Kapitel 2.06 – Affekthandlungen

Adia beobachtete jede seiner Bewegungen mit purer Wut in ihrem Blick. Sie saß auf dem Boden, die Beine angezogen, den Kopf in den Nacken gelegt.

Severus ließ das Tablett mit Porridge, gebuttertem Toast und einer großen, sich selbst wieder auffüllenden Flasche Wasser vor sich her die Leiter hinauf schweben. Es glitt widerstandslos durch den Schutzzauber und landete weich vor Adia auf dem Boden. „Frühstück", sagte Severus und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand hinter der Dachluke.

Sie reagierte nicht. Starrte ihn nur weiter aus schmalen Augen an.

Severus zog die Augenbrauen in die Stirn. „Ich hätte gedacht, dass du nach ein paar Stunden hier oben mehr Interesse an Wasser hättest."

Nun holte sie tief Luft und neigte den Kopf zur Seite. „Wirst du mich denn aufs Klo lassen?"

Er schnalzte mit der Zunge. „Stimmt, das hab ich vergessen." Mit einem Wink seines Zauberstabes beschwor er hinter Adia einen Eimer herauf. „Er ist selbstreinigend."

Sie starrte ein paar Sekunden lang den Eimer an, dann ihn. „Dein Ernst?"

„Mein voller Ernst."

„Willst du mich damit brechen? Indem du mich in einen Eimer pinkeln lässt?"

„Es ist ein Anfang", entgegnete Severus.

Sie schnaubte, griff dann aber doch nach dem Wasser und trank.

Severus sah hinab auf seine Schuhe. „Nun, du wolltest meine Aufmerksamkeit, Adia." Er sprach ihren Namen betont langsam aus. „Jetzt hast du sie. Was willst du?"

Sie runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf, dass ich deine Aufmerksamkeit will?"

Er sah sie einen Moment lang an, dann machte er sich wortlos daran, die Leiter wieder hinabzusteigen.

„Hey! Warte! Wo willst du hin?"

Severus, der schon halb auf der Leiter verschwunden war, hob den Blick. „Deswegen", entgegnete er lakonisch.

Sie presste die Lippen aufeinander, ballte die Hände zu Fäusten. „Du hast mich hier eingesperrt! Was erwartest du denn, wie ich auf dein Verschwinden reagiere?"

Er kehrte zurück auf den Dachboden, zeichnete sich einen Stuhl in die Luft und setzte sich, nachdem dieser sich materialisiert hatte. „Da du Essen und Trinken, sowie ein Behältnis für deine Notdurft hast, würde mein Verschwinden dich als die knallharte Kämpferin, die du zu sein behauptest, nicht besonders betrüben, wenn du nicht meine Aufmerksamkeit haben wolltest."

„Die ich zu sein behaupte?", wiederholt sie und rappelte sich auf die Füße, verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin hart genug gewesen, um dich zu finden!"

„In der Tat", entgegnete Severus und sah ungerührt zu ihr auf. „Und du erwartest immer noch meinen Dank, nehme ich an."

Sie schnaubte leise. „Wäre ein verdammt guter Anfang!"

Danke!", sagte Severus. Er sagte es auf dieselbe Art, auf die er sich damals bei James Potter dafür bedankt hatte, dass er ihn vor Lupin 'gerettet' hatte.

Adia sah ihn ausdruckslos an. „Was haben deine Todesser-Freunde dir eigentlich genau angetan, als sie dich in ihrer Gewalt hatten? Ich brauche ein paar Anregungen für den Moment, in dem ich hier rauskomme."

Severus lächelte fein. „Das bleiben meine Anregungen für den Moment, in dem ich merke, dass Reden dich nicht umstimmen wird."

Sie sah ihn angewidert an. „Ich hätte dich verrecken lassen sollen", murmelte sie.

„Das lag gar nicht in deiner Macht, Adia", sagte Severus. „Du hattest an meinem Überleben genauso viel Anteil wie ich und glaub mir, das war nicht besonders viel."

Sie lächelte schmallippig. „Es lag definitiv in meiner Macht, deine geliebte Hermine umzubringen."

„Ja", sagte er gedehnt, „bedauerlich, dass dich das auch dein Leben gekostet hätte."

„Sehr." Sie kam auf ihn zu und lehnte sich mit einer Schulter gegen die unsichtbare Barriere. „Aber es hat auch so Spaß gebracht." Sie lachte leise. „Dir sind so die Gesichtszüge entglitten, Severus … Das hättest du sehen müssen!"

Auch Severus lachte, aber als sie ihn ansah, hörte er abrupt damit auf. „Du willst es nicht erleben, dass mir nochmal die Gesichtszüge entgleiten", sagte er mit dunkler Stimme.

Sie kniff die Augen zusammen. „Doch, ich glaube, das will ich." Drei, vier, fünf Sekunden lang sah sie ihm herausfordernd in die Augen. Dann stieß sie sich von der Barriere ab und lief über den Dachboden. „Was muss ich dafür tun, Severus? Muss ich nochmal versuchen Hermine umzubringen?" Als er nicht antwortete, wandte sie sich zu ihm um. „Eigentlich ist das ohnehin etwas, das mir zusteht, findest du nicht? Da ihr beide versucht, mich umzubringen, ist es nur fair, wenn ich das gleiche versuche."

„Kann man etwas umbringen, das allein nicht existieren kann?", fragte er.

Adia verzog abwägend das Gesicht. „Lass mich überlegen … Hermines Kind konnte allein auch nicht existieren und deine Rettungsmission hat es umgebracht. Ich gehe also davon aus, dass das möglich ist, ja."

Severus' Oberlippe zuckte. Er holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen.

„Oder würdest du das, was mit ihrem Kind passiert ist, anders bezeichnen?", schob sie unschuldig hinterher. Sie kam langsam zurück zur Barriere, ließ Severus dabei nicht aus den Augen. Schließlich legte sie beide Hände flach gegen den Widerstand und sagte: „Wie nah bin ich dran, dass deine Gesichtszüge wieder entgleiten, Severus? Reicht das schon oder muss ich noch … Lily erwähnen?"

Er schnaubte leise. „Glaubst du wirklich, mit Hermines Kind und Lily schaffst du es, mich aus der Fassung zu bringen? Das hat nicht mal der Dunkle Lord geschafft."

„Oh, aber ich hab es geschafft! Und …" Sie sah ihn an, leckte sich über die Lippen. „… und Lucius hat es auch geschafft."

Gegen seinen Willen spürte Severus, wie er sich verspannte. Sein Körper reagierte auf diesen Namen, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Hermines kleine Therapie war gut gewesen, aber nicht so gut. Er hielt Adias Blick fest.

Sie lächelte. „Jaah", sagte sie gedehnt, „Lucius hat es geschafft, dich aus der Fassung zu bringen. Wie hat er das gemacht?" Sie drehte sich um und lehnte sich nun mit dem Rücken gegen die Barriere, schaute sinnierend in die Luft. „Ich hab deine Wunden gesehen." Sie schnalzte mit der Zunge. „Das war schon echt ekelhaft. Und ich hab ja offensichtlich auch nicht die Gelegenheit für so was. Oder Hermine die Zeit …"

Severus schloss die Augen. Er sollte gehen. Nein, nicht sollte – er würde jetzt gehen. Er stand auf und das ließ Adia wieder herumwirbeln.

„Wenn du jetzt gehst, bring ich Hermine um!", sagte sie scharf. „Es ist mir scheißegal, dass mich das auch umbringt. Wenn du jetzt gehst … dann tu ich es."

Er sah sie an. Sah den Ausdruck in ihren Augen und die verkniffenen Lippen. „So dringend willst du meine Aufmerksamkeit?", schnarrte er.

Sie rümpfte die Nase. „So dringend will ich, dass du genauso leidest, wie ich es tue."

Einige Sekunden lang hielt Severus ihren Blick fest, dann setzte er sich wieder.

„Gut", sagte Adia. Sie wirkte sehr zufrieden mit sich. „Also, wo waren wir? Ach ja. Lucius." Sie lachte leise. „Er hat dich echt fertig gemacht, Severus. Ich hab dich schreien hören. Nachts. Und ich hab dich bei deiner kleinen Vergangenheitsbewältigung gesehen. Oft hast du die Tür nicht offen gelassen, aber hey, das war eine Absprache mit Hermine, nicht mit mir." Sie warf ihm einen Blick zu.

Severus wurde heiß. Sein Körper summte und er fühlte sich, als würde er keine Luft mehr bekommen. Er fixierte Adias Augen, diese schwarzen, kalten Augen, und alles drum herum schien zu flimmern.

„Du hast gezuckt und gewimmert", fuhr sie langsam fort. „Ich hab mich ja vorher schon gefragt, was Dumbledore eigentlich gegen dich hat. Es hat so lange gedauert, dich zu finden! Dass du überhaupt noch am Leben warst … Er konnte nicht damit rechnen. Er hat den halben Orden nach Professor McGonagall suchen lassen, aber du warst ihm nur ein einundzwanzigjähriges Mädchen wert, das nicht mal besonders gut kämpfen kann."

„Hermine hat andere Qualitäten", unterbrach Severus sie. Seine Stimme bebte, er konnte nichts dagegen tun. Ihm entglitt … etwas. Die Kontrolle? Die Selbstbeherrschung? Die Fassung? Er wusste es nicht, aber etwas davon entglitt ihm. Er sollte gehen und sich sammeln, aber … Er grollte leise, ballte die Hände zu Fäusten.

Adia lachte währenddessen. „Oh ja, die hat sie. Sie kann Tränke brauen und Wunden heilen. Ich gebe zu, das war hilfreich. Aber wenn ich ihr nicht zwischendurch den Hintern gerettet hätte, wären wir jetzt alle nicht hier." Sie zog eine Augenbraue hoch und wartete auf einen Einwand seinerseits, aber Severus hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass er sie nicht mehr auseinander brachte. Sein Herz raste, er konnte es bis unter die Schädeldecke wummern spüren. Adia nickte. „Also, du warst Dumbledore nur ein Mädchen wert. Woran liegt das, Severus? Vertraut er dir nicht?"

Er kräuselte die Lippe, holte tief Luft. „Er vertraut mir genug, um mich mit dir hier einzusperren."

„Ja, er vertraut dir fachlich. Er braucht dich, um mich loszuwerden. Ich bin durch einen Trank entstanden, es wird ein Trank sein, der mich vernichtet. Was das betrifft, vertraut er dir blind. Aber moralisch?" Sie zuckte mit den Schultern. „Du bist ein Todesser, das hat er dir nie verziehen, oder?"

Severus atmete tief durch. Ein und aus. Er durfte nicht zulassen, dass sie … Er knackte mit den Fingerknöcheln.

„Tröste dich, Severus. Mir vertraut er offensichtlich auch nicht. Ich durfte nicht nach Professor McGonagall suchen. Dabei wart ihr beide am gleichen Ort! Was hatte er denn gedacht, das ich tue, wenn ich dich eher gefunden hätte? Wenn diese … Ratte eher daran gedacht hätte, dass da eine Elfe gewesen ist? Dachte Dumbledore, ich lasse Professor McGonagall einfach da?" Sie lachte trocken. „Schlimm genug, dass sie sich für dich geopfert hat – ich hätte sie nicht für dich geopfert. Für dich!" Sie spie die Worte auf den Boden und drehte sich wieder zu ihm um. „Ganz ehrlich, Severus … Ich kannte Professor McGonagall nicht, aber das, was ich in Hermines Erinnerungen über sie finde … Du bist es nicht wert, dass sie für dich gestorben ist."

Bevor er diese Entscheidung bewusst getroffen hatte, sprang er auf die Füße und legte seine Hand um ihren Hals. Die Barriere hielt ihn nicht auf, für ihn war sie Luft, und so schob er Adia vor sich her gegen die Wand und presste zu. „Sprich nicht über Minerva!", zischte er, während sie mit weit aufgerissenen Augen versuchte, seine Finger von ihrem Hals zu ziehen. Sie versuchte sogar, ihm in den Schritt zu treten, aber Severus wich ihrem Knie aus und lachte kehlig, während ihr Gesicht rot anlief. „Immer unter die Gürtellinie, nicht wahr? Du bist so berechenbar, dass es schon bedauernswert ist."

Obwohl sie keine Luft bekam, schaffte Adia es, ihn wütend anzufunkeln.

Severus ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Adia schnappte nach Luft, hustete, beugte sich nach vorn und stützte sich auf ihren Knien ab. Severus schnaubte und wandte sich von ihr ab, um endlich zu gehen.

Aber bevor er die Barriere passiert hatte, sprang Adia ihm auf den Rücken und zerrte ihn zurück. Sie zog ihm ihre erstaunlich scharfen Fingernägel durch das Gesicht und schrie direkt an seinem Ohr.

Severus schüttelte sie ab und presste sich eine Hand auf das Ohr, das zu klingeln begonnen hatte. Er wirbelte zu ihr herum; sie war zu Boden gestürzt, rappelte sich aber bereits wieder hoch, um ihn erneut anzugreifen. Severus ließ seinen Zauberstab aus dem Ärmel gleiten, deutete auf sie und rief: „Crucio!"

Adia blieb wie erstarrt stehen. Kein Muskel in ihrem Körper bewegte sich, sie starrte ihn heftig atmend und mit leicht geöffnetem Mund an.

Er starrte zurück.

Dann lachte sie. Ganz kurz. Hielt inne. Dann lachte sie wieder, länger dieses Mal. „Scheiße, Severus! Jetzt hast du mir aber einen Schreck eingejagt!"

Es hatte nicht funktioniert. Der Fluch hatte nicht gewirkt. Diese Erkenntnis lief seinen Rücken hinunter, als hätte man ihm einen Eiswürfel ins Hemd gesteckt. Gleichzeitig brach ihm der Schweiß aus.

Adia gewann ihre Fassung schneller wieder als er seine. Ihre Haltung entspannte sich, ein triumphierender Ausdruck erblühte auf ihrem Gesicht. „Du kannst das nicht mehr, Severus. Du hast es erlebt. Du kannst nicht mehr foltern."

Severus biss die Zähne aufeinander bis es knirschte. Sein Ohr war immer noch taub von ihrem Schrei, in seinem Gesicht brannte die Kratzer, die ihre Nägel dort hinterlassen haben mussten, er fühlte sich aufgerieben und wund. Rümpfte die Nase. „Ich kann vielleicht keinen Cruciatus mehr wirken", schnarrte er abfällig und ließ seinen Zauberstab kurz aufzucken, während er ihr einen nonverbalen Stupor auf den Hals hetzte. Sie brach bewusstlos zusammen. „Aber zum Schweigen bringen kann ich dich immer noch."

Severus stand da. Er atmete heftig und sah hinab auf die Frau, die ihn offensichtlich tanzen lassen konnte wie eine Marionette. Nein, der Dunkle Lord hatte das nicht geschafft. Aber damals hatte es auch nichts mehr gegeben, das ihm noch etwas bedeutet hatte. Jetzt gab es Hermine. Er wollte, dass sie lebte. Und Adia wusste das. Und es gab die drei Monate bei Lucius, die ihn … gebrochen hatten. Er konnte das nicht leugnen. Er war nicht mehr der Mann, der er unter dem Dunklen Lord gewesen war. Er war nicht mehr der kaltherzige Bastard. Er konnte offensichtlich nicht mal mehr so tun, als ob er es noch wäre.

Mit einem dunklen Grollen wandte er sich von Adia ab. Er musste hier raus, Luft holen, sich beruhigen. Er hatte gerade die Dachluke wieder zuschnappen lassen, als ihn der Gedanke traf wie der Schwanz eines Norwegischen Stachelbuckels: Er hatte versucht, Adia mit dem Cruciatus zu belegen. Er hatte versucht, Hermine mit dem Cruciatus zu belegen! Der Flur begann sich vor seinen Augen zu drehen und Severus streckte die Hand aus, um sich an der Wand festzuhalten. Ihm wurde übel, seine Beine gaben unter ihm nach, er sank zu Boden.

Er hatte nicht nachgedacht. Nur gehandelt. Er hatte nur Adia auf sich losgehen sehen und den ersten Fluch gesprochen, der ihm in den Sinn gekommen war. Und der erste Fluch, der ihm in den Sinn gekommen war, war der verdammte Cruciatus gewesen!

Heftig atmend tastete er über die vernarbte Haut, auf der das Dunkle Mal gewesen war. Würde er jemals aufhören, ein Todesser zu sein? Würde er jemals aufhören, wie einer zu denken? Wie ein Todesser zu reagieren? Vermutlich nicht. Vermutlich hatte Albus recht damit, ihm nicht weiter zu vertrauen, als er ihn sehen konnte. Denn so viel stand fest: Wenn Albus das hätte sehen können, wäre er vermutlich schon auf dem Weg hierher.

Merlin sei Dank hatte es nicht funktioniert. Merlin sei Dank hatte Lucius ihm die Unverzeihlichen ausgetrieben!

Er rieb sich über das Gesicht und zuckte zusammen, als er die Kratzer berührte. Severus stand ungelenk auf. Er brauchte Diptam-Essenz. Und Albus wartete auf eine Antwort.


23.04.2001

Ich hab's getan. Ich habe jetzt eine zweite Persönlichkeit. Adia Whitmore. Ich muss mich an den Klang des Namens gewöhnen. An ihre Präsenz in meinem Kopf. Ich hatte gedacht, es wäre mehr wie eine Maske, die man an- und ausschalten kann. Aber sie ist wirklich da. Ich spüre sie. Ich nehme ihre Gedanken wahr. Ich werde von nun an nie wieder irgendetwas wirklich allein tun. Ich gebe zu, der Gedanke hat mir vorhin eine kleine Panikattacke beschert. War es wirklich die richtige Entscheidung?

Und gleichzeitig ist da eine Erleichterung, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich stehe nicht mehr allein vor der Aufgabe, Sie zu finden. Ich habe jetzt Hilfe.

Es gelingt mir gut, sie zu kontrollieren. Wenn ich mich konzentriere, kann ich sie auch ausschließen von meiner Wahrnehmung. Ron fand es sehr beruhigend, das zu hören. Und ich fand es sehr beruhigend, dass er mich Adia vorzieht.

Sir, wir wissen beide, dass ich über solche Dinge niemals mit Ihnen sprechen würde. So gut wir uns auch vor Harrys Tod verstanden haben, so etwas ist nie Thema zwischen uns gewesen. Aber ich brauche einen Platz für diese Gedanken, die ich nicht mal vor Tonks laut auszusprechen wage. Hier fühlt es sich an, als würde jemand zuhören – und gleichzeitig nicht. Bitte verzeihen Sie mir das kleine Drama.

Adia … Ganz ehrlich, ich kann ihr nicht das Wasser reichen. Ich war immer zufrieden damit, wie ich aussehe. Von meinen Zähnen abgesehen wollte ich nie etwas an mir verändern, nicht mal dieses Nest von Haaren. Aber Adia kann einem schon Komplexe bereiten. Sie ist nicht nur irgendeine Frau, die ich kenne oder die auf der Straße an mir vorbeigelaufen ist. Sie ist ein Teil von mir. Ein definitiv besser aussehender Teil. Ein verführerischerer Teil. Ich glaube, ich bin ein bisschen eifersüchtig auf diese neue Seite in mir.

Drama Ende.

Ich hab Adia heute das erste Mal ausgeführt. Wir waren im 'La Poule Noire', dem neuen Todessertreffpunkt. Lucius Malfoy ist auf sie aufmerksam geworden und sie spielt mit ihm, wie ich es niemals gekonnt oder gewagt hätte. Halten Sie durch, Sir. Wir kommen Ihnen näher.

Severus las diesen Eintrag mehrmals. Während Hermine die ganze Zeit im Auge behalten hatte, dass sie in sein Tagebuch schrieb und er diese Einträge möglicherweise irgendwann lesen würde, fühlte es sich für ihn an, als würde er ihr privates Tagebuch lesen. Unangenehm. Und falsch.

Er las trotzdem weiter.

28.04.2001

Überfall auf das Privathaus des Ministers. Adia war unter den Todessern. Sah Ron sterben.

Demnächst mehr.

Severus schloss seine Augen und hielt die Luft an, während ein Adrenalinstoß durch seinen Körper rollte. Am 28. April war es also geschehen. Vier Wochen nach seiner Gefangennahme.

Er legte das Buch auf den Tisch und packte ein Blatt Pergament zwischen die Seiten. Dann griff er nach dem Glas und der Weinflasche, die noch von gestern hier standen, füllte sich beinahe randvoll ein und trank es in einem Zug aus. Es dauerte keine drei Minuten, bis er den Alkohol spürte. Er hatte noch nichts gegessen.

Der Tod Ronald Weasleys hatte ihn nicht so erschüttert, als er ihn in Hermines Erinnerungen gesehen hatte. Doch die Notiz hier erinnerte ihn daran, was in der Zwischenzeit noch alles geschehen war. Zum Beispiel dass Hermine erfahren hatte, dass sie schwanger war. Sie hatte nicht ein Wort darüber geschrieben.

Zum ersten Mal kam Severus der Gedanke, dass sie schon schwanger gewesen sein musste, als sie den Vicissitudo Virtus genommen hatte. Keines der Bücher, die Albus ihm geschickt hatte, hatten beschrieben, wie der Trank sich auf ein ungeborenes Kind auswirken würde. Hatte sie Angst gehabt, als der Test positiv gewesen war? Hatte sie sich gefragt, ob nun vielleicht auch ihr Kind eine zweite Persönlichkeit haben würde? Hatte sie befürchtet, ihrem Kind geschadet zu haben? Sie hatte nichts dergleichen aufgeschrieben. Warum nicht? Übertrat das dann doch die Grenzen dessen, was sie ihm zu erzählen bereit gewesen war?

Severus rieb sich über die Stirn, dann las er weiter. Der nächste Eintrag war schwer zu lesen, die Tinte an vielen Stellen verwischt, die Schrift krakelig. Er wappnete sich innerlich gegen das, was jetzt kommen würde. Zu recht, wie er feststellte.

29.04.2001

Das ist alles Ihre Schuld!

Ihretwegen war ich nicht da, wo ich hätte sein sollen! Ihretwegen war Ron ohne Rückendeckung! Ihretwegen ist er tot!

Finden Sie wirklich, dass Ihr Leben mehr wert ist als Rons? Finden Sie es fair, dass ich für Sie meinen Mann opfern musste? Das war nicht der Deal!

Hier hatte sie offensichtlich eine Weile pausiert, denn ihre Schrift war klarer im nächsten Absatz.

Ich werde Ihnen das niemals verzeihen, Sir. Natürlich werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um Sie zu retten. Es würde Rons Tod ad absurdum führen, wenn ich jetzt nicht weitermachen würde. Aber danach … Danach will ich Sie nie wieder sehen.

Severus schlug das Buch zu und schob es von sich. Etwas schnürte ihm den Brustkorb zu. Er stand auf und lief durch das viel zu kleine Zimmer, seine Haut kribbelte. Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durch die Haare und blieb schließlich stehen. Legte den Kopf in den Nacken.

Sie hatte recht, oder? Wäre er nicht gewesen, würde Ronald Weasley noch leben. Sie hatte jedes Recht gehabt, ihn nie wieder sehen zu wollen. Und dann war Albus gekommen, hatte – wie so oft – keine Rücksicht genommen und sie ausgerechnet mit ihm in dieses Haus gesperrt.

Die Wut, die ihn aus Hermines Worten angeschrien hatte, hatte ihn jetzt, in diesem Moment, so heftig getroffen, dass er sich fragte, wie sie es geschafft hatte, sich mit seiner Anwesenheit zu arrangieren. Wie sie es geschafft hatte, sich ihm sogar ein Stück zuzuwenden und sein Hilfsangebot zu akzeptieren.

Er starrte hinüber zu dem Tagebuch, das regungslos auf dem Tisch lag. Lily. Harry Potter. Draco. Minerva. Ronald Weasley. Hermines Kind. Die Namen kreisten durch seinen Kopf wie Fliegen über einem Misthaufen. Egal wie oft er sie wegschlug, sie kamen immer wieder.

Dann schloss er seine Augen, atmete tief durch und leerte seinen Geist. Ließ die Gedanken los. Sein Herzschlag beruhigte sich.

Das Labor. Er würde jetzt ins Labor gehen und den Bleichtrank ansetzen, den er brauchte, um den Bergahorn aufzuhellen. Er konnte diesen Trank schon jetzt brauen, er ließ sich gut lagern. Und es würde ihn beschäftigen. Ablenken. Später musste er wieder zu Adia, da brauchte er einen kühlen Kopf.


„Du hast mich geschockt!", rief Adia, kaum dass Severus den Kopf durch die Dachluke gesteckt hatte.

Er hielt kurz inne, zog eine Augenbraue hoch. Dann kletterte er vollständig auf den Dachboden und setzte sich wieder auf den Stuhl, der noch vom Morgen hier stand. „Ich hatte noch einen Stupor gut", schnarrte er.

Sie schnaubte. „Mein Bein ist immer noch taub!"

„Das gibt sich wieder", entgegnete er leichthin.

„Und ich hab mir in die Hose gepinkelt!"

Severus verdrehte die Augen, dann ließ er seinen Zauberstab in die Hand gleiten und sprach einen Reinigungszauber über sie und ihre Klamotten. „Hast du dich jetzt genug beschwert?", fragte er dann.

„Nein!" Sie rappelte sich auf die Füße und stellte sich mit in die Seiten gestemmten Händen dicht vor die Barriere. „Weißt du eigentlich, wie heiß es hier ist?"

Wieder machte Severus eine knappe Bewegung mit seinem Zauberstab. „28 Grad."

„Und das findest du okay?"

„Okay würde ich nicht sagen, aber es ist Sommer, da soll das vorkommen, selbst in Großbritannien."

Sie presste die Lippen aufeinander, bis sie weiß wurden. „Dieser Dachboden ist eine verdammte Sauna, ich habe kein Bett, nicht mal einen scheiß Stuhl! Und seit heute Morgen hab ich nichts mehr zu Essen bekommen!"

Er sah sie unbeeindruckt an. „Du hast Wasser und wenn dir heiß ist, zieh dich aus. Angesichts deiner Affinität zu sexuellem Verhalten solltest du damit keine Probleme haben. Und falls doch, kann ich dir versichern, dass ich mich niemals zu einer Frau wie dir hingezogen fühlen könnte. Die Möbel, die du angesprochen hast, würde ich dir eventuell geben – wenn du dich dementsprechend benimmst."

Für einen Moment war sie sprachlos, dann schnaubte sie wieder und zog sich das Shirt über den Kopf. In Jeans und BH stand sie vor ihm, sah ihn abschätzend an.

Severus neigte den Kopf zur Seite und ließ seinen Blick langsam an ihr herabgleiten. Sein Angriff vom Morgen hatte blaue Flecken an ihrem Hals hinterlassen und selbst ihm fiel auf, dass das nicht ihre Kleidung war. Der BH war zu klein, die Jeans am Bund ein paar Zentimeter zu weit. Hermine hatte andere Körperproportionen als Adia.

„Findest du doch etwas, das dir gefällt?", fragte sie mit dunkler Stimme. Sie fand mühelos ihren verführerischen Tonfall wieder.

„Nein."

Adia verschränkte die Arme vor der Brust. „Was genau verstehst du unter 'dementsprechend benehmen'?", kehrte sie also zum vorherigen Thema zurück.

„Behalt deine Fingernägel für dich."

„Gut. Wenn du mir nicht nochmal an die Gurgel gehst …"

„Bring mich nicht mehr in Versuchung", grollte Severus.

„Als ob es meine Schuld wäre, wenn du dich nicht beherrschen kannst!", zischte sie und reckte ihr Kinn vor.

Ein Muskel unter seinem Auge zuckte.

„Krieg ich jetzt endlich was zu Essen?", fragte sie nach einigen Sekunden ungeduldig.

Severus sah hinter sich die Leiter hinab. „Wingardium leviosa!", sagte er und das Abendessen, das er am Fuß der Leiter stehen gelassen hatte, flog hinauf, durch die Barriere und landete wie schon das Frühstück weich auf dem Boden vor Adias Füßen. Er rief das Geschirr vom Morgen zu sich und beobachtete, wie Adia sich auf den Boden setzte und zu essen begann.

„Man sollte meinen, ein verdammter Tränkemeister könnte Essen richtig abschmecken", sagte sie zwischen zwei Bissen.

„Zaubertränke werden nicht abgeschmeckt. Ich bin kein verdammter Koch." Severus schlug ein Bein über das andere und verschränkte die Arme vor der Brust, während er sie beobachtete. „Warum hast du angefangen, gegen Hermine zu kämpfen?"

Adia verdrehte die Augen und schob sich ein Brokkoli-Röschen in den Mund, ehe sie antwortete: „Sie hat angefangen, mich wegzudrängen. Was hätte ich denn anderes tun sollen?"

„Es respektieren?", schlug Severus vor. „Es ist ihr Körper, du hast nichts zu melden."

Sie richtete sich auf und sah ihn herausfordernd an. „Ich soll mich also einfach benutzen lassen?"

„Ja."

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich wortlos wieder ihrem Essen zu.

„Was?", fragte Severus.

„Nichts. Ich dachte nur, von allen Menschen in Hermines erbärmlichen Leben würdest wenigstens du mich verstehen. Nachdem ich dich jetzt etwas kennengelernt habe, hätte ich wissen können, dass das nicht passieren wird."

„Warum sollte ich dich verstehen?" Er rümpfte die Nase.

Adias Blick traf ihn unvermittelt heftig. „Weil du genauso wie ich für eine Mission benutzt und danach aussortiert wurdest." Sie ließ ihre Worte einen Moment lang auf ihn wirken, ehe sie fortfuhr: „Haben wir denn kein Leben verdient? Sind wir nur gut genug, solange wir hilfreich sein können?"

Severus' Herzschlag hatte sich plötzlich beschleunigt. „Es gibt kein Wir", sagte er hohl.

Sie schnaufte. „Natürlich nicht." Steckte sich einen weiteren Bissen des Essens in den Mund. „Ich will diesen Körper, Severus! Ich will leben! Ich hab das verdammte Recht auf ein Leben!", sagte sie dann mit vollem Mund.

Severus griff sich an die Nasenwurzel und atmete langsam aus. „Du bist noch nicht mal echt, Adia. Du wurdest nicht geboren. Allein die Tatsache, dass du jemand anderem einen Körper wegnehmen musst, zeigt ganz deutlich, dass du kein Recht darauf hast!"

„Das ist Ansichtssache", erwiderte sie, ohne ihn anzusehen. „Du hast zumindest in soweit recht, dass du mich brechen musst, um mich davon abzuhalten, alles in meiner Macht stehende zu tun, um diesen Körper zu kriegen. Und du wirst es nicht schaffen, mich zu brechen. Niemand kann mich brechen." Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, war ein Versprechen.

„Das ist Ansichtssache", wiederholte Severus ihre Worte und auch das war ein Versprechen.

Ein Lächeln kräuselte Adias Lippen. „Das wird spannend, glaubst du nicht?", fragte sie.

Severus antwortete nicht. Er stand auf und stieg auf die oberste Sprosse der Leiter, um den Dachboden zu verlassen.

„Was ist jetzt mit einem verdammten Bett?", rief Adia ihm hinterher.

„Vielleicht morgen", entgegnete Severus, ohne auch nur für eine Sekunde inne zu halten.

„Elender Bastard!", schrie sie und es knallte; vielleicht hatte sie versucht, etwas nach ihm zu werfen, ohne an die Barriere zu denken.

Severus schnaubte leise. Hoffentlich war es der Teller mit ihrem Essen gewesen. Er atmete auf, als die zuschnappende Luke ihre Beschimpfungen abschnitt.


An diesem Abend fand Severus die bestellten Zutaten in der Speisekammer (unter anderem einen Käfig mit fünf kleinen Spatzen, die einen Höllenlärm veranstalteten, als er die Kammer betrat) zusammen mit dem Buch Das magische Potential von Rowan Bristlecone und einem Brief von Albus.

Severus,

es bereitet mir Sorgen, dass die Verbindung zu euch auf die Speisekammer reduziert ist. Betrachte es als Zeichen meines Vertrauens in Dich, dass ich die Barriere nicht anpasse.

Severus schnaubte und schloss die Augen. Zeichen seines Vertrauens …

Er las weiter.

Ich kann Dich beruhigen, was die Auswirkungen der Barriere auf die Speisekammer betrifft. Egal wie viel Magie ihr in die Barriere leitet, die Speisekammer wird immer als Portal funktionieren.

Anbei die Zutaten, um die Du mich gebeten hast, außerdem das einzige Buch, das mir für den Ausgleich der Einhorntränen hilfreich erschien. Es ist viel verlangt, aber ich erwarte, dass Du alles in Deiner Macht stehende tust, um Hermine zu retten.

Albus

Severus legte den Brief beiseite und sah sich das Buch genauer an. Er runzelte die Stirn. Und dann begann er zu begreifen. Magie. Die Magie eines Zauberers oder einer Hexe war das einzige, das genauso mächtig war wie Einhorntränen. Er schluckte. Albus erwartete, dass er seine Magie opferte, um Hermine zu retten. Deswegen vertraute er ihm, was die Barriere betraf. Er wollte was von ihm. Mal wieder.

Zu Severus' Überraschung brachte er diese Anweisung jedoch nicht so viel Abscheu entgegen wie vielen anderen Anweisungen, die Albus ihm schon gegeben hatte. Ganz im Gegenteil: Er fand nichts als Zustimmung in sich. Auch ohne Albus' mahnende Worte wäre er breit gewesen, sogar sein Leben für Hermine zu opfern. Er war der Grund, dass ihre Familie tot war – ihr Leben zu retten, war das Mindeste, was er tun konnte. Er musste nicht mal darüber nachdenken.