Kapitel 1.12 – Hinter den Kulissen

Die ersten Momente in Hermines Verstand fühlten sich an, als würde er ertrinken. Erinnerungen rasten an ihm vorbei, so schnell, dass er nur Bruchstücke davon sehen, nur Wortfetzen davon hören konnte.

Er sah Albus. Er beherrschte die Elemente, saugte Magie aus allem, um Potter zu unterstützen und den Dunklen Lord zu töten.

Er sah beide – Potter und den Dunklen Lord – zu Boden gehen und wusste, dass sie tot waren, noch bevor der Schlamm in die Luft spritzte.

Er sah Remus Lupin nach Hermine greifen und sie davon abhalten, sich in das Energiefeld zu stürzen, das sich um die beiden Toten gebildet hatte.

Er sah Madam Pomfreys glückliches Gesicht, als sie erfuhr, dass Hermine eine Ausbildung zur Heilerin machen würde.

Er sah Ronald Weasley, wie er vor Hermine in die Knie ging.

Hier endlich schaffte Severus es, die Oberfläche aus Erinnerungen zu überwinden und tiefer in Hermine Geist einzudringen. Die Erinnerungsfäden strebten von ihm fort. Weiß und faserig, wie sie waren, zogen sie einen großen Bogen um ihn. Aber das waren auch nicht die Erinnerungen, die er sehen musste. Er suchte die knotigen, roten Erinnerungen. Die Erinnerungen, die gesehen werden wollten.

Es war eine ganz eigene Form von Gewalt, die er ihr damit antat. Er hatte schon oft den Geist anderer mit Legilimentik ausgehorcht, doch niemals hatte er sich dabei so schäbig gefühlt wie bei ihr. Hermine Grang… Weasley hatte genug durchgemacht. Es gab nichts, das sein Tun entschuldigen konnte. Severus versuchte es auch gar nicht. Das hier war schlimmer, als ihr Tagebuch zu lesen. Sie würde ihn dafür hassen und sie hatte jedes Recht dazu.

Trotzdem machte er weiter.

Er konzentrierte sich darauf, den Anfang zu finden. Den Moment, von dem an alles schief gelaufen war. Jeder, der so viel Alkohol trank wie Hermine in den letzten Wochen, hatte so einen Moment erlebt. Ein paar Erinnerungen drifteten an ihm vorbei, so geordnet, als wollte Hermine sie ihm zeigen.

Er sah sie in Zeitschriften für Brautmoden blättern und mit Ginevra Weasley diskutieren.

Er sah sie an Harry Potters Grab, alleine. Sie legte Blumen nieder und bat um die Erlaubnis, an seinem Geburtstag zu heiraten.

Er sah sie zusammen mit ihrem Zukünftigen im Ministerium, um einen Termin für die Eheschließung auszumachen. Hermine kringelte mit einem wehmütigen Lächeln den 31. Juli in ihrem Terminplaner ein und Weasley griff nach ihrer freien Hand.

Severus stutzte. Der 31. Juli … das war morgen. Oder heute? War es schon nach Mitternacht? Egal. Aber das war zumindest mal ein Anhaltspunkt. Harry Potters Geburtstag, Hermines Hochzeitstag. Der erste, den sie allein verbringen musste. Seinetwegen. Möglicherweise hätte er an ihrer Stelle an so einem Tag auch getrunken. Aber nicht so viel.

Er sah sich weiter um.

Molly Weasley mit wässrigen Augen, als sie Hermine eine klassische Perlenkette gab. Ein Erbstück der Familie – Informationen, die Severus nicht gebrauchen konnte.

Zwischendurch sah er immer wieder Momente im Kampf, in Hogwarts, auf der Krankenstation, bei Ordenstreffen, bei kleinen Feiern und das Glück zweier Menschen während dieser turbulenten Zeiten. Vor allem bei letzterem zog er sich immer wieder raus; es gab Dinge, die er nicht sehen wollte, und Weasley in diesen speziellen Momenten stand ziemlich weit oben auf seiner Liste.

Schließlich sah er Hermine im Brautkleid und bei dieser Erinnerung verweilte er. Die Räume des Zaubereiministeriums waren ihm bekannt, doch den Saal für Eheschließungen hatte er erst einmal betreten. Seit der Hochzeit von Lucius und Narcissa hatte sich dort kaum etwas verändert.

Hermine trug ein weißes Kleid mit weiten, sehr langen Ärmeln und einer Kapuze, die sich auf ihren Schultern beutelte. Und die Kette, die Molly ihr gegeben hatte. Severus verlor sich in ihrem Anblick. Ihre Augen leuchteten, die Wangen waren gerötet, ihre Brust hob und senkte sich schnell, der Puls an ihrem Hals galoppierte. Sie biss sich auf die Unterlippe, versuchte das Lächeln zu beherrschen. Vergeblich.

Schließlich fand Severus seine Selbstbeherrschung wieder und suchte weiter. Er fand nichts, was ihm bei seinen Fragen weiterhalf, bis er Hermine in Albus' Büro in Hogwarts sah. Gespräche mit dem alten Strippenzieher waren immer wichtig.

Sie setzte sich, erstaunlich entspannt. Das hatte Severus anders in Erinnerung.

„Guten Abend, Hermine", sagte Albus und nickte ihr zu.

„Professor Dumbledore."

„Ich habe Sie hergebeten, weil eine meiner Befürchtungen eingetreten ist." Der Schulleiter hatte die Hände ineinander verschränkt und sah Hermine über den Rand seiner Brille hinweg an. „Severus hat sich seit geraumer Zeit nicht mehr bei mir gemeldet und ich habe Grund zu der Annahme, dass seine Spionagetätigkeiten entdeckt wurden."

Hermine schluckte. „Und was soll ich dabei tun?"

„Ich möchte Sie bitten, Nachforschungen anzustellen. Lucius Malfoy ist nicht der Typ Mensch, der Verräter einfach umbringt. In dieser Beziehung ist er schlimmer als Voldemort."

„Sie meinen, er ist in Gefangenschaft und wird … gefoltert?"

„Ich nehme es an, ja. Es gibt viel, für das Malfoy ihn büßen lassen wollen wird."

„Hm", machte sie leise. „Aber ich habe schon einen Auftrag."

Albus lehnte sich auf seinem Stuhl nach hinten. Das Holz knackte laut, Fawkes zuckte aus dem Schlaf und schüttelte sein Gefieder. „Ich brauche Sie für diese Mission, Hermine. Sie sind die einzige, die die Suche nach Severus wirklich ernst nehmen würde."

„Es gäbe mehr, die sich ernsthaft um ihn sorgen würden, wenn er sich nicht so unbeliebt gemacht hätte", entgegnete sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Albus sah ihr fest in die Augen. „Es ist nicht Severus' Schuld, dass Harry tot ist, Hermine."

„Nein, das ist Ihre", entgegnete sie kühl. „Und trotzdem hätte er vielleicht überlebt, wenn er nicht diesen verdammten Trank genommen hätte."

Albus schwieg. Ein leises Ticken war das einzige, das die Stille durchbrach. Selbst die früheren Schulleiter in den Portrait wagten es nicht, sich zu bewegen. Keiner von ihnen gab vor zu schlafen, sie verfolgten das Gespräch mit unverhohlener Neugier. „Ich möchte", sagte Albus schließlich, „dass Sie nach Severus suchen, Hermine."

Sie schnaubte leise. „Ich habe einen festen Platz im Team, Professor. Ron und ich arbeiten gut zusammen, ich gebe ihm Deckung, er mir. Ich möchte das nicht aufgeben." Sie rümpfte die Nase und Severus wusste genau, was das bedeutete: Nicht seinetwegen.

Albus schien es auch verstanden zu haben, denn die Falte zwischen seinen Augenbrauen wurde etwas tiefer. „Ronald ist ein fähiger Kämpfer, um ihn mache ich mir keine Sorgen. Jemand anderes wird Ihren Platz im Team einnehmen. Severus zu retten ist wichtig, Hermine. Er hat nicht verdient, was Mr Malfoy ihm mit Sicherheit antut."

Sie senkte den Blick. Schwieg.

„Also kann ich davon ausgehen, dass Sie den Auftrag annehmen?"

Für einen Moment presste sie die Lippen aufeinander, dann straffte sie ihre Haltung, schluckte den Frust hinunter. „Das können Sie." Sie sagte es in dem gleichen Ton, in dem Severus Albus damals zugesagt hatte, sein Spion zu sein – voller Verachtung und bitterer Entschlossenheit.

„Ich danke Ihnen, Hermine. Hier ist die letzte Nachricht, die ich von Severus erhielt. Sie stammt vom 26. März, ist also acht Tage alt." Er reichte ihr ein Pergament über den Tisch.

Im Gegensatz zu Hermine wunderte Severus sich. Er hatte nicht regelmäßig Nachrichten an Albus geschickt, acht Tage waren keine lange Zeit. Albus musste aus anderer Quelle erfahren haben, dass er in Schwierigkeiten steckte. Aber aus welcher? Hatte Draco schon so lange Kontakt zum Orden gehabt? Hatte er Albus erzählt, dass Lucius ihn gefangen genommen hatte?

Hermines Blicke flogen derweil über die wenigen Zeilen und Severus las mit, was er Albus als letztes geschrieben hatte.

Alles unverändert, keine Auffälligkeiten. Planung noch nicht weiter fortgeschritten. Weitere Details folgen.'

Er hatte sich diesen Telegrammstil angewöhnt, seitdem eine Nachricht trotz sämtlicher Sicherheitsvorkehrungen beinahe von der falschen Person gelesen worden war. Er vermied Namen und Orte, nannte nur selten Details.

„Von welcher Planung schreibt er?", fragte Hermine in diesem Moment und senkte das Pergament.

„Wie es aussieht, plant Lucius Malfoy das Ministerium zu infiltrieren."

„Was auch sonst?", murmelte Hermine und verdrehte die Augen, bevor sie die wenigen Worte erneut las. „Wissen Sie, wo Professor Snape sich aufhält? Oder bisher aufgehalten hat?"

Albus nickte und griff nach Pergament und Feder. Dann schrieb er mit seiner üblichen geschwungenen Schrift eine Adresse auf und reichte auch diese an Hermine weiter. „Das ist die Adresse seines Elternhauses. Er wohnt dort, seitdem er Hogwarts verlassen musste. Achten Sie darauf, dass niemand Sie erkennt, wenn Sie sich dort umsehen. Möglicherweise wird das Haus von den Todessern überwacht."

„Natürlich. Ich werde mir etwas einfallen lassen." Hermine faltete beide Pergamente zusammen und steckte sie in eine Tasche ihres Umhanges. „Ist das alles?"

Albus nickte. „Das ist vorerst alles, ja. Ich bitte Sie darum, Stillschweigen über Ihren Auftrag zu bewahren."

Hermine zog die Augenbrauen hoch. „Natürlich", zischte sie. „Nachdem ich schon niemandem erzählen durfte, wie Harry tatsächlich ums Leben gekommen ist, wem sollte ich dann wohl davon erzählen, ohne eine Revolte heraufzubeschwören? Alle glauben, Professor Snape hätte es geplant, Harry umzubringen." Sie stieß Luft durch ihre Nase. „Alle glauben, er wäre ein treuer Todesser. Alle außer Ihnen, mir und Remus und niemand weiß, wo Remus ist."

Albus senkte kurz den Blick. „Es ist wichtig, dass das auch so bleibt. Lucius Malfoy könnte Severus töten, wenn er glaubt, der Orden würde nach ihm suchen."

„Ja", murmelte sie verächtlich. Dann stand sie auf und verließ das Büro.

Er forschte weiter. Die Erinnerungen waren weiterhin überraschend geordnet. Er warf einen Blick auf einen Moment zwischen Hermine und Weasley. Sie waren angezogen, deswegen blieb Severus.

Ronald Weasley saß auf dem Ehebett und wälzte Bücher, während Hermine die Beine auf die Sitzfläche des Sessels gezogen hatte und ihn beobachtete. So vertieft, wie er in die Lektüre war, bemerkte er nicht einmal die forschenden Blicke seiner Frau. Severus kam der Gedanke, dass er sicherlich bessere Leistungen in Zaubertränke erzielt hätte, wenn er diese Arbeitsmoral auch damals besessen hätte.

„Ron?"

„Hm?", brummte er.

„Besteht eventuell die Möglichkeit, dass ich deine Aufmerksamkeit nicht mit einem Buch teilen muss, wenn ich mit dir rede?"

Dass er daraufhin prompt den Kopf hob und unverschämt breit grinste, ließ Severus vermuten, dass die letzten Worte Hermines keine neuen zwischen ihnen waren. Sie hatten eine Vergangenheit, Dinge, die sie verbanden. Vertrauen und Zuneigung, Wärme und Verständnis.

„Sicher. Was gibt es denn?" Er rutschte auf dem Bett nach vorne und stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab, während er Hermine fest in die Augen sah.

„Ich muss unsere Truppe verlassen", sagte sie leise.

Weasley runzelte die Stirn. „Warum?"

„Albus hat mir einen neuen Auftrag gegeben. Er meinte, ich sei am besten dafür geeignet." Sie senkte den Blick.

„Was für ein Auftrag ist das?"

Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. „Darf ich nicht erzählen."

Weasley runzelte nachdenklich die Stirn. „Du siehst nicht begeistert aus."

„Bin ich auch nicht!", entgegnete sie heftig. „Ich will unser Team nicht verlassen. Ich will dich nicht verlassen. Irgendjemand muss dir doch den Hintern retten."

Weasley lachte leise. „Ach, man muss mir den Hintern retten?"

Sie lächelte. „Natürlich. Hab ich schon mindestens dreimal getan."

„Du hast noch mehr mit meinem Hintern getan, als ihn nur zu retten", entgegnete er und zuckte mit den Augenbrauen.

„Ich weiß." Sie biss sich auf die Unterlippe. „Bist du bald fertig mit lernen?"

Er seufzte. „Nein. Die Prüfung für das Fluchbrecher-Seminar ist nächste Woche und wenn ich bis dahin nicht selbst auf meinen Hintern aufpassen kann, werde ich die kaum bestehen."

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du freiwillig lernst", sagte sie kopfschüttelnd.

„Ich auch nicht!"

Sie lachte leise, er fiel mit ein. Dann lehnte sie sich nach vorn und küsste ihn.

„Wie geheim ist dieser Geheimauftrag genau?", fragte Weasley, während er vom Bett aufstand und sich auf die Lehne des Sessels setzte. Er legte Hermine einen Arm um die Schulter und zog sie an sich.

„Absolut geheim", sagte sie und kuschelte sich an ihn.

„Auch mir gegenüber?"

„Allen gegenüber."

Weasley runzelte die Stirn, dann hellte sich seine Miene auf. „Vielleicht … kann ich es aus dir herauskitzeln."

„Auf keinen Fall!"

„Abwarten …" Er beugte sich über sie und Hermines helles Lachen erfüllte ihren Geist.

Severus verließ die Erinnerung und suchte weiter.

„Ron, ich brauche deine Hilfe!" Hermines Augen blitzten. Es schien, als würde sie das wilde Treiben des Zaubereiministeriums um sich herum gar nicht bemerken.

Weasley sah überrascht von seinem Pergament auf. Ihre Blicke begegneten sich, Hermines Augenbrauen zuckten. Er bedeutete ihr, die Tür zu seinem Büro zu schließen. „Wobei?", fragte er dann.

„Ich muss einen Blick auf die Kartei der magischen Haushaltshilfen werfen."

Nun war Severus überrascht. Er hatte tatsächlich eine Haushaltshilfe beschäftigt, weil er an die Hauselfen in Hogwarts gewöhnt gewesen war. Neben allem, das seine Aufmerksamkeit gefordert hatte, war keine Zeit mehr für den Haushalt geblieben. War das ein Schuss ins Blaue von ihr gewesen oder hatte sie das irgendwie rausgefunden?

„Was willst du damit?", fragte Weasley in Severus' Gedanken hinein.

„Geheimauftrag, Ron", erinnerte sie ihn ungeduldig.

Er schnaufte. Aber dann räumte er doch das Pergament zur Seite und tippte mit dem Zauberstab auf ein in die Tischplatte eingelassenes dunkleres Rechteck. Schrift erschien in der Luft darüber, die Severus aus seiner Perspektive nicht lesen konnte. Aber er wusste, was das war. Die Todesser, die das Ministerium vor dem Sturz des Dunklen Lords infiltriert hatten, hatten davon berichtet. Es waren magische Netzwerke, die den Mitarbeitern Zugang zu Bereichen in ihrem Geheimhaltungsbereich ermöglichten. Zweifellos würde die Kartei der magischen Haushaltshilfen einem Auror zugänglich sein.

Hermine ging zu ihm und legte ihre Hände auf seine Schultern, während sie mit gerunzelter Stirn beobachtete, was er tat. „Hermine?"

„Hm?", machte sie abwesend.

„Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du das machst."

„Wenn ich was mache?"

Er sah zu ihr auf. „Wenn du dich hinter mich stellst und deine Haare so unglaublich riechen wie heute morgen, als wir …" Er brach ab, die Ohren dunkelrot.

Auch Hermine stieg das Blut in die Wangen. Dann beugte sie seinen Kopf nach hinten und küsste ihn über Kopf. „Betrachte das als Dankeschön", hauchte sie danach.

Weasley rutschte auf seinem Stuhl herum, räusperte sich. Dann wandte er sich wieder der Schrift vor ihm zu und sagte schließlich: „Ich hoffe, du wirst fündig." Er stand auf, ging zur Anrichte an der Wand und goss sich einen Kaffee ein.

Einige Augenblicke war es still im Büro, dann stieß Hermine ein zufriedenes „Ha!" aus. Weasley lächelte, goss eine zweite Tasse Kaffee ein und kehrte zu seiner Frau zurück, die sich gerade einige Notizen machte. Beiläufig nahm sie ihm die Tasse ab.

Wieder verließ Severus die Erinnerung und sah sich weiter um.

In der nächsten Erinnerung sah er Hermine in einem Treppenhaus. Vor ihr an der Wand hingen magischer Briefkästen, die nach allem schnappten, das ihnen zu nahe kam, wenn es nicht der Postbote oder der Besitzer war. Sie musterte die Namensschilder und als sie fündig geworden war, stieg sie die Treppen hinauf und klopfte an die schmucklos Tür.

Während der Schlüssel im Schloss gedreht wurde, zückte sie ihren Zauberstab und kaum war ein kleiner Spalt offen, murmelte sie ein leises „Petrificus totalus!". Ihrem raschen Zugreifen war es zu verdanken, dass die allmählich in die Jahre kommende Frau mit dem bunt gemusterten Tuch auf dem Kopf und einem auffälligen Altersfleck neben dem rechten Auge nicht zu Boden fiel. Hermine hielt sie aufrecht und sah zumindest verlegen aus.

„Es tut mir leid, Mrs Scorfington, ich hasse es, das tun zu müssen. Aber mir läuft die Zeit davon, das Leben eines Mannes steht auf dem Spiel."

Mrs Scorfington starrte Hermine aus weit aufgerissenen Augen an, dann kniff sie sie ein kleines bisschen zusammen.

Hermine schluckte, wandte den Blick ab. Mit ihrem Zauberstab schnitt sie der Frau einige Haare ab und ließ sie in eine kleine Phiole fallen. „Hören Sie, ich möchte Ihnen wirklich nichts tun, aber Sie können mir helfen. Professor Snape steckt in wirklich großen Schwierigkeiten und ich hoffe sehr, dass er Ihnen ein guter Chef gewesen ist. Wenn Sie ihm helfen wollen, kommen Sie diesen Montag nicht zum Putzen. Es wird Ihnen nichts geschehen und das alles hier hat nichts mit Ihnen zu tun."

Der Ausdruck von absoluter Ehrlichkeit auf Hermines Gesicht traf Severus tief. Er hatte nicht erwartet, dass sie sich mit dieser Sache solche Mühe geben würde. Tatsächlich hätte er gedacht, dass sie versuchen würde, den Auftrag so schnell wie möglich loszuwerden – vor allem wenn er daran dachte, wie sie ihn in der ersten Zeit hier behandelt hatte.

„Versprechen Sie mir, dass Sie nicht schreien werden, wenn ich den Zauber aufhebe?" Mrs Scorfington blinzelte einmal. „Okay." Hermine tat es und trat einen Schritt zurück.

Sie sackte in sich zusammen und holte tief Luft. Einen Moment lang glaubte Severus, sie würde jetzt doch schreien, aber das tat sie nicht. Sie stemmte nur die Hände in die Hüften und sagte: „War das wirklich nötig? Ich bin vielleicht alt, aber ich weiß, wann ich den Mund zu halten habe. Gehen Sie nur, gehen Sie nur! Ich werde am Montag nicht zum Putzen kommen, solange Sie mich aus dieser Sache raushalten."

Hermine atmete auf. „Das werde ich. Und entschuldigen Sie mein Verhalten. Ich konnte kein Risiko eingehen."

„Schon gut, schon gut. Machen Sie, dass Sie wegkommen. Und viel Erfolg bei dem Trank." Sie zwinkerte Hermine noch einmal zu, dann schloss sie die Tür und Severus hörte, wie der Schlüssel sich zweimal im Schloss drehte.

Hermine straffte ihre Haltung, dann wandte sie sich mit einem kühlen Ausdruck auf dem Gesicht um und lief die Treppen wieder hinunter.

Severus hoffte, dass sie nicht danach erst angefangen hatte, den Vielsafttrank zu brauen. Obwohl das die Zeit erklären würde, die dieser Auftrag sie gekostet hatte. Aber nein, anscheinend hatte der Orden Vielsafttrank auf Vorrat. Er sah in einer Erinnerung, wie sie eine Phiole vom Regal nahm.

Dann sah er sich an, wie Hermine sein Haus durchsuchte. Möglicherweise würde er hier erfahren, was ihre Meinung über ihn so verändert hatte.

In der Gestalt von Mrs Scorfington betrat sie sein Haus und sah sich um. Sein Elternhaus aus der Sicht einer anderen Person – aus Hermines Sicht – zu sehen, war befremdlich. Die hohen, dunklen Wände voller Bücher, die zerschlissenen Möbel, der dunkle Kamin … Severus schämte sich dafür, das sein Zuhause zu nennen.

Hermine sah sich einige Zeit um und als sie schließlich die Treppe zum Keller hinter einem der Bücherregale fand, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Severus beobachtete, wie sie in dem alten Körper unbeholfen die Stufen hinabstieg. Doch ihre Hände waren nach wie vor so flink, wie er es von ihr kannte. Es dauerte nur wenige Minuten, ehe sie seine wenigen laufenden Experimente beendet hatte.

„Tut mir leid um die verlorene Arbeit, Professor", sagte sie leise.

Nachdem sie etwa zehn Minuten lang seine Aufzeichnungen durchgesehen hatte, riss Hermine sich endlich vom Labor los und kehrte ins Erdgeschoss zurück. Ihr Weg führte sie hinauf in den ersten Stock, wo sie nach kurzer Zeit sein Arbeitszimmer fand. Sie sah Papiere und Schubladen durch, rümpfte hier und dort die Nase und setzte sich schließlich sogar an seinen Schreibtisch. Die Schubladen waren verschlossen, allerdings nur mit einem dürftigen Zauber geschützt. Niemand außer Severus selbst hatte dieses Zimmer je betreten, deswegen hatte er es nicht für nötig gehalten, stärkere Banne darauf zu legen. Außerdem war dies nicht der Ort, an dem er für Unbeteiligte (sprich Lucius und die anderen Todesser) auffällige Notizen verwahrte.

Dementsprechend schnell hatte sie die Schubladen geöffnet und sah auch hier die Papiere durch. Bei seinem schwarzen Notizbuch stoppte sie, blätterte es flüchtig durch. Sie schnalzte mit der Zunge und steckte es ein.

Danach nahm sie ein weiteres Buch zur Hand. Es war das Buch, das er als eine Art Tagebuch benutzte. Es gab bereits mehrere davon, allesamt voll. Er schrieb dort Gedanken auf, die er nicht los wurde. Erinnerungen, zusammenhanglose Sätze, manchmal nur einzelne Wörter. Hermine schien rasch zu erkennen, was sie in Händen hielt. Mit einem lauten Schlag klappte sie es zu und steckte es ebenfalls ein.

Dann stand sie auf und verließ das Zimmer. Flüchtig sah sie noch in die anderen Räume, schien aber nichts zu finden, das ihr interessant erschien.

Als sie die Treppe wieder hinabsteigen wollte, hörte sie Geräusche aus dem Untergeschoss und erstarrte. Schielte über das Treppengeländer hinunter in den Flur. Niemand war zu sehen. Ihre Blicke huschten von einer Seite zur anderen, dann entdeckte sie den Wandschrank. Sie zog die Türen auf, erfasste den Inhalt und zog schließlich einen uralten Staubwedel hervor. Sie atmete noch einmal tief durch, dann stieg sie die Treppen hinunter und betrat das Wohnzimmer mit der Selbstverständlichkeit, die nur eine Haushaltshilfe besaß.

Sie erkannte die blonden Haare genauso schnell wie Severus. Draco. Er stand mit dem Rücken zu ihr vor einem der Bücherregale und studierte die Titel.

Hermine wollte ihn gerade auf sich aufmerksam machen, als er nach einem Buch griff. Auch dieses erkannte Severus sofort, obwohl er es schon seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt hatte. Aber er hatte es oft auf dem Regal zur Seite geschoben und nie so richtig verstanden, warum er es behalten hatte. Es war ein Gedichtband. Ein Lesezeichen lag zwischen den Seiten.

Hermine wusste nicht, was genau Draco dort in der Hand hielt. Doch Severus verstand plötzlich, wie er auf den Panther gekommen war, den er ihm in die Haut gebrannt hatte.

Nachdem Hermine erkannt hatte, dass sie nichts wichtiges mehr zu Gesicht bekommen würde, räusperte sie sich. „Was wollen Sie hier? Weiß Professor Snape, dass Sie hier sind?", fragte sie.

Draco wirbelte zu ihr herum. Sein Blick glitt abschätzend über Hermines verändertes Äußeres. Dann zog er die Augenbrauen zusammen und stellte das Buch zurück. „Das geht Sie nichts an", schnarrte er. „Besser, Sie erinnern sich später nicht daran, mich hier gesehen zu haben." Bei diesen Worten zog er seinen Zauberstab.

Hermine tat es ihm gleich und auch ohne das Zusammenleben in den letzten Wochen hätte Severus den Zauberstab als ihren erkannt. Er hatte ihn so oft in ihrer Hand gesehen. Ob Draco ihn auch erkannt hatte, konnte Severus aber nicht beurteilen. „Machen Sie, dass Sie rauskommen!", sagte Hermine scharf.

Draco zögerte. Rümpfte die Nase und ließ seinen Zauberstab sinken. „Ich wollte eh gerade gehen", sagte er, wandte sich um und verließ das Haus. Severus würde vermutlich nie erfahren, was er hier eigentlich gesucht hatte.

Hermine sah sich danach nicht mehr lange um, aber sie sah sich den Gedichtband an. Ihre Augenbrauen zuckten kurz, dann stellte sie ihn wieder weg. Der Vielsafttrank musste bald seine Wirkung verlieren. Sie legte den Staubwedel weg und kehrte zur Haustür zurück. Mit einem letzten unzufriedenen Blick in den Flur zog sie diese hinter sich zu.

Severus verharrte zwischen ihren Erinnerungen. Er hatte keinen Anhalt dafür gefunden, dass sie irgendetwas erfahren hatte, was ihre Meinung ihm gegenüber verändert haben könnte. Doch wenn es nicht hier geschehen war, wo dann? Und vor allem warum?