlebt hatte. Dass sein Geist ihn zwang, sich Erinnerungen anzuschauen, und dass er diesen Traum nicht selbst hatte verlassen können, war der beste Beweis dafür. Etwas in ihm wollte, dass er sich damit auseinandersetzte, anstatt es nur zu beherrschen. Vielleicht sollte er ihrer Methode eine Chance geben.
Severus nahm die Phiole und leerte sie in einem Zug. Die schwere Müdigkeit stellte sich rasch ein und er ließ sich zurücksinken und schaffte es gerade noch, das Laken über seinen Körper zu ziehen.
Severus war überrascht, wie lange Granger ihn in Ruhe ließ. Den ganzen Tag wartete er darauf, dass sie ihn auf die letzte Nacht ansprechen würde, doch das tat sie nicht. Er bekam sie nicht mal zu Gesicht.
Als er am Morgen die Küche verließ, konnte er sie im Keller rumoren hören und schlich sich rasch die Treppe hinauf. Im Laufe des Tages kam er immer wieder nach unten, um sich Wasser zu holen. Mittags war es ruhig, nachmittags hörte er wieder das leise Köcheln eines Trankes im Keller. Einen Moment lang war er versucht, hinunter zu gehen und sich den Trank anzuschauen. Er hatte immer noch nicht herausgefunden, was es mit dem Eiswasser auf sich hatte. Aber seine Neugierde überwog nicht seine Abneigung gegenüber ihren Plänen.
Gegen Abend setzte er sich mit einem Buch in sein Zimmer und als wäre es mittlerweile ein Signal für seinen Geist, dieser Blick auf die bedruckten Seiten, zerrte er Severus zurück in die verdammte Vergangenheit. Was war bloß aus seiner Kontrolle geworden? Wie hatte er Jahre unter den Augen des Dunklen Lords überleben können, wenn sein Geist ihn jetzt so betrog?
Aber er fand keine Antworten mehr auf die Fragen, bevor er sich von den alten Bildern überwältigt fühlte.
Severus' Kopf wurde brutal nach hinten gerissen, nachdem ein Tritt in die Kniekehlen ihn zu Boden gezwungen hatte. Er blinzelte, als der Zauber, der ihm die Sicht genommen hatte, aufgehoben wurde. Das helle Licht stach in seinen Augen. Erst verzögert konnte er sehen, wer vor ihm stand, auch wenn er es geahnt hatte.
„Guten Tag, Severus", sagte Lucius Malfoy.
Severus grunzte. Wer auch immer ihn festhielt, zerrte erneut an seinen Haaren. Was war passiert? Wodurch war seine Tarnung aufgeflogen? Lucius hatte ihn die letzten zwei Jahre fast komplett in Ruhe gelassen. Was hatte sich geändert?
Lucius sah auf ihn herab. Dann beugte er sich zu ihm, so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Severus entfernt war. „Sexuelle Begierden?", schnarrte er, rümpfte die Nase.
Severus schnaubte. Lucius wusste es wieder. Das hatte sich geändert. Verdammt. Aber warum? Er sah unbewegt in die kalten grauen Augen des Mannes, den er mal seinen besten Freund genannt hatte. „Ich kenne deine Schwachpunkte, Lucius."
Lucius holte aus und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Tränen schossen Severus in die Augen, er schmeckte Blut auf seinen Lippen, seine Nase hatte verdächtig geknackt. Über das Piepen in seinem linken Ohr hinweg konnte er für einen Moment nichts hören. Ein weiterer Ruck an seinen Haaren. Sein Blick fand wieder Lucius' Gesicht.
Der zog die Augenbrauen hoch. „Ich kannte deine Schwachpunkte auch mal. Aber das kleine Schlammblut ist ja leider schon lange tot." Lucius drehte den Zauberstab in seinen Händen, während er Severus beobachtete. Die ausbleibende Reaktion schien ihn wütend zu machen. „Zum Glück hab ich jetzt alle Zeit der Welt, um dich wieder kennenzulernen."
Severus schluckte, Blut lief ihm den Rachen hinunter, die magischen Fesseln rieben ihm die Handgelenke auf. Und das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in der nächsten Zeit auf ihn zukommen würde. Er kannte Lucius. Er liebte es zu foltern und es gab viel, für das er Severus leiden lassen wollte.
Severus schluckte.
„Bringt ihn weg!", sagte Lucius. „Stellt mit ihm an, was ihr wollt. Aber lasst ihn am Leben!" Ihre Blicke trafen sich erneut. „Ich muss ihn noch was lehren."
Es war ein Klopfen an seiner Tür, das Severus aus der Erinnerung riss. Er atmete tief durch, sein Herzschlag verlangsamte sich etwas. Seufzend stand er auf und öffnete die Tür einen Spalt.
Granger sah ihn mit abwartendem Blick an. „Sind Sie soweit?"
„Hat es einen Sinn, nein zu sagen?"
„Nein."
„Warum fragen Sie dann?"
„Weil der Eindruck, etwas freiwillig zu tun, die Bereitschaft der Patienten erhöht." Severus schnaubte. „Kommen Sie jetzt mit?"
Er brummte leise und trat auf den Gang. Granger wandte sich um und lief die Treppen hinunter, ohne auf ihn zu achten. Missmutig sah er ihr nach, zog seine Tür hinter sich ins Schloss und folgte ihr, allerdings ohne große Hast.
