Kapitel 2.04 – Eskalation

In den Tagen danach ließ Adia Hermine in Ruhe. Jedenfalls soweit Severus das mitbekam. Er nutzte die Zeit, um mit der Zubereitung des Umkehrtrankes zu beginnen. Die Herstellung des Vielsafttrank-Gegenmittels dauerte zwar keinen ganzen Monat, aber doch fast eine Woche – weswegen es so gut wie nie zum Einsatz kam. Die eine Stunde abzuwarten, bis der Vielsafttrank seine Wirkung verlor, war in jeder Hinsicht einfacher. Aber er war offensichtlich nicht der einzige Tränkemeister, der ungern Lücken in seiner Forschung hinterließ; es gab ein Gegenmittel und jetzt kam es ihm zu Gute.

Wenn er sich nicht im Labor aufhielt, beobachtete er Hermine mit Sorge. Sie kämpfte nicht gegen Adia und wann immer er einen Blick in ihre Augen warf, waren sie haselnussbraun – aber meistens auch von Tränen verschleiert. Das war es, wogegen sie jetzt kämpfte: die Trauer um ihre Familie.

Sie weigerte sich, die Gefühle zuzulassen. Wann immer Severus sie außerhalb einer Unterrichtsstunde sah, war sie in irgendeiner Form beschäftigt. Sie las Bücher, sie schrieb Aufsätze, um die er sie nicht gebeten hatte, sie half ihm bei der Trankzubereitung, obwohl er ihre Hilfe nicht brauchte, sie kochte, putzte oder spielte gegen sich selber Schach – worin sie wirklich schlecht war.

Mehr als einmal dachte Severus darüber nach, sie darauf anzusprechen. Es gab zwei Gründe, die ihn abhielten: Erstens die Angst davor, wieder eine Nacht mit ihr auf dem Schoß verbringen zu müssen. Zweitens die mangelnden Alternativen. Was hätte sie denn anderes tun sollen? Wenn sie sich jetzt auf diese Trauer einließ, hätte Adia ein leichtes Spiel mit ihr und würde ihre Chance nutzen, um Hermine zu einer Gefangenen in ihrem eigenen Geist zu machen. So sehr Hermines Weg ihn auch beunruhigte, sie hatte im Moment keine andere Wahl.

Eines Abends ging Severus hinaus in den Garten. Hermine hatte sich bereits in ihr Zimmer zurückgezogen und da ihr Fenster zum Garten zeigte, deutete er mit dem Zauberstab darauf und belegt es mit einem Abschirmzauber. Er hatte sie immer noch nicht gefragt, ob sie von Albus' Verbindung hierher wusste und er wollte nicht, dass sie sein Gespräch belauschte.

„Albus!", sagte Severus also laut, als er so dicht wie möglich an die Dimensionsbarriere herangetreten war. Die Sonne ging bereits unter, von der anderen Seite des Hauses zog dunkelblau die Nacht herauf.

„Ich höre dich", erklang nach einer kurzen Weile Albus' Stimme.

„Einhorntränen, Albus!" Severus verschränkte die Arme vor der Brust.

„Einhorntränen?", wiederholte die leise Stimme deutlich irritiert. „Brauchst du welche?"

„Nein! Mrs Weasley hat Einhorntränen für den Vicissitudo Virtus benutzt!"

Albus schwieg.

„Ich muss die Zutaten ausgleichen, Albus. Wenn ich auch nur die leiseste Chance haben will, Adia aus Mrs Weasleys Geist zu … entfernen, muss ich die Zutaten ausgleichen. Kannst du mir sagen, wie ich verdammte Einhorntränen ausgleichen soll?"

„Steht dazu nichts in dem Buch, das ich dir geschickt habe?"

Severus rieb sich die Stirn. „Würde ich dann hier stehen?", fragte er ungeduldig. Die Theorie der fortgeschrittenen Zutatenlehre listete die allermeisten Trankzutaten auf und bewertete ihre magische Wirksamkeit auf einer Skala. Er hatte seine Überlegungen zu den anderen Zutaten, die Hermine dem Trank beigefügt hatte, darin überprüft und sie würden funktionieren. Aber die Einhorntränen standen so hoch auf der Skala wie keine andere Zutat. Selbst Einhornblut stand ein Stück darunter, weil es nicht ohne Gewalt gewonnen werden konnte. Laut diesem Buch gab es nichts, das es mit Einhorntränen aufnehmen konnte, geschweige denn etwas, das sie ausgleichen konnte.

„Ist das die einzige Zutat?", fragte Albus in diesem Moment.

„Natürlich nicht. Aber für die anderen habe ich bereits Gegenstücke gefunden. Ich brauche eine Aloe Vera-Pflanze, Bergahorn und Vögel. Kleine, harmlose, nicht magische Vögel. So viele Geschwistertiere, wie du bekommen kannst."

„Will ich es wissen, Severus?"

Severus zog die Augenbrauen in die Stirn. „Ich weiß nicht, willst du?"

„Schon gut", murmelte Albus und es kam hier so leise an, dass Severus es beinahe nicht gehört hätte. „Ich werde dir alles besorgen und ich werde versuchen, einen Ausgleich für die Einhorntränen zu finden."

„Danke", sagte Severus süßlich. „Wie lange wird es dieses Mal dauern?"

„Hast du mir etwas zu sagen, Severus?", fragte Albus.

„Ja! Falls es dir entgangen sein sollte: Adia hat mich geschockt, weil du so lange gebraucht hast, mir einen Zauberstab zu schicken."

„Wie grausam", entgegnete Albus, klang dabei aber eher gelangweilt.

„Sie hätte mich auch umbringen können!"

„Angesichts der Einhorntränen hätte sie das nicht und das weißt du."

Severus schnaubte unzufrieden. „Es gibt nicht nur den magischen Weg, um jemanden umzubringen", sagte er leise und war überzeugt, dass Albus ihn nicht gehört hatte. „Besorg einfach die Zutaten!", fügte er lauter hinzu und stieß sich ohne ein Wort des Abschieds von der Barriere ab.


Während Severus in den nächsten Tagen weiter an dem Trank arbeitete und Hermine weiter ihre Gefühle verdrängte, fragte er sich immer öfter, ob es Albus überhaupt bewusst war, was er ihnen mit dieser Schutzhaft antat. Nicht nur, dass er nicht selbst recherchieren konnte, um einen Ausgleich für die Einhorntränen zu finden – Hermine war auch vollkommen isoliert von allen Menschen, die ihr jemals etwas bedeutet hatten. Er war kaum ein adäquater Gesprächspartner für sie, dafür standen sie sich nicht nahe genug. Sie war einsam und diese Einsamkeit zeichnete sich immer deutlicher in ihrem Gesicht ab.

„Du könntest einen Brief schreiben und ihn über die Speisekammer an Albus schicken", sagte Severus beim Abendessen. Manchmal kamen Briefe für sie, aber er hatte es bisher nicht gesehen, dass sie selbst welche geschrieben hätte.

Sie schrak sichtlich aus ihren Gedanken. „Was?", murmelte sie und blinzelte müde.

„Einen Brief", wiederholte Severus. „Du könntest einen Brief schreiben und ihn über die Speisekammer an Albus schicken."

Sie runzelte die Stirn. „Wem sollte ich denn schreiben?"

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Miss Weasley, Miss Tonks, deinen Eltern?"

„Ich will niemandem schreiben", sagte sie und rührte mit dem Löffel durch ihren Tee.

„Du bist einsam", zwang Severus sich zu sagen. Merlin, er war der falsche für solche Gespräche. „Das tut dir nicht gut."

„Ich bin nicht einsamer als du."

Er holte tief Luft. „Ich bin immer einsam gewesen, du nicht."

Hermine stützte den Kopf in die Hand. „Also empfindest du dich als weniger einsam, weil du es immer gewesen bist?"

Severus zuckte mit den Schultern.

„Ich finde, das macht dich zu einem noch einsameren Menschen als mich, aber was weiß ich schon." Sie rieb sich über die Stirn. „Ich geh schlafen." Dann stand sie auf und verließ die Küche.

Er sah ihr nicht hinterher. Sein Blick war zum kleinen Fenster hinaus gerichtet, während ihre Worte in ihn hinein tropften wie Wasser in einen ausgetrockneten Brunnen.


In der nächsten Nacht wurde Severus durch einen lauten Schlag geweckt. Er setzte sich auf, war sofort hellwach. Es krachte. Das kam von unten. Er griff nach seinem Zauberstab und ging nur mit seiner Pyjamahose bekleidet zur Tür. Auf dem Flur sah er sich um. Unten war alles dunkel, aber es war nicht zu überhören, dass irgendjemand dort war.

Angespannt warf er einen Blick auf Hermines Tür. Sie war verschlossen. Er hielt es auch eher für unwahrscheinlich, dass Hermine unten die Einrichtung zerlegte. Selbst Adia würde das nicht grundlos tun. Also griff er seinen Zauberstab fester und ging leise die Treppe hinunter. Durch die Fenster der Ostseite fiel das blaue Licht des Mondes. Etwas zersplitterte.

Lautlos bewegte er sich auf das Wohnzimmer zu. Am Türrahmen blieb er schließlich stehen und wartete. Jetzt gerade war es still, doch er glaubte ein pfeifendes Atmen zu hören. Er versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen, aber das Mondlicht reichte nicht bis hierher. Nur die Terrassentür zeichnete sich hell gegen die Dunkelheit des Wohnzimmers ab. Sie stand offen. Severus hatte am Nachmittag vergessen, sie zu schließen. Der Gnom.

Als eben dieser hinter der Couch hervorsprang, sprach Severus einen Zauber, der das komplette Wohnzimmer in helles Licht tauchte. Er musste seine Augen selbst für ein paar Sekunden davor verschließen. Der Gnom stieß ein Kreischen aus, noch mehr Sachen polterten zu Boden. Dann ein lautes Klirren. Als Severus blinzelte, lag das Fenster neben der Terrassentür in Scherben. „Großartig", murmelte er. Angesichts seiner nackten Füße und den Scherben überall auf dem Boden traute Severus sich nicht, das Wohnzimmer zu betreten.

Der Gnom sprang über den Sessel und den Tisch, kletterte auf den Schrank und sprang an die Lampe. Der Putz begann von der Decke zu rieseln.

Severus folgte seinen Bewegungen mit der Spitze seines Zauberstabes, rief „Stupor!", verfehlte aber das Ziel. Die roten Funken stachelten den Gnom noch mehr an. Die Deckenlampe schwankte bedenklich und löste sich schließlich aus ihrer Verankerung. Sie sackte ein Stück herab, der Gnom fiel kreischend auf den Wohnzimmertisch.

Von allen Geschöpfen, die die magische Welt zu bieten hatte, musste Albus da ausgerechnet einen Gnom mit ihnen hier einschließen?

„Nutzlose, nervtötende Mistviecher", knurrte Severus leise und schleuderte erneut einen Fluch auf den Gnom. Wiederum verfehlte dieser sein Ziel, beförderte allerdings eine Zimmerpflanze ins Jenseits. Severus verzog das Gesicht. Der Hibiskus war für einige Tränke wirklich hilfreich gewesen; es war ein Jammer, nun auf ihn verzichten zu müssen.

Der Gnom hatte währenddessen die Schränke neu entdeckt. Er turnte nicht mehr darauf herum, sondern riss Türen auf und Geschirr heraus. Severus schickte ihm eine ganze Salve von Flüchen hinterher, aber kein einziger traf das flinke Geschöpf. Dafür streckte es Severus die Zunge heraus.

Schließlich steckte Severus sich zwei Finger in den Mund, pfiff schrill und genoss die Stille, die daraufhin eintrat. Der Gnom saß erstarrt auf einer der Schranktüren und starrte Severus mit großen, beinahe schwarzen Augen an. Der Atem des Geschöpfes ging schnell.

Gerade als Severus einen gezielten Fluch auf den Gnom loslassen wollte, um ihn endlich wieder in den Garten zu verfrachten, erschien Hermine an der Tür. „Was ist denn hier los?"

Das war ein Startsignal für den Gnom, der sofort wieder quer durchs Zimmer turnte und alles umwarf, das nicht bereits auf dem Boden lag.

Severus wandte sich Hermine zu, stemmte die Hände in die Seiten und seufzte tief, als ihm der Putz auf den Kopf rieselte. „Wir haben einen Gnom im Haus", sagte er.

„Tatsächlich?", fragte sie trocken.

Severus zog es vor, darauf nicht zu antworten. „Warte hier", sagte er und lief in sein Zimmer zurück. Er holte Hermines Zauberstab aus seinem Nachtschrank, zog sich das Hemd seines Schlafanzugs über und schlüpfte in ein paar Schuhe.

Als er wieder nach unten kam, gab er ihr ihren Zauberstab. „Du zielst nach rechts und ich erwische ihn hoffentlich links!" Beide wandten ihre Aufmerksamkeit auf den quirligen Eindringling, der inzwischen einen hohen Pfeifton ausstieß, der dem von Severus verdammt ähnlich war. Dabei schaukelte der Gnom an der zweiten, noch intakten Deckenlampe und erinnerte vage an einen kahlen Schimpansen. Er schnappte nach Blättern der Yuccapalme, hob diese aus ihrem Topf und verteilte die Erde auf dem Boden.

„Jetzt!", sagte Severus laut, bevor diese Nervensäge noch mehr anstellen konnte, und das doppelte „Stupor!" hallte laut durch das Haus.

Hermines Fluch steuerte, wie er es gesagt hatte, nach rechts, während Severus' nach links ging. Der Gnom tauchte unter beiden hinweg.

„Verdammt!"

Hermine berührte ihn am Arm. „Du den Murus, ich den Stupor, beide rechts!"

Severus nickte und beobachtete den Gnom. Hermine deutete mit dem Zauberstab auf ihn, was ihn dazu brachte, nach rechts auszuweichen. „Murus!", sagte Severus und die Mauer baute sich direkt vor dem kleinen Vieh auf, so dass er direkt dagegen lief.

Stupor!", rief Hermine anschließend und endlich traf der Fluch. Der Gnom fiel geschockt zu Boden.

In der nun plötzlich eintretenden Stille stieß Severus erleichtert die angehaltene Luft aus und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, wobei Krümel weißen Putzes auf den Boden rieselten. Hermine beobachtete es mit hochgezogenen Augenbrauen, ehe sie zu dem Gnom ging. „Ich werde ihn in den Garten bringen."

Severus nickte und ließ seinen Blick über das zerstörte Wohnzimmer wandern. Unglaublich, wie viel Zerstörung so ein kleines Wesen in so kurzer Zeit anrichten konnte.

Hermine schloss die Terrassentür hinter sich, als sie zurückkehrte, und reparierte das Fenster daneben. „Möchtest du auch einen Tee?", fragte sie.

„Gern." Er folgte ihr in die Küche und setzte sich, während sie Wasser aufkochte und ein paar Teebeutel in die Kanne hängte.

„Seit wann hast du einen Zauberstab?", fragte sie.

„Seit ein paar Tagen."

Hermine nickte, sagte aber nichts. Sie kam mit dem Tee zum Tisch und holte zwei Tassen aus dem Schrank, dann schenkte sie ihnen ein und setzte sich. Sie stützte den Kopf in die Hand, seufzte leise.

Severus beobachtete sie. „Woran denkst du?", fragte er, als sie auch nach mehreren Minuten noch nichts gesagt hatte.

Sie hob kurz den Blick. „Ich … nichts."

Er zog eine Augenbraue hoch.

Wieder sah sie ihn an. Ihn und seine Augenbraue. Sie verdrehte die Augen. „Ich dachte die ganze Zeit nur … Wo ist Ron, wenn man ihn mal braucht?" Sie wischte sich mit einer Hand durch die Haare. „Er hat so oft Mollys Garten entgnomt und manchmal hatte ich das Gefühl, er könnte deren Gedanken lesen. Er wusste einfach immer, wohin sie laufen würden."

„Das wäre in der Tat hilfreich gewesen", sagte Severus.

Hermine lächelte, ganz kurz nur.

Severus lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tisch. „Kommst du … immer noch zurecht, Hermine?"

Sie nickte langsam, den Blick in ihre Tasse gerichtet. „Ja, ich komme zurecht." Dann legte sie ihren Zauberstab auf den Tisch, nahm ihren Tee und stand auf. „Gute Nacht, Severus."

Er trank seinen Tee aus, bevor er ins Wohnzimmer ging und das Chaos aufzuräumen begann, das der Gnom veranstaltet hatte.


Als Severus am nächsten Morgen sein Zimmer verließ, wartete Adia bereits auf ihn. Sie lehnte mit verschränkten Armen an der Wand gegenüber seiner Tür. „Hallo Severus", sagte sie und lächelte. „Hab ich dich endlich gefunden."

Severus sah sie an und spürte etwas in sich seufzen. Adia … Er wandte sich ab und verschloss seine Tür magisch. Da Hermine nach letzter Nacht wusste, dass er einen Zauberstab hatte, wusste auch Adia es. Es gab keinen Grund mehr, das vor ihr zu verbergen. Wortlos ging er danach die Treppe hinunter.

„Ehrlich? Du ignorierst mich immer noch?", fragte sie und kam ihm nach.

Er verdrehte die Augen, sagte nichts. In der Küche füllte er Kaffeepulver in einen Filter und kochte Wasser auf, ohne sie zu beachten.

„Was habe ich dir getan, dass du mich ignorierst?"

Sie stand direkt neben ihm. Ihre Nähe war ihm unangenehm. Er musste sich zwingen, stehen zu bleiben, während das Wasser durch den Filter in die Tasse darunter lief.

„Ich hab dir dein Scheißleben gerettet! Ich hab es nicht verdient, dass du mich so behandelst!"

Als die Tasse endlich voll war, wollte er um Adia herum gehen, aber sie hielt ihn am Arm fest. Severus sah sie wütend an. „Lass mich los", zischte er leise.

Ihre Augen wurden etwas schmaler, aber sie zog ihre Hand zurück. „Bastard!", sagte sie.

Severus schnaubte, dann ging er ins Labor und schloss hinter sich die Tür ab.


Den restlichen Tag versuchte Adia nicht mehr, sich ihm aufzudrängen. Wenn Severus das Labor verließ, saß sie entweder im Wohnzimmer und las tatsächlich ein Buch oder sie lag draußen in der Sonne.

Vermutlich war es keine kluge Entscheidung, sie weiterhin zu ignorieren. Letztes Mal war Hermine die Leidtragende von Adias Zorn gewesen. Aber wenn er ihr deswegen jetzt gab, was sie wollte, dann hatte sie ihn in der Hand. Dann wusste sie, dass sie ihn über Hermine manipulieren konnte. Er musste darauf hoffen, dass Hermine aushalten konnte, was auch immer Adia ihr antat. Und darauf, dass Adia nicht vergaß, dass sie von Hermines Gesundheit genauso abhängig war wie Hermine selbst.

Am Abend verließ er das Labor mit dröhnenden Kopfschmerzen und einem steifen Nacken. Aber das Vielsaft-Gegenmittel war fertig und wartete darauf, weiter verarbeitet zu werden. Nun musste er auf die Zutaten warten, die er bei Albus bestellt hatte.

Severus stieg die Stufen ins Obergeschoss hinauf und erstarrte mitten im Schritt. Die Tür zu seinem Zimmer stand einen Spalt offen.

Es dauerte drei Sekunden, bis er sich aus seiner Starre reißen konnte. Dann stieg er zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf und stieß so heftig gegen die Tür, dass sie gegen die Wand knallte. Adia saß am Tisch, vor sich sein Denkarium, das Gesicht darüber gebeugt. Sie steckte gerade mitten in seinen Erinnerungen.

Severus tat zwei große Schritte auf sie zu und zog sie an der Schulter zurück. Adia blinzelte heftig und sah sich nach ihm um, ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Spannend!", sagte sie.

Zorn brodelte in ihm hoch und Adias Grinsen verblasste ein wenig. Severus zerrte sie am Arm auf die Füße und zog sie durch sein Zimmer. Er schleuderte sie hinaus auf den Flur. Sie stolperte gegen die Wand und drehte sich leise lachend zu ihm um. Aber bevor sie etwas sagen konnte, schlug Severus ihr die Tür vor der Nase zu.

Nachdem er sich eingeschlossen hatte, führte sein erster Weg ihn zum Nachtschrank. Hermines Zauberstab war noch da. Er runzelte die Stirn. Wie war Adia hier reingekommen? Und warum hatte sie nicht nach dem Zauberstab gesucht? Hatte sie es gezielt auf das Denkarium abgesehen gehabt? Wollte sie wissen, was für eine Erinnerung Hermine ihm gegeben hatte?

Severus setzte sich auf die Bettkante und starrte das Denkarium an. Wie zum Teufel war sie hier reingekommen? Er hatte seine Tür magisch verschlossen! Ohne Zauberstab hätte sie niemals … Aber sie war. Wie hatte sie das angestellt?

Er fand keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage und schob sie beiseite. Das musste warten. Er musste wissen, welche Erinnerungen sie gesehen hatte und zumindest das würde er herausfinden. „Memoriae postuma revelio!", murmelte er und silbern schimmernde Bilder erhoben sich über der Oberfläche des Denkariums.

Seine erste Begegnung mit Lily. James Potter, wie er ihn um eine Rüstung herum mit einem Wabbelbeinfluch belegte. Das erste Todessertreffen, an dem er teilgenommen hatte. Das Dunkle Mal über dem Haus von Dorcas Meadows. Die Folter eines Muggels. Lily, wie sie ihm die Freundschaft kündigte. Albus, der ihm sagte, dass er ihn verabscheute.

Die Bilder lösten sich auf, Severus sank auf seinem Stuhl zurück. Adia schien nicht besonders geübt zu sein im Umgang mit einem Denkarium. Sie war wild zwischen den Erinnerungen herum gesprungen. Aber zumindest hatte sie nicht die Erinnerung gefunden, die Hermine ihm gegeben hatte.

Severus fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Die Wut pulsierte immer noch durch seinen Körper. Aber immerhin hatte sie sich dieses Mal nicht an Hermine vergriffen, um sich an ihm zu rächen. Und da er wusste, welche Erinnerungen sie gesehen hatte, konnte er dafür sorgen, dass sie sie nicht gegen ihn verwenden würde.

Ein Klopfen an der Tür riss Severus aus seinen Gedanken. Er schloss die Augen und griff sich an die Nasenwurzel. Noch während ihm sein Atem durch die Nase strömte, hörte er es: „S-Severus?"

Er riss seinen Kopf hoch. Das war nicht Adia.

Severus lief zur Tür, hob den Bann auf und öffnete sie. Hermine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Was passiert hier?", fragte sie, dann gaben ihre Beine unter ihr nach und sie brach zusammen.

Erst da sah Severus das Blut. All das Blut, das auf dem Boden im Flur schon eine Lache bildete. Das Blut, das aus ihren Handgelenken pulsierte.

„Hermine!", keuchte er und fiel auf die Knie. Er griff erst nach dem einen, dann nach dem anderen Arm (warmes Blut, viel warmes klebriges Blut, das über seine Finger lief) und deutete mit dem Zauberstab darauf. „Ferula!", sagte er und feste Bandagen wickelten sich um die Wunden, die zweifellos Adia sich zugefügt hatte, bevor sie Hermine nach vorn gezwungen hatte. Er knurrte leise.

Severus ließ die bewusstlose Hermine vor sich die Treppe hinunter und ins Labor schweben. In Gedanken ging er die Tränke durch, die Hermine auf Vorrat hatte. Waren noch Phiolen mit blutbildendem Trank dabei gewesen? Sie hatte eine für ihn gehabt, als sie hier angekommen waren, aber hatte sie auch noch welche auf Vorrat?

Sie musste! Das konnte nicht schon wieder passieren!

Er legte sie auf dem Labortisch ab und lief zum Vorratsschrank hinüber. Ungestüm schob er die Phiolen über die Regale, zwei rutschten über den Rand und zerbrachen auf dem Fußboden. Dann endlich fand er, was er gesucht hatte, und stieß vor Erleichterung ein Geräusch aus, das er von sich noch nie gehört hatte.

Mit zwei großen Schritten war er wieder bei ihr und sagte: „Rennervate!"

Hermine schnappte überrascht nach Luft. Severus legte ihr eine Hand in den Rücken und hielt sie aufrecht, während er mit den Zähnen den Korken aus der Phiole zog und ausspuckte. „Trink das!", befahl er ihr. Sein Herz pochte, als wollte es ihm aus der Brust springen.

Sie gehorchte ohne zu zögern. Noch während sie trank, kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück. Als die Phiole leer war, holte sie tief Luft. Dann fiel ihr Blick auf die Bandagen an ihren Armen, auf denen sich bereits wieder Blutflecken gebildet hatten. Sie keuchte, biss sich auf die Unterlippe. „Dip… Diptam", sagte sie mit zitternder, hoher Stimme. Sie begann zu weinen.

Diesmal fand Severus schneller, was er suchte. Das kleine Fläschchen mit der klaren Flüssigkeit hatte er eben beiseite geschoben und gerade noch davon abgehalten, der Schwerkraft und den anderen beiden Phiolen zu folgen. Hermine war schon damit beschäftigt, die Bandage von ihrem linken Arm abzuwickeln. Sofort begann es wieder zu bluten und Severus kippte eine großzügige Menge der Diptam-Essenz über die Wunde. Der Blutfluss versiegte innerhalb von Sekunden. Er atmete auf, Hermine atmete auf.

Das gleiche wiederholten sie mit ihrem rechten Arm und bald waren es nur noch die Blutflecken auf ihrer Haut, ihren Klamotten, dem Boden und seinen Händen, die an Adias Tat erinnerten. Eine dünne, stetig fester werdende Hautschicht hatte sich über den tiefen Schnitten gebildet. Trotzdem würden Narben zurückbleiben, genauso wie bei seinen Wunden. Feine rote, später silberne Streifen.

„Wie konnte das so eskalieren?", fragte Hermine erschöpft und fuhr sich mit bebenden Händen durch die Haare. Sie saß immer noch auf dem Labortisch, ließ die Beine über die Kante baumeln. Vermutlich traute sie ihrem Kreislauf noch nicht.

Severus schwieg. Ja, wie konnte das so eskalieren? Jetzt, wo es Hermine besser ging, holte ihn die Angst ein. Er zog den Hocker unter dem Labortisch hervor und ließ sich darauf nieder. Wollte sich über den Mund wischen, aber die braunroten Spuren von Hermines Blut ließen ihn mitten in der Bewegung erstarren. Er schloss die Augen.

Was, wenn er nicht ihre Stimme erkannt hätte? Was, wenn Hermine nicht nach ihm gerufen hätte? Was, wenn er sie weiter ignoriert hätte? Ihm wurde übel. Er schluckte schwer.

„Severus?"

Er zuckte zusammen, als sie ihre Hand auf seine Schulter legte.

„Geht es dir gut?"

„Nein", sagte er hohl. Ihre Blicke begegneten sich und für einen Moment schienen sie sich aneinander festzuhalten. Sie hätte sterben können. Heute. Einfach so. Er holte stockend Luft. Adia. Die Wut, die er vorhin schon gefühlt hatte, erwachte wieder in ihm. „Ich will, dass du sie nach vorne zwingst. Und ich will, dass du sie davon abhältst, wieder zu verschwinden."

„Was willst du tun?", fragte Hermine leise.

„Was auch immer nötig ist, um sie zu brechen."