Kapitel 2.08 – Tropfen

Adia saß mit dem Rücken gegen die Barriere gelehnt, als Severus die Leiter hinauf stieg. Sie warf ihm nur einen desinteressierten Blick über die Schulter zu, während er die letzten Sprossen erklomm.

Severus hingegen ging geradewegs zu ihr, streckte seine Hand durch die Barriere und legte sie um ihren Hals, presste sie gegen den Widerstand, der nur für sie existierte. „Was hast du mit Draco getan?", zischte er dicht an ihrem Ohr.

Adia keuchte und als er sie los ließ, rappelte sie sich auf die Füße und wirbelte zu ihm herum. „Was zum Teufel ist dein Problem?", schrie sie heftig atmend.

„Draco Malfoy!", sagte Severus. „Was hast du mit seinem Tod zu tun?"

„Gar nichts! Wie kommst du überhaupt auf die Idee?"

Er zog das Tagebuch aus seiner Tasche und hielt es hoch. Diesmal waren es Adias Gesichtszüge, die entglitten, aber nur für eine Sekunde. Dann presste sie die Lippen aufeinander, bis sie nur noch zwei dünne weiße Striche waren. „Was – hast du – getan?", fragte er leise.

Sie schluckte und begegnete seinem Blick. „Es ist nicht meine Schuld! Er hat sich nicht an die Absprache gehalten."

„Welche Absprache?"

„Er sollte in das Versteck gehen. Er hätte längst da sein sollen! Woher sollte ich wissen, dass er …" Sie brach ab. „Er war ein Idiot! Es ist nicht meine Schuld!"

Severus biss die Zähne aufeinander bis es sich anfühlte, als würde sein Kiefer bersten. „Ich warne dich, Adia, meine Geduld mit dir ist am Ende."

Sie reckte das Kinn vor, schnaubte. „Es ist doch egal, was ich dir sage. Du kannst mich nicht leiden und es passt dir besser, mir die Schuld zu geben, als sie bei Draco zu suchen."

„Wundert es dich?", schnarrte er. „Hermine hat sich herausgewunden aus einer klaren Antwort auf meine Fragen zu Draco. Und du konntest ihn offensichtlich nicht leiden." Wieder hob er das Tagebuch hoch, dann sah er sich nach dem Stuhl um und warf es auf die Sitzfläche.

„Nur weil ich jemanden nicht leiden kann, bringe ich ihn nicht um!"

„Natürlich tust du das! Du wolltest Hermine umbringen!"

Sie verdrehte die Augen. „Komm drüber hinweg, Severus! Sie lebt ja noch." In ihrem Tonfall schwang das Leider hinterher.

Severus schüttelte seinen Zauberstab aus dem Ärmel in die Hand.

Adias Augen wurden eine Nuance größter, ehe sie spöttisch den Mund verzog. „Was hast du jetzt vor? Willst du es nochmal mit dem Cruciatus versuchen?"

Er fing ihren Blick ein, was nicht schwer war; allein ihre Sturheit verbot es ihr, seinem Blick auszuweichen. Dann hob er den Zauberstab und sagte: „Legilimens!" Als sie es hörte, war es bereits zu spät, um sich dagegen zu wehren.

Severus sah sich in ihrem Geist um, skrupelloser, als er es bei Hermine getan hatte. Sie war keine geübte Okklumens, allein das Gespräch über Draco hatte gereicht, dass die Erinnerungen an ihn an der Oberfläche schwebten. Eine Erinnerung versuchte sie so vehement wegzuschieben, dass Severus sich genau diese ansah.

„Nein!", hörte er Adia noch sagen, bevor er hineintauchte.

Es war dunkel, Adia drückte sich vor den Toren von Malfoy Manor im Schatten herum. Ihre Blicke huschten umher, offensichtlich wartete sie auf etwas. Oder jemanden.

Das schmiedeeiserne Tor quietschte, als es einen Spalt geöffnet wurde. Eine winzige Gestalt winkte nach ihr. Ein Hauself. Adia lief zu ihm und schlüpfte auf das Gelände. „Master Malfoy ist jetzt fort, Skorcher wird die Missus jetzt in die Verliese bringen", sagte der Elf und sah sich dabei noch mehr um als Adia vorher. Er fühlte sich sichtlich unwohl bei dem, was er zu tun hatte.

„Je eher desto besser", sagte Adia und hielt dem Elfen ihre Hand hin.

Er ergriff sie widerstrebend und apparierte mit ihr hinab in die Verliese. Der Gang war kahl und wurde nur von vereinzelten Fackeln an den Wänden erhellt. Auf jeder Seite gab es vier Türen, acht Zellen insgesamt. In die Türen waren kleine Fenster eingelassen, die anscheinend nur von außen zu sehen waren; Severus konnte sich nicht daran erinnern, dass seine Zellentür ein Fenster gehabt hätte.

„Die Zelle von Mr Snape ist dort", sagte Skorcher und deutete mit einem zitternden Finger auf eine der Türen.

Adia bewegte sich leise, obwohl sie hier unten allein waren, und spähte durch das Fenster. „Da ist niemand", sagte sie. Sie wandte sich von dieser Zelle ab und lief zu jeder einzelnen der anderen, spähte durch jedes Fenster. „Hier ist nirgendwo jemand!" Schließlich kehrte sie zu seiner Zelle zurück und stieß die Tür auf, die nur angelehnt gewesen war. Sie sah sich in der leeren Zelle um und Severus erinnerte sich daran, diesen Moment auch schon gesehen zu haben, als er in Hermines Geist gewesen war. Aber nur diesen Moment. Adia hatte den Teil davor und den, der jetzt noch folgen würde, vor ihm verborgen.

Sie betrachtete die Blutspuren auf dem Boden und an den Wänden, fand sein Haar an den Ketten. Dann wandte sie sich um mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, als wollte sie den Elfen persönlich für das Scheitern dieser Mission verantwortlich machen. Aber in der Tür stand nicht der Elf.

In der Tür stand Lucius Malfoy, eine Hand um den dünnen Arm des Elfen gelegt. Er hatte die Lippen fest aufeinander gepresst und den Zauberstab und etwas, das aussah wie ein Brieföffner, in der Hand. „Adia", sagte er und zog die Augenbrauen in die Stirn. „Jetzt bin ich auf Ihre Erklärung gespannt."

Adia schluckte, aber als sie sprach, war ihrer Stimme keinerlei Verunsicherung anzuhören. „Ich war auf der Suche nach Draco", sagte sie.

„Hier?", fragte Lucius gepresst. „Mit der Hilfe eines Hauselfen?" Er zog den Elfen vor sich, der leise wimmerte.

„Ja. Ihr wart nicht anwesend, sonst wäre ich natürlich zu Euch gekommen, um Euch von meinen Befürchtungen zu berichten."

„Welche Befürchtungen?", schnappte Lucius und Severus spürte widerwillig Sympathie für ihn in sich aufsteigen. Es war beruhigend zu sehen, dass Adia nicht nur ihn mit ihren unvollständigen und vor allem zusammenhanglosen Antworten zur Weißglut treiben konnte.

Adia wand sich sichtlich, aber Severus war überzeugt, dass das nur Show war. Schließlich sagte sie: „Ich fürchte, Euer Sohn … Er arbeitet für den Orden, Sir."

Lucius' Augen weiteten sich. Er ließ den Elfen los und war mit wenigen großen Schritten bei Adia, griff nach ihrem Hals, so wie Severus es getan hatte. „Du nennst meinen Sohn einen Verräter?", zischte er, während sein Gesicht rot anlief.

Adia keuchte. Lucius hob sie ein Stück von den Füßen und sie griff nach seinem Arm und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden. „Hat mich … ausgefragt", presste sie hervor. „Sn-nape!" Sein Name brachte Lucius endlich dazu, sie loszulassen. Adia stolperte nach hinten und verlor beinahe das Gleichgewicht. Sie rang nach Luft und stützte sich auf ihren Knien ab.

„Was sagtest du?", fragte Lucius gefährlich ruhig. „Und ich warne dich: Erzähl mir alles oder du wirst es bereuen!"

Sie sah zu ihm auf, hustete und erklärte dann: „Draco hat mich nach Snape gefragt. Er glaubte, Ihr würdet ihn gefangen halten und weil Ihr mich mit so vertrauensvollen Aufgaben betraut, dachte er wohl, ich wüsste etwas darüber. Ich sagte ihm, dass dieser Snape schon verdient hätte, was Ihr mit ihm macht, und dass er sich da raushalten soll. Ich hab ihn danach weiter im Auge behalten, hab ihn mit den Hauselfen reden sehen. Vorhin wollte ich zu ihm wegen unseres Auftrags im Ministerium. Aber niemand wusste, wo er ist, nicht mal die Elfen. Und als ich hörte, dass auch Ihr nicht da seid, befürchtete ich das schlimmste. Ich zwang Skorcher mich herzubringen. Und Snape ist tatsächlich weg!" Sie stand inzwischen wieder aufrecht und sah Lucius direkt in die Augen.

Der hielt ihren Blick einige Sekunden lang fest, seine Oberlippe zuckte. Dann schüttelte er den Kopf. „Draco hat Snape nicht. Meine Leute haben ihn gestern woanders hingebracht." Aber er sagte es so beiläufig, als würde er tatsächlich über ihre Worte nachdenken. „Und Draco ist offensichtlich auch nicht hier", fügte er dann mit fester Stimme hinzu. „Geh zurück in die Küche, Elf", sagte er an Skorcher gewandt, „Zu dir komme ich später." Skorcher verbeugte sich tief und disapparierte mit einem Ploppen.

„Und du", sagte er dann zu Adia, „kommst mit mir." Er griff nach ihrem Arm und hielt ihr den messingfarbenen Brieföffner entgegen, der sich als Portschlüssel entpuppte; sobald sie ihn berührte, aktivierte er sich und brachte sie beide zurück ins Obergeschoss. Sofort zog Lucius den Brieföffner wieder an sich und legte ihn in eine Schatulle, die auf dem Schreibtisch lag. Er klappte sie zu.

„Könnte Draco wissen, wo Snape jetzt ist?", fragte Adia.

„Nein!", entgegnete Lucius barsch, „Nur ich, Walden und Augustus wissen, wo er ist."

Severus war überrascht, Lucius diese Details sagen zu hören. Anscheinend hatte Adia es tatsächlich geschafft, sein Vertrauen zu gewinnen. Er schien ihr glauben zu wollen, er weigerte sich, sie als mögliche Verräterin zu sehen. Andererseits war sie jetzt ohnehin in seiner Gewalt und sie würde Malfoy Manor erst wieder verlassen, wenn er es ihr gestattete. Was hatte er also zu verlieren?

Adia fuhr sich mit den Händen durch die Haare; sie spielte ihre Rolle wirklich gut. „Wisst Ihr, wo Euer Sohn ist, Sir?"

Lucius warf ihr einen scharfen Blick zu, antwortete aber nicht. „Komm mit", sagte er und griff wieder nach ihrem Arm, zog sie hinter sich her, raus aus seinem Büro und quer über den Flur. Er öffnete eine Tür und stieß sie hinein. „Du bleibst hier, bis ich das geklärt habe."

Severus konnte nicht sagen, wie lange Adia in diesem Zimmer saß. Vermutlich konnte sie das nicht mal selbst. Irgendwann öffnete sich die Tür und eine Hauselfe sagte: „Tibbis soll Missus nach draußen geleiten."

Adia stand auf, für einen Moment sichtlich irritiert. „Was … Ich kann gehen? Einfach so?"

„Tibbis soll Missus …", begann die Elfe den gleichen Satz zu wiederholen.

„Ja, schon gut!", zischte Adia und folgte der Elfe zur Haustür. Sie sprach kein Wort mehr mit ihr und sie begegneten auch niemandem. Als die Tür hinter ihr geschlossen wurde, sah Adia diese verwundert an, bevor sie disapparierte.

Severus verließ Adias Geist. Sie atmete heftig, Schweiß stand auf ihrer Stirn. Wütend funkelte sie ihn an. „Bist du jetzt zufrieden?", zischte sie.

Und genauso wie an dem Abend, als Hermine ihn das gefragt hatte, schüttelte er den Kopf. „Nein."

Adia schnaubte und wischte sich über das Gesicht. „Draco sollte an dem Abend schon im Versteck sein! Ich dachte, Malfoy hätte ihn nicht finden können und daraus geschlossen, dass er tatsächlich ein Verräter gewesen ist. Ich dachte, deswegen hätte er mich gehen lassen. Aber am nächsten Tag hat Dumbledore Hermine gesagt, dass Draco tot ist. Ich weiß nicht, was passiert ist! Es interessiert mich auch nicht!"

„Natürlich tut es das nicht", grollte Severus und rümpfte die Nase.

„Es hätte auch Draco nicht interessiert. Wäre er an meiner Stelle gewesen, hätte er mich ohne zu zögern ans Messer geliefert!"

„Offensichtlich hat er das nicht!", unterbrach Severus sie heftig. „Du stehst schließlich noch hier, Draco nicht!"

Das schien sie kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen, aber sie fing sich schnell wieder. „Ich musste Malfoy irgendwas erzählen, sonst hätte er mich umgebracht!"

Severus stieß scharf die Luft durch die Nase.

„Was?", schnappte Adia und breitete die Arme aus. „Wäre es dir lieber gewesen, wenn er mich umgebracht hätte? Dann wäre auch deine geliebte Hermine gestorben! Und du auch!"

Er wandte sich ab und schloss die Augen. Sie hatte recht. Er wusste, dass sie recht hatte. Und wenn es wirklich so gewesen war, wie sie es sagte … Wenn es wirklich vereinbart gewesen war, dass Draco schon im Versteck hätte sein sollen … Dann hätte er sich an ihrer Stelle genauso verhalten.

Aber was war schief gelaufen? Warum war Draco nicht im Versteck gewesen? Er musste Albus schreiben. Offensichtlich war er der einzige, der wirklich wusste, was mit Draco passiert war.

„Ich bring dir später was zu essen", sagte Severus hohl und griff nach dem Tagebuch.

„Spar dir das, ich hab keinen Hunger", murmelte Adia hinter ihm.

Er sah sie an. „Du wirst essen! Jetzt ist Schluss mit deinem Hungerstreik!" Sie sah so aus, als wolle sie ihm widersprechen, aber sein Blick brachte sie dazu, den Mund zu schließlich. Sie rümpfte die Nase und wandte sich ab.


Severus betrat den Dachboden nicht, als er Adia das Essen brachte. Er ließ das Tablett nach oben durch die Dachluke schweben; mittlerweile hatte sich ihm der Dachboden so gut eingeprägt, dass er nicht mehr sehen musste, wohin er das Tablett manövrierte.

Und als das Tablett oben angekommen war, schickte er noch eine Matratze hinterher. Adia reagierte nicht darauf. Jedenfalls hörte er nichts von ihr.

Nun stand er im Labor. Es war spät und seine Augen juckten, aber Albus hatte ihm noch nicht geantwortet und er war zu unruhig, um zu schlafen. Er war auch zu unruhig, um weiter in dem Tagebuch zu lesen. Zuerst musste er wissen, was mit Draco passiert war.

Vor ihm auf dem Tisch stand der Käfig mit den Spatzen. Ihr Blut stand als nächstes auf seinem Arbeitsplan. Er sah die kleinen Tiere an, die ihn misstrauisch beäugten und leise piepsten. Fünf Geschwistertiere. Er fragte sich, wo Albus sie aufgetrieben hatte.

Die Theorie der fortgeschrittenen Zutatenlehre beinhaltete natürlich kein Spatzenblut. Die Tiere waren komplett unmagisch und ihr Blut wurde nirgendwo als Zutat genutzt. Aber Severus war trotzdem überzeugt, dass sie als Ausgleich für das Drachenblut funktionieren würden. Drachen gehörten zwar zur Gattung der Reptilien und nicht zu der der Vögel, aber das Fliegen war eine elementare Eigenschaft des Drachen. Das Ausgleichsblut musste unbedingt von einem fliegenden Geschöpf stammen. Von einem absolut unmagischen fliegenden Geschöpf. Und es musste klein und harmlos sein. Die Spatzen würden diesem Zweck dienen.

Er beträufelte ein wenig Hirse mit einem leichten Schlaftrank und gab sie den Tieren zu fressen. Sie stürzten sich gierig darauf und ein paar Moment später lagen sie alle schlafend am Boden des Käfigs. Severus nahm das erste Tier vorsichtig heraus, entfernte an einer Stelle knapp unterhalb des Halses das Gefieder und machte mit einem Zauber die Gefäße sichtbar. „Heiliger Hippogreif", murmelte er, als er sah, wie dünn diese waren. Wie mit einem Haar gemalt.

Severus seufzte, legte den Vogel auf den Tisch und zog das Blutentnahmeset heran, das Albus ihm mitgeschickt hatte. Er setzte die Nadel auf die Spritze, die ein Fassungsvermögen von nur einem halben Milliliter hatte. Danach nahm er wieder seinen Zauberstab zur Hand und ließ die Nadel an der Spitze so fein zulaufen, dass sie eine Spur dünner war als das dickste Gefäß.

Mit tief gerunzelter Stirn nahm er den Vogel wieder auf. Das Gefieder war unerwartet weich auf seinen Fingern. Er musste sehr aufpassen, dass er nicht zu viel Blut entnahm. Der Vogel musste überleben und bei drei Millilitern Gesamtblutmenge war das eine heikle Angelegenheit.

Schließlich setzte er sich, stützte die Unterarme auf der Tischkante ab und näherte sich dem dicksten Gefäß mit der Nadel. Vorsichtig stach er in die bläulich schimmernde Ader und verrenkte sich die Finger, als er den Kolben der Spritze langsam nach unten zog. Severus atmete auf, als Blut in die Spritze sickerte. Es waren nicht mal hundert Mikroliter, die er dem Vogel zu entnehmen wagte.

Er zog die Nadel aus dem Gefäß, träufelte etwas Diptam-Essenz auf die Wunde und legte das immer noch schlafende Tier vor sich auf den Labortisch, während er die winzige Blutmenge magisch vorm Gerinnen bewahrte.

Nachdem er das geschafft hatte, atmete Severus einmal tief durch und schloss die Augen. Es gab selten Momente, in denen er sich sehnlicher eine Heilerin gewünscht hätte als jetzt. Vermutlich gab es einen eleganten Zauber, der diese Aufgabe hätte erledigen können, aber er hatte keine entsprechende Lektüre im Haus gefunden. Die Muggelvariante musste reichen.

Dafür kannte er einen Zauber zur Überwachung der Herzfrequenz und diesen nutzte er jetzt, um den ersten Spatz im Auge zu behalten, während er den nächsten aus dem Käfig nahm und die gesamte Prozedur wiederholte.


Am Ende hatte Severus insgesamt einen halben Milliliter Blut von den Spatzen gewonnen, was so gut wie nichts war. Zu seinem und vor allem zu Hermines Glück war sie auch mit dem Drachenblut sparsam umgegangen. Sie hatte Weasleys Blut zehn Tropfen davon beigemischt, das entsprach etwa dem halben Milliliter, den auch Severus nun zur Verfügung hatte.

Er belegte das Blut mit einem Stasiszauber, damit es stabil bleiben würde, bis er es dem Trank hinzufügen musste. Und bis er das Labor fertig aufgeräumt hatte, verlor auch der Schlaftrank allmählich seine Wirkung. Die Vögel regten sich am Boden des Käfigs, kamen noch etwas benebelt auf die kleinen Füße und saßen heftig atmend im Sand. Severus hatte ihnen eine kleine Schale mit Wasser und noch mehr Hirse in den Käfig gestellt, was sie aber beides vorerst mal mit Nichtachtung straften. Doch es schien ihnen soweit gut zu gehen.

Er nahm den Käfig mit, als er das Labor verließ, und stellte ihn mit offener Tür in eine schattige Ecke auf der Terrasse. Wenn die Spatzen wieder vollkommen wach waren, konnten sie hinaus in den Garten und würden hoffentlich dafür sorgen, dass es hier nicht mehr so betäubend still war.

Auf seinem Weg zurück in sein Zimmer warf Severus noch einen Blick in die Speisekammer. Ein kleiner Adrenalinstoß fuhr durch seinen Körper, als er den Brief entdeckte. Er nahm ihn an sich und ging hinauf in sein Zimmer. Während er den Brief entfaltete, ließ er sich auf die Kante seines Bettes sinken, den Blick bereits in die ersten Zeilen vertieft.

Severus,

ich vermute, Draco starb, weil er seine Mutter mit in das Versteck nehmen wollte, das ich für ihn besorgt hatte. Ich wüsste keinen anderen Grund, der ihn zu dem Zeitpunkt noch einmal zurück in die Nähe seines Vaters hätte treiben können.

Hagrid fand seine Leiche vor den Toren des Schlosses mit einer Warnung von Lucius, keinen dritten Spion mehr zu schicken, weil er auch diesen finden und töten würde. Der Zustand seiner Leiche deutete auf ein Duell hin, das er bedauerlicherweise verlor.

Beizeiten werde ich Dich gern an sein Grab begleiten.

Severus ließ den Brief sinken und atmete langsam aus. War es ein Zufall gewesen, dass sowohl Adia als auch Draco den Abend, an dem Lucius außer Haus gewesen war, für ihre Pläne nutzen wollten? Und kehrte Lucius zurück, weil Adias Eindringen in die Verliese ihn alarmiert hatte, oder war das der Zufall in dieser Kette von Ereignissen gewesen?

Er rieb sich über die Augen. Antworten auf diese Fragen könnte nur Lucius persönlich ihm geben. Mit einem gewissen Grad an Unwissenheit musste er sich anscheinend abfinden. Aber zumindest wusste er nun, was passiert war, wenn auch nicht mit Sicherheit, warum es passiert war.

Er hob den Brief wieder hoch und las die letzten Zeilen.

Da wir nun über unsere Toten reden: Was kannst Du mir über Minervas Ableben berichten, Severus?

Und wie kommst Du mit dem Trank voran?

Albus

Severus schluckte. Stimmt. Albus wusste nichts darüber, was mit Minerva passiert war. Hatte Lucius auch ihre Leiche vor den Toren des Schlosses abgelegt? So, wie sie zugerichtet gewesen war? Etwas zog sich in ihm zusammen. Oder hatte er sie einfach verschwinden lassen? War ihr Tod für Albus bereits Gewissheit oder nur eine starke Vermutung?

Severus nahm Pergament und Feder aus seinem Nachtschrank und setzte sich damit an den Tisch. Er hatte Minerva nur ein kleines Stück weit begleitet in der letzten Zeit ihres Lebens. Ein entscheidendes Stück, aber ein kleines. Er würde Albus von diesem kleinen Stück berichten.


Als Severus am nächsten Morgen auf den Dachboden stieg, tigerte Adia unruhig zwischen der Matratze und der Wand hin und her. Severus beobachtete sie einige Sekunden lang, bevor er überhaupt komplett durch die Luke geklettert war. „Was ist los?", fragte er, nachdem er sich auf seinen üblichen Platz gesetzt hatte.

„Nichts", murmelte sie. „Gibt es Frühstück?"

Er kniff die Augen ein kleines bisschen zusammen, aber dann ließ er das Tablett hinauf schweben und holte anschließend das benutzte Geschirr von gestern zu sich. „Wie war die Nacht?"

„Hm", machte sie, während sie sich im Schneidersitz auf den Boden setzte und an einer Toastscheibe zu knabbern begann.

Severus verschränkte die Arme vor der Brust, aber für seine Körpersprache schien sie heute keinen Kopf zu haben. „Soll ich mir wieder in deinem Geist anschauen, was los ist?"

Adia warf ihm einen scharfen Blick zu. „Versuch es und du wirst es bereuen!"

„Das wage ich zu bezweifeln", schnarrte Severus. „Also?"

Sie rümpfte die Nase und sagte zwischen zwei Bissen: „Hermine zeigt mir Erinnerungen."

Er zog die Augenbrauen hoch. „Tut sie das?"

Wieder sah sie ihn aus schmalen Augen an. „Ja."

„Was für Erinnerungen?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Gute …"

„Tatsächlich?"

Adia stöhnte. „Willst du dir jetzt jede meiner Antworten bestätigen lassen?"

„Möglicherweise." Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Anscheinend gab es auch für ihn eine Möglichkeit, ihre Geduld zu strapazieren.

Sie verdrehte die Augen. „Ja, Hermine zeigt mir gute Erinnerungen. An Harry und ihren Mann, an ihre Schulzeit, an ihre Familie, an Feste im Fuchsbau, an gewonnene Quidditch-Spiele und Hauspokale."

„Das klingt doch … nett", entgegnete Severus scheinheilig.

„Deswegen bin ich ja misstrauisch", murmelte Adia, den Blick wieder an die gegenüberliegende Wand des Dachbodens gerichtet. „Warum tut sie das?"

Severus hatte da so eine Vermutung, aber er würde den Teufel tun und Adia davon erzählen. „Sie steckt in deinem Kopf, frag sie."

„Wir haben nicht so eine Art Verbindung zueinander", nölte sie.

„Ihr könnt nicht miteinander kommunizieren?"

„Nicht verbal, nicht in unserem Kopf. Es ist eher … Kommunikation durch Protest, wenn du verstehst, was ich meine."

„Ja", sagte er, „Ich kann es mir vorstellen." Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Also hat der Kampf um die Kontrolle von Anfang an dazu gehört."

Sie nickte und griff nach der Schüssel mit dem Rührei. „Sie war schon immer eine Spielverderberin, haben sogar ihre Freunde gesagt."

„Hat sie dir das auch gezeigt?"

„Ist wohl dazwischen gerutscht …"

Severus lehnte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf die Knie. „Dass du nicht den Unterschied verstehst zwischen ihren Freunden, die sie einen Spielverderber nennen, und dir, ist ein weiterer Grund, warum du dieses Leben nicht verdient hast, Adia."

Sie sah ihn an, rümpfte die Nase. „Hau einfach ab, Severus."

Er schnaubte, dann stand er auf und ging zur Leiter. „Guten Appetit und viel Vergnügen mit deinem weiteren Kopfkino!"