Kapitel 2.03 – Recherchen
Severus wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Hermine ihn aufweckte. Sein Schädel dröhnte. Er sah sich blinzelnd um. Das Wohnzimmer. Die Couch. War er nicht schon mal so aufgewacht? Er stöhnte.
Hermine hielt ihm eine Phiole entgegen und als er kurz daran roch, erkannte er den Schmerztrank. Er kippte ihn in einem Zug runter. „Danke", sagte er und setzte sich auf.
„Dafür nicht. Wenn ich Adia schon nicht zügeln kann, kann ich wenigstens ihr Chaos aufräumen." Sie setzte sich auf den Tisch hinter sich.
Severus sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ja, Sie …" Hermine unterbrach sich. „Du?"
Er zuckte mit den Schultern. Sie war zum Sie zurückgekehrt, es war ihm inzwischen völlig gleich.
„Du hattest recht", murmelte sie daraufhin.
Severus nickte langsam. Aber er wollte darüber nicht mit ihr reden. „Woher kommen diese Kopfschmerzen?", fragte er.
„Vom Sturz. Du hattest eine Platzwunde am Kopf. Sie sollte inzwischen weitestgehend verheilt sein."
„Gut eine Heilerin im Haus zu haben", stellte er fest und lehnte sich nach hinten. Ein leichtes Pochen war geblieben, aber damit kam er nach siebzehn Jahren in Hogwarts zurecht.
„Schon", erwiderte Hermine mit einem leisen Lächeln. Dann griff sie hinter sich und hielt ihm ein kleines Glasfläschchen hin, in dem eine weiße Substanz war, nicht flüssig, nicht gasförmig. Eine Erinnerung. „Die solltest du dir anschauen."
Er nahm ihr die Glasflasche aus der Hand. „Das werde ich."
Sie zögerte, biss sich auf die Unterlippe. Dann ließ sie ihren Zauberstab aus dem Ärmel in ihre Hand gleiten. „Und den solltest du auch nehmen."
Severus tat es, wich dabei aber ihrem Blick aus. Hermines Einsicht kam mit einem Preis, den er lieber nicht gezahlt hätte. Adia hatte jetzt zwei Feinde im Haus – und einer davon konnte sich nicht vor ihren Angriffen schützen. Aber noch weniger als Adia gegen Hermine aufzubringen, wollte er sie weiterhin bewaffnet wissen. Erst recht nicht solange er es nicht war.
„Ich geh dann mal. Ich hab noch ein Protokoll über die letzte Unterrichtsstunde zu schreiben."
Er nickte und sah ihr hinterher. Dann stand auch er auf und ging in sein Zimmer hinauf. Er hatte sich eine Erinnerung anzusehen.
Es war die Erinnerung an die Zubereitung des Vicissitudo Virtus. Hermine hatte einen Weg gefunden, ihm mitzuteilen, welche Zutaten sie neben den Standardzutaten hinzugefügt hatte, ohne es Adia wissen zu lassen. Jedenfalls vermutete er, dass Adia nicht wusste, welche Erinnerung Hermine ihm gegeben hatte.
Erst war er überrascht gewesen, dass sie seine Pläne zu erahnen schien. Und dann fiel ihm ein, dass sie Hermine Granger war, auch wenn sie jetzt Weasley hieß. Sie hatte schon immer mehr verstanden und mehr gewusst, als gut für sie war.
Severus schob das kleine Denkarium von sich und holte seine Notizen hervor. Sekret der Drosera, schrieb er auf, Ebenholz, Mischung Drachenblut/Ronald Weasleys Blut, Einhorntränen. Er rümpfte die Nase. Hatten es denn unbedingt Einhorntränen sein müssen?
Aber zumindest erklärte das, warum er noch am Leben war. Er hatte sich gefragt, warum Adia ihm nicht den Todesfluch auf den Hals gehetzt hatte. Wütend und impulsiv genug wäre sie gewesen (die Impulsivität kam definitiv von Weasleys Blut, auch wenn Weasley niemals den Todesfluch benutzt hätte). Aber die Einhorntränen waren eine so mächtige reine Komponente, dass sie vermutlich nicht in der Lage war, Schwarze Magie anzuwenden.
Severus war um seinetwillen dankbar dafür, dass Hermine diese Zutat hinzugefügt hatte; um ihretwillen bedauerte er es, denn er hatte keine Idee, wie er sie ausgleichen konnte.
Und er befürchtete, dass er um einen Ausgleich der Zutaten nicht herumkommen würde. Der Umkehrtrank für den Vielsafttrank würde sicherlich eine gute Basis bilden, er beendete zumindest den Vielsaftanteil des Vicissitudo Virtus. Aber für alle anderen Zutaten würde er ein mindestens gleich starkes Gegenstück finden müssen.
Und einen Umkehrspruch. Indigeo uxor periculosus, schrieb er in die Zeile unter den Zutaten. Das war der Spruch, mit dem Hermine die Herstellung des Trankes abgeschlossen hatte. Severus schnaubte. Sie hatte versucht, die Femme fatal ins Lateinische zu übersetzen. Als ob das Sekret der verdammten fleischfressenden Pflanze nicht gereicht hätte!
Aber das Sekret könnte er vielleicht mit Aloe Vera ausgleichen; der Sonnentau nutzte sein Sekret für die Zersetzung der gefangenen Insekten, Aloe Vera unterstützte die Heilung. Das sollte funktionieren. Ebenholz ließ sich mit gebleichtem Bergahorn ausgleichen und auch für das Blut würde sich eine Lösung finden. Aber Einhorntränen … Severus schnaufte unzufrieden.
Dann klappte er sein Notizbuch zu. Er würde erst mal abwarten, was Albus ihm für Literatur schickte. Vielleicht gab es einen anderen Ansatz, um den Vicissitudo Virtus umzukehren, an den er nicht dachte. Vielleicht musste er sich nicht mit den Einhorntränen befassen.
Am nächsten Morgen fand er endlich die Kiste in der Speisekammer, die Albus ihm angekündigt hatte. Darin lagen vier Bücher und eine schmale Schachtel mit einem neuen Zauberstab. Severus nahm alles mit nach oben in sein Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich und sah sich die Bücher genauer an. Die verschiedenen Gesichter des Vielsafttranks von Skylar Locket, Vicissitudo Virtus – Eine Chronik von Gail Heron, Umkehr des Unumkehrbaren von Glen Medlar und Theorie der fortgeschrittenen Zutatenlehre von Reed Gorgon. Letzteres hatte Severus während seiner eigenen Ausbildung mal gelesen, seitdem aber nicht mehr in der Hand gehabt. Ihm hatte einfach die Zeit gefehlt, um sich ausgiebig mit der Trankentwicklung zu befassen.
Die anderen Bücher kannte er nicht und da er Geräusche aus Hermines Zimmer hörte, beschloss er, sich später damit zu befassen. Er nahm seinen neuen Zauberstab aus der Schachtel – Ebenholz mit einem Kern aus Drachenherzfaser, 12 Zoll – und schwang ihn durch die Luft. Ein paar Funken stoben aus der Spitze. Severus runzelte die Stirn. So gut wie sein alter Zauberstab passte dieser nicht zu ihm, aber doch etwas besser als Hermines. Bis sie hier rauskamen und er sich selbst einen neuen Zauberstab besorgen konnte, musste es reichen.
Er belegte die Bücher mit einem Illusionszauber und stellte sie zu den anderen ins Regal neben der Tür. Hermines Zauberstab schloss er in seinen Nachtschrank ein, nun da ihm diese Möglichkeit wieder offen stand. Dann ging er hinunter in die Küche und bereitete das Frühstück vor.
Sie war still und sie aß langsam. Severus beobachtete sie. Mit den Gedanken schien Hermine ganz woanders zu sein, nicht hier am Tisch, nicht beim Frühstück. Ihr Porridge musste längst kalt sein, genauso wie ihr Kaffee.
Auf einmal hob sie den Kopf und fragte: „Ist der Wolfsbanntrank der einzige Trank, der auf Chloroformbasis zubereitet wird?"
Severus runzelte die Stirn. Sein Blick glitt über ihre zusammengepressten Lippen und die weißen Fingerknöchel der Hand, mit der sie ihren Löffel festhielt. Und über ihre Augen. „Ja", sagte er deswegen, „Es ist der einzige Trank, der eine Chloroformbasis hat. Aber Chloroform findet als Lösungsmittel auch in anderen Tränken Anwendung."
Sie nickte, schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Als sie blinzelte, war Adia wieder abgetaucht. Hermine wandte sich wieder ihrem Porridge zu und rümpfte die Nase, als sie merkte, was Severus bereits vermutet hatte: Er war kalt. Sie schob die Schüssel von sich und rieb sich die Stirn.
„Du versuchst sie zu kontrollieren?", fragte Severus.
Hermine nickte. „Sie hat dich angegriffen, das darf nicht nochmal passieren."
Er wollte sie schon darauf hinweisen, dass er ihren Zauberstab hatte, aber dann dachte er daran, wie Adia gekämpft hatte. Sie war nicht nur mit einem Zauberstab gefährlich. „Es ist sehr nobel von dir, mich schützen zu wollen, aber du solltest in erster Linie dich selbst schützen." Er fing ihren Blick ein und hielt ihn fest. Es dauerte kaum fünf Sekunden, ehe das Haselnussbraun sich verschleierte. „Soll ich deinen Porridge nochmal aufwärmen?"
Hermine runzelte die Stirn. „Nein", murmelte sie, „Ich hab keinen Hunger mehr."
Severus nickte, stand auf und ging.
Entgegen der Überzeugung aller, Severus sei ein Mensch, der die Dunkelheit und Kälte des Kerkers allem anderen vorziehen würde, verbrachte er eigentlich sehr gern Zeit draußen und in der Sonne. Sein Beruf hatte nur all die Jahre seine Möglichkeiten limitiert. Wenn er keine Unterrichtsstunden vorbereitet hatte, hatte er Tränke für Poppy gebraut, Trankproben benotet, Aufsätze und Prüfungen korrigiert, an meistens sinnlosen Lehrerkonferenzen teilgenommen, sich mit den Dummheiten der Schüler seines Hauses auseinandergesetzt oder sie vor den Kollegen verteidigt. Nichts davon hatte sich draußen abgespielt – und wenn doch, dann nur weil die Dummheiten seiner Schüler besonders dumm gewesen waren. Freizeit hatte er meistens in der Zeit zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht gehabt, sowie in der kostbaren Stunde nach dem Aufstehen und vor dem Frühstück am Morgen. Und nach der Rückkehr des Dunklen Lords war auch davon nicht viel übrig geblieben.
Er hatte aber zugegebenermaßen auch nie versucht, diese Überzeugungen zu korrigieren. Es war seiner Tarnung zuträglich gewesen, dass alle ihn für … wie hatte Adia diese Seite von ihm nochmal genannt? Genau, den kaltherzigen Bastard von Hogwarts. Es war hilfreich gewesen, dass alle ihn dafür gehalten hatten.
Hier allerdings gab es weder Aufgaben, die ihn davon abhielten, noch die Notwendigkeit, der kaltherzige Bastard zu sein. Jedenfalls nicht rund um die Uhr. Und so hatte er sich mit einem der Bücher, die Albus ihm geschickt hatte, auf die Terrasse gesetzt. Natürlich hatte er das Buch mit einem Illusionszauber belegt, nur er konnte lesen, was tatsächlich darin stand. Sowohl für Hermine, als auch für Adia würde der Titel Die Koboldaufstände und ihre Folgen für die Neuzeit lauten.
Tatsächlich war es die Abhandlung über den Vielsafttrank. Es gab sogar ein komplettes Kapitel über den Vicissitudo Virtus, das er als erstes gelesen hatte. Skylar Locket hatte sich intensiv beschäftigt mit dem Zusammenspiel der beiden Persönlichkeiten und er hatte sogar jemanden gefunden, der den Vicissitudo Virtus nicht nur einmal, sondern gleich zweimal angewandt hatte – und vermutlich hätte er es auch noch ein drittes Mal getan, wenn die beiden neuen Persönlichkeiten ihn nicht vorher mental überwältigt und handlungsunfähig gemacht hätten, bevor sie einander gegenseitig zerstört hatten. Unglücklicherweise war dabei auch der Körper zerstört worden. Die Beschreibung war verstörend blutig.
Aber der Abschnitt über die mentalen Auswirkungen des Trankes war interessant. Es war anscheinend so, dass die beiden Persönlichkeiten nur eingeschränkt Zugriff auf die Erfahrungen der jeweils anderen Persönlichkeit hatten. Adia konnte auf Hermines Erinnerungen zugreifen, aber sie hatte keinen Zugriff auf Hermines Emotionen. Und offensichtlich bereitete es ihr auch Schwierigkeiten, auf Hermines Faktenwissen zuzugreifen, denn sonst hätte sie keine Schwierigkeiten gehabt, die Tränke für Lucius zuzubereiten, ohne Hermine an die Oberfläche zu lassen. Umgekehrt war es genauso. Hermine wusste, was Adia getan und erlebt hatte, aber sie hatte keinen emotionalen Bezug dazu, und sie konnte Adias Kampferfahrung nicht nutzen, ohne Adia das Ruder zu überlassen.
Severus ließ das Buch sinken und dachte zurück an die Erinnerungen, die er in Hermines Geist gesehen hatte. Es war eine Mischung aus Hermines und Adias Erinnerungen gewesen. Beim Ansehen von Erinnerungen konnte er den emotionalen Anteil bedauerlicherweise nicht beurteilen; vielleicht wäre ihm sonst eher aufgefallen, dass nicht Hermine ihm die Erinnerungen gezeigt hatte.
Aber er dachte insbesondere an die Erinnerung an Weasleys Tod. Adia hatte das beobachtet, nicht Hermine. Dem Text von Skylar Locket nach zu urteilen, hatte Hermine also keinen emotionalen Bezug zu dieser Erinnerung. Das würde erklären, warum sie nicht nur hier, sondern auch vorher schon so wenig um ihren Mann hatte trauern können. Sie hatte danach zwar seine Leiche gesehen und sich von ihm verabschiedet, aber Severus kannte die Mechanismen des Geistes. Was nicht wahr sein durfte, wurde geleugnet.
Severus las weiter und war beeindruckt davon, wie tiefgehend Skylar Locket den Vicissitudo Virtus behandelt hatte, obwohl sein Buch eigentlich dem Vielsafttrank gewidmet war.
Er wurde unterbrochen, als Hermine die Terrasse betrat. Sie war blass und hatte die Arme um sich geschlungen. Aber das war es nicht, was Severus die Augenbrauen hochziehen ließ. Sie trug einen Pullover. Bei fast dreißig Grad Außentemperatur trug sie einen dicken Pullover und klapperte trotzdem mit den Zähnen. „Bist du krank?", fragte Severus, dem schon in seinem Hemd warm war, obwohl er die Ärmel hochgekrempelt hatte.
Sie setzte sich auf den Absatz der Terrasse und schüttelte den Kopf. „Nein, n-nur erschöpft."
Severus legte das Buch weg und hockte sich vor sie. Jetzt, wo das Sonnenlicht direkt in ihre Augen fiel, konnte er besonders gut beobachten, wie die Farbe immer wieder zwischen haselnussbraun und dunkelbraun schwankte, mal stufenlos in einer homogenen Mischung der Farben, manchmal wie ein Flackern zwischen beiden Extremen.
„Warum schaust d-du mir in letzter Zeit im-mer so tief in die Augen?"
„Weil man es sehen kann", sagte Severus mit gerunzelter Stirn.
Hermine wusste genau, was er mit es meinte. Sie schluckte, senkte den Blick und rieb sich über die Stirn.
„Das ist es nicht, was ich meinte, als ich sagte, du solltest dich schützen, Hermine."
Sie schnaubte leise. Aber Severus hatte den Eindruck, dass ihr Zittern hier in der Sonne allmählich nachließ. „Sie will meinen Körper haben, Severus. Was sollte ich denn deiner Meinung nach sonst schützen, wenn nicht meinen Körper?"
„Deinen Geist."
Sie sah ihn an auf die gleiche intensive Art, auf die er sie in den letzten Tagen immer angesehen hatte. Holte zitternd Luft. Und dann sah er die Verwandlung das erste Mal außerhalb ihrer Erinnerungen passieren. Ihre Augen wurden so dunkel, dass sie selbst im Sonnenlicht fast schwarz aussahen. Die Haare glätteten sich, wurden länger und rabenschwarz. Ihre Haut bekam einen warmen Karamellton und die Gesichtszüge wurden schmaler, kantiger. Als die Verwandlung abgeschlossen war, lächelte Adia ihn an. „Sie hat sich deinen Rat zu Herzen genommen, Severus."
Er stand auf und wandte sich von Adia ab. „Gut für sie", sagte er, nahm im Vorbeigehen das Buch an sich und kehrte ins Haus zurück.
„Du wagst es tatsächlich immer noch, mir den Rücken zuzuwenden?", rief sie ihm hinterher.
„Offensichtlich", knurrte Severus. Selbst hier hielt man ihn noch von der Sonne fern.
Er sah Hermine danach mehrere Tage nicht mehr. Und Adia ging er gezielt aus dem Weg. Das Talent, sich ungesehen fortzubewegen und plötzlich wie aus dem Nichts aufzutauchen, das er sich in Hogwarts antrainiert hatte, kam ihm dabei zu Gute. Das und der eine oder andere Illusionszauber, die mit ausreichend Geschick fast so hilfreich waren wie Potters Tarnumhang.
Severus konnte dabei zusehen, wie Adia zunehmend wütend wurde. Er hörte sie fluchen und Selbstgespräche führen. Er hörte sie ihn anbrüllen und zog beeindruckt die Augenbrauen hoch angesichts ihres Vokabulars. Ob diese Worte wohl aus Hermines Wortschatz stammten? Oder hatte Adia sie mitgebracht?
Severus verbrachte diese Tage, in denen er keinen Trank anfangen konnte, ohne sich zu verraten, entweder in seinem Zimmer oder auf der Terrasse. Er kochte sich auch nichts zu essen, sondern ernährte sich weitestgehend von Toast, Obst und Kaffee – er hatte schon schlechter gegessen. In dieser Zeit las er sich einmal quer durch die Bücher, die Albus ihm geschickt hatte, und musste am Ende feststellen, dass es keinen Weg vorbei an den verdammten Einhorntränen gab. Selbst in Umkehr des Unumkehrbaren hatte er keinen anderen Ansatz gefunden, dafür aber zumindest ein paar Tränke, bei denen er nachgewiesenermaßen funktioniert hatte. Über den Vicissitudo Virtus hatte er dort leider nichts gefunden.
Worüber sich aber alle Bücher, die den Vicissitudo Virtus behandelt hatten, einig zu sein schienen, war, dass er bald anfangen sollte, den Umkehrtrank zuzubereiten. Insbesondere die Chronik machte ihn diesbezüglich nervös; die Darstellung der bekannten Vicissitudo Virtus-Fälle, die dort beschrieben waren, hatten allesamt ein schauriges Ende gefunden.
Am Abend des dritten Tages – Severus hatte gerade eine Bestellung für Albus in der Speisekammer hinterlegt – stellte Adia sich direkt vor ihn in den Flur und weil sie ihn wegen der Illusionszauber trotzdem nicht sehen konnte, rief sie laut: „Das wirst du bereuen, Severus Snape!" Dann wandte sie sich um und lief die Treppe hinauf. Hermines Zimmertür knallte laut hinter ihr zu.
Severus sah ihr mit gerunzelter Stirn hinterher.
Aber Adia hielt ihr Wort: Er bereute es, sie so sehr gereizt zu haben.
In dieser Nacht wachte er auf und wusste im ersten Moment gar nicht warum. Seitdem er Hermines Behandlung abgeschlossen hatte, plagten ihn keine Albträume mehr. Jedenfalls keine, die er nicht kontrollieren konnte. Keine, die ihn überwältigten und aus dem Schlaf rissen. Sie waren nicht belastender als das, was er bereits seit seiner Jugend an Albträumen erlebte, sie hingen ihm nicht sehr nach. Nein, Träume waren es nicht, die ihn geweckt hatten.
Er horchte. Und hörte ein Wimmern.
Severus stand auf und belegte sich erneut mit einem Illusionszauber, bevor er seine Tür entriegelte und leise auf den Flur schlich. Das Wimmern wurde lauter, schwoll zu einem Schluchzen an. Es kam aus Hermines Zimmer. Und es war Hermines Stimme.
Er hob den Zauber wieder auf, klopfte leise gegen ihre Tür und betrat das Zimmer, ohne auf ihre Aufforderung zu warten. Ein Schwenk seines Zauberstabes sorgte für ein schummriges Licht, das weder ihm noch ihr in den Augen wehtun würde.
Hermine saß auf der Bettkante, die Hände links und rechts von sich in die Matratze gestemmt. Sie weinte, wie er noch nie jemanden hatte weinen hören. Es war so heftig, dass es ihren ganzen Körper schüttelte. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, sie sah nicht mal zu ihm auf.
Severus ging vor ihr in die Hocke und versuchte, ihren Blick einzufangen. „Hermine", sagte er, aber sie reagierte nicht. Sie hustete, als hätte sie sich an ihren eigenen Tränen verschluckt. Severus griff nach ihrer linken Hand; sie zog sie weg, kaum dass er sie berührt hatte. Wischte sich mit dem Arm über das Gesicht, ließ ihn aber nicht wieder sinken. Sie versteckte sich regelrecht dahinter.
Er seufzte, seine Beine wurden taub und er ging auf die Knie. Was hatte Adia ihr angetan?
Severus rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Sollte er ihr einen Beruhigungstrank geben? Würde es das tatsächlich für sie besser machen oder nur für ihn, weil er sie dann nicht mehr so weinen sehen musste? „Hermine, bitte rede mit mir! Was soll ich tun?" Aber sie schwieg.
Schließlich traf er eine Entscheidung. Er stand auf und setzte sich neben sie. Dann legte er seine Hand auf ihren Rücken und als sie ihn nicht abschüttelte oder sich aus der Berührung wand, legte er ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Er war nicht gut ihm Trösten, das hatte er immer anderen überlassen. Er hatte nur dabei zugesehen. Aber die wenigen Male, die Narcissa aufgebracht gewesen war, hatte Lucius sie auf ähnliche Art in den Arm genommen und es hatte geholfen. Vielleicht würde es auch Hermine helfen, selbst wenn sie keine emotionale Beziehung zueinander hatten.
Zumindest mal wehrte sie sich nicht dagegen. Ihr Weinen klang nun etwas gedämpft und das dünne Hemd seines Schlafanzuges war bald völlig durchnässt. Ihr schmaler Körper bebte in seinen Armen und der warme Geruch ihrer Haare stieg ihm in die Nase. Severus legte den Kopf in den Nacken und holte tief Luft.
Eine gefühlte Ewigkeit später wurde sie allmählich ruhiger. Und schwerer in seinen Armen. Severus brauchte eine Weile, ehe ihm bewusst wurde, dass sie … na ja, vielleicht nicht richtig eingeschlafen war, aber zumindest doch noch deutlich weniger bei Bewusstsein war als vorher. Sie schluchzte noch manchmal und zitterte.
Er versuchte, sie hinzulegen in der Hoffnung, dass sie vollends einschlafen würde, aber sie klammerte sich an sein Hemd und seinen Arm. Severus verdrehte die Augen. Nun wehrte sie sich also dagegen, losgelassen zu werden. Wundervoll.
Er rutschte auf dem Bett nach hinten, bis er sich gegen die Wand lehnen konnte, und zog Hermine mit sich, bis auch ihre Beine auf der Matratze lagen. Hielt sie weiterhin fest und sah dabei zu, wie sie immer weiter in den Schlaf hinüber glitt – und an ihm hinunter, bis sie auf seinen Beinen lag, das Gesicht von ihm abgewandt. Severus strich ihr die Haare über die Schulter, betrachtete ihre fleckige Wange und die Kontur ihrer Nase.
Er schlief in dieser Nacht nicht mehr.
Ihr Aufwachen am nächsten Morgen war etwas … unangenehm. Für sie jedenfalls.
Severus sah sie blinzeln. Er sah, wie sie zu verstehen versuchte, wo sie sich befand, denn sonst lag sie andersrum in ihrem Bett und diese Perspektive musste verwirrend sein nach einer Nacht wie dieser. Als ihr übernächtigter Geist das herausgefunden hatte, war sie wach genug, um zu bemerken, dass sie nicht auf ihrem Kissen lag. Sie schlug die Augen nieder und betrachtete seine Beine. Severus sah sie schlucken.
Er zog die Augenbrauen hoch und räusperte sich.
Wie von der Tarantel gestochen fuhr Hermine hoch und zog die Arme vor den Körper, als wäre sie nackt und müsste sich vor ihm bedecken. „Was tust du hier?", fragte sie mit großen Augen.
„Warten", entgegnete er.
„Worauf?"
„Auf dein Erwachen. Schön, dass es nun soweit ist." Er stemmte sich von ihrem Bett und stand auf. Sein Hemd war inzwischen wieder trocken, er strich es sich glatt. „Erinnerst du dich an die letzte Nacht?"
Hermine schloss die Augen, verzog das Gesicht. „Ich … hab geweint?"
„Sehr."
„Und du …" Sie blinzelte, sah ihn irgendwie ungläubig an. „… hast mich getröstet?"
„Ich hab es versucht."
Sie stöhnte leise und rieb sich die Stirn.
„Was hat Adia getan, Hermine?" Severus lehnte sich gegen den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sie hat mit meinen … ihren … Ich weiß es nicht. Sie hat auf jeden Fall mit Erinnerungen gespielt." Ihre Stimme klang leise hinter der Hand, die sie immer noch gegen ihren Kopf presste. „Sie hat mir die Erinnerung an Rons Tod so oft gezeigt, bis ich …" Sie brach ab.
Severus' Gesichtszüge verhärteten sich. „Bis du Emotionen dazu entwickelt hast", vollendete er ihren Satz.
Hermine sah ihn an, ihre Augen schwammen wieder in Tränen. „Ja", hauchte sie.
„Das wird sie bereuen", knurrte Severus leise.
Sie zog die Nase hoch und schluckte die Tränen hinunter. „Was meinst du?"
Severus schob die Wut beiseite. „Nicht so wichtig. Wie geht es dir jetzt?"
Hermine zuckte mit den Schultern. „Müde. Erschöpft." Sie senkte den Blick. „Beschämt …"
„Falls letzteres damit zusammen hängt, dass du auf meinen Beinen geschlafen hast, gibt es keinen Grund dafür. Wenn ich es gewollt hätte, hätte ich gehen können." Zumindest so viel musste er sich selbst eingestehen.
„Warum bist du dann geblieben?"
Aber das nicht. „Ich bin kein Unmensch, Hermine." Er stieß sich vom Tisch ab und ging zur Tür. „Geh duschen und zieh dich um, ich mach uns Frühstück."
„Wie lange war ich weg?", fragte Hermine eine halbe Stunde später, während sie sich eine Scheibe Toast butterte.
„Drei Tage", entgegnete Severus. Es war richtig angenehm, nach eben jenen drei Tagen mal wieder in Ruhe am Tisch zu sitzen und zu essen. Rührei, keinen Toast. Und den Kaffee nicht mit sich herumtragen zu müssen, damit er vom Illusionszauber abgedeckt wurde.
Hermines Keuchen riss ihn aus seinen Gedanken. „Drei Tage?"
„Ja."
Sie blinzelte. „Was ist passiert in der Zeit?"
„Nichts", sagte er wahrheitsgemäß. Diesmal zog sie eine Augenbraue in die Stirn. „Im Ernst, es ist nichts passiert. Ich bin ihr aus dem Weg gegangen, wir haben nicht ein einziges Gespräch miteinander geführt."
„Wie hast du das denn hier geschafft?"
Er lächelte. „Das erzähle ich dir ein anderes Mal."
Hermine presste unzufrieden die Lippen aufeinander, ehe sie von ihrem Toast abbiss. „Es hat Adia jedenfalls sehr wütend gemacht", sagte sie an dem Bissen in ihrem Mund vorbei.
Severus rümpfte ein bisschen die Nase. „Ich bedauere es, dass sie das an dir ausgelassen hat."
Hermine winkte ab, trank einen Schluck Kaffee. „Ich komm schon zurecht. Ich bin froh, dass sie dir nichts angetan hat. Diesmal hätte sie mehr Zeit mit dir gehabt …" Sie seufzte und stellte die Tasse weg. „Wie soll das bloß weitergehen?"
„Das wird sich zeigen", antwortete Severus vage. Er begegnete ihrem Blick, aber sie schien zu ahnen, dass er Pläne hatte, die er nicht mit ihr teilen konnte, weil Adia davon optimalerweise nichts erfahren sollte. Jedenfalls nicht mehr, als sie sich selbst ausrechnen konnte.
