Kapitel 1.15 - Schritte

Es war die Rückendeckung, die gefehlt hatte.

Dieser Gedanke kam nicht von Severus. Der Gedanke hallte laut wie ein Schrei durch Hermines Verstand, als er an diese Stelle der Erinnerung gelangte. Die Rückendeckung … Severus erinnerte sich an die Worte, die sie Albus gegenüber benutzt hatte. Weasleys Rückendeckung war ihre Position in dieser Einheit des Ordens gewesen.

Severus konnte spüren, wie viel Fassungslosigkeit noch immer mit dieser Erinnerung verbunden war. Es konnte nicht länger als zwei oder drei Monate her sein, dass Hermine zur Witwe geworden war. Dennoch war es nur Fassungslosigkeit, die er von ihr verspürte. Kein Schmerz, keine Trauer.

Aber alles schien plötzlich einen Sinn zu ergeben.

Der andere Teil ihrer Feindseligkeit ihm gegenüber, dessen war er sich sicher, entsprang der Tatsache, dass seine Befreiung der Grund dafür gewesen war, dass Weasleys Rückendeckung auf der falschen Seite gestanden hatte. Er, Severus, war für Hermine, was Harry Potter für ihn gewesen war – eine ständige Erinnerung an den Menschen, den sie verloren hatte.

Die nächsten Bilder, die Severus sah, waren welche in vollkommener Stille. Hermine betrat einen dunklen Raum. Hinter ihr beschwor jemand ein schwaches, sehr warmes Licht herauf, einen kleinen Ball, der an die Decke schwebte und zitternd dort hängen blieb. Ronald Weasleys toter Körper wurde sichtbar. Er lag auf einem Tisch, bis zum Oberkörper mit einem Laken zugedeckt.

Hermine ging langsam näher und sah hinunter auf ihren Ehemann. Auf ihrer Stirn glänzte die rote Narbe, die die Wunde des Fluches hinterlassen haben musste. Der Vicissitudo Virtus verhinderte nicht, dass Adias Wunden auch Hermines Wunden waren.

Irgendwann streckte sie die Hand aus. Ihre Finger zitterten. Immer mehr, je näher sie seinem blassen Gesicht kam. Ganz vorsichtig legte sie die Fingerspitzen auf seine Stirn und schnappte nach Luft. Sie strich eine Haarsträhne zurück.

Severus konnte sehen, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich und hoffte, dass irgendjemand sie auffangen würde.

Doch Hermine schloss nur kurz die Augen und hielt sich am Tisch fest. Sie fing sich wieder. Ihre Finger zeichneten die Linien seines Gesichts nach und schließlich beugte sie sich hinab, um ihn auf die Stirn zu küssen.

„Das, was ich dir sagen wollte …", hauchte sie mit geschlossenen Augen und küsste dann seine Nasenspitze.

„Das, was noch warten sollte …" Ihre Lippen trafen auf seine geschlossenen Augenlider.

„Das, was du nun niemals erfahren wirst …" Erst die rechte, dann die linke Wange.

„Ich bin schwanger." Schließlich küsste sie seine blassen Lippen. „Ich liebe dich, Ron." Sie griff nach seiner Hand. „Versprich mir, dass du auf mich aufpassen wirst, ja?" Sie führte seinen Handrücken an ihr Gesicht und strich mit ihrer Wange daran entlang. „Auf uns."

Als sie seine Hand auf ihren noch flachen Bauch legte, verließ Severus diese Erinnerung und betrat gleichzeitig eine neue.

Selbst wenn er zu dieser Zeit nicht in Lucius' Händen gewesen und gefoltert worden wäre, hätte Severus sich auf dieser Veranstaltung nicht blicken lassen. Aber hier in Hermines Erinnerungen konnte er nicht anders, als zumindest einen kurzen Blick auf die Beerdigung ihres Ehemannes zu werfen.

Sie fand unter der Sonne eines warmen Frühlingstages statt. Es musste später Frühling sein, denn die Bäume trugen frische grüne Blätter. Die Gruppe der Menschen um das Grab war groß, zweifellos durch Weasleys Stellung im Orden und im Ministerium. Hermine stand neben Molly und Arthur Weasley ganz vorne und obwohl Molly einen Arm um ihren Rücken gelegt hatte, schien Hermine gänzlich alleine und verloren.

Sie hatte die Arme fest vor ihrem schmalen Körper verschränkt, die Haare zu dem Knoten gebunden, den sie auch auf ihrer Hochzeit getragen hatte. Ihr Gesichtsausdruck war leer und sie schien die Worte nicht zu hören, die vorgetragen wurden; er konnte nichts davon in ihrer Erinnerung verstehen.

Severus spürte das Verlangen, sich selbst zu ihr zu stellen und Molly beiseite zu schieben. Stattdessen schob er den Gedanken von sich. Er wäre der letzte gewesen, dessen Beistand sie an diesem Tag hätte haben wollen.

Schließlich trat Hermine an den Rand des Grabes. In ihrer Hand hielt sie eine weiße Rose und Severus war überrascht, dass ihre Finger dieses Mal vollkommen still waren. Lange Zeit stand sie dort, der schwarze Rock flatterte im Frühlingswind. Sie küsste die Blütenblätter und warf die Rose hinab ins Grab.

Die Blüte fiel dumpf auf den Sarg und Hermine wandte sich abrupt ab. Erst als sie die ersten Meter hinter sich gelassen hatte, begann sie zu wanken. Es war Charlie Weasley, der rasch einen Schritt auf sie zu trat und sie festhielt.

„Es geht mir gut", nuschelte sie und wand sich aus seinem Griff.

Kingsley trat zu ihnen, Nymphadora nur einen halben Schritt dahinter. „Ich werde sie nach Hause bringen", sagte er und überging Hermines Kopfschütteln.

„Hermine, du musst dich hinlegen", beschwor Nymphadora sie.

Hermine sah zu ihr auf und Tränen glänzten in ihren Augen.

Severus fühlte sich zurückversetzt in ihre Schulzeit. Hermine sah so jung und zerbrechlich aus, sie sollte nicht diejenige sein, die am Grab ihres Mannes stand. Sie hätte auch nicht am Grab ihres besten Freundes stehen sollen und ihr bester Freund hätte nicht derjenige sein sollen, der den Dunklen Lord töten musste. Sie alle waren Kinder, sie alle waren in einen Krieg geraten, der nicht ihrer war.

Nympahdora schluchzte trocken und zog Hermine in ihre Arme. Kingsley berührte beide Frauen und disapparierte mit ihnen.

Was Severus hiernach an Erinnerungen zu sehen bekam, war die schrittweise Verwandlung der Hermine Granger, die er gekannt hatte, zu der Hermine Weasley, die sie heute war.

Den ersten Schritt tat Hermine, als Kingsley sie in die Wohnung von Nymphadora gebracht hatte. Sie kämpfte sich aus der Umarmung und hob mit nassen Augen die Hände in die Luft. „Bitte nicht … anfassen", sagte sie, zog die Nase hoch.

Nymphadora stand hilflos in ihrem Wohnzimmer und sah Hermine an. „Vielleicht solltest du dich etwas ausruhen", schlug sie vor.

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich muss hier raus. Bitte, ich … ich kann das nicht." Sie wirbelte herum und stürmte aus der Haustür auf die Straßen Londons. Als sie ein paar Querstraßen zwischen sich und Nymphadoras Wohnung gebracht hatte, verwandelte sie sich in Adia und disapparierte.

Den zweiten Schritt tat sie eine undefinierbare Zeitspanne später. Severus vermutete, dass es nicht allzu lang nach der Beerdigung gewesen sein konnte, vielleicht noch in der gleichen Nacht.

Hermine saß im Schlafanzug in der kleinen Bibliothek des Hauptquartiers. Bücher und Instrumente einer Heilerin lagen um sie herum verteilt und es war nicht schwer zu erraten, dass sie für ihre Abschlussprüfung lernte. Sie hatte einen Fuß auf die Sitzfläche des Stuhls gezogen und ignorierte das Zittern ihres Körpers.

Dann betrat Ginevra langsam die Bibliothek und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen eines der Bücherregale. Einige Zeit beobachtete sie Hermine, die das sehr wohl bemerkte, aber ignorierte.

„Mine", sagte Ginevra irgendwann und ging zum Tisch hinüber. „Es ist schon halb vier. Willst du nicht endlich mal ins Bett gehen?"

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich muss das hier noch mal wiederholen." Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, ihr Gesicht war blass.

„Wir wissen doch beide, dass du das alles schon kannst." Ginevra legte die Hände auf die Seiten des Buches, das Hermine gerade las.

Hermine riss den Kopf hoch und funkelte sie an. „Lass das, Ginny!" Sie zog das Buch unter den Händen ihrer Freundin hervor. „Hör auf, mir zu sagen, was ich kann und was nicht! Lass mich einfach in Ruhe!" Sie schlug das Buch zu, stürmte aus der Bibliothek und lief die Treppen hinauf.

Den dritten Schritt tat sie, als sie ihren Auftrag über alles andere stellte – vor allem über sich selbst.

Albus hatte sie zum Gespräche gebeten und Severus konnte Hermines verdrossenen Gesichtsausdruck nachfühlen. Albus wollte immer in diesen Momenten reden.

„Wie geht es Ihnen, Hermine?"

„Gut."

Selbst hier in Hermines Verstand hätte Severus gerne geschnaubt. Was hätte sie auch sonst antworten sollen?

Albus runzelte die Stirn. „Ja, was für eine dumme Frage."

Hermine seufzte. „Ich bin in Ordnung, Professor."

„Ja, ich weiß."

Die Art, wie er es sagte, ließ Hermine den Blick abwenden. Sie biss die Zähne aufeinander.

„Weswegen ich Sie zu mir bat …" Albus legte die Spitzen seiner Finger aneinander und runzelte die Stirn. „Ich kann es verstehen, wenn Sie vorerst nicht weiter an dem Auftrag arbeiten möchten. Ich werde jemand anderen finden, der sich mit Severus auseinander setzen kann."

Hermine sah ihn an. „Was?"

Albus' Miene wurde weich. „Hermine, es ist eine schwere Zeit für Sie, Sie haben jetzt andere Dinge im Kopf."

Sie schnaubte. „Ich habe vor allem Adia in meinem Kopf! Sie können mich jetzt nicht von diesem Auftrag abziehen. Ich bin drin im Kreis der Todesser! Ich kann direkt an die Quelle gelangen. Adia wickelt Lucius Malfoy um ihren Finger und ich bin nicht bereit, jetzt aufzugeben!"

Albus sah sie intensiv an. „Sind Sie sicher, dass Sie das schaffen?"

„Das bin ich."

Erneut dachte Albus nach, dann seufzte er. „Also gut."

Severus hasste ihn für diese Entscheidung. Er hasste es, dass der Krieg ihm wichtiger war als das Leben seiner Mitstreiter. Er hasste es, dass er der letzten des Goldenen Trios gegenübersaß und es zuließ, dass sie zu den Todessern zurückkehrte. Er hasste es, dass Albus immer noch nicht bemerkt hatte, dass Hermine eine Schwangerschaft vor ihm geheim hielt. Er wusste doch sonst immer alles, warum nicht das?

Den vierten Schritt tat sie vermutlich nur wegen einer unbedachten Bemerkung.

Sie machte sie bei einem Todessertreffen. Vielleicht war es eine so große Erleichterung für sie, eine Weile lang nicht Hermine sein zu müssen, die Frau, die ihren Mann verloren hatte, sondern Adia, die Frau, die Lucius Malfoy an der Nase herumführte, dass sie leichtsinnig geworden war. Vielleicht hatte Hermine auch gar nichts damit zu tun gehabt.

„Du findest das Schlammblut nicht, du findest das Rezept nicht … Was soll ich mit dir tun, Rookwood?", fragte Lucius leise.

Der pockennarbige Mann senkte den Blick. „Ich … Es … Es ist so, dass Snape seine Rezepte nicht eindeutig beschriftet hat, Sir."

Natürlich hatte er das nicht. Warum auch? Er wusste, für welchen Trank welches Rezept war, und wenn es niemand anderes wusste, konnte das nur von Vorteil sein.

Severus ahnte, wonach Lucius suchte. Ihm ging der Trank zum Formen der Todessermasken aus. Was für den Dunklen Lord das Dunkle Mal gewesen war, waren für Lucius die Masken: Man war erst drin, wenn man eine Maske hatte. Das Dunkle Mal sollte den ursprünglichen Todessern vorbehalten bleiben. Nur jene, die schon dem Dunklen Lord gedient hatten, sollten es wert sein, dieses Mal zu tragen. Deswegen hatte er auch versucht, es von Severus' Arm zu entfernen.

Seine Fixierung auf die Masken stellte ihn nun aber offensichtlich vor Probleme.

„Er wäre auch schön dumm, wenn er es getan hätte." Diese Bemerkung kam von Adia.

Alle sahen sie an. Sie hob den Kopf ein Stück an und nahm die Maske ab. Die dunklen Haare flossen in einer Kaskade um ihr Gesicht und auf die Schultern. Sie deutete eine Verbeugung in Lucius' Richtung an.

„War das nur ein überflüssiger Kommentar oder steckt mehr dahinter?", fragte Lucius.

„Ich mache keine überflüssigen Kommentare", entgegnete Adia. Ihre tiefe Stimme vibrierte durch den Raum. „Lasst mich die Rezepte durchsehen. Ich werde das richtige finden."

Lucius schnaubte leise. „Ist das eine weitere wohl gehütete Eigenschaft?"

„Allerdings."

Einen Moment lang war es still im Saal. Und dann stieß Lucius sie über den Point of no Return: „Bringt sie in Snapes Haus!"

Ein weiterer Todesser trat aus der Menge hervor und nahm seine Maske ab. „Lass es mich tun, Vater." Draco Malfoy.

Lucius musterte seinen Sohn abschätzend. Schließlich nickte er und machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand.

Draco ging auf Adia zu und verließ mit ihr den Saal. Eilig lief er durch die Gänge, sie fiel ein Stück zurück. An einer Ecke sah er sich nach ihr um und wartete, dass sie aufholte. Als sie weit genug von den anderen entfernt waren, presste er sie gegen eine Wand. „Also, Granger, wie kommt es, dass wir uns hier wiedersehen?"

Adia runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst."

Draco lachte leise auf. „Oh, komm schon! Wie machst du das? Vielsafttrank? Illusionszauber? Schönheitschirurgie?" Er feixte.

Sie stieß ihn von sich, so dass er gegen die gegenüberliegende Wand prallte. Kurz darauf war sie diejenige, die ihn im Griff hatte. „Ich empfehle dir, das lieber für dich zu behalten, Malfoy."

Der grinste. „Wusste ich doch, dass du es bist. Ich hab es in deinen Augen gesehen, als dein Schoßhund starb. Wie kommt es, dass du nicht die trauernde Witwe spielst?"

Adia schnaubte. „Weil ich keine trauernde Witwe bin! Und jetzt bring mich in Snapes Haus. Wir haben einen Auftrag zu erfüllen."

Von hier an liefen die Erinnerungen schneller an ihm vorbei, so als hätten sie es eilig, gesehen zu werden.

Er sah Hermine das Rezept des Trankes heraussuchen und ihn zubereiten. Draco erklärte sich bereit, Hermine zu helfen, im Austausch für ein sicheres Versteck. Severus hörte nur kurz in das Gespräch mit Albus hinein, es gab nichts Überraschendes dort – außer dass es tatsächlich Draco gewesen war, der Albus von Severus' Gefangennahme berichtet hatte. Er hatte dem Orden anscheinend schon länger anonyme Hinweise geschickt, unter anderem auch den Tipp mit dem Angriff auf das Haus des Ministers.

Draco hatte ein paar Ideen gehabt, wo Severus gefangen gehalten werden könnte. Offenbar war Severus' Gefängnis nur über einen Portschlüssel zu erreichen, den Lucius an einem unbekannten Ort verwahrte und nur nach Lust und Laune herausrückte. Adia versuchte, ihm das Versteckt des Portschlüssels zu entlocken, natürlich auf ihre Art. Aber den Vortrag, den Lucius Severus gehalten hatte, meinte er tatsächlich ernst: Sex würde niemals wieder eine Schwachstelle von ihm sein.

Hermine sah sich an den Orten, die Draco eingefallen waren, in ihrer wahren Gestalt und mit einem Illusionszauber auf ihrer Narbe um, denn wie Severus aus eigener Erfahrung berichten konnte, wäre nichts fataler gewesen, als wenn Lucius erfahren hätte, dass eine seiner mittlerweile liebsten Anhängerinnen eigentlich ein Spion der anderen Seite war. Als sie von einer dieser Touren zurückkehrte, geriet sie in einen Hinterhalt.

Es waren fünf Todesser, denen sie begegnete.

Sie schlug sich gut, aber nicht gut genug. Nicht allein. Sie schaffte es, Adia nicht in Erscheinung treten zu lassen, aber Severus konnte den Wandel in ihrem Kampfstil erkennen. Das war nicht länger Hermine, die dort kämpfte. Anscheinend hatte sie es geschafft, eine so enge Bindung zu Adia aufzubauen, dass sie sie kämpfen lassen konnte, ohne dass sich ihr Aussehen veränderte.

Es dauerte danach nur noch wenige Minuten, bis zwei der Todesser in einem Duell beschäftigt waren, bei dem jeder felsenfest davon überzeugt war, es mit Hermine zu tun zu haben. Die anderen lagen geschockt oder gefesselt auf dem Boden.

„Tut mir wirklich arg leid, aber ich hab keine Zeit für so was", murmelte Hermine und wischte sich eine Blutspur aus dem Mundwinkel.

Und über allem schwebte die anstehende Abschlussprüfung, für die sie meistens mitten in der Nacht lernte. Als Hermine vor einer Weile gesagt hatte, dass sie fast rund um die Uhr nach ihm gesucht hatte, hatte Severus geglaubt, sie würde übertreiben. Aber sie schlief in dieser Zeit tatsächlich nicht viel und als sie deswegen körperliche Probleme bekam, entwickelte sie in einer Nacht den Schlaftrank, den sie auch ihm gegeben hatte. Severus war zutiefst beeindruckt von dieser Leistung; auch wenn sie eine gute Heilerin war (und er warf einen Blick in die Erinnerung an die Abschlussprüfung, sie war sogar eine hervorragende Heilerin) – sie würde eine noch viel bessere Tränkemeisterin sein, wenn er sie fertig ausgebildet hatte.

Severus sah eine Erinnerung, in der sie in Gestalt von Adia mal wieder den Maskentrank für Lucius zubereitete, wieder unter der Aufsicht von Draco. Und wieder fragte sie ihn aus über das eine Mal, das er bei Severus gewesen war. Er war ihm so nahe gekommen und Hermine war offensichtlich nicht bereit, locker zu lassen.

Draco stöhnte und rümpfte die Nase. „Ich hab dir alles erzählt, was ich weiß, Granger! Vater gab mir den Portschlüssel, ich kam in den Verliesen an. Keine Ahnung, wo die sind! Ich ging zu Snape rein und hab …" Er brach ab. „Als ich später aus seiner verdammten Zelle kam, hab ich in den Flur gekotzt und mich beeilt, da wegzukommen!" Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. „Ich bin froh, dass die verdammte Hauselfe Vater nicht davon erzählt hat …"

Adia, die in diesem Moment vermutlich mehr Hermine war, erstarrte mitten in der Bewegung. „Die was?", fragte sie.

Draco sah sie irritiert an.

„Die Hauselfe?"

Er zuckte mit den Schultern. „Ja, da war eine der Hauselfen mit einem Tablett mit Essen. Warum?"

Hermine presste die Lippen aufeinander, schloss die Augen und atmete langsam aus. „Die verdammten Hauselfen wissen, wo dieses Gefängnis ist, und dir fällt es erst jetzt ein, mir davon zu erzählen?"

Severus verließ die Erinnerung. Er musste nicht sehen, wie Hermine Draco beschimpfte, weil er dieses Detail zu erwähnen vergessen hatte. Es überraschte Severus nicht mal. Draco, der von Hauselfen umgeben aufgewachsen war. Draco, der diesen Geschöpfen so viel Beachtung schenkte wie einer Vase oder einem Stuhl. Draco, den Hauselfen so wenig interessierten, dass ihm nicht bewusst gewesen war, was ihre Anwesenheit da unten zu bedeuten hatte. Er war einfach ein lausiger Spion.

Adia verbrachte danach so viel Zeit in Malfoy Manor, wie sie rechtfertigen konnte, und versuchte, mit den Hauselfen in Kontakt zu kommen. In dieser Zeit rief Albus Hermine einige Male zu sich. Er warnte sie, weniger leichtsinnig an die Sache heranzugehen. Hermine ignorierte ihn genauso wie sie Ginevra und Nymphadora ignorierte. Sie versuchte, jedem dieser Gesprächen auszuweichen.

Nur einmal suchte sie Albus selbst auf. Sie stürmte ohne anzuklopfen in sein Büro und hatte auch keine Begrüßung für ihn übrig. Nur: „Professor McGonagall ist verschwunden?"

Albus schien einen Moment zu überlegen, was er darauf antworten sollte, aber letztendlich nickte er. „Ich fürchte ja."

„Lassen Sie mich auch nach ihr suchen! Da steckt garantiert Malfoy dahinter, ich kann sie beide finden!"

„Nein."

Hermine lachte kurz, freudlos. „Wie, nein?"

„Nein, Hermine, Sie werden nicht nach Minerva suchen. Ihr Ziel ist Severus und Sie lassen sich nicht davon ablenken. Der halbe Orden sucht nach Minerva und das mit oberster Priorität. Sie werden sich weiterhin auf Severus konzentrieren, haben wir uns verstanden?"

„Nein! Wenn sie beide in Malfoys Gewalt sind, dann kann ich sie auch beide da rausholen!"

„Miss Granger!", sagte Albus scharf. Jedes Funkeln, jedes Lächeln war aus seinen Augen verschwunden. Er hatte nichts Freundliches mehr an sich, als er nun aufstand. „Miss Whitmore wird keine weiteren Aufträge bekommen! Sie werden Severus finden und wenn Sie ihn gefunden haben, dann werden Sie genauso aus diesem Krieg verschwinden wie er." Dann erklärte er ihr den Plan mit der abgetrennten Realität. „Sie werden mit Severus in dieses Haus gehen, Hermine."

Sie keuchte. „Warum?"

„Sie sind leichtsinnig und bringen den Orden und sich selbst in Gefahr. Sie haben Ihre zweite Persönlichkeit nicht unter Kontrolle. Und außerdem braucht Severus eine Heilerin, wenn Sie ihn lebend befreien können."

Dass ich das kann, können Sie fest einplanen. Und ich kann auch Professor McGonagall da rausholen! Ich habe Adia unter Kontrolle! Und ich werde keinen Fuß in dieses Haus setzen!"

„Ich kann und werde es nicht zulassen, dass Sie weiterhin für den Orden tätig sind. Entweder Sie erklären sich bereit, sich vollkommen auf Severus' Rettung zu konzentrieren und zusammen mit ihm in dieses Haus zu gehen, oder ich ziehe Sie sofort von diesem Auftrag ab und bringe Sie allein an einem sicheren Ort unter." Seine blauen Augen blitzten.

Hermines Kiefer mahlten. „Fein!", stieß sie schließlich hervor. Sie stand auf und stürmte aus dem Büro.

Hätte Albus sie doch nur tatsächlich an diesem Punkt schon aus dem Spiel genommen …

In den darauf folgenden Tagen klapperte sie systematisch nochmal alle Hinweise ab, die sie von Draco erhalten hatte, schmeichelte sich nebenbei weiter bei Lucius Malfoy ein, versuchte mit den Hauselfen in Malfoy Manor zu reden (alles weiterhin vergeblich), registrierte nebenbei Poppys Tod (sie reagierte tatsächlich kaum auf diese Mitteilung) und stand schließlich in Hogwarts' Küche und redete mit Dobby. Angesichts der Tatsache, dass er Malfoy Manor seit neun Jahren nicht mehr betreten hatte, war er der letzte Strohhalm, an den Hermine sich klammerte. Ein Strohhalm, der sich als Schlüssel entpuppte.

Er erzählte ihr nicht nur, dass die Zellen, in denen Lucius früher die Gefangenen des Dunklen Lords und heute anscheinend seine eigenen einsperrte, in einem Geschoss unterhalb des Kellers von Malfoy Manor lagen, sondern nannte ihr auch den Namen eines Elfen, der nicht so hörig war wie die anderen. Er zählte ein paar der passiv-aggressiven Dinge auf, die er zu Dobbys Zeiten manchmal getan hatte, um seinem Protest Ausdruck zu verleihen (zum Beispiel das Verrücken von Möbeln um ein paar Zentimeter, so dass Lucius dagegen lief) und obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass es diesen Elfen noch in Malfoy Manor gab, gering war, nötigte Hermine daraufhin Draco, ihr einen Grund zu geben, um eine Nacht in Malfoy Manor zu verbringen. Sie suchte und fand tatsächlich diesen Elfen und sie erpresste ihn, sie zu den Zellen zu bringen.

Schließlich stand sie in dem Raum, in dem Severus nicht mehr gefangen gehalten wurde.

Nur die Spuren seines Aufenthalts waren noch zu sehen. Blut auf dem Boden und an den Wänden, auch die Ketten hingen noch von der Decke. Severus sah, wie Hermine sie sich in Adias Gestalt näher umsah und ein schwarzes Haar von ihm fand.

Die Erinnerung brach ab und es war wieder ein Moment in Albus' Büro, in dem er als nächstes landete. Dieses Mal war Albus sehr ernst. Er bat Hermine nicht, sich zu setzen. Sie tat es von alleine. „Was ist passiert?", fragte sie.

„Draco Malfoy ist tot."

In ihrem Gesicht arbeitete es. Ansätze verschiedenster Emotionen spiegelten sich darauf wider und letztendlich nickte sie mechanisch. „Okay", sagte sie, stand auf und verließ das Büro, ohne weiter auf Albus zu achten.

Severus schluckte. Die Verwandlung in die Hermine, die er heute vor sich hatte, war perfekt.

Danach lehnte sie sich weit aus dem Fenster, was das Erlangen von Informationen betraf, ließ sich sogar darauf ein, Walden Macnair soweit um den Finger zu wickeln, dass dieser sich nicht nur einige Details aus der Nase ziehen ließ, sondern sie tatsächlich mit zu Severus auf die Insel nahm. Er konnte sich nicht an diesen Besuch erinnern, er war nicht anwesend gewesen.

Schließlich beobachtete Severus ein weiteres Mal, wie sie die Hütte stürmte, ihn befreite, die Todesser abwehrte, gegen die Wand geschleudert wurde und mit ihm in dieses verdammte Haus apparierte.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, der Zauber breitete sich aus.

„Grandioser Auftritt, Miss Granger", hörte er sich selbst sagen, bevor er das Bewusstsein verlor. Er versuchte dabei zu übersehen, wie wenig er sich selbst damals noch geähnelt hatte; Hermine hatte wirklich ganze Arbeit geleistet bei seiner Heilung.

Nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, schaffte Hermine es nicht mehr, ihre eigenen Verletzungen zu verbergen. Sie presste ihre Hände in den Unterleib, brach auf dem Holzboden zusammen und schrie laut auf.

„Nein, bitte nicht! Verzeih' mir, Mäuschen. Bitte, verlass mich nicht …" Sie schluchzte, doch ein dunkler Fleck breitete sich in ihrem Schritt aus.

In diesem Moment regte sich die Hermine, in deren Geist er gerade steckte. Sie drängte ihn heraus aus ihren Erinnerungen. Severus ließ es geschehen. Er hatte alles gesehen, was er sehen musste. Er blinzelte und schnappte nach Luft. Dann begegnete er ihrem Blick.

Ihre Augen waren zwei schmale Schlitze. „Bist du jetzt zufrieden?", fragte sie scharf. Die Verachtung in ihrem Gesicht traf ihn hart.

„Nein", entgegnete er und wischte sich über das Gesicht. Nach all der Zeit in ihrem Geist fühlte er sich fremd in seinem eigenen. Ihre Erinnerungen, ihre Gefühle klebten an ihm wie alter Schweiß.

Aber je länger er wieder in seinem eigenen Kopf steckte und nachdenken konnte, ohne von ihren Erinnerungen abgelenkt zu werden, desto seltsamer fand er die Ordnung, die er in ihrem Geist gefunden hatte. Der Geist einer bewusstlosen Person sollte ein Chaos sein. Ein unkontrolliertes, unbeherrschbares Chaos. Erinnerungen in chronologischer Reihenfolge zu finden, passte nicht dazu. „Du warst die ganze Zeit wach", sagte Severus schließlich.

Hermine wandte den Blick ab.

„Warum?", fragte er nur. Warum hatte sie ihn nicht schon eher rausgeworfen? Warum hatte sie es zugelassen, dass er all diese Erinnerungen sah? Warum hatte sie sie ihm ordentlich sortiert gezeigt?

Hermines Kiefer mahlten. Dann stand sie schwankend auf und nahm ihm ihren Zauberstab aus der Hand, bevor sie unsicheren Schrittes an ihm vorbei aus dem Wohnzimmer ging.

- Ende Part I -