Kapitel 1.09 - Waffenstillstand

Das Aufwachen nach dem Trank der Lebenden Toten war ernüchternd. Severus schlug die Augen auf und er wusste sofort, wo er war, dass er diesen Trank genommen hatte und warum er es getan hatte. Diese barmherzigen Sekunden der Verwirrung, die sonst manchmal das Aufwachen begleiteten, gab es nicht. Er seufzte. Wischte sich über das Gesicht. Sein Magen knurrte.

Trotzdem dachte er einen Moment lang darüber nach, gleich mit Grangers Therapie-Trank weiterzumachen. Aufstehen, sich anziehen, nach unten gehen, essen … Das war ziemlich viel verlangt.

Sein Magen knurrte wieder. Severus rümpfte die Nase. Und dann stand er doch auf. Zog sich an. Ging nach unten. Und fand die Küche halb ausgeräumt vor.

Gut, nicht halb ausgeräumt. Aber der Tisch fehlte. Severus stand ein paar Sekunden lang bewegungslos in der Tür. Sein Gehirn wusste nicht, was es mit dieser Information anfangen sollte. Dann hörte er etwas und ging drei Schritte rückwärts, bis er wieder im Flur stand und nach rechts durch das Wohnzimmer hinaus auf die Terrasse schauen konnte. Da war der Küchentisch. Komplett gedeckt. Und zwei Stühle. Und Granger. Sie sah zu ihm.

Severus runzelte die Stirn. Er überlegte tatsächlich, ob er zu ihr gehen oder einfach im Stehen in der Küche essen sollte. Ihm war nicht nach Kontakt. Nach reden.

Aber dann senkte sie den Blick und er wusste nicht, warum ihn das einknicken ließ, aber das tat es. Er seufzte, schloss kurz die Augen und ging dann hinaus in die Sonne.

„Guten Morgen", sagte sie. Ihre Miene hatte sich aufgehellt, als sie bemerkt hatte, dass er rauskam.

„Morgen", murmelte Severus. Er setzte sich auf den freien Platz, goss sich Kaffee ein und butterte sich einen Toast, ohne sie anzusehen.

Eine Weile lang schwieg Granger. Aber dann fragte sie: „Wie geht es Ihnen?"

Severus brummte leise. Griff nach der Schüssel mit dem Rührei.

„Sie haben den Trank der Lebenden Toten genommen", sagte sie dann.

Severus hob den Blick, hielt mitten in der Bewegung inne. Um sein linkes Auge zuckte es.

„Ich hab die Phiole gesehen, als ich gestern Abend meinen Zauberstab aus Ihrem Zimmer geholt habe. Ich brauchte ihn, um den Stasiszauber von meinem Trank aufzuheben."

Er verzog den Mund, sah hinab auf den Löffel in seiner Hand. Es missfiel ihm, dass sie einfach sein Zimmer betreten hatte. Aber er konnte ihr kaum einen Vorwurf daraus machen. Er hätte ihr den verdammten Zauberstab zurückbringen sollen, bevor er sich hingelegt hatte. Nein, er brauchte seinen eigenen verdammten Zauberstab!

„Sir, haben Sie Probleme mit dem Schlaftrank, den ich Ihnen gegeben habe?"

„Nein", sagte er einsilbig. Warum war er bloß hergekommen? Sein Magen knurrte. Ach ja. Er stellte die Schüssel mit dem Rührei zurück.

Minutenlang aßen sie schweigend. Severus vermied es, Granger anzusehen. Heute war einer dieser Tage … Manchmal konnte er einfach keine Gesellschaft ertragen. Vermutlich wäre es für sie beide angenehmer gewesen, wenn er tatsächlich eine Scheibe Toast im Stehen gegessen hätte und danach wieder in sein Zimmer gegangen wäre.

Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben. Es gab Kaffee und Tee, Milch, Orangensaft, Toast, Porridge, Zitronenmarmelade, Rührei, sogar frisches Obst. Er sah zu ihr auf. Grangers Blick lag auf der Dimensionsbarriere, sie hielt ihre Tasse in der Hand. Das Sonnenlicht glänzte in ihren Haaren.

„Warum haben Sie so ein großes Frühstück gemacht?", zwang er sich zu fragen.

Sie schluckte, ihre Aufmerksamkeit kehrte zurück an den Tisch. Zuckte mit den Schultern. „Weil ich ein netter Mensch bin?"

Severus verschluckte sich beinahe an seinem Kaffee.

Sie lief rot an. „Ach kommen Sie! So schlimm bin ich nicht …"

Er zog eine Augenbraue hoch.

Sie runzelte die Stirn. „Als ob Sie ein netter Mensch wären …"

„Ich habe nie behauptet, einer zu sein", entgegnete er.

Und sie verdrehte schon verdammt noch mal wieder die Augen!

„Sie haben sich sehr verändert, Miss Granger. Zumindest mir gegenüber." Er stellte seine Tasse zurück auf den Tisch.

„Ich weiß. Ich …" Sie presste die Lippen aufeinander, atmete scharf aus. „Ich gebe mir wirklich Mühe. Das tue ich. Aber …" Ihr Blick flackerte über sein Gesicht. „Sie sind nicht der einzige, der eine harte Zeit hinter sich hat."

„Vielleicht sollten Sie es mal mit Ihrem eigenen Trank probieren", schlug Severus vor und offensichtlich war das ein Fehler, denn etwas in ihrem Gesicht verschloss sich.

„Ja, vielleicht", murmelte sie, fuhr sich durch die Haare. „Betrachten Sie das Frühstück als Friedensangebot. Wir müssen irgendwie miteinander klarkommen hier und … ich werde versuchen, es uns so leicht wie möglich zu machen."

Er verkniff sich die spitze Bemerkung, die ihm dazu durch den Kopf ging. Sie hatte zwar eine Weile gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, aber es wäre ihrer Situation nicht zuträglich, wenn er sich jetzt stur stellen würde. Also nickte er. „Das werde ich auch."

„Gut." Für einen Moment stand tatsächlich so etwas wie ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Dann runzelte sie die Stirn, als hätte sie vergessen, dass sie gerade nicht lächeln durfte. „Was haben Sie heute vor?"

„Die nächsten Erinnerungen", entgegnete er knapp.

Sie senkte den Blick. „Sollten Sie jemals das Bedürfnis haben, darüber zu reden …"

Severus nickte. Er würde sich zwar lieber die Zunge abbeißen, als mit Granger über die Dinge zu reden, die Lucius und seine Leute mit ihm gemacht hatten, aber er wusste das Angebot zu schätzen. Es musste sie große Überwindung gekostet haben. „Ich würde heute Abend gern das Labor nutzen", wechselte er dann das Thema.

„Klar, kein Problem. Sagen Sie einfach Bescheid."

„Das werde ich." Er trank seinen Kaffee aus und räumte sein Geschirr zusammen, um es in die Küche zu bringen.

„Lassen Sie das ruhig stehen. Ich hab nicht viel zu tun heute, da bin ich für jede Beschäftigung dankbar."

„Danke." Er stand auf und nickte ihr kurz zu, dann kehrte er zurück in die Stille seines Zimmers, um sich mit den nächsten Erinnerungen zu befassen. Heute schloss er die Tür.


Severus keuchte, als er an diesem Abend aus seinen Erinnerungen aufwachte. Er rollte sich auf die Seite, zog die Beine an den Körper und vergrub den Kopf zwischen den zitternden Armen. Bellatrix … Er schloss die Augen, hielt kurz die Luft an, stieß sie aus, holte stockend wieder Luft. Dieses Drecksweib hatte ihn mit dem verdammten Cruciatus-Fluch gefoltert und der Schmerz war ihm aus der Erinnerung gefolgt. Nicht so heftig, wie es gewesen war, aber es war ein Echo, das ihm die Luft raubte. Als würde sein Körper in einem Schraubstock stecken, der langsam zugedreht wurde. Er konnte seinen Herzschlag spüren, überall, und selbst das tat weh.

Severus setzte sich auf, wischte sich über das Gesicht und wurde sich der Nässe bewusst. Hatte er geschwitzt? Nein. Jedenfalls nicht nur. Er zog die Nase hoch. Verdammt.

Nachdem er sich im Bad das Gesicht gewaschen hatte, stieg er langsam die Treppe hinunter. Stufe für Stufe. Er biss die Zähne aufeinander. War es nicht genug, dass er das einmal durchgemacht hatte? Mussten zu allem anderen jetzt auch noch sein Geist und sein Körper ihn quälen?

Bevor er die Tür zum Keller öffnete, blieb er kurz stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Er wollte nicht, dass Granger zu viel von dem hier mitbekam. Womöglich kam sie noch auf die Idee, darüber reden zu wollen, jetzt wo sie auf diesem Friedenstrip war. Er würde es sich nicht anmerken lassen. Er konnte das, es wäre nicht das erste Mal, das er Schmerzen vor anderen verbarg. Einmal noch erlaubte er sich ein leises Stöhnen, dann drückte er die Klinke hinunter und stieg auch diese Treppen hinab.

„Guten Abend", sagte er, als er unten angekommen war.

Granger sah vom Kessel auf, über den sie sich gebeugt hatte. Auf ihrer Nase saß eine große Schutzbrille, durch die ihre Augen größer aussahen. Haselnussbraun. Die Schürze, die sie trug, hatte so lange Bänder, dass sie sie einmal komplett um ihre schmale Taille wickeln und trotzdem noch hinter dem Rücken verknoten konnte. Severus blinzelte.

„Guten Abend", erwiderte sie und nahm die Brille ab. Mit dem Unterarm wischte sie sich über die verschwitzte Stirn. „Ich brauche noch fünf Minuten, dann ist der Trank stabil."

Severus nickte und ging hinüber zum Vorratsschrank mit den Zutaten. Er lehnte sich unauffällig gegen den Türrahmen, nahm sich ein Tablett und suchte die Dinge heraus, die er für seinen eigenen Trank brauchen würde. Belladonna, Rosmarin, Drachenhaut, getrocknete Vergissmeinnicht …

Einige Minuten später stieß er sich vom Türrahmen ab und kehrte zum großen Tisch in der Mitte des Raumes zurück. Granger schwang gerade ihren Zauberstab durch die Luft und belegte ihren Trank mit einem Stabilisierungszauber – allerdings keinem guten.

„Nehmen Sie lieber den Obtego, Miss Granger. Der greift die Substanzen weniger an", sagte er, während er seine Zutaten auf dem Tisch aufreihte.

„Ähm … Danke!" Sie hob ihren Stabilisierungszauber auf und nutzte seinen.

Severus warf ihr einen kurzen Blick zu und war überrascht, sie lächeln zu sehen. „Gerne."

Während Granger den Arbeitsplatz aufräumte, suchte Severus den richtigen Kessel und die restlichen Werkzeuge zusammen, die er benötigen würde. Schließlich standen sie einander gegenüber am Tisch und Severus fühlte sich unangenehm analysiert von ihrem Blick. „Sie sehen müde aus. Wie läuft die Therapie?"

Er nickte steif. „Gut, nehme ich an."

Granger presste die Lippen aufeinander. „Wenn Sie wollen, können Sie auch Pausen machen. Sie müssen nicht jeden Tag eine Dosis nehmen. Es ist möglich, die Therapie für bis zu vier Tage zu unterbrechen."

„Danke, aber ich will es hinter mich bringen."

„Verstehe", sagte sie leise. „Ich werde Sie dann mal arbeiten lassen." Sie wollte sich schon abwenden, als ihr etwas einfiel. Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel und legte ihn auf den Arbeitstisch. „Falls Sie ihn brauchen. Professor Dumbledore hat wohl gerade anderes zu tun. Lassen Sie ihn nachher einfach hier liegen." Sie lächelte.

„Danke." Severus beobachtete, wie sie das Labor verließ. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zählte er langsam bis zehn. Dann ging er zum Schrank mit den Trankvorräten und suchte sich mit zitternden Händen einen Schmerztrank heraus.


Severus schnappte nach Luft, als ein weiterer Peitschenhieb ihn aus seinem imaginativen Labor zurück in den Keller riss. Der zurückkehrende Schmerz schüttelte ihn, Sterne tanzten vor seinen Augen, ihm wurde schlecht. Er würgte, aber mehr als ein bisschen Magensäure war es nicht, was er auf den Boden spuckte.

„Da bist du ja."

Severus schauderte unwillkürlich. Macnair.

Er trat in Severus' Blickfeld. „Wie schaffst du es, so wegzutreten?", fragte er und runzelte die Stirn, während er sich mit dem Zauberstab am Kopf kratzte.

Severus schluckte, atmete heftig. Macnair hatte die Ketten so weit hochgezogen, dass er gerade noch mit den Zehenspitzen den Boden erreichen konnte. Er drehte sich etwas auf der Stelle, hatte Schwierigkeiten, dem grobschlächtigen Todesser ins Gesicht zu sehen. „Das … übersteigt dein Verständnis, Macnair", würgte er hervor.

„Mag sein", entgegnete er nachdenklich. „Aber ich muss es ja auch nicht verstehen. Immerhin hab ich den Zauberstab in der Hand." Er ließ eben diesen einmal durch die Luft schnappen und eine unsichtbare Peitsche traf Severus quer über die Oberschenkel. Es brannte wie Feuer, die Haut platzte auf, ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Er spürte, wie er sich einmal um sich selbst drehte, ehe er wieder genug Stabilität mit seinen Zehenspitzen fand.

Severus biss sich so fest auf die Zunge, dass er Blut schmeckte. Nach einigen Herzschlägen ließ der Schmerz ausreichend nach, dass er reden konnte: „Das dachte ich auch immer." Er hustete.

„Ja, stimmt!", rief Macnair, „Du hast auch viel gefoltert." Ein perverses Grinsen schlich sich auf die dünnen Lippen. „Und du hast es genossen, oder?"

Severus sah zu ihm auf. Es dauerte einige Sekunden, bis er ihn nicht mehr doppelt oder unscharf sah. „Ich war gut darin", sagte er heiser. Und das stimmte. Der Dunkle Lord hatte ihn gern zu den Gefangenen geschickt, wenn er Informationen brauchte. Selbst ohne Veritaserum hatte Severus die Leute schneller als alle anderen zum Reden gebracht. Meistens mit Legilimentik. Aber genossen? Das war das falsche Wort.

Macnair lachte kehlig. „Ja, das warst du. Hättest besser aufpassen sollen, dass du auf der richtigen Seite der Ketten bleibst, Snape." Er umrundete ihn langsam. Dann der nächste Hieb, direkt auf seine Kehrseite.

Es tat so weh, dass Severus kurz schrie. Der Schmerz pulsierte wie ein lebendes Wesen in seinem Körper.

„Hast du eigentlich jemals jemanden gefoltert, ohne an Informationen rankommen zu wollen?", fragte Macnair im Plauderton.

Severus lehnte den Kopf gegen seinen Arm, die Augen geschlossen, der Mund halb geöffnet. Er war so sehr damit beschäftigt, auszuhalten, was sein Körper ihm abverlangte, dass er sekundenlang nicht begriff, was Macnair ihn gefragt hatte. Er musste den Klang der Worte in seinem Kopf wiederholen, mehrmals, bis er es endlich schaffte, sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. „Nein", hauchte er schließlich.

Ein Prickeln durchfuhr ihn, glücklicherweise als Macnair gerade in die andere Richtung sah. Dracos Zauber war aktiv geworden, hatte ein paar der Wunden ein bisschen geheilt. Nur so sehr, wie es nötig war, um ihn am Leben zu halten. Severus schluckte schwer, verzog das Gesicht. Es hätte vorbei sein können. Jetzt. Er biss sich auf die Unterlippe, um ein Seufzen zurückzuhalten.

„Da hast du was verpasst", sagte Macnair in seine Gedanken hinein. „Man ist so frei, wenn man nicht ständig irgendwelche Fragen wiederholen muss. Ich vergess das manchmal einfach!" Er lachte wieder dieses Lachen.

Severus quälte seine Augen auf. „Dachte mir schon, dass …" Er hustete. „… dass dich so was überfordert."

Um Macnairs Augen zuckte es, als er ihn ansah. „Ja", grollte er, „Gut, dass wir von dir nichts mehr wissen wollen, Snape."

Severus' Herzschlag setzte kurz aus, als sein Blick ihn traf. Diese eiskalten blauen Augen. Jetzt war er einen Schritt zu weit gegangen. Diese letzte Bemerkung würde er bereuen. Er schluckte.

Dracos Zauber rettete ihm danach noch dreimal das armselige Leben.


Auch an diesem Abend verfolgte der Schmerz der Erinnerung Severus über den Schlaf hinaus. Aber mit diesem Schmerz kam er besser zurecht als mit dem Echo des Cruciatus-Fluchs. Er war etwas steif in seinen Bewegungen, als er zu Granger hinaus auf die Terrasse trat, aber er konnte es aushalten.

Sie hatte sich einige Bücher mit nach draußen genommen und saß im Schneidersitz auf ihrem Stuhl. Die Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengedreht, der von ihrem Zauberstab gehalten wurde. Trotzdem hingen ihr ein paar Strähnen ins Gesicht, die sie immer wieder mit der Hand wegwischte.

Severus hielt die Luft an, als er sich setzte. Zählte seinen Herzschlag, bis der Schmerz verging. Ließ dann langsam die Luft aus seinen Lungen strömen. Er wagte es nicht, sich zurückzulehnen.

Er begegnete Grangers prüfendem Blick, als er zu ihr herüber sah. „Harter Tag?"

Severus nickte. „Ich hatte Besuch von Walden Macnair."

Sie rümpfte die Nase. „Brutaler Mistkerl."

Er antwortete nicht. Ja, Manair war ein brutaler Mistkerl. Aber Severus hatte vieles von dem, was er mit ihm getan hatte, manchmal auch selbst getan. Das war kein Thema, das er mit Granger besprechen wollte. „Und wie war Ihr Tag?", fragte er daher nach einer Weile.

Granger zuckte mit den Schultern. „Langweilig. Ich bin es leid, zur reinen Beschäftigung zu lesen und finde nichts mehr, das ich noch putzen könnte." Sie warf missmutige Blicke zur Barriere dieser Dimension und schien es ebenso wie Severus zu verfluchen, dass sie das verschwommene Dahinter nicht erreichen konnten.

Granger lehnte sich zurück und durch die Bewegung rutschte ihr das Buch vom Schoß und fiel mit einem lauten Schlag zu Boden. Severus zuckte zusammen – und stöhnte. Der Schmerz war so unvermittelt durch seinen Körper geschossen, dass er es nicht verhindern konnte.

„Geht es Ihnen gut?", fragte sie daraufhin prüfend.

„Ja", grollte Severus, wischte sich über das Gesicht. „Nur der Nachhall der Erinnerung."

„Darf … ich Ihnen damit helfen?" Sie sah ihn an, kaute auf ihrer Unterlippe.

Er erwiderte ihren Blick kurz, dann sah er weg, schloss die Augen. Sein ganzer Körper fühlte sich wund an nach dieser Erinnerung – und sein Geist auch. Er fühlte sich verletzlich, aufgerieben, erschöpft. Und Granger wusste es. Ihr Blick sagte ihm, dass sie genau wusste, wie er sich gerade fühlte. Er konnte das nicht aushalten. Hinter seinen geschlossenen Lidern brannte es, er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen.

„Schon gut", sagte sie in diesem Moment leise, „Ich muss nicht. .." Ihre Stimme verlor sich.

Severus blinzelte, sah wieder zu ihr hinüber. Sie hatte den Blick gesenkt, die Hände ineinander verknotet, die Stirn gerunzelt. Etwas Großes stieg in seiner Brust auf. Etwas, das ihn nach Luft schnappen ließ. Monate. Er war verdammte Monate lang allein gewesen mit seinen Verletzungen. Immer nur gerade eben gesund genug, um zu überleben. Immer so tief wie möglich versunken in sein imaginatives Labor, um so wenig wie möglich davon mitzubekommen. Er hatte es so satt, allein zu sein. Er hatte es so satt, das mit sich auszumachen.

Severus schluckte hart, räusperte sich. „Okay", sagte er leise, ohne sie anzusehen.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie überrascht den Blick hob und ihn anstarrte. „Okay", wiederholte sie dann, kam schwankend auf die Beine und verschwand im Inneren des Hauses.

Severus sah angespannt zur Barriere hinüber. Er konnte jeden einzelnen seiner Herzschläge spüren, seine Hände zitterten. Was würde sie jetzt tun? Wie sah ihre Vorstellung von Hilfe mit einem Problem dieser Art aus? Er hätte sich nicht darauf einlassen sollen. Warum hatte er das bloß getan?

Bevor er sich die Frage beantworten konnte, kam Granger zurück. Sie hielt einen Tiegel in der Hand. Es war der gleiche Tiegel, den sie ihm zur Behandlung seiner schlecht verheilten Wunden gegeben hatte. Severus sah sie an. „Ich habe keine Wunden mehr, Miss Granger."

„Ich weiß. Aber es ist die Erinnerung an diese Wunden, die Ihnen Schmerzen bereitet, oder?" Sie wartete sein kaum wahrnehmbares Nicken ab. „Sie zu behandeln, als wären sie tatsächlich da, wird helfen. Es … es wird Ihren Körper daran erinnern, dass es heute gut ist."

Severus starrte sie an. Ein Muskel unter seinem Auge zuckte. Dann wandte er den Blick ab und knöpfte sich das Hemd auf, stand auf und setzte sich falsch herum auf das Fußteil des Gartenstuhls, damit sie seinen Rücken erreichen konnte. Sein Gesicht brannte, als sie um ihn herum ging. Und er schloss die Augen, als er ihre Finger spürte. Sie massierten die Salbe vorsichtig in seine Narben. Langsam. Gründlich. Mit jeder Berührung schien sie etwas von dem Schmerz zu lindern. Er verschwand nicht ganz, auch nicht, als sie fertig war. Aber beinahe.

Und sie beschränkte sich auf den oberen Teil seines Rückens. Severus rümpfte die Nase. Anscheinend hatte sie mehr bemerkt, als er sie hatte wissen lassen wollen.

„Ist es jetzt besser?", fragte sie vorsichtig.

Severus nickte und presste ein „Danke" hervor. Zog sich wieder an.

Während Granger den Tiegel wieder zudrehte und auf den Boden stellte, musste Severus den beinahe übermächtigen Drang zu flüchten bekämpfen. Sie war seine Heilerin, es war okay. Das betete er sich vor, bis ein paar Minuten vergangen waren und er es schaffte, dieses Gefühl ein bisschen loszulassen. Granger gab ihm die Zeit, die er brauchte, er konnte es kaum glauben.

Schließlich räusperte er sich. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie keine weiterführende Ausbildung auf dem Gebiet der Zaubertränke absolviert haben, Miss Granger?"

Sie sah ihn wachsam an. „Warum fragen Sie das? Sind Sie mit einer meiner Arbeit unzufrieden?"

Er zog die Augenbrauen hoch. „Nein. Ihre Tränke und Salben sind gut. Ich möchte tatsächlich nur wissen, ob Sie die Zeit gefunden haben, eine weiterführende Ausbildung auf dem Gebiet der Zaubertränke zu absolvieren."

Sie lief rosa an. „Nein, habe ich nicht."

Severus nickte und wandte den Blick in den Himmel hinauf. „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen." Er wandte ihr langsam wieder den Kopf zu. „Wie Sie ja bereits feststellten, haben wir voraussichtlich noch eine Menge Zeit hier. Ich könnte es mir vorstellen, diese damit zu verbringen, Sie auf dem Gebiet der Zaubertränke auszubilden."

Ihre Augen weiteten sich unmerklich. „Ist das Ihr Ernst?", fragte sie dann ungläubig.

„Haben Sie es jemals erlebt, dass ich etwas vorschlug, das ich nicht ernst meinte?"

„Nein, eigentlich nicht."

„Ich habe nicht geplant, jetzt damit zu beginnen."

Granger schmunzelte betreten. „Ich würde gerne eine Ausbildung bei Ihnen machen, Sir."

„Gut. Ich werde Ihnen einige Bücher geben, die Albus mir freundlicherweise mitgegeben hat. Solange ich mit meinen Erinnerungen beschäftigt bin, werden Sie lesen. Anschließend werde ich Sie prüfen."

Granger nickte.

„Der Großteil der Ausbildung wird mündlich und praktisch sein, da mir die nötige Literatur nicht zur Verfügung steht und Albus ja offensichtlich anderweitig beschäftigt ist." Er rümpfte die Nase. „Ich werde Ihnen erzählen, was Sie wissen müssen, und Sie können es nach Belieben nachlesen, wenn wir hier wieder rauskommen."

„Wird diese Ausbildung offiziell anerkannt sein?"

„Wenn ich beizeiten einen entsprechenden Brief an die Gilde schreibe, damit Sie einen offiziellen Prüfungstermin bekommen, schon."

„Und werden Sie dies beizeiten tun, Sir?" Sie spielte mit dem Saum ihres T-Shirts.

„Wenn ich den Eindruck habe, dass Sie die Prüfung bestehen werden, werde ich das."

Dieses Versprechen zauberte das erste wirkliche Lächeln auf Grangers Gesicht, seitdem sie hier angekommen waren. Und irritierenderweise hatte es sich alleine dafür schon gelohnt, ihr dieses Angebot zu unterbreiten.


Es war mitten in der Nacht, als Severus verdrossen die Augen aufschlug. Er hatte Grangers Schlaftrank genommen und war jetzt nach vier Stunden Schlaf erholt und ausgeruht. Leider half das nicht bei seiner Stimmung.

Jetzt gerade war es eine verlockende Vorstellung, ein paar Tage lang zu pausieren. Er könnte sich mit Grangers Lehrplan beschäftigen. Oder mit seinen Experimenten. Er könnte einfach nur hier liegen und die Decke anstarren und es wäre besser, als sich weiter mit diesen verdammten Erinnerungen zu beschäftigen.

Severus schloss die Augen und erlaubte es sich, einen Moment lang die Überforderung zu spüren, die er sich sonst verbot. Für einen Moment ließ er die Angst vor der nächsten Erinnerung zu und den Verdruss darüber, sich wieder in diesen Keller begeben zu müssen, nachdem er ihm doch endlich entkommen zu sein glaubte.

Dann schob er das alles weg und schlug die Augen auf. Wandte sich seinem Nachtschrank zu, griff nach der Flasche mit dem Therapie-Trank und nahm die Dosis, die Granger ihm vorgeschrieben hatte.