Kapitel 2.11 - Chaos

Am nächsten Morgen klopfte Severus an Hermines Zimmertür. „Was willst du?", fragte Adia durch einen schmalen Spalt.

„Weitermachen."

Sie runzelte die Stirn. „Bist du plötzlich scharf darauf, Fragen zu beantworten?"

„Nein. Ich bin scharf darauf, dich loszuwerden."

Sie verdrehte die Augen. „Warte … irgendwo unten. Ich komm gleich." Und knallte die Tür wieder zu.


„Kennst du das Gefühl, dass dein Leben bald vorbei sein wird und du noch so viel … Bedeutendes wie möglich in dieser kurze Zeit tun und erleben möchtest?"

Severus sah zu Adia auf, die mit zwei Gläsern Feuerwhiskey in der Hand auf die Terrasse trat. Sie gab ihm eines davon und setzte sich. „Hast du da was reingemischt?", fragte er mit schmalen Augen.

Sie seufzte, dann nahm sie ihm sein Glas aus der Hand und gab ihm ihres. „Besser?"

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Hast du hier was reingemischt, weil du wusstest, dass ich das fragen würde?"

Sie biss die Zähne aufeinander, holte tief Luft. Dann trank sie erst ihr Glas in einem Zug leer und nahm ihm anschließend seines ab, um das gleiche damit zu tun. „Da wir das nun geklärt hätten, könnten wir zu meiner Frage zurückkehren?"

Er beobachtete sie dabei, wie sie die leeren Gläser auf den Boden stellte. „So viel Alkohol am frühen Morgen?"

„Fick dich, Severus", sagte Adia.

Er schnaubte und lehnte sich zurück, schloss die Augen. Es war noch frisch auf der Terrasse, die Sonne stand auf der anderen Seite des Hauses und tauchte sie in Schatten. Er glaubte Adias Blick auf sich zu spüren. Kannte er dieses Gefühl, nach dem sie ihn gefragt hatte? „Ja", sagte er schließlich.

„Ja was?", schnappte sie.

Er sah sie an. „Ja, ich kenne dieses Gefühl."

Ihre Mimik wurde etwas weicher. „Und hast du noch was Bedeutendes getan oder erlebt?"

Er runzelte die Stirn. Lange Zeit sagte er nichts. Was sollte er auch sagen? Seitdem er vor sechs Jahren in die Reihen der Todesser zurückgekehrt war, war die Möglichkeit seines Todes ein ständiger Begleiter gewesen. An keinem Morgen hatte er mit Sicherheit sagen können, dass er den Abend noch erleben würde. Hatte er Bedeutendes getan oder erlebt in dieser Zeit? Mit Sicherheit. War es auf die Art bedeutend gewesen, die Adia gemeint hatte? Wohl kaum.

„Severus?"

Wieder wandte er sich ihr zu. „Ja, hab ich."

Sie öffnete den Mund, um etwas zu fragen, aber noch während sie das tat, schien sie zu spüren, dass er keine Details darüber erzählen würde. Zu seiner Überraschung akzeptierte sie das und klappte den Mund wieder zu.

„Warum warst du so wütend auf mich?", nutzte nun Severus ihr Schweigen für seine Zwecke.

Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Das musst du schon etwas spezifizieren."

Er schnaubte. „Am Anfang, Adia. Als ich noch nichts von dir wusste."

„Oh, das …" Sie stützte den Kopf in die Hand. „Ich war nicht wütend auf dich. Ich war wütend auf Hermine. Sie schob mich die meiste Zeit nach vorn, verhinderte aber, dass ich mich dir zeige. Ich wusste, dass sie es hassen würde, wenn ich mich mit dir anlege."

„Warum solltest du dich nicht zeigen?" Im Tagebuch hatte Hermine geschrieben, dass sie auf seine Hilfe vertraute, um einen Weg zu finden, mit Adia fertig zu werden. Wie hätte er helfen sollen, wenn er gar nicht wusste, dass es sie gab?

„Ich weiß es nicht. Das wirst du mit Hermine klären müssen, wenn ich …" Sie brach ab und presste die Lippen aufeinander. „Hast du das Tagebuch endlich durch?", wechselte sie dann das Thema.

„Ja."

„Und? Irgendwelche bahnbrechenden Erkenntnisse?"

„Keine, die du verstehen könntest", entgegnete Severus und verschränkte seine Finger ineinander.

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Lass es drauf ankommen!"

Er seufzte. „Ist das also eine deiner Fragen?"

„Ja. Da du dich weigerst, ein einfaches aufrichtiges Gespräch mit mir zu führen …"

„Aufrichtig …", schnaubte er. „Es gibt nicht viel Aufrichtiges zwischen dir und mir, Adia."

„Ich weiß. Ich versuche das zu ändern."

„Wozu?"

Sie sah ihn an und es stand so viel Frust in ihrem Blick, dass ihm seine Frage beinahe leid tat. „Wie kam Hermine bloß jemals auf die Idee, dass du es wert wärst, so viel zu opfern?", fragte sie. Ihre Stimme bebte.

Severus schnaubte und fuhr sich mit einer Hand über den Mund. „Das wird eine der ersten Fragen sein, die ich ihr stelle, wenn ich sie das nächste Mal sehe."

Sie stand auf und ging ein paar Schritte in den Garten. Dann wandte sie sich zu ihm um, verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist so ein unnahbarer, frustrierender Mensch, Severus. Verschlossen bis in den letzten Winkel, verbittert, griesgrämig. Und trotzdem … Trotzdem war Hermine wild entschlossen, dich zu befreien. Trotzdem hatte sie dieses unerschütterliche Vertrauen, dass du es wert wärst. Selbst als sie mit der Möglichkeit konfrontiert war, dass du auf Lucius' Feierlichkeiten Frauen vergewaltigt haben könntest, war sie überzeugt davon, dass das nicht passiert war. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, woher sie dieses Vertrauen in dich nimmt, denn ich konnte in ihren Erinnerungen nichts finden, das das erklären würde. Weißt du, warum sie dir so sehr vertraut?"

Er lehnte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Ich habe keine Ahnung, Adia."

Sie rümpfte die Nase. „Wenn du mich fragst, dann ist sie dumm, das zu tun. Ich finde keinen einzigen guten Grund dafür. Und ich versuche es wirklich! Ich versuche herauszufinden, ob es richtig war, dir zu helfen, oder ob ich diese Ironie von einem Leben dafür verschwendet habe, einen kaltherzigen Bastard zu retten."

Severus stand auf und straffte seine Haltung. „Sag mir Bescheid, wenn du die Antwort gefunden hast." Dann wandte er sich um und ging ins Haus.


War es so? Hatte Adia ihre kurze Lebenszeit dafür verschwendet, einen kaltherzigen Bastard zu retten?

Ja!, dachte Severus bitter. Anscheinend hatte sie das. Es gab keinen Grund, warum Hermine sich das alles hätte antun sollen, nur um ihn zu retten. Er war es nicht wert gewesen, so viel zu opfern. Er war es nicht wert, dass sie ihm vertraute.

Warum zum Teufel tat sie es trotzdem?

Er fuhr sich mit gespreizten Fingern in die Haare. Sein Herz pochte heftig und er war zu unruhig, um sich hinzusetzen. Stattdessen zog er Bahnen durch sein viel zu kleines Zimmer. Gerade jetzt vermisste er Hogwarts und all die weitläufigen Gänge. Er vermisste es, seiner Unruhe mit Kontrollgängen begegnen zu können. Stundenlang war er manchmal nachts durch die Flure der Schule gelaufen, weil er unfähig gewesen war, still zu sitzen oder gar zu liegen. Manchmal brauchte er die Bewegung und dieses verdammte Haus konnte ihm nicht den nötigen Raum dafür bieten.

Verdammte Adia!

Schließlich blieb er stehen, die Hände im Nacken verschränkt und sah durch sein Fenster auf die vordere Seite der Dimensionsbarriere. Der blaue Himmel lief am Horizont in einer verschwommenen Linie in die grünen Hügel über, die das Haus umgaben. Er hatte den dauernden Sonnenschein so satt.

Und er hatte es satt, sich schlecht zu fühlen wegen der Entscheidungen, die Hermine getroffen hatte. Nein, er war es nicht wert gewesen, aber ihn hatte verdammt noch mal niemand gefragt! Albus hatte gegen seinen Willen eine Rettungsmission gestartet, Draco hatte ihn gegen seinen Willen am Leben erhalten, Hermine hatte gegen seinen Willen diese Verrückte erschaffen! Es war nicht seine verdammte Entscheidung gewesen! Und tat er nicht, was er konnte, um irgendetwas davon wiedergutzumachen?

Wütend ging Severus die Treppe hinunter. Adia war in der Küche und starrte aus dem Fenster. Sie sah ihn mit großen Augen an, als er neben ihr stehen blieb.

„Ja, vermutlich hast du die Ironie deines Lebens dafür verschwendet, einen kaltherzigen Bastard zu retten. Aber dieser kaltherzige Bastard hat nicht darum gebeten!", zischte er. „Niemand hat mich gefragt, ob ich das alles überhaupt will! Ich tue, was ich kann, um es wiedergutzumachen. Ich beantworte deine verdammten Fragen. Ich braue diesen verdammten Trank. Ich opfere …" Er brach ab und verzog den Mund. „Hermine sollte mir nicht vertrauen, niemand sollte das. Aber ich tue, was ich kann."

Für einen Moment sah sie ihn sprachlos an, dann nickte sie.

Severus reckte das Kinn und wandte sich zum Gehen. Als er schon an der Tür war, rief sie seinen Namen. Er sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr um.

„Es war keine Verschwendung, dich zu retten." Als sie das sagte, flackerte die Farbe ihrer Augen und ganz kurz waren sie haselnussbraun.

Ihm stockte der Atem, als er es sah. Dann senkte er den Blick und ging. Hinaus in den Garten, denn mehr Freiheit bekam er in diesem verdammten Haus nicht.


Das Messer glitt beinahe widerstandslos durch den Ingwer, als er ihn in feine Scheiben schnitt. Neben ihm hing der Kessel über dem Feuer und blubberte leise; er hatte noch fast zehn Minuten, um den Ingwer fertig vorzubereiten und dem Trank hinzuzufügen.

Severus atmete ganz ruhig, seine Gedanken waren fokussiert auf die Arbeitsschritte, kein anderer Gedanke kreuzte seinen Geist als dieser Stärkungstrank. Er durfte sich nur nicht umdrehen zu dem anderen Kessel. Zu dem Kessel, in dem die Basis für den Umkehrtrank unter einem Stabilisierungszauber darauf wartete, dass er daran weiterarbeitete.

Sein Griff um das Messer festigte sich für einen Moment, bis er seine Gedanken wieder zurückgezerrt hatte zum Stärkungstrank. Zum Ingwer.

Dieses Haus machte ihn verrückt. Er bedauerte es tatsächlich, nicht mehr mit Albus reden zu können. Mit Albus! Es hatte Zeiten gegeben, in denen er sich in Filchs Büro versteckt hatte, um gerade nicht mit ihm reden zu müssen. Es musste an diesem Haus liegen.

Oder an Adia.

Er rümpfte die Nase, als seine Gedanken schon wieder auf Wanderschaft gingen. So undiszipliniert war er seit seiner Jugend nicht mehr gewesen. Severus hielt inne und schloss die Augen.

Hermine lief die Zeit davon und anstatt sich mit Adia auseinanderzusetzen auf welche Art auch immer es ihr beliebte, stand er hier und braute einen verdammten Stärkungstrank, obwohl er nicht mal wusste, ob Hermine lange genug durchhalten würde, um ihn zu nehmen.

Severus blinzelte und erschrak, als er Adia auf der anderen Seite des Labortisches erblickte. „Wo kommst du auf einmal her?", schnarrte er.

„Von oben", entgegnete sie trocken, zog sich den Hocker unter dem Tisch hervor und setzte sich. Ihre Blicke glitten über die Zutaten, Instrumente und den Kessel vor ihm. „Was findet ihr bloß so toll am Tränkebrauen?"

Er zog eine Augenbraue in die Stirn. „Ich denke nicht, dass Hermine noch genug Zeit hat, um dir das zu erklären."

Sie schnaubte. „Ich glaube, dafür würde nicht mal ein ganzes Leben reichen." Er senkte den Blick, kümmerte sich weiter um den Ingwer. „Ich fühle Hermines Leidenschaft dafür, ich hab ihre Erinnerungen an den Unterricht mit dir früher und an die Zeit nach ihrem Abschluss, ich höre sogar die kleine Rede, die du in ihrer ersten Unterrichtsstunde gehalten hast und ich verstehe es trotzdem nicht."

„Potter und du, ihr hättet euch gut verstanden", murmelte Severus.

„Ja, gut möglich. Ich mag ihn, soweit ich das anhand von Hermines Erinnerungen beurteilen kann." Sie stützte den Kopf in die Hand und beobachtete ihn.

Severus hatte inzwischen begonnen, die Ingwerscheiben in feine Streifen zu schneiden. Ihm blieben noch fünf Minuten, bis sie dem Trank hinzugefügt werden mussten. Er warf einen Blick in den Kessel. Die Farbänderung schritt zufriedenstellend voran.

„Macht es dich nervös, beobachtet zu werden?", fragte sie in seine Gedanken hinein.

„Nein."

„Warum nicht?"

Er sah sie an. „Ich habe sechzehn Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Ich bin es gewohnt, dass mir Dummköpfe bei der Arbeit zuschauen."

„Danke für das Kompliment", sagte sie süßlich.

Severus zuckte mit den Schultern.

„Sag mir wenigstens, dass du mit dieser Gabe nicht geboren wurdest, sondern sie hart antrainiert ist."

Er dachte an seinen Vater, der jeden seiner Fehler zum Anlass genommen hatte, ihn zu beschimpfen. Er dachte an James und Sirius, die bei jeder Gelegenheit versucht hatten, ihn aus dem Konzept zu bringen, damit er Fehler machte. Er dachte an den Dunklen Lord, der auf jede seiner Gefühlsregungen lauerte, die vielleicht eine verräterische Erinnerung durch seinen Geist spülen würde. „Ich habe es schnell gelernt", entgegnete er schließlich.

„Ich nehme an, es braucht einiges, um dich aus der Reserve zu locken?"

Wieder warf er ihr einen Blick zu. „Ja." Nun begann er, die Ingwerstreifen in noch kleinere Stücke zu zerhacken, bis bald kaum mehr als ein Brei übrig war.

„Hm", machte Adia.

„Was soll das heißen?", fragte er.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich denke daran, wie du mich beinahe erwürgt hast."

Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts dazu. Es wäre sinnlos gewesen zu behaupten, sie hätte ihn in dem Moment nicht aus der Reserve gelockt.

„Was empfindest du für Hermine?"

Severus runzelte die Stirn. „Was hat das damit zu tun?"

„Keine Gegenfragen."

Er sah sie misstrauisch an, dann nahm er das Brett mit dem zerkleinerten Ingwer und schabte ihn mit dem Messerrücken in den Kessel. Die vorher purpurne Farbe nahm einen rostartigen Ton an. Severus drehte die Flammen hinunter und überließ den Trank der Abkühlphase, bevor er sich mit verschränkten Armen wieder Adia zuwandte. „Ich empfinde Dankbarkeit für sie und das Bedürfnis, mich bei ihr zu revanchieren."

„Offensichtlich", sagte sie und legte den Kopf schief. „Was noch?"

„Nichts", entgegnete er gleichmütig.

Adia schnalzte mit der Zunge. „Das kann nicht wahr sein, Severus. Es gibt eine Erinnerung, in der du Hermine als unerträgliche Alleswisserin bezeichnet hast, obwohl sie nur deine Frage beantwortet hat. Das ist wohl kaum nichts. Wenn du mich schon anlügen willst, dann tu es besser."

„Das ist ewig her", sagte er und verdrehte die Augen.

„Eben. Damals konntest du sie nicht ausstehen. Daraus wird niemals nichts. Also, was ist daraus geworden? Kannst du sie immer noch nicht ausstehen? Hasst du sie? Oder magst du sie inzwischen?"

Er presste die Lippen aufeinander, während er versuchte, sie durch einen bloßen Blick zum Schweigen zu bringen. Aber sie erwiderte ihn angriffslustig. Diese Frau wusste definitiv nicht, was gut für sie war. „Warum willst du das wissen?", fragte er sehr leise.

Adia lächelte. „Ich sagte zwar keine Gegenfragen, aber die beantworte ich dir: Ich kann dieses Leben nicht haben, aber ich kann so viel Chaos wie möglich hinterlassen, bevor ich es verlasse. Und wenn du recht hast und ich mit Hermine verschmelzen werde, dann werde ich irgendwie vielleicht sogar erleben, wie ihr mit diesem Chaos klarzukommen versucht. Hier. Eingesperrt in diesem Haus, bis Dumbledore beschließt, dass der Krieg zu Ende ist."

Er starrte sie ausdruckslos an. Chaos. Ja, darin war sie gut. Zumindest in ihm war es schon jetzt chaotisch. Aber hatte er eine Alternative? Konnte er irgendetwas tun, um ihr Spiel nicht mitspielen zu müssen? Er sah keine. Sie musste den Trank freiwillig nehmen und sie musste es bald tun. Sie würde ohnehin sterben und es interessierte sie nicht, ob Hermine weiterleben würde. Er wollte mehr von ihr als sie von ihm.

Severus Zähne knirschten. Es gab nur diesen Weg, direkt hinein ins Chaos.

„Also Severus, was empfindest du heute für Hermine?"

Er griff sich an die Nasenwurzel. „Was willst du hören? Soll ich dir meine Liebe zu Hermine gestehen?"

„Liebst du sie denn?"

„Nein!"

„Hm", machte sie wieder und er konnte sich nur schwer davon abhalten, wieder seine Hand an ihren schlanken Hals zu legen und dieses Mal etwas länger zuzudrücken als beim ersten Mal. „Ich glaube dir nicht und ich bin so gespannt darauf, ob das nachher Hermine beeinflussen wird oder nicht. Zu schade, dass ich nicht weiß, ob ich es mitkriegen werde."

„Es wird Hermine nicht beeinflussen, dafür werde ich sorgen."

„Wie willst du das tun? Willst du ihre Erinnerungen … meine Erinnerungen löschen?"

„Vielleicht."

Sie beugte sich ein Stück auf den Tisch und fuhr mit der Zungenspitze über ihre Oberlippe. „Glaubst du wirklich, es ändert etwas an deinen Gefühlen, wenn Hermine nicht mehr weiß, dass wir darüber gesprochen haben?", fragte sie leise.

Auch Severus näherte sich ihr ein Stück. „Ich habe keine Gefühle für Hermine", sagte er langsam.

Sie lachte leise und stand auf. „Oh Severus … Ich wusste, dass du andere belügst, aber dich selbst?" Und dann ging sie.

Severus ballte die Hände zu Fäusten, während er ihr nachsah.


Der Halbmond stand hoch über ihnen, durch die Dimensionsbarriere nur eine verschwommene Sichel am schwarzen Himmel. Severus starrte ihn mit mürrischer Miene an. Er hasste es, hier zu sein. Er hasste es, sich mit Adia befassen zu müssen. Und er hätte es genauso gehasst, diese Aufgabe jemand anderem zu überlassen, denn er könnte es niemandem verzeihen, wenn er es vermasselte.

Seine Augen juckten vor Müdigkeit, es war weit nach Mitternacht. Sein Geist war zu unruhig, um zu schlafen. Er hatte überlegt, einen Schlaftrank zu nehmen, aber er wollte das nicht. Es gab nicht mal einen sinnvollen Grund dafür, nur dass ihm eine durchwachte Nacht gerade besser gefiel als ein Trank. Das Haus machte ihn verrückt.

Als Adia zu ihm auf die Terrasse kam, griff Severus sich an die Stirn und stöhnte leise. „Ich bin gerade nicht in der Stimmung für deine Spielchen, Adia."

Sie setzte sich trotzdem. „Das ist bedauerlich. Vor allem für Hermine. Ihr läuft die Zeit davon."

Adrenalin peitschte durch seinen Körper. Er sah sie mit schmalen Lippen an. „Dann hol sie nach vorn, damit ich ihr einen Stärkungstrank geben kann!"

„Ja, gleich", entgegnete sie leichthin. „Vorher gibt es noch etwas, das ich mit dir besprechen möchte."

Severus atmete tief durch. Ermahnte sich zur Ruhe. „Was willst du besprechen?"

„Die Beltane-Feier."

Bitte?" Er riss den Kopf zu ihr herum. Das Mondlicht tauchte ihr Gesicht in einen zarten Schimmer. „Was ist so wichtig an dieser verdammten Feier, dass du dafür Hermines Leben riskieren musst?"

„So dramatisch ist es nun auch wieder nicht, Severus." Sie lehnte sich zurück und schlug ein Bein über das andere. „Ich pass schon auf sie auf."

Er schnaubte, verschränkte die Arme vor der Brust.

„Also, diese Feier …"

„Was ist damit?", grollte er.

„Hast du jemals teilgenommen?"

„Was verstehst du unter teilnehmen?", fragte er spitz.

„Warst du da?"

„Ja."

„Hattest du Sex?"

Wieder sah er sie an, die Augen zwei schmale Schlitze. Das ging sie verdammt noch mal nichts an! „Nein."

Sie stieß die Luft durch ihre Nase. „Warum nicht?"

„Ist das eine ernst gemeinte Frage?"

„Ja."

Severus konnte sie im spärlichen Licht des Mondes nicht gut erkennen, aber es reichte, um ihr Gesicht einer eingehenden Musterung zu unterziehen. Er fand kein Spott und keine Häme darin. Sie sah aufrichtig interessiert aus. „Ich wollte es nicht", sagte er schließlich.

„Weil du keine Lust hattest oder weil es sich falsch anfühlte?"

Wieder holte er tief Luft. Besprach er wirklich gerade sexuelle Moral mit einer Frau, die Spaß daran hatte, sein Leben und das von Hermine so chaotisch wie möglich zu hinterlassen? Er griff sich an die Nasenwurzel. „Ich hoffe, ich muss dir nicht erklären, warum man keinen Sex mit Menschen unter dem Einfluss des Imperius-Fluchs hat", sagte er mit geschlossenen Augen.

„Nein, das verstehe ich."

„Merlin sei Dank …"

Sie überging seinen Einwand. „Aber warum nicht mit den anderen dort?"

Ich hatte keinen Sex mit anderen Todessern, weil ich eine Aufgabe zu erfüllen hatte." Und weil das so klang, als hätte er unter anderen Umständen durchaus an den Feierlichkeiten teilgenommen, fügte er hinzu: „Und weil keine von ihnen mich gereizt hat. Sie sind verrückt, allesamt."

„Hm", machte sie, offensichtlich unzufrieden.

Er sah sie an. „Beantwortet das deine Frage?"

„Nein", murmelte sie.

Er nickte und konnte nicht glauben, das er den folgenden Satz tatsächlich aussprach: „Das liegt vermutlich daran, dass du die falsche Frage stellst." Nun warf sie ihm einen Blick zu. „Du willst wissen, warum Hermine es dir verboten hat, dort Sex zu haben."

Sie schluckte. „Ja."

Hätte er bloß den Mund gehalten. Wie sollte er ihr das erklären? Wenn sie es nicht selbst verstand, wie sollte ausgerechnet er es ihr verständlich machen? Warum musste sie diese Frage ihm stellen? Hätte sie nicht … Hermine einen Brief schreiben können oder so?

„Worüber denkst du nach?", fragte sie.

„Ich versuche herauszufinden, wie ich jemandem mit einer so niedrigen Moral wie dir erklären soll, was es bedeutet, Hermine Granger zu sein."

„Ich weiß, was es heißt, sie zu sein!", zischte Adia. „Sie hat mich dazu gezwungen, wie sie zu fühlen!"

Nun schnalzte er mit der Zunge. „Das hat sie offensichtlich vergessen."

„Nicht direkt", gab sie zu. „Aber da war nur Ablehnung, was dieses Thema betraf. Ich verstehe das nicht." Adia wippte mit einem Fuß. „Sie hat mich erschaffen als jemand, der Männer mühelos verführen und um den Finger wickeln kann. Eine Femme Fatale. Aber dann darf ich keinen Sex mit ihnen haben? Nicht mal, wenn es hilfreich gewesen wäre? Das ergibt keinen Sinn."

Er rieb sich die müden Augen. Hätte er bloß einen Schlaftrank genommen. „Meistens reicht es, eine Waffe zu haben und zu wissen, wie man sie bedient, Adia. Man muss sie nicht zwangsweise abfeuern, nur weil man es könnte."

„Aber warum nicht?"

„Weil es falsch ist!", fuhr er sie an. „Es waren Todesser! Es waren Leute, die Menschen wie Hermine verachten! Und sie hatte erst drei verdammte Tage vorher ihren Ehemann verloren!"

„Das weiß ich!", entgegnete Adia in demselben Tonfall. „Sie sollte ja auch keinen Sex dort haben! Ich wollte Sex!"

„Das macht für Hermine keinen Unterschied! Du bist ein Teil von ihr. Was du tust, tut auch sie. Und sie wollte keinen Sex mit einem verdammten Todesser! Schon gar nicht mit Macnair!"

Adia schnaufte unzufrieden und verschränkte die Arme vor der Brust. „Gut, dann eben nicht mit Macnair", sagte sie wütend. „Dann eben mit dir."