Kapitel 2.02 – Die erste Lektion
Am nächsten Morgen fand Severus Hermine im Wohnzimmer. „Kommen Sie mit, Miss Granger", sagte er und ging, ohne auf ihre Antwort zu warten.
„Warum sollte ich?", rief sie ihm hinterher.
Dieses Mal war es Severus, der die Augen verdrehte, aber er sagte nichts. Er stieg die Treppe ins Labor hinab und begann, Zutaten aus dem Schrank zu holen und auf dem Tisch aufzustellen. Es dauerte etwa drei Minuten, ehe Hermine ihm folgte.
„Was soll das?", fragte sie, als sie am Fuß der Treppe angekommen war.
Severus beobachtete sie, vor allem ihre Augen. Er hatte einen Vermutung und er war gespannt, ob er damit recht behalten würde. Jetzt gerade waren ihre Augen dunkler, als sie es sonst waren. „Sie hatten beschlossen, eine Ausbildung bei mir zu machen, Miss Granger. Wir sollten damit anfangen."
Sie sah ihn an, dann sah sie die Zutaten auf dem Labortisch an. Hermine rieb sich die Stirn und stöhnte leise, aber als sie den Blick wieder hob, waren ihre Augen von einem klaren Haselnussbraun. Severus Mundwinkel zuckten. „Und womit wollen Sie anfangen?", fragte sie.
„Sagen Sie es mir", entgegnete Severus und deutete auf die Zutaten.
Hermine trat an den Tisch und betrachtete die Pflanzen, Knollen und das große Gefäß mit der klaren Flüssigkeit. Sie nahm die einzelnen Zutaten in die Hand, roch an der Flüssigkeit und sagte schließlich: „Wolfsbanntrank."
Severus nickte. „Erzählen Sie mir, was Sie darüber wissen."
„Abgesehen von den Zutaten … Der Wolfsbanntrank ermöglicht es einem Werwolf, während seiner Verwandlung bei klarem Verstand zu bleiben. Die Zubereitung ist kompliziert und riskant."
Er zog eine Augenbraue hoch. „Ist das alles?"
Eine leichte Röte stieg ihr den Hals hinauf. „Ich habe mich noch nie näher mit dem Wolfsbanntrank beschäftigt. In Hogwarts wurde er nicht gelehrt und Remus …" Sie verstummte.
„Was ist mit ihm?", fragte Severus; sie hatte in einer ihrer Erinnerungen gesagt, dass Lupin verschwunden war, aber nicht warum oder wohin.
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. „Niemand weiß, wo er ist. Er hat Kontakt zu den Werwölfen aufgenommen, um sie nach Voldemorts Tod davon abzuhalten, ihre eigene Revolution zu beginnen. Seitdem ist der Kontakt abgebrochen." Sie senkte den Blick. „Es gab also keine Notwendigkeit, mich mit dem Wolfsbanntrank zu befassen."
„Das werden wir jetzt ändern", entgegnete Severus.
„Wozu?"
„Wie meinen Sie das?"
Sie lachte kurz und freudlos auf. „Wozu muss ich wissen, wie man den Wolfsbanntrank zubereitet? Hier." Sie machte eine ausladende Geste mit den Händen. „Es ist nicht so, als ob wir ihn brauchen würden, oder?"
Nun verschränkte auch Severus die Arme vor der Brust. „Es ist auch nicht so, als ob wir hier noch einen zweiten Tränkemeister bräuchten." Sie war so anständig, wieder zu erröten. „Dieser Trank ist Teil der Ausbildung und ich werde es auch außerhalb von Hogwarts und unter diesen Umständen nicht tolerieren, dass Sie meinen Lehrplan anzweifeln, Miss Granger."
Sie schluckte. „Natürlich. Entschuldigen Sie, Sir."
„Gut. Sie haben die Zutaten also identifiziert. Benennen Sie sie."
Hermine wandte sich dem Labortisch zu und deutete auf die einzelnen Zutaten, als sie sagte: „Wolfswurzknollen, Affodillwurzel, Wermut, Schlafbohnen, Baldrianwurzel, Chloroform."
Severus nickte. „Was fällt Ihnen daran auf?"
„Abgesehen von den Wolfswurzknollen und dem Chloroform sind das die Zutaten für den Trank der lebenden Toten."
„Exakt. Der Wolfsbanntrank ist eine Abwandlung des Tranks der lebenden Toten, nur dass in diesem Fall lediglich der Wolfsanteil betäubt werden soll. Er wird nicht auf Wasserbasis zubereitet, sondern auf Chloroformbasis. Welche Gründe fallen Ihnen dafür ein?"
Während sie überlegte, behielt Severus sie im Auge. Seitdem sie angefangen hatten, über den Trank und die Ausbildung zu sprechen, war Adia in keiner Weise erkennbar gewesen. Severus fühlte sich bestätigt in seiner Vermutung, dass sie nicht nur kein Wissen über Zaubertränke besaß, sondern auch nicht das geringste Interesse daran hatte. Tränke waren möglicherweise ein Weg, um Adia aus Gesprächen auszuschließen.
Sie arbeiteten danach lang im Labor. Er erlebte Hermine in der gleichen Stimmung wie in den Tagen vor dem 31. Juli – belastet, aber höflich im Umgang mit ihm. So wie das Thema Zaubertränke Adia bändigen konnte, konnte das Lernen anscheinend Hermines Groll auf ihn bändigen.
Aber je länger sein Unterricht andauerte, desto unkonzentrierter und fahriger wurde sie. Zuerst glaubte Severus, sie sei einfach erschöpft. Sie hatte viel durchgemacht in letzter Zeit. Aber nach einer Weile verstand er, was passierte. Sie rieb sich immer wieder die Stirn, stöhnte immer wieder kaum hörbar auf – sie kämpfte gegen Adia. So desinteressiert Adia an Zaubertränken auch sein mochte, Hermine so lange den Vortritt zu geben, schien ihr noch weniger zu gefallen.
Der Trank wurde ein Desaster, aber das hatte Severus nicht anders erwartet. Auch er hatte beim ersten Mal drei Anläufe gebraucht, ehe er einen genießbaren (wobei das bei diesem Gesöff eine ironische Bezeichnung war) Trank herzustellen. Bevor das Chloroform komplett verdunsten konnte und die restlichen Zutaten zu einem angebrannten Klumpen auf dem Kesselboden verkamen, lösche Severus das Feuer und schwenkte den Kessel zur Seite. Er ließ sie nur einen Moment aus den Augen, aber als er sich wieder zu ihr umwandte, stand nicht mehr Hermine vor ihm.
„Hallo, Professor Snape", sagte Adia mit ihrer sehr tiefen Stimme und sah ihn von unten herauf an.
Severus verbarg seinen kleinen Schreck unter einem tiefen Atemzug. Sie war größer, als er es aus Hermines Erinnerungen heraus vermutet hätte, aber doch etwas kleiner als er selbst. Hermines Kleidung saß locker an ihrem Körper, ihre dunklen Augen blitzten. „Miss Whitmore", sagte Severus.
„Schön, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen." Ihr Blick glitt an ihm herab und wieder hinauf. „Wollen Sie sich gar nicht bedanken?"
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Wofür?"
„Ich hab Ihnen das Leben gerettet."
„Wenn ich mich richtig erinnere, war es Miss Granger, die mein Gefängnis gestürmt und mich hierher gebracht hat."
Adia verdrehte die Augen. „Ja, aus irgendeinem Grund wollte sie nicht, dass wir uns begegnen. Aber jetzt musste ich Sie kennenlernen. Sie sind immerhin der Grund für meine Existenz." Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich würde Sie ja Daddy nennen, aber dafür sind Sie zu heiß."
Severus rümpfte die Nase. Dann deutete er auf den Kessel mit den kläglichen Überresten des Wolfsbanntrankes und die anderen Werkzeuge und Instrumente, die sie in der letzten Stunde benutzt hatten. „Sie wissen, wie diese Dinge zu reinigen sind?"
Adia folgte seinem Fingerzeig. Ihr Blick glitt über den Labortisch, sie schürzte die Lippen.
„Nun?", hakte er nach einigen Sekunden nach.
Sie sah ihn an, lächelte. „Ich fürchte, ich habe nicht aufgepasst, Sir." Ihre Stimme, ihr Blick, ihre Körpersprache – alles strahlte Verführung aus. Sex war die Sprache, die sie sprach.
Severus runzelte die Stirn und konnte sich nur schwer davon abhalten, einen Schritt zurückzuweichen. Ihre Art, jetzt wo sie vor ihm stand, stieß ihn ab. „Es ist nicht schwierig. Etwas Wasser und Seife, eine Bürste und dann einfach schrubben. Seien Sie nur vorsichtig mit den Trankresten. Sie sind giftig", sagte er.
Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Was kümmert mich das?", fragte sie.
„Miss Granger ist mein Lehrling. Es ist ihre Aufgabe, das Labor nach der Benutzung aufzuräumen. Da Sie ihren Platz eingenommen haben, ist es nun Ihre Aufgabe."
Nachdem er ihren fassungslosen Blick eine Zeitlang erwidert hatte, nahm er das Tablett mit den übrig gebliebenen Trankzutaten und räumte sie in den Schrank. Als er zu Adia zurückkehrte, griff er beiläufig nach Hermines Zauberstab, den sie in den letzten Stunden beide benutzt hatten und der deswegen auf dem Labortisch gelegen hatte. Adia kniff die Augen zusammen.
„Worauf warten Sie, Miss Whitmore?", fragte Severus, als er ihrem Blick begegnete. „Die Instrumente und Werkzeuge reinigen sich nicht von allein."
Sie schnaubte. „Das werde ich nicht tun."
Er zog die Augenbrauen hoch. „Entweder Sie tun es, oder Sie überlassen Miss Granger wieder die Kontrolle. Wie Sie es machen, ist mir egal."
Adia antwortete nicht, sondern funkelte ihn nur an. Severus wandte sich ab, verließ den Keller und verschloss die Tür hinter sich – sowohl physisch als auch magisch. Dann steckte er den Zauberstab ein und ging in sein Zimmer hinauf.
Etwa zwei Stunden später hörte Severus ein leises Klopfen. Er hatte seine Zimmertür offen stehen lassen, um Hermines Rückkehr nicht zu verpassen. Dadurch hatte er auch Adias Wut nicht verpasst; anscheinend hatte sie das Labor in seine Einzelteile zerlegt und es hatte Severus sehr viel Selbstbeherrschung gekostet, sie machen zu lassen. Aber in der letzten halben Stunde war es ruhig gewesen.
Nun legte er das Buch und seine Notizen beiseite und ging hinunter. Ohne zu fragen oder zu zögern schloss er auf und sah sich einer recht zerzausten und erschöpften Hermine gegenüber. Ihr Gesicht war scharlachrot.
„Das Labor ist aufgeräumt und gelüftet. Ich bräuchte allerdings meinen Zauberstab, um die Gefäße zu reparieren", informierte sie ihn, als ob sie es gewesen wäre, die er dort unten eingesperrt hatte. Severus runzelte die Stirn und reichte ihr den Zauberstab. „Danke." Dann drehte sie sich um und stieg die Stufen wieder hinunter.
Er folgte ihr und zog die Augenbrauen hoch, als er den großen Scherbenhaufen auf dem Labortisch sah. Sein Blick glitt über die Regale. Kein einziges Glasgefäß stand mehr darin. Aber das Mobiliar hatte Adia in Ruhe gelassen. Immerhin. „Scheint eine unterhaltsame Zeit gewesen zu sein", murmelte er.
„Mh", machte sie. Dann berührte sie eine der größeren Scherben mit der Spitze ihres Zauberstabes und sagte: „Reparo!" Der Haufen schien von einer unsichtbaren Hand durchgewühlt zu werden und im nächsten Moment sprang ein Erlenmeyerkolben in die Luft.
Severus musste rasch zugreifen, damit er nicht herunterfiel und wieder zerbrach. Er drehte das Behältnis prüfend und nickte dann. „Perfekt."
Und so macht Hermine weiter. Bald standen so viele Gefäße und Instrumente um sie herum, dass Severus sie erst mal wegstellen musste, ehe sie weitermachen konnten.
„Adia kommt nicht besonders gut zurecht mit Zurückweisungen", stellte er nach einiger Zeit fest.
Hermine warf ihm einen schnellen Blick zu. „Wer tut das schon?" Zwei weitere Geräte später – ein kleines Becherglas und ein Gärröhrchen – fragte Hermine: „Woher wussten Sie, dass ich hinter der Tür stehen würde?"
„Adia hätte nicht geklopft."
Hermine schnaubte. „Doch, das hätte sie."
Severus hob eine Augenbraue.
Hermine legte den Zauberstab weg und nahm die beiden Glasgefäße, um sie ins Regal zu stellen. „Adia ist keine komplett eigenständige Persönlichkeit, Sir." Das Gärröhrchen fand seinen Platz so hoch oben im Regal, dass Hermine es mit den Fingerspitzen über die Kante schieben musste.
Severus, der das Gerät beinahe schon wieder in Scherben sah, streckte seine Hand aus, um ihr zu helfen. Dadurch kam er ihr sehr nahe und als Hermine dies bemerkte, drehte sie den Kopf zu ihm herum und ihre Blicke trafen sich.
„Adia ist ein Teil von mir. Was ich weiß, weiß auch sie", sagte sie schließlich leise und nahm die Arme herunter.
Severus trat einen Schritt zurück. „Weiß sie alles?"
„Weitestgehend."
Severus sah sie nachdenklich an. „Wissen Sie auch alles, was Adia weiß?"
„Weitestgehend", sagte sie wieder. Dann begegnete sie seinem Blick. „Was?"
„Es ist hilfreich, das zu wissen."
Sie presste die Lippen aufeinander, bis sie weiß wurden. „Ist sie für Sie ein Experiment?"
„Nein", entgegnete er.
Hermine musterte ihn prüfend. „Gut. Legen Sie sich nicht mit ihr an, Sir."
Severus schwieg, denn genau das war sein Plan. Wenn Adia in einen Machtkampf mit ihm geriet, hatte sie hoffentlich keine Zeit mehr, um einen Machtkampf mit Hermine auszutragen. Er musste Zeit gewinnen. „Sie sollten sich etwas hinlegen, Miss Granger. Die Laborarbeit war anstrengend. Und ich erwarte einen zwölf Zoll langen Aufsatz über die Zubereitung des Wolfsbanntrankes." Dann wandte er sich um und ging.
Am nächsten Morgen ging Severus in die Speisekammer und sah sich nach der Kiste um, von der Albus gesprochen hatte. Er fand keine und runzelte die Stirn. Es wurde Zeit, dass er einen Zauberstab bekam, wenn er sich weiter mit Adia anlegen sollte. Sie würde es sicherlich kein zweites Mal verpassen, Hermines Zauberstab an sich zu nehmen, bevor er es tun konnte.
Hermine saß am Küchentisch und schrieb an dem Aufsatz über den Wolfsbanntrank. Sie sah nicht mal zu ihm auf und Severus goss sich eine Tasse Kaffee ein, ehe er sich zu ihr an den Tisch setzte. In den darauf folgenden Minuten benutzte sie dreimal ihren Zauberstab, um einen Schreibfehler zu korrigieren, die letzten Worte zu löschen oder einen ganzen Absatz nach unten zu versetzen, um davor noch einen Satz einzufügen.
„Sie sind unkonzentriert", stellte Severus fest, als sie das vierte Mal zu ihrem Zauberstab griff.
„Sie machen mich nervös."
Er zog eine Augenbraue in die Stirn. „Ich dachte, das hätten Sie hinter sich."
Sie sah ihn verdrossen an. „Sie haben mich immer nervös gemacht, Sir."
„Miss Granger, wir wissen beide, dass das nicht stimmt."
Sie wandte den Blick ab.
Severus beschloss, das Thema fallen zu lassen. Vorerst. „Fühlen Sie sich dazu in der Lage, dem Wolfsbanntrank heute Nachmittag eine zweite Chance zu geben?"
Sie rieb sich die Augen. „Natürlich", murmelte sie. „Vorausgesetzt Sie lassen mich jetzt in Ruhe diesen Aufsatz fertig schreiben."
Severus lächelte flüchtig. „Natürlich", wiederholte er, trank seinen Kaffee aus und verließ die Küche.
„Wie hoch ist die Temperatur des Chloroforms?"
Hermine suchte nach ihrem Zauberstab, den sie sich zwischen die Zähne gesteckt hatte. Severus beobachtete es drei Sekunden lang, bevor er danach griff. Sie errötete und murmelte den Zauber, ohne seinem Blick zu begegnen. „60,7° Celsius", sagte sie.
„Welche Aconitin-Konzentration haben die Wolfswurzknollen?"
„Ähm …" Dieses Mal suchte sie nach dem Pergament, auf dem sie ihre Berechnungen notiert hatte. Das fand sie selbst hinter sich auf dem Labortisch. „2,5% die eine, 1,8% die andere."
„Und welche ist welche, Miss Granger?"
Sie deutete erst auf die eine, dann auf die andere Knolle und sagte: „1,8, 2,5."
„Sicher?", fragte Severus mit leicht zusammengekniffenen Augen.
Sie begegnete seinem Blick und reckte das Kinn vor. „Absolut sicher!"
Sein Mundwinkel zuckte. „Gut. Erläutern Sie mir Ihre Rechnung."
Sie strich über das Pergament. „Die Menge des Wolfsbanntrankes, die ich brauen will, entspricht sieben Dosen – der Trank muss eine Woche lang jeden Tag genommen werden. Pro Dosis müssen 2 Milligramm Aconitin im Trank sein, also brauche ich insgesamt 14 Milligramm. Von dieser Knolle" - sie deutete auf die mit der 1,8 Aconitin-Konzentration - „bräuchte ich dann Null Komma Periode sieben Gramm, von der anderen 0,56 Gramm. Da der Wert runder ist und die Menge des Aconitins exakt sein muss, würde ich also die Knolle mit 2,5% Aconitin nehmen."
„Gut. Machen Sie weiter." Severus lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Labortisch und beobachtete, wie Hermine die Wolfswurzknolle über eine Reibe zog. Während sie mit den einzelnen Krümeln kämpfte, um auf exakt 0,56 Gramm zu kommen, behielt er aus dem Augenwinkel das Chloroform im Auge. Der Kessel war mit einer Schutzsphäre belegt, damit nichts davon in ihre Atemluft gelangen konnte. Der Nachteil daran war, dass sich die Hitze darunter staute und seitdem Hermine die Temperatur das letzte Mal überprüft hatte, war sie garantiert angestiegen.
Severus musste sich fast auf die Zunge beißen, um sie nicht darauf hinzuweisen. Sie war keine Hogwartsschülerin mehr, sondern seine Auszubildende. Auch wenn sie im Moment belastet und der Wolfsbanntrank schwierig in der Herstellung war, erwartete er, dass sie zumindest die richtige Reihenfolge der Arbeitsschritte planen konnte. Sie hatte einen zwölf Zoll langen Aufsatz darüber geschrieben, in dem ein ganzer Absatz die Temperatur des Chloroforms behandelt hatte. Und er hatte ihr einen Hinweis gegeben, als er nach der Temperatur gefragt hatte.
Schließlich wandte sie sich mit einer kleinen Porzellanschale in der Hand zum Kessel um und ließ die winzige Menge Wolfswurzknollenabrieb durch die von außen durchlässige Schutzsphäre in den Kessel rieseln. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs rührte sie es unter das Chloroform.
„Wie viel Grad muss das Chloroform haben, wenn die Wolfswurzknolle hinzugegeben wird, Miss Granger?", fragte er, nicht mal in besonders scharfem Ton, aber es reichte, damit ihr die Farbe aus dem Gesicht wich.
Mit zitternder Hand hob sie den Zauberstab und beschwor die Temperatur herauf. „0,5° weniger, als es jetzt hat."
Severus zog die Augenbrauen in die Stirn und streckte die Hand nach ihrem Zauberstab aus. „Evanesco!", sagte er, nachdem sie ihn ihm gegeben hatte. Die Chloroform-Wolfswurz-Mischung verschwand.
Hermine rieb sich über die Stirn und steckte ihren Zauberstab zurück in die Tasche. „Es tut mir leid, Sir."
„Der Trank ist herausfordernd und ich erwarte nicht, dass Sie ihn in einem der ersten drei bis fünf Versuche fehlerfrei zubereiten. Aber ein Fehler bei der Temperatur des Chloroforms ist mit der richtigen Planung vermeidbar."
„Ich weiß", murmelte sie.
„Warum haben Sie nicht richtig geplant?"
„Die Planung war richtig! Aber ich hab … versehentlich eine Zeile übersprungen."
Severus streckte eine Hand aus und sie gab ihm ihre Planung der Arbeitsschritte, die neben den Zutaten auf dem Labortisch lag. Severus überflog die Zeilen. Ja, geplant hatte sie richtig. Unter 'Berechnung der Wolfswurzmenge' stand 'Vorbereiten des Wolfswurz' und erst danach kam 'Chloroform erhitzen'. Severus ließ das Pergament sinken. „Was an mir ist es, das Sie jetzt wieder nervös macht, Miss Granger?"
Sie schluckte. „Wie bitte?"
„Sie sagten vorhin, ich würde Sie nervös machen. Dass Sie einen Schritt Ihrer Trankplanung übersprungen haben, liegt entweder daran – oder Sie sind unfähig, Ihre eigene Planung zu befolgen. Aber ich weiß, dass das nicht der Fall ist, denn das wäre mir in der Vergangenheit aufgefallen."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, kaute auf ihrer Unterlippe herum, aber sie antwortete ihm nicht.
„Miss Granger, bitte!", sagte Severus und verdrehte die Augen.
„Ich wollte nicht, dass Sie jemals von Adia erfahren", sagte sie daraufhin leise.
Er runzelte die Stirn. „Warum haben Sie mir die Erinnerungen dann gezeigt?"
Sie fing seinen Blick ein, presste die Lippen aufeinander.
Da endlich begriff Severus. „Nicht Sie haben mir die Erinnerungen gezeigt …"
„Nein."
Er sah sie unverwandt an, während ihm zweierlei bewusst wurde. Erstens: Hermines Kontrolle über Adia war noch schlechter, als er es vermutet hatte. Zweitens: Adia wollte unbedingt Kontakt zu ihm. Noch während ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging, sah er, wie Hermines Augen dunkler wurden. Seine Lippen spannten sich an. „Wir machen für heute Schluss", sagte er, „Räumen Sie hier auf, bevor Sie gehen."
An diesem Tag und am darauf folgenden gab es wiederholt Momente, in denen er sich mit Hermine unterhielt und sah, wie Adia sich in das Gespräch einzumischen versuchte. Jedes Mal brach Severus das Gespräch ab und verließ den Raum. Hermine war sichtlich irritiert von seinem Verhalten. Sie merkte es also anscheinend nicht automatisch, wenn Adia sich nach vorn zu drängeln versuchte. Vielleicht war es für sie bereits zu normal geworden, dass das passierte.
Severus hoffte, dass seine Ignoranz Adia wütend genug machen würde, um sich auf ihn zu konzentrieren. Aber es machte ihn zunehmend nervös, dass er ihr ohne Zauberstab begegnen musste. Er hatte darüber nachgedacht, Hermines Zauberstab einzufordern, aber wie hätte er das begründen sollen, ohne ihr seine Gedanken zu erläutern? Gedanken, die Adia in keinem positiven Licht dastehen ließen. Hermine hatte sie bisher vehement verteidigt. Adia war wichtig für sie. Sie würde ihm ihren Zauberstab nicht aushändigen.
Auch an diesem Tag fand er keine Kiste in der Vorratskammer. „Was dauert denn jetzt noch so lange, alter Mann?", grollte Severus, ehe er in die Küche ging. Ja, Albus hatte nebenbei einen verdammten Krieg zu führen – aber er hier auch und es wäre wirklich außerordentlich zuvorkommend, wenn er …
Ein Knall riss Severus aus seinen Gedanken. Er wirbelte herum. Adia hatte hinter der Küchentür auf ihn gelauert und sie laut ins Schloss gestoßen. „Jetzt wirst du nicht mehr weglaufen", sagte sie.
Severus spannte seinen Körper an, um sich davon abzuhalten, einen Schritt zurückzuweichen. „Was wollen Sie, Miss Whitmore?"
Sie schnaubte. „So förmlich …" Sie kam langsam auf ihn zu, schwang dabei geschmeidig die Hüften. „Man könnte glatt meinen, dass du mich als Person betrachtest."
Severus zog die Augenbrauen in die Stirn. „Sie mich offensichtlich nicht."
Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. „Du warst mein Auftrag. Ein ziemlich undankbarer, wie ich immer noch finde. Ist ein kleines Dankeschön wirklich zu viel verlangt?"
„Ist es."
Sie lachte. „In Hermines Kopf existieren zwei Varianten von dir, wusstest du das? Einmal der kaltherzige Bastard von Hogwarts und dann … jemand anderes. Ich habe mich immer gefragt, wie das zusammenpasst. Und dann dachte ich, hey, sie hat auch zwei Seiten, warum also nicht? Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie dem kaltherzigen Bastard das Leben retten würde. Ich dachte, der würde der Vergangenheit angehören oder so. Warum hätte sie das hier …" Sie deutete an sich herab. „… für jemanden wie dich tun sollen?"
„Sind Sie fertig mit ihren Selbstgesprächen?", fragte Severus gelangweilt.
„Hast du etwas Besseres zu tun?"
„Alles ist besser, als Ihnen zuzuhören."
Um ihre Augen zuckte es, dann kam sie noch näher auf ihn zu. So nahe, dass sie die Hand ausstrecken und sie auf seine Brust legen konnte. Bevor ihr das jedoch gelang, griff Severus nach ihrem Handgelenk. „Du kannst mich nicht für immer ignorieren, Severus." Sein Name rollte über ihre Zunge, dass es ihm eine Gänsehaut den Rücken hinab jagte.
Er rümpfte die Nase und beugte sich ihr ein kleines Stück entgegen, ohne ihr Handgelenk loszulassen. „Wollen Sie wetten?", schnarrte er. Dann stieß er sie zur Seite, so dass sie zwei Schritte von ihm weg taumelte, und durchquerte die Küche.
Er riss die Tür auf und war schon beinahe bei der Treppe, als sie ihm hinterherrief: „Jederzeit, Severus!"
Er wirbelte herum. Das letzte, das er sah, war die Spitze von Hermines Zauberstab.
Das letzte, das er hörte, war Adias Stimme, die sagte: „Stupor!"
