Kapitel 2.10 – Menschlichkeit

Es war früh und absolut still auf der Terrasse. Als Severus aus dem Haus trat, schloss er die Augen und atmete mehrmals tief durch. Das verdammte Haus erstickte ihn. Dafür sorgen zu müssen, dass Adia diesen Trank nahm, erstickte ihn. Die Sorge um Hermine … Er atmete schwer aus.

Er setzte sich und rieb sich die juckenden Augen. Viel hatte er in der letzten Nacht nicht geschlafen. Auch wenn er Adia irgendwie glaubte, dass sie ihn nicht angreifen würde, war ein Teil von ihm darauf vorbereitet gewesen, dass sie es doch versuchte.

Schließlich schlug er das Tagebuch auf und blätterte durch die Seiten, bis er den ersten Eintrag gefunden hatte, den er noch nicht kannte.

06.06.2001

Ich komme einfach nicht weiter mit den Hauselfen. Bin letzte Nacht in Malfoy Manor geblieben. Draco war einverstanden, bei Adias vorgetäuschter Affäre zu bleiben. Sie hat es beim Abendessen für meinen Geschmack ein bisschen zu weit getrieben, aber es hat wohl seinen Zweck erfüllt.

Keiner der Elfen war bereit zu helfen. Draco hat ein paar von denen, deren Namen er kennt, zu sich gerufen und mich mein Glück versuchen lassen. Da Draco ihnen auch immer noch Befehle erteilen kann, werden sie niemandem davon erzählen. Aber es war auch keiner von ihnen bereit, mich in die Verliese zu bringen.

Das alles macht mich nervös, Sir. Es ist schon so viel Zeit vergangen. Ich suche seit zwei Monaten nach Ihnen. Wenn Draco sich nicht so absolut sicher wäre, dass Sie noch am Leben sind, hätte ich vielleicht schon aufgegeben. Wie viel Folter kann ein Mensch ertragen? Es tut mir …

„Hast du das immer noch nicht durch?"

Severus zuckte unmerklich zusammen und hob den Blick, während er das Buch zufallen ließ. „Offensichtlich nicht", schnarrte er.

Adia setzte sich auf den anderen Stuhl. Auf Hermines Stuhl. Ein Muskel unter Severus' Auge zuckte. „Wie hast du es eigentlich gefunden?"

„Mit einem Aufrufezauber."

„Du wusstest, dass sie es hat?"

„Ja. Ich hab es in den Erinnerungen gesehen, die du mir gezeigt hast."

Adia nickte langsam. „Sie hasst es, dass du es liest."

Er schnaubte. „Ich hasse es, dass sie reingeschrieben hat."

„Tatsächlich?"

Severus wandte den Blick ab. Nein, eigentlich war er froh darüber. „Zumindest schließt es ein paar Lücken."

„Was für welche?"

„Die Beltane-Feier zum Beispiel." Er beobachtete ihre Reaktion darauf und nun war sie es, die den Blick abwandte. „Warum hast du mir die nicht gezeigt, als ich in Hermines Geist war?"

Adia zuckte mit den Schultern. „Ich hatte nicht viel Zeit, das erschien mir nicht so wichtig."

Severus vermutete, dass die wahren Gründe woanders lagen. Dass Adia gezielt Erinnerungen vor ihm verborgen hatte, die sie in einem schlechten Licht dastehen ließen. Nicht dass er ihr das vorwarf; er hätte es an ihrer Stelle genauso getan.

„Nachdem du nun ein ziemlich vollständiges Bild von unseren letzten Monaten hast … Wie wäre es, wenn du ein paar unserer Lücken schließen würdest?", fragte Adia nach einer Weile.

„Die da wären?"

Sie sah ihn an und zum ersten Mal fand er in ihrem Blick keinen Stolz, keinen Wunsch danach, ihn zu übertrumpfen, sondern nur aufrichtiges Interesse. „Was haben sie dir angetan in deiner Gefangenschaft?"

Severus schluckte und wandte den Blick ab. „Suchst du immer noch nach Anregungen?"

„Sehe ich so aus?", fragte sie scharf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich weiß nicht, wie du aussiehst. Ich kenne dich nicht."

Für einen Moment sah sie ihn sprachlos an. „Abgesehen von Hermine kennst du mich am besten."

Er schnaubte. „Dann werde ich das definitiv nicht mit dir besprechen", sagte er.

„Warum nicht?"

„Warum sollte ich?", fragte er scharf. „Du weißt jetzt schon mehr, als ich dir jemals freiwillig erzählen würde." Immerhin hatte sie seine Wunden versorgt. Alle Wunden.

Adia kniff die Augen ein bisschen zusammen, ihre Lippen waren zwei schmale weiße Striche in ihrem Gesicht. „Weißt du was? Ich nehme diesen Trank. Ich lass mich von euch vernichten."

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Lass mich raten: Wenn ich dir deine Fragen beantworte?"

Sie reckte das Kinn vor. „Wenn du mir meine Fragen beantwortest."

Er lachte freudlos, schüttelte den Kopf und rieb sich über die Augen. „Was willst du von mir, Adia? Warum bist du so besessen von mir?"

Sie senkte den Blick. „Du hast keine Ahnung, wie es ist, ich zu sein." Sie lehnte sich auf dem Stuhl nach vorn, fuhr sich durch die Haare. Die Hände im Nacken, die Ellbogen auf die Knie gestützt fuhr sie fort: „Es gibt mich nur deinetwegen. Hermine hatte dich im Sinn, als sie mich erschaffen hat. Hast du dir die variablen Zutaten mal genau angeguckt? Der Sonnentau, das Ebenholz, das Drachenblut, selbst die Einhorntränen … Das passt genauso gut zu dir wie zu mir." Sie sah ihn an, ihre Halsschlagader pulsierte heftig. „Ich bin besessen von dir, weil du die Grundlage meiner Existenz bist. Ich habe angefangen, mich gegen Hermine zu wehren, weil sie mir verboten hat, dich kennenzulernen. Ich weigere mich zu gehen, weil ich noch nicht fertig bin mit dir. Du bist mein Ursprung und mein Untergang, Severus Snape."

Er hielt ihrem Blick stand, was ihm zum ersten Mal seit Jahrzehnten schwer fiel. „Was heißt das, du bist noch nicht fertig mit mir?"

Sie schnaufte leise. „Ich weiß es nicht. Aber ich … kann noch nicht gehen."

Severus legte den Kopf in den Nacken, presste die Lippen aufeinander. Er hatte kein Problem damit, seine Magie herzugeben, damit Hermine lebte. Er hätte nicht mal ein Problem damit, sein Leben für ihres zu geben. Aber das? Es war, als hätte jemand herauszufinden versucht, wie weit er zu gehen bereit war – und nun die Grenze gefunden.

Wortlos stand er auf und ging ins Haus.


„Was garantiert mir, dass du den Trank nachher tatsächlich nimmst?"

Adia sah von ihrem Buch auf. Sie saß auf der Couch, die Beine auf der Sitzfläche, den Kopf in die Hand gestützt. „Nichts", entgegnete sie. „Du hast nur mein Wort."

Severus schnaubte. Er stand mit verschränkten Armen in der Tür. „Das ist nicht viel wert."

„Ja, mag sein." Sie klappte das Buch zu. „Vielleicht steigt sein Wert, wenn ich dir sage, dass ich Hermine längst hätte loswerden können, wenn ich es noch wollen würde. Mir all diese Erinnerungen in Dauerschleife vorzuspielen, hat sie sehr viel Kraft gekostet. Ich nehme sie kaum noch wahr."

Er spürte sogar, wie er erbleichte; ihm wurde kurz ein bisschen schwindelig. „Hol sie nach vorn", sagte er.

„Nein." Nun legte sie das Buch weg und stellte ihre nackten Füße auf den Boden. „Ich werde diesen Trank nehmen, aber erst reden wir." Sie fing seinen Blick ein und ihrer war so voller Entschlossenheit, dass er unwillkürlich die Nase rümpfte.

Severus zwang seine Beine, den Raum zu durchqueren. Heute setzte er sich in den Sessel, in dem sonst immer Hermine saß. Er kniff die Augen ein bisschen zusammen, während er Adia beobachtete. Sie fühlte sich deutlich selbstsicherer, seitdem sie ihm ihren Preis genannt hatte. Vielleicht hätte er sie doch wieder auf dem Dachboden einsperren sollen. Ihm gefiel die Position nicht, in die sie ihn gebracht hatte. Aber Hermine …

„Warum bist du auf einmal bereit, den Trank zu nehmen?"

Adia schnaufte leise, lächelte. Sie strich sich die langen braunen Haare auf den Rücken. „Hermine zwingt mich zu fühlen. Sie zwingt mich, ihren Schmerz wahrzunehmen. Eine Weile lang war ich sie, wenn auch nur in ihren Erinnerungen. Du hattest recht. Ich bin kein echter Mensch. Ich wurde nicht geboren, sondern erschaffen. Ich bin ein magisches Werkzeug, das reden kann. Ich habe einen Verwendungszweck. Und den habe ich erfüllt. Ich bin nicht dafür gemacht, das komplette Spektrum menschlicher Emotionen zu fühlen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt dazu in der Lage wäre, das länger auszuhalten. Vielleicht würde mich das schon nach kurzer Zeit zerstören."

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Vorerst scheint es dich zu einer verdammten Philosophin zu machen."

„Ja, oder?" Sie rümpfte die Nase, dann ließ sie sich nach hinten sinken. „Aber so altruistisch, wie das jetzt klang, empfinde ich nicht. Ich will immer noch leben. Ich könnte immer noch alles kurz und klein schlagen, weil ihr mich vernichten wollt. Aber Hermine hat mir gezeigt, dass ich dieses Leben nicht haben kann. Die Kopfschmerzen kamen nicht nur von der angestauten Magie. Sie sind weg, seitdem Hermine aufgehört hat, mich ihre Emotionen fühlen zu lassen. Offensichtlich bin ich nicht stark genug für echte Menschlichkeit." Sie sah hinab auf ihre Hände. „Und ich bin nicht mehr Werkzeug genug, um komplett unmenschlich zu sein. Ihre verdammten Schuldgefühle halten mich davon ab, sie einfach mit mir in den Tod zu reißen." Nun verschränkte auch Adia die Arme vor der Brust. „Soll sie halt ihr erbärmliches Leben weiterleben …"

Severus hob das Kinn ein bisschen an. Endlich blitzte wieder die Adia durch, mit der er sich in den letzten Tagen auseinandergesetzt hatte. „Also soll ich vertrauen auf das kleine Stück Menschlichkeit, das Hermine in dir hinterlassen hat?"

„Entweder das oder wir warten einfach ab, bis Hermine von allein zu Grunde geht und ihr Erbe mich zerstört. Das kleine Stück Menschlichkeit hat kein Problem damit." Sie zuckte mit den Schultern.

Severus' Kiefer mahlten, als er den Blick abwandte und dem Pochen seines Herzschlags nachfühlte, das durch seinen Körper vibrierte. Sie hatte ihn in der Hand. Entweder er tat, was sie verlangte, oder sie würde Hermine sterben lassen. Als er sie wieder ansah, achtete er sorgfältig darauf, all die Verachtung, die er für sie empfand, in diesen Blick zu legen. „Fein", schnarrte er. „Fang an!"

Adia lachte kurz. „Nicht so schnell. Da du schon angefangen hast mit den Garantien: Woher soll ich wissen, dass du mir die Wahrheit sagst?"

Ein Lächeln kräuselte seine Lippen. „Gar nicht. Du willst mich doch kennenlernen. Es ist Teil meiner Persönlichkeit, dass niemand jemals genau weiß, ob ich lüge oder die Wahrheit sage."

„Touché", sagte Adia leise.

„Also?"

Sie schlug ein Bein über das andere und machte es sich auf der Couch gemütlich. „Du kennst meine erste Frage: Was haben sie dir in deiner Gefangenschaft angetan?"

Severus biss die Zähne aufeinander, bis ihm der Kiefer schmerzte. Seine Schläfen begannen zu pochen. Schließlich rieb er sich über die Stirn und sagte: „Lucius hat mir das Dunkle Mal weggebrannt und mir falsche Erinnerungen gezeigt. Walden hat mich ausgepeitscht. Bella und Rookwood haben mich mit dem Cruciatus beglückt. Avery hatte Spaß am Ersticken. Mulciber bevorzugte die Faust."

Sie sah ihn an und wirkte unberührt, als sie fragte: „Was noch?"

Er schürzte die Lippen, rümpfte die Nase. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, so fest, dass selbst seine kurzen Nägel sich in die Handflächen bohrten. Am liebsten hätte er gerade ein paar Dinge an ihr ausprobiert, die Avery mit ihm getan hatte. „Bella und Lucius haben mich vergewaltigt", presste er hervor.

Adia nickte langsam. „Was hat Draco getan, als er bei dir war?"

„Er hat meinen Tod verhindert."

„Hat der Zauber dir mal das Leben gerettet?"

„Ja", grollte er.

„Wie oft?"

Severus schnaubte und schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß es nicht, Adia."

So oft?"

„Ja."

Sie kniff die Augen ein bisschen zusammen. „Bei wem?"

„Wie, bei wem?", fragte er ungeduldig.

„Wer hat dich so schlimm gefoltert, dass Dracos Zauber dir das Leben retten musste?"

Wieder biss er die Zähne aufeinander. „Was genau wird das hier, Adia? Hast du eine Art … voyeuristisches Vergnügen daran, mich das zu fragen? Siehst du es vor deinem geistigen Auge und hast deinen Spaß?"

„Das ist irrelevant", sagte sie. „Ich stelle die Fragen, du antwortest."

Er starrte sie an, dachte an den Moment, als Hermine behauptet hatte, er müsse mit niemandem über die Dinge reden, die die Todesser ihm angetan hatten, wenn er ihre Tränke nahm. Ein gnadenlos entstelltes Lachen entrang sich ihm. Er stoppte es, indem er sich über den Mund wischte. „Walden, Avery, Mulciber", zählte er schließlich auf, ohne sie anzusehen.

„Und was hat Draco noch mit dir gemacht?"

Er schluckte. „Nichts nennenswertes."

Nun legte sie den Kopf schief und sagte: „Er hat mir erzählt, dass er vor deine Zellentür gekotzt hat, als er mit dir fertig war. Für ihn war es offensichtlich nennenswert."

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Er hat mir für den Zauber ein Mal in die Haut gebrannt. Allein der Gestank hätte gereicht, dass ihm schlecht wurde."

„Aber das war nicht der Grund", sagte sie stur.

„Wenn du es doch eh schon weißt, warum fragst du mich das alles dann noch?", knurrte er mühsam beherrscht.

„Irrelevant. Beantworte meine Frage, Severus."

Er funkelte sie unbeherrscht an. Dann stand er auf und lief durch das Wohnzimmer. Sein Körper summte vor Zorn. Schließlich blieb er mit dem Rücken zu ihr stehen und schloss trotzdem noch die Augen, bevor er sagte: „Er wollte mich mit dem Cruciatus foltern … aber er konnte es nicht." Gegen seinen Willen tauchte das Gesicht von Draco vor seinem geistigen Auge auf. Wie er versucht hatte, den Cruciatus zu sprechen und gescheitert war, weil das Foltern ihm nicht genug im Blut lag, um es ausreichend zu wollen. Wie er einen verzweifelten Moment lang geglaubt hatte, er müsste ihn mit eigenen Händen foltern, weil der verdammte Cruciatus der einzige Folter-Fluch war, den er gekannt hatte.

„Was hast du dann getan?", fragte Adia in seine Gedanken hinein.

Severus räusperte sich. „Ich hab ihm den Fluch beigebracht, den Walden immer benutzte", sagte er leise. Draco hatte mehr gelitten an diesem Tag als er selbst.

Er wandte sich zu Adia um. „Bist du jetzt endlich fertig mit deinem Fragespiel?"

„Vorerst", murmelte sie, stand auf und verließ das Wohnzimmer.

Severus kehrte mit weichen Knien zum Sessel zurück und vergrub das Gesicht hinter seinen Händen.


Er sah Adia an diesem Tag nicht mehr. Offensichtlich war sie genauso talentiert darin, ihm aus dem Weg zu gehen, wie es umgekehrt der Fall war.

Kurz dachte er darüber nach, mit dem Trank weiterzumachen. Aber das nächste, was auf dem Plan stand, war der Ausgleich für die Einhorntränen. Etwas in ihm weigerte sich noch immer, sich Adia ohne Magie entgegenzustellen. Außer den Tränen fehlte nur noch Hermines Blut und da Adia sie nicht nach vorn holen würde, ehe Severus ausreichend Fragen beantwortet hatte, kam er an dem Punkt im Moment nicht weiter

Angespannt setzte er sich schließlich in sein Zimmer und versuchte, die Drohung ihres 'Vorerst's zu verdrängen, indem er wieder das Tagebuch in die Hand nahm. Schnell fand er die Stelle wieder, an der Adia ihn unterbrochen hatte.

Wie viel Folter kann ein Mensch ertragen? Es tut mir so leid, dass ich Sie enttäusche.

Wenn ich in Malfoy Manor bin und weiß, dass Sie keine vier Meter unter mir irgendwo gefangen gehalten werden, dann will ich Malfoy meinen Zauberstab an die Kehle pressen und ihn zwingen, mir den verdammten Portschlüssel zu geben. Oder ich will in sein Büro einbrechen und selbst nach dem Ding suchen. Aber ich würde weder die eine noch die andere Variante lange überleben – und wenn doch, dann würden wir es nicht gemeinsam hier raus schaffen. Ich hab sogar Dumbledore gefragt, ob der Orden nicht Malfoy Manor angreifen und alle dort lange genug ablenken kann, damit ich nach dem Portschlüssel suchen kann. Aber offenbar ist der Orden den Todessern unterlegen, so einen Angriff würde Malfoy problemlos zerschlagen. Dumbledore sagt, es ist wichtiger, den Krieg zu gewinnen als eine Schlacht. Langsam glaube ich wirklich, er kann Sie nicht leiden.

Bitte halten Sie durch, Sir! Ich suche nach einem Weg! Ich finde einen Weg, das weiß ich!

und weiß, dass Sie keine vier Meter unter mir irgendwo gefangen gehalten werden …

Für einen Moment überwältigte dieser Halbsatz Severus so sehr, dass er die Augen zusammenkniff. Wie oft war Hermine weniger Meter über ihm entlanggelaufen, ohne zu wissen, dass er da war? Und wie oft nachdem sie es wusste? Was hatten Walden oder Bella oder Augustus mit ihm gemacht, während Hermine so nah war?

Er schüttelte den Kopf, blinzelte und blätterte die Seite um.

12.06.2001

Dobby!

Ich dachte, er wäre eine letzte verzweifelte Idee, bevor ich Adia erlauben muss, Lucius um einen Besuch bei Ihnen anzuflehen. Er gehört seit neun Jahren nicht mehr den Malfoys, ich habe nicht daran geglaubt, dass er mir noch etwas Hilfreiches erzählen kann. So wie die Malfoys mit ihren Hauselfen umgehen, habe ich nicht mal erwartet, dass es überhaupt etwas Hilfreiches gibt.

Aber er sagte, es gab damals noch einen Elfen, der sich gegen die Malfoys aufgelehnt hat. Er tat es auf die bezauberndste passiv-aggressive Art, von der ich jemals gehört habe. Er verschob Möbel um ein paar Zentimeter, so dass Malfoy dagegen lief, wenn er nicht aufpasste. Er legte Malfoy tagelang jeden Morgen eine winzige weiße Daunenfeder auf den Schreibtisch, was den beinahe in den Wahnsinn getrieben hat! Dann nahm er einmal eine schwarze und hörte danach komplett auf damit. Malfoy hat getobt! Die anderen Elfen haben Todesängste ausgestanden, aber er kam nicht mal auf die Idee, dass die Elfen dahinter stecken könnten. Der Elf vertauschte die Bilder an den Wänden und irritierte Malfoy damit so sehr, dass der sich in seinem eigenen Haus zu verlaufen begann. Ehrlich, Sir, ich liebe diesen Elfen! Ich hoffe so sehr, dass er immer noch da ist.

Es widerstrebt mir zutiefst, ihn mit diesem Wissen erpressen zu müssen, aber so unwillig er den Malfoys auch gegenüberstehen mag, er wird mich niemals freiwillig in die Verliese bringen.

Severus ertappte sich dabei zu lächeln. Er konnte sich Hermine beim Schreiben dieses Eintrags sehr lebhaft vorstellen. Trotz all der Grausamkeiten, die sie bis hierher erlebt hatte, trotz Adia, trotz ihrer zerbröckelnden Freundschaften, trotz Weasleys Tod, trotz der Schwangerschaft, an der sie niemanden teilhaben ließ – dieser Hauself hatte es geschafft, sie für einen kleinen Moment zu amüsieren und ein bisschen Hoffnung in ihr zu wecken.

Allein dafür mochte auch er diesen Elfen.

19.06.2001

Schon wieder ist so viel Zeit vergangen. Es gab keine Treffen, Malfoy wurde skeptisch, weil Adia sich so aufgedrängt hatte, und Draco ist unterwegs im Auftrag seines Vaters. Ich habe keinen Weg gefunden, um unauffällig nach Malfoy Manor zu kommen. Erst gestern hat es geklappt.

Übermorgen wird Skorcher Adia in die Verliese bringen. Malfoy ist dann unterwegs, unter anderen Umständen hat er sich geweigert. Übermorgen, Sir. Halten Sie durch!

Je weiter Severus in den Tagebucheinträgen voran kam, desto mehr wurde ihm bewusst, wie dicht Hermine Adia unter der Oberfläche getragen hatte. An diesem Punkt in ihren Erinnerungen war sie so kühl und aufbrausend gewesen, dass es ihn schockiert hatte. Aber diese Einträge waren alles andere als kühl. Nichts deutete bis hierher darauf hin, dass ihre Meinung von ihm sich geändert hatte, seitdem sie gemeinsam an den Tränken zur Vernichtung des Dunklen Lords gearbeitet hatten.

Natürlich hatte sie hier auch noch nicht ihr Kind verloren. Aber wenn Adia ihn das nächste Mal ins Kreuzverhör nahm, würde er ihr mal ein wenig auf den Zahn fühlen. War es wirklich Hermine gewesen, die ihn in den ersten Tagen und Wochen hier im Haus am liebsten ins Jenseits und zurück gezaubert hätte – oder war Adia es gewesen? Und wenn es Adia gewesen war, warum? Wenn sie ihn doch so unbedingt hatte kennenlernen wollen, warum war sie dann so wütend gewesen?

23.06.2001

Sie sind fort, Sir. Malfoy hat Adia erwischt. Draco ist tot. Es ist alles so entsetzlich schief gelaufen.

Ich erinnere mich nicht an viel von dem Abend. Adia war sehr stark, sie hat mich von vielem ausgeschlossen. Aber wir leben noch und daher denke ich, sie hat wohl das richtige gemacht.

Sie ist überzeugt, dass Sie auch noch leben. Malfoy hat Sie wegbringen lassen, aber er hat nicht gesagt wohin. Dafür hat er erzählt, wer es weiß. Macnair. Ausgerechnet. Adia will ihn umgarnen. Er hat schon mal mit ihr geflirtet, Interesse ist bei ihm definitiv vorhanden. Und auch wenn sich mir der Magen umdreht bei dem Gedanken, muss ich ihr recht geben. Macnair ist unsere beste Chance.

Da ich davon ausgehe, dass wir an Ihren neuen Aufenthaltsort wieder auf magischem Wege gelangen werden, habe ich einen kleinen Stein mit einer magischen Spur belegt. Adia kann ihn einfach fallen lassen, wenn Macnair sie hoffentlich dorthin bringt, wo Sie gefangen gehalten werden, und ich kann ihn hinterher orten. Ich hoffe sehr, es ist nicht wieder ein Ort, der nur über einen Portschlüssel zu erreichen ist.

Hermine hatte also nicht gewusst, dass Adia Draco verraten hatte. Vermutlich hatte sie es vor wenigen Tagen mit ihm zusammen erfahren. Und vermutlich war das der Grund dafür gewesen, dass sie angefangen hatte, Adia mit ihren Erinnerungen zu quälen. Hermines Moral war so verdammt perfekt, dass sie nicht mal jemanden, den sie seit ihrer ersten Begegnung verabscheut hatte, für ihr eigenes Überleben verraten würde. Er konnte sich ungefähr vorstellen, durch welche Hölle sie Adia gejagt hatte. Severus schnaubte leise.

30.06.2001

Macnair ist so abartig!

Ich komme gerade aus der Dusche. Ich weiß nicht, wie lange ich da drin war, meine Haut ist kurz vor dem Abschälen. Und trotzdem fühle ich mich noch dreckig.

Ich konnte Adia davon abhalten, bis zum Äußersten zu gehen. Ich glaube, ich würde mich übergeben, wenn sie tatsächlich mit ihm ins Bett gehen würde. Aber sie hat ihn geküsst und er hatte seine Hände unter ihrem Shirt. Mich schaudert es so sehr.

Warum kann sie mich nicht von diesen Dingen ausschließen?

Wenigstens trägt das alles Früchte. Macnair ist Wachs in ihren Händen. Adia lotst ihn ganz langsam hin zu Ihnen, sie reizt ihn dazu, ihr etwas ganz Besonderes zu zeigen und deutet an, dass er sie danach komplett haben kann. Was nicht passieren wird!

Niemals!

Severus hatte nicht viel darüber nachgedacht, dass er Walden auf ihrer Flucht umgebracht hatte. Es war ihm die ganze Zeit gleichgültig gewesen; ohne Dracos Zauber hätte Walden ihn schon diverse Male umgebracht, es fühlte sich fair an. Wenigstens ein Triumph neben allem, was er hatte einstecken müssen.

Jetzt aber fühlte es sich sogar noch mehr als fair an. Ja, er war ein Mörder. Aber er hatte kein schlechtes Gewissen deswegen. Er würde sogar behaupten, es hatte seiner Seele nicht geschadet, die Welt von diesem Bastard befreit zu haben.

Der letzte Eintrag war einer der kürzesten, den Hermine in dieses Buch geschrieben hatte. Er hatte ihn schon fertig gelesen, bevor er sich überhaupt bewusst dazu entschieden hatte.

07.07.2001

Morgen hole ich Sie raus. Der Orden wird Malfoy Manor angreifen und mir hoffentlich lange genug den Rücken freihalten. Und dann hole ich Sie raus, Sir.