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- Part II -
Vom Spiel mit dem Teufel
I know the further I go,
the harder I try, only keeps my eyes closed.
And somehow I've fallen in love
with this middle ground at the cost of my soul.
Yet I know, if I stepped aside,
released the controls, you would open my eyes.
That somehow, all of this mess
is just my attempt to know the worth of my life.
(Sleeping at Last – Mercury)
Kapitel 2.01 – Nachwehen
In dieser Nacht nahm Severus etwas von Hermines Schlaftrank. Bevor sie aufstand, hatte er noch etwas zu erledigen. Nach vier Stunden war er wieder wach und immer noch beeindruckt davon, wie erholt er sich fühlte. Aber jetzt, wo er wusste, wie und unter welchen Umständen sie diesen Trank entwickelt hatte, hatte das ganze einen schalen Beigeschmack bekommen. Er stand auf und warf einen Blick in ihr Zimmer. Sie schlief, vollständig angezogen und zu einem Ball zusammengerollt.
Severus ging hinunter ins Labor. Der Ausnüchterungstrank, den er ihr vorhin gegeben hatte, war eine Entwicklung von ihm gewesen. Er war schnell zuzubereiten und wirkte sehr gründlich, dafür ließ er sich nicht lagern und verdarb bereits nach zwei Tagen. Und keiner der bekannten Katertränke half gegen die Beschwerden am nächsten Morgen. Er sollte den Schülern seines Hauses eine Lektion erteilen. Eine Lektion, die die meisten Slytherins noch zu lernen hatten: Dass es nicht für jedes Problem eine einfache Lösung gab. Dass man die Konsequenzen mancher Entscheidungen einfach tragen muss, so bitter sie auch sein mochten.
Aber natürlich hatte er auch einen wirksamen Katertrank entwickelt. Nicht mit der Absicht, ihn einem seiner Schüler zu geben. Es war nur einfach nicht seine Art, solche Lücken in seinen Entwicklungen zu lassen. Und für Hermine wollte er ihn zubereiten. Wenn sie eine Lektion gelernt hatte, dann die, dass Entscheidungen manchmal irreversible Konsequenzen nach sich zogen.
Davon abgesehen musste er nachher mit ihr reden.
Während er die Zutaten für den Trank heraussuchte und vorbereitete, gingen ihm ihre Erinnerungen durch den Kopf. Adia … Jetzt, wo er wusste, dass es sie in Hermines Kopf gab, ergab vieles einen Sinn. All die Momente, in denen er Hermine kaum wiedererkannt hatte … Vermutlich war Adia in diesen Momenten ganz dicht unter der Oberfläche gewesen. Zu dicht.
Er dachte an die Erinnerung, in der sie gegen die Todesser hatte kämpfen müssen. Hermine hatte Adia das Ruder überlassen, ohne ihr Aussehen zu verändern. Und er dachte an die Trankzubereitung für Lucius. Da hatte zweifellos Adia Hermine das Ruder überlassen, ohne ihr Aussehen zu verändern. Severus kannte sich nicht gut aus mit dem Vicissitudo Virtus, aber dieser Grad der Verschmelzung war zumindest mal besorgniserregend. Er fragte sich, wie viel Kontrolle Hermine schon an Adia abgetreten hatte. Wie oft sie Adia teilweise oder sogar ganz handeln ließ, ohne in ihre Gestalt zu wechseln. Und ob ihr das bewusst war.
Aber nicht nur Adia ging ihm durch den Kopf. Seine Gedanken kreisten auch um sein zweites Tagebuch. Das Tagebuch, das Hermine eingesteckt hatte, als sie in seinem Haus gewesen war, das aber nicht bei seinen persönlichen Gegenständen gewesen war. Er war überzeugt, dass sie es mit hergenommen hatte. Niemals hätte sie das zurückgelassen. Er wusste nur nicht, warum sie es ihm nicht gegeben hatte. Und es ärgerte ihn, dass sie das nicht getan hatte. Es standen sehr persönliche Dinge in diesem Tagebuch. Zusammenhanglose Dinge. Verworrene Dinge. Sie waren für niemandes Augen bestimmt, nicht mal mehr für seine eigenen.
Severus schob die Gedanken beiseite, als er einen Kessel mit Wasser aufsetzte und begann, den Trank zuzubereiten. Er musste sich konzentrieren.
Nachdem Severus den Trank fertig gestellt hatte, sah er sich das erste Mal genauer um im Bücherbestand des Hauses. Er kannte Albus. Niemals hätte er ihn mit Hermine hier eingeschlossen, ohne ihm Literatur zum Vicissitudo Virtus mitzugeben. Aber sicherlich hätte er das vor Hermine verborgen.
Langsam schritt er das Regal entlang, den Kopf zur Seite geneigt, und las die Buchtitel. Auf dem untersten Regalboden wurde er schließlich fündig. Zwischen Einführung in die Arithmantik von Oleander Roots und 1001 Pflanzen und Gewächse von Lake Oakwood stand ein Buch von Libatius Borage. Severus grollte leise. Er hasste Libatius Borage! Und Albus wusste das. Hermine vermutlich nicht. Es war ein Buch mit Zaubertrankrezepten, es würde ihr nicht sonderlich auffallen. Ihm schon. Vermutlich wäre es ihm auch schon viel eher aufgefallen, wenn er nicht so sehr mit seiner Vergangenheitsbewältigung beschäftigt gewesen wäre. Vielleicht hatte Albus geplant, ihn viel eher auf Adias Spur zu führen, ohne dass Hermine es bemerkte.
Severus zog das Buch aus dem Regal und kaum hatte er es berührt, veränderte es sich in seinen Händen. Es wurde dicker und kleiner, die Farbe des Umschlags wandelte sich von dunkelblau zu braun und der Titel lautete jetzt Magische Gestaltwandlungen – Möglichkeiten und Risiken. Severus schnaubte leise.
Er nahm das Buch mit und ging in die Küche. Sein Magen knurrte schon seit einer Weile; nachdem er in den letzten Tagen wenig bis gar nicht gegessen hatte, wurde es dringend Zeit für ein Frühstück.
Severus saß seit zwei Stunden in der Küche und las die Abhandlung über den Vicissitudo Virtus in dem Buch, das Albus für ihn hinterlegt hatte, als er Hermine die Treppe hinunter kommen hörte. Während sie in den Keller ging, zweifellos um einen Katertrank zu holen, von dem sie diverse Phiolen vorrätig hatte, schlug er das Buch zu und ließ es mitsamt seinen Aufzeichnungen neben sich auf die Bank gleiten.
Er sah hinab auf seinen Kaffee und lauschte. Es dauerte etwa drei Minuten, bis sie die Kellertreppe wieder nach oben kam. Ihre Schritte klangen jetzt energischer als vorher. Schließlich erschien sie in der Küchentür und sah ihn aus kleinen Augen böse an. „Was haben Sie mir für einen verdammten Trank gegeben?"
Severus zog eine Augenbraue hoch. Sie waren also wieder beim Sie … Nun gut. „Eine Entwicklung von mir. Die Schüler meines Hauses hatten eine Strafe verdient, wenn sie ihn brauchten." Er griff nach der Phiole mit dem wirksamen Katertrank und stellte sie vor sich auf den Tisch, bedeutete ihr mit einem Nicken, dass sie es damit versuchen sollte.
Hermine zögerte, beäugte ihn misstrauisch. Aber dann kam sie doch die drei Schritte zum Tisch, setzte sich und nahm den Trank. Die Wirkung setzte schnell ein, sie atmete auf und genoss für ein paar Sekunden die Schmerzfreiheit. Severus kannte diesen Moment. Es gab nichts besseres.
Schließlich blinzelte Hermine. „Warum haben Sie mir den gegeben?"
„Ihnen muss ich nicht mehr beibringen, dass gewisse Entscheidungen unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen."
Sie sah ihn an, dann senkte sie den Blick. Ihre Haare waren stumpf und strähnig, bildeten einen buschigen Kranz um ihr blasses Gesicht.
„Außerdem müssen wir reden."
„Ja", murmelte sie, schluckte. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht?"
„Ist das wirklich wichtig?"
Sie rümpfte die Nase. Schwieg.
„Warum haben Sie mir all die Erinnerungen gezeigt?", fragte er schließlich. Diese Antwort war sie ihm gestern Abend schuldig geblieben.
„Ist das wirklich wichtig?", entgegnete sie.
Vermutlich war es das nicht. Severus sah wieder hinab in seine Tasse. „Es tut mir sehr leid, dass Sie Ihren Mann verloren haben, Miss Granger. Und Ihr …"
„Nein!", fuhr sie dazwischen und hob eine Hand. Sie zitterte. Dann fuhr sie sich damit über den Mund. „Sagen Sie nichts."
Severus atmete langsam aus. „Ich bedauere es, dass Sie mit mir hier festsitzen."
„War nicht Ihre Entscheidung", murmelte sie dumpf.
Mehrere Herzschläge lang saß sie mit geschlossenen Augen am Tisch und umklammerte die leere Phiole. „Danke", würgte sie schließlich hervor, „für Ihre Hilfe gestern."
„Ich würde ja sagen, es sei mir eine Freude gewesen, aber das war es nicht", entgegnete er.
Sie schluckte. „Es tut mir leid, dass Sie mich so gefunden haben."
Severus nickte.
Dann hob sie ihren Blick und sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Wollen Sie sich gar nicht entschuldigen?"
„Nein", sagte er. „Es tut mir nicht leid."
Hermine schnaubte und schüttelte den Kopf. „Wie konnte ich bloß auf die Idee kommen, dass Sie in den letzten Jahren Moralvorstellungen entwickelt hätten?", murmelte sie.
„Ich habe Moralvorstellungen, Miss Granger. Aber so bereitwillig, wie Sie mir Ihre Erinnerungen gezeigt haben, finde ich nichts, für das ich mich entschuldigen müsste."
Sie blitzte ihn wütend an. „Sie hätten sich die Erinnerungen auch angesehen, wenn ich sie Ihnen nicht gezeigt hätte! Vermutlich sogar noch mehr …"
„Und wenn es so gewesen wäre, würde ich mich dafür entschuldigen."
„Sie sind ein Bastard", sagte Hermine bitter.
Severus schnaubte. „Ich versichere Ihnen, meine Eltern – so unfähig sie auch gewesen sein mögen – waren verheiratet, als ich das Licht der Welt erblickte." Er trank einen Schluck von seinem Kaffee.
Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern in die Haare, stützte ihre Stirn in die Hände. „Sagten Sie nicht, Sie wollen mit mir reden?", fragte sie schließlich erschöpft und sah ihn aus geröteten Augen an.
„Ja. Wir müssen über Adia reden."
Da setzte sie sich aufrecht hin, drückte den Rücken durch. „Warum?"
„Sie sind einander sehr … nahe."
Hermine schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich teile mir einen Körper mit ihr, natürlich sind wir uns nahe."
„Ja", murmelte er. „Aber ist es noch Ihre Entscheidung, wann Adia die Kontrolle übernimmt?"
„Natürlich ist es das!", sagte sie entrüstet.
Severus beobachtete sie, wandte nicht eine Sekunde den Blick von ihren haselnussbraunen Augen. Und dann sah er es: Die Farbe ihrer Iris flackerte, wurde kurz dunkel. „Natürlich", wiederholte Severus, griff nach dem Buch und seinen Aufzeichnungen und stand auf. „Legen Sie sich noch etwas hin, Miss Granger." Dann verließ er die Küche.
Am Nachmittag wanderte Severus im Garten an der Barriere dieser Dimension entlang. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Stirn gerunzelt, betrachtete er das verschwommene Dahinter. „Kannst du mich hören, Albus?", fragte er schließlich, etwas lauter, als er es getan hätte, wenn sie einander gegenüber gesessen hätten.
Es dauerte fast eine Minute, aber dann hörte er sehr leise die Antwort: „Ja, ich höre dich."
Severus schnaubte. Es war merkwürdig befriedigend, recht behalten zu haben. Albus hätte ihn nicht nur niemals ohne Informationen zum Vicissitudo Virtus hier eingesperrt, er hätte auch niemals den Kontakt hierher komplett abgebrochen. Nicht so, wie Hermine und er hier angekommen waren.
Severus drehte sich mit dem Rücken zur Barriere und lehnte sich dagegen. So konnte er die Terrassentür im Auge behalten. Er wusste nicht, ob Hermine von diesem Kontakt nach außen wusste, aber er wollte nicht, dass sie dieses Gespräch mit anhörte. „Wo bleibt mein neuer Zauberstab?"
„Ich hatte noch keine Gelegenheit einen zu besorgen. Ich war ein paar Wochen unterwegs, bin letzte Nacht erst zurückgekehrt. Die Hauselfen haben in meiner Abwesenheit das Bestücken der Speisekammer übernommen."
Und Hauselfen konnten keine Zauberstäbe kaufen. Severus rümpfte die Nase. „Wie viel bekommst du mit von dem, was hier passiert?"
„Einiges", antwortet Albus. Seine Stimme klang so leise, als würde er von der einen Seite der Großen Halle aus in normaler Lautstärke mit ihm auf der anderen Seite der Halle reden. Severus musste aufpassen, dass er nichts verpasste. „Ich habe nebenbei noch einen Krieg zu führen, aber ich bekomme einiges mit, wenn ich hier bin."
„Hast du gesehen, dass Adia mal in Erscheinung getreten ist, seitdem wir hier sind?" Im Beet neben ihm streckte der Gnom den Kopf aus seiner Erdhöhle und sah Severus neugierig an.
Albus schwieg einen Moment. „Ja", sagte er dann. Severus glaubte, ihn seufzen zu hören. „Als ihr ankamt. Nachdem sie … Nach der Fehlgeburt hat Adia übernommen und sich um dich gekümmert."
Severus schloss die Augen, griff sich an die Nasenwurzel. „Wie konnte es dir nur entgehen, dass sie schwanger war?"
„Wie ich bereits sagte, ich habe nebenbei einen Krieg zu führen."
„Ja", grollte Severus, rümpfte die Nase. Die Barriere presste sich warm gegen seinen Rücken, die Sonne stand direkt darauf. „Trat Adia sonst nochmal in Erscheinung?"
„Nicht soweit ich es weiß. Warum fragst du?"
„Ich denke, sie gewinnt an Kontrolle über … Mrs Weasley. Ich denke, sie kann den Körper inzwischen steuern, ohne dass sie die Gestalt ändert."
„Bist du dir sicher?"
Severus verdrehte die Augen. „Natürlich bin ich mir nicht sicher! Nicht restlos jedenfalls. Glaubst du, sie erzählt mir freiwillig von solchen Dingen? Ich bin immer noch ich, Albus." Der Grund für den Tod ihrer Familie. Er warf einen wütenden Blick über die Schulter, so als würde Albus auf der anderen Seite der Barriere stehen. „Und selbst wenn sie es täte … Ich weiß nicht, wie bewusst es ihr ist." Er schnalzte mit der Zunge. „Aber ich habe zumindest einen begründeten Verdacht. Ich hab vorhin gesehen, wie ihre Augen sich verändert haben. Irgendwas stimmt da nicht."
Albus schwieg lange. „Versuch ihr zu helfen, Severus", sagte er schließlich.
„Und wie soll ich das tun? Es gibt keinen Weg, den Vicissitudo Virtus rückgängig zu machen!"
„Das ist so nicht ganz richtig", wandte Albus ein. „Es ist bisher nur niemand dazu gekommen, es zu versuchen. Die beiden Persönlichkeiten haben sich vorher stets gegenseitig zerstört."
„Oh, na das ändert natürlich alles", knurrte Severus und massierte sich die Stirn, hinter der es allmählich zu pochen begann.
„Der Vicissitudo Virtus ist ein Zaubertrank, Severus. Das ist dein Fachgebiet. Wenn ihr jemand helfen kann, dann du."
„Falls es dir entgangen sein sollte: Du hast uns hier eingesperrt, Albus! Ich kann nicht recherchieren! Ich habe nur ein winziges Labor! Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen!"
„Die Voraussetzungen könnten schlechter sein."
Severus schloss die Augen. Schlechter konnte es immer sein, aber ja, er würde es zumindest versuchen. „Ich brauche deine Hilfe, wenn ich ihr helfen soll", sagte Severus schließlich. „Vor allem brauche ich einen verdammten Zauberstab! Und weitere Literatur. Das Buch, das du mir hier gelassen hast, war ein guter Anfang, aber ich brauche mehr. Ich brauche alles, was du finden kannst über Versuche, den Vicissitudo Virtus rückgängig zu machen. Und ich brauche alles, was du über den Vielsafttrank finden kannst."
„Ich werde dir alles nötige besorgen und in der Speisekammer eine Kiste deponieren, die nur du öffnen kannst. Wir sollten Mrs Weasley und Miss Whitmore aus dieser Sache raushalten, so gut es geht."
„Ja", schnarrte Severus. Vermutlich würde es ohnehin Probleme geben, jetzt wo er Hermine auf die Möglichkeit hingewiesen hatte, dass sie nicht mehr die volle Kontrolle über Adia haben könnte. Aber sie musste nicht früher als nötig erfahren, dass Severus nach einem Weg suchte, den Vicissitudo Virtus umzukehren. Das würde auch so mühsam genug werden. „Oh, und schick auch Lakritze, Albus!"
Er hörte den Schulleiter schnauben. „Woraus bestand dein alter Zauberstab?", fragte er dann.
„Pinie mit einem Kern aus Drachenherzfaser, elfeinhalb Zoll", sagte Severus.
„Ich werde mich darum kümmern", versprach Albus.
„Tu das", murmelte Severus, stieß sich von der Barriere ab und kehrte ins Haus zurück.
Als er später an diesem Tag in sein Zimmer hinauf ging, hörte er Hermine in ihrem Zimmer murmeln. Severus zögerte kurz, dann ging er zu ihrer Tür und lehnte sein Ohr dagegen.
„Nein", sagte sie, „nein, nein, nein, nein!" Dann ein leises Stöhnen, ein Wimmern.
Severus öffnete die Tür und spähte ins Zimmer. Es war abgedunkelt und roch muffig. Sie schien zu schlafen, aber offensichtlich nicht besonders gut. „Bleib", murmelte sie gerade und warf den Kopf herum.
Severus ging zu ihr. „Miss Granger!", sagte er laut, aber sie reagierte nicht. Runzelte nur die Stirn, atmete schwer. Er streckte die Hand aus und berührte ihre Schulter. „Miss Granger!", wiederholte er und da wachte sie auf.
Sie erschrak und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, ehe sie ein Stück von ihm wegrutschte. Sie setzte sich heftig atmend auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und fuhr sich über das Gesicht. „Was tun Sie hier?", fragte sie durch ihre Hände hindurch.
„Sie aus einem Albtraum wecken, so wie Sie es mit mir getan haben." Er stand neben ihrem Bett und sah auf sie hinab. „Vielleicht sollten Sie auf Ihre eigene Behandlung zurückgreifen, Miss Granger."
Sie stützte den Kopf in die Hand. „Das geht nicht."
Severus zog die Augenbrauen hoch und wartete, aber sie schwieg. „Weil?", fragte er deswegen gedehnt.
„Weil mein Kopf nicht mir allein gehört!"
Er sah sich um, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich. „Ich denke, es wird Zeit, dass Sie mir die Wirkweise Ihrer Behandlung genauer erklären, Miss Granger."
Sie sah ihn missmutig an und Severus fragte sich unwillkürlich, wie dicht unter der Oberfläche Adia gerade war. Aber es war zu dunkel und er saß zu weit weg, um Hermines Augen erkennen zu können. „Ist das Ihr Ernst, Sir? Ich soll Ihnen hier und jetzt, in meinem Schlafzimmer, erklären, wie diese Tränke funktionieren? Finden Sie das nicht ein bisschen … aufdringlich?"
Nicht besonders dicht, vermutete er angesichts dieser Antwort. „Und Sie fragen sich, wie ich auf die Idee gekommen bin, in Ihren Geist einzudringen", entgegnete Severus kühl und stand auf. „Ich erwarte Sie in einer Stunde im Wohnzimmer. Oh, und … Sie sollten hier unbedingt mal lüften."
Als sie das Wohnzimmer betrat, waren ihre Haare immer noch nass und sie trug frische Kleidung. Mit verschränkten Armen setzte sie sich in den Sessel und schlug die Beine übereinander. Sah ihn schweigend an.
Severus legte das Buch weg, in dem er gerade gelesen hatte. „Nun?", fragte er dann.
„Was?", fragte Hermine scharf.
„Ihre Tränke, Miss Granger. Warum können Sie sie nicht nutzen?"
„Weil – wie ich vorhin bereits sagte – mein Kopf nicht mir allein gehört."
Severus atmete langsam aus. Musste er ihr wirklich helfen, wenn sie es doch so offensichtlich nicht wollte? Konnte er sie nicht einfach … ihrem eigenen Unheil überlassen oder so? Er schloss kurz die Augen. Nein. Nein, das konnte er nicht. Es waren genug Menschen für ihn oder seinetwegen gestorben. „Können nicht erst Sie und dann Miss Whitmore die Verarbeitung machen?", fragte er also beherrscht.
Sie stöhnte und er war überzeugt, sie hatte mal wieder die Augen verdreht. Sie oder … Adia. Er hatte Hermine selten die Augen verdrehen sehen und wenn, dann nie ihm gegenüber. „Nein", sagte sie in diesem Moment gedehnt.
Er sah sie an und kniff ein bisschen die Augen zusammen. Draußen dämmerte es langsam, das Licht war nicht mehr das beste im Wohnzimmer. Und sie saß mit dem Rücken zur Terrassentür, was es nicht leichter machte, die Farbe ihrer Augen zu erkennen. Severus dachte kurz nach. „Wenn Sie mir schon nicht um Ihretwillen erklären wollen, wie diese Tränke funktionieren, dann erklären Sie es mir um meinetwillen. Als Ihr Patient habe ich ein Recht darauf zu erfahren, wie es funktioniert hat."
„Reicht es nicht, dass es funktioniert hat?"
„Nein."
Sie presste die Lippen aufeinander, sah ihn sekundenlang unschlüssig an. Dann wandte sie den Blick ab, blinzelte und seufzte. „Wenn man … traumatische Dinge erlebt, werden die Erinnerungen nicht als Ganzes gespeichert", begann sie dann und Severus zog die Augenbrauen hoch. Ihr Tonfall war plötzlich ein ganz anderer, weicher, wärmer. Es war gleichzeitig beeindruckend und befremdlich. So sehr, dass ihm beinahe ihre weitere Erklärung entging: „Der Geist spaltet die Erinnerung auf. Die Gefühle werden getrennt von Sinneseindrücken und von den Bildern, manchmal gehen die Bilder sogar komplett verloren. Alles wird an unterschiedlichen Stellen im Geist verwahrt. Es kann nicht verarbeitet oder eingeordnet werden, kommt nicht zur Ruhe, drängt sich immer wieder auf." Sie rieb sich über die Stirn und als sie ihn jetzt ansah, lag tiefe Erschöpfung in ihrem Blick.
„Der erste Trank", fuhr sie nach einer Weile fort, „sucht diese Fragmente der Erinnerungen und setzt sie wieder zusammen. Er tut das, indem man die Erlebnisse noch einmal in dieser Art Schlaf erlebt. Der Zustand ist aber instabil. Die Erinnerungen würden nach wenigen Tagen wieder zerfallen, weil sie zu überwältigend sind. Deswegen darf man die Behandlung maximal vier Tage lang unterbrechen. Der Geist kommt damit langfristig nicht zurecht. Deswegen braucht es den zweiten Trank. Er reduziert den Gefühlsanteil der Erinnerungen. Er schwächt sie quasi, bis der Geist es aushalten und verarbeiten kann."
„Könnte man den zweiten Trank nicht nach jeder Einnahme des ersten nehmen?"
Sie seufzte leise. „Nein. Der Trank ist … ein bisschen heikel. Er greift in die Hirnchemie ein, er verändert die Erinnerungen. Man sollte ihn nur einmal nehmen. Jedenfalls … sollte man viel Zeit vergehen lassen, bevor man ihn ein zweites Mal nimmt. Monate, noch besser Jahre."
„Beeindruckend", sagte Severus, als sie am Ende ihrer Erläuterungen angekommen war. „Und warum können Sie sich dieser Tränke nicht bedienen?"
Wieder rieb sie sich die Stirn. „Ein Teil meines Geistes gehört … Adia. Er bleibt verschlossen, solange ich nicht ihre Gestalt annehme. Umgekehrt genauso. Die Erinnerungsfragmente liegen aber nicht nur in ihrem oder meinem Teil des Geistes, sondern in beiden. Bei jedem Wechsel von einer Gestalt in die andere kommt es zu Vermischungen von Gefühlen, Erinnerungen, Sinneseindrücken … Es würde nicht funktionieren."
Er schnalzte mit der Zunge. „Bedauerlich."
Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich komme zurecht."
Severus zog eine Augenbraue in die Stirn.
„Es gibt nicht nur diesen Weg, um mit belastenden Erfahrungen umzugehen, Sir!"
„Das ist mir bewusst, Miss Granger. Aber ich nehme an, jeder beinhaltet das Zusammenfügen der Erinnerungsfragmente?"
Sie biss die Zähne fest aufeinander, antwortete aber nicht.
Unbeirrt fuhr Severus fort: „Und wenn dieser Trank keinen Zugriff auf alle Fragmente hat, warum sollte Ihr Geist ihn haben?"
Sie verschränkte die Arme so fest vor der Brust, dass es aussah, als würde sie sich damit selbst die Luft abschnüren. „Man muss die Fragmente nicht unbedingt zusammensetzen, um damit klarzukommen!", zischte sie dann.
Severus lehnte sich zurück, schlug ein Bein über das andere. „Und wie sieht diese Variante dann aus? Versuchen Sie, Ihren Geist dazu zu zwingen, die Erinnerungsfragmente zu unterdrücken?"
Sie wandte den Blick ab.
„Das klingt ziemlich anstrengend, Miss Granger."
„Na und?", schnappte sie laut. „Ich habe keine andere Wahl! Adia ist nun mal da, ich werde sie nicht wieder los. Und ich will es auch gar nicht! Wir kommen zurecht, wir haben unseren Weg. Halten Sie sich da raus!" Sie sprang auf und war schon auf dem Weg zur Tür.
„Wie sieht Ihr Weg denn genau aus?", rief Severus ihr hinterher. „Überlassen Sie jedes Mal Adia den Körper, wenn es Ihnen zu viel wird, Miss Granger?"
Sie wirbelte herum. „Das geht Sie nichts an! Ich habe nicht um Ihre Hilfe gebeten! Halten Sie sich einfach … aus meinen Angelegenheiten raus!" Sie stürmte aus dem Wohnzimmer.
Severus biss die Zähne aufeinander, bis es knirschte. Er schluckte die Worte hinunter, die ihm auf der Zunge lagen. Dass Adia an Macht gewann und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie Hermine nicht mehr nach vorn lassen würde. Dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie einander gegenseitig zerstören würden, wenn Hermine ihren Körper nicht aufgeben würde. Bisher hatte Hermine Adia möglicherweise in Schach halten können, weil er nicht erfahren sollte, dass sie existierte. Jetzt, wo er es wusste, gab es vermutlich nicht mehr viel, das Adia noch zurückhalten würde.
An diesem Abend beschäftigte Severus sich weiter mit den Informationen, die er in dem Buch über die Gestaltwandlungen gefunden hatte. Die Abhandlung über den Vicissitudo Virtus war recht oberflächlich gehalten, es stand nicht viel darin, das Severus nicht ohnehin schon wusste.
Der Trank war eine Abwandlung des Vielsafttrankes. Anstatt eines Stücks der Person, in die man sich verwandeln wollte, fügte man ihm eine Kombination aus Zutaten hinzu, die man für den Charakter, der erschaffen werden sollte, passend findet. Die Anzahl der verschiedenen Zutaten war nicht beschränkt, je mehr man ihm beifügte, desto vielseitiger wurde die neue Persönlichkeit – aber anscheinend auch im gleichen Maße unkontrollierbarer.
Um die Zubereitung abzuschließen, wurde ein Zauber über den Trank gesprochen, der ebenfalls variabel war und die gewünschte Persönlichkeit abrunden sollte.
Severus schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, welche Zutaten und welchen Zauber Hermine benutzt hatte. Aber er wusste es nicht. Sie hatte ihm diese Erinnerung nicht gezeigt.
Beim letzten Absatz des Textes runzelte er die Stirn.
'Bisherige Versuche, den Vicissitudo Virtus umzukehren, sind stets gescheitert, was allerdings hauptsächlich in der Inkompatibilität der beiden Persönlichkeiten begründet lag; sie haben sich immer vorher gegenseitig zerstört. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Wirkung des Vicissitudo Virtus niemals gänzlich reversibel ist. Während der Vielsafttrank eine andere Persönlichkeit ausleiht und sie nach Ablauf einer Stunde wieder ihrem Besitzer überlässt, ist das Erschaffen einer neuen Persönlichkeit endgültig. Genauso wie neu erschaffenes Leben ist auch diese Persönlichkeit nicht wieder ins Nichts zurückführbar.'
Severus schloss die Augen und ließ die Worte durch seinen Kopf wandern. Niemals gänzlich reversibel. Gut. Aber vielleicht teilweise? Genauso wie neu erschaffenes Leben. Unwillkürlich dachte er an das Kind, das Hermine verloren hatte. Es würde sie niemals gänzlich verlassen, sie würde niemals wieder die Frau sein, die sie vor ihrer Schwangerschaft gewesen war. Das Kind – auch wenn es nie das Licht der Welt erblickt hatte – würde für immer ein Teil von ihr bleiben.
Aber es war trotzdem nicht da.
Er hob den Blick und sah aus dem Fenster. Es war schon dunkel, die Hitze der letzten Tage hatte endlich ein bisschen nachgelassen. Die absolute Stille irritierte ihn noch immer.
Die Darstellung in dieser Abhandlung schien zumindest mal eine Tür zu öffnen für einen Ausweg aus Hermines Situation. Auch wenn Severus nicht wusste, wie genau man diese Tür durchschreiten konnte, geschweige denn, was sich dahinter befand – es schien eine Tür zu geben. Solange Hermine sich weigerte einzusehen, dass Adia an Kraft gewann, würde er sich mit dem Schlüssel zu dieser Tür beschäftigen.
Hoffentlich fand Albus Literatur, die mehr zu diesem Thema hergab.
