Kapitel 1.06 – Schlafanalysen

Sie empfing ihn im Wohnzimmer und zu seinem Erstaunen entdeckte er zwei Gläser auf dem Tisch, die gut mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt waren. Severus setzte sich und betrachtete seines misstrauisch. „Alkohol, Miss Granger?"

Sie nickte und nahm einen Schluck von ihrem.

„Wie darf ich das verstehen?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Er öffnet Ihren Verstand und macht mich gelassener. Ich denke, das wird es für beide Seiten angenehmer machen."

Severus starrte sie an. Nach ein paar Sekunden deutete sie nachdrücklich auf sein Glas und er presste kurz die Lippen aufeinander, ehe er es in einem Zug leerte. Kaum hatte er es jedoch zurück auf den Tisch gestellt, war es wieder voll. Er hob eine Augenbraue.

„Erspart uns das Nachschenken", erklärte sie dieses Mal, ohne dass er überhaupt eine Frage stellen musste.

„Ich weiß nicht, was ich von Ihren Methoden halten soll." Severus lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Halten Sie davon, was Sie wollen."

Severus schwieg. Er fand es bedenklich, dass sie Alkohol brauchte, um gelassener zu werden. Aber für eine Diskussion dieser Art schien sie gerade nicht aufgeschlossen.

Nun setzte sie sich und sah ihn abwartend an. „Können wir dann beginnen?"

Severus stieß die Luft aus der Nase und nickte.

„Ich möchte einen der Träume sehen, die sie quälen. Dafür werden Sie diesen Schlaftrank nehmen." Sie deutete auf die Phiole, die neben dem Feuerwhiskey auf dem Tisch stand. „Er wird einen Traum provozieren. Und ich werde in Ihren Geist eindringen und zuschauen."

Er schnaubte. „Das werden Sie nicht."

Sie zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Sah ihn einfach nur an.

„Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich da mitmachen würde, Miss Granger?"

Sie verdrehte die verdammten Augen! „Sie können mir natürlich auch ausführlich erzählen, was passiert ist. Wir können darüber reden und ich kann Ihnen Techniken beibringen, um mit den Albträumen, Flashbacks und Körpererinnerungen umzugehen und in ein paar Jahren sind Sie dann vielleicht soweit, wieder in Ruhe schlafen zu können. Vielleicht …"

Severus biss die Zähne aufeinander bis es knirschte. „Was ist die Alternative?"

Mögliche Alternative. Eine Trankkombination. Eine Entwicklung von mir. Sie werden den ersten Trank nehmen und in einer Art Schlaf die Erinnerungen noch einmal durchleben. Der zweite Trank wird die Behandlung dann abschließen. Sie werden noch wissen, was passiert ist, und Sie werden auch emotionale Reaktionen darauf haben. Aber es wird nur ein schwaches Echo sein im Vergleich zu dem, was Sie gerade durchmachen." Sie sah ihn an. „Dabei müssen Sie mit niemandem darüber reden."

Er wischte sich über das Gesicht. Er wollte nichts von beidem, aber das schien nicht zur Debatte zu stehen. Die Kontrolle über seinen Geist entglitt ihm. Sein Geist zwang ihn, Erinnerungen anzuschauen, er ließ es nicht mehr zu, dass Severus sie mit Okklumentik verdrängte. Und diese Träume … Er wusste, dass sie recht hatte. Er musste sich darum kümmern, es würde nur schlimmer werden. Und wenn er sich schon darum kümmerte, dann lieber für sich allein. Mit dieser Variante von Hermine Granger wollte er jedenfalls nicht darüber reden, dass …

Nein.

Severus griff nach der Phiole und leerte sie. „Ich hoffe, das verträgt sich mit Alkohol", grollte er, den bitteren Nachgeschmack noch auf der Zunge.

„Hätte ich Ihnen sonst Alkohol gegeben?", fragte sie lakonisch und zückte ihren Zauberstab.

„Können Sie überhaupt Legilimentik?"

Sie stöhnte. „Professor Snape, bitte …" Und bedeutete ihm, sich hinzulegen.

Er rümpfte die Nase. Wenn das ihr gelassener Zustand war, hatte sie nicht genug Alkohol getrunken.

Aber er schwieg, legte sich auf die Couch und schloss die Augen. Bis eben hätte er noch behauptet, der Trank wirke überhaupt nicht. Aber kaum waren seine Augen zu, überkam ihn die bekannte Schwere des Schlafes und zog ihn mit sich.

Direkt hinein in einen Albtraum.

Der Fluch riss ihm die Haut auf. Severus schrie unwillkürlich, die Ketten, die seine Hände nach oben zerrten, klirrten.

„Sie haben mich umgebracht!"

Severus wirbelte herum. Potter! Das Gesicht wutverzerrt und hochrot, die Hand so fest um den Zauberstab geschlungen, dass sie zitterte.

„Sie wussten, was passieren würde!" Wieder zuckte er mit dem Zauberstab, der nächste Fluch traf Severus.

Er keuchte. „Nein, ich wusste es nicht", sagte er, während der Schmerz durch seinen Rücken flimmerte.

Er musste hier weg. Konzentrierte sich. Das Labor flackerte kurz vor seinen Augen auf, Meister Dendron lächelte ihn an.

„Severus, du kannst den Schülern nicht wegen solch hanebüchenen Gründe Punkte abziehen!"

Er erschrak. Wieder wirbelte er herum. Minerva.

Nein!

Er rappelte sich auf die Füße, aber Potters nächster Fluch riss ihn direkt wieder herum, seine Beine gaben nach, ihm wurde schwarz vor Augen. Als seine Sicht langsam zurückkehrte, lag etwas Weißes zu seinen Füßen. Verschwommen. Er blinzelte. Die Todessermaske. Etwas tropfte auf sie hinab. Blut. Sein Blut.

Severus riss die Augen auf, er keuchte. Granger. Sie saß ihm gegenüber im Sessel. Warum war sie hier? Er sah sich um. Das Wohnzimmer. Warum war er hier? Warum hatte er geschlafen? Auf dem Sofa?

Nur langsam erinnerte er sich. Genau, Schlaftherapie. Er stöhnte.

„Zufrieden, Miss Granger?", fragte er heiser und setzte sich auf. Seine Augen juckten, die Bilder des Traumes lagen nur einen Zentimeter hinter der Realität. Sein Körper schrie nach mehr Schlaf, er aber wollte niemals wieder die Augen schließen.

„Kommt auf die Perspektive an", murmelte sie, während sie eifrig etwas auf ihren Notizblock kritzelte.

Severus kniff die Augen zusammen. Stimmt, sie hatte alles mitbekommen. Alles. Er schluckte.

Was hatte sie noch gesagt? Ach ja, Perspektiven … Perspektiven?

Er runzelte die Stirn. „Welche Perspektiven?", fragte er. Er rieb sich über die Augen. Der Schlaftrank wirkte noch immer.

Granger hielt inne und sah zu ihm auf. Sie kniff die Augen ein kleines bisschen zusammen; vermutlich entging ihr nicht, wie träge sein Geist gerade war. Verdammt.

Schließlich seufzte sie. „Die als Ihre Heilerin und die als … Ihre ehemalige Schülerin."

„Und die unterscheiden sich worin?"

Sie senkte ihr Klemmbrett und legte den Stift weg. „Glauben Sie wirklich, dass Sie jetzt dazu in der Lage sind, über solche Dinge zu reden, Sir?"

„Ja", entgegnete er, „Morgen erinnere ich mich möglicherweise nicht mehr daran, dass Sie mir noch eine Antwort schulden." Er versuchte ein Gähnen zu unterdrücken.

„Aber an die Antwort werden Sie sich erinnern?", fragte sie und schnaubte leise.

Er verzog abwägend das Gesicht. „Vielleicht nicht", gab er zu. „Aber das dürfte Ihrer Motivation, mir zu antworten, nur zuträglich sein."

Sie schüttelte langsam mit dem Kopf. „Nein, gar nicht zuträglich." Und griff wieder nach ihren Notizen und dem Stift.

Severus seufzte. „Ist denn meine Heilerin zufrieden mit dem, was sie gesehen hat?", kehrte er zur Ausgangsfrage zurück. Dabei griff er erneut nach seinem Glas und trank einen großen Schluck. Vielleicht half der scharfe Geschmack des Alkohols dabei, ihn mehr ins Hier und Jetzt zu holen und die Bilder des Traums abzuschütteln.

Granger nickte derweil, was er über den Rand seines Glases hinweg sah. „Sehr. Was war das für ein lächelnder Mann in diesem Labor? Haben Sie sich in eine imaginative Welt geflüchtet?"

Severus brauchte einen Moment, um ihre Frage zu verstehen. Lächelnder Mann? Labor? Dann erinnerte er sich. Stimmt … Meister Dendron war kurz aufgetaucht.

Was hatte sie noch gefragt? Mühsam kratzte er den Klang ihrer Frage zusammen und wiederholte die Worte gedanklich. Daran würde er sich morgen definitiv nicht mehr erinnern … Er schnaubte leise, dann rastete endlich etwas ein in seinem Kopf und er nickte. „Das habe ich."

„Hm. Ich denke, mein Trank wird Ihnen helfen. Wenn sie wollen, mache ich ihn morgen fertig. In etwa zwei Wochen könnten Sie nachts wieder Ihre Ruhe haben."

Severus kniff die Augen zusammen. „Wie funktioniert Ihr Trank eigentlich?"

Sie lächelte verschmitzt. „Das erkläre ich Ihnen ein anderes Mal. Vielleicht … Wollen Sie es trotzdem versuchen?"

Er schloss die Augen, seine Lider waren so schwer. Am Rande seines Geistes regte sich ein Gedanke … Der Gedanke, dass es ein bisschen unfair von ihr war, ihm diese Frage in seinem jetzigen Zustand zu stellen. Ob das Absicht war?

Severus merkte, wie seine Gedanken abdrifteten, und quälte seine Augen wieder auf. Wenn er jetzt Nein sagte, würde sich diese Diskussion bestimmt noch in die Länge ziehen. Er wollte das bitte nicht. Und was hatte er schon zu verlieren? Vielleicht würde es sie ein bisschen milder stimmen, wenn sie ein Projekt hatte.

Er nickte.

„Gut. Dann kümmere ich mich um den Trank. Sie sollten jetzt schlafen gehen." Sie stand auf und durchquerte das Zimmer mit für ihren Alkoholkonsum erstaunlich sicheren Schritten. An der Tür blieb sie stehen und wandte sich halb zu ihm um. Severus sah, wie sie Luft holte, anscheinend zum Sprechen ansetzen wollte.

„Ja, Miss Granger?", fragte er, als sie auch nach mehreren Sekunden noch schwieg.

Sie klappte den Mund zu, schüttelte den Kopf. „Schon gut."


Zu seiner Überraschung konnte Severus sich an alles erinnern, als der Schlaftrank seine Wirkung verloren hatte. Schade, dass Granger nicht bereit gewesen war, ihm die Perspektive seiner ehemaligen Schülerin zu erläutern.

Er wanderte gedankenverloren im Garten entlang. Der verschwommene Ball, als den sie die Sonne auf dieser Seite der Dimensionsbarriere sahen, neigte sich dem Horizont entgegen. Hin und wieder tauchte auch ein schwarzer Punkt an der Barriere auf; vermutlich größere Insekten oder kleinere Vögel.

Der Garten war erstaunlich weitläufig. Hier wäre genug Platz für einen großen Tisch und viele Gäste. Nur die Gäste fehlten. Und der Tisch. Einige Beete teilten das Rasenstück in kleinere Felder auf, Blumen streckten ihre farbenfrohen Köpfe in die Luft und schlossen allmählich ihre Blüten. Für heute.

Mit gerunzelter Stirn setzte er einen Fuß vor den anderen und dachte nach. Das hier – das Haus, der Garten, diese ganze Dimension – war ein freundliches Gefängnis. Es gab keine Gitterstäbe und keinen Gestank, keine Ketten und keine Flüche (nur Granger) … Aber es war ein Gefängnis.

Severus hatte seit Monaten nichts mehr über die Geschehnisse in der magischen Welt erfahren. Er wusste nicht, ob es Kämpfe gegeben hatte und wenn ja, wer sie gewonnen hatte. Er wusste nicht, was Albus plante und ob das Ministerium endlich mal mit ihm an einem Strang zog. Oder ob das Ministerium längst in der Hand der Todesser war. Er wusste nicht mal, wer noch lebte und wer bereits gestorben war. Abgesehen von Poppy natürlich. Granger sprach diese Dinge nicht an und er traute sich nicht zu fragen.

Aber in ihm wuchs der Wunsch zu gehen. Es war unwichtig wohin. Nur raus aus der Gefangenschaft. Vor allem raus aus dieser Dimension, die ihn mit der Illusion von Befreiung einsperrte.

Dieses Bedürfnis hatte ihn schon immer begleitet. Selbst in Hogwarts war er manchmal über das Wochenende gegangen. Albus hatte jedes Mal eine halbe Staatsaffäre daraus gemacht, weil er nicht wusste, wohin Severus verschwand. Dabei war er bloß im Haus seiner Großeltern, in dem jetzt nur noch seine Großmutter lebte. Nur an der Küste, manchmal mit dem kleinen Boot auf dem Meer. Nur ein Stück der Freiheit stehlen, die nicht ihm gehörte. Nur kosten von dem, was er sich verbaut hatte.

Gedankenverloren strich er über seinen linken Unterarm. Über die vernarbte Haut, all die Täler und Hügel. Er runzelte die Stirn.

Dann plötzlich wandte Severus sich um und verschränkte die Arme hinter dem Rücken, kehrte zum Haus zurück. Er erstarrte kurz, als er Granger in der Terrassentür entdeckte. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Phiole mit einer blass violetten Flüssigkeit.

„Ist das der erste Trank?", fragte Severus.

Sie blinzelte mehrmals, sah hinab auf ihre Hand und nickte dann. „Ein Esslöffel vor dem Schlafengehen und ein weiterer, falls sie sich fit genug für eine weitere Runde fühlen. Niemals mehr als zwei am Tag. Sollten Sie Probleme haben, kommen Sie zu mir."

Severus nahm ihr das Gefäß aus der Hand und hielt es mit prüfenden Blicken gegen das Licht. „Hervorragende Arbeit", sagte er und betrachtete ihr Gesicht an der Phiole vorbei.

Für einen Moment schien es, als würde sie sich ärgern. Dann glättete ihr Gesicht sich allerdings.„Danke."

Severus nickte. Sie wandte sich um und kehrte ins Haus zurück. Er beobachtete sie nachdenklich. Ob sie sich auch nach Freiheit sehnte?


Er war sich nicht sicher, ob der Trank tatsächlich das tat, was er sollte. Statt absurder Träume wirbelten jetzt Bilder, Stimmen und Gefühle um ihn herum, nichts davon konnte er erkennen oder einer bestimmten Situation zuordnen. Das alles fühlte sich nach anstrengender Arbeit an. Wenn er aufwachte, fühlte er sich erschöpfter als beim Einschlafen.

In den letzten beiden Tagen hatte er an den unpassendsten Orten und zu den unpassendsten Zeiten geschlafen. Das eine Mal kurz nach dem Mittagessen im Wohnzimmer. Als er wieder erwachte, entdeckte er Granger, die ihm gegenüber im Sessel saß und aus dem Terrassenfenster starrte. Sein Mund stand offen, er schloss ihn rasch. Granger bemerkte trotzdem nicht, dass er wach war.

Er wollte sie eigentlich auf sich aufmerksam machen, aber dann sah er die Träne, die aus ihrem Auge lief. Granger ließ es einfach geschehen. Langsam rollte die Träne über ihre Schläfe und am Ohr vorbei auf ihr Kinn zu. Irgendwann verlor sie sich.

Dann kam eine weitere, die der alten Spur folgte und vom Kinn auf ihr T-Shirt tropfte. Granger schniefte leise und wischte sich über das Gesicht.

Severus schloss seine Augen und tat so, als würde er noch immer schlafen. Mit geschlossenem Mund.


„Ist es eigentlich üblich, dass mein Schlaf mit diesem Trank alles andere als erholsam ist?", fragte Severus, als sie am nächsten Morgen beim Essen in der Küche saßen.

„Ja, ist es. Sie erreichen mit dem Trank keine erholsamen Schlafphasen, Sie durchleben die ganze Zeit Erinnerungen. Es ist normal, dass Sie am Tag so müde sind."

„Wie tröstlich", entgegnete er gedehnt.

Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Aber wo Sie es gerade ansprechen … Ich möchte Sie heute Nacht beobachten."

„Wozu?" Die Vorstellung, dass sie ihn beim Schlafen beobachten könnte, war eher lästig als unangenehm; sie hatte ihn in den letzten Tagen eh des Öfteren dabei erwischt. Aber nachts und in seinem Zimmer wollte er seine Ruhe haben. Es war die einzige Privatsphäre, die er hier hatte.

„Ich möchte sehen, ob die Einzelkomponenten des Trankes richtig dosiert sind. Inzwischen sollte der Trank seine volle Wirkung entfaltet haben." Granger griff nach dem Marmeladenglas und bestrich sich eine Scheibe Brot damit.

„Dafür wollen Sie sich die Nacht um die Ohren schlagen?"

Sie zuckte mit den Schulter. „Das ist mein Job."

Severus verzog den Mund. „Wenn es sein muss … Aber erwarten Sie nicht, dass ich für Sie extra einen Schlafanzug anziehe."

Granger sah ihn mit offenem Mund an. Dann schluckte sie. „Ein Nachthemd tut's auch", sagte sie.

„Ich besitze keine Nachthemden", entgegnete er ölig. Er hatte sich schon mal an der sexuellen Schiene die Finger verbrannt, aber es tat gut, Granger ein bisschen aus dem Konzept bringen zu können.

Sie verdrehte die Augen. „Glauben Sie, ich habe noch keinen nackten Mann gesehen?"

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Nun, ich hoffe sehr, es ist keiner Ihrer ehemaligen Professoren darunter gewesen."

Sie wurde rot, wich seinem Blick aus.

Er lehnte sich mit den Armen auf den Tisch. „Miss Granger! Da tun sich Abgründe auf."

Sie tat es ihm gleich und sah ihn herausfordernd an. „So groß wie der Grand Canyon!" Sie hielt seinem Blick sekundenlang stand.

Schließlich schnaubte Severus.

„Ich werde heute Nacht in Ihrem Zimmer sein, ob Sie nun einen Schlafanzug tragen oder nicht." Mit diesen Worten klappte sie ihr Brot zusammen und biss herzhaft hinein, so dass die Marmelade an den Seiten herausquoll.

Severus zog es vor, auf diese Mitteilung nicht zu antworten, und widmete sich seinem Apfel.


Als Granger an diesem Abend an seine Tür klopfte, knöpfte Severus sich gerade das Hemd seines Schlafanzuges zu. Er hatte niemals vorgehabt, während ihrer Nachtwache nackt zu schlafen – auch wenn er es ansonsten hin und wieder tat. Nachdem er jahrzehntelang in Hogwarts' Kerkern geschlafen hatte, war es ihm in überirdisch gelegenen Schlafzimmern oft zu warm. Und in diesem derzeit sowieso! Aber nicht warm genug, um tatsächlich vor ihr nackt zu schlafen.

Sie atmete auf, als er ihr die Tür öffnete. „Oh gut, Sie sind angezogen."

„In der Tat", entgegnete Severus feixend.

„Und bereit anzufangen?"

„So gut wie." Sein Blick fiel auf das dicke Buch und den Notizblock auf ihrem Arm. „Sie anscheinend auch."

„Allerdings."

Er trat zur Seite und ließ sie ein. Auf dem Nachtschrank stand die Phiole mit dem Zaubertrank, auf dem Tisch brannte eine Kerze, die ihr flackerndes Licht verströmte. Granger legte ihre Sachen daneben und hängte eine Strickjacke über die Lehne des Stuhls. Es war ihm nicht klar, wofür sie die bei dieser Hitze brauchte. „Ich werde mich noch kurz frisch machen", sagte er und deutete auf das angrenzende Badezimmer. Sie nickte.

In der empfindlichen Ruhe des Bads seufzte Severus leise, ehe er Zahnpasta auf der Bürste verteilte und begann, sich die Zähne zu putzen. Noch immer vermied er es, sein Spiegelbild anzusehen. Und wenn er es nicht vermeiden konnte, zum Beispiel beim Rasieren, konzentrierte er sich auf einen Teil seines Gesichts. Niemals auf die Augen. Er wollte sie nicht sehen.

Schließlich spülte er sich den Mund aus und wusch sich das Gesicht. Anschließend benutzte er die Toilette und trat kurz darauf zurück in seinen Wohnraum. Granger hatte sich bereits an den Tisch gesetzt und das Buch aufgeschlagen. Auf dem Notizblock standen Stichpunkte, die Severus zu entziffern versuchte, ohne dass sie es bemerkte.

„Es geht Sie nichts an, Sir."

Severus verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Er ging zu seinem Bett hinüber, nahm den Trank und legte sich hin. „Ich wünsche eine angenehme Nacht, Miss Granger."

„Ebenfalls", erwiderte sie.

Dann löschte Severus das Licht und nur ein schwacher Schimmer schien vom Tisch her noch zu ihm hinüber. Ein paar Minuten beobachtete er Grangers zitternden Schatten an der Wand, ehe er seine Augen schloss und versuchte zu schlafen.


Severus war gefesselt. So fest, er konnte nicht mal seinen kleinen Finger bewegen. Er wusste nicht, wie er plötzlich hier gelandet war. In diesem Zustand. Eben war er noch umgeben gewesen von wirbelnden Bildern und Stimmen, die er nicht verstehen konnte. Es hatte ihn hin und her gerissen zwischen dieser und jener Erinnerung, so wie er es in jeder Nacht erlebte, seitdem er Grangers Trank nahm. Aber das? Das war neu.

Er versuchte sich gegen die Fesseln zu wehren. Sein Herz schlug ihm bis unter die Schädeldecke. So fest hatten sie ihn nie gefesselt! Folter brachte keinen Spaß, wenn das Opfer sich nicht bewegen konnte. Wenn es nicht schreien, sich nicht winden konnte. Wenn es nicht um Erlösung flehen konnte.

Warum konnte er sich nicht bewegen?

Er bekam keine Luft mehr. Keine Luft. Keine LUFT!

Professor Snape!"

Da! Da war eine Stimme, die er hören konnte. Klar zwischen all den durcheinander wirbelnden Wortfetzen um ihn herum, klar über das Wummern seines Herzens hinweg. Er versuchte, sich auf diese Stimme zu konzentrieren.

Sie müssen aufwachen. Jetzt!"

Aufwachen? Oh, stimmt. Das war ein Traum. Er schlief. Granger. Es war ihre Stimme. Sie versuchte, ihn zu wecken.

Severus zwang sich, ihrer Stimme zu folgen. Er konzentrierte sich so sehr darauf, dass er nicht mehr verstand, was sie sagte. Er hörte nur noch auf den Klang ihrer Stimme und folgte ihr. Es fühlte sich an, als würde er aus tiefem Wasser auftauchen. Dann schlug er die Augen auf.

Finite incantatem!", sagte Granger, kaum dass sie sein Erwachen bemerkt hatte.

Die Fesseln verschwanden. Severus sank in sich zusammen, atmete heftig, wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Er setzte sich auf, stellte die Füße auf den kühlen Holzboden. „Was war das?", fragte er atemlos.

„Sie haben sich so heftig bewegt im Schlaf, dass Sie Gefahr liefen, sich zu verletzen. Ich musste Sie mit der Ganzkörperklammer belegen, um mich Ihnen näheren zu können. Es tut mir leid."

Severus schluckte. Sein Herz schlug immer noch so heftig, dass es ihm die Luft abschnürte. Seine Finger kribbelten. Er schloss die Augen und presste die Lippen aufeinander, atmete. Sein Gesicht brannte, er verbarg es hinter seinen Händen. Er wünschte, sie würde gehen, aber in diesem Zustand würde sie ihn kaum allein lassen. Er hasste es, dass sie da war. Er hasste es, dass sie ihn in diese Lage gebracht hatte!

Nach ein paar Minuten fühlte es sich so an, als hätte er wieder die Kontrolle über seinen Körper. Er ließ die Hände sinken, sah sie aus schmalen Augen an. „Tun Sie das nie wieder", sagte er sehr leise.

Granger schluckte. „Es tut mir leid."

„Nie wieder!" Diesmal war es fast ein Schrei.

Sie zuckte zusammen. „Nie wieder! Versprochen!", wiederholte sie, die Augen weit aufgerissen.

Severus fuhr sich über die Augen. Sein ganzer Körper schien zu beben, er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. „Reden Sie", sagte er mit dunkler Stimme.

„Was?" Offensichtlich hatte er sie nachhaltig aus dem Konzept gebracht.

„Der Trank, Miss Granger. Ihr Einschreiten. Erklären Sie es mir!"

„Oh! Natürlich." Sie schüttelte den Kopf, als müsste sie ihre Gedanken erst an den richtigen Platz rücken. „Wie gesagt, Sie haben sich sehr heftig bewegt. Wenn das jede Nacht so war, bin ich überrascht, dass Sie sich noch nicht verletzt haben. Ich muss den Trank anpassen, das Muskelrelaxans erhöhen. Wie ist es mit den Träumen? Sind es klare Erinnerungen?"

„Nein", grollte er, drehte den Kopf auf dem Nacken. Er würde sie am liebsten immer noch rausschmeißen. Es kostete ihn Kraft, die Wut stehen zu lassen und zum Thema zurückzukehren. „Es ist alles vermischt. Ich kann nichts klar sehen oder hören."

„Das ist auch nicht richtig", murmelte sie und strich etwas auf ihrem Notizblock durch, kritzelte etwas anderes daneben. „Das passe ich auch an. Morgen bereite ich gleich eine neue Mischung zu."

Severus nickte langsam. „Ist das dann alles?"

Wieder schluckte sie. „Ja, das ist alles." Sie schlug ihr Buch zu, legte den Notizblock darauf und presste beides an ihre Brust. Dann stand sie vor ihm. „Es tut mir wirklich leid, Professor. Ich wollte Sie nicht in … diese Lage bringen."

Severus schloss die Augen. „Ich weiß", sagte er. Er hörte, wie sie den Raum durchquerte und sein Zimmer verließ. Nachdem sie die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, ging er hinüber ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über die Hände laufen, klatschte es sich auch ins Gesicht. Aber dieses ekelhafte Gefühl ließ sich nicht wegwaschen.