Kapitel 1.08 – Der Panther

Es war noch dunkel, als Severus aufwachte. Granger hatte nicht zu viel versprochen; er hatte nur einige Stunden geschlafen, fühlte sich aber erholt. Er zog sich an und ging in die Küche, um etwas zu essen. Die Stille lag wie Watte auf seinen Ohren. Es war kurz nach drei Uhr morgens, Granger schlief oder hielt sich zumindest in ihrem Zimmer auf. Beinahe fühlte es sich an, als wäre er allein hier.

Als er mit zwei Scheiben Toast und einer Tasse Kaffee am Tisch saß, wanderten seine Gedanken zurück zu den Erinnerungen. Lucius' Worte hallten in seinen Ohren: „Du hast dir einfach ein neues Schlammblut gesucht." Er rümpfte die Nase.

Er hegte für Granger nicht die gleichen Gefühle, wie er sie für Lily empfunden hatte. Aber es lag doch etwas Wahres in diesem Satz. Mal ganz abgesehen von der Abstammung gab es noch mehr Parallelen zwischen Lily und Granger. Sie waren beide intelligente und willensstarke Gryffindors. Sie hatten sich beide für einen Partner entschieden, der ihnen in keinerlei Hinsicht das Wasser reichen konnte. Er hatte mit beiden eine mehr oder weniger freundschaftliche Beziehung gehabt. Und verloren. Sie konnten beide nicht leiden, was für ein Mensch er war.

Es gab nur einen Punkt, in dem Lucius sich geirrt hatte: Nichts daran war einfach.

Severus kaute hohl auf seinem Toast. Lucius hatte noch mehrmals versucht, ihn mit fiktiven Erinnerungen zu quälen, aber Severus hatte das nicht mehr zugelassen. Er war jedes Mal gegangen. Zurück ins Labor, zurück zu Meister Dendron. Als er nach dem letzten Mal wieder im Keller aufgewacht war, hatte sein Rücken in Fetzen gelegen und Lucius hatte sich eine ganze Weile nicht mehr bei ihm blicken lassen.

Severus riss sich blinzelnd aus seinen Gedanken. Er hatte ein paar Stunden Zeit für sich. Er würde sie im Labor verbringen, bevor er sich den nächsten Erinnerungen stellen musste.


Severus merkte erst, dass er nicht mehr allein war, als die Ketten sich strafften und seinen wunden Körper in die Höhe zerrten. Die Eisenmanschetten gruben sich noch tiefer in seine aufgescheuerten Handgelenke, sie rissen ihm beinahe die Haut von den Händen. Schwankend quälte er sich auf die Füße, während er versuchte, im Geist fort zu bleiben, aber es gelang ihm nicht.

Der Schmerz überwältigte ihn, als er wieder vollkommen bei sich war. Ihm wurde schwarz vor Augen, er stöhnte. Er schmeckte Magensäure auf seiner Zunge. Sein Herz hämmerte in seinem Kopf, als wollte es ihn aufreißen. Nur langsam klärte sich sein Blick.

Er blinzelte. Blonde Haare. Etwas in ihm brach zusammen. Dann fiel ihm auf, dass diese blonden Haare kürzer waren als Lucius'. Draco.

Er stand vor ihm, die Stirn gerunzelt. „Wo sind Sie, wenn Sie nicht … hier sind?", fragte er nachdenklich. Anscheinend hatte er ihn schon länger beobachtet.

Severus versuchte zu schlucken. Sein Mund war so trocken, dass ihm die Zunge am Gaumen klebte. Draco kam zu ihm, eine Flasche Wasser in der Hand. Er hielt ihm den Flaschenhals an den Mund und ließ ihn trinken. Wasser tropfte auf den Boden, lief an Severus' Mund und seiner Brust hinunter. Er verschluckte sich, hustete. „Was willst du hier?", fragte er seinen ehemaligen Schüler heiser.

„Freuen Sie sich nicht, mich zu sehen, Sir?"

Severus schwieg. Nein, er freute sich nicht. Entweder war Draco hier, um ihn genauso zu foltern wie alle anderen auch, oder er würde versuchen, ihm zu helfen und dabei sein Leben riskieren. In beiden Fällen würde er etwas tun, vor dem Severus sich geschworen hatte, ihn zu beschützen.

„Ja, das dachte ich mir", murmelte Draco in diesem Moment. Er deutete mit seinem Zauberstab auf die leere Wasserflasche in seiner Hand und verwandelte sie in einen Metallstab, der rot zu glühen begann. Severus schluckte. „Ich freue mich auch nicht, Sie hier zu sehen." Sehr leise.

„Draco …"

„Nein." Er trat wieder vor Severus. „Hören Sie mir nur zu."

Severus schwankte. Seine Beine wollten sein Gewicht nicht tragen, aber wenn es seine Beine nicht taten, müssten es seine Handgelenke tun und er wusste wirklich nicht, wie lange er das noch aushalten würde. Er wollte zurück ins Labor. Wollte es nicht aushalten, in diesem Körper zu stecken.

Dracos Stimme riss ihn wieder aus seinen Gedanken. „Ich habe schon lange gewusst, dass Sie Dumbledores Spion waren. Und ich habe geglaubt, dass Sie mich aus diesem Wahnsinn rausholen würden." Er hockte neben Severus' linkem Bein. Severus musste den Kopf verdrehen bis es in seinem Nacken knackte, ehe er ihn sehen konnte.

Und dann konnte er ihn spüren. Nein, nicht Draco, aber den Metallstab. Severus' Bein zuckte, als er ihm damit die Haut verbrannte.

„Halten Sie still!", zischte Draco und griff nach seinem Knöchel. Dann machte er weiter. Punkt für Punkt, Brandwunde für Brandwunde. „Es war wohl nicht geplant, dass Vater entdecken würde, was Sie tun. Es tut mir leid, dass ich Ihren Plan ruiniert habe, Sir."

Severus' Herz machte einen Satz. „Wovon sprichst du?", fragte er heiser.

Draco sah zu ihm auf. „Diese Erinnerung, die Vater Ihnen zeigte … Die wahre Erinnerung … Er hat sie von mir. Ich war mit im Labor. Es tut mir leid." Dann wandte er den Blick wieder ab und machte weiter. Ein Punkt, zwei, drei weitere.

Aber die Schmerzen rückten gerade in den Hintergrund. Wie war das möglich? Wie hatte Draco mit im Labor sein können, ohne dass sie es bemerkt hatten? Aber die Frage nach dem Wie wurde überlagert von einer anderen Frage: „Warum?"

„Ich wollte sehen, was Sie mit Granger jeden Abend da unten tun. Ich meine, ich wusste, dass Sie Dumbledores Spion waren, aber … ich wollte wissen, wie weit Sie mit ihr gehen. Ob Sie … Sie wissen schon."

Ja, er wusste. Severus zog die Augenbrauen hoch. „Muss eine herbe Enttäuschung gewesen sein."

„Ja, das war es wirklich", murmelte Draco.

Einige Minuten schwiegen sie und Severus versuchte zu ignorieren, was Draco mit seinem Bein tat. „Hat Lucius dich hergeschickt?", fragte er, um sich wieder von den Schmerzen abzulenken.

„Nein. Er wollte es erst gar nicht. Musste ihn überreden."

„Warum bist du hier? Willst du dich rächen?"

Nun stand Draco auf, und zwar so schnell, dass Severus zusammenzuckte. „Glauben Sie das wirklich, Sir?", fragte er gepresst.

Severus blinzelte. „Nein."

Draco rümpfte die Nase. „Gut." Dann kehrte er zu seiner Arbeit zurück. „Ich musste Vater beinahe anbetteln, um alleine herkommen zu dürfen. Das hier hätte ich nicht tun können, wenn er zuschaut."

Severus umfasste die Ketten, um sich ein Stück daran hochzuziehen, während sein Bein stärker zu zittern begann. Es fühlte sich an, als würde Draco sich bis auf den Knochen durcharbeiten. Der Schmerz zog hinauf bis in den Oberschenkel, er ließ ihn die Zehen zusammenrollen, bis sie sich verkrampften.

„Was ist denn das hier?", fragte er, als er die Kontrolle über seinen Körper und die Schmerzen halbwegs wiedergewonnen hatte.

Draco antwortete nicht. Nach ein paar weiteren Minuten legte er den Metallstab zur Seite, zog dafür den Zauberstab aus der Tasche und begann einen Zauber zu intonieren, den Severus nicht kannte. Dann durchfuhr ein Prickeln seinen Körper, eine magische Welle, und ein Teil seiner Schmerzen verschwand. Sein Kopf wurde etwas klarer, sein Kreislauf etwas stabiler. „Das", sagte Draco in dieses Erleben hinein.

Er verlängerte die Ketten wieder und Severus sank in sich zusammen, bis er sein Bein anwinkeln und sehen konnte, was Draco getan hatte. Die Brandmale sahen aus wie ein Sternbild. Severus kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf, dann begann sein Gehirn das Muster zu verstehen. Eine Wildkatze. Ein Tiger? Nein. Ein Panther. Es war ein Panther.

Er schnaubte. „Ich hätte mit einer Schlange gerechnet."

„Zu einfach." Der Junge machte eine Bewegung mit dem Zauberstab und die einzelnen verbrannten Punkte verteilten sich über Severus' Körper. Überrascht von so viel Schmerz an verschiedenen Stellen, stöhnte der Tränkemeister auf. „Ich bedaure, dass ich das Mal nicht beisammen lassen kann. Es wäre zu auffällig."

„Wofür ist es?", fragte Severus.

Draco sah ihn nicht an, als er sagte: „Es wird Sie am Leben halten. Nur gerade so eben und ein Todesfluch kann Sie trotzdem töten. Aber es wird verhindern, dass Vater oder einer der anderen Sie … versehentlich umbringen."

Severus schloss die Augen. Das war das letzte, was er wollte. Unnötig lange am Leben erhalten werden, um hier zu leiden. „Wozu?", fragte er deswegen bitter.

„Ich werde nicht zulassen, dass Sie sterben. Nicht so. Nicht hier. Es wird Sie jemand hier rausholen."

Severus blinzelte. „Wer?"

„Der Orden. Irgendjemand muss Sie suchen. Ich werde rausfinden wer."

Severus sah ihn an. „Riskier nicht dein Leben für mich, Draco! Bring dich in Sicherheit."

„Ich versuche es ja!" Er schluckte, wischte sich über das blasse Gesicht. „Ich weiß, Sie wollten mich davor beschützen. Ich hab es nicht verstanden …" Er verzog das Gesicht. „Jetzt ist es zu spät. Vater würde mich lieber umbringen, als mich gehen zu lassen." Die grauen Augen fanden die schwarzen. „Ich versuche, uns beide hier raus zu bringen, Sir. Also … halten Sie durch!"

Severus schloss die Augen, nickte.

„Ich fürchte, ich muss Sie … irgendwie verletzen, Sir. Ich muss Vater etwas …"

„Ich weiß", unterbrach Severus ihn. „Mach einfach."


An diesem Punkt der Erinnerung kämpfte Severus sich gegen den Widerstand des Trankes aus dem Schlaf. Er brauchte eine Pause. Jetzt!

Es dauerte lange Minuten und als er endlich die Augen aufschlug, drehte sich das Zimmer um ihn. Er schwitzte, keuchte vor Anstrengung. Schwankend kam er auf die Beine und stolperte zur Tür. Brauchte mehrere Anläufe, ehe er die Klinke fand. Er riss die Tür auf, sie krachte laut gegen die Wand.

Schwarze Balken drängten sich in sein Sichtfeld, der Trank wollte ihn in den Schlaf zurückziehen. Er hielt die linke Hand an der Wand, die rechte am Handlauf und trotzdem fühlte es sich an, als würden die Stufen sich bewegen. Der Trank war stark, das Muskelrelaxans ließ ihn wackelig werden wie eine Marionette. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, und fiel beinahe die Treppe hinunter, als sein Fuß an der Kante einer Stufe abrutschte.

Der Lärm rief Granger auf den Plan. Alarmiert kam sie aus dem Wohnzimmer und starrte ihn sprachlos an. Dann fand sie ihre Worte wieder: „Was zum Teufel tun Sie da?"

Severus geriet wieder ins Stolpern und sie griff nach seinem Arm. „Beenden Sie es! Jetzt!", keuchte er.

„Was beenden?"

„Den Trank! Ich muss … reden!" Mit weit aufgerissenen Augen sank er auf die unterste Stufe und lehnte erschöpft den Kopf gegen eine Sprosse des Geländers.

Sie kniete sich vor ihn. „Die Wirkung des Trankes zu beenden, ist wirklich unangenehm. Sind Sie sicher, dass es nicht noch ein paar Stunden warten kann? Ich laufe nicht weg."

Er hatte Mühe ihr Gesicht zu fixieren. Alles schwankte, wurde unscharf. Durch die Watte in seinem Kopf hindurch konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen. „Ich bin mir sicher, Miss Granger." Er schluckte, schloss kurz die Augen. Aber da driftete er sofort wieder in den Schlaf, also riss er sie wieder auf. „Tun Sie es!"

Sie schnaufte unzufrieden, dann nickte sie aber. „Okay. Bleiben Sie hier. Ich muss das Gegenmittel zusammenmischen. Wird nicht lange dauern." Sie stand auf und ließ ihn allein.

Severus konzentrierte seinen Blick auf die Ecke des Läufers im Flur. Es war reine Willenskraft, die ihn davon abhielt, wieder einzuschlafen. Er wusste, wenn er nicht durchhalten würde, bis Granger zurückkehrte, würde sie ihn nicht wecken. Er musste … durchhalten!


Eine Viertelstunde später kniff er die Augen zu, während Granger ihn ins Wohnzimmer führte. Sein Kopf pulsierte, er konnte den Schmerz regelrecht sehen. Flimmernde Muster tanzten vor seinen Augen und nahmen ihm die Sicht. „Zu hell!", stöhnte er.

„Ich habe Sie gewarnt …", sagte sie und lehnte ihn gegen den Türrahmen, ehe sie einen Zauber murmelte.

Severus blinzelte. Das Zimmer war jetzt dunkel. „Danke für die Erinnerung", grollte er. Diese Schmerzen waren schlimmer als ein Freitagnachmittag in Hogwarts. Sogar schlimmer als ein einstündiger Monolog vom Dunklen Lord! Aber nicht schlimmer als der Crucio. Immerhin.

Er ließ sich auf das Sofa sinken, lehnte den Kopf nach hinten und schloss die Augen. Viel sehen konnte er eh nicht durch dieses Flimmern hindurch. Er hörte, wie Granger sich ebenfalls setzte und weil das Sofa sich nicht bewegte, vermutete er, dass sie wieder den Sessel gewählt hatte.

„Wie geht es Ihnen, Sir?", erkundigte sie sich scheinheilig.

„Bestens", nuschelte er. Er wünschte, sein Herz würde aufhören zu schlagen, damit dieses Pochen aufhörte!

„Was ist denn nun so dringend, dass es nicht bis heute Abend warten kann?"

Severus verzog das Gesicht, blinzelte. „Wäre es Ihnen eventuell möglich, leiser zu sprechen? Ihre Stimme hat eine unerträgliche Frequenz …"

Granger schnaubte. Dann stand sie auf, ging zu einem Schrank hinüber und kehrte mit einer Flasche Feuerwhiskey und einem Glas zurück. „Trinken Sie!", forderte sie ihn flüsternd auf, stellte dafür aber die Flasche mit einem so lauten Schlag auf den Tisch, dass Severus zusammenzuckte.

„Inwiefern ist das hilfreich?", knurrte er, als der aufwallende Schmerz abgeklungen war.

„Sie wissen dann nicht mehr, woher Ihre Kopfschmerzen kommen", sagte sie gleichmütig.

Er zog eine Augenbraue hoch. Dennoch griff er nach dem Alkohol, goss sich üppig ein und trank einen großen Schluck davon. Selbst wenn es nicht gegen die Kopfschmerzen half – bei der Auseinandersetzung mit Granger würde es helfen!

„Also, was soll das Theater?"

Zu seiner Überraschung hatte sie wirklich ihre Stimme gedämpft. „Draco Malfoy", sagte er dumpf und leerte sein Glas.

Granger schluckte. „Was ist mit ihm?"

Er goss sich noch ein Glas Whiskey ein. „Das würde ich gern von Ihnen wissen, Miss Granger", sagte er dabei. „Er kam zu mir in meiner Gefangenschaft."

„Ich weiß", entgegnete sie.

Severus rieb sich die Stirn. „Ich hatte viel … Besuch. Kaum einer war so angenehm wie seiner." Und gleichzeitig so unangenehm.

Er wischte sich über die Augen. Vielleicht war es Einbildung, aber das Pochen in seinem Schädel ließ etwas nach. Nur das Flimmern war immer noch da. Ein Kreis, der langsam größer wurde. Wenigstens konnte er durch ihn hindurch jetzt wieder Grangers Gesicht erkennen.

„Was hat er getan?", fragte sie in diesem Moment.

„Es geht um das, was er sagte."

„Und das wäre?", seufzte sie, anscheinend genervt darüber, dass sie ihm alles einzeln aus der Nase ziehen musste.

„Er sagte, dass er versuchen würde, uns beide da rauszuholen. Dass jemand kommen würde."

Sie schwieg.

„Hat er Sie aufgesucht, Miss Granger?", fragte er daraufhin.

„Offensichtlich."

„Wann?"

„Ich wüsste nicht, warum das wichtig ist." Sie stand auf.

Was Severus allerdings erst bemerkte, als sie bereits an der Tür war. „Miss Granger!", rief er laut.

„Was?", fragte sie ebenso laut zurück und diese unerträgliche Frequenz war wieder da. Ihre Stimme klingelte regelrecht in seinen Ohren. „Was wollen Sie von mir?"

„Ich will wissen, was mit Draco Malfoy passiert ist! Geht es ihm gut?"

Granger hielt seinem Blick einige Sekunden stand, dann stöhnte sie, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und fuhr sich mit der anderen über das Gesicht. „Draco Malfoy ist tot, Sir."

Er starrte sie an, zwei, drei, vier Sekunden lang, dann schloss er die Augen. Stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab. Seine Zähne knirschten, als er sie aufeinander biss. Hinter seinen Lidern brannte es.

Noch jemand, den er nicht hatte schützen können. Ein Name mehr auf der imaginären Liste seines Versagens. Hatte das, was er all die Jahre getan hatte, überhaupt einen Unterschied gemacht? Er hatte Potter nicht retten können, er hatte Draco nicht schützen können. Er hatte Lily verraten und Narcissa auch.

Severus ließ sich zurücksinken und hörte, dass Granger schon wieder drauf und dran war, das Zimmer zu verlassen. „Miss Granger", hielt er sie erneut zurück. Die Schritte erstarben. „Erzählen Sie mir, was passiert ist." Er blinzelte zu ihr hinüber und sah, wie sich ihre Körperhaltung versteifte.

„Warum ist das wichtig?", fragte sie leise.

„Ich muss es wissen."

Ihre Schultern sackten sichtbar ab, während ihre Hände sich zu Fäusten ballten. Nach einigen Sekunden drehte sie sich um, kam zum Tisch zurück, goss sich sein Glas fast bis an den Rand mit Feuerwhiskey voll und trank es in einem Zug leer. Dann setzte sie sich und nickte steif. „Schön."

Severus setzte sich wieder auf, zog die Augenbrauen hoch. Sie trank das Zeug, als wäre es Wasser.

Doch ihre Worte hielten ihn davon ab, etwas dazu zu sagen: „Draco … ging zu Professor Dumbledore, etwa anderthalb Monate nachdem Sie verschwunden waren. Er bot uns Informationen an."

„Was hat er dafür verlangt?", fragte Severus sofort.

Granger gab ein grunzendes Geräusch von sich. „Sie kennen Ihre Slytherins gut, nicht wahr?"

Er zog die Schultern hoch.

„Er wollte einen Unterschlupf. Einen Platz, an dem er sicher war und warten konnte, bis der Orden die Drecksarbeit erledigt hat. Er wollte seinen Arsch retten." Sie rümpfte die Nase und griff erneut nach dem Whiskey.

Severus tat es ihr gleich und so kam seine Hand auf ihrer zum Liegen. Sie sah ihn an, kniff die Augen zusammen, schüttelte seine Hand einfach ab und goss sich mehr von dem Hochprozentigen ein.

Severus schnaufte. „Sie haben ihm diesen Unterschlupf gewährt", besann er sich auf das Thema und hoffte, dass sie weiterreden würde.

Ich wollte es nicht. Draco hat unter Voldemorts Regime keinen Zweifel an seiner Gesinnung gehabt. Ich war überzeugt, dass es eine Falle war."

„Aber?"

Granger ließ ihre Schultern kreisen. „Professor Dumbledore wollte davon nichts hören und erfüllte Malfoys Bedingung. Ihre Rettung war ihm das Risiko wert."

„Weiter", knurrte er.

„Professor Dumbledore", fuhr sie fort, „besorgte ein Versteck für Malfoy. Er schützte es mit dem Fidelius-Zauber, wurde selbst der Geheimniswahrer. Malfoy musste nur noch dort hingehen und es sich bequem machen."

„Aber?", fragte Severus erneut.

„Nichts aber. Er hat sich umbringen lassen."

Das Pochen kehrte zurück, er griff sich stöhnend an die Stirn. „Miss Granger, bitte …"

Sie räusperte sich. „Wir arbeiteten einige Zeit zusammen, er sagte mir, was er wusste, half mir, so gut er es konnte, und sollte sich dann zurückziehen. Ich weiß nicht, warum er das nicht gemacht hat. Er kam nie in diesem Versteck an."

Severus hob den Blick. „Also wissen Sie nicht mit Sicherheit, dass er tot ist. Er könnte auch in Gefangenschaft sein."

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Er ist tot, Sir. Ich weiß es."

„Woher?"

„Professor Dumbledore hat es mir gesagt. Wenn Sie mir schon nicht vertrauen, dann vertrauen Sie wenigstens ihm. Draco Malfoy ist tot."

Severus schloss die Augen. „Ich danke Ihnen", sagte er und hörte, wie Granger das Zimmer verließ.


Severus wusste nicht, wie lange er schon im Wohnzimmer saß. Grangers Zauber hatte das Sonnenlicht ausgesperrt, er wusste nicht mal, welche Tageszeit es war. Er fühlte sich unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Als hätte er seine letzte Kraft verbraucht mit dem Akzeptieren von Draco Malfoys Tod. Er schloss die Augen.

Wann war Draco gestorben? War es nachdem er heimlich bei ihm gewesen war? Hatte er das Anwesen danach nicht mehr unbemerkt verlassen können? Oder war es später passiert? Und wie war er gestorben? Hatte Lucius es selbst getan? Hatte er ihn gefoltert? Oder hatte er wenigstens seinem Sohn einen schnellen Tod bereitet? War Narcissa dabei gewesen?

Severus stöhnte. Seine Augen brannten. Er wischte sich über das Gesicht und stand auf. Egal, wie spät es jetzt war, er würde schlafen gehen. Er konnte diesen Tag, diese Gefühle nicht mehr ertragen. Und er wollte lange schlafen. Nicht so wie letzte Nacht. Er wollte nicht in drei oder vier Stunden aufwachen und an diesem Punkt weitermachen müssen.

Also ging er hinunter ins Labor und suchte im Schrank mit den fertigen Tränken nach einer Phiole des Tranks der Lebenden Toten. Er ließ sie in seine Hosentasche gleiten.

Aber bevor er in sein Zimmer hinauf ging, bog er in die Küche ab. Granger saß am Tisch und starrte schweigend aus dem Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.

„Darf ich mir Ihren Zauberstab ausleihen, Miss Granger?", fragte er hohl.

Sie sah ihn an. „Was haben Sie vor?"

Er schloss kurz die Augen. „Nichts Dummes, falls Sie das meinen." Sie hob eine Augenbraue. „Ich werde es Ihnen bei Gelegenheit erzählen. Heute ist nicht der richtige Tag für weitere Geschichten."

Sie betrachtete sein Gesicht lange. Dann senkte sie den Blick und zog ihren Zauberstab aus der Tasche. Mit ruhiger Hand hielt sie ihm das Werkzeug entgegen. „Ich vertraue Ihnen, Sir."

Severus nahm ihn. „Danke." Er drehte sich um und verließ die Küche.

In seinem Zimmer angekommen, knöpfte er sich das Hemd auf, zog die Hose aus und hängte beides über die Stuhllehne. Dann griff er nach dem Zauberstab und stellte sein linkes Bein auf die Sitzfläche des Stuhls. Nur eine einzige runde Brandnarbe war über seinem Knöchel.

Severus griff den Zauberstab fest und schwang ihn durch die Luft. Er stöhnte, als jede einzelne der Brandnarben zu schmerzen begann. Eine war auf seinem rechten Oberarm, eine hinter dem linken Ohr. Zwei Stellen auf dem Rücken schmerzten, drei über den rechten Oberschenkel verteilt, eine an der linken Wade … Es waren so viele und er spürte jede einzelne von ihnen.

Mit einem weiteren Schlenker des Zauberstabes wanderte jede der Narben zurück an den Ort, an dem sie entstanden waren. Brennende Pfade zogen sich über Severus' Körper, die kurz darauf tiefrot anliefen. Die Haut über seinem Knöchel war nun nicht mehr unverletzt. Die Narben hatten sich wieder zu dem Muster zusammengesetzt, mit dem Draco ihn gezeichnet hatte. Das erste Mal sah er sich den Panther genauer an, tastete mit den Fingern über die einzelnen Punkte. Entschied, dass es gut war.

Er legte Grangers Zauberstab weg. Er würde ihn ihr morgen früh zurückgeben. Dann nahm er die Phiole und zog die Gardinen vor dem Fenster zu (die Sonne war noch nicht untergegangen). Er legte sich ins Bett und starrte ein paar Minuten lang an die Decke. Sein Kopf pochte, die Striemen auf seinem Körper brannten, er war so unglaublich müde. Severus entkorkte die Phiole und nahm einen großen Schluck des Schlaftranks.