Kapitel 1.14 – Der Überraschungseffekt
Die nächste Erinnerung, die an Severus vorbeizog, war für seine Zwecke eigentlich vollkommen unwichtig. Und dennoch sah er sie sich an.
Hermine befand sich im Hauptquartier des Ordens und lernte – soweit er dies beurteilen konnte – für ihre Abschlussprüfung zur Heilerin. Die Prüfung musste zumindest irgendwann in diese Zeit gefallen sein. Es war vollkommen ruhig, möglicherweise nachts. Sie schien sich wohl zu fühlen.
Dann wurde die Haustür brutal aufgetreten und Hermine stand keine Sekunde später mit ihrem Zauberstab in der Hand im Flur, um wen auch immer gebührend zu empfangen. Zu ihrer Erleichterung war es die Truppe der Ordensmitglieder, die diese Nacht für die Patrouille zuständig gewesen war.
Severus kannte diese Patrouillen und hasste sie leidenschaftlich. Es passierte entweder nichts oder das Schlimmste und hier schien der zweite Fall eingetreten zu sein. Kingsley Shacklebolt und Alastor Moody stützten eine nahezu bewusstlose Nymphadora Tonks. Hermine wurde blass.
„Es waren sieben!", grollte Alastor, als wäre nicht er ins Haus, sondern Hermine in eine erhitzte Diskussion geplatzt.
Hermine hörte ihm nicht zu, sie war mit ihrer Aufmerksamkeit komplett bei Tonks. Sie hatte eine große, fleischige Wunde am Bauch, die stark blutete.
„Haben uns aus dem Hinterhalt angegriffen!"
„Alastor … lass gut sein", bat Nymphadora leise und versuchte auf eigenen Beinen zu stehen. Hermine musste rasch zugreifen, damit sie nicht zusammenbrach.
Kingsley hob sie auf seine Arme und brachte sie in die Küche, während Ginevra Weasley auf der Treppe erschien. Sie trug einen geblümten Schlafanzug und rieb sich die Augen.
„Ginny!", rief Hermine, als sie sie entdeckte, „Komm mit, ich brauche dich."
Sie eilte hinter den anderen her in die Küche. Mit der Lampe direkt über dem großen Tisch war sie perfekt für die Wundversorgung. Hermine schwang ihren Zauberstab und ein deutlich hörbares Prickeln lief durch den Raum.
„Was war das?", fragte Mad-Eye sofort alarmiert.
Hermine verdrehte die Augen, während Ginevra grinste. „Desinfektion." Nachdem Alastor sich mit einem kurzen Nicken verabschiedet hatte (Severus wusste von früher, dass er vor der Wundversorgung immer flüchtete – selbst vor seiner eigenen, was zweifellos sein Aussehen erklärte), schob Hermine ihre Ärmel hoch und trat an den Tisch. „Hol mal die Tasche aus der Bibliothek, Ginny", murmelte sie, während sie das Shirt vorsichtig nach oben zog. „Weißt du, was dich getroffen hat?", fragte sie Nymphadora.
Ginevra eilte derweil aus der Küche und Severus glaubte zu hören, wie sie vor der Tür einige andere Ordensmitglieder davon abhielt, den Raum zu betreten.
„Nein, es war zu viel los", murmelte Nymphadora und zog die Beine an, soweit es ging, ohne Hermines Arbeit zu behindern.
„Okay", erwiderte diese ohne einen Ausdruck von Sorge oder Angst in der Stimme. Sie schien sich sicher zu fühlen in dieser Hektik.
In diesem Moment kam Ginevra in die Küche zurück und stellte eine altmodische Arzttasche auf einen Stuhl. Hermine ließ von Nymphadoras Wunde ab und öffnete die Tasche. Nach kurzem Suchen zog sie eine Phiole mit bläulichem Inhalt heraus. „Trink das!"
Sie tat es, verzog allerdings angewidert das Gesicht. „Was ist das?"
„Antibiotikum", erklärte Hermine und rümpfte die Nase, als sie das Blut um die Wunde entfernte und das Innere reinigte. „Das wird eine Narbe geben", nuschelte sie beiläufig und zückte ihren Zauberstab.
Severus beobachtete fasziniert, wie sie eine magisch versiegelte Verpackung aus der Tasche zog, sie öffnete und mit dem Zauberstab einen dünnen Faden in die Luft schweben ließ. Dann begann sie, die beiden weit auseinander klaffenden Wundränder miteinander zu vernähen. Ihre Hände berührten die Wunde nicht, es war der Zauberstab, der in etwa drei Zentimeter Abstand einen Faden durch die Haut dirigierte. Offenbar schmerzfrei, denn Nymphadora gab keinen Ton von sich.
Diese Art des Nähens hatte Severus bei sich noch nie durchführen lassen. Oder vielleicht doch; vielleicht hatte Hermine so seine frischeren Wunden versorgt. Aber er hatte es noch nicht bewusst gesehen. Diese Methode wurde jedenfalls noch nicht lange gelehrt und Poppy vertraute nach wie vor gerne auf das Althergebrachte. Doch es sah sehr elegant aus, wie Hermine vorging. Nachdem die letzte Schlaufe getan und der Faden verknotet war, ging ein schwaches Glühen von der Wunde aus. Danach war bereits nur noch ein roter Streifen auf der ansonsten makellosen Haut der jungen Frau zu sehen.
„Das war's", sagte Hermine.
Nymphadora setzte sich auf und betrachtete ihren Bauch. „Cool!", sagte sie dann und grinste, wobei sich ihre zuvor grauen Haare wieder schwach pink verfärbten.
Hermine verdrehte die Augen. „Du hattest Glück!"
„Ja, dass du und nicht Poppy hier war. Bei ihr sähe es nicht halb so cool aus." Nymphadora zwinkerte.
„Poppy ist eine herausragende Medimagierin und sie hat dir schon oft den Hals gerettet", erwiderte Hermine mahnend.
„Ja, natürlich. Du weißt doch, was ich meine."
Ginevra und Kingsley warfen sich einen Blick zu, als Hermine meinte: „Nein, eigentlich nicht. Was genau willst du mir sagen, Nymphadora?"
Nymphadora sah Hermine erschöpft an. „Danke, mehr nicht", erklärte sie.
Daraufhin wurden Hermines Gesichtszüge weich und sie nickte. „Gerne."
Die Erinnerung versank und die nächste baute sich auf.
Er sah Hermine im Bad und normalerweise hätte er diese Erinnerung gar nicht genauer betrachtet. Doch sie war vollständig bekleidet und auf dem Waschbecken vor ihr stand ein Becherglas mit einem gelblich schimmernden Inhalt. Ein Schwangerschaftstest.
Severus wollte es nicht wissen und gleichzeitig konnte er nicht wegsehen.
Auch die magische Variante dauerte einige Minuten, ehe sich das Ergebnis zeigte. Doch hier wusste man auf den ersten Blick, ob der Test positiv oder negativ ausgefallen war.
Als aus dem Becherglas Funken stoben, die sich glitzernd in einer Wolke darüber verteilten, schweiften Severus' Blicke automatisch zu Hermines Gesicht. Wie gewollt war diese Schwangerschaft gewesen?
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust, schloss die Augen und runzelte die Stirn.
Severus wusste, was sie gerade tat. Wusste es, weil ihr Kopf wie seiner funktionierte und in einer Situation wie dieser hätte er genau das getan: Er wäre gedanklich die Herstellung des Trankes durchgegangen, nur um sicher zu gehen, dass er dem Ergebnis trauen konnte.
Schließlich seufzte sie. Es war ein Seufzen, in dem der Krieg, ihr Alter, ihr Auftrag und ihre generelle Lebensplanung gegen das Leben in ihrem Uterus standen.
Severus verließ die Erinnerung und verweilte für einen Moment zwischen dieser und der nächsten, ohne sich etwas anzusehen. Er rekapitulierte die letzten Wochen. Hermine konnte nicht mehr schwanger sein. Sie trank so viel Alkohol, das würde sie niemals tun, wenn sie schwanger wäre. Das würde sie auch Adia nicht tun lassen, egal wie viel Einfluss diese inzwischen auf sie haben mochte.
Aber was war aus dem Kind geworden? Hatten der Krieg, ihr Alter, ihr Auftrag und ihre generelle Lebensplanung gewonnen? Hatte sie die Schwangerschaft beendet? Oder hatte sie das Kind verloren? Und wann war etwas davon geschehen?
Severus riss sich aus seinen Gedanken. Es kostete ihn Überwindung, sich die nächsten Erinnerungen anzusehen. Und trotzdem tat er es. Nach allem, was passiert war, war er immer noch ein verdammter Slytherin.
Hermine saß alleine in der Küche am Tisch, den Kopf in die freie Hand gestützt. Sie schien tief in Gedanken versunken zu sein, als Albus die Küche betrat. Sie blickte kurz auf, wirkte, als hätte man sie aus einem Tagtraum gerissen, und beobachtete, wie er sich setzte.
„Nymphadora hat mir erzählt, was gestern vorgefallen ist", sagte er.
Hermine rümpfte die Nase. „Warum spricht sie mich nicht an, wenn sie ein Problem mit mir hat?"
„Sie macht sich Sorgen."
„Ach und damit geht sie zu Ihnen?"
Albus antwortete nicht. Er sah sie nur an. Lange. Severus kannte und hasste es, wenn er das tat.
Es dauerte etwa eine halbe Minute, bis Hermine den Blick abwandte und sich über die Stirn rieb. „Tut mir leid", murmelte sie.
„Es ist eine Nebenwirkung des Vicissitudo Virtus, Hermine", erklärte Albus, als hätte es die stumme Auseinandersetzung eben gar nicht gegeben, „und Nymphadora kam damit zu mir, weil sie weiß, dass ich darüber informiert bin."
Ja, dachte Severus in einem Anflug von Sarkasmus, Vicissitudo Virtus oder eine Schwangerschaft.
„Was ist eine Nebenwirkung? Dass man permanent kurz vor dem Ausrasten ist?"
Nun war es Albus, der nickte. „Ich fürchte ja."
Hermine schnaubte leise. „Das muss aufhören."
Der alte Mann runzelte die Stirn. „Was haben Sie vor, Hermine?"
Sie sah entschlossen zu ihm auf. „Ein ernstes Wörtchen mit Adia wechseln, das habe ich vor. Ich kann es nicht zulassen, dass ich noch mehr Freunde verliere."
„Ich denke, es ist zu früh, um vom Verlieren zu reden. Sie sorgen sich um Sie, genauso wie ich übrigens. Es ist riskant, was Sie getan haben, Hermine. Ich wünschte, es wäre mehr Zeit, damit Sie sich daran gewöhnen können."
„Aber wir haben keine Zeit", sagte sie, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nein", gab Albus zu. „Aber etwas Zeit sollten Sie sich nehmen. Warum kommen Sie nicht herein, Mr Weasley?"
Genauso wie Hermine sah auch Severus überrascht zur Küchentür hinüber, die nun ein Stück aufschwang und den Blick auf Ronald Weasley frei gab. Seine Ohren waren rot, als er hereinkam. Er trug nur seine Schlafanzughose und kreuzte die Arme vor der nackten Brust. „N'Abend", murmelte er leise.
Hermine lächelte und stand auf. „Gute Nacht, Albus", sagte sie, woraufhin der alte Mann den Kopf neigte. Dann ging sie zu ihrem Mann hinüber, küsste ihn leicht auf den Mund und fasste ihn bei der Hand. „Lass uns ins Bett gehen", bat sie ihn.
„Nein, ähm … Auftrag." Er zuckte entschuldigend mit den Schultern.
Hermines Gesichtszüge verhärteten sich. „Oh."
Hier verließ Severus die Erinnerung. Warum hatte Hermine Albus nicht von der Schwangerschaft erzählt? Warum wollte sie weitermachen, obwohl ihre oberste Priorität jetzt bei ihrem Kind liegen sollte? Oder plante sie tatsächlich nicht, dieses Kind überhaupt zu bekommen?
Er schob den Gedanken beiseite und sah sich weiter um. Bei einer Erinnerung, die kurz danach stattgefunden haben musste, hielt er inne.
Hermine stand mit verschränkten Armen am Fußende des Ehebettes und beobachtete, wie Ron durch das Zimmer lief und Sachen hinter sich aufs Bett warf. Eine Socke nur halb über den Fuß gezogen und die Ärmel des Pullovers auf den Rücken, beziehungsweise die Brust verdreht, hüpfte er zwischen den Möbeln herum.
„Ron, kannst du bitte für einen Moment stehen bleiben?", bat sie gereizt und biss die Zähne aufeinander.
„Tut mir leid, Schatz. Wir haben einen Tipp bekommen", sagte er und sah nicht, wie seine Frau tief Luft holte und sichtlich um Beherrschung rang.
„Ich muss mit dir reden, Ron!"
„Hat das nicht bis später Zeit?" Er warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Nein, hat es nicht", seufzte Hermine in diesem Moment so leise, dass Weasley es nicht hörte. Nach weiteren kopflosen Sprüngen auf einem Bein setzte er sich endlich auf das Bett, zog sich erst die Socke und dann die Schuhe an, schlüpfte in die Ärmel seines Pullovers und zog sich eine Mütze auf die roten Haare.
Dann stand er auf und nachdem er sich den Umhang um die Schultern geworfen hatte, ging er zu Hermine und nahm ihr Gesicht in seine Hände. „Es tut mir leid, ich hab jetzt keine Zeit mehr."
„Ronald Weasley! Beweg deinen Hintern hier runter!", erklang passenderweise Kingsleys Stimme von unten und weckte damit sicherlich auch den letzten Hauselfen.
Er wandte sich zur Tür und rief: „Ich komm ja schon!" Dann drehte er sich wieder Hermine zu. „Wir reden später, ja?" Er küsste sie auf die Stirn und verschwand mit großen Schritten, noch ehe sie die Augen überhaupt wieder geöffnet hatte.
„Ja, sicher", hörte Severus sie leise sagen, ehe sie sich auf das Bett setzte und in die plötzlich eintretende Stille des Zimmers starrte.
Nach ein paar Sekunden allerdings schüttelte sie den Kopf und stand auf. „Wenn ihr einen Tipp bekommen habt und in der Weltgeschichte herumreist …", sagte sie leise und suchte ihren Zauberstab, wobei sie die Kleidung vom Vorabend durch das Zimmer warf, ähnlich wie ihr Mann es kurz zuvor getan hatte. „… dann kann ich auch an meinem Auftrag arbeiten." Endlich fand sie, was sie gesucht hatte, und keine zwei Sekunden später war es nicht mehr Hermine, sondern Adia, die im Zimmer stand.
Severus beobachtete, wie sie sich umzog. Als sie zufrieden war, überließ sie Hermine noch einmal das Feld, um das Haus zu verlassen. Nachdem sie draußen um ein paar Ecken gebogen war, tauchte sie allerdings ziemlich selbstsicher aus einem Schatten wieder auf und disapparierte, ohne dafür stehen zu bleiben.
Severus fragte sich, wann genau Hermine entschieden hatte, den Auftrag nicht aufzugeben. Möglicherweise hatte sie Albus nichts gesagt, weil Weasley das Recht hatte, es als erster zu erfahren. Aber es hatte nicht so ausgesehen, als ob sie geplant hätte, in dieser Nacht weiter nach ihm zu suchen. Im Gegenteil, es hatte sehr spontan ausgesehen und er wurde den Gedanken nicht los, dass Adia bei dieser Entscheidung ihre Finger im Spiel gehabt hatte.
Er sah eben diese in der Nokturngasse apparieren und das ‚La Poule Noire' betreten. Severus konnte es nicht verhindern, er beobachtete sie aufmerksam. Adia hatte eine Art, sich zu bewegen … Er hatte geglaubt, diese Art der männlichen Beeinflussbarkeit lange hinter sich gelassen zu haben. Aber er reagierte auf sie.
Adia blieb mitten in der Tür stehen, als sie den Schankraum des Pubs überblickte. Ausnahmslos alle Gäste waren dabei, ihre Umhänge umzuwerfen und Masken aufzusetzen. Trotzdem zog sie mühelos die Aufmerksamkeit aller anwesenden Männer auf sich. Viele verharrten mitten in der Bewegung.
Nach ein paar Sekunden löste einer sich aus der Menge und nahm die Maske wieder ab. Es war Lucius Malfoy – Severus hatte es nicht anders erwartet. Seine grauen Augen blitzten, als er auf Adia herabsah; sie war zwar größer als Hermine, aber immer noch kleiner als Lucius. Das Kinn recken konnte sie aber auf die gleiche Art wie er und sie tat es.
„Adia", sagte er.
„Lucius." Sie sah ihn an, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was führt Sie her?"
Sie zuckte mit den Schultern und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. „Ich dachte, hier könnte möglicherweise eine Party steigen." Ihre Mundwinkel kräuselten sich.
Lucius hob seine Augenbrauen und folgte ihrem Blick. „Damit könnten Sie sogar recht haben", sagte er und grinste. „Sind Sie daran interessiert, der … Party … beizuwohnen?"
Ihr Blick wanderte zurück zum schmalen Gesicht Lucius'. Severus glaubte zu sehen, wie ihr Blick eine Nuance kühler wurde und Hermine gänzlich in den Tiefen des unbekannten Körpers verschwand. Er verspürte einen befremdlichen Drang, sie irgendwie davon abzuhalten – bis er sich zur Räson rief und daran erinnerte, dass das längst passiert war.
„Warum eigentlich nicht?", entgegnete sie gerade laut genug, damit er es hörte. Sie hielt seinem Blick stand, mühelos. Lucius schien das zu beeindrucken, auch wenn er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen. Severus fiel es nur auf, weil er ihn schon so lange kannte.
„Evan!", rief Lucius dann, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Ein etwas kleinerer Mann erschien an Lucius' Seite und nahm die Todessermaske ab. Widerwillig drehte Lucius sich zu ihm. „Den Trank", sagte er leise und Severus wusste, was nun geschehen würde.
Adia und anscheinend auch Hermine nicht, denn durch die Frau ging – glücklicherweise unbemerkt von den anderen – ein leichter Ruck. Sie blinzelte mehrmals und nach weniger als einer Sekunde hatte sie ihre Fassung zurück erlangt.
Evan Rosier kehrte kurz darauf mit einer kleinen Phiole zurück und gab sie Lucius. „Vertrauen Sie mir, Adia?", fragte er, während er auf sie zu ging. Die komplette Truppe der Todesser, eine Gruppe von mindestens fünfzig Mann, stand hinter ihm im Halbkreis und beobachtete, wie ein neues Mitglied aufgenommen wurde.
„Warum sollte ich?"
Lucius zog den rechten Mundwinkel nach oben und kam wenige Schritte vor ihr zum Stehen. „Ja, warum solltest du?", flüsterte er und streckte die Hand aus, um ihr Gesicht am Kinn ein Stück nach oben zu heben. Adia ließ es geschehen. Das und dass er ihr danach eine Haarsträhne hinter das Ohr schob. „Es wird dir nichts geschehen. Jedenfalls … nicht jetzt."
Severus beobachtete, wie ihre Blicke zwischen seinen beiden Pupillen hin und her sprangen. Letztendlich nickte sie.
Daraufhin entkorkte Lucius die Phiole, wie es sonst immer nur Voldemort persönlich getan hatte. Er hob die Hand und Adia folgte seiner Bewegung mit aufmerksamen Blicken. Sie machte keine Anstalten, den Mund zu öffnen. Das war auch nicht nötig. Lucius hielt die Öffnung der kleinen Flasche über ihre Stirn und kippte dann den zähen, weißen Inhalt aus, so dass er ihr langsam über das Gesicht lief.
Instinktiv schloss Adia die Augen, blieb aber still stehen. Nach etwa einer halben Minute hatte sich der Trank über ihrem Gesicht verteilt und bildete eine harte, weiße Maske aus, die von außen exakt so aussah wie die der anderen Todesser. Severus wusste, dass sie von innen perfekt an die Gesichtszüge des Besitzers angepasst war. Keine Todessermaske glich der anderen, jede einzelne war wie ein Fingerabdruck.
Adia blinzelte hinter ihrer Maske und Severus hörte sie einmal tief Luft holen. Lucius reichte die nun leere Phiole nach hinten und Evan nahm sie ihm ab, um sie zu entsorgen. Dann streckte der blonde Mann beide Hände aus und griff an Adias Gesicht vorbei nach der Kapuze ihres Umhanges. Er zog sie ihr über den Kopf und bis tief in die Stirn.
„Lasst uns gehen!", sagte er schließlich laut und endlich kehrte wieder Bewegung in die Reihen der Todesser. Lucius wandte sich von Adia ab und setzte seine eigene Maske auf. Dann schritt er allen voran aus dem Pub.
Adia reihte sich in die Masse ein und nur ihre hin und wieder unter dem Umhang vorblitzende Jeans zeigte Severus, welche der schwarzen Personen sie war. „Wohin gehen wir?", fragte sie irgendwann jemanden zu ihrer Rechten.
„Haus des Zaubereiministers." Es war kaum zu verstehen, denn die Gruppe bewegte sich nicht gerade leise. „Komm her!", folgte dann noch und Adia riss erschrocken ihren Kopf herum. Im nächsten Moment fand sie sich fest an den fremden Todesser gepresst, der zusammen mit ihr disapparierte.
Severus kannte das Haus des Zaubereiminsters nicht. Er hatte sich nie um solche Dinge gekümmert und war im Nachhinein froh, dass ihm dieser Ausflug entgangen war. Aber es gefiel ihm nicht, dass Hermine – in welcher Form auch immer – mitten drin steckte.
Zu seiner und anscheinend auch zur Überraschung aller anderen Todesser wurden sie allerdings gebührend empfangen. Severus beschlich der grässliche Verdacht, dass das der Tipp war, den der Orden bekommen hatte. Als er Ronald Weasley in der Menge sah, wusste er, dass er Recht gehabt hatte.
Adia war im Getümmel untergetaucht. Mit ihrer Maske und dem Umhang war sie nicht von den anderen Todessern zu unterscheiden und hatte so alle Hände voll zu tun, sich die Gegner, welche eigentlich ihre Mitkämpfer waren, vom Leib zu halten. Immer wieder rasten Flüche auf sie zu und die hell erleuchteten Fenster des Regierungsoberhaupts der magischen Bevölkerung schufen einen schummrig beleuchteten Kampfplatz.
Severus sah, wie sie sich auf die Knie warf und ihr die Kapuze dabei vom Kopf rutschte. Dunkle Haare flogen wild durch die Luft, als sie ihren Kopf herumriss und mit dem Zauberstab so unauffällig wie möglich auf einen anderen Todesser deutete. „Stupor!", murmelte sie und im nächsten Moment fiel der Unbekannte zu Boden.
Severus hoffte sehr, dass sie mit dieser Aktion nicht ihre Tarnung und alles, was sie gerade erreicht hatte, geopfert hatte. Die gleiche Frage schien Adia sich auch zu stellen und ihre Blicke huschten aufmerksam durch die Menge.
Schließlich fand sie das, was sie um nichts in der Welt hatte finden wollen. Eine der schwarzen Gestalten stand mitten im Geschehen und starrte sie an. Severus versuchte durch die Augen zu erkennen, wer es war. Grau. Aber war es Draco oder Lucius? Die beiden hatten inzwischen einen ähnlichen Körperbau und unter der Kapuze konnte er nicht sehen, ob die Haare kurz oder lang waren.
Adia zögerte jedenfalls nicht. Sie hob den Zauberstab und sagte: „Obliviate!"
Aber Malfoy reagierte schneller und errichtete einen Schutzzauber vor sich. Nonverbal.
Adia musste sich ducken, um nicht von ihrem eigenen Zauber getroffen zu werden. Sie sprang auf die Füße. Mit wenigen, großen Schritten war sie bei dem Todesser und riss ihm die Kapuze vom Kopf. Kurze blonde Haare. Draco Malfoy.
Adia schnaubte, hob wieder den Zauberstab, aber Draco griff nach ihrer Hand. „Finger weg von meinen Erinnerungen", schnarrte er.
Sie kniff die Augen ein bisschen zusammen. „Dann behältst du das besser für dich, Süßer."
Von Draco kam ein spöttisches Lachen. „Wenn du wüsstest …", knurrte er und machte sich los. Keine zwei Sekunden später war er wieder verschwunden.
Adia fluchte leise und duckte sich unter einem roten Ball hinweg, der funkensprühend in der Hauswand einschlug. Auf der Suche nach der Quelle deutete ihre Zauberstabspitze direkt auf Kingsley Shacklebolt. Sie überlegte nicht lange, murmelte ein schwaches „Stupor!" und schickte ihn damit für höchstens drei Minuten auf den Boden.
Severus wusste, dass auch diese drei Minuten reichen konnten, um ihn das Leben zu kosten. Doch ein wirklich kraftvoller Stupor setzte einen Mann wie Kingsley mühelos für Stunden außer Gefecht.
Während sie sich abwandte, angelte sie nach der Kapuze und zog sie sich rasch wieder über den Kopf. Ihre Schritte trugen sie quer durch das Geschehen auf die andere Seite des Hauses. Schreie, Qualm und das Glitzern verschiedenster Flüche lagen in der Luft. Die Mitglieder des Ordens hatten sich verteilt, sie hatten das Überraschungsmoment noch immer auf ihrer Seite.
Adia schlängelte sich zwischen mehreren Grüppchen hindurch und bemühte sich, möglichst beschäftigt auszusehen. Sie konnte weder auf der einen noch auf der anderen Seite offen kämpfen. Severus wusste gut, in welchem Zwiespalt sie steckte.
Dann allerdings wurde das alles unwichtig.
Nicht nur Adia stockte, als sie das Geschehen vor ihr entdeckte. Auch Severus starrte direkt auf den roten Haarschopf, der in ein Duell mit einem Todesser vertieft war, während Lucius Malfoy sich ihm von hinten näherte.
Und keiner hatte eine Chance, Ronald Weasley irgendwie zu warnen. Adia wurde von einem Fluch am Kopf getroffen, der sie mit einem blutenden Schnitt zu Boden warf, und keiner der anderen bemerkte, was eigentlich passierte. Das „Avada Kedavra!" schien lauter als alles andere über das Feld zu hallen. Der Körper des jungen Mannes erstarrte in der Bewegung, dann fiel er mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
Es war die Rückendeckung, die gefehlt hatte.
