Kapitel 2.12 – Zwischenspiel
Seine Stimme war kaum mehr als ein Zischen, als er wieder sagte: „Bitte?" Er sagte es nicht, weil er sie nicht verstanden hätte; er sagte es, um ihr die Chance zu geben, ihre letzten Worte zu ändern.
Aber das tat sie nicht: „Ich will Sex mit dir."
Seine Zähne knirschten. „Unter keinen Umständen."
Adia schluckte; immerhin schien sie ihm in dieser Situation auch nicht mehr so gleichgültig gegenüberzustehen wie sonst. „Das ist ungünstig für Hermine."
Severus stand unvermittelt auf und stützte sich mit den Händen auf ihren Armlehnen ab, kam ihrem Gesicht sehr nahe. Sein Puls rauschte in seinen Ohren, als er sagte: „Du wirst mich nicht über Hermine zum Sex zwingen, Adia!"
Ihr Puls raste. „Doch, Severus, das werde ich. Entweder du schläfst mit mir, oder du kannst uns beiden beim Sterben zuschauen. Ich bin gespannt, wie du dich entscheiden wirst."
Bevor er darauf antworten konnte, begann ihr Äußeres sich zu verändern und keine fünf Sekunden später saß Hermine vor ihm. Severus schreckte zurück, als hätte er sich an ihrem Anblick verbrannt.
Hermine keuchte, ihre Hände zitterten, ihr Gesicht war fahl. „Du … wirst nicht … mit ihr schlafen!", sagte sie stockend, ehe ihre Augen sich verdrehten und sie das Bewusstsein verlor.
Die Wut brodelte so heftig in Severus hoch, dass er einen kurzen Schrei ausstieß. Mehrmals ballte er die Hände zu Fäusten und ließ wieder locker, mehrmals atmete er tief durch, ehe er die Wut dorthin zurückdrängen konnte, wo sie hergekommen war. Er fuhr sich über das Gesicht, dann ließ er seinen Zauberstab aus dem Ärmel in die Hand gleiten und sagte: „Mobilcorpus!" Hermines bewusstloser Körper erhob sich aus dem Stuhl und er dirigierte sie ins Wohnzimmer und legte sie auf der Couch ab. Er sorgte für Licht. Sie sah noch schlechter aus, als er erwartet hatte. An ihrem Hals konnte er den Puls flattern sehen, eine dünne Schweißschicht stand auf ihrem Gesicht.
Severus riss sich von ihrem Anblick los und ging ins Labor hinunter. Die Phiolen mit dem Stärkungstrank standen noch zum Abkühlen auf dem Labortisch, er war noch nicht dazu gekommen, sie in den Schrank zu räumen. Er schnappte sich eine davon und ging zurück ins Wohnzimmer.
„Hermine", sagte er und ruckelte an ihrer Schulter. Er erwartete eigentlich nicht, dass er sie so wecken konnte, aber bevor er sie magisch aus der Bewusstlosigkeit holte, wollte er es wenigstens versuchen. Sie regte sich nicht. Also deutete er wieder mit dem Zauberstab auf sie. „Rennervate!"
Sie fuhr hoch und rang nach Luft, als wäre sie minutenlang unter Wasser gewesen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und Severus legte eine Hand in ihren Rücken, bevor sie auf die Couch zurückfallen konnte. Er dirigierte sie in eine sitzende Position und als ihr Blick klar genug geworden war, um ihn zu erkennen, schlug sie seine Hand weg.
Severus rümpfte die Nase, hockte sich vor sie und zog den Korken aus der Phiole. „Trink das", grollte er.
Hermine starrte ihn heftig atmend an, ehe sie ihm mit einer zitternden Hand die Glasflasche abnahm und sie leerte. Sie schloss die Augen, während der Trank seine Wirkung entfaltete. Ihr Puls beruhigte sich ein wenig, ihr Gesicht bekam etwas Farbe. „Du wirst nicht mit ihr schlafen", war das erste, was sie sagte.
„Nein", entgegnete Severus dumpf und wandte den Blick ab. Sein Gesicht brannte.
„Niemals!", bekräftigte sie.
Er fing ihren Blick ein. „Niemals", sagte er ernst. Dann erhob er sich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich brauche Blut von dir."
Offensichtlich war das ein schlechter Zeitpunkt, um darum zu bitten. Ihre Augen, aus denen gerade erst etwas das Entsetzen gewichen war, wurden gleich wieder größer. „Wofür?"
„Für ein schwarzmagisches Blutopfer", sagte Severus ungeduldig und verdrehte die Augen. „Für den Umkehrtrank! Wofür wohl sonst?"
Hermine schluckte. „Okay." Sie wollte aufstehen, aber ihre Beine trugen sie nicht und sie sank auf die Couch zurück. Für ein paar Sekunden schloss sie die Augen, dann versuchte sie es nochmal und schaffte es nur, weil Severus nach ihrem Arm griff und sie festhielt. Diesmal sah sie aus, als hätte sie sich an ihm verbrannt. Ihr Blick ging ihm durch und durch. Aber sie ließ es zu, dass er sie hielt. „Danke", murmelte sie.
Severus nickte knapp, dann führte er sie hinunter ins Labor. Er setzte sie auf den Hocker und holte das Blutabnahmeset, das er bei Albus für diesen Zweck bestellt hatte.
„Wie jetzt? Ich muss mir nicht dramatisch mit einem Messer die Hand aufschneiden?", fragte Hermine müde und stützte den Kopf in die Hand.
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Wäre dir das lieber?"
„Nein." In ihrem Blick lag etwas Versöhnliches.
Er konzentrierte sich auf die Blutabnahme und versuchte, für ein, zwei wertvolle Minuten Ruhe in seinen Geist zu bekommen. Es war gleichzeitig ungewohnt und wundervoll, dass Hermine vor ihm saß und nicht Adia. Die letzten Tage waren mühsam gewesen und auch wenn er es vor jedem geleugnet hätte (insbesondere vor Adia): Er hatte Hermine vermisst.
Nachdem er die kleine Einstichstelle an ihrem Arm mit Diptam-Essenz versorgt und ihr Blut mit einem Stabilisierungszauber belegt und verstaut hatte, zwang er sich, ihr wieder in die Augen zu schauen. „Warum hast du das alles getan, Hermine?"
Sie schluckte. „Was alles?"
Er griff sich an die Nasenwurzel. „Adia, hauptsächlich."
Sie sah hinab auf ihre immer noch bebenden Hände. „I-Ich hatte die ersten Zweifel erst, nachdem Ron gestorben war. Es wäre doch alles sinnlos gewesen, wenn ich dann aufgehört hätte."
Er presste die Lippen aufeinander, um die Frage, die ihm auf der Zunge lag, nicht auszusprechen. Wie hatte sie nur ihr Kind opfern können? Für ihn? Welchen Sinn sollte das gehabt haben? Aber es wäre unfair gewesen, sie das zu fragen, oder? Es war nicht so, als ob sie diese Entscheidung bewusst getroffen hätte. Im Gegenteil: Sie hatte sich so lange geweigert, sie zu treffen, dass jemand anderes das für sie übernommen hatte.
Genauso wie er.
Er hatte sich auch geweigert, sich gegen seine Todesserfreunde zu entscheiden, bis er selbst einer von ihnen gewesen war.
Er wandte den Blick ab. „Danke, dass du Adia mit deinen Erinnerungen in die Knie gezwungen hast." Das war ein Wendepunkt gewesen, von dem er nicht wusste, ob er ihn ohne Hermines Hilfe erreicht hätte.
Sie schnaubte leise. „Ich hätte das schon viel eher tun sollen. Sie hat Draco ohne zu zögern verraten. Ich kann nicht zulassen, dass jemand wie sie weiterlebt."
Wieder schluckte er die Worte, die ihm auf der Zunge lagen. Er fuhr sich über den Mund. „Du solltest etwas schlafen und Kraft sammeln."
„Ja." Sie stand auf und stützte sich auf den Labortisch. „Brauchst du noch mehr Hilfe von mir für den Umkehrtrank?"
Severus musterte sie prüfend. Eigentlich schon. Eigentlich hatte er geplant, dass sie die Zubereitung des Trankes mit dem Zauber abschloss. Aber so, wie sie jetzt vor ihm stand, würde sie dazu kaum in der Lage sein. Adia würde das tun müssen. „Nein", sagte er also.
Bevor sie das Labor verließen, nahm Severus noch eine zweite Phiole des Stärkungstrankes mit. Die Treppen hinaufzusteigen, war für Hermine so mühsam, dass er kurz darüber nachdachte, wieder den Mobilcorpus zu nutzen, aber sie schaffte es und er stellte die Phiole auf ihren Nachtschrank. „Für morgen früh", sagte er, dann wandte er sich ab und verließ ihr Zimmer.
Er schloss seine Tür hinter sich ab, öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Etwas schnürte ihm den Hals zu, ihm war übel. Niemals würde Adia von ihrer Forderung abweichen. Jetzt, wo Hermine es so vehement verweigert hatte, noch weniger als vorher. Mehr Chaos konnte sie doch gar nicht anrichten.
Severus schnaubte und ging zu seinem Bett. Als hätten seine Knie nur darauf gewartet, dass er ihnen endlich die Erlaubnis dazu erteilte, knickten sie unter ihm ein.
Auch nach dem zweiten Stärkungstrank am nächsten Morgen sah Hermine noch erschöpft und abgekämpft aus. Severus runzelte die Stirn, als er beobachtete, wie sie sich an der Arbeitsplatte entlang durch die Küche bewegte und auf die Bank ihm gegenüber fiel. „Guten Morgen", sagte er.
„Morgen", murmelte sie und stützte den Kopf in die Hand. Ihr Blick lag auf seiner Kaffeetasse, so lange, dass Severus schließlich aufstand und ihr auch einen Kaffee eingoss. „Danke", sagte sie, als er die Tasse vor ihr abstellte.
Er setzte sich und wandte sich wieder der Zeitschrift zu, die Albus geschickt hatte. Potio war die einzige Fachzeitschrift für Zaubertränke, die seinem Anspruch an Professionalität und Argwohn neuen Rezepturen gegenüber gerecht wurde. Nach allem, mit dem er sich in den letzten Wochen hatte befassen müssen, war es eine angenehme Überraschung gewesen, sie in der Speisekammer zu finden.
„Es tut mir leid, dass ich in dein Tagebuch geschrieben habe."
Severus blinzelte. Einen Moment lang dachte er darüber nach, ihr so einsilbig wie möglich zu antworten, um dieses Gespräch so kurz wie möglich zu halten. Er hatte nicht viel geschlafen, seine Laune war unterirdisch. Aber ein Blick in ihr fahles Gesicht ließ ihn diesen Gedanken verwerfen. Sie hatte seit Tagen mit niemandem mehr geredet und er sollte die Möglichkeit nutzen, mit ihr anstatt mit Adia reden zu können. Also schlug er die Zeitschrift zu und lehnte sich zurück. „Ich hoffe, du erwartest jetzt keine Entschuldigung dafür, dass ich es gelesen habe."
Sie senkte den Blick. „Nein. Ist ja dein Tagebuch."
Er nickte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum hast du aufgehört hineinzuschreiben?"
Hermine sah ihn mit einem schiefen, absolut falschen Lächeln an. „Was hätte ich denn noch hineinschreiben sollen? Wie sehr ich alles gegen die Wand gefahren habe? Schlechter hätte ich meinen Auftrag nur noch abschließen können, wenn du bei der Flucht gestorben wärst." Er glaubte, Tränen in ihren Augen zu sehen, aber sie wandte so schnell den Blick ab, dass er sich nicht sicher war. „Davon abgesehen habe ich versucht, so wenig Zeit wie möglich bewusst zu erleben. Ich hab Adia viel nach vorn geschoben und sie hat es nicht so mit Tagebüchern."
„Ist mir aufgefallen", entgegnete er. Er biss die Zähne aufeinander, dann sagte er: „Du hast mich übrigens nicht enttäuscht."
Sie runzelte die Stirn, aber dann schien ihr wieder einzufallen, dass sie so etwas ins Tagebuch geschrieben hatte. Eine zarte Röte überzog ihre Wangen. Sie lächelte und dieses Mal war es ehrlich.
Hermine zog ein Pergament aus der Hosentasche. „Ich weiß, es ist viel verlangt, aber … falls du Zeit dafür findest, würdest du vielleicht die Therapietränke schon vorbereiten? Wenn Adia sich tatsächlich überreden lässt, den Umkehrtrank zu nehmen, würde ich gern so schnell wie möglich damit anfangen." Sie schob ihm das gefaltete Pergament zu und wischte sich über die Stirn, während sie die Lippen aufeinander presste, bis sie nur noch zwei schmale Striche waren.
Ein Muskel unter Severus' Auge zuckte, als er beobachtete, wie sie verzweifelt ihre Fassung zu bewahren versuchte. Ihre Hand zitterte, als sie nach der Kaffeetasse griff, genauso wie ihr Kinn. „Adia hat sich weit zurückgezogen", stellte er fest. Zumindest half sie ihr in diesem Moment nicht dabei, die Gefühle zu kontrollieren, die Hermine zu überwältigen drohten.
Hermine nickte und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Der Trank braucht nicht viel Aufmerksamkeit, denke ich. Vielleicht … findest du ja Zeit dafür."
Severus faltete das Pergament auseinander und überflog die Zutatenliste und die Zubereitungsanweisungen. Er runzelte die Stirn. Während er selbst den ersten der Tränke genommen hatte, hatte er nicht viel darüber nachgedacht, woraus er bestand und wie er wirkte. Zumal Hermine diesbezüglich auch nicht besonders auskunftsfreudig gewesen war. Aber wenn es ihm wirklich wichtig gewesen wäre, hätte er sie dazu bringen können, ihm das Rezept schon früher auszuhändigen. Severus' Augenbrauen zuckten, als ihm bewusst wurde, dass er Hermine anscheinend genauso viel Vertrauen entgegenbrachte, wie sie ihm.
Aber jetzt, wo er das Rezept in der Hand hielt, verstand er, warum sie die Zusammensetzung des Trankes an seine Bedürfnisse hatte anpassen müssen. „Darf ich dir einen Vorschlag zur Verbesserung machen?", fragte er daher.
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ähm, klar."
„Wenn du dem ersten Trank auch Jadepulver hinzufügst, kannst du eine größere Menge Löwenfischgräten und Wermut hinzufügen, so dass die muskelentspannende Wirkung immer ausreichend sein wird. Das Jadepulver resorbiert, was nicht gebraucht wird. Und die Wirkung der Alihotsi-Blätter wird nicht mehr zu stark, wenn du sie vor dem Zerkleinern eine Viertelstunde lang kochst und anschließend fünf Minuten auf Eis legst."
Hermine blinzelte, während sie über seine Vorschläge nachdachte. „Dann … müsste der Trank nicht mehr individuell angepasst werden", murmelte sie schließlich.
„Exakt."
Sie sah ihn mit leicht geöffnetem Mund an. „I-Ich wusste nicht, dass es diese Möglichkeiten gibt."
Severus zog die Augenbrauen in die Stirn. „Deswegen darf ich mich Zaubertränkemeister nennen und du dich nur mein Lehrling."
„Ja", sagte sie langgezogen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. „Du darfst das gerne abändern."
Er nickte und kniff ein bisschen die Augen zusammen, ehe er hinzufügte: „Aber für einen Lehrling der Zaubertränke ist diese Trankkombination eine außergewöhnliche Leistung."
Sie verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. „War das etwa ein Lob?", fragte sie.
„Klang es für dich nach einer Rüge?"
„Nein! Es ist nur … Ich glaube, du hast mich noch nie gelobt."
„Tatsächlich?", fragte er unschuldig. „Das klingt so gar nicht nach mir." Er genoss das Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte und die grenzenlose Erschöpfung für ein, zwei Sekunden in den Hintergrund treten ließ, und ertappte sich dabei, es zu erwidern. Dann wandte er sich wieder dem Pergament zu. „Ich werde versuchen, die Tränke vorzubereiten."
„Danke."
„Wie bist du überhaupt dazu gekommen, so einen Trank zu entwickeln?", fragte er, während er das Pergament wieder zusammenfaltete und zwischen die Seiten seiner Zeitschrift legte.
„Ginny. Sie litt sehr nach Harrys Tod. Ich meine, das haben wir alle. Wir alle dachten, der Krieg wäre endlich zu Ende …"
Severus sah auf seine Hände hinab. Ja, sie alle hatten gedacht, der Krieg wäre nach dem Tod des Dunklen Lords endlich zu Ende. Nicht mal er hatte ernsthaft damit gerechnet, dass der Dunkle Lord nahtlos vom Blonden Lord abgelöst werden würde. Er hatte die Möglichkeit in Erwägung gezogen, aber nicht ernsthaft daran geglaubt. Nein, falsch. Er hatte nicht daran glauben wollen.
„Aber Ginny litt heftiger. Sie hat nicht mal ihr siebtes Schuljahr angetreten. Wir haben alle versucht, ihr irgendwie zu helfen. Aber es kam nichts bei ihr an. Sie war … wie ausgeschaltet. Sie funktionierte sich durch ihren Tag, ohne wirklich zu registrieren, was sie da machte. Ron …" Sie schluckte. „Er konnte das kaum ertragen. Er liebte seine kleine Schwester sehr. Er bat mich, ihr irgendwie zu helfen." Sie wischte sich über die Stirn.
„Und da war dein erster Gedanke eine Trankkombination, die fragmentierte Erinnerungen wieder zusammensetzt und sie abschwächt?", fragte Severus und zog eine Augenbraue in die Stirn.
Sie lächelte schief. „Nein. Mein erster Gedanke war, dass ich erst mal rausfinden musste, was das Problem war. Ich kenne Ginny. Sie ist so stark! Als Harry sich von ihr getrennt hat, damit sie nicht zur Zielscheibe von Voldemort wurde, hat sie das nur noch verbissener darum kämpfen lassen, diesen Krieg zu beenden. Was sie in diesen Zustand gebracht hatte, musste heftig sein. Also hab ich an Ron Legilimentik geübt." Eine zarte Röte stieg ihr in die Wangen.
„Natürlich hast du das", murmelte Severus, als wäre es die einzig logische Konsequenz gewesen. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee.
„Jedenfalls", sagte sie, „konnte ich dann Ginny davon überzeugen, mich ihren Geist ansehen zu lassen und da hab ich all die … wie nanntest du es eben? Fragmentiert?" Er nickte. „Ja. Ich hab all diese Erinnerungsfragmente gesehen. Und ich hab gesehen, wie sie sich insbesondere während des Schlafes verhielten. Wie … sie sich wahllos aneinander hefteten und Ginny terrorisierten. Aber das kennst du ja auch."
„Ja." Und sie selbst auch. Er hatte es gesehen, seitdem sie hier waren. An dem Licht, das mitten in der Nacht unter ihrer Tür hervor sickerte. An den dunklen Ringen unter ihren Augen. An ihrem verzweifelten Versuch, Adia für sie funktionieren zu lassen, weil – auch wenn einige der Erinnerungsfragmente in Adias Teil des Geistes lagen – sie doch weniger belastet davon war und das mit dem Funktionieren besser hinbekam.
„Ich hab zuerst nur den ersten Trank entwickelt, Madam Pomfrey und dein Nachfolger in Hogwarts haben mir dabei geholfen. Und erst schien es, als würde das funktionieren. Ginny wurde klarer und konzentrierter, auch wenn sie sehr gelitten hat, während der Trank die Erinnerungen wieder zusammenfügte. Aber etwa fünf Tage, nachdem die Träume aufhörten, begannen die Erinnerungen wieder zu zerfallen und Ginny kehrte innerhalb kürzester Zeit zurück in den Zustand, in dem sie sich vorher befunden hatte."
Daher also die maximal vier Tage Pause. Severus schnaubte leise. Und wenn er sich die Schwächen von Hermines Rezeptur ansah, hatte Albus offensichtlich keinen neuen Tränkemeister eingestellt, sondern jemanden, der aus einem der fachverwandten Berufe stammte. Möglicherweise ein Medimagier, wenn er dazu in der Lage war, auch Madam Pomfrey teilweise zu ersetzen. Die Kenntnisse der Zaubertrankkunst in diesem Beruf waren gut genug, um den Schulstoff von Hogwarts zu unterrichten. Und günstiger als ein Tränkemeister war er sicherlich.
„Ich entwickelte also eigentlich nur aufgrund einer Theorie den zweiten Trank und hoffte, dass es funktionieren würden. Ginny ließ sich kaum dazu überreden, die kompletten Zusammensetzung nochmal zu machen, ein drittes Mal hätte sie das nicht gemacht."
„Verständlich", sagte Severus.
„Aber ich … sie …" Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, wir alle hatten Glück, dass es funktioniert hat. Inzwischen geht es ihr … na ja, gut wäre zu hoch gegriffen. Das alles hat sie verändert. Aber sie kann ihr Leben weiterleben. Sie hat ihren Abschluss im Jahr danach gemacht und hat eine Ausbildung zur Aurorin begonnen."
„Das ist erfreulich."
„Ja, ist es." Ihre Stimme verlor sich, die kleine friedliche Blase dieses Gesprächs löste sich auf und es wurde still zwischen ihnen.
Das Ticken der Uhr an der Wand klang wie ein Metronom durch die Küche, aber Severus' Herzschlag wollte sich dem Rhythmus nicht anpassen. Er hielt Hermines Blick fest und mit jedem Ticken sah er sie mehr zerfallen. Sah die Last dieser Situation auf ihre Schultern zurücksinken. Schließlich hob sie die Hände vor das Gesicht und weinte still, obwohl es ihr den Atem rauben musste. Nur ihre Schultern zuckten.
Severus schloss die Augen. Kälte legte sich über ihn wie ein Tuch, durch das er kaum atmen konnte. Seine Hände zuckten. Er würde … Er würde alles … tun. Alles, wenn es ihr nur helfen würde.
Er blinzelte, als Hermine Luft holen musste. Sie schaffte es nicht länger, still zu bleiben. Und er schaffte es nicht länger, sitzen zu bleiben.
Severus stand auf, ging zu ihr, zog sie am Ellbogen auf die Beine und in seine Arme. Er wusste nicht, woher dieser Impuls kam. Es war nicht seine Art, weinende Frauen in den Arm zu nehmen. Es war eher seine Art, vor ihnen zu flüchten. Aber das wurde ihm erst bewusst, als er sie schon festhielt. Verdammt, vielleicht hatte Adia recht …
Als Kind hatte er Hermine verachtet, als Laborpartner hatte er sie wertzuschätzen gelernt. Aber beides passte nicht mehr zu dem Gefühl, das ihm gerade den Brustkorb abschnürte. Beides erklärte nicht, warum er sie an sich presste, als könne er ihr damit den Schmerz nehmen.
Es hatte in seinem Leben bisher nur eine andere Frau, nein, ein Mädchen gegeben, das er so festgehalten hatte. Lily. Nachdem sie einen Brief von ihrer Schwester bekommen hatte, der nur zwei Sätze beinhaltet hatte: Ich will dir nicht schreiben! Hör auf, diese Eulen zu schicken!
Severus schloss die Augen und war froh, dass Hermine ihn gerade nicht ansehen konnte. Wie pathetisch war das bitte? Sich aus Dankbarkeit und einer vagen Ähnlichkeit zu Lily heraus in eine Frau zu verlieben, die halb so alt war wie er … Und nicht nur das! Wie pathetisch war es, sich zum zweiten Mal in eine Gryffindor zu verlieben, die er nicht haben konnte?
Er legte den Kopf in den Nacken und zwang diese Gedanken zurück in die verdammte Ecke seines Geistes, in der sie offensichtlich entstanden waren. Sollten sie doch dort hinten irgendwo verrotten, er würde an diesem Spiel kein zweites Mal teilnehmen.
Als Hermine sich beruhigt hatte, schob er sie von sich und sein Gesichtsausdruck war leer, als sie ihren Blick zu ihm hob. „Es tut mir leid", murmelte sie. „Ich wollte das nicht, ich …"
„Es ist unnötig, dich zu entschuldigen", unterbrach er sie.
Sie biss sich auf die Unterlippe, als ihr Kinn wieder zu zittern begann. „Ich hab Angst, Severus. Was wenn sie den Trank nicht nimmt? Was wenn sie mich … einfach vernichtet?"
Er schwieg. Was sollte er dazu sagen? Wenn Adia den Trank nicht nahm und Hermine vernichtete, dann würde das ihrer beider Tod bedeuten. Dann würde das bedeuten, dass er Adias Leiche durch die Speisekammer schicken oder sie hier im Garten beerdigen müssen würde. Dann würde das bedeuten, dass er vermutlich den Verstand verlieren würde. Und vermutlich würde es langfristig auch bedeuten, dass Albus niemanden mehr aus diesem Haus würde befreien können, wenn er den Krieg für beendet erklärte, denn Severus war nicht überzeugt davon, dass er es ertragen könnte, noch jemanden zu verlieren. Nicht jemanden wie Hermine.
Sie starrte ihn an. Irgendetwas schien sie in seinem Gesicht gesehen zu haben, denn ihr war das Weinen vergangen. Sie schluckte. Er schluckte. Und wandte den Blick ab. „Ich werde tun, was ich kann, um das zu verhindern", sagte er dumpf.
„Ich weiß." Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sollte sie wohl wieder nach vorn holen. Bringt nichts, es unnötig in die Länge zu ziehen."
„Ja."
„Severus?"
Wie gegen einen Widerstand sah er sie an.
„Versprich mir, dass du nicht mit Adia schlafen wirst."
„Ich verspreche es", sagte er.
Hermine hielt seinen Blick fest, als würde sie nach einem Zeichen für Unaufrichtigkeit darin suchen. Schließlich nickte sie. „Bis bald, Severus."
„Bis bald", entgegnete er und beobachtete, wie aus Hermine Adia wurde.
Sie reckte ein bisschen das Kinn vor, ein freudloses Lächeln spielte um ihre Lippen. „Ich werde diesen Trank nicht nehmen, ohne dass du mit mir schläfst."
Severus stieß die Luft durch seine Nase, biss die Zähne aufeinander. „Ich weiß." Severus wandte sich von Adia ab, schnappte sich die Zeitschrift, die immer noch auf dem Tisch lag, und verließ die Küche.
Auf dem Flur holte sie ihn ein und griff nach seinem Arm. „Was soll das heißen?"
Er starrte sie an, bis sie ihre Hand zurückzog. „Das soll heißen, dass ich deine geschmacklose Forderung erfüllen werde", zischte er.
Adia riss überrascht die Augen auf, als hätte sie selbst nicht damit gerechnet. „Tatsächlich?"
Severus rümpfte die Nase. Ohne eine Antwort ließ er sie stehen und ging hinunter ins Labor. „Imperturbatio!", sagte er und als das Labor akustisch abgeriegelt war, nahm er den Hocker, hob ihn hoch über seinen Kopf und schmetterte ihn auf den Steinboden des Kellers. Das Geräusch des zersplitternden Holzes war entlastend und frustrierend gleichermaßen. Es lockerte, was seinen Brustkorb abzuschnüren schien, aber es reichte nicht, um ihn zu beruhigen. Schwer atmend stützte Severus sich auf dem Labortisch ab und schloss die Augen. In seinen Ohren rauschte es.
Er würde sein Versprechen an Hermine brechen, kaum dass er es gegeben hatte. Er würde gar nicht erst versuchen, Adia anders dazu zu bringen, den Trank zu nehmen. Hermine lief die Zeit davon. Sie würde ihn dafür verabscheuen, aber sie würde leben.
Severus spürte Tränen hinter seinen geschlossenen Lidern brennen und während er sich sonst immer dazu zwang, sie nicht fließen zu lassen, nutzte er die Möglichkeit dieses Mal. Er konzentrierte sich noch ein bisschen mehr auf alles, das ihn in seinen schlaflosen Nächten heimsuchte, und als die erste Träne über sein Gesicht lief, deutete er mit dem Zauberstab auf seine Augen und sagte: „Auctifica!"
Was sich im Nachhinein als unglücklich erwies, weil der Zauber, der eigentlich dafür gedacht war, Fremdkörper aus dem Auge zu spülen, seine Tränen so heftig fließen ließ, dass er kaum sehen konnte, was er tat. Er riss zwei Glasgefäße vom Regal und erschrak, als sie auf dem Boden zerbrachen, ehe er eine kleine Phiole in die Finger bekam, in der er seine Tränen auffangen konnte.
Es dauerte etwa zehn Minuten, bis der Zauber seine Wirkung verlor. Langsam klärte sich seine Sicht und er reparierte erst die beiden Glasgefäße und anschließend den Hocker. Obwohl er die Tränen nicht aus eigenem Antrieb geweint, sondern den Fluss nur magisch verstärkt hatte, fühlte er sich jetzt ruhig genug, um sich den Tränken zuzuwenden, die gebraut werden mussten. Adia hatte Zeit bis heute Abend.
