Kapitel 2.05 – Das Tagebuch
Hermine sah ihn einige Sekunden lang sprachlos an. „Was soll das heißen, um sie zu brechen?", fragte sie dann.
„Muss ich dir das wirklich erklären?"
„Ja!", schnaubte sie.
Severus hob wieder die Hand und wollte sich über das Gesicht wischen, aber seine Hände waren immer noch voller Blut. Hermines Blut. Er schloss kurz die Augen. „Sie hat versucht, dich umzubringen", sagte er dumpf, stand auf und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Ein Reinigungszauber war nicht genug, um ihn davon reinzuwaschen. Er musste die Seife spüren und mit der Bürste über seine Haut schrubben, bis sie rot anlief.
„Sie wusste, dass du mir helfen wirst! Sie wusste, dass alles da ist, um mich zu retten. Das war nur …"
„Was?", schnappte Severus und wirbelte zu Hermine herum. „Was war das, Hermine? Ein weiterer Versuch, meine Aufmerksamkeit zu kriegen? Die hat sie jetzt!" Aber er würde dafür sorgen, dass es ihr nicht gefiel.
„Severus, bitte beruhige dich doch", bat Hermine, während er sich wieder dem Wasser zuwandte.
„Es ist vorbei mit ruhig", grollte er, „Sie ist zu weit gegangen." Er bearbeitete seine Finger rücksichtslos mit der Handbürste. Kleine rosa Seifenspritzer sprenkelten seine Arme, seine Hände zitterten, als er die Seife abspülte. Ein paar Wassertropfen liefen seine Unterarme hinab und fielen von seinen Ellbogen.
Er zuckte zusammen, als Hermine plötzlich neben ihm stand, riss den Kopf herum herum, sah sie an.
„Es ist alles gut gegangen", sagte sie ruhig.
Severus atmete langsam aus. Dann stellte er das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und trocknete sich die Hände. „Diesmal", sagte er. „Was wird sie als nächstes tun?"
„Ich weiß es nicht", entgegnete Hermine. „Ich weiß gerade nicht mal, ob ich mehr Angst haben soll vor dem, was Adia tun könnte, oder vor dem, was du tun wirst." Sie lehnte sich gegen den Labortisch und hob die Hände, vielleicht um sich die Haare aus dem Gesicht zu wischen – aber da fiel auch ihr Blick auf das getrocknete Blut an ihren Händen und sie hielt inne, so wie Severus es kurz vorher getan hatte.
Ihre Worte und ihr Anblick ließen Severus schlucken. Er trat zur Seite, damit sie sich auch waschen konnte. „Es tut mir leid", sagte er leise, was beinahe unterging im Rauschen des Wassers.
„Ich weiß", entgegnete sie ebenso leise. Erst als sie sich schon die Hände abtrocknete, fuhr sie fort: „Ich darf mich nicht beschweren, es war meine Entscheidung, Adia zu erschaffen. Es geschieht mir recht, was jetzt mit mir passiert." Sie schluckte schwer, dann hob sie den Blick. „Es tut mir leid, dass du da mit reingezogen wirst, Severus."
„Adia hat mich da mit reingezogen", sagte er mit dunkler Stimme.
„Was sie nur tun konnte, weil ich … sie benutzt habe." Sie rieb sich über die Stirn, kniff die Augen zusammen, seufzte leise.
„Adia?", fragte Severus gepresst.
Hermine nickte. „Sie muss warten."
Er legte den Kopf in den Nacken. „Was soll ich tun, Hermine?"
„Kannst du denn etwas tun?"
Er presste die Lippen aufeinander und schloss die Augen. Er hatte die Antwort auf diese Frage in den letzten Tagen sorgfältig für sich behalten, aber hatte das etwas geändert? Es hatte Adia nicht davon abgehalten, sich sowohl mit Hermine, als auch mit ihm anzulegen. „Möglicherweise", sagte er schließlich.
„Und das erfordert, Adia zu … brechen?"
Er wischte sich über den Mund. „Möglicherweise." Es war zumindest mal anzunehmen, dass sie nicht freiwillig einen Trank nehmen würde, der sie … beseitigte.
Hermine seufzte schwer und setzte sich auf den Hocker, auf dem vorher Severus gesessen hatte. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und verbarg ihr Gesicht hinter den Händen.
Severus ging zu ihr und lehnte sich gegen den Labortisch. „Woran denkst du?"
Sie ließ die Hände sinken und sah ihn aus geröteten Augen an. „Dass ich nicht weiß, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Ich hasse es, dass Adia so viel Macht über mich hat. Aber ich will sie deswegen nicht … umbringen. Ich will so wenig wie möglich mit ihr zu tun haben, aber sie steckt in mir. Ich wünschte, ich … könnte sie einfach in einen anderen Körper stecken und wir müssten uns niemals wieder sehen."
Er senkte den Blick. „Wie der Dunkle Lord uns bewiesen hat, ist es nicht so einfach, einen neuen Körper zu erschaffen – nicht mal dann, wenn man die Moral außer Acht lässt."
Sie schnaubte leise. „Wie moralisch ist es denn, Adia einfach umzubringen, jetzt wo ich sie nicht mehr gebrauchen kann?"
„Wie moralisch ist es, denjenigen umbringen zu wollen, der einen erschaffen hat?", entgegnete Severus.
Hermine seufzte und runzelte die Stirn.
„Ich verstehe deine Bedenken, Hermine. Aber lässt Adia dir eine Wahl? Du hast ihr sehr viel Freiraum gelassen und in dem Moment, in dem du diesen Freiraum eingeschränkt hast, hat sie angefangen, gegen dich zu kämpfen. Sie ist nicht der Typ, der sich auf Kompromisse und Zeitpläne einlässt."
Sie sah auf ihre Hände. „Ich könnte ihr auch … einfach meinen Körper überlassen."
Severus starrte sie an.
Als er nach einer ganzen Weile immer noch nichts gesagt hatte, warf Hermine ihm einen kurzen Blick zu und verzog das Gesicht. „Ich meine, wofür soll ich kämpfen? Mein Mann ist tot, mein Kind ist …" Ihre Stimme brach und sie presste sich eine zitternde Hand vor den Mund, um ein Schluchzen zu dämpfen. „Mein Leben liegt in Scherben und ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe, es neu zusammenzusetzen."
Severus atmete langgezogen aus. „Als ich das letzte Mal an diesem Punkt gewesen bin, kam eine aufdringliche Heilerin zu mir und sagte, ich müsste ihre verdammte Behandlung abschließen, dann würde es mir besser gehen."
Hermine schnaufte. „Wie unhöflich", murmelte sie.
Er lächelte. „Ja. Aber … sie hatte recht."
Ihre Augen, ihre klaren haselnussbraunen Augen schwammen in Tränen, als sie zu ihm aufsah.
„Es ist dein Körper, Hermine. Dein Leben. Du hast noch … so unglaublich viel Zeit vor dir. Es wird besser."
„Woher willst du das wissen?", fragte sie heiser. „Wurde es für dich besser?"
Severus runzelte die Stirn. Was meinte Hermine? Dass es ihm seit dem Abschluss ihrer Behandlung besser ging, war doch offensichtlich. Und dann fiel es ihm wieder ein: Adia hatte einen Teil seiner Erinnerungen gesehen. Lily. Vermutlich hatte das Puzzleteil, das Adia in seinen Erinnerungen gesehen hatte, Hermine noch mehr verstehen lassen, als Adia verstanden hatte.
Er holte tief Luft, ließ sie langsam wieder entweichen. „Noch nicht, nein. Aber auch ich hab hoffentlich noch eine Menge Zeit vor mir." Er war sich nicht sicher, ob er diesen Optimismus, der aus seinen Worten sprach, tatsächlich empfand; aber Hermine brauchte diesen Optimismus und das war vielleicht erst mal genug.
Nun kullerte jedenfalls eine Träne über ihre blasse Wange, die sie schnell mit einer Hand wegwischte. „Okay", hauchte sie. „Tu was nötig ist, Severus."
Er nickte, sah hinab auf seine Schuhe. Runzelte die Stirn. „Weißt du, wie Adia vorhin in mein Zimmer gekommen ist? Sie hatte keinen Zauberstab."
Hermine schloss die Augen, als sie nachdachte. „Ich war ziemlich weit weg", sagte sie. „Ich kann dir nicht sagen, wie sie es gemacht hat, aber … die Tür sprang unter ihren Händen einfach auf."
Severus sah an ihr vorbei zur gegenüberliegenden Wand des Labors. Er rieb die Hände aneinander, während er versuchte, sich einen Reim darauf zu machen. Seine Gedanken sprangen von einem Fakt zum anderen. Adias Ziel. Rons Tod. Hermines Reaktion darauf. Konnte sie das tatsächlich wissen? Oder hatte sie es zufällig bemerkt? Dann fokussierte er seinen Blick wieder auf Hermines Gesicht. „Darf ich in deinen Geist eindringen, Hermine?"
Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Warum?"
„Ich will mir keine Erinnerungen ansehen, aber ich muss etwas überprüfen."
Hermine musterte ihn eindringlich, ehe sie nickte. „Okay."
Severus ließ den Zauberstab in seine Hand gleiten, sah Hermine in die Augen und sagte: „Legilimens!" Ohne auf die Erinnerungs- und Gedankenfäden zu achten, bewegte er sich durch Hermines Geist direkt auf sein Zentrum zu. Aber er war noch nicht mal in der Nähe, als er das Glühen schon sah. Ihr magisches Potential, das Zentrum ihrer Existenz, die Quelle ihrer Macht – es war gewaltig. Es pulsierte, als hätte es einen eigenen Herzschlag. Es breitete sich immer mehr in ihrem Geist aus, blendete ihn regelrecht.
Er verließ ihren Geist und rieb sich die Augen.
„Was hast du gesehen?", fragte Hermine.
„Ich weiß jetzt, wie sie es gemacht hat." Severus schüttelte den Kopf. Die ganze Magie musste irgendwo … hin. Am besten … „Komm mit!" Er stieß sich vom Labortisch ab und lief die Treppe ins Erdgeschoss hinauf.
„Wohin?", rief Hermine ihm nach, aber kurz darauf hörte er ihre Schritte hinter sich.
Severus durchquerte das Wohnzimmer und ging hinaus in den Garten. Es war dunkel, er hatte keine Vorstellung davon, wie spät es war. Seitdem er seine Arbeit im Labor beendet hatte, konnten genauso gut dreißig Minuten wie dreißig Stunden vergangen sein. Erst als er die Dimensionsbarriere erreicht hatte, drehte er sich um und wartete, bis Hermine ihn eingeholt hatte.
„Was willst du hier?"
Er nickte zur Barriere. „Leg deine Hände dagegen."
„Warum?"
Severus sah sie eindringlich an. Das Licht vom Wohnzimmer fiel auf sein Gesicht, er wusste, dass sie seine Augen genau sehen konnte, auch wenn ihr Gesicht für ihn kaum erkennbar war. „Vertrau mir", sagte er.
Hermine schluckte, aber dann tat sie, worum er sie gebeten hatte.
„Sprich mir nach: Nimia potentia …"
„Nimia potentia", wiederholte Hermine.
„… magica relinquat."
„… magica relinquat." Ihre Hände begannen zu glühen an den Stellen, an denen sie die Dimensionsbarriere berührten. Sie schnappte nach Luft. „Das ist heiß!", rief sie mit schriller Stimme.
„Nicht loslassen!"
Sie biss sich auf die Unterlippe und wimmerte leise, während das Glühen sich von ihren Handflächen aus ein Stück über die Barriere ergoss, ehe es verblasste. Nach etwa zehn Sekunden hörte es auf. Hermine zog ihre Hände zurück und hielt sie ins Licht des Wohnzimmers. Sie waren unverletzt, zitterten aber etwas. „Was war das?"
„Magie", antwortete Severus. „Dein Überschuss an Magie, um genau zu sein. Du unterdrückst deine Gefühle. Gefühle sind Energie und in unserem Fall ist Energie auch Magie. So hat Adia meine Tür aufbekommen; sie hat deine angestaute Magie benutzt, die stark genug war, um keinen Zauberstab mehr zu brauchen, der sie kanalisiert."
Hermine schluckte, während die Bedeutung seiner Worte in ihren Verstand sickerte. „Deswegen hat sie mir die Erinnerung an Rons Tod so oft gezeigt", murmelte sie.
Severus nickte. „Sie wusste, dass deine Gefühle dazu stark genug wären, um deine Magie anschwellen zu lassen, wenn du sie unterdrückst." Er zögerte, aber dann sagte er es doch: „Sie hat dich auch benutzt."
Hermine runzelte die Stirn und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. „Und was ist jetzt mit meiner Magie passiert?"
„Mit dem Überschuss", korrigierte Severus. „Du hast sie in die Dimensionsbarriere geleitet. Sie musste irgendwo hin und da kann sie keinen Schaden anrichten."
Hermine wandte sich der Barriere zu, als könnte sie ihre Magie immer noch darin sehen. „Wird sich … wieder ein Überschuss bilden?", fragte sie.
„Vermutlich."
Hermine presste ihre Lippen aufeinander. „Aber ich kann nicht … Ich kann diese Gefühle nicht zulassen, Severus."
„Ich weiß."
„Was, wenn Adia es wieder ausnutzt?"
„Ich werde sie im Auge behalten." Und etwaige Banne so modifiziere, dass nur seine Magie sie würde aufheben können.
Hermine schwieg und stand verloren im dunklen Garten. Auf ihrem hellen Shirt waren die getrockneten Blutflecken schwarz. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, als müsste sie sich an sich selbst festhalten. „Was jetzt?", fragte sie eine ganze Weile später mit dünner Stimme.
Severus schluckte. Etwas schnürte ihm die Brust ab und er konnte sich nur schwer davon abhalten, Hermines Gesicht zu berühren. Für einen Moment erlaubte er es sich, ihre Augen, ihren Mund, ihre Wangenknochen zu betrachten; er würde sie vermutlich eine ganze Weile nicht mehr sehen. Dann straffte er seine Haltung. „Hol Adia nach vorn und halt sie davon ab, sich wieder aus dem Staub zu machen. Hol sie nach vorn und … pass auf dich auf."
Sie schluckte schwer, dann nickte sie und Severus sah ein weiteres Mal die Verwandlung passieren. Diesmal lächelte Adia nicht. Diesmal sah sie ihn herausfordernd an. „Niemand kann mich brechen", sagte sie und kniff die Augen zusammen.
„Abwarten", entgegnete Severus. Mit einem Wink seines Zauberstabs fesselte er ihre Hände auf dem Rücken. Er griff nach ihrem Oberarm und zerrte sie hinter sich her zurück ins Haus. Ohne Zauberstab und ohne die angestaute Magie hatte sie ihm gerade nichts entgegenzusetzen. Sie war zwar eine fähige Kämpferin, aber trotzdem immer noch eine Frau. Ohne das Überraschungsmoment war er ihr körperlich überlegen.
„Was hast du jetzt mit mir vor, Severus? Willst du mich foltern? Willst du mich quälen? Wie willst du mich brechen?"
Er antwortete ihr nicht. Mit dem Anblick ihres Gesichts war der Zorn zurückgekehrt. Wenn er sich jetzt einließ auf ihre Provokationen könnte er für nichts mehr garantieren. Er zog sie die Treppe hinauf und an seinem und Hermines Zimmer vorbei.
„Wohin bringst du mich?", fragte Adia.
Am Ende des Flurs blieb er stehen und streckte sich nach dem kurzen Seil, das von der Dachbodenluke herabhing. Die Leiter klappte aus und Severus stieß Adia darauf zu, löste ihre Hände. „Hoch!", knurrte er. Erst sah es so aus, als wolle sie ihm widersprechen, aber ein Blick in sein Gesicht ließ sie die Nase rümpfen und die Leiter hinauf klettern. Severus folgte ihr so dicht, dass sie nur kurz vor ihm auf dem Dachboden ankam und keine Gelegenheit hatte, ihn anzugreifen.
„Und jetzt?", fragte sie mürrisch und drehte sich zu ihm um.
„Geh da rüber!" Er deutete auf das andere Ende des Dachbodens. Es war warm und stickig hier oben, die Hitze hatte sich unter dem Dach gestaut.
Adia zog die Augenbrauen hoch, dann ging sie ein paar Schritte rückwärts.
Severus hob seinen Zauberstab und errichtete etwa einen Meter vor sich magische Banne. Banne, die nur seine eigene Magie wieder aufheben konnte. Ein Flimmern zog sich vom Boden bis zum Dach, dann verschwand es.
„Was war das?", fragte Adia alarmiert und lief auf ihn zu. Besagten Meter vor ihm stießen ihre ausgestreckten Hände auf einen festen Widerstand. „Du Bastard!", rief sie. „Lass mich hier sofort wieder raus!"
Er kniff ein bisschen die Augen zusammen, schüttelte langsam den Kopf. „Du bist zu weit gegangen, Adia."
„Nein!", schrie sie, als er sich abwandte. „Lass mich raus! Du kannst mich hier nicht einfach einsperren! Hermine wird dafür bezahlen!"
Severus achtete nicht auf sie. Er stieg die Leiter hinunter und gab ihr einen Stoß, so dass die Luke wieder nach oben schnappte. Und weil er Adia immer noch hören konnte, belegte er die Luke noch mit einem Zauber, der ihm eine ruhige Nacht verschaffen würde.
Severus seufzte. Seine Augen juckten vor Müdigkeit, aber sein Kopf gab keine Ruhe. Immer wieder spielte er in Gedanken den Plan durch, den er für den Trank zur Umkehr des Vicissitudo Virtus aufgestellt hatte. In der Chronik, die Albus ihm geschickt hatte, waren ein paar Versuche anderer Tränkemeister beschrieben worden, aber keiner von ihnen hatte die Wirksamkeit testen können, sie waren immer zu spät gekommen. Aber ihr Ansatz deckte sich mit seinem und mit den Beschreibungen in der Umkehr des Unumkehrbaren. Es war beruhigend, dass andere Tränkemeister das Problem ähnlich angegangen waren.
Er fragte sich, ob es jemals jemanden gegeben hatte, der eine ausführlichere theoretische Abhandlung zu diesem Thema geschrieben hatte. Jemand, der den Vicissitudo Virtus vielleicht mit anderen Tränken verglichen und auf dieser Basis ein Konzept für die Umkehr entwickelt hatte. Severus hätte gern selbst nach einer solchen Abhandlung recherchiert. Er vertraute Albus, aber es blieb die nagende Befürchtung, dass er eine wichtige Quelle übersehen könnte, weil Tränke nicht sein Fachgebiet waren und weil er nebenbei einen verdammten Krieg zu führen hatte.
Severus setzte sich auf. Er war viel zu unruhig zum Schlafen. Unschlüssig saß er im Dunkeln auf der Bettkante und starrte das helle Trapez an, das das Mondlicht auf seinen Fußboden malte.
Das Tagebuch.
Dieser Gedanke schoss so plötzlich durch seinen Kopf, dass er selbst nicht wusste, woher er auf einmal kam. Nachdem er sich Hermines Erinnerungen angesehen hatte, hatte er viel über sein Tagebuch nachgedacht, aber dann hatte Adia es aus seinen Gedanken verdrängt. Jetzt war es wieder da.
Er stand auf, nahm seinen Zauberstab und ging hinüber in Hermines Zimmer. Es musste hier irgendwo sein. Severus schaltete das Licht ein und sagte: „Accio Tagebuch!" Die oberste Schublade der Kommode neben dem Fenster sprang auf und sein Tagebuch flog in die Luft und direkt in seine ausgestreckte Hand. Severus schnaufte zufrieden.
Er blätterte durch die Seiten und zog die Augenbrauen hoch, als er etwa bei der Hälfte auf Einträge stieß, die nicht von ihm stammten. Hermine hatte sein Tagebuch also nicht nur gelesen (wofür er sie schon gern ins Jenseits und zurück gezaubert hätte), sondern selbst hinein geschrieben! Er kniff die Augen zusammen und wusste nicht, ob er jetzt wütend oder von ihrem Schneid beeindruckt sein sollte. Auf jeden Fall erklärte das, warum sie ihm das Tagebuch nicht zurückgegeben hatte.
Aber es war immer noch sein Tagebuch.
Severus holte sich ein Glas aus der Küche und setzte sich mit der Flasche Wein, die Albus ihm mit hierher gegeben hatte, an den kleinen Tisch in seinem Zimmer. Im Licht einer Kerze suchte er den ersten von Hermines Tagebucheinträgen. Da. Beim ersten Wort war die Tinte so dick, dass er es kaum noch lesen konnte; anscheinend hatte sie so lange mit der Feder über dem Papier gezögert, dass sich die Tinte an der Spitze gesammelt hatte. Severus schnaubte leise und schüttelte den Kopf. Dann begann er zu lesen.
10.04.2001
Sir,
Sie sind mein Auftrag. Sie sind der Grund, warum ich mit niemandem mehr reden kann über das, was ich den ganzen Tag tue. Also rede ich mit Ihnen. Hier.
Um einige Ihrer Fragen gleich mal zu beantworten: Ja, ich hab das Buch durchgelesen. Nein, ich habe nichts gefunden, das mir sagt, wo Sie sind. Aber ich denke, wenn jemand eine längere Gefangenschaft überstehen kann, dann Sie. Ich werde mir natürlich trotzdem Mühe geben, sie so kurz wie möglich zu halten.
Bisher konnte ich nicht viel in Erfahrung bringen. Ihr Haus war eine Sackgasse. Aber Draco Malfoy war da. Er hat sich einen Gedichtband angesehen. Was glaubte er wohl, darin zu finden? Weiß er, wo Sie sind? Oder sucht er etwa auch nach Ihnen? Ich hab mich ihm nicht zu erkennen gegeben, ich traue ihm nicht.
Ich muss einen Weg finden, um in Lucius Malfoys Nähe zu kommen, und ich sehe keinen anderen Weg als den, den auch Sie gegangen sind. Glauben Sie, Malfoy akzeptiert Schlammblüter in seinen Reihen?
Severus trank einen Schluck von seinem Wein, blätterte die Seite um und las weiter.
14.04.2001
Vicissitudo Virtus. Sagen Sie nichts, Sir, ich kann mir Ihren Protest vorstellen. Zu gefährlich, nicht reversibel, problematisch, niemand hat es lange überlebt und so weiter und so weiter – und das alles für Sie. Nur ein Dummkopf würde das für jemanden wie Sie tun. Habe ich recht? Ich glaube, sogar Tonks hat es bereut, dass sie mir diesen Trank gezeigt hat.
Ich kann Ihnen nicht mal erklären, warum ich trotzdem entschlossen bin, diesen Weg zu gehen. Es wird etwas sein, das Sie mit den Worten 'dämlicher Gryffindorleichtsinn' zusammenfassen würden. Ich bin überzeugt, ich kann mit dieser neuen Persönlichkeit umgehen. Davon abgesehen kann mein Auftrag sowieso nur auf zwei Arten enden: Entweder ich sterbe bei dem Versuch, Sie zu befreien – dann ist es egal, ob ich eine oder zwei bin. Oder ich schaffe es, Sie zu retten – und dann werden Sie mir helfen, einen Weg zu finden, wie ich mit dieser neuen Persönlichkeit auf Dauer leben kann. Wir haben einen Weg gefunden, um Voldemort umzubringen, dagegen ist das garantiert ein Klacks.
Sagte sie und mischte verdammte Einhorntränen in den Trank! Severus starrte Hermines Worte an, eine tiefe Falte stand zwischen seinen Augenbrauen.
Und nicht nur das, sie hatte auch blauäugig all die anderen Möglichkeiten ignoriert, auf die ihr Auftrag hätte enden können. Vor allem die, dass Lucius ihn hätte umbringen können, bevor sie herausfinden konnte, wo er gefangen gehalten wurde. Oder die, dass er bei dem Fluchtversuch ums Leben kam, sie aber nicht. Oder eben die, dass auch er nicht wusste, wie er sie von den Folgen des Vicissitudo Virtus befreien sollte!
Severus schlug das Buch zu und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Das blinde Vertrauen in ihn, das zwischen den Zeilen ihrer Worte stand, überwältigte ihn. Albus musste einen Weg finden, um die Einhorntränen auszugleichen! Und der Plan, den er aufgestellt hatte, musste funktionieren! Er würde es nicht ertragen, noch jemanden sterben zu sehen, der ihm vertraut hatte.
Danach hatte Severus nicht mehr weiter gelesen. Er war zurück ins Bett gegangen, hatte etwas von Hermines Schlaftrank genommen (viel war nicht mehr in der Phiole) und seinen Kopf so zur Ruhe gezwungen.
Als er am nächsten Morgen ein Frühstück für Adia zubereiten wollte, fand er in der Speisekammer einen Brief von Albus.
Severus,
was habt ihr mit der Barriere gemacht? Ich kann nichts mehr sehen!
Albus
Severus zog überrascht die Augenbrauen hoch. Damit hatte er nicht gerechnet. Dann lächelte er. Was für ein schöner Nebeneffekt!
Natürlich war es bedauerlich, dass er nun wohl auch nicht mehr mit Albus würde reden können, aber die Verbindung über die Speisekammer war offensichtlich intakt und solange sie weiterhin mit Nahrungsmitteln und allem, was sonst so anfiel, versorgt wurden, sah Severus vor allem die Vorteile.
Ganz oben auf dieser Liste stand: Albus konnte sie nicht mehr sehen! Seitdem er hier war und Hermine ihm erklärt hatte, was Albus getan hatte, hatte er sich beobachtet gefühlt. Wie eine Laborratte. Jetzt waren sie unbeobachtet – ein kleines Stück Freiheit in diesem Gefängnis.
Ganz knapp hinter diesem Punkt stand die Schadenfreude darüber, dass es Albus nicht gefallen dürfte, sie nicht mehr kontrollieren zu können. Er ließ seine Schäfchen nur ungern aus den Augen, insbesondere ihn. Sein Ärger musste gerade grenzenlos sein und Severus bedauerte es beinahe, dass er nicht daran teilhaben konnte. Er hätte gern gesehen, wie Albus sich auf der anderen Seite dieses Gefühls schlug.
Der einzige Vorteil, der auch ein Nachteil sein könnte, war, dass niemand mehr kontrollieren konnte, wie er mit Adia umging. Was auch immer er zu tun entschied, er würde sich nur vor sich selbst und Hermine rechtfertigen müssen. Severus runzelte die Stirn.
Er steckte den kurzen Brief in die Hosentasche, stapelte die Lebensmittel auf seinen Arm, die er brauchte, und machte sich ans Frühstück. Hungern lassen würde er Adia jedenfalls nicht.
