Kapitel 1.07 – Realität und Fiktion

Am nächsten Morgen brauchte Severus eine gute halbe Stunde unter der Dusche, stellte die Temperatur mehrmals von heiß auf kalt und umgekehrt und war am Ende trotzdem nicht richtig wach. Er grollte. Zum Teufel mit normal! Nichts an diesem Schlaf war normal.

Während er sich anzog, beschloss er, Grangers Trank von nun an tagsüber zu nehmen. Und nachts würde er schlafen. Und das tatsächlich normal!

Ihm begegnete Stille, als er die Stufen ins Erdgeschoss hinunter stieg. Die Küche war verlassen, ebenso das Wohnzimmer. Dafür hörte er Geräusche aus dem Keller. Er bereute es beinahe augenblicklich, dass er diese Tür geöffnet hatte. Stickige, klebrige Hitze wallte ihm entgegen. Er rümpfte die Nase. Hatte diese Frau noch nie was von Frischluftzaubern gehört? Wie konnte sie so arbeiten? Er stieg die Stufen hinunter und erwartungsgemäß wurde es nur noch schlimmer. Als er am Fuß der Treppe angekommen war, glaubte er, jemand würde ihm ein Kissen aufs Gesicht pressen.

Granger hingegen schien gar nicht zu bemerken, was sie dem Trank und sich selbst antat. Sie sah nicht mal von ihrer Arbeit auf. Und so ging Severus zielstrebig auf ihren Zauberstab zu (er hatte immer noch keinen neuen bekommen; anscheinend standen seine Wünsche nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste). Er hatte ihn schon fast in der Hand, als sie wie aus dem Nichts nach eben dieser griff.

„Was haben Sie vor?" Sie funkelte ihn müde an. Ihre Haut war fahl und verschwitzt, die braunen Augen glänzten fiebrig.

„Sauerstoff, Miss Granger", schnarrte er. „Die Luft in diesem Raum kann man schneiden." Er hielt ihrem Blick stand und schließlich zog sie ihre Hand zurück. Mit einem kurzen Schlenker sprach er den Zauber und es war, als würde eine kühle Windböe durch den Raum fegen. Severus atmete auf. Granger auch, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.

Er legte ihren Zauberstab zurück auf den Tisch und beobachtete sie bei ihrer Arbeit. Sein Wissen über medizinische Tränke war bis vor zwei Jahren recht aktuell gewesen und er hatte – wenn auch eher desinteressiert – immer dafür gesorgt, dass dies so blieb. Poppy hatte sich auf ihn verlassen.

Doch er hatte nie große Begeisterung für die medizinische Braukunst entwickeln können. Einzig der Wolfsbanntrank hatte ihn interessiert; die Zubereitung war herausfordernd genug, um ihn zu reizen. Vorausgesetzt er musste ihn nicht für Remus-verdammt-noch-mal-Lupin zubereiten. Für ihn hatte er ihn immer so gebraut, dass er besonders widerlich schmeckte, ohne seine Wirkung zu verlieren oder ihn umzubringen.

Wie dem auch sei … Das, was Granger hier braute, war ihm unbekannt. Vielleicht war es die neue Variante des Trankes für seine Erinnerungsverarbeitung, aber mit Sicherheit konnte er es nicht sagen. Er kannte diese Zutatenkombination nicht und auch eine so extreme Hitze- und Feuchtigkeitsentwicklung war ihm bisher bei kaum einem Trank begegnet. Es erfüllte ihn mit einer sonderbaren Zufriedenheit, dass sie Forschung betrieben und ihre eigenen Tränke entwickelt hatte.

In diesem Moment legte Granger ein Messer mit Silbergriff klappernd auf den gefliesten Arbeitsplatz und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Sie streckte sich, um in den simmernden Kessel schauen zu können, rührte den Trank um und schöpfte etwas davon heraus, um es langsam zurückplätschern zu lassen. Ihre Nase zuckte kurz. „Kann ich was für Sie tun, Sir?", fragte sie dann und warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Nein. Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass ich Ihren Trank in Zukunft tagsüber nehmen werde. Ich brauche Schlaf. Normalen Schlaf", informierte Severus sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie sah ihn an. „Gute Idee", sagte sie. „Dann kann ich Sie tagsüber beobachten."

Nun rümpfte er die Nase. „Das war nicht der Plan."

„Ich weiß." Sie verdrehte die Augen. „Als Entschädigung braue ich Ihnen einen Trank, der die Intensität ihres Nachtschlafes erhöht. Mehr Erholung in weniger Zeit. Dann haben Sie zumindest ein paar Stunden des Tages für sich." Sie hob das Brett an, auf dem sie einige Kräuter gehackt hatte, und schabte sie mit dem Messerrücken in den Kessel.

„Auch eine Eigenentwicklung?", fragte Severus interessiert.

„Ja." Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange und musterte ihn, offensichtlich unsicher, ob sie sagen sollte, was ihr auf der Zunge lag.

„Ich nehme an, Ihnen blieb in letzter Zeit nicht viel Ruhe zum Schlafen?", bot er ihr in versöhnlichem Ton an.

„Nein." Sie wandte den Blick ab, rührte wieder durch den Trank.

Severus runzelte die Stirn. Ihm war nicht entgangen, dass sie – ebenso wie er selbst – Schwierigkeiten mit dem Schlafen hatte. Wenn er nachts sein Zimmer verließ, brannte bei ihr oft noch Licht oder er sah sie im Wohnzimmer sitzen, während er in die Küche ging, um sich Wasser zu holen. Die dunklen Ringe unter ihren Augen waren seit ihrer Ankunft hier noch nicht heller geworden.

„Kann ich Ihnen bei der Zubereitung behilflich sein?", fragte Severus.

Sie musterte ihn prüfend. „Sind Sie dafür nicht zu müde?"

„Nicht müder als Sie."

Granger errötete und wandte den Blick ab. „Ich bin nicht müde."

„Natürlich nicht", entgegnete er ölig. „Nun, kann ich Ihnen behilflich sein?"

Sie schloss kurz die Augen, presste die Lippen aufeinander. „Nein", sagte sie dann. „Ich arbeite besser allein."

Severus nickte bedächtig. „Ich werde es mir merken."

Sie sah ihn an, ihre Blicke verhakten sich ineinander. Es lag etwas Entschuldigendes in ihren Augen, das er hier bei ihr noch nicht gesehen hatte. Dann wandte er sich um und stieg die Stufen ins Erdgeschoss hinauf. Auf halber Höhe der Treppe rief er: „Denken Sie daran, ab und zu mal die Luft zu erfrischen, Miss Granger! Ihr Gehirn braucht Sauerstoff!"


Etwa eine Stunde später hörte er, wie auch Granger das Labor verließ. Er hatte sich mit einer Tasse Kaffee und einem Buch in der Küche an den Tisch gesetzt und machte sich nebenbei Notizen.

In den letzten Jahren waren Zaubertränke für ihn zu einem noch wichtigeren Fluchtpunkt geworden als sonst. Wann immer er eine Pause brauchte von Todessern, Spionage, Muggelhass und Zerstörung hatte er über Zaubertränke nachgedacht. Dabei waren sowohl Pläne für Neuentwicklungen entstanden, als auch Verbesserungen bereits bestehender Rezepturen. Ihm hatte nur die Zeit gefehlt, irgendetwas davon umzusetzen. Er hatte sich aber alles aufgeschrieben für den unwahrscheinlichen Fall, dass er irgendwann mal Zeit dafür finden würde. Nun war dieser unwahrscheinliche Fall eingetreten.

Als ihre Schritte sich näherten, schloss er sein in schwarzes Leder gefasstes Notizbuch und trank einen weiteren Schluck des Kaffees, der allmählich kalt wurde. Er rümpfte die Nase.

Granger stellte eine kleine Flasche vor ihm auf den Tisch. „Das ist der neue Trank. Anwendung wie gehabt." Dann stellte sie eine weitere Flasche daneben. „Wenn Sie mit der ersten Phase fertig sind, wird der erste Trank Sie nicht mehr in den Schlaf ziehen. Sobald das passiert, nehmen Sie diesen Trank. Die ganze Phiole." Und noch eine dritte. „Der Schlaftrank für die Nacht. Nicht mehr als ein Esslöffel."

Severus hob beide Augenbrauen an, als sein Blick von den Behältnissen zu ihrem Gesicht schweifte. „Ich hoffe, es ist kein Helmkraut im Schlaftrank?", fragte er.

Sie verdrehte schon wieder die Augen. „Natürlich nicht. Ihre Allergie hat Madam Pomfrey tatsächlich in Ihrer Akte notiert. Was Ihnen eigentlich hätte klar sein müssen, denn sonst hätte ich Ihnen letztens nicht den Trank der Lebenden Toten sondern den Traumlos-Schlaftrank gegeben."

Severus schmunzelte. „Natürlich."

Granger warf einen Blick zur Uhr. „Es ist noch recht früh. Sie könnten heute schon mit der Verarbeitung beginnen."

Er folgte ihrem Blick, verzog das Gesicht. „Ja", sagte er mürrisch. „Geben Sie mir noch ein paar Minuten."

„Klar." Sie wollte sich schon abwenden, aber dann überlegte sie es sich anders. „Ist es … Ist es okay für Sie, wenn ich ab und zu nach Ihnen sehe?"

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Woher kommt plötzlich das Interesse an meinem Einverständnis?"

Sie errötete. „Nachdem Sie gegangen waren, fiel mir auf, dass ich möglicherweise etwas forsch gewesen bin."

„Möglicherweise …", wiederholte Severus und genoss es, sie für einen Moment zappeln zu lassen. Dann sagte er ernst: „Wenn ich die Tür zu meinem Zimmer einen Spalt offen lasse, dürfen Sie nach mir schauen. Wenn sie zu ist, dann nicht."

Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Okay. Danke!" Dann wandte sie sich ab und verließ die Küche. Kurz darauf hörte er ihre Schritte auf der Treppe ins Obergeschoss.

Für ein paar Minuten blieb Severus noch am Tisch sitzen, dann schüttete er den nun endgültig kalten Kaffee in den Ausguss, nahm seine Sachen und ging hoch in sein Zimmer. Nachdenklich stand er mit der Hand an der Türklinke da, drei, vier, fünf Herzschläge lang. Er ließ die Tür einen Spalt offen, als er sich abwandte.

Er legte die Bücher beiseite, stellte die Phiolen auf den Nachtschrank und zog seine Schuhe aus. Minutenlang lag er bewegungslos auf dem Bett und starrte an die Decke bis er bereit war, dem Trank eine weitere Chance zugeben.

Er griff nach der Phiole mit dem modifizierten Trank und nach dem Esslöffel, nahm eine Dosis und ließ sich mit geschlossenen Augen in die Kissen zurücksinken.


Lucius hatte ausgesprochen gute Laune, als er den Kellerraum betrat und ihn so unvermittelt mit Licht flutete, dass Severus die Augen zukneifen musste. „Severus!", rief er und zog sich die schwarzen Handschuhe Finger für Finger aus. „Entschuldige, dass du so lange warten musstest. Die Geschäfte …"

Severus schnaubte. Er wusste nicht, wie viele Tage vergangen waren, seitdem Lucius ihn gefangen genommen hatte. Aber sein Gesicht tat nicht mehr so sehr weh, einige Tage dürften es also gewesen sein. Einige Tage in kompletter Dunkelheit. Einige Tage mit wenig Wasser und noch weniger Essen. Einige Tage, in denen er sich eine Zuflucht in seinem Kopf erschaffen hatte, die sich inzwischen realer anfühlte als das, was hier gerade passierte.

„Steh auf, Severus", sagte Lucius in diesem Moment. Er stand drei Schritte von ihm entfernt, die Arme vor der Brust verschränkt, den Zauberstab in der Hand.

Severus sah ihn an, machte aber keine Anstalten, der Aufforderung Folge zu leisten. Die grauen Augen bohrten sich in seine; wollte Lucius etwa Legilimentik gegen ihn verwenden? Ein Lachen stieg in Severus' Kehle auf, er konnte es gerade noch herunterschlucken.

„Willst du, dass ich dich zwinge?"

„Tu, was du nicht lassen kannst", entgegnete Severus. Er würde sowieso leiden, wenn nicht deswegen, dann wegen etwas anderem. Nichts würde ihn davor bewahren, gefoltert zu werden.

Um Lucius' Augen zuckte es. „Crucio!"

Nein! Neinneinneinnein!

Der Fluch tauchte ihn in Säure. Brennende Säure! Jeder Knochen in seinem Körper zerbrach. Seine Glieder zuckten. Er schrie! Alles versank. Entglitt ihm. Verblasste. Da war nur noch Schmerz.

Aufhören!

Severus schrie, selbst als keine Luft mehr in seinen Lungen war. Der Schmerz war heftiger als alles, was er jemals erlebt hatte. Jeder Nerv in seinem Körper stand im Flammen! Er wand sich, griff sich an den Kopf, an die Arme. Krallte die Finger in den Boden, bis ihm die Nägel brachen. Er konnte das nicht aushalten, es zerriss ihn, dieser Schmerz zerriss ihn!

Aufhören!

Bitte!

Und dann hörte es auf. Er keuchte. Schmeckte Blut auf seiner Zunge. Sein Herz wummerte so laut in seinem Kopf, dass er Lucius' Worte kaum verstand: „Wirst du nun aufstehen, Severus?"

Er schnaufte. Kämpfte sich auf alle Viere und von da aus zitternd auf die Beine. Dann hob er den Blick, sah Lucius an. „Zufrieden?"

„Sehr!" Er lächelte. Schlenderte ein paar Schritte durch den kahlen Raum. „Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was ich mit dir machen soll. Du warst dem Dunklen Lord ungehorsam. Du hast uns jahrelang unterwandert und an Dumbledore verraten. Du hast mein Gedächtnis manipuliert … Was meinst du, Severus, soll ich mit dir machen?"

Severus verschränkte die Arme vor der Brust. Der Cruciatus-Fluch hallte noch immer durch seinen Körper, seine Muskeln gehorchten ihm nicht vollständig. „Orden des Merlin, erster Klasse würde ich sagen", entgegnete er heiser.

Lucius lachte, dann wurde er wieder ernst. Wandte sich ihm zu. „Wenn du nicht aufpasst, wird dein Sarkasmus dich irgendwann umbringen."

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Es war nicht mein Sarkasmus, der mich hierher gebracht hat."

„Nein", gab Lucius zu. „Aber ich werde dich auch nicht umbringen. Jedenfalls … nicht so bald." Sein Blick verursachte Severus eine Gänsehaut. Dann fing er wieder an, durch den Raum zu laufen. „Wie dem auch sei … Ich finde, wir sollten uns als erstes um das Dunkle Mal kümmern. Du hast es nicht mehr verdient, dieses Ehrenmal zu tragen."

„Man kann das Mal nicht entfernen, Lucius."

Er lächelte. „Ja, so sagt man. Aber ich hab es noch nie ausprobiert. Du?"

„Nein", grollte Severus. Während sie darüber sprachen, glaubte er das Dunkle Mal kribbeln zu spüren. Seine Armmuskeln spannten sich an.

„Dann wird das hier ja für uns beide spannend." Lucius zuckte wieder mit dem Zauberstab und Severus wurde gegen die Wand hinter sich geschleudert, bewegungsunfähig. „Und wenn ich dich schon hier habe, könntest du mir eigentlich auch ein paar Fragen zum Orden beantworten, findest du nicht?"

Severus schnaubte. Sprechen ging, wie er feststellte. „Du hast meinen Kontakt zum Orden seit zwei Jahren unterbunden, Lucius. Ich weiß nichts mehr über diese Organisation."

Lucius schnalzte mit der Zunge. „Das werden wir noch sehen. Aber erst mal …" Severus' linker Arm streckte sich gerade nach vorn, er konnte nichts dagegen tun. Lucius kam näher, den Blick auf das Mal gerichtet. „Der Dunkle Lord gab uns dieses Mal als Zeichen seiner Wertschätzung und seines Vertrauens. Wir haben ihm dafür Loyalität bis in den Tod geschworen." Wieder sah er ihm in die Augen.

„Wo war deine Loyalität, als du dich nach seinem ersten Sturz vor dem Gefängnis gedrückt hast, Lucius?"

Crucio!"

Feuer! Säure! SCHMERZ! Es musste aufhören! Seine Muskeln zuckten, krampften! BITTE!

Schluss.

Severus stöhnte. Schloss die Augen. Stieß scharf die Luft durch seine aufeinander gepressten Zähne. Sein Herz pochte, als würde es ihm aus der Brust springen wollen.

„Wo waren wir stehen geblieben?", fragte Lucius, tippte sich gegen die Lippen. „Ach ja! Loyalität. Das war das einzige, das der Dunkle Lord von uns verlangt hat. Verstehst du mich, Severus?"

Severus sah ihn aus schmalen Augen an. „Ja, Lucius, ich verstehe dich."

„Gut." Er legte die Spitze seines Zauberstabes auf Severus' Unterarm und dann schoss Hitze in seine Haut. Feuer! Diesmal wirklich. Die Haut lief vor seinen Augen rot an, schlug Blasen, platzte auf.

Severus biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten. Er würde nicht wieder schreien. Das war nicht so schlimm wie der verdammte Cruciatus-Fluch. Er würde nicht schreien!

Nein. Er würde gehen. Einfach gehen.

Und mit diesem Gedanken schien er seinen Körper zu verlassen. Der Keller um ihn herum versank und Severus betrat das Labor. „Severus!", sagte Meister Dendron und das alte Gesicht leuchtete vor Begeisterung. „Schön, dass du da bist. Hier bist du in Sicherheit."


Severus trieb herauf aus der Tiefe der Erinnerungsverarbeitung. Sein Arm brannte, als würde er in Flammen stehen, aber mit jedem Herzschlag ließ der Schmerz weiter nach. Das war vorbei, das war Vergangenheit. Dieser Gedanke hallte in ihm nach, auch als er wieder hinabsank in die nächste Erinnerung.


„Ich wünsche einen guten Abend, Severus", sagte Lucius, als er irgendwann viel später wieder den Kellerraum betrat.

Severus hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Dafür hatte er andere Gäste gehabt. Avery war dabei gewesen, Rookwood … Er wusste es nicht mehr so genau. Sie hatten ihm Fragen gestellt. Viele, viele Fragen. Er hatte keine davon beantwortet. Es gab nicht mehr viel, was er für den Orden tun konnte, aber das … das konnte er tun. Denn selbst, wenn er ihnen alles gesagt hätte, hätten sie nicht aufgehört, ihn zu foltern. Für ihn gab es keinen Weg hier raus. Keine Hoffnung. Jedenfalls keine reale. Es gab nur sein imaginatives Labor und das hatte er genutzt.

Inzwischen hatten sie ihn in Ketten gelegt. In Ketten, die in der Mitte des Raumes von der Decke hingen. Die Eisenmanschetten lagen eng an seinen Handgelenken. Wenn er allein war, waren die Ketten lang genug, dass er sich auf den Boden kauern konnte, die Arme nach oben gestreckt. Wenn sie kamen, zogen sie ihn daran hinauf.

Sie hatten ihn auch ausgezogen. Sie alle mochten es, die Wunden sehen zu können, die sie ihm zugefügt hatten. Und sie mochten es, ihn auf jede erdenkliche Art zu erniedrigen.

„Wie geht es deinem Arm?", fragte Lucius in diesem Moment und riss Severus' Aufmerksamkeit an sich.

Der sah aus halb geschlossenen Augen zu ihm auf. „Bestens", murmelte er.

„Wie ich sehe, hattest du Unterhaltung, während ich fort war." Lucius kam auf ihn zu, umrundete ihn und neigte den Kopf, als er wieder vorne angelangt war. „Gut siehst du aus!" Und das sagte er in einem Ton, als hätte Severus gerade einen Urlaub in der Sonne hinter sich.

„Was willst du, Lucius? Mich daran erinnern, dass ich meinen Aufenthalt genießen soll?", fragte Severus heiser, hustete, richtete sich soweit auf, wie seine schmerzenden Muskeln es zuließen.

Lucius schüttelte den Kopf. „Nein. Das setze ich voraus." Er zeichnete einen Stuhl in die Luft, der sich ein paar Mal um sich selbst drehte, ehe er mit einem lauten Schlag auf den Boden fiel. Dann setzte er sich und schlug die Beine übereinander. „Ich dachte, wir machen heute einen kleinen Filmabend."

Severus kniff die Augen zusammen. Er wusste, was Filme waren, wunderte sich allerdings, dass Lucius diesen Begriff kannte. Die Zauberergemeinschaft hatte es nie für nötig gehalten, sich einer Unterhaltung wie dieser zu bedienen. Geschichten wurden erzählt, niedergeschrieben oder auf der Bühne aufgeführt, aber er bezweifelte, dass es das war, worauf Lucius hinauswollte.

Als hätte er die Fragen auf Severus' Gesicht gesehen, zog Lucius ein kleines Fläschchen aus seiner Umhangtasche, entkorkte es und ließ mit seinem Zauberstab einen weiß schimmernden Faden daraus hervor schweben. Er breitete sich waagerecht aus und eine Szene erhob sich daraus, ebenso weiß schimmernd.

Severus sah sich selbst und Hermine Granger in seinem Labor in Hogwarts. Vage erinnerte er sich an diesen Abend. Sie hatten sich in einer langwierigen Phase des Experimentierens befunden und waren beide gereizt und übermüdet gewesen.

„Ich denke, du erinnerst dich an den Abend, Severus?" Lucius blickte mit dieser rhetorischen Frage auf den Lippen zu ihm hinüber. Der Dunkelhaarige nickte, zog die angewinkelten Beine enger an seinen entblößten Körper.

Woher hatte er diese Erinnerung? Hatte er sie aus seinem, Severus', Kopf? Hatten sie Legilimentik bei ihm angewandt, ohne dass er es bemerkt hatte? Und ihm diese Erinnerung genommen? Er hatte sich so oft und so lange zurückgezogen, dass er es nicht mit Sicherheit ausschließen konnte.

Oder hatten sie sie von … von ihr?

Severus schloss die Augen, atmete tief durch, zwang seinen Puls zur Ruhe.

In diesem Moment flog in der Erinnerung die Tür zum Kerker auf und Severus sah wieder hin. Lucius betrat das Labor. Severus sah sich selbst seine Position leicht verändern, um einige Zutaten vor seinem Blick zu verbergen. Lucius war kein Genie in der Zaubertrankkunst, aber er hatte ein solides Grundwissen. Und diese Zutaten waren verräterisch gewesen.

„Hat man dir keine Manieren beigebracht, Lucius?", hörte er seine eigene, sehr viel intaktere Stimme.

Zum ersten Mal hatte er die Gelegenheit, Granger in diesem Moment zu sehen. Sie beobachtete das Geschehen mit gesenktem Kopf und schnitt dabei weiter sorgfältig ihre Zutaten. Sie war nur kurz zusammengezuckt, als Lucius das Labor betreten hatte. Ihre Hand aber umklammerte das Messer wie ein Schraubstock.

„Sicherlich mehr als dir", antwortete Lucius in diesem Moment und schielte an Severus vorbei zu Granger. „Was tut sie hier?"

Severus warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter. „Praktikum."

Du stellst ehemalige Schüler für Praktika ein? Noch dazu ein Schlammblut?"

Hier sah er Granger kurz die Augen schließen. „Du kannst mir glauben, Lucius, dass ich es nicht freiwillig getan habe", hörte er sich sagen. „Was willst du hier?"

„Ich suche meinen Sohn."

Selbst heute konnte Severus sich nur schwer ein Schnauben verkneifen. Zwar hatte Draco tatsächlich auch ein 'Praktikum' in Hogwarts absolviert; Albus hatte die abwegige Hoffnung gehabt, Draco so vom Pfad der Todesser abbringen zu können. Aber er hatte unter Filius' Schirmherrschaft gestanden und die Kerker hatten nicht zu seinem Aufgabengebiet gehört.

„Wie du siehst, bin ich alleine mit dem Schlammblut", sagte Severus in der Erinnerung.

„Allerdings", murmelte Lucius und betrachtete Granger aus schmalen Augen.

„Könntest du dann deine Suche woanders fortsetzen und deinem Sohn ausrichten, er möge den Bericht nicht vergessen, den er morgen bei Filius abzuliefern hat? Er hat mich schon wieder darum gebeten, mir Draco zur Brust zu nehmen."

Lucius' Blick richtete sich prompt wieder auf Severus. Er rümpfte kaum sichtbar die Nase. „Ich werde es ihm ausrichten." Dann griff er seinen Umhang vor dem Körper zusammen, wandte sich um und verließ das Labor.

Severus beobachtete, wie er selbst die Tür schloss, nicht ohne vorher noch Lucius hinterher zu sehen. Wortlos kehrte er an den Tisch zurück und setzte seine Arbeit fort. Er ließ sich nichts anmerken, doch Severus wusste, dass er damals mit sich selbst gehadert hatte.

Schließlich schluckte er und sagte leise: „Es tut mir leid."

Granger hielt inne und sah zu ihm auf. „Schon gut", erwiderte sie ebenso leise und nach einem mechanischen Nicken von Severus verfielen sie wieder in Schweigen.

Hier endete die Erinnerung und Lucius dirigierte den weiß schimmernden Faden zurück in die kleine Glasflasche. „Rührend!", säuselte er und stand auf, um Severus ein weiteres Mal zu umrunden. „Weißt du, Severus, ich habe mich wirklich oft gefragt, was da zwischen euch beiden lief. Hast du sie gefickt?"

Severus schnaubte aufgrund dieses Wortes aus Lucius' Mund. Normalerweise war er sich zu fein für eine derart vulgäre Sprache. Deswegen und weil Lucius die Antwort ohnehin schon wusste, antwortete er nicht.

Crucio!"

Nein!

Severus schrie, er konnte es einfach nicht verhindern. Sein Körper gehörte nicht mehr ihm, der Schmerz steuerte ihn. Er ließ ihn zucken, sich winden. Er stemmte ihn halb auf die Beine, nur um dann wieder auf den Boden zu fallen. Er reduzierte Severus' Welt auf sich selbst. Da war nur Schmerz. Er konnte das keine Sekunde länger aushalten! Es musste aufhören!

Aufhören!"

Und das tat es. Er keuchte, Sterne tanzten vor seinen Augen.

Lucius lächelte. „Hast du, Severus?"

„Nein", japste er heiser. Seine Beine zitterten.

Lucius verzog das Gesicht, als hätte er das nicht erwartet. „All das … für nichts? Wie pathetisch …" Er setzte sich wieder. „Ich hätte schon so früh erkennen können, dass du für das falsche Team spielst."

Severus schnaubte. „Oh ja …" Der Blick, der ihn traf, ließ ihn innerlich erstarren, aber er erwiderte ihn äußerlich gleichmütig.

Lucius zupfte sich einen Fussel vom Umhang. „Ich hätte dir einfach nur Bilder zeigen müssen wie diese …" Er zog ein weiteres Fläschchen heraus und dirigierte dieses Mal einen schwarzen Faden in die Waagerechte. Es war eine fiktive Erinnerungen.

Aber sie war so detailliert, so echt,dass es Severus schwer fiel, das nicht zu vergessen. Er sah Granger, nackt und mindestens ebenso geschunden wie er selbst es jetzt war. Mehrere Todesser standen um sie herum, vergewaltigten sie, folterten sie. Sie schrie. Für einen Moment schien sie Severus direkt anzuschauen. Er wandte den Blick ab.

„… und deine Reaktion darauf beobachten müssen", beendete Lucius mit selbstgefälligem Ton seinen Satz. Severus sah ihn an, die Augen zu Schlitzen verengt. „Ich habe deinen Schwachpunkt gefunden, Severus. Du hast dir einfach ein neues Schlammblut gesucht."


In der mehrere Monate älteren Realität riss Severus die Augen auf. Das Zimmer war dunkel und nachdem sich sein Atem beruhigt hatte, wandte er den Blick hinüber zum Fenster. Die Sonne war untergegangen, der Trank hatte für heute seine Arbeit getan.

Erleichtert setzte er sich auf die Bettkante und stand ein paar Augenblicke später auf. Mit schwachen Beinen verließ er sein Zimmer, ging den Flur entlang. Vor Grangers Tür blieb er stehen.

Zuerst legte er nur seine Hand dagegen, dann strich er hinab zum Türknauf und drehte ihn leise. Lautlos glitt die Tür in den Raum hinein. Er sah zu ihrem Bett hinüber. Granger hatte sich trotz der Hitze in ihr Laken gewickelt, die Beine an den Körper gezogen und eine Hand unter das Gesicht geschoben. Sie lag auf der Seite, den Rücken zur Tür gedreht und schlief ausnahmsweise einmal tief und ruhig.

Severus beobachtete sie eine Weile und spürte, wie er ruhiger wurde. Es war in Ordnung. Es ging ihr gut. Die Erinnerung war nicht echt gewesen.

Schließlich wanderte er zurück in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich. Zog sich aus, legte sich ins Bett und nahm einen Esslöffel des Schlaftranks. Sofort breitete sich eine angenehme Schwere in ihm aus. Er ließ sich zurücksinken und vom Schlaf übermannen.