Kapitel 2.07 – Mitgefühl und Moral
Dass Severus für den Ausgleich der Einhorntränen seine Magie opfern musste, stellte ihn vor Schwierigkeiten, mit denen er nicht gerechnet hatte. Der Trank musste mit einem Zauberspruch vollendet werden. Da er zu dem Zeitpunkt keine Magie mehr würde wirken können, musste das Hermine tun – oder Adia.
Außerdem würde er danach nicht mehr in der Lage sein, sich Adia auf magischem Wege vom Hals zu halten. Mit all der Magie, die sich in ihr durch Hermines verdrängte Gefühle anstaute, war das eine unheilvolle Mischung.
Er hatte darüber nachgedacht, ob er nicht einfach Hermines überschüssige Magie nutzen konnte, um die Einhorntränen auszugleichen. Es hätte sich angeboten. Aber die Einhorntränen kamen mit einer Reinheit daher, die ein Gegenstück suchte. Hermine war nicht unrein. Sie hatte nie jemanden umgebracht, gefoltert oder einen der Unverzeihlichen Flüche gewirkt. Trotz allem, was der Krieg ihr genommen und angetan hatte, hatte sie ihre magische Reinheit bewahrt. Sogar Adia hatte sie so erschaffen, dass sie nichts daran ändern würde.
Seine Magie hingegen … Severus schnaubte und wischte sich über das Gesicht. Er hatte getötet, gefoltert und mehr Unverzeihliche Flüche gewirkt, als er zählen konnte. Seine Magie war definitiv unrein und bestens dafür geeignet, als Gegenstück für die Einhorntränen zu wirken. Es musste seine Magie sein.
Er hatte den letzten Abend dafür genutzt, um sich Hermines Erinnerung an die Zubereitung des Vicissitudo Virtus noch mehrmals anzuschauen und einen Arbeitsplan aufzustellen. Sie hatte als erstes das Sekret der Drosera hinzugefügt, also würde er mit dem Sekret der Aloe Vera-Pflanze beginnen. Danach hatte sie den Trank eine Stunde lang ruhen lassen, er würde das kopieren.
Anschließend hatte sie das gemahlene Ebenholz hinzugefügt und vorsichtig unter den Trank gehoben – das würde er mit dem gebleichten Bergahorn ausgleichen. Auch danach hatte sie den Trank ruhen lassen, aber nur eine halbe Stunde. Er fragte sich, warum sie das getan hatte. In keinem der Bücher, die sich mit dem Vicissitudo Virtus befassten, war von Ruhephasen zwischen der Zugabe der individuellen Zutaten die Rede gewesen. Aber Ruhephasen hatten zweifelsohne eine Wirkung auf den Trank und Severus musste sie beibehalten.
Als drittes hatte sie die Mischung aus Drachenblut und Ronald Weasleys Blut tropfenweise in den Trank fallen lassen. Severus hatte darüber nachgedacht, ob er Weasleys Blut mit seinem eigenen ausgleichen konnte, aber Hermine hatte Weasleys Blut genommen, weil er ein reinblütiger Zauberer gewesen war. Sie hatte eine reinblütige Persönlichkeit gebraucht (oder zumindest eine, die sich als reinblütig empfand und dementsprechend agierte), um sich bei Lucius einschleichen zu können. Er brauchte daher das Blut eines muggelstämmigen Magiers, um es auszugleichen. Entweder er bat Albus um eine entsprechende Blutprobe – oder er brauchte auch dafür Hermine. Ihr eigenes Blut zu verwenden, war sicherlich wirksamer als das eines beliebigen muggelstämmigen Magiers. Sie war mit Weasley verheiratet gewesen, sie war in mehrerlei Hinsicht sein Gegenstück. Möglicherweise konnte er die Gewinnung der Blutprobe mit dem Vollenden des Trankes kombinieren; er vertraute Adia nicht weiter, als er sie sehen konnte, und er würde sich hüten, ihr einen Zauberstab in die Hand zu geben.
Das Drachenblut würde er mit dem Blut der Spatzen ausgleichen. Schon beim Gedanken an die Gewinnung dieser Zutat trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Die Spatzen durften dabei nicht sterben, er würde höllisch aufpassen müssen. Er schob den Gedanken erst mal beiseite.
Als letztes hatte sie die Einhorntränen in den Trank gegeben. Erst drei Tropfen, dann noch drei weitere, als ob sie hatte sicher gehen wollen, dass ihr Einfluss stark genug sein würde, um Adia von der dunklen Seite der Magie fern zu halten.
Severus würde seine Magie auch auf Tränen übertragen. Auf seine eigenen, denn wie bei den Einhorntränen musste auch in diesem Fall beides vom selben Geschöpf stammen.
Und dann schlussendlich der Zauber.
Er legte die Feder weg und sank tief durchatmend auf seinen Stuhl zurück. Das könnte funktionieren. Musste. Das musste funktionieren. Vorausgesetzt er brachte Adia dazu, den Trank dann auch zu nehmen. Sie musste es freiwillig tun, genauso wie Hermine es freiwillig getan hatte. Also selbst wenn er zu dem Zeitpunkt noch dazu fähig wäre, hätte er sie nicht mit dem Imperius dazu bringen können. Er musste einen Weg finden, sie entweder in so tiefe Verzweiflung zu stürzen, dass sie lieber diesen Trank nahm, als weiterhin zu existieren – oder er musste sie umstimmen. Nach den Gesprächen, die sie bisher geführt hatten, hatte er nicht den Eindruck gewonnen, dass sie von der einsichtigen Sorte war.
Severus rieb sich die Stirn. Er war nicht der richtige für diesen Job. Minerva hätte Adia vermutlich innerhalb von einer halben Stunde von der Notwendigkeit der Trankeinnahme überzeugen können. Aber Minerva war tot. Auch Albus würde das schaffen; er hatte ein beängstigendes Talent darin, andere davon zu überzeugen, ihr Leben für seine Sache zu opfern. Aber die Speisekammer ermöglichte keinen Übertritt von Menschen, er hatte Albus danach gefragt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Todesser ins Schloss eindringen und das Gegenstück der Kammer dort finden könnten, war zwar gering, aber er hatte kein Risiko eingehen wollen. Nichts Lebendes, das größer war als ein Gnom, würde durch die Speisekammer kommen.
Für einen Moment hatte Severus darüber nachgedacht, diese Aussage zu prüfen und ihren verdammten Gnom nach Hogwarts zu schicken. Aber da er sich seit seinem Ausflug ins Wohnzimmer still verhielt, hatte Severus von dieser Idee abgesehen. Sie waren von Albus' Wohlwollen abhängig, er sollte es nicht zu weit treiben.
Seufzend griff er nach dem Buch, das Albus ihm als letztes geschickt hatte. Das magische Potential. Severus hatte es in der letzten Nacht gelesen, mal mehr mal weniger aufmerksam. Vieles, das darin stand, war für ihn uninteressant. Einhorntränen in einem Trank ausgleichen zu müssen, war ein so spezielles Problem, dass sicherlich noch niemals jemand darüber geschrieben hatte (Severus plante dies irgendwann in der Zukunft zu ändern). Aber es gab Hinweise und Andeutungen, die ihn verstehen ließen, wie Albus auf die Idee gekommen war, dass das funktionieren würde. Severus teilte diese Einschätzung.
Was er nicht gefunden hatte, waren Hinweise darauf, ob er sein magisches Potential für immer verlieren würde, wenn er es auf die Tränen übertrug. Hermine hatte ihm gerade erst bewiesen, dass die Magie sich vermehren und anstauen konnte, aber konnte sie sich auch neu bilden? Oder würde er danach für den Rest seines Lebens ein Squib sein?
Aber selbst wenn. Sollte das Hermine von Adia befreien, würde er seiner Magie keine Träne nachweinen.
Hermine …
Severus wandte seinen Blick zum Fenster. Es war bewölkt heute und kühler als die letzten Tage. Adia würde sich freuen; vielleicht sank die Temperatur auf dem Dachboden um ein halbes Grad.
Adia stand mit dem Rücken zu ihm an dem winzigen runden Fenster an der hinteren Seite des Dachbodens. Sie hatte sich das T-Shirt wieder angezogen. Severus ließ das Tablett mit dem Abendessen wie immer durch die Barriere schweben. Es landete an einer Stelle gut zwei Meter hinter ihr. Adia warf nur einen kurzen Blick darauf. „Wie lange soll das jetzt so weitergehen, Severus? Wie lange willst du mich hier einsperren?"
Er setzte sich und schlug ein Bein über das andere. „Solange es nötig ist."
„Nötig wofür? Nötig bis ich mich bereit erklären, mich von euch umbringen zu lassen?"
„Ja", sagte er. „Wobei umbringen wohl das falsche Wort ist. Es ist eher ein Zurückführen in deinen ursprünglichen Zustand."
Nun wandte sie sich zu ihm um, lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Mein ursprünglicher Zustand war nicht existent. Für mich ist das dasselbe wie umbringen."
„Falsch. Dein ursprünglicher Zustand war ein Teil von Hermine. Du bist ein Teil ihrer Persönlichkeit, der abgespalten und umgestaltet wurde. Es ist nicht möglich, einen Teil der eigenen Persönlichkeit umzubringen."
Sie schnaufte. „Was ist dann mit deinen verlorenen Persönlichkeitsanteilen passiert? Oder hast du tatsächlich nie so etwas wie Mitgefühl und Moral besessen?"
Severus' Augenbrauen zuckten. „Das aus deinem Mund, Adia?"
„Ich kann mir weder das eine, noch das andere leisten."
Er lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. „Doch, leisten könntest du es dir. Aber du bist nicht darauf programmiert, Mitgefühl zu haben oder moralisch zu denken. So wenig, dass Hermine es für nötig hielt, es dir unmöglich zu machen, Schwarze Magie zu praktizieren."
Sie zog eine Augenbraue hoch, wie er selbst es nicht besser gekonnt hätte, und sagte: „Das hätte bei dir vielleicht auch mal jemand tun sollen."
„Ja, jemand hätte das tun sollen. Aber im Gegensatz zu dir habe ich die Möglichkeit, mich dafür zu entscheiden."
„Tatsächlich? Lass mich raten: Du entscheidest dich jeden Tag aufs Neue dagegen?"
„Ich entscheide mich je nach Situation."
„Dann bin ich offensichtlich keine Situation, in der du dich für Mitgefühl und Moral entschieden hast."
Severus lachte kurz. „Nein, das bist du nicht."
Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Was hab ich dir eigentlich getan, Severus?"
„Es geht nicht darum, was du mir getan hast, obwohl selbst das ausreichen würde, um dich zu beseitigen. Es geht um das, was du Hermine antust."
Adia schnaubte. „Die perfekte Hermine", murmelte sie. „Aber das meine ich nicht." Sie sah ihn direkt an und obwohl gut dreieinhalb Meter zwischen ihnen lagen, hätte ihr Blick auch nicht intensiver sein können, wenn sie direkt vor ihm gestanden hätte. „Du konntest mich von Anfang an nicht leiden. Du hast schon angefangen, Pläne für meine Vernichtung zu schmieden, bevor du mich überhaupt kennengelernt hattest. Das war lange bevor ich Hermine irgendwas angetan hatte, das sie nicht gewollt hatte. Warum?"
„Vicissitudo Virtus-Persönlichkeiten machen immer Probleme. Die einen früher, die anderen später."
„Ist das so? Vielleicht wäre ich die Ausnahme geworden."
„Offensichtlich nicht", sagte Severus. „Wenn du tatsächlich friedlich mit Hermine hättest koexistieren wollen, dann hättest du das getan. Dann hätte es dich nicht gekümmert, was ich von dir halte, solange Hermine weiß, wer du wirklich bist. Aber es hat nur ein bisschen Gegenwehr von Hermine gebraucht und schon hast du Probleme gemacht."
„Ich lass mich nicht einsperren!", sagte sie mit all dem Frust, der sich in den letzten Tagen angestaut hatte.
„Du bist eingesperrt", erinnerte Severus sie ruhig. „Und selbst wenn du nicht auf diesem Dachboden eingesperrt wärst, wärst du es in diesem Haus." Und wenn nicht in diesem Haus, fügte er in Gedanken hinzu, dann in irgendjemandes Schuld – und sei es nur die eigene.
„Das Haus wäre mir lieber als dieser verdammte Dachboden!"
„Das glaube ich dir gern, aber ich werde es nicht riskieren, dass du mich irgendwann im Schlaf erstichst."
Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. „Du hast also Angst vor mir?"
„So viel wie vor einer Doxy. Ich will sie nicht in meiner Nähe haben."
„Ja", sagte sie gedehnt, „und auch mich willst du betäuben und entsorgen, nicht wahr?"
„Zurückführen", wiederholte Severus.
Sie machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand und wandte sich wieder zum Fenster um. „Hau einfach ab, Severus."
Das tat er.
In den nächsten zwei Tagen weigerte Adia sich, mit Severus zu reden. Sie weigerte sich auch zu essen, er nahm die Tabletts jedes Mal unangetastet wieder mit. Er kommentierte ihren Hungerstreik nicht, sondern nutzte die Zeit, um den Trank vorzubereiten. Der Bergahorn war inzwischen fertig gebleicht und Severus hatte ihn getrocknet und zu einem feinen Pulver zermahlen. Auch das Aloe Vera-Sekret hatte er bereits gewonnen und in einem kleinen Glasfläschchen konserviert. Als nächstes musste er das Blut der Spatzen gewinnen und davor graute es ihm so sehr, dass er sich stattdessen mit seinem Tagebuch hinaus auf die Terrasse setzte und die nächsten Einträge von Hermine las. Solange Adia sich nicht bereit erklärte, den Trank zu nehmen, brachte es ihnen ohnehin nichts, wenn er ihn fertig stellte.
01.05.2001
Die Todesser sind ein ekelhafter Drecksverein!
Severus schnaubte und schüttelte den Kopf über diesen ersten Satz. Er konnte ihr nur aus vollstem Herzen zustimmen und war gespannt, was sie zu dieser Erkenntnis gebracht hatte.
Malfoy hat gestern Abend zu den Beltane-Feierlichkeiten geladen. Professor Dumbledore wollte mich gar nicht gehen lassen. Dummer alter Mann! Wer soll sich denn sonst bei den Todessern einschleichen? Unser neuer Spion steckt in meinem verdammten Körper!
Egal.
Ich hab gedacht, das würde harmlos werden. Vielleicht ein Essen. Vielleicht ein paar Hauselfen, die mit Tabletts durch die Gegend laufen und mies behandelt werden. Vermutlich ein großes Feuer. Ich hab gedacht, das schwierigste an diesem Abend würde es sein, dem Mörder meines Mannes gegenüber zu stehen und ihn nicht wissen zu lassen, wer ich bin.
Ich glaube, ich habe mich noch niemals zuvor so sehr getäuscht.
Das war eine verdammte Orgie!
War das schon immer so, Sir? Wurden Feste bei den Todessern schon immer mit Muggelfrauen und -männern unter dem Einfluss des Imperius-Fluchs „gefeiert"? Waren schon immer auch weibliche Todesser eingeladen und haben sie schon immer so begeistert daran teilgenommen? Oder ist das alles erst nach Malfoys Übernahme so fürchterlich eskaliert?
Warum überhaupt Muggel? Ich dachte, die Todesser verachten Muggel! Zum Vergewaltigen sind sie offensichtlich gut genug!
Ich musste zwischendrin mehrmals austreten, weil ich mir das nicht länger anschauen konnte. Haben Sie bei so was mitgemacht, Sir? Ist der Mann, den ich zu retten versuche, ein Vergewaltiger?
Severus ließ das Buch sinken, obwohl der Eintrag noch nicht zu Ende war. Beltane. Verdammt.
Von allem, was er im Rahmen seiner Spionage hatte tun müssen, war die Teilnahme an den Beltane- und Samhain-Feierlichkeiten mit das schlimmste gewesen. Das war nichts, das Lucius sich ausgedacht hatte. Das war nicht mal etwas, das der Dunkle Lord sich ausgedacht hatte. Die Feiern in dieser Form waren zwischen den sadistischen Todessern entstanden. Der Dunkle Lord hatte sie geduldet, es hatte ihn nicht interessiert. Und Lucius hatte sie nicht abschaffen können, ohne eine Revolte heraufzubeschwören.
Es gab inzwischen nicht mehr viel, in dem Lucius und Severus einer Meinung waren, aber dieser Punkt gehörte dazu. Sie hatten beide nie teilgenommen an den Orgien. Aber sie waren immer da gewesen. Lucius weil er die Örtlichkeiten zur Verfügung stellen musste, Severus weil er nichts verpassen durfte. Es gab immer auch Gespräche nebenher. Es wurde getratscht und je mehr Alkohol geflossen war, desto gesprächsbereiter waren alle geworden. Er hatte diese Abende gehasst, aber er hatte viel herausgefunden dabei.
Diesmal musste er sich zwingen, Hermines Eintrag weiterzulesen.
Ich hatte gestern Abend das erste Mal Angst vor Adia. Sie wollte mitmachen. Sie ist so extrem sexuell geraten, dass sie mitmachen wollte. Nicht unbedingt mit einem der Muggelmänner, aber es gab auch genug Sex unter den Todessern und sie hätte diese Gelegenheit gern genutzt. Sie hat mit Macnair geflirtet. Macnair! Mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke.
Ich habe sie davon abgehalten und das war anscheinend richtig so. Malfoy hat uns gefragt, ob wir nicht mitmachen wollen und als ich abgelehnt habe, hat er mich auf ein Glas Wein in seine Bibliothek eingeladen. Ich hab mich zurückgezogen, ich weiß nicht, was ich sonst getan hätte. Mit ihm allein in der Bibliothek. Ich hab das Adia machen lassen.
Sie haben geredet, viel geredet. Es ist wirklich krank, welche Vorstellungen dieser Mann von Muggeln und Muggelgeborenen hat. Aber nicht mit einem Wort hat er Sie erwähnt und Adia hat keine Möglichkeit gefunden, das Gespräch auf Sie zu lenken. Sie scheinen ein Tabuthema zu sein. Niemand redet über Sie. Persona non grata.
Es überraschte Severus nicht, dass Adia sich bei den Beltane-Feierlichkeiten gern ins Getümmel gestürzt hätte. Sie hatte schließlich auch ihn versucht zu verführen und dafür musste man schon sehr verzweifelt sein. Aber er konnte sich Hermines Entsetzen darüber sehr lebhaft vorstellen. Die tugendhafte, moralische Hermine Granger, für die es nur richtig oder falsch und gut oder böse gab, würde niemals auch nur darüber nachdenken, an einer Orgie teilzunehmen – selbst dann nicht, wenn alle teilnehmenden Personen bei klarem Verstand, freiwillig involviert und keine Todesser wären. Adias ausgeprägte Sexualität musste sie vor Herausforderungen gestellt haben.
Was ihn aber überraschte, war die Verschwiegenheit, was ihn betraf. Er hatte viel Besuch gehabt. Zwar fast nur von den Todessern, die schon dem Dunklen Lord gedient hatten, aber die waren garantiert auch alle bei der Beltane-Feier gewesen. Von Walden hatte Hermine selbst geschrieben und Bellatrix hätte es sich auch niemals entgehen lassen, ein paar Muggel zu vergewaltigen.
Severus schluckte.
Vielleicht hatte Lucius alles, was ihn betraf, mit einem Zauber geschützt. Vielleicht hatte tatsächlich niemand über ihn reden können. Vermutlich hatte Lucius damit gerechnet, dass der Orden nach Severus suchen würde. Allein das wäre für ihn schon Grund genug gewesen, vor keinem neuen Todesser über ihn zu reden.
Kein Wunder, dass Hermine so lange gebraucht hatte, um ihn aufzuspüren. Es war eher ein Wunder, dass es ihr dann doch gelungen war.
Dass sie so kurz nach Weasleys Tod seinem Mörder gegenüber gestanden hatte und die treue Dienerin hatte mimen müssen, war etwas, mit dem Severus sich gerade nicht auseinandersetzen konnte. Er schob den Gedanken weg und wandte sich dem nächsten Eintrag zu.
06.05.2001
Adia war heute bei ihrem ersten offiziellen Todessertreffen.
Anscheinend versucht Malfoy, mich in die Finger zu kriegen. Er hat Rookwood vorgeworfen, dass er das Schlammblut nicht findet. Ich frage mich, wofür er mich haben will.
So sehr es Professor Dumbledore auch hasst, dass ich weiter nach Ihnen suche, es ist gut, dass Adia in meinem Körper steckt und mein Wissen nutzen kann. Offensichtlich geht Malfoy allmählich der Trank aus, mit dem er die Masken herstellt, und keiner von seinen Anhängern ist clever genug, um in Ihren Aufzeichnungen das richtige Rezept zu finden. Haben die in Hogwarts nur Muggelgeborene beschimpft oder warum schaffen die nicht mal so was simples? Zumindest Draco hätte das Rezept erkennen müssen. Er war nicht viel schlechter in Zaubertränke als ich.
Stattdessen hat das elende Frettchen mich erkannt. Er hat neulich gesehen, wie ich einen der anderen Todesser geschockt habe und dass ich mich um diesen Trank kümmern will, hat ihm dann wohl ein Licht aufgehen lassen. Er hat mich nicht verraten. Ich vertraue ihm nicht, ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll, aber er hat mich nicht verraten.
Jedenfalls hat mich die Nummer mit dem Trank in Malfoys Gunst steigen lassen. Ich habe mich als nützlich erwiesen.
Frettchen? Severus runzelte die Stirn. Sie meinte damit Draco, so viel war ihm klar, aber warum … Dann erinnerte er sich an Moody beziehungsweise Barty Crouch Junior und dass er Draco in ein Frettchen verwandelt hatte. Severus verdrehte die Augen und wandte sich wieder dem Text zu.
Hermine schien auch hier eine Weile lang pausiert zu haben. Die Tinte war bei den ersten Worten des nächsten Absatzes so dick, dass er die Buchstaben nur schwer erkennen konnte.
Ich hasse Sie dafür, dass Ron Ihretwegen gestorben ist, Sir. Ich hasse Sie so sehr. Aber das hier ist mittlerweile genauso mein Tagebuch wie Ihres. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückgeben werde. Vielleicht teile ich es irgendwann oder es gerät einfach in Vergessenheit. Wie sollten Sie auch erfahren, dass ich es überhaupt habe?
Wie dem auch sei …
Rons Beerdigung. Ich schwöre, ich kann mich an kaum etwas erinnern. Es liegt ein Schleier auf diesem Tag. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das überleben könnte.
Das Goldene Trio ist Geschichte. Nur ich bin noch übrig. Manchmal glaube ich, das ist alles, was die anderen in mir sehen. Die zerstörte Überlebende des Goldenen Trios. Ich glaube, ich spiele diese Rolle nicht gut. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich weiß nicht, was man von mir erwartet. Und gleichzeitig ist mir das vollkommen egal. Ich hab keine Zeit dafür. In zwei Wochen ist die Abschlussprüfung, ich muss lernen. Und ich muss Sie finden. Und ich muss zu diesen elenden Todessertreffen gehen. Ich … hab keine Zeit, um die zerstörte Überlebende zu sein.
Das Sonnenlicht war so hell auf den Seiten des Tagebuchs, dass Severus die Augen tränten. Er schloss sie für einen Moment und wischte sich mit Daumen und Zeigefinger darüber, während er den Zeigefinger der anderen Hand zwischen die Seiten legte.
Er erinnerte sich an einen Text, den er in einem seiner früheren Tagebücher verfasst hatte. Ich hasse Dumbledore dafür, dass er Lily nicht beschützt hat. Ob Hermine wohl geahnt hatte, wie sehr er sie verstehen konnte? Als sie diesen Text schrieb sicherlich nicht. Außer Albus hatte zu dem Zeitpunkt niemand gewusst, wie er für Lily empfunden hatte.
Er blinzelte und wandte sich dem nächsten Eintrag zu.
08.05.2001
Offensichtlich ist Adia genauso schwanger wie ich. Sie hätte sich heute beinahe in den Kessel übergeben, als ich diesen Maskentrank zubereitet habe. Pürierte Fischleber gehörte noch nie zu meinen Lieblingszutaten, aber jetzt … Ich muss unbedingt versuchen, das besser von ihr fernzuhalten. Es ist schlimm genug, dass Draco weiß, wer hinter Adia steckt, er muss nicht auch noch wissen, dass ich schwanger bin. Und vor allem soll er es nicht als erstes erfahren!
Ich will es wirklich jemandem erzählen. Wenigstens Ginny. Aber ich schaff es nicht. Ich kann die Worte nicht aussprechen. Sie behandeln mich jetzt schon wie ein rohes Ei; wenn sie das wissen, kann ich garantiert nirgendwo mehr hingehen, ohne dass jemand in Frage stellt, ob ich das auch schaffe. Dumbledore würde mich sofort von diesem Auftrag abziehen und kalt stellen. Sie würden sterben und dann wäre Ron umsonst gestorben. Das kann ich nicht riskieren.
Severus rieb sich die Stirn. Wie schon beim Anschauen ihrer Erinnerungen würde er Hermine gern aufhalten. Würde gern an ihrer Stelle zu Albus gehen und ihm von der Schwangerschaft erzählen. Er war es nicht wert gewesen, ihr Kind zu opfern. Er war es doch nicht mal wert gewesen, Weasley zu opfern! Wenn sie wenigstens jemand anderen geschickt hätte, um ihn aus dieser Hütte zu befreien … Wenn sie doch nur vorsichtiger gewesen wäre …
Wenn, wäre, hätte – die Ursache jeder seiner schlaflosen Nächte. Der rote Faden seines Lebens. Wenn er doch nur niemals zu den Todessern gegangen wäre … Wenn er doch nur auf Lily gehört hätte … Wenn er sich doch nur im Kampf gegen den Dunklen Lord hätte umbringen lassen …
Zu spät.
Severus warf einen Blick auf die Uhr. Bis zum Abendessen war noch etwas Zeit, also las er auch noch den nächsten Eintrag.
10.05.2001
Ich wusste, dass Draco etwas plant! Das Frettchen ist ernsthaft zu Dumbledore marschiert und hat sich in meinen Auftrag eingeklinkt! Er behauptet, er wolle raus aus den Todesserkreisen. Er will Dumbledores Schutz im Austausch für Informationen über Ihren Aufenthaltsort. Er sagt, er wäre sogar schon bei Ihnen gewesen und hätte dafür gesorgt, dass Sie am Leben bleiben, aber leider kann er nicht sagen, wo Sie sich aufhalten. Er ist über einen Portschlüssel zu Ihnen gekommen. Angeblich weiß niemand außer Malfoy selbst, wo der Ort ist, an dem Sie gefangen gehalten werden. Und den Portschlüssel verwahrt natürlich auch Malfoy selbst. Er entscheidet, wer wann zu Ihnen darf.
Das ist alles so hanebüchen und vage und trotzdem hat Dumbledore sich darauf eingelassen! Was bringt er mir, wenn Draco doch nichts berichten kann, das mir weiterhilft? Schön, er war also bei Ihnen. Und er hat dafür gesorgt, dass Sie noch lange, lange weiter leiden werden, wenn ich Sie nicht bald finde. Aber mehr kann er nicht beitragen?
Ich bin gerade so wütend, ich würde am liebsten irgendwas kaputt machen! Ich hör besser auf, bevor es Ihr Buch wird.
Severus zog die Augenbrauen immer weiter hoch, während er diesen Eintrag las. Hermine hätte nicht extra schreiben müssen, dass sie wütend gewesen war. Die Wut sprang ihn förmlich an. Sogar ihre Schrift sah wütend aus.
Er runzelte die Stirn und hob das Buch dicht vor sein Gesicht. Schnaubte. Er kannte Hermines Schrift und das hier war nicht ihre. Sie war es beinahe, aber mehr auch nicht. Die Jahre in Hogwarts hatten ihn geschult im Erkennen von feinen Unterschieden im Schriftbild. Kein Schüler hatte es bei ihm jemals geschafft, die Arbeit eines anderen abzugeben. Diesen Eintrag hatte Adia geschrieben, mindestens mal war sie sehr dicht unter der Oberfläche gewesen. Vielleicht war es ihre Wut und nicht so sehr Hermines.
Er glaubte durchaus, dass Hermine nichts von Draco hielt. Soweit Severus wusste, hatte Draco ihr auch nie einen Grund dafür gegeben. Aber einige Einträge vorher war sie noch erleichtert gewesen, nicht mehr allein vor diesem Auftrag zu stehen. Informationen von Draco – egal wie wenige und egal wie vage – hätten bei Hermine eine andere Reaktion hervorgerufen. Draco stand Lucius auch noch ein ganzes Stück näher als Adia. Ihn auf ihrer Seite zu haben, brachte zumindest ein paar Chancen mit sich. Hermine hätte das erkannt und ihre Abneigung heruntergeschluckt.
Adia hingegen …
Adia hasste es, wenn man sich in ihren Kampf einzumischen versuchte. Das hatte er zu spüren bekommen und Hermine ebenso. Und vielleicht … Vielleicht hatte es auch Draco zu spüren bekommen.
Severus blätterte weiter durch das Tagebuch, las die Einträge quer und suchte nach Dracos Namen. Aber selbst in dem Eintrag, in dem Hermine seinen Tod erwähnt hatte, stand nichts darüber, wie es dazu gekommen war. Wusste Hermine überhaupt, was passiert war? Sie hatte gesagt, sie wüsste weitestgehend alles, was Adia wusste. War das etwas, das Adia vor ihr verbarg?
Eine tiefe Falte bildete sich zwischen Severus' Augenbrauen. Er schlug das Buch zu und stand auf. Er musste mit Adia reden und dieses Mal würde er ihr Schweigen nicht akzeptieren.
