Kapitel 1.11 – Leidenswilligkeit
Severus nahm die Flasche Feuerwhiskey aus der Vitrine im Wohnzimmer und ging in die Küche. Er goss sich ein normales Wasserglas halb voll und nahm einen großen Schluck davon. Der Whiskey brannte in seiner Kehle. Er stellte die Flasche auf die Arbeitsplatte, fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen.
„Sie sollten nicht zu viel Alkohol trinken, während Sie den Trank nehmen. Das verträgt sich nicht besonders."
Er sah auf. Granger stand im Türrahmen. „Ich hab letztens mehr Alkohol getrunken", erinnerte er sie mit dunkler Stimme.
„Ich weiß. Alkohol ist nicht tabu, er beeinträchtigt nicht die Wirkung oder so, aber … Sie reagieren empfindlicher darauf. Übertreiben Sie es nicht." Sie ging an ihm vorbei und setzte sich an den Tisch.
Severus schloss kurz die Augen. Fand, dass sie gerade nicht die richtige Person war, um mit ihm über gemäßigten Alkoholkonsum zu sprechen. Ließ den Gedanken aber fallen, weil … Minerva. Er setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Seine Knie fühlten sich weich an und das lag nicht am Alkohol.
Sie schwiegen. Grangers Blick lag auf ihm und Severus bemerkte, dass es ihn nicht störte. Es lag nichts Forderndes darin. Irgendwie wusste er, würde er jetzt eine Stunde lang schweigen und dann kommentarlos aufstehen und gehen – es wäre okay. Und irgendwie konnte er genau deswegen, als er sein Glas längst geleert hatte, erzählen: „Lucius hat sie entführen lassen. Ich weiß nicht, wie lange sie schon dort war."
„Professor McGonagall verschwand am 25. Mai."
Severus schnaubte und wischte sich wieder über die Augen. „Miss Granger, ich habe keine Ahnung, wann was passiert ist." Er stockte, blinzelte einige Male, bis die weißen Punkte verschwunden waren, und fügte dann hinzu: „Gerade jetzt fühlt es sich an, als wäre es eben erst passiert."
Stille. Vier, fünf, sechs Sekunden lang. Dann: „Was ist passiert?"
Severus runzelte die Stirn. Er schaffte es nicht, Granger anzusehen, als die Erinnerung wieder lebendig wurde vor seinen Augen. „Ich denke, sie war schon länger da. Sie trug nur ein … dreckiges Leibchen. Ihre Haare waren offen, ich hatte sie so noch nie gesehen." Sein Daumen strich über das Glas, das er immer noch in der Hand hielt. „Sie war gefesselt. Hatte einen Sack über dem Kopf." Er schluckte.
Er hörte Granger langsam ausatmen. Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen, die Augen geschlossen. Dann stand sie auf, nahm sich ebenfalls ein Glas aus dem Schrank und goss sich Whiskey ein. Bot auch ihm etwas an. Severus zog eine Augenbraue in die Stirn, sie zuckte mit den Schultern. Als er nickte, schenkte sie ihm nach.
Severus trank einen Schluck, bevor er fortfuhr: „Lucius zwang sie, zu entscheiden, wer von uns gefoltert wird. Er nannte es ein Spiel …" Severus schnaubte und wischte sich über den Mund. „Natürlich wollte sie alles auf sich nehmen."
„Wollte?", fragte Granger.
„Hat", korrigierte er sich, „Sie hat alles auf sich genommen." Es war unwichtig, was er abbekommen hatte. Das war nur fair gewesen. Aber als er Grangers Blick begegnete, wusste er, dass sie es trotzdem verstanden hatte.
„Sie hat das getan, um Sie zu schützen", sagte Granger heiser.
„Ich weiß!", sagte er scharf und sah Granger ungehalten an. Langsam senkte er den Blick wieder. „Ich weiß … Sie hätte lieber sich selbst retten sollen. Sie war ein … so viel besserer Mensch, als ich es jemals sein könnte. In jeder Hinsicht." Er wandte den Blick ab, als etwas in seiner Brust anschwoll, und leerte sein Glas in einem Zug, schluckte es mit runter.
Granger seufzte leise.
Aber als sie etwas sagen wollte, schnitt Severus ihr das Wort ab: „Ich sah diese Erinnerung drei Mal. Möglicherweise ist das wichtig."
Granger merkte auf, haderte mit sich selbst. Ihr Blick schwankte zwischen ihm und der Küchentür.
„Holen Sie schon Ihre Aufzeichnungen", grollte Severus. Er war dankbar für die kleine Pause, als sie aufsprang und aus der Küche lief. Er schloss die Augen, atmete langsam bis das Brennen hinter seinen Lidern nachließ. Der Alkohol summte warm durch seinen Körper.
Er bemerkte ihre Rückkehr erst, als sie sich auf den Stuhl fallen ließ. „Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?", fragte sie und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Die Erinnerung war intensiver. Ich …" Er sah sie an, aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen. „Es ging mir nicht gut danach. Schlechter als sonst."
Sie schluckte. Er konnte ihr ansehen, dass sie genaueres wissen wollte, aber sie schwieg, ließ das Thema los. „Gibt es noch mehr solcher Erinnerungen? Also welche, die Sie so vehement verdrängt haben?"
Severus schüttelte den Kopf. „Keine, die so schwerwiegend ist."
„Okay." Dieses Mal folgte keine Notiz.
Severus starrte sein leeres Glas an. Die Stille, die sich dieses Mal zwischen ihnen ausbreitete, war nicht wohltuend. Sie lastete auf seinen Schultern und drückte ihn auf den Tisch. „Entschuldigen Sie mich", murmelte er und stand auf.
Er war schon an der Tür, als Granger sagte: „Professor Snape!"
Er erstarrte.
„Severus …?"
Er schloss die Augen. Etwas in ihm reagierte auf seinen Vornamen aus ihrem Mund. Er spürte sich ein bisschen schwanken. Sagte aber nichts. Sollte sie ihn doch beim Vornamen nennen. Er war kein Professor mehr und Mr Snape wollte er nicht sein. Nie wieder.
„Es war nicht deine Schuld", sagte sie in seine Gedanken hinein.
Severus hörte sich ein Geräusch ausstoßen, das er von sich noch nie gehört hatte. Eine Art … kehliges, trockenes Schluchzen. Er schämte sich sofort dafür. Granger … Hermine … Sie hatte doch keine Ahnung! Was wusste sie schon von Schuld?
Ohne sich noch einmal zu ihr umzusehen, ging Severus nach oben und schlug die Tür hinter sich zu.
In den Tagen danach ging Severus Grang… Hermine aus dem Weg. Er nahm ihren Trank nicht mehr. Stattdessen verbrachte er die erste Nacht im Labor, dem echten im Keller, und braute einen Trank, der ihm dabei helfen würde, sich in sein imaginatives Labor zu begeben und nicht so leicht wieder herausgerissen zu werden. Offensichtlich war es schwieriger, sich in eine imaginative Welt zu flüchten, wenn man gerade nicht gefoltert wurde.
Also kehrte er zu Meister Dendron zurück. In eine Zeit, in der noch niemand seinetwegen oder für ihn gestorben war.
Severus wusste, wie pathetisch es war, was er tat. Aber er verbot es sich, genauer darüber nachzudenken. Er hörte generell auf nachzudenken. Jedenfalls so gut es eben ging. Er dachte nicht darüber nach, was Gr… Her-min-ne! Was Hermine davon halten würde. Er dachte nicht darüber nach, wie es weitergehen sollte. Er dachte nicht mal darüber nach, wie lange er sein Leben auf diese Art handhaben wollte.
Nach zwanzig Jahren hörte er einfach auf, über jeden verdammten Schritt an jedem verdammten Tag seines Lebens nachzudenken.
Hatte es überhaupt jemals einen Sinn gehabt nachzudenken? Es hatte ihn an diesen Punkt gebracht; viel schlimmer hätte es anders auch nicht werden können, oder?
Einmal riss … Hermine … ihn brutal aus seiner imaginativen Welt. Sie nutzte den verdammten Rennervate dafür!
„Was?", fauchte Severus sie an, wütend und bedient von dieser Welt, wie er war. Und er roch auch nicht besonders gut, nachdem er zwei? Drei? Mehrere Tage lang nicht geduscht hatte.
„Was auch immer du da tust, hör auf damit!", sagte sie. Sie klang mindestens so wütend wie er.
„Warum sollte ich?", fragte er und rieb sich über die pochende Stirn.
„Weil …" Sie brach ab, presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du musst die Erinnerungsverarbeitung abschließen. Es ist jetzt drei Tage her, seitdem du den Trank das letzte Mal genommen hast. Der Trank verarbeitet nicht jede Erinnerung einzeln, Severus. Es wird dir besser gehen, wenn du es abschließt!"
Er sah sie missmutig an, sagte aber nichts. Was sollte er auch dazu sagen? Wenn er seine Gedanken ehrlich geäußert hätte, hätte sie ihn nie in Ruhe gelassen. Er hatte es nicht verdient, dass es ihm besser ging und ja, er wusste auch, wie verdammt pathetisch dieser Gedanke war! Und wenn schon …
„Gehen Sie weg, Miss …" Er stieß die Luft durch seine Nase, biss die Zähne aufeinander. „Hermine!", knurrte er, „Geh einfach weg!"
Und das tat sie dann auch. Aber mit einem Blick … Er hätte schreien können! Sie hatte kein verdammtes Recht, ihn so anzugucken!
Severus griff nach dem ersten, das er finden konnte, und schleuderte es gegen die Wand. Das Krachen und Klirren war entlastend – die Erkenntnis, dass es sein Trank, seine Eintrittskarte in sein imaginatives Labor gewesen war, weniger.
Er saß da, am Rand seines Bettes, starrte die grünen Rinnsale an, die an seiner Wand hinabliefen, und spürte etwas in sich einstürzen. Er versuchte, das zu verhindern. Er versuchte es so sehr! Er versuchte, die Wut festzuhalten, weil sie die Wand war, die ihn abschirmte von … dem. Von dem, was dahinter lag. Aber sie entglitt ihm wie Wasser aus der hohlen Hand. Sie tropfte einfach von ihm ab.
Und dann tropften seine Augen.
Dieser Gedanke war absurd lange das einzige, das er denken konnte. Bis er begriff, dass er weinte. Wahrscheinlich war auch das pathetisch, aber er verbot es sich, darüber nachzudenken. Nach all den Jahren … all den Dingen, die er tun musste … all den miesen Optionen, zwischen denen er hatte wählen müssen … all den Menschen, die er verloren hatte … all der Scheiße, durch den dieser eine verdammte Fehler damals ihn hindurch getrieben hatte … Nach all den Jahren war es einfach genug. Er war bedient. Er war am Ende seiner Kräfte angekommen. Am Ende seiner Leidensfähigkeit und Leidenswilligkeit.
Sollte ihn doch die ganze Welt pathetisch finden! Sie hatten ihn ohnehin nie leiden können.
Irgendwann kam er ans Ende der Tränen und Severus war leer. Er starrte einen Punkt auf dem Boden vor sich an, fühlte seinen Herzschlag pulsieren und bewegte so lange nicht einen Muskel in seinem Körper, dass es sich anfühlte, als hätte er verlernt, wie das überhaupt ging, als er nach Hermines elendem Trank greifen wollte.
Schön. Dann hatte sie eben gewonnen. Er würde diese verdammte Erinnerungsbewältigung abschließen. Er nahm einen Esslöffel des Trankes, legte sich zurück ins Bett und schloss die Augen.
Als er Bellatrix hinter Lucius erkannte, schloss er die Augen. Nein. Einfach … nein. Kein Cruciatus mehr. Wenn es irgendwo so etwas wie einen Gott gab, dachte Severus, möge er ihn doch bitte verschonen vor dieser Frau.
Aber es gab keinen Gott. Nirgendwo. Und schon gar nicht hier. Oder für ihn.
Sein Herz flatterte in seiner Brust, während er die beiden näher kommen hörte. Sie redeten über irgendwas … Vermutlich ihn. Severus versuchte, die Worte nicht zu hören. Das fiel ihm leichter, seitdem sein Zustand sich verschlechtert hatte. Nachdem Minerva in seinen Armen gestorben war, durch seinen Fluch und damit quasi durch seine Hand, hatte er eine der Brandnarben gesucht, die Draco auf seinem Körper hinterlassen hatte. Irgendwo musste eine von den Dingern sein, die er erreichen konnte. Und er hatte eine gefunden. Auf seinem linken Oberarm.
Wenn er sich hinstellte, hingen die Ketten locker genug, dass er sie mit der rechten Hand erreichen konnte. Er hatte angefangen, die Narbe aufzukratzen. Vielleicht – nur vielleicht! Würde es diesen verdammten Heilzauber brechen. Und angesichts der Tatsache, dass es ihm inzwischen schwer fiel, seinen Blick scharf zu stellen … oder wirklich wach zu werden … oder auch nur zu atmen … schien er mit seiner Vermutung recht gehabt zu haben.
Das nächste Mal würde nichts ihn vom Sterben abhalten!
Außer Lucius. Lucius würde ihn davon abhalten. Severus stöhnte, als er ihn schnalzen hörte. „Wir müssen ihn erst mal wieder aufpäppeln", sagte er an Bellatrix gewandt. Und zu Severus sagte er: „Monatelang bist du nicht tot zu kriegen und jetzt willst du gehen?"
Severus reagierte nicht. Konnte er auch nicht mehr. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Aber seine Ohren funktionierten noch. Er hörte ein paar Schritte gehen. Dann sehr lange nichts. Dann hörte er zwei paar Schritte zurückkehren. „Mach … irgendwas! Er soll wach sein." Bellatrix.
Die Stimme, die danach einige Zauber sprach, kannte Severus nicht. Es interessierte ihn auch nicht, wer das war.
Aber dass diese Stimme plötzlich „Rennervate!" sagte, das interessierte ihn!
Der Zauber durchfuhr ihn wie ein verdammter Stromschlag! Severus riss die Augen auf, schnappte nach Luft. Sein Herz wollte beinahe explodieren!
Der Zauberer vor ihm war jung, Anfang zwanzig vielleicht. Er sah Severus mit leeren Augen an und hielt ihm eine Phiole hin.
„Du Vollidiot!", sagte Bellatrix. „Er wird sie kaum selbst öffnen und freiwillig trinken! Zwing ihn!"
Der Zauberer, der vermutlich ein Heiler unter dem Imperius-Fluch war, entkorkte die Phiole, zwang Severus mit der Hilfe seines Zauberstabes dazu, den Mund zu öffnen und kippte ihm den Inhalt der Phiole in den Mund.
Severus versuchte, den Trank auszuspucken, aber als er das tat, kam Lucius plötzlich von wer weiß woher und hielt ihm die Nase zu. „Oh nein, Severus. Du wirst diesen Trank trinken!"
Severus verschluckte sich und hustete, aber dabei schluckte er schon genug von dem Trank, um zu merken, dass sein vorher flatternder Herzschlag sich verlangsamte und effektiver wurde. Seine Körpertemperatur sank und der schwere Schmerz in seinem Körper verebbte. Der Trank hatte ihn gerade von der Blutvergiftung geheilt, die seine Eintrittskarte ins Jenseits hätte werden können. Verdammt!
„Kümmer dich auch um seinen Rücken, der sieht ekelhaft aus." Lucius.
Und Bellatrix befahl dem Heiler anscheinend, genau das zu tun. Er stand auf, umrundete Severus und begann, die Wunden mit einer Salbe einzureiben. Diptam vermutlich. Oder Murtlap-Essenz. Irgendwas, das das Jenseits in noch weitere Ferne rücken ließ. Severus rümpfte die Nase.
„Und jetzt schwirr ab", sagte Bellatrix, als der Heiler fertig war. „Geh zurück in deine Zelle, zieh die Tür hinter dir zu und vergiss, dass sie nicht abgeschlossen ist."
Lucius schnaubte, sagte aber nichts dazu.
Nachdem der Heiler gegangen war, wandte Bellatrix sich ihrem Schwager zu. „Willst du zuerst oder darf ich?" Sie lächelte, die Augen groß wie Handteller, leckte sich über die Lippen.
Severus drehte sich der Magen um.
„Mach ruhig", entgegnete Lucius. „Ich hab Zeit."
Und dann wandte Bellatrix sich ihm zu. Sie schwang ihren Zauberstab durch die Luft und unter Severus wuchs ein Tisch in die Höhe. Er erschrak und sah um sich. Dann zwang etwas ihn dazu, sich hinzulegen, flach auf den Rücken. Seine Hände streckten sich in die oberen Ecken, seine Füße in die unteren. Er konnte sich nicht mehr bewegen.
Bellatrix' Gesicht erschien über seinem. Sie hielt eine weitere Phiole in der Hand, grinste. „Wirst du diesmal freiwillig trinken oder muss ich dich auch zwingen?"
Severus schluckte. Presste die Lippen aufeinander.
Sie kicherte. „Du weißt, wie ich meine Männer mag. Gefesselt und widerspenstig." Sie ließ den Korken von der Phiole springen, klemmte sich den Zauberstab zwischen die Zähne und hielt ihm die Nase zu, so wie Lucius es eben schon getan hatte.
Severus presste die Lippen aufeinander, so fest er konnte. Sein Herzschlag beschleunigte sich wieder, als der Sauerstoff in seinen Lungen schwand. Es rauschte in seinen Ohren. Seine Lungen, sein ganzer Körper begannen zu schmerzen. Ihm wurde schwindelig. Und dann erreichte er den Punkt, an dem sein Körper ihn verriet. Er schnappte nach Luft und Bellatrix nutzte die Gelegenheit, um die Phiole zu kippen.
Wieder verschluckte er sich, wieder spuckte er dabei zu wenig des Trankes aus, um der Wirkung zu entgehen. Und als er den Trank schmeckte … als er ihn roch … und als er die Wirkung spürte, keuchte er und konzentrierte sich auf Meister Dendron und das Labor, so fest er konnte.
„Hier bist du sicher, mein Junge", sagte Meister Dendron, als er ihn sah. „Was wollen wir heute machen?"
Aber Severus kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten. Sein Körper ging in Flammen auf. Säure floss durch seine Adern. Er schrie, riss die Augen auf und sah eine gackernde Bellatrix, die rittlings auf ihm saß, seinen erigierten Penis in der Hand hielt und es genoss, wie er sich in den Fesseln wand.
Der Cruciatus wallte durch seinen Körper, bis Severus beinahe das Bewusstsein verlor. Beinahe. Da beendete Bellatrix den Fluch, setzte sich auf ihn und begann sich zu bewegen. Ihre Hitze umschloss ihn wie ein Schraubstock. Er konnte nicht atmen. „Oh ja!", stöhnte sie, warf den Kopf in den Nacken und griff mit ihrer freien Hand nach seinem Kinn. „Findest du es auch so gut wie ich?", fragte sie und begann wieder zu lachen.
Severus kniff die Augen zusammen. Er musste hier weg! Wieder konzentrierte er sich auf das Labor, seine Zuflucht, seinen sicheren Hafen in dieser Hölle, die sein Leben war. Kurz sah er das freundliche Gesicht von Meister Dendron, dann …
Säure! Feuer!
Nein!
Nein, nein, NEIN!
Bellatrix. „Du bleibst hier", sagte sie atemlos. Sie stützte sich auf seiner Brust ab und ihre schwarzen Locken kitzelten ihn, während sie sich ihrem Orgasmus näherte.
Severus schmeckte Magensäure auf seiner Zunge. Er wandte den Blick ab. Lucius stand gegen die hintere Wand der Zelle gelehnt und beobachtete sie. Sein Gesicht war leer. Ihre Blicke trafen sich und Severus konnte einen Muskel unter seinem Auge zucken sehen.
„JA!", schrie Bellatrix.
Severus würgte. Tränen schossen ihm in die Augen. Sie brach auf seinem Körper zusammen und ihre Haare bedeckten sein Gesicht. Er konnte nicht atmen! Sie waren überall!
Eine gefühlte Ewigkeit später stieg sie endlich von ihm herunter. Kälte durchflutete Severus' Körper, er zitterte, holte tief Luft. Schloss die Augen und zählte seinen rasenden Herzschlag. Fünfzehnsechzehnsiebzehn …
„Bist du jetzt zufrieden?", fragte Lucius.
Bellatrix lachte. „Sehr! Was wirst du jetzt mit ihm machen, Lucius?"
„Bleib hier und schau es dir an", entgegnete er leichthin.
Severus blinzelte und hob ein bisschen den Kopf. Sie standen am Fuß dieses Tisches und unterhielten sich, als wäre er gar nicht da.
„Wirst du es richtig tun?", fragte Bellatrix und leckte sich wieder über die Lippen. Sie bebte immer noch vor Erregung.
Lucius zog die Augenbrauen in die Stirn. „Was verstehst du unter richtig, Bella?"
Sie gackerte, sah hinab auf seinen Schritt.
Er schnaubte. „Wenn du glaubst, dass ich meinen Schwanz tatsächlich in etwas wie ihn hineinstecke, dann kennst du mich nicht."
Sie sank ein bisschen in sich zusammen. „Dann interessiert es mich nicht", sagte sie und sah wieder Severus an. „Bis zum nächsten Mal, Severus!" Sie zog das zweite S in die Länge, wandte sich ab und tänzelte aus der Zelle.
Dann war er mit Lucius allein.
Dieser zog sich seinen Umhang aus und hängte ihn in die Luft. Knöpfte die Ärmel seines Hemdes auf und krempelte sie nach oben. „Du bist jetzt seit drei Monaten hier, Severus. Wir haben dich büßen lassen für die Fehler, die du begangen hast. Du hast dich erstaunlich tapfer geschlagen!" Er warf ihm einen anerkennenden Blick zu. „Jetzt wird es Zeit für die letzte Lektion."
Severus zog eine Augenbraue in die Stirn, sagte nichts. Wahrscheinlich hätte er sich übergeben, wenn er den Mund geöffnet hätte.
„Sex", sagte Lucius langsam und sah ihn an, „ist nichts, womit man jemanden kontrolliert, Severus. Sex ist etwas Wundervolles. Ein Geschenk, das man teilt mit einem Menschen, der einem die Welt bedeutet."
„Dann ist das ja … eine einsame Nummer für dich, Lucius." Severus quälte die Worte hervor, hustete.
Lucius lächelte. „Sarkasmus", sagte er. „Die letzte Zuflucht bescheidener Menschen, wenn die Privatsphäre ihrer Seele aufdringlich beeinträchtigt wird."
„Dostojewski?", fragte Severus ungläubig.
„Ich werde dich lehren, Sex zu respektieren, Severus. Bellatrix bot sich an, die eine Seite zu übernehmen – ich werde mich um die andere kümmern." Er schwang seinen Zauberstab durch die Luft und Severus fand sich auf dem Bauch liegend wieder. Sein Herz pumpte heftig. Dann zog ihn etwas am Steißbein nach oben, seine Beine wurden angewinkelt und er sank zurück auf die Tisch, den Po hoch in die Luft gereckt.
Er biss sich auf die Zunge, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Schloss die Augen, presste die Stirn gegen die glatte Oberfläche des Tisches, nach wie vor unfähig, sich zu bewegen. Sein Penis war immer noch steif, der verdammte Trank!
„Deine kleine Farce hat mein Leben beeinträchtigt, Severus!", sagte Lucius scharf hinter ihm.
Hinter ihm!
„Narcissa dachte, ich hätte sie betrogen! Scheiße, ich dachte, ich hätte sie betrogen! So was tut man nicht, Severus!" Ein scharfes Sirren und dann …
Schmerz.
Etwas rammte in Severus' Po, dass er dachte, es würde ihn in der Mitte aufreißen. Er schrie. Sterne explodierten vor seinen Augen. Er würgte.
„Du musst das wirklich lernen, Severus. Ich werde dafür sorgen, dass du diese Lektion nie wieder vergisst. Es wird dich dein restliches, armseliges Leben lang genauso quälen, wie es mich gequält hat."
Wieder trieb Lucius die Magie brutal in Severus. Er zuckte zusammen, schmeckte Blut auf seinen Lippen.
„Jedes Mal, wenn du dich bewegst in der kurzen Zeit, die dir von jetzt an noch bleibt, wirst du an mich denken, Severus. Und an das, was du mir angetan hast."
Wieder und wieder und wieder.
Severus versuchte gar nicht erst, sich ins Labor zurückzuziehen. Lucius würde ihn genauso mit dem Cruciatus zurückholen, wie Bellatrix es getan hatte. Er konnte nur hoffen, dass Lucius es zu weit trieb. Dass er ihn versehentlich umbrachte bei dem, was er mit ihm tat. Und bei Merlin! Es fühlte sich so an, als würde er genau das tun.
Aber jedes Mal, wenn ihm schwarz vor Augen wurde, jedes Mal, wenn die Sterne explodierten und der Schmerz ihn zusammenzucken ließ, jedes Mal, wenn er dachte, das wäre endlich das letzte Mal … erlebte er das nächste Mal.
Severus verlor jedes Zeitgefühl. Mehr noch, als er es ohnehin schon verloren hatte. Was Lucius ihm antat, dauerte eine Ewigkeit und noch ein paar Minuten länger.
Aber irgendwann war es vorbei.
Severus sackte zur Seite, als Lucius die Zauber aufhob, die ihn an den Tisch gefesselt hatten. Er rutschte von der Kante und fiel hart auf den Boden. Für einen Moment wurde er tatsächlich ohnmächtig. Aber diese Gnade dauerte nicht lange an. Ein harter Griff um sein Kinn riss ihn zurück. „Das ist das letzte Mal, das wir uns sehen werden, Severus. Du wirst bald umziehen. Ich bin durch mit dir."
Dann ging Lucius und es wurde schwarz um Severus.
Diesmal schaffte Severus es nicht bis ins Bad. Genau genommen schaffte er es nicht mal aus dem Bett. Der Ekel überkam ihn so unvermittelt und so heftig, dass er sich nur über die Bettkante beugen konnte, ehe er sich übergab. Er würgte etwas Magensäure und die Reste von Hermines Trank hoch, seine letzte Mahlzeit war schon länger her.
Aber dass er den Trank erbrochen hatte, beendete seine Wirkung nicht. Er zog ihn rücksichtslos wieder mit sich und zwang Severus dazu, sich die Erinnerung noch ein zweites Mal anzuschauen.
Als er zum zweiten Mal aufwachte, wurde Severus allein schon wegen des Gestanks in seinem Zimmer schlecht. Er würgte trocken, presste sich die Faust gegen den Mund und schluckte, bis der Brechreiz sich legte. Dann stand er auf, taumelte zum Fenster und öffnete es. Draußen war es dunkel und absolut still.
Ein paar Minuten lang atmete er die warme Luft ein, dann ging er ins Bad und suchte einen Lappen, mit dem er sein Erbrochenes aufwischen konnte. Er vermisste seinen Zauberstab. Und es gab keinen Lappen! Also nahm er sein verdammtes Handtuch, wischte damit den Boden neben dem Bett sauber und spülte es im Waschbecken aus. Aber der saure Geruch hing weiterhin in der Luft. In der Luft und an ihm.
Severus blieb regungslos im Zimmer stehen, dachte nach. Lucius hatte ihn direkt vor seinem Umzug auf diese verdammte Insel … besucht. Danach hatte er nicht mehr viel Besuch bekommen. Er sah die Phiole mit Grangers Trank an und beschloss, es zu wagen. Er setzte sich auf das Bett und nahm einen Esslöffel davon. Wartete. Sekundenlang. Aber nichts passierte. Keine Müdigkeit, die ihn mit sich zu ziehen versuchte.
Severus lachte heiser. Er hatte es geschafft. Er wischte sich mit der Hand über das Gesicht, sie zitterte, als er nach der Phiole mit dem zweiten Trank suchte. Entkorkte sie, als er sie endlich gefunden hatte, und trank sie in einem Zug leer.
Aber er fühlte sich nicht viel anders. Er schluckte. Vielleicht … Vielleicht dauerte es ein bisschen.
Er sah sich um und nahm seinen eigenen üblen Körpergeruch plötzlich so intensiv wahr, dass es ihn schauderte. Er zog sich aus und stieg unter die Dusche. Später würde er Grang… Her-mi-nes Zauberstab brauchen, um diesen Geruch in seinem Zimmer zu beseitigen. Aber so, wie er jetzt aussah und roch, würde er ihr nicht unter die Augen treten.
Erst als er sich bereits vollständig eingeseift hatte, bemerkte Severus es. Er war … klar im Kopf. Es ging ihm … tatsächlich besser. Nicht körperlich. Körperlich war er ein Wrack nach drei Tagen fast ohne Essen und der letzten Runde in seinen Erinnerungen. Seine Kehrseite tat weh und ihm war immer noch flau im Magen. Aber – und er dachte dieses Wort mit so viel Verachtung, wie er aufbringen konnte – emotional …
Emotional ging es ihm besser. Anscheinend wirkte der zweite Trank jetzt endlich. Anscheinend war die Zeit in Lucius' Gefangenschaft nun … versiegelt. Oder was auch immer der Trank damit getan hatte. Nicht dass die Scham, die Wut, die Erniedrigung und die Schmerzen verschwunden wären. Aber sie waren nicht mehr überwältigend. Er konnte es aushalten. Er konnte damit umgehen.
Und vor allem konnte er daran glauben, dass es irgendwann wieder gut sein würde.
Als Severus aus der Dusche stieg, war der Spiegel beschlagen. Er trocknete sich ab und schlang das Handtuch um seine Hüften. Dann starrte er die matte Glasfläche an. Schemenhaft konnte er seine schwarzen Haare und das Gesicht erkennen. Schließlich überwand er sich und wischte die Feuchtigkeit weg. Sah sich an. Sah sich direkt in die Augen.
Und erkannte keinen Unterschied zu früher. Man sah seinen Augen nicht an, was sie gesehen hatten. Er schnaubte. Schluckte und wandte sich ab.
Mit immer noch nassen Haaren stieg Severus eine halbe Stunde später die Stufen ins Untergeschoss hinab. Hermines Zimmer war verlassen, sie musste sich irgendwo unten aufhalten. Er sah in die Küche – leer. Er öffnete die Tür zum Keller – Stille. Dann wandte er sich dem Wohnzimmer zu.
Erst sah er sie gar nicht. Es war hier genauso dunkel und still wie in allen anderen Räumen des Hauses. Aber dann trat er ein paar Schritte ins Wohnzimmer, eigentlich um in den Garten zu schauen, und entdeckte sie im Sessel. Sie saß zusammengesunken, die Augen geschlossen. Severus blieb stehen und betrachtete ihr entspanntes Gesicht.
Bis ihm die Flasche ins Auge fiel. Beziehungsweise beide Flaschen.
Die leere Flasche Feuerwhiskey, die auf dem Tisch lag. Und die halb volle, die sie ihm Arm hielt, als wäre sie ihr Erstgeborenes.
Severus riss ihr die Flasche aus dem Arm und knallte sie auf den Tisch. Er ging vor ihr in die Hocke, drehte ihr Gesicht am Kinn zu sich. „Hermine!", sagte er laut.
„Mhh", machte sie.
„Hermine!" Er schlug mit der flachen Hand gegen ihre Wange. Ihre Augenlider flatterten, aber sie wachte nicht auf. „Trink nicht zu viel!", äffte er sie nach, während er nach ihrem Zauberstab suchte. „Du solltest mal deinen eigenen verdammten Rat beherzigen, du dummes, impertinentes Weib!" Endlich fand er den Zauberstab und sorgte für Licht. „Hermine!", rief er dann noch mal, lauter, und schüttelte sie.
Ihre Beine, die sie an sich gezogen hatte, rutschten vom Sessel und knallten auf den Boden, aber sie wachte immer noch nicht auf.
Severus stieß scharf die Luft durch seine Nase und stand auf, lief hinunter ins Labor und durchwühlte den Schrank mit den Tränken. „Dumm und unvorbereitet!", knurrte er, denn einen Ausnüchterungstrank suchte er vergeblich.
„Kommt hierher als Schluckspecht erster Güte, hat aber keinen Ausnüchterungstrank fertig", murmelte er, während er Zutaten aus dem Vorratsschrank suchte und so hart auf den Arbeitstisch knallte, dass die Gläser beinahe zerbrachen. „Wozu auch? Es ist doch genug Zeit, wenn man ihn brauchen sollte. Verdammte Gryffindor!" Er entzündete ein Feuer unter dem Kessel und goss Wasser hinein. Dann bereitete er die zum Glück übersichtliche Anzahl von Zutaten vor. Seine Hände zitterten und seine Beine fühlten sich weich an. Er wünschte, sie hätte sich einen anderen Tag für das hier ausgesucht. Er wünschte, er hätte in den letzten Tagen ein bisschen besser auf sich achtgegeben.
Es dauerte zwanzig Minuten, bis der Trank fertig war. Er goss etwas davon in eine Phiole und hielt sie unter kaltes Wasser, bis der Trank ausreichend heruntergekühlt war.
Im Vorbeigehen schnappte Severus sich ein Becherglas und verwandelte es in einen Eimer. Als er wieder bei Hermine war, hockte er sich vor sie und deutete mit dem Zauberstab auf sie. „Rennervate!" Es befriedigte ihn auf eine beinahe perverse Art, sie genauso brutal zu wecken, wie sie es vorhin mit ihm getan hatte.
Sie schrie auf, als sie im Sessel hochschreckte. „Was …?", murmelte sie und hatte offensichtlich Schwierigkeiten, ihn klar zu erkennen.
„Trink das!", befahl Severus und presste ihr die Phiole an die Lippen. Sie wandte den Kopf ab. „Bring mich nicht dazu, dich zu zwingen, du Schnapsdrossel!", schnarrte er.
Vielleicht war es sein Tonfall, vielleicht auch eine letzte funktionierende Gehirnzelle. Jedenfalls öffnete sie ihren Mund und erlaubte es Severus, ihr den Trank zu verabreichen. Er ließ die leere Phiole achtlos auf den Boden fallen und hielt sie mit einer Hand an der Schulter fest, mit der anderen hob er den Eimer auf ihren Schoß.
Und dann tat der Trank seine Wirkung.
Im Gegensatz zu ihm hatte Hermine einiges im Magen, das sie erbrechen konnte. Severus rümpfte die Nase. Während er in Hogwarts unterrichtet hatte, hatte es fast jedes Jahr ein paar Schüler gegeben, die sich Feuerwhiskey organisiert und ihre kleine Privatfeier veranstaltet hatten – meistens aus seinem Haus, wie er zugeben musste. Und weil der Ruf der Slytherins in Hogwarts ohnehin schon schlecht genug war, selbst ohne die alljährlichen Alkoholvergiftungen, hatte er sich lieber selbst um diese Schüler gekümmert.
Trotzdem hasste er es jedes Mal leidenschaftlich.
„Du kannst verdammt noch mal froh sein, dass du wieder meine verdammte Schülerin bist und ich dein Talent so sehr schätze, sonst würde ich dich ins Jenseits und zurück hexen, wenn ich damit fertig bin, dir das verdammte Leben zu retten!", fluchte er, während sie würgte und hustete. Er musste ihr sogar die verdammten Haare aus dem Gesicht halten! „Bin ich deine verdammte beste Freundin?", knurrte er.
Nach langen zehn Minuten war der Spuk endlich vorbei und Hermine sank in den Sessel zurück – genauso weggetreten wie vorher, dieses Mal aber vor Erschöpfung. Severus reinigte den Eimer und stellte ihn beiseite, dann setzte er sich auf den Tisch und sah sie nachdenklich an. Sie schnarchte leise.
Es war das eine, ein bisschen viel Alkohol zu trinken – sich quasi direkt ins Jenseits zu trinken, eine ganz andere. Worüber hatte sie so ihre Fassung verloren? Seine Zurückweisung konnte wohl kaum der Grund dafür gewesen sein. Bestenfalls der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Severus zögerte, das tat er wirklich. Aber so, wie er in den letzten Tagen zu ihr gewesen war, und so, wie sie in den ersten Tagen hier zu ihm gewesen war, sah er keine reelle Chance, dass sie ihm von sich aus erzählen würde, was sie so zerstört hatte. Also hob er ihren Zauberstab und sagte: „Legilimens!"
