Kapitel 2.09 – Schuld

Severus ließ das Tablett mit dem Frühstück auf den Dachboden schweben und folgte ihm die Leiter hinauf. Im ersten Moment konnte er Adia nicht sehen und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, sie hätte einen Weg durch den Bann gefunden. Aber dann entdeckte er sie in der hintersten Ecke des Dachbodens. Sie saß auf den Boden gekauert, verschmolz beinahe mit den Schatten.

„Adia", sagte er, aber sie reagierte nicht.

Mit dem Zauberstab in der Hand näherte Severus sich ihr vorsichtig. Als er auf einen Meter an sie herangetreten war, ging er in die Hocke. Sie starrte ihn an. Aber sie schien ihn nicht zu sehen. Um ihre Augen zuckte es. Schweiß stand auf ihrer Stirn.

Severus schnaubte leise. Hermines Kopfkino schien ihre gesamte Aufmerksamkeit zu fordern.

Er erhob sich und kehrte hinter den Bann zurück. Er kühlte die Temperatur auf dem Dachboden auf 21 Grad herab, belegte das Essen mit einem Stasiszauber und kletterte die Leiter wieder hinunter. Wenn Hermine sich an diesem Kampf beteiligen wollte, würde er sie nicht davon abhalten. Im Gegenteil. Er war gespannt, wie Adia auf ihre eigenen Waffen reagieren würde.


Da Severus an dem Trank noch nicht weiterarbeiten konnte, setzte er sich mit dem Tagebuch auf die Terrasse. Heute regnete es. Jedenfalls in ihrer Nachbardimension. Der Regen lief an der Dimensionsbarriere hinab, es prasselte über ihm, als säße er unter einer Glaskuppel. Severus schloss die Augen und lauschte dem Geräusch ein paar Minuten, bevor er das Tagebuch aufschlug.

16.05.2001

Malfoy hat es wirklich auf mich abgesehen. Als ich vorhin zurück kam, haben mir fünf Todesser aufgelauert. Ich musste Dumbledore davon erzählen, damit er prüfen kann, ob das Hauptquartier enttarnt wurde. Er ist nicht begeistert. Von nun an muss ich über Tonks' Kamin herkommen und gehen.

Was will Malfoy bloß von mir? Was ist so besonders an mir?

Und wie würde Malfoy wohl gucken, wenn er wüsste, dass ich andauernd direkt vor seiner Nase herumlaufe und er bereits Wein mit mir in seiner Bibliothek getrunken hat?

Severus stieß die Luft durch die Nase. Ja, den Blick von Lucius hätte er auch gern gesehen.

Aber ihm lief ein Schauer den Rücken hinunter, als er daran dachte, was mit Hermine passiert wäre, wenn Lucius sie tatsächlich in die Finger bekommen hätte. Zumindest dahingehend hatte Adia recht gehabt: Sie hatte Hermine mit ihren Kampfkünsten das Leben gerettet, als sie in diesen Hinterhalt geraten waren.

19.05.2001

Manchmal sitze ich wie betäubt in unserem Zimmer. Auf unserem Bett. Mit seinem Kissen auf dem Schoß. Und kann nicht glauben, dass er nie wieder die Tür aufmachen und mich angrinsen wird.

Severus schloss die Augen. Er war niemals in Hermines und Weasley Zimmer im Hauptquartier gewesen, aber er sah sie vor sich. Dieses gedankliche Bild raubte ihm für einen Moment den Atem.

Es tut mir leid, dass ich Sie vor ein paar Seiten so beschimpft habe. Ich weiß, dass es nicht Ihre Schuld ist. Vielleicht ist es Dumbledores Schuld; er hat mich von Rons Truppe abgezogen. Aber es ist vor allem Malfoys Schuld. Er hat Ron umgebracht und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, kann ich nicht atmen. Jedes Mal, wenn Adia mit ihm flirtet, möchte ich mich auf seine Schuhe übergeben. Jedes Mal, wenn er mich ansieht und mich für seine treue Dienerin hält, möchte ich ihm die Wahrheit ins Gesicht schreien.

Draco hat letztens gesagt, dass es ihm leid tut. „Es tut mir leid, dass Vater ihn umgebracht hat." Das hat er gesagt. Ich wollte mir die Ohren zuhalten. Ich will das nicht hören! Mir wäre beinahe der Trank misslungen, weil Adia so lange gebraucht hat, mich wieder nach vorne zu schleifen.

Wenn ich mich ganz weit zurückziehe und Adia die komplette Kontrolle überlasse, dann ist es, als würde ich schlafen. Dann ist Adias Realität mein Traum und ich kann für eine Weile vergessen, dass er nie wieder die Tür aufmachen und mich angrinsen wird.

Severus legte das Tagebuch zur Seite und wischte sich mit der Hand über den Mund. Sein Blick verlor sich im Grün des Rasens. Das Prasseln des Regens auf der Barriere klang auf einmal betäubend laut in seinen Ohren.

Er hatte dreizehneinhalb Jahre gehabt, bevor er sich Lilys Mörder wieder hatte stellen und den treuen Diener hatte spielen müssen. Bei Hermine waren es drei Tage gewesen. Drei – verdammte – Tage. Es war unmenschlich, was Albus sie hatte tun lassen. Er hätte ihn, Severus, lieber sterben lassen sollen, als Hermine das tun zu lassen.

Severus stand auf und lief ein paar Schritte in den Garten. Er bekam keine Luft, öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und schloss die Augen.

Warum hatte sie das alles bloß getan? Sie hatte sich eine zweite Persönlichkeit in den Körper geholt, ihren Mann und ihr Kind verloren und ihr Leben in Freiheit aufgegeben, nur um ihn zu retten. Das stand in keinem Verhältnis zu dem, was und wer er war. Er hätte es niemals von irgendjemandem verlangt, so viel für ihn zu opfern und er wünschte, sie hätte das nicht getan.

Severus blinzelte und wandte sich der Terrasse zu. Das schwarze Tagebuch war wie eine Anklageschrift. Wie sollte er ihr jemals danken für das, was sie für ihn getan hatte? Wie sollte er es jemals wiedergutmachen?

Er schluckte. Straffte seine Haltung. Vielleicht war es ein Anfang, ihre Geschichte weiter zu lesen und sich der Hölle zu stellen, die sie für ihn durchschritten hatte. Er ging zurück, setzte sich wieder und las weiter.

24.05.2001

Draco … ganz ehrlich? Ich … mir fehlen die Worte. Wie kann jemand … Es … Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Zwei verdammte Wochen lang frage ich ihn immer und immer wieder nach seinem Besuch bei Ihnen. Zwei – verdammte – Wochen! Jedes Mal, wenn wir uns gesehen haben, hab ich wieder damit angefangen. Hab es ihn immer und immer wieder von vorn erzählen lassen in der Hoffnung, dass er doch noch irgendetwas Hilfreiches beisteuern kann. Und jetzt fällt ihm ein: Hey, da war eine verdammte Hauselfe! JETZT!

Ganz ehrlich, Sir, ich weiß, Sie mögen diesen Scheißkerl, aber er hat nicht dazu beigetragen, Ihre Gefangenschaft zu verkürzen. Er hat Sie zwei Wochen gekostet.

Zwei Wochen …

Severus wusste nicht, wie viel früher Hermine die Verliese möglicherweise gefunden hätte, wenn Draco ihr gleich von der Hauselfe erzählt hätte. Als er mit Hermine über Minervas Tod geredet hatte, hatte sie ihm erzählt, sie sei am 25. Mai entführt worden. Er blätterte die Einträge durch und fand den, in dem sie über Dracos Tod geschrieben hatte. Das war am 22. Juni gewesen, also war Draco am 21. gestorben. Severus schloss die Augen. Wenn er bloß wüsste, wann Lucius Minerva zu ihm gebracht hatte …

Es ging ihm nicht um seine zwei Wochen mehr in Gefangenschaft. Aber wenn Draco die Hauselfe von Anfang an erwähnt hätte, hätte Hermine vielleicht Minerva retten können. Genauso wie Adia hätte sie sich nicht für eine Sekunde an Albus' Verbot gehalten, auch nach ihr zu suchen, dessen war Severus sich sicher. Dracos Ignoranz den Hauselfen gegenüber hatte Minerva vielleicht das Leben gekostet.

Vielleicht war es gut, dass er nicht wusste, wann sie gestorben war.

Der nächste Eintrag war ungewöhnlich lang. Severus runzelte die Stirn.

30.05.2001

Ich bin so wütend, ich weiß gar nicht, worüber ich mich als erstes aufregen soll!

Am besten der Reihe nach.

Professor McGonagall ist vor ein paar Tagen verschwunden. Sie hat die Schüler nach Hogsmeade begleitet und ist nicht zurückgekommen. Ich bin mir sicher, dass Malfoy sie hat. Er hat es ja auch auf mich abgesehen. Ich weiß nicht, was für ein perfider Plan dahinter steckt, er redet darüber nicht mit Adia oder in den offiziellen Treffen. Aber ich weiß einfach, dass er sie hat! Wer sollte sie sonst haben?

Trotzdem will Dumbledore nicht, dass ich auch nach ihr suche. Adia soll keine weiteren Aufträge bekommen, weil ich sie angeblich nicht unter Kontrolle habe. Was soll das überhaupt heißen? Adia kommt nie nach vorn, wenn ich es nicht will! Und ich entscheide, wie weit sie nach vorn kommt. Ich kann ihre Fähigkeiten nutzen, ohne dass mein Äußeres sich ändert. Ist das keine Kontrolle? Was stellt er sich denn darunter vor? Adia ist jedenfalls gerade das kleinste meiner Probleme! Im Gegenteil, ohne sie wäre ich absolut geliefert!

Und wenn sie so große Probleme macht, warum zieht er mich dann nicht ab von diesem Auftrag? Genau! Weil ich drin bin! Weil ich der verdammte Spion des Ordens bin und er mich genau da braucht, wo ich jetzt bin! Aber nein! Nach Professor McGonagall darf ich nicht suchen!

Ich frage mich, ob Dumbledore was gegen Sie oder gegen Professor McGonagall hat. Denn offensichtlich sind wir für den einen Auftrag gut genug, für den anderen aber nicht.

Ganz ehrlich, ohne Adia wüsste ich gerade nicht, wie ich das alles schaffen soll. Wissen Sie, was hier im Moment los ist? Ich versuche, Gründe zu finden, um in Malfoy Manor mit den Hauselfen reden zu können, ohne dass Malfoy misstrauisch wird. Adia hat Andeutungen gemacht, dass sie und Draco was miteinander haben könnten. Mich gruselt es schon bei dem Gedanken, aber es scheint Malfoys Misstrauen zerstreut zu haben. Vorerst.

Ich versuche, weitere Anhaltspunkte dafür zu finden, wo Sie sind. Während ich die treue Dienerin spiele. Ich muss Tränke brauen und Pläne schmieden, wie Malfoy das Ministerium infiltrieren kann, und das muss ich in genau dem richtigen Tempo tun, damit er auch deswegen nicht misstrauisch wird.

Und hier kommen ständig alle zu mir, wenn sie medizinische Hilfe brauchen, weil … weil Madam Pomfrey tot ist. Ich hab gedacht, ich hätte mehr Zeit für die Suche nach Ihnen, wenn die Abschlussprüfung endlich vorbei ist, aber stattdessen muss ich jetzt auch noch den Krankenflügel in Hogwarts betreuen, bis Dumbledore endlich eine neue Heilerin für das Schloss gefunden hat. Ich befürchte, er will erst fürs nächste Schuljahr jemanden einstellen. Das heißt, es geht noch einen Monat lang so weiter. Wenigstens brauchen die mich dort nur für die schwereren Fälle; Ihr Nachfolger kann die leichteren Probleme betreuen.

Alle fragen mich ständig, warum ich so mies drauf bin. Niemand weiß, was für einen Auftrag ich bearbeite und da ich dafür dem Mörder von Ron in den Hintern krieche, bin ich auch ganz froh darüber. Tonks redet sowieso schon nur noch das nötigste mit mir und Ginny traut sich kaum, mich anzuschauen. Ich bin nur wütend im Moment und die beiden haben das zu spüren bekommen. Aber sie wissen einfach nicht genug, um mich zu verstehen.

Dumbledore ist der einzige, der alles weiß und er will mich kalt stellen! Das ist nicht fair! Ich reiß mir den verdammten Arsch auf und das ist der Dank? Am liebsten würde ich gerade alles hinschmeißen! Soll er doch zusehen, wie er Sie finden und befreien kann! Nach Professor McGonagall darf ich ja eh nicht suchen.

Ich habe mich während meiner Schulzeit immer gefragt, warum Sie ständig so mies drauf gewesen sind. Selbst als ich wusste, dass Sie als Spion für den Orden arbeiten, habe ich mich noch gefragt, warum Sie Ihre schlechte Laune immer an anderen auslassen mussten. Jetzt kann ich Sie verstehen, Sir. All die Geheimnisse, all die Grausamkeiten, die ich nicht verhindern kann, all die falschen Meinungen von mir, die ich nicht richtig stellen kann. Ging es Ihnen auch so? Und hat Dumbledore Sie auch so unter Druck gesetzt?

Merlin, ich bin so wütend! Ich könnte gerade jeden, der mich auch nur schief anguckt, kopfüber an die Wand tackern!

Severus schnaubte. Seine Launen waren genauso wenig nur auf seine Spionage zurückzuführen wie Hermines. Sie hatte Adia in ihrem Kopf und Adia war ein sehr aufbrausender Charakter. Und er … er war von sich aus reizbar genug, um jemanden kopfüber an die Wand zu tackern, wie sie es so schön ausgedrückt hatte.

Aber all die Dinge, die ihr so zugesetzt hatten, kannte er besser, als es ihm lieb war. Albus hatte auch ihn manchmal ermahnt, er müsse sich zügeln. Rückblickend betrachtet hatte er das bei ihm aus genauso guten Gründen getan wie bei Hermine. Aber ob es tatsächlich zur Entspannung der Situation beigetragen hatte, dass er es Hermine verboten hatte, nach Minerva zu suchen? Für Severus sah es nicht danach aus.

Er starrte gedankenverloren hinaus in den Garten. Er hörte die Vögel zwitschern, die er in die eingeschränkte Freiheit entlassen hatte. Und der Gnom hatte eines der Beete fast vollständig umgegraben. Er zog die Augenbrauen hoch.

Hermines Worte zupften noch an einem weiteren Gedanken, den er angesichts ihrer momentanen Situation ungern zulassen wollte: Sie und Adia hatten eher eine symbiotische als eine parasitäre Verbindung zueinander gehabt. Sie hatten einander viel geholfen, Adia Hermine vermutlich sogar noch mehr als umgekehrt. Er begann zu verstehen, warum Hermine sie verteidigt hatte. Er begann zu verstehen, warum Hermine sich im Kampf um ihren Körper lange zurückgehalten hatte. Adia war kein böser Charakter. Sie war nur ein sehr junger Charakter, der in sehr erwachsene Spiele verwickelt worden war.

Widerwillig sah er auch immer deutlicher die Parallelen zwischen sich selbst und Adia, die sie schon vor einigen Tagen angesprochen hatte. Er griff sich an die Nasenwurzel.

Schließlich schlug Severus das Buch zu und ging zurück ins Haus. Mittlerweile war es zu dunkel geworden, um noch lesen zu können. Die dicken Regenwolken verschluckten einen Großteil des Lichts. Und es wurde ohnehin Zeit, nach Adia zu schauen.


Als Severus den Dachboden dieses Mal betrat, sah er Adia sofort. Sie saß auf der Matratze, hatte die Arme um ihre Knie geschlungen und sah ihn aus feuchten Augen an.

Er senkte den Blick, als er die letzten Sprossen erklomm, hauptsächlich um sie nicht sehen zu lassen, wie er schluckte. Sie weinen zu sehen, ließ ihn nicht so kalt, wie er geglaubt hatte.

Sie wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht und holte tief Luft. „Du wusstest, was sie plant", sagte sie vorwurfsvoll.

„Natürlich wusste ich es", entgegnete Severus, nachdem er sich gesetzt hatte.

„Warum hast du nichts gesagt?"

„Warum hätte ich das tun sollen?", fragte er und zog eine Augenbraue in die Stirn. „Du hast sie doch auch nicht gewarnt, bevor du sie mit dem Tod ihres Mannes gequält hast."

Sie verdrehte die Augen.

„Davon abgesehen hielt ich dich für clever genug, um alleine darauf zu kommen."

Adia rümpfte die Nase und fuhr sich durch die Haare. Ihr Gesicht war rotfleckig vom Weinen, sie sah irgendwie kleiner aus als sonst. „Wenn sie glaubt, das würde irgendetwas ändern, dann irrt sie sich gewaltig", murmelte sie. „Jetzt hasse ich sie noch mehr."

Severus lehnte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf die Knie. „Hass", sagte er langsam, „auf Hermine? Warum? Sie zeigt dir nur das Leben, das du so dringend haben willst."

Sie riss den Kopf zu ihm herum, runzelte die Stirn.

„All diese Erinnerungen, all diese Gefühle – sie gehören zu Hermines Leben dazu. Wenn du sie überwältigst, wenn du sie vernichtest, dann werden ihre Erinnerungen deine. Sie würde genauso mit dir verschmelzen wie du mit ihr." Er ließ seine Worte einen Moment auf sie wirken. „Das, was Hermine jetzt mit dir getan hat, ist keine Rache. Nicht nur. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was dich erwarten wird, wenn du dein Ziel erreichst."

Nun sah er sie schlucken und ein paar Sekunden später stiegen ihr Tränen in die Augen. Tränen, die sie unter keinen Umständen vor ihm weinen wollte. Sie wandte den Blick ab, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. „Nach ihren komischen Tränken wird das nicht mehr so sein."

„Du wirst immer den Schmerz darüber, Mann und Kind verloren zu haben, in dir tragen. Daran ändern auch die Tränke nichts." Bei Merlin! Er wünschte, es wäre anders.

„Aber sie machen es aushaltbar", beharrte Adia, ohne ihn anzusehen.

Severus holte tief Luft. „Ja. Wenn du weißt, wie du die Tränke zubereiten musst …"

Sie lächelte bitter. „Ich werde es wissen, wenn sie mit mir verschmolzen ist."

„Vielleicht wirst du das."

„Wieso vielleicht? Du hast gesagt, ihre Erinnerungen werden meine sein."

„So ist es. Aber du hattest schon immer Zugriff auf Hermines Erinnerungen, dir fehlte nur der emotionale Bezug dazu. Trotzdem hat sie die Tränke für Lucius gebraut. Trotzdem hat jedes Gespräch über Zaubertränke dich dazu gebracht, das Feld zu räumen."

Sie sah so aus, als hätte er sie kurz aus dem Konzept gebracht. „Du weißt, wie man die Tränke zubereitet", sagte sie dann.

„Ich bin kein Heiler, sondern Tränkemeister, Adia. Ich könnte die Tränke nach Anweisung zubereiten, aber Hermine hat die Bestandteile bei mir neu angepasst, nachdem es anfangs nicht passte. Das übersteigt meine Fähigkeiten."

„Das glaube ich dir nicht."

„Es ist egal, ob du mir glaubst oder nicht. Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass ich dir helfen würde?"

„Du würdest sie nicht sterben lassen."

Severus lächelte kaum merklich. „Nein, das wirst du dann schon erledigt haben."

Sie schwieg, drei, vier, fünf Sekunden lang. „Also würdest du mir nicht helfen?"

„Nein."

Wieder schluckte sie, wieder rümpfte sie die Nase und brachte Hermines Schmerz mit ihrem Stolz zum Schweigen. „Das ist okay, wir haben andere Freunde."

Hermine hat Freunde. Von Nymphadora und Albus abgesehen weiß niemand, dass es dich gibt. Und niemand wird dich akzeptieren, wenn sie erfahren, dass du Hermine vernichtet hast."

Severus sah die Ader an ihrem Hals heftig pochen. „Dann geh ich eben zurück zu den Todessern! Lucius wird mich wieder aufnehmen, wenn ich ihm alles erkläre!"

Nun lachte Severus tatsächlich kurz auf. „Die Todesser wird es nicht mehr geben, wenn Albus uns hier rausholt." Er sah ihre Selbstbeherrschung einstürzen, sah sie unter den roten Flecken erblassen. „Wenn du das wirklich durchziehst, bist du allein, Adia." Severus wusste, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, als Adia schluchzte. Und er wusste, dass das nicht nur ein wunder Punkt von Adia war, sondern insbesondere einer von Hermine. Von der zerstörten Überlebenden des Goldenen Trios. Etwas in ihm begann zu schmerzen, als er sie die Fassung verlieren sah. Etwas ließ für einen Moment seinen Atem stocken.

„Hau ab!", schrie Adia ihn dann unter Tränen an. „Geh weg! Lass mich allein!"

Severus nickte und stieg die Leiter wieder hinunter. Aber nachdem er die Luke hatte zuschnappen lassen, hob er den Zauber auf, der die Geräusche von oben abschirmte. Nach ein paar Sekunden hörte er Adia weinen, so wie Hermine geweint hatte in der Nacht, die er bei ihr verbracht hatte. Severus verzog das Gesicht und aktivierte den Zauber wieder. Es wurde still. Zumindest um ihn herum.


„Was willst du?", fragte Adia, ohne ihn anzusehen. Sie lag auf der Matratze, den Rücken zu ihm gewandt.

„Reden." Er verdrehte die Augen.

„Worüber?"

„Über was auch immer uns vorwärts bringt."

Nun drehte sie sich doch zu ihm. „Du meinst was auch immer mich dazu bringt, mich umbringen zu lassen?"

Severus antwortete nicht, er sah sie nur an. An diesem Punkt waren sie schon so oft gewesen, er würde das nicht nochmal von vorn diskutieren.

Adia schnaubte, als er beharrlich schwieg. Sie starrte hoch an die spitz zulaufende Decke und fuhr sich durch die Haare, schloss die Augen. „Kann ich einen Schmerztrank haben?", fragte sie nach einer Weile leise.

„Wofür?"

„Gegen Sodbrennen!", entgegnete sie schnippisch und funkelte ihn an. „Gegen diese rasenden Kopfschmerzen, wogegen wohl sonst?"

Er kniff die Augen ein bisschen zusammen, dann stand er auf und streckte seine Hand durch den Bann. „Komm mit", sagte er.

Adia runzelte die Stirn. „Wohin?"

Severus legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. „Egal, wie viel magische Energie du anzustauen versuchst, du wirst diesen Bann nicht aufheben können, Adia."

Ihre Kiefermuskeln traten hervor, als sie die Zähne aufeinander biss. „Ich will hier raus, Severus!"

„Warum liegst du dann noch da, anstatt zu tun, was ich dir gesagt habe?", fragte er ölig.

„Du bringst mich nur runter zur Barriere und sperrst mich dann wieder hier ein!"

„Aber vorher kommst du raus", entgegnete er lakonisch. „Nun?" Er streckte ihr seine Hand noch etwas nachdrücklicher hin.

Einige Sekunden lang erwiderte sie seinen Blick hartnäckig, dann wandte sie ihn ab und rollte sich von der Matratze. Sie legte ihre Hand nur widerwillig in seine und als sie es endlich tat, hob Severus den Bann auf und zog sie an sich heran. „Wenn du versuchst mich anzugreifen, wirst du es bereuen!"

„Schon klar!", sagte sie mürrisch. Aber ihre Augen waren immer noch gerötet.

Severus stieg vor ihr die Leiter hinab und beobachtete, wie sie ihm folgte. Auf dem Weg hinab zur Barriere sprachen sie kein Wort miteinander. „Erinnerst du dich an die Formel?", fragte er, als sie schließlich vor der Barriere standen.

„Ja", sagte sie leise, legte die Hände gegen den Widerstand und murmelte: „Nimia potentia magica relinquat!" Im Gegensatz zu Hermine biss sie die Zähne aufeinander, als die Barriere zu glühen begann an den Stellen, an denen sie sie berührte. Sie ließ sich nicht anmerken, dass es wehtat. Aber sie stieß die Luft durch die Nase, als es aufhörte und sie einen Schritt nach hinten taumelte.

Severus griff nach ihrem Arm, um sie vom Fallen abzuhalten. Er hatte gedacht, sie würde sich von ihm losreißen oder ihn wenigstens wütend ansehen, aber der Blick, der ihn traf, war einfach nur müde und für einen Moment sah er das Haselnussbraun von Hermine in ihren Augen aufblitzen.

„Bitte sperr mich nicht wieder auf dem Dachboden ein", sagte Adia.

Er schluckte. „Wirst du versuchen mich anzugreifen, wenn ich es nicht tue?"

Sie schnaubte leise und zog ihren Arm nun doch aus seinem Griff, wischte sich über die Stirn. „Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Hermine quält mich mit ihren verdammten Schuldgefühlen, ich kann davon nicht noch mehr aushalten."

Er zog die Augenbrauen hoch. „Das klingt, als hättest du auf einmal Moral und Mitgefühl", sagte er spitz. „Schuldgefühle sind ein deutliches Zeichen dafür."

„In diesem Fall sind Schuldgefühle ein Zeichen für Bullshit!", entgegnete sie heftig. Dann begegnete sie seinem Blick und lachte freudlos. „Du bist genauso wie sie, oder? Ich hab's in deinem Denkarium gesehen. Lily …"

„Rede nicht über Lily", unterbrach Severus sie und rümpfte die Nase.

Adia schürzte die Lippen. „Hermine hat keinen verdammten Grund, sich schuldig zu fühlen! Harry starb, weil Dumbledore ihn geopfert hat. Ron starb, weil seine Truppe schlecht organisiert war. Und Draco starb, weil er sich nicht an die verdammte Absprache gehalten hat! Diese ganzen Schuldgefühle … das ist Bullshit! Keinen von ihnen hätte sie retten können!" Sie ballte die Hände zu Fäusten und presste sie gegen ihren Kopf. „Ich wünschte, sie würde aufhören damit!"

Severus sah sie an, während ihre Worte durch seinen Geist rauschten wie ein Buschfeuer. Sein Herz pochte heftig, er schloss die Augen.

„Warum hört sie nicht auf damit, Severus? Sie muss doch wissen, dass … Sie muss es doch wissen!"

Als er sie wieder ansah, liefen Tränen über ihr Gesicht. „Du musst nicht zurück auf den Dachboden", sagte er, dann wandte er sich ab und ging zurück ins Haus.