Kapitel 1.10 – Die Göttin der Weisheit

Severus sah von seinem Trank auf, als Granger das Labor betrat. Sie erstarrte auf der Treppe und der Grund dafür war offensichtlich – sie trug nur ihren Schlafanzug und sah etwas derangiert aus. Sie schien zu überlegen, ob sie nicht einfach wieder gehen konnte.

Severus nahm ihr diese Entscheidung ab: „Guten Morgen, Miss Granger."

„Guten Morgen", murmelte sie, schloss kurz die Augen und wischte sich durch die Haare, wobei sie ein Gähnen zu verbergen versuchte. „Wie lange sind Sie schon wach?" Sie kam die restlichen Stufen in den Keller hinunter. Ihre nackten Füße machten schmatzende Geräusche auf den Fliesen.

Severus warf einen Blick auf die Uhr. „Etwa vier Stunden." Er heizte das Feuer unter dem Kessel noch einmal an. Nachdem er gestern gleich mit dem Therapietrank weitergemacht und sich einige Stunden lang von Avery und Mulciber hatte foltern lassen, hatte er heute eine Auszeit gebraucht und war ins Labor geflüchtet. „Was treibt Sie so früh hierher?"

Granger löste blinzelnd ihre Blicke von den Flammen. „Konnte nicht mehr schlafen. Außerdem hab ich ein Experiment laufen, bei dem bald die nächste Zutat hinzugefügt werden muss." Ein weiteres Mal wischte sie sich die Haare aus dem Gesicht. Sie sah sehr müde aus, dafür dass sie angeblich nicht mehr schlafen konnte.

„Wenn ich störe, tut es mir leid. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie so früh hier arbeiten wollen. Unglücklicherweise kann ich meinen Trank momentan nicht alleine lassen." Nun, er könnte vielleicht schon, aber es lief gerade so gut, dass er es nur ungern täte.

Sie winkte ab. „Kein Problem. Ich hab noch eine halbe Stunde und außerdem ist es nur eine Kleinigkeit. Ich lass Sie erst mal in Ruhe weiterarbeiten und gehe duschen. Sonst müssen Sie mich nachher wieder vor einem Bären retten."

Severus schmunzelte, während Granger bereits zur Treppe ging. „Was haben Sie damals eigentlich mit dieser Eiswüste bezweckt?"

Sie stöhnte leise und Severus sah interessiert zu ihr hinüber. Ihre Wangen glühten. „Ich wollte einen Trank schockgefrieren, gewissermaßen …" Sie runzelte die Stirn. „Ich arbeite an einem Trank gegen Brandverletzungen und dachte, dass es vielleicht einen günstigen Einfluss haben könnte, den Trank nicht von alleine abkühlen zu lassen, sondern es sehr schnell zu tun. Irgendwie … sind da die Pferde mit mir durchgegangen."

Er sah sie nachdenklich an. „Der Gedanke ist gar nicht schlecht. Haben Sie es seitdem noch einmal versucht?"

Sie schüttelte den Kopf. „Der Schnee hat meine Notizen ruiniert. Ich wusste nicht mehr, was genau ich dem Trank beigemischt hatte. Bisher arbeite ich noch daran, ihn zu rekonstruieren."

„Tut mir leid, das zu hören."

„Ja, es ist eine müßige Arbeit. Aber ich habe ja selber Schuld. Ich hätte schon lange auf Kugelschreiber umsteigen sollen." Sie verzog das Gesicht.

„Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen."

„Danke für das Angebot, aber ich glaube, ich hab bald alles wieder beisammen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie beim nächsten Versuch den Trank runterkühlen. Ich kann auf den Bären verzichten."

Wieder spürte er sich schmunzeln. „Das sollte kein Problem sein", erwiderte er und schaufelte dabei eine große Menge gewöhnlichen Quarzsandes in seinen Trank.

„Dann schon mal Danke im Voraus! Aber jetzt werde ich duschen gehen. Was halten Sie danach von einem Frühstück?"

„Klingt gut."

„Gut, dann werde ich mich darum kümmern. Bis nachher." Sie lief die Stufen wieder hinauf.

Severus sah ihr nachdenklich hinterher. Seit dem Frühstück vor ein paar Tagen war sie ausgesprochen zugänglich und es wirkte nicht so, als würde es sie besonders viel Selbstbeherrschung kosten. Was hatte sich geändert? Oder kam ihm der Umschwung nur so überstürzt vor, weil er derzeit gut neunzehn Stunden am Tag auf die eine oder andere Art schlafend verbrachte?

Er schüttelte den Kopf. Er sollte es einfach genießen, solange es anhielt.


Severus starrte die Butter an, ohne sie zu sehen. Am Rande seines Bewusstseins bemerkte er, wie die Sekunden vorbeizogen. Er sollte blinzeln und weiter frühstücken. Aber es gelang ihm erst, als Granger nach der Butter griff.

Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Schmeckt der Kaffee nicht?"

Severus schluckte. Kaffee? Ach ja. „Doch, er ist gut. Warum?"

„Weil Sie so missmutig aussehen."

„Das hat nichts mit dem Frühstück zu tun", versicherte er ihr.

„Womit hat es dann zu tun?"

Severus sah sie lange an. Früher hätte er ihr Fragen dieser Art nicht beantwortet. Es ging sie nichts an. Aber jetzt lagen die Dinge anders. Sie war seine Heilerin und es waren die kommenden Erinnerungen, die ihn beschäftigten. Er verbot es sich, darüber nachzudenken. Er wusste nicht mehr, was passiert war. Aber er wusste, dass es schlimm gewesen war.

Er seufzte und wischte sich die Hände an einer Serviette ab. „Die Erinnerungen", sagte er knapp.

Granger holte tief Luft. „Es wird heftiger", schlussfolgerte sie.

„Ja."

„Ich nehme an, Sie vermeiden es, über diese Erinnerungen nachzudenken?"

Severus nickte.

„Dann wird auch die Verarbeitung heftiger." Er musste lediglich eine Augenbraue heben, damit sie ihre Äußerung erklärte: „Je verdrängter die Erinnerungen, desto intensiver erlebt man sie bei der Verarbeitung."

Severus schluckte. Er hatte so was befürchtet. Er hatte sogar versucht, diese Erinnerungen zuzulassen und sich im wachen Zustand zu erinnern. Aber er hatte sie so lange und so vehement verdrängt, dass er das nicht mehr unter Kontrolle hatte. Er kam nicht mehr heran an die Bilder. Nur an das Wissen, dass es schlimm gewesen war.

Er räusperte sich und zerrte seine Gedanken zurück zum Gespräch mit Granger. „Haben Sie Forschung auf diesem Gebiet betrieben?"

„Ein wenig. Ich plane, mich noch genauer damit auseinander zu setzen."

Severus kniff die Augen zusammen. „Kann es sein, dass ich Ihr Versuchskaninchen bin, Miss Granger?"

Sie lief rot an. „Möglicherweise …", murmelte sie und versteckte sich dabei hinter ihrer Kaffeetasse.

Er schnaubte. „Ich könnte Sie ja dafür eigenhändig erwürgen." Er legte wie zur Demonstration die Hand um seine eigene Tasse.

„Aber Sie haben sich unter Kontrolle."

„Unglücklicherweise schon", grollte er, nachdem er sie einige Augenblicke hatte zappeln lassen. Sie hatte Glück, dass das Thema ihn interessierte. Es war in der magischen Welt nahezu unerforscht. Obwohl die Magie Wege bot, wirklich alles zu verstehen, wurden sie nur wenig genutzt. Er hatte das nie verstanden. Es gab nicht viel, für das er die Muggel beneidete, aber ihre Neugier und das Bedürfnis, die Dinge zu verstehen und sich weiterzuentwickeln, gehörten definitiv dazu. „Ich werde Sie unterstützen, Miss Granger. Ich werde Ihnen Ihre Fragen beantworten und das Versuchskaninchen spielen."

„Aber?"

„Aber ich will an der Forschung und an dem Profit, den Sie früher oder später damit machen, beteiligt werden."

Sie starrte ihn an. Schloss kurz die Augen. „Ich … ich weiß nicht …", murmelte sie und stellte die Tasse weg – was sie sofort zu bereuen schien, denn jetzt wusste sie nicht mehr, was sie mit ihren Händen machen sollte.

Severus kniff die Augen ein bisschen zusammen. „Was ist es, das Sie verunsichert? Der geteilte Profit oder … das Ergebnis unserer letzten Zusammenarbeit?"

Sie schluckte. Senkte den Blick.

Severus holte tief Luft. „Ich wusste nicht, dass Mr Potter diesen Trank nicht überleben würde."

„Ich weiß", nuschelte sie.

Er zögerte. Sollte er ihr erzählen, was passiert war? Wie stand sie zu Albus? Würde er noch mehr zerstören? Sie sah ihn an, als er schwieg. „Überlegen Sie es sich, Miss Granger. Sie wissen, dass wir gut zusammenarbeiten." Er stand auf. „Ich werde mich jetzt der Forschung widmen." Er stellte Teller und Tasse hinüber in die Spüle und nickte Granger flüchtig zu, ehe er die Küche verließ.


Die Ketten zogen Severus in die Höhe, ohne dass jemand den Raum betreten hatte. Es passierte so unvermittelt, dass er ins Straucheln geriet und fiel, bis die Ketten ihn auffingen. Es knackte in seiner Schulter, er stöhnte leise.

Mit heftig schlagendem Herzen wartete er, dass etwas passierte. Aber die Minuten zogen vorbei, bis er seine Wachsamkeit schwinden spürte. Was sollte das? Was plante Lucius jetzt? Er sah sich um, Schmerz durchzuckte ihn. In letzter Zeit hatten sie ihn weitestgehend in Ruhe gelassen, aber einige Wunden heilten schlecht und das ständige Stehen oder Kauern auf dem Boden tat sein übriges.

Er starrte die Tür an, zählte seine Herzschläge. Sie waren das einzige Zeitmaß, das er hier hatte. Es gab kein Fenster, er wusste nie, ob es Tag oder Nacht war, geschweige denn, wie lange er jetzt schon in Gefangenschaft war. Es fühlte sich an wie die Ewigkeit und noch ein paar Tage mehr.

Die Tür sprang auf und knallte laut gegen die Wand. Severus zuckte zusammen.

Lucius kam herein und zog jemanden hinter sich her. Eine weitere Gefangene. Sie war barfuß, gehüllt in ein schmutziges Leibchen, den Kopf unter einer schwarzen Haube verborgen. Ihre Hände waren magisch gefesselt; die Handgelenke waren vor dem Körper überkreuzt und obwohl sie stolperte, balancierte sie sich nicht damit aus.

„Severus! Lange nicht gesehen und doch lebst du noch. Du bist einfach nicht tot zu kriegen." Er schüttelte den Kopf. „Wie dem auch sei. Ich hab dir Besuch mitgebracht." Er ließ die Gefangene los, die sich jetzt, da niemand sie mehr mit sich zerrte, aufrichtete und den Rücken durchdrückte.

„Nein", hauchte Severus. Diese kleine Bewegung hatte ihm verraten, wer es war. Minerva. „Nein nein nein", murmelte er und schüttelte den Kopf.

Lucius grinste. „Ich sehe, du hast sie erkannt. An das Schlammblut war leider kein Rankommen, aber sie wird es auch tun, denke ich."

Er zog die Haube von Minervas Kopf. Ihre Haare knisterten und als sie Severus sah, weiteten sich ihre Augen. Ihr Blick glitt über seinen nackten Körper. Severus sah weg. Sein Gesicht brannte.

„Ach ja, beinahe vergessen", murmelte Lucius, zückte seinen Zauberstab und schwang ihn durch die Luft.

Minerva öffnete den Mund, schnappte nach Luft, keuchte. „Severus", sagte sie leise. In ihrer Stimme klang Entsetzen mit. Er konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass sie den Blick nicht von ihm abwenden konnte. Er wünschte, sie würde es trotzdem tun. Er wünschte, er müsste nicht nackt und geschunden vor seiner ehemaligen Kollegin stehen und es aushalten, dass sie sehen konnte, wie sehr er versagt hatte.

„Willst du nicht Guten Tag sagen, Severus?", fragte Lucius.

Severus schloss die Augen, presste die Lippen aufeinander.

Imperio!"

Leere. Stille. Severus' Kopf wurde eingehüllt von Frieden und einem wattigen Gefühl der Sorglosigkeit. Es war warm und angenehm. Er wollte, dass das so blieb.

Sag Guten Tag, Severus!"

Hmm. Ja, das könnte er tun. Er könnte Guten Tag sagen. Das war okay.

Oder?

Ein Funke durchbrach die Wärme. Etwas … sagte ihm, dass er das nicht tun sollte. Etwas … war nicht okay daran.

Du sollst Guten Tag sagen, Severus!"

Nein. Nein, das würde er nicht tun.

Sag es!"

„Nein!" Der Imperius-Fluch fiel von Severus ab, die Wärme und die Leichtigkeit verschwanden. Schmerz und Erniedrigung kehrten zurück. Sein Blick flackerte kurz über Minervas Gesicht. Sie nickte ihm zu, sah stolz aus. Ihre Hände zitterten.

Um Lucius' Augen zuckte es. Dann: „Crucio!"

Der Fluch traf ihn direkt in den Magen. Sofort stand sein Körper in Flammen. Jeder Nerv, jede Zelle brannte, seine Haut musste sich von den Knochen schälen, Säure durchfloss ihn. Nein! NEIN! Er schrie, wand sich, krümmte sich, krallte die Hände um die Ketten, schrie noch mehr. Bitte, aufhören! Die Ketten klirrten, seine Fingernägel schnitten ihm in die Handflächen, in seinem Rücken knackte es, mehrmals. Er konnte das nicht aushalten! Das war zu viel! AUFHÖREN!

„Hören Sie auf!"

Ruhe. Der Schmerz verebbte.

Das war nicht Severus' Stimme gewesen. Keuchend hob er den Blick. Minervas Gesicht hatte sämtliche Farbe verloren, ihre Augen so groß wie Handteller. Sie bebte.

Lucius lachte. „Siehst du, Severus? Sie sorgt sich um dich. Und du sagst ihr nicht mal Guten Tag."

Severus hustete. Seine Muskeln zuckten immer noch, als würde man ihm kleine Stromstöße versetzen. Und seine Beine waren irgendwie kalt. Nein, sie waren nass.

Nein!

Wieder schoss ihm Hitze ins Gesicht, er wandte den Blick ab.

Lucius lachte wieder. „Ja", sagte er gedehnt, „So wollte ich dich sehen, Severus."

Er schoss ihm einen wütenden Blick entgegen. Die Ketten klirrten, als er seine Finger wieder darum legte.

„Sie sind ein Schwein, Mr Malfoy", sagte Minerva und sah ihn an, als wäre er es, der sich gerade eingenässt hatte. So viel Verachtung hatte Severus noch nie in ihrem Gesicht gesehen. Nicht mal, nachdem er James Potter damals mit dem Sectumsempra verletzt hatte.

Lucius zog die Augenbrauen hoch, wandte sich ihr zu. „Sie haben recht, Minerva. Das bin ich. Aber zu eurem Unglück hat das Schwein den Zauberstab in der Hand. Und wir werden jetzt ein Spiel spielen."

Severus schluckte. Minerva auch. Jetzt, wo ihr Blick auf Lucius lag, wagte Severus es, sie genauer anzusehen. Sie sah schlimm aus. Wie lange hatte Lucius sie schon in seiner Gewalt? Was hatte man ihr schon angetan? Seinetwegen. Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass es in seinem Kiefer knackte.

„Ich sehe, ihr seid begeistert." Er lächelte. „Das Spiel geht folgendermaßen: Ich werde sagen, was ich tun werde und Sie, Minerva …" Er sah sie an. „… werden entscheiden, wem ich es antun werde."

„Nein!", sagte Severus, schüttelte heftig den Kopf. „Tu das nicht, Lucius! Mach mit mir, was du willst, aber lass sie in Ruhe!"

„Hörst du mir überhaupt zu, Severus? Das ist nicht mehr meine Entscheidung." Er drehte den Zauberstab in den Händen. „Ach übrigens." Er wandte sich wieder Minerva zu. „Wenn Sie sich weigern, eine Entscheidung zu treffen, werde ich es euch beiden antun."

„Natürlich", murmelte Minerva. Sie stand noch immer aufrecht, erwiderte seinen Blick, als wäre sie noch immer seine Lehrerin.

„Minerva, lass es ihn mir antun! Bitte, Minerva!" Ihm schlug das Herz bis zum Hals. Er kannte Minerva. Er kannte ihren verdammten Altruismus. Das durfte sie nicht tun! Das hier war seine Bestrafung!

Sie sah ihn an. „Seien Sie still, Mr Snape."

Lucius lachte. „Hör dir das an, Severus! Mr Snape! Sie gesteht dir nicht mal mehr den Professoren-Titel zu!"

Severus ignorierte ihn. Er hielt Minervas Blick fest, sie neigte ein kleines bisschen den Kopf. Nein, es ging nicht um den Titel. Sie hatte ihn Mr Snape genannt, weil das der Name gewesen war, mit dem sie ihn als Schüler angesprochen hatte. Sie befahl ihm, sich zurückzuhalten. Sie befahl ihm, diese Sache ihr zu überlassen. Sie würde ihn schützen, so gut sie es konnte. „Nein", hauchte Severus. Etwas schnürte ihm den Hals zu. Sein Herz schlug so heftig, dass er Lucius' Lachen nicht mehr hören konnte. Es gab nur noch Minervas Augen. „Bitte tu das nicht."

Sie lächelte ganz kurz, dann sah sie weg. „Also Mr Malfoy, was wollen Sie tun?"

Lucius tippte sich mit dem Zauberstab gegen den Mund. „Ich würde sagen, wir fangen mit einem Cruciatus an."

„Nein!", rief Severus.

„Der geht dann auf mich", sagte Minerva ruhig.

„Nein, Minerva! Tu das nicht!"

Aber Lucius lächelte, richtete den Zauberstab auf sie und sagte: „Crucio!"

Sie schrie. Sie schrie so sehr, wie Severus sie noch nie in seinem Leben hatte schreien hören. Ihre Beine gaben unter ihr nach, sie wand sich auf dem nackten Steinboden, kratzte mit den Fingern darüber. Ihm gefror das Blut in den Adern, es rauschte in seinen Ohren. Er wollte wegsehen, weghören, aber er konnte es nicht. Er wollte gehen, aber es ging nicht!

Dann hörte es auf. Minerva keuchte. Ein paar Haarsträhnen flatterten in ihren schnellen Atemzügen. Sie stützte sich mit den gefesselten Händen ab, setzte sich auf, kämpfte sich auf die zitternden Beine. „Was jetzt?", fragte sie, als sie wieder aufrecht stand.

Lucius' Augenbrauen zuckten. „Feuer. Ich werde einem von euch die Hand verbrennen. Severus hat damit schon seine Erfahrungen gemacht. Zeig es ihr, Severus!" Er sah ihn nicht mal an.

Severus rümpfte die Nase. „Wie soll ich das tun, du verdammter Idiot? Ich bin gefesselt!"

Nun wandte Lucius sich ihm doch zu, die Augenbrauen weit in die Stirn gezogen. „Schau an, er meldet sich freiwillig."

„Nein!", sagte Minerva scharf. „Ich wähle aus! Sie werden das mit meiner Hand machen!"

„Ich werde es einfach mit euch beiden machen", entschied Lucius. Mit einem Wink seines Zauberstabes löste sich die Fessel um Severus rechte Hand und etwas zwang ihn, den Arm gerade nach vorn auszustrecken, die Handfläche nach oben.

Die gleiche Magie zwang Minerva dazu, einen Schritt auf Severus zuzustolpern. Auch ihre Fessel löste sich und kurz darauf schwebten ihrer beider Handflächen nebeneinander in der Luft. Lucius' Zauberstabspitze schwankte zwischen beiden Händen hin und her, als könne er sich nicht entscheiden, mit wem er anfangen sollte. Dann hielt er über Severus' Hand inne. „Du fängst an", sagte er und presste den Zauberstab in Severus' Hand.

Pures Feuer floss in seine Haut. Sie lief rot an, warf Blasen, platzte auf. Severus biss die Zähne aufeinander, atmete heftig, aber er weigerte sich zu schreien. Ihm wurde schwindelig.

„Hören Sie auf!" Minerva sah Lucius an, sie versuchte, ihre andere Hand zu heben und ihn aufzuhalten, aber sie konnte sich nicht bewegen. „Aufhören!", befahl sie nochmal, aber Lucius lachte nur. Dann fing sie Severus' Blick ein und hielt ihn fest. Seine Hand zitterte heftig, aber die Magie war unnachgiebig.

Endlich zog Lucius seinen Zauberstab weg. Er beobachtete Severus begierig, zwei, drei, vier Sekunden lang. Severus schnaufte. Seine Hand pochte und krampfte. Die Haut war tiefrot, aufgeplatzte Blasen entblößten rohes Fleisch, es stank erbärmlich. Der Schmerz fraß sich seinen Arm hinauf. Lucius wandte den Blick auch nicht von ihm ab, als er seinen Zauberstab in Minervas Hand presste.

Aber Severus sah weg. „Nein!", flüsterte er. Suchte Minervas Blick und sah die gleiche Qual in ihren Augen, die er eben selbst erlebt hatte. Sie schwieg. Severus' Hand pulsierte im Takt seines rasenden Herzschlages. Im Augenwinkel sah er ihre Finger zucken. Tränen stiegen ihr in die Augen. Aber Lucius machte weiter.

„Hör auf!", schrie Severus ihn schließlich an, „HÖR AUF!"

Lucius tat es und lachte. „Oh Severus … Wenn ich geahnt hätte, wie leicht man dich foltern kann, hätte ich mir schon viel früher jemanden vom Orden geschnappt und hergebracht. Es braucht gar nicht das Schlammblut zu sein. Die sind dir alle wichtig, oder?"

Severus schloss kurz die Augen, atmete tief durch. „Du warst mir auch mal wichtig", sagte er hohl.

Lucius schnaubte. „So wichtig, dass du mich hintergangen und mir vorgegaukelt hast, ich hätte eine dreckige Muggel gefickt."

„Ich hab den Dunklen Lord hintergangen, nicht dich", erinnerte Severus ihn.

Lucius wirbelte zu ihm herum, presste ihm den Zauberstab an den Hals. „Das ist das gleiche!", sagte er scharf.

„Tun Sie das nicht, Mr Malfoy!", rief Minerva, aber Lucius beachtete sie gar nicht.

Severus sah zu ihm auf. Die Sekunden zogen langsam vorbei. „Tu es, Lucius."

Lucius rümpfte die Nase, wandte sich ab. „Nein." Er lief eine Runde durch den Raum, holte tief Luft. „Nein. Unser Spiel ist noch nicht vorbei." Er zuckte zweimal mit dem Zauberstab und sowohl Severus, als auch Minerva waren wieder gefesselt. „Jetzt wird es lustig! Als nächstes werde ich einen deiner Flüche nutzen, Severus."

„Nein!"

„Doch! Sectumsempra, Severus!"

„NEIN!" Severus warf sich in die Ketten, aber natürlich konnte er damit nichts erreichen. Sie klirrten nur etwas, seine Schultern knackten, die Haut an seinen Handgelenken riss auf.

„Auch der geht auf mich", sagte Minerva ruhig. Aber Severus konnte sehen, dass sie an ihre körperlichen Grenzen gelangte. Sie war blass, Schweiß stand auf ihrem Gesicht, ihre Hände zitterten, genauso wie ihr restlicher Körper.

„Das dachte ich mir", sagte Lucius und drehte Minerva an der Schulter herum. Wieder zuckte sein Zauberstab und das Leibchen riss am Rücken entlang auf, so dass sie halb entblößt vor ihnen stand. Severus wandte den Blick ab. „Schau hin, Severus. Es ist dein Fluch. Genieße es!" Severus wollte es nicht, aber Lucius zwang ihn dazu, Minerva anzusehen. Er deutete auf den schmalen Rücken und sagte: „Sectumsempra!"

Severus schrie, Minerva keuchte. Die blasse Haut riss auf, drei tiefe klaffende Wunden zogen sich über ihren Rücken als hätte ein Tiger seine Krallen durch ihre Haut gezogen. Sofort begannen sie heftig zu bluten. Es lief über ihren entblößten Po, die Beine hinunter, tropfte auf den Boden.

Lucius schnalzte mit der Zunge. „Was für eine Sauerei", sagte er und drehte Minerva wieder zu ihnen um.

Auch der letzte Rest Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen. Sie schlotterte, während sich zu ihren Füßen eine kleine, aber stetig größer werdende Blutlache bildete. „Severus", sagte sie leise, schluckte, „es ist okay."

„Nein", sagte er und schüttelte heftig den Kopf. Tränen liefen ihm über das Gesicht. „Du Schwein!", schrie er Lucius an.

Der lachte. „Das hatten wir doch schon, Severus." Er trat einen Schritt zur Seite, als Minervas Blut seine feinen Schuhe zu berühren drohte. „Wollt ihr noch eine Runde oder soll ich euch allein lassen?"

Minerva ging in die Knie. Der Blutverlust, die Schmerzen, ihr Alter … Ihre Beine gaben einfach unter ihr nach.

Lucius sah unberührt auf sie hinab. „Ich hab gewonnen", sagte er. Dann tat er einen großen Schritt über sie hinweg und ging zur Tür.

„Bleib gefälligst hier, Lucius! HEILE SIE!", rief Severus ihm hinterher.

Lucius wandte sich zu ihm um, hob die Schultern. „Das würde ich ja, aber du hast mir nie den Gegenfluch beigebracht, Severus."

„Dann gib mir deinen Zauberstab und ich mach es!" Es war reine Verzweiflung.

„Das kann ich nicht tun. Aber ich lass sie dir hier, Severus. Und weil das mit euch so viel Spaß gebracht hat, sollst du auch eine kleine Belohnung haben." Er deutete mit dem Zauberstab auf Severus' Fesseln und sie lösten sich. Severus stürzte zu Boden. Dann ging Lucius, die Tür knallte laut hinter ihm ins Schloss.

Severus krabbelte zu Minerva hinüber, die inzwischen zur Seite gekippt war. „Nein, nein, nein, nein", murmelte er und zog ihren schlanken Körper auf seinen Schoß. Sie hatte schon das Bewusstsein verloren und weiterhin strömte ihr Blut warm über seine Arme. Severus schluchzte und presste sie an sich, wippte mit ihr vor und zurück, vor und zurück.


Severus riss die Augen auf. Sein Gesicht war nass von Tränen, seine Kleidung klebte an seinem verschwitzten Körper, ihm war übel. Er schmeckte Magensäure auf seiner Zunge.

Er rappelte sich auf, stürzte dabei beinahe auf den Boden, weil Grangers Trank immer noch wirkte und ihn wieder in den Schlaf zu ziehen versuchte. Er stolperte hinüber ins Bad und schaffte es gerade noch, den Toilettendeckel hochzuklappen, ehe sich sein Magen hob und er sein spärliches Frühstück erbrach.

Er kniff die Augen zusammen, sank zitternd auf seine Beine zurück. Das Badezimmer drehte sich um ihn. Der verdammte Trank …

Seine Hand tat weh. Er hielt sie sich vor das Gesicht. Sie zitterte. Aber da war nichts mehr. Irgendjemand hatte später Minervas Leiche aus dem Kellerraum geholt, das Blut beseitigt, ihn wieder gefesselt und seine Hand geheilt. Er wusste nicht, wer das gewesen war. Er hatte sich ins Labor geflüchtet und versucht, nicht mehr zu existieren. Nie wieder zu existieren.

Als sein Magen sich beruhigt hatte, schleppte Severus sich zurück zum Bett und rollte sich auf der Seite zusammen. Der Trank zwang ihn in den Schlaf zurück und wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er geschrien, als die gleiche Erinnerung von vorn begann.


Dreimal.

So oft musste er Minervas Tod wieder erleben, ehe es genug war.

Am Abend stand Severus schwankend im Badezimmer und hielt sich am Waschbecken fest. Die Bilder verfolgten ihn. Er musste nur die Augen schließen und sah sie vor sich. Hörte ihre Stimme. Spürte ihr Blut auf seinen Händen.

Nachdem er minutenlang nur da gestanden hatte, zog er sich aus und stieg unter die Dusche. Gegen die gekachelte Wand gelehnt, ließ er das heiße Wasser solange über seinen Körper laufen, bis seine Haut tiefrot und gereizt war. Und selbst dann tat es noch nicht genug weh, um diese Gefühle wegzumachen.

Wie viele Menschen waren inzwischen seinetwegen oder für ihn gestorben?

Er sank zu Boden, die Beine an den Körper gezogen. Schluchzte. Die Tränen schüttelten seinen dürren Körper, der Wasserdampf nahm ihm die Luft zum Atmen. „Dich hätte man abtreiben sollen!", hatte sein Vater früher zu jeder sich bietenden Gelegenheit gesagt. Jetzt gerade fand Severus, dass er recht gehabt hatte.


Granger saß auf der Terrasse. Sie war vertieft in eines der Bücher, die Severus ihr gegeben hatte. Die Sonne tauchte sie in ein warmes Licht und ließ ihre braunen Locken glänzen.

Severus trat lautlos an die Tür heran, lehnte sich gegen den Rahmen und starrte hinüber zur verschwommenen Grenze dieser Dimension. Minutenlang leistete er Granger Gesellschaft, ohne dass sie es bemerkte. Sie schlug die Seiten um und machte sich Notizen, wie er es schon häufig bei ihr beobachtet hatte.

Mehrmals wollte er sie auf sich aufmerksam machen. Doch er schrak jedes Mal davor zurück. Noch nicht. Nur noch ein paar Minuten.

„Minerva McGonagall ist tot", sagte er dann doch irgendwann, als die Sonne dem Horizont bereits ein ganzes Stück näher gekommen war.

Granger erschrak heftig, schlug im Affekt das Buch zu und drehte sich zu ihm um, soweit es ihr möglich war, ohne aus dem Schneidersitz aufzustehen. Erst als sie sein Gesicht sah, schien ihr die Bedeutung seiner Worte klar zu werden, denn ihre Augen wurden leer.

„Ich dachte, Sie sollten es wissen", fügte er hinzu, drehte sich um und ging.