Kapitel 1.13 – Vicissitudo Virtus
Die nächste Erinnerung, die Severus sich ansah, war ein Gespräch zwischen Hermine und Albus. „Professor", grüßte sie den Schulleiter.
„Guten Abend, Hermine." Er legte ein Pergament beiseite.
„Ich habe mir gestern Professor Snapes Haus angesehen. Dafür, dass ich mehrere Tage verschwendet habe, um unbemerkt reinzukommen, hat es viel zu wenig gebracht."
„Wie haben Sie es gemacht?"
„Seine Haushälterin. Ich habe in der Kartei im Ministerium nachgesehen, wo sie wohnt und mir einige ihrer Haare besorgt. Ich mag die Frau."
Albus zog die Augenbrauen in die Stirn. „Sehr elegant", sagte er. „Und was haben Sie gefunden?"
Sie holte sein schwarzes Buch hervor, das mit den Zaubertranknotizen, und legte es vor Albus auf den Tisch. „Er hat an ein paar Zaubertränken gearbeitet. Hatte er einen entsprechenden Auftrag von Ihnen?"
Tatsächlich waren es nur Experimente gewesen. Spielereien, um ihn zu beschäftigen.
„Nein." Albus nahm das Buch und blätterte ein wenig darin herum. „Ich hoffe, Sie haben seine laufenden Experimente beendet", sagte er dann und sah Hermine über die Ränder seiner Brille hinweg an.
„Natürlich."
„Gut. Und gut, dass Sie es mitgebracht haben. Severus will es sicherlich gerne wiederhaben."
Hier biss Hermine sich auf die Unterlippe, ehe sie fragte: „Was passiert, wenn ich ihn finde und befreie? Die Todesser werden auch weiterhin hinter ihm her sein. Werden Sie ihn verstecken?"
Albus seufzte. „Es wird mir nichts anderes übrig bleiben."
Sie nickte.
„Haben Sie sonst noch etwas gefunden?"
Severus beobachtete Hermine sehr aufmerksam. Natürlich hatte sie noch etwas gefunden. Sein Tagebuch. Doch sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nichts, das uns irgendwie weiterhelfen könnte. Das Einzige, was noch interessant ist, passt überhaupt nicht in das Bild, das ich von der Sache bisher habe."
„Wovon sprechen Sie?"
„Draco Malfoy war im Haus, als ich aus dem oberen Stockwerk kam. Er sah sich die Bücherregale an und nahm nur ein einziges Buch heraus. Ich habe nachher nachgesehen, es war ein Gedichtband. Das passt nicht. Was wollte er da? Und warum ein Gedichtband?"
Albus senkte den Blick. Severus kannte das. Der alte Mann sortierte akribisch die Informationen, die er hatte. Er selektierte zwischen dem, was er ihr erzählen konnte und dem, was besser verschwiegen blieb. „Ich habe eine Vermutung. Ich werde Sie informieren, wenn sie sich bestätigen sollte." Sein Blick zeigte ganz deutlich, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr darüber sagen würde. „Wissen Sie schon, wie Sie jetzt weiter vorgehen werden?"
Sie seufzte. „Ich muss irgendwie an Malfoy Senior rankommen, wenn ich mehr erfahren will. Ich suche noch nach einem geeigneten Weg."
Albus nickte. „Gut. Seien Sie vorsichtig, Hermine. Mr Malfoy ist gefährlich."
Sie nickte. „Ich werde aufpassen. Möglicherweise wird der Vielsafttrank mir ein weiteres Mal helfen."
„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Hermine."
Hiernach fand Severus einige Erinnerungen, die er nur kurz anschnitt. Die meisten zeigten Hermine umringt von Büchern oder auf der Suche nach Informationen. Zu seinem Missfallen sah er sie auch einmal in einer schäbigen Bar in der Nokturngasse, die nicht zu Unrecht dafür bekannt war, ein Treffpunkt für Todesser zu sein. Auf den Vielsafttrank hatte sie dieses Mal verzichtet und so wurde sie erkannt. Erkannt als Person und als das, was sie war: ein Schlammblut. Severus hasste diese Blicke und er hasste es, dass Hermine sie schluckte, als würden sie nicht existieren. Es schien, als hätte sie sämtliche Würde in dem Moment abgelegt, in dem sie die Bar betreten hatte.
Kurz darauf suchte er weiter und hielt verwundert bei einer Erinnerung inne, bei der sie im Hauptquartier des Ordens an einem Tisch saß und frustriert die Bücher zu schlug. Nymphadora Tonks kam zu ihr und stellte ihr eine Tasse vor die Nase.
„Hier, Schokolade hilft immer", sagte sie.
Hermine lächelte warm, wenn auch immer noch sichtlich enttäuscht. „Danke dir."
Nach ein paar Momenten, in denen Tonks die Buchtitel überflogen hatte, fragte sie: „Wonach suchst du eigentlich? Hat das mit deinem geheimnisvollen Auftrag zu tun?"
Hermine zog ihre Augenbrauen zusammen. „Woher weißt du von meinem Auftrag?"
„Ron. Und selbst wenn er es nicht erzählt hätte, du vergräbst dich sonst immer in medizinischen Büchern und die Erforschung von Gestaltwandlungen hat wohl kaum was mit deiner Ausbildung zu tun." Hermine lief rosa an. „Warum kommst du eigentlich nicht zu mir?", forschte Tonks dann weiter und ließ sich ein paar Hasenohren wachsen, nur um deutlich zu machen, was sie meinte.
„Es bringt mir nicht viel, dass du dein Aussehen verändern kannst. Ich kann mich leider nicht zum Metamorphmagus ausbilden lassen."
„Zum Glück!", sagte Nymphadora und schürzt die Lippen, „Du wärst bestimmt bald besser als ich."
„Niemals!", entgegnete Hermine, lächelte aber verschmitzt.
„Natürlich nicht. Aber das meine ich gar nicht. Ich hab mich viel mit Gestaltwandlung beschäftigt. Da es mir in die Wiege gelegt wurde, interessiert mich das Thema. Was suchst du?"
Hermine sah überrascht aus, fasste sich aber schnell. „Ich suche nach einer Möglichkeit, eine komplett andere Identität zu nutzen. So wie beim Vielsafttrank, aber die Wirkung ist zu kurz und außerdem wäre es zu riskant, wenn … das Original von den falschen Leuten gesehen werden würde. Ich brauche irgendwas Besseres, was Zuverlässigeres." Sie wischte sich über die Stirn, stellte die Tasse auf den Tisch.
Tonks sah sie intensiv an, atmete einmal tief durch und griff wie gegen besseres Wissen nach den Büchern. Einen Einband nach dem anderen nahm sie unter die Lupe, legte allerdings jedes Buch mit einem Kopfschütteln zur Seite. Dann stand sie auf, ging zum Bücherregal und fuhr mit ihren Fingern die Buchrücken entlang.
Hermine beobachtete ihr Tun und setzte sich gerade auf, als sie einen zufriedenen Laut von sich gab und eines der alten Werke aus dem Regal zog. Sie blätterte wild durch die Seiten (leckte sich zu Severus' Missfallen dabei andauernd den Finger an) und kehrte zum Tisch zurück, hielt Hermine das Buch hin. „Ich weiß nicht, wie wichtig dein Auftrag ist. Ob es das wert ist. Aber das hier könnte dir geben, was du suchst."
Hermine überflog den Text und Severus sah, wie ihre Augen dabei immer größer wurden. Er konnte die Überschrift der Seite erkennen: Vicissitudo Virtus.
Nein! Das würde sie nicht tun! Nicht seinetwegen!
Oder?
Severus beobachtete angespannt, wie Hermines Augen über die Zeilen glitten. Der Trank erschuf eine zweite Persönlichkeit im gleichen Körper, die nach Belieben eingenommen werden konnte und ein anderes Aussehen und andere Charaktereingenschaften besaß. Das Wissen teilten beide Persönlichkeiten, die Charaktereigenschaften der neuen Persönlichkeit konnten gezielt bestimmt werden.
Es dauerte normalerweise einige Wochen, ehe man eine solche Persönlichkeit im Griff hatte. Und Severus hatte bisher von keinem Fall gelesen, in dem jemand diese neue Persönlichkeit wieder losgeworden wäre. Das einzige, was er gelesen hatte, waren Berichte über große Schwierigkeiten der Persönlichkeiten miteinander, die irgendwann im Tod endeten.
„Tonks, das ist ja perfekt!", rief Hermine in diesem Moment begeistert.
Severus krümmte sich innerlich.
Und auch Nymphadora sah etwas gequält aus. „Du solltest dir Zeit nehmen, die gesamte Abhandlung zu lesen. Überleg dir genau, ob du das wirklich tun willst. Ob es das wirklich wert ist, Hermine!" Tonks zog einen Fuß auf die Sitzfläche.
Severus war überrascht von ihrer Warnung. Er hatte sie immer als sehr impulsiv und kurzsichtig wahrgenommen. Vielleicht hatte er sich in ihr getäuscht.
„Ich glaube nicht, dass ich da noch viel überlegen muss. Es ist einfach perfekt!"
Nymphadora sah sie eindringlich an. „Bist du dir sicher? Du wirst diese zweite Persönlichkeit nie wieder los."
Hermine rümpfte die Nase, schien allerdings wirklich nachzudenken. „Ich denke, das ist es wert."
Nein, war es nicht! Er war es ganz bestimmt nicht wert, diesen Schritt zu gehen! Severus wäre gern zu Hermine gegangen und hätte sie geschüttelt, um sie davon abzuhalten, den Vicissitudo Virtus anzuwenden. Aber das war Vergangenheit. Es war zu spät.
Auch Nymphadora sah nicht so richtig glücklich aus. „Okay."
Hermine schnappte sich das Buch und stand auf. „Danke für deine Hilfe!"
„Hm", machte Nymphadora einsilbig. Vielleicht bereute sie es schon, Hermine auf diesen Trank aufmerksam gemacht zu haben. Ein bisschen impulsiv und kurzsichtig war sie offensichtlich doch.
Severus verfolgte diese Erinnerung noch etwas weiter. Er wollte wissen, ob Hermine die Abhandlung in dem Buch überhaupt gelesen, oder sich gleich ans Brauen des Trankes gemacht hatte.
Er sah, wie sie sich im Labor Licht machte und einen Stuhl an den Arbeitstisch in der Mitte zog. Dann beschwor sie eine Kanne Tee herauf und begann tatsächlich zu lesen.
Severus ging weiter zur nächsten Erinnerung. Er sah Hermine den Trank trinken und beobachtete die Verwandlung genau. Nicht, weil es nötig gewesen wäre, sondern weil es ihn trotz seiner Abneigung gegen ihre Entscheidung interessierte. Er hatte diese Verwandlung noch niemals gesehen. Außerdem: Was für eine Persönlichkeit würde eine Hermine Grang… Weasley sich erschaffen, wenn sie sich hinter die feindlichen Linien begeben wollte?
Er sah, wie sie sich am Tisch im Labor festhielt und sich anscheinend unter Schmerzen zusammenkrümmte. Ihre rechte Hand tastete nach ihrem Zauberstab und sie deutete auf die Tür, ehe sie ein schwaches „Imperturbatio!" murmelte. Der Stab fiel klappernd zu Boden und Hermine schrie laut auf. Sie ging in die Knie und griff sich an den Kopf, ihr Körper zitterte und begann sich zu verändern.
Nach einigen qualvollen, langen, nervenzehrenden Minuten war die Verwandlung abgeschlossen und Severus beobachtete, wie Hermine sich langsam aufrichtete – nur dass sie nicht mehr wie Hermine aussah. Ihre Haare waren beinahe schwarz und glatt. Ihre Haut war dunkler geworden und sie einige Zentimeter größer.
Schließlich stand sie aufrecht und rückte sich ihre Kleidung zurecht. Der Rock war nun ein gewagtes Stück kürzer, das Oberteil entblößte am Bund einen Streifen gebräunter Haut. Sie drehte sich zu einem Spiegel, der zweifellos nur für diesen Zweck dort stand. Sie schnaubte leise, als sie sich betrachtete.
„Fein. Ich brauche dich … kühl", begann sie dann, ihre Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Noch klang ihre Stimme wie immer, noch war diese Persönlichkeit nur ein äußeres Bild. „Skrupellos. Verführerisch. Eine Frau, die ihre naturgegebenen Waffen einzusetzen weiß. Reine Abstammung, selbstsicheres Auftreten. Kampferprobt und furchtlos."
Severus gefiel nicht, welche Eigenschaften Hermine ihrer zweiten Persönlichkeit mitgab. Die Mischung war gefährlich, doch für den Einsatz im Kreis der Todesser zweifellos sinnvoll. Er hasste es, dass sie das getan hatte, um ihn zu finden. Aber es erklärte ihre sonderbare Stimmung in den letzten Wochen. Wenn so eine Persönlichkeit in ihr steckte, ergab plötzlich alles einen Sinn.
„Adia Whitmore", beendete Hermine in diesem Moment die Prägung ihrer neuen Persönlichkeit, indem sie ihr einen Namen gab. Ein schwaches Glühen ging von ihrem Körper aus und sie stöhnte schwach.
„Das bin ich", sagte die von nun an zeitweise eigenständige Frau mit tiefer Stimme und lächelte so durchtrieben, dass es Severus gruselte.
Diese Erinnerung ging beinahe nahtlos in eine weitere über, in der Adia das Labor verließ und geschmeidig die Treppen hinauf stieg. Severus konnte nur vermuten, wohin sie ging, doch wenn er raten sollte, würde er sagen, dass sie es auf das Zimmer abgesehen hatte, das Hermine sich mit Ronald Weasley teilte.
Die fremde Frau klopfte flüchtig und betrat dann das Zimmer, ohne auf eine Antwort zu warten. Weasley drehte sich mit fragendem Blick zu ihr um und runzelte die Stirn. „Wer sind Sie?"
Hatte Severus wirklich erwartet, dass er Hermines Kleidung erkennen würde?
Adia ging leichtfüßig auf ihn zu, so dicht, wie man es bei einem ersten Treffen für gewöhnlich nicht tat. Weasley wich mit großen Augen zurück, stieß allerdings bald gegen den Rand des Schreibtisches, an dem er gearbeitet hatte. Sie legte ihm eine Hand an die Wange und näherte sich seinem Gesicht, öffnete ihren Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Sie schien gerade etwas sagen zu wollen, als Weasley der Ring an ihrem Finger auffiel. Abrupt rückte er noch ein Stück zurück und griff nach der Hand der Frau. „Hermine?"
Adia grinste und keine zwei Sekunden später stand seine Frau wieder vor ihm und schien sehr zufrieden. „Hallo, Ron."
Er sah sie sprachlos an. „Was war das?", brachte er irgendwann hervor, seine Stimme klang höher als sonst.
Hermine biss sich auf die Unterlippe. „Tarnung. Ich brauche sie für meinen Auftrag."
Weasley verzog das Gesicht. „Ich hoffe, du planst nicht, ständig so rumzulaufen."
Hermine ging auf ihn zu, nicht ganz so leichtfüßig wie Adia, aber nichtsdestotrotz verführerisch. „Gefällt dir nicht, wie sie aussieht?" Sie setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß und legte die Hand in ähnlicher Geste wie ihr zweites Ich an seine Wange.
„Nicht im Geringsten", murmelte er, schnappte dann allerdings nach den Lippen seiner Frau und Severus sprang zur nächsten Erinnerung.
Diese bestand aus einem kurzen Fetzen eines Gesprächs mit Albus. Severus übersprang den Anfang und Hermines Versuche, den Direktor von ihrem Handeln abzulenken, und konzentrierte sich gleich auf den interessanten Teil: „Was haben Sie getan, Hermine?"
„Vicissitudo Virtus", antwortete Hermine widerwillig und hielt Albus' Blick dabei entschlossen stand.
„Zeigen Sie es mir."
„Wozu?"
Seine Augen wurden unmerklich schmaler. „Damit wir nicht die Falsche angreifen, falls es zur Konfrontation kommt."
Diese Begründung schien Hermine einzuleuchten und so stand sie auf. Niemand, der sie nicht genau kannte, hätte in diesem Moment erkannt, dass sie ein gewisses Maß an Nervosität zu verstecken versuchte. Dass es Severus auffiel, verwirrte ihn.
Hermine verwandelte sich in Adia. Albus betrachtete die Frau so unverhohlen, wie es Männer sonst nur in gewissen Etablissements zu tun pflegten. Schließlich nickte er. „Wie ist Ihr Name?"
Adia hob eine Augenbraue und lächelte. „Adia Whitmore." Ihre Stimme war ein für eine Frau erstaunlich tiefer Bass.
„Nun, Miss Whitmore", sagte Albus unbeeindruckt, „Willkommen im Team. Vergessen Sie nie, auf wessen Seite Sie stehen."
Die dunkelhaarige Frau neigte den Kopf. „Ich werde es beherzigen, Sir."
Albus Dumbledore nickte nachdenklich, anscheinend ebenso wenig begeistert von der Persönlichkeit, die Hermine sich erschaffen hatte, wie Severus. Adia verwandelte sich wieder in Hermine. Eine Hermine, die zweifellos neugierig war, was der Direktor von dieser Tarnung hielt.
„Wie kommen Sie mit Miss Whitmore zurecht, Hermine?"
Sie setzte sich wieder. „Gut. Ich habe beinahe vollkommene Kontrolle über sie, entscheide, was sie tut und sehe, was sie sieht. Ich gebe die Kontrolle hier und da bewusst auf, bin aber nach wie vor Zeuge dessen, was geschieht."
„Das ist eine erstaunliche Leistung nach so kurzer Zeit. Wann nahmen Sie den Trank?"
„Vorgestern."
„Erstaunlich … wirklich erstaunlich." Albus legte die Fingerspitzen aneinander. „Hermine, ich würde Sie und Miss Whitmore gerne noch ein paar Tage beobachten, ehe ich Sie nach draußen lasse. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber die Erfahrungen, die ich mit Vicissitudo Virtus gemacht habe, sind nicht die besten."
„Natürlich."
Albus lächelte, aber es erreichte nicht seine Augen. „Möglicherweise sollten Sie sich einmal mit Nymphadora zusammensetzen. Sie wird sich freuen, näheres zu erfahren."
Das Gespräch mit Nymphadora übersprang Severus. Er warf nur einen kurzen Blick darauf und es sah sehr nach Frauengespräch aus. Das hier war nicht der richtige Zeitpunkt für derartigen Nonsens. Es war fraglich, wie lange Hermine ihn noch in ihrem Verstand dulden würde. Er musste seine Zeit sinnvoll nutzen.
Deswegen sprang er weiter zu einer Erinnerung, die aussah wie die erste Begegnung mit den Todessern. Sie fand im ‚La Poule Noire' statt, einem der bekanntesten Treffpunkte für Todesser. Der Besitzer war Franzose, der bei seiner Einwanderung weder um den Ruf der Nokturngasse, noch um die Bedeutung der Todesser gewusst hatte. Als er es erfahren hatte, war alles zu spät gewesen. Severus hielt es für gewagt, ausgerechnet dort die ersten Kontakte aufzunehmen, doch es war ja nicht so, als ob er noch etwas daran ändern konnte.
Adia betrat den qualmigen und lauten Vorraum und nicht wenige Köpfe wandten sich ihr zu. Severus konnte es den Herren nicht einmal verdenken. Er selbst hätte ihr hinterher gesehen, wenn er dort gesessen hätte. Vermutlich selbst wenn er gewusst hätte, dass Hermine in diesem Körper steckte.
Sie verlangsamte ihre Schritte, drückte einem der Kellner ihren Umhang in die Hand und ging zielstrebig an die Bar. Unwillkürlich fragte Severus sich, wie viel Kontrolle Hermine in diesem Moment über den Körper gehabt hatte. War sie auch dazu in der Lage, sich so zu bewegen?
Adia setzte sich und streckte ihren Oberkörper soweit über den Tresen, dass der Anblick ihres Pos einige Pfiffe provozierte. Mit einem Blick über ihre Schulter brachte sie die Männer zum Schweigen.
„Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?"
Severus kannte den Mann nicht, der sich zu ihr gesellt hatte. Adia musterte ihn abschätzend und zog eine Augenbraue in die Höhe. „Ich denke nicht", erwiderte sie dann und lautes Lachen brandete hinter den beiden auf.
Severus war sich sicher, dass Hermine hier den Großteil der Kontrolle eingebüßt hatte. Ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen blieb dahingestellt. Doch so gut er sie als seine ehemalige Schülerin und auch als Ehefrau von heute kannte, eine solche Seite gab es an ihr nicht. Niemals hätte sie sich so eine Gelegenheit entgehen lassen.
Aber Adia wurde prompt belohnt, denn von der anderen Seite näherte sich Lucius Malfoy persönlich. Severus hatte nicht gewusst, dass er sich dazu herabließ, diesen Pub zu besuchen. Er hätte gedacht, dass Lucius sich zu fein wäre, um hier aufzutauchen. Anscheinend hatte sich einiges geändert.
„Sind Sie hier, weil Sie unserer Organisation beitreten wollen, oder haben Sie sich nur in der Tür geirrt?" Lucius hatte sie nicht angesehen, während er diese Worte sagte, sondern dem Barkeeper mit einem Fingerzeig deutlich gemacht, was er von ihm verlangte. Nämlich zwei Feuerwhiskey, einen doppelten für die Lady.
„Nebenan gibt es keine Tür." Adia lächelte mit leicht gesenktem Kopf, sah ihn von unten herauf an. Lange Sekunden hielt sie Lucius' Blick stand.
„Ich mag aufmerksame Frauen", sagte er schließlich, lächelte. Als er nach seinem Glas griff, blitzte der Siegelring an seinem Finger.
Adia musterte den Ring auffällig, ehe sie nach ihrem eigenen Glas griff, ihm zuprostete und sich mit der Zunge über die Unterlippe fuhr, bevor sie an dem Getränk nippte. Sie nickte anerkennend. „Guter Jahrgang. Nicht der Beste, aber durchaus gut."
Severus fragte sich, ob dieses Wissen von Adia oder von Hermine kam. Und dann erinnerte er sich, dass sie bereits einige Jahre als Erwachsene mit Minerva McGonagall zusammen gearbeitet hatte und dabei sicherlich das eine oder andere Mal in den Genuss ihres vorzüglichen Feuerwhiskeys gekommen war. Minerva pflegte immer eine Runde auszugeben, wenn etwas ganz Tolles oder etwas ganz Schreckliches passiert war, bevorzugt wenn Gryffindor den Hauspokal gewonnen hatte.
„Aufmerksam und geschmackvoll. Gibt es noch mehr, das in Ihnen steckt, Miss …" Lucius runzelte die Stirn und sah sie fragend an.
„Whitmore. Adia Whitmore", gab sie bereitwillig Auskunft.
„Adia …" Der Name rollte über die Zunge des blonden Mannes. „Sind Sie schon länger hier in Großbritannien?"
„Nein", entgegnete Adia langsam. „Ich bin in den Vereinigten Staaten geboren und aufgewachsen."
Lucius zog die Augenbrauen hoch. „Das hört man Ihnen gar nicht an."
„Ich kann mich gut anpassen." Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe.
Lucius lächelte. „Anscheinend gibt es noch mehr, das in Ihnen steckt, Adia."
„Anscheinend", wiederholte sie, schmunzelte. „Vielleicht sollten Sie das selbst herausfinden." Und sie überraschte ihn ein weiteres Mal, indem sie das Glas an die Lippen setzte und es in einem Zug leerte, ohne eine Miene zu verziehen.
Wieder ging ein Raunen durch die anderen Männer im Pub.
Und für Severus ergab ein weiteres ungewohntes Verhalten an Hermine plötzlich einen Sinn.
Lucius blitzte seine Anhänger über die Schulter der dunkelhaarigen Frau hinweg an. „Das würde ich wirklich gerne tun", besann er sich dann. „Wenn Sie mir sagen, wo ich Sie finde?"
Adia sah ihn mit der richtigen Mischung aus Interesse und Zögern an, ehe sie sich aufrichtete und die Füße mit dem Klacken ihrer Schuhe wieder auf den Steinboden setzte. Schlagartig verstummten alle Gespräche, selbst der Barkeeper hörte auf, die Gläser zu polieren. „Ich denke, ich finde Sie, Lucius", sagte Adia mit tiefer Stimme. „Danke für die Einladung."
Ohne auch nur einen Blick zu ihm zurückzuwerfen, ging sie den schmalen Gang zwischen den Tischen entlang, nahm ihren Umhang von der Garderobe, an die der Kellner ihn gehängt hatte, und verließ das ‚La Poule Noire'.
Auf der Straße drehte Adia sich noch einmal zu dem Pub um, grinste und verwandelte sich dann in Hermine zurück. Die Wangen der ihm bekannteren Hexe waren vor Aufregung gerötet und sie kaute auf ihrer Unterlippe.
Doch das war es nicht, was ihm als erstes auffiel, während sie so auf der Straße stand. Es war vielmehr der aufreizend kurze Rock, der sich eng um ihre Oberschenkel legte, und die weiße, gerade so eben noch geschlossen zu nennende Bluse, die sie dazu trug. Die Kleidung war ihm an Adia nicht besonders aufgefallen. Sie war bloß ein weiteres, passendes Detail gewesen. Aber an Hermine …
Sie warf sich den Umhang um die Schultern und disapparierte.
Severus ging weiter zur nächsten Erinnerung.
