Kapitel 2.14 – Nachspiel

Adia erwartete ihn bereits, als er später das Wohnzimmer betrat. Draußen war es stockdunkel, er hatte absolut keine Idee, wie spät es war. Sie saß im Schein einer Kerze auf dem Sofa und hatte den Kopf in die Hände gestützt.

Seine Haare waren so nass wie ihre; ihr fehlte der Zauberstab, ihm fehlte die Magie. Sie sah ihn von unten herauf an und als sein Blick auf ihren traf, fühlte er sich für einen Moment sonderbar verbunden mit ihr. Mehr als der Sex vorhin schien das Beseitigen der Spuren sie zu unfreiwilligen Komplizen zu machen.

Severus setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und schob ihr die Phiole mit dem Umkehrtrank entgegen. „Zeit, dein Versprechen einzuhalten."

„Du willst immer noch, dass ich ihn nehme?", fragte sie und klang tatsächlich ein bisschen überrascht.

„Natürlich. Warum sonst hätte ich mit dir schlafen sollen?"

Sie schloss die Augen. „Hermine wird ausrasten."

„Zu recht."

„Könnte eine lange Zeit werden mit ihr in diesem Haus."

„Vermutlich."

„Die gleiche Zeit mit mir wäre angenehmer."

Severus atmete hörbar aus. „Hör auf zu diskutieren, Adia. Selbst wenn sie mich auf der Stelle umbringen würde, wäre mir das lieber, als noch mehr Zeit mit dir zu verbringen."

„Die Möglichkeit besteht", gab sie zu bedenken.

Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie mahnend an. Er hatte ihre Spielchen so satt. Sie konnte froh sein, dass Hermine in ihr lebte, sonst hätte er sie schon längst umgebracht.

Adia seufzte und nahm die Phiole. Ihre Hand zitterte ein bisschen, als sie den Korken abzog. Aber bevor sie ihn trank, hielt sie inne. „Es … Es ist meine Schuld, dass Hermine ihr Kind verloren hat", sagte sie so leise, dass Severus Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. Dann hob sie den Blick. „Ich konnte meinen Blick nicht von dir abwenden und deswegen haben wir zu spät bemerkt, dass der Murus-Zauber sich auflöste." Sie schluckte. „Es ist meine Schuld."

Severus sah sie ausdruckslos an. „Sind Geständnisse in letzter Minute nicht unter deiner Würde?"

„Nein", entgegnete sie ohne ein Anzeichen von Irritation. „Ich weiß, du kannst mich nicht ausstehen, du hast es mir oft genug gesagt und gezeigt."

„Ich sagte, ich hasse dich", unterbrach er sie.

„Oder so", murmelte sie und rieb sich die Stirn. „Ich hasse dich jedenfalls nicht. Du bist mein Ursprung und mein Untergang, Severus Snape. Ich habe nicht viel Ahnung von Gefühlen, aber … auf meine kleine emotional eingeschränkte Art und Weise … liebe ich dich wohl." Und dann setzte sie die Phiole an und leerte sie in einem Zug.

Severus' Kiefer mahlten, als er dabei zusah, wie Adia verschwand. Sie tat es nicht auf die Art, auf die sie sich in Hermine verwandelte, sondern sie verschmolz wortwörtlich mit ihr. Ihre Haut löste sich über Hermines auf, einzelne Stellen hellerer Haut wurden sichtbar und dann immer größer. Genauso alles andere. Einzelne Strähnen nasser brauner Locken erschienen zwischen den glatten, beinahe schwarzen Haaren und breiteten sich aus. Selbst ihr Gesicht zerrann auf Hermines. Nur ihre Augen … Severus hätte schwören können, dass Hermines Augen heller gewesen waren. Er hätte schwören können, dass man Adia in ihren Augen immer noch sehen konnte.

Aber der Blick, der gehörte definitiv Hermine. Es war ein erschöpfter, aufgebrachter, maßlos wütender Blick. „Ich hasse dich", zischte sie.

„Ich weiß." Und trotzdem traf ihn ihre Verachtung wie ein Stupor direkt in den Magen.

„Und Adia hat gelogen!"

„Ich weiß."

Hermine atmete heftig und fuhr sich durch die Haare.

„Es hat funktioniert, nehme ich an?", fragte Severus gepresst und wartete ihr Nicken ab, ehe er ihr die Phiole mit dem Stärkungstrank zuschob. Zu seiner eigenen Überraschung war seine Hand absolut ruhig, als er sie ausstreckte.

Ein weiterer zorniger Blick traf ihn, ehe Hermine nach dem Trank griff und ihn einnahm.

Dann schob Severus die letzte Phiole zu ihr. „Das ist der erste deiner Therapietränke. Um den anderen kümmere ich mich morgen." Dann stand er auf und verließ das Wohnzimmer, ohne sie noch einmal anzusehen.

Später wunderte er sich darüber, dass seine Beine ihn überhaupt hinauf in sein Zimmer getragen hatten.


Es kostete Kraft und Konzentration, ohne das naturgegebene magische Potential wirksame Tränke zu brauen. Doch im Gegensatz zum Ausführen von Zaubersprüchen war es möglich.

Severus hatte natürlich noch keine eigenen Erfahrungen damit gemacht, aber er hatte davon gelesen. Es gab wenige, meist mit Hexen oder Zauberern verheiratete Muggel, die talentiert und trainiert genug waren, Tränke mit annehmbarer Qualität zu brauen. Und auch einige Squibs waren dazu in der Lage. An diesem Vormittag lernte er, jeden einzelnen von ihnen zu bewundern.

Sicherlich wäre es ihm leichter gefallen, wenn er in der letzten Nacht mehr als zwei unruhige Stunden Schlaf gehabt hätte. Er hatte es kaum ausgehalten in seinem Bett. Obwohl er es frisch bezogen hatte, glaubte er, Adia überall riechen zu können. Sie war wie ein verdammter Succubus.

Der zweite Therapietrank, den er mit einigen kleinen Anpassungen nach Hermines Rezept zuzubereiten versuchte, verlangte ihm daher ein enormes Maß an Willenskraft ab. Er musste die normale, physische Kraft seines Körpers so fokussieren, dass sie dem Trank eine magische Wirkung einhauchen konnte. Er nutzte Hermines Zauberstab, um diese Kraft zu kanalisieren und auf den Trank zu übertragen. Wenn ihm das nicht gelang, wäre das Ergebnis nur eine ungenießbare Suppe.

Dementsprechend stand ihm inzwischen der Schweiß auf der Stirn und sein Magen knurrte. Severus ignorierte es. Er konnte den Trank nicht alleine lassen, es war eine empfindliche Mischung.

Als er ihn endlich abschloss, zitterten ihm die Hände und er glaubte, nicht eine Minute länger aufrecht stehen zu können. Aber er hatte es geschafft. Der Inhalt der Phiole glitzerte kupferfarben vor ihm im Licht.

Er nahm sie mit und nachdem er auf ein leises Klopfen an Hermines Tür keine Antwort bekam, öffnete er sie und stellte die Phiole auf ihren Nachtschrank. Sein Blick glitt über ihre schlafende Gestalt. Ein paar Muskeln in ihrem Gesicht zuckten, sie schwitzte und ihre Augen bewegten sich schnell hinter ihren Lidern. Offensichtlich hatte sie heute Morgen mit dem Zusammenfügen der Erinnerungsfragmente begonnen.

Severus wandte sich ab und ging hinunter in die Küche, um seinen nagenden Hunger zumindest leidlich zu stillen. Danach legte er sich selbst hin und schlief beinahe augenblicklich ein. Diesmal war er erschöpft genug für einen langen traumlosen Schlaf, aus dem er erst mitten in der darauf folgenden Nacht erwachte.

Wenn seine Magie nicht zurückkehrte, würde seine Profession ihm in Zukunft viel abverlangen.


Am nächsten Tag hatte Severus das Kochen übernommen. Er war Hermine während seiner eigenen Zusammensetzungsphase sehr dankbar dafür gewesen, dass er sich meistens nur an einen gedeckten Tisch hatte setzen müssen, um über die nagende Übelkeit hinweg, die die Bilder in ihm hinterlassen hatte, ein zweckmäßiges Mahl einnehmen zu können. Auch wenn sie ihn hasste, würde er ihr diesen Gefallen erwidern.

Es gab nicht viele Gerichte, die er gut kochen konnte. Wie Adia schon festgestellt hatte, erstreckte sich sein Talent am Kessel nicht bis in die Küche. Aber er brachte einen passablen Shepherd's Pie zustande und war froh, dass Albus das Haus mit einem Gasherd ausgestattet hatte; so konnte er auch ohne seinen Zauberstab arbeiten.

Während der Pie im Ofen war, begann Severus einen Brief an Albus zu schreiben. Er musste ihn darüber informieren, dass es ihm gelungen war, den Vicissitudo Virtus umzukehren. Was genau dafür notwendig gewesen war, würde er niemandem erzählen, genau so wie Adia es geahnt hatte.

Seine Gedanken wanderten auch heute frustrierend oft zurück zu Adia. Ihre Worte, auf die er nicht geantwortet hatte, beschäftigten ihn. Wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, hätte er einige Erinnerungen in sein Denkarium gelegt. Aber auch das erforderte Magie, die er nicht mehr besaß.

Severus war so in den Brief und seine Gedanken vertieft, dass er erst verzögert bemerkte, dass Hermine in der Tür stand und ihn mit vor der Brust verschränkten Armen anstarrte. Sie trug ein zu großes langärmeliges Shirt und eine Hose, die wie eine Schlafanzughose aussah. Ihre Haare waren ein Chaos, von dem ihm nicht klar war, wie sie es jemals wieder in den Griff bekommen wollte. Severus erwiderte ihren Blick einen Moment, ehe er sagte: „Das Essen ist gleich fertig. Iss du zuerst und lass den Rest stehen, ich wärme es mir später auf." Dann stand er auf, nahm den Brief, die Feder und das kleine Tintenfass und wollte an ihr vorbei gehen, aber sie machte ihm keinen Platz.

„Setz dich", sagte sie. Ihre Augen waren rot unterlaufen, ihr Gesicht blass und die Lippen zersprungen. Aber ihr Blick ließ keinen Widerspruch zu.

Severus nickte und kehrte zu seinem Platz zurück. Er legte die Hände in die Schoß und sah abwartend zu ihr auf.

Nachdem sie sich ihm gegenüber auf die Bank gesetzt hatte, fragte sie: „Hattest du jemals ernsthaft vor, dein Versprechen zu halten?"

„Nein."

Sie rümpfte die Nase. „Warum hast du es mir dann gegeben?"

„Weil du Adia sonst nicht wieder nach vorn geholt hättest."

Sie rieb sich über das Gesicht. „Kannst du dir auch nur im Ansatz vorstellen, wie abscheulich das ist, was du getan hast?", zischte sie.

Severus biss die Zähne aufeinander und nickte. „Ja."

„Ich hab dir vertraut!"

Er schluckte. Niemals zuvor war es ihm so schwer gefallen, einem Blick standzuhalten. Niemals zuvor hatte er sich so elend gefühlt. Nicht auf diese Art. „Ich weiß."

Sie lachte freudlos. „Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?"

Er holte tief Luft und zog die Augenbrauen in die Stirn. „Was soll ich dir sagen, Hermine? Soll ich mich entschuldigen für etwas, das mir nicht leid tut? Soll ich dir sagen, ich würde es bereuen, obwohl es nicht so ist?"

Tränen stiegen ihr in die Augen, während diesmal sie die Zähne aufeinander biss. „Nein", spie sie aus, „Spar es dir." Dann stand sie auf und verließ die Küche.

Severus sackte in sich zusammen, schloss die Augen und fuhr sich durch die Haare. Sein Herz raste und seine Finger zitterten. Bevor er selbst die Küche verließ und in sein Zimmer zurückkehrte, stellte er den Ofen aus und öffnete die Tür. Der Appetit war ihm vergangen.


Die nächsten zwei Tage waren einsam. Hermine ging ihm aus dem Weg, so gut sie es konnte. Im Gegensatz zu ihm legte sie keinen Wert darauf, ein paar Stunden des Tages wach zu sein. Sie verbrachte die Tage mit der Zusammensetzung der Erinnerungsfragmente und die Nächte zum Schlafen. Aber zumindest hatte sie angefangen, seine Essensangebote zu nutzen, wenn auch nicht mit ihm zusammen.

Severus verbrachte viel Zeit im Garten. Er starrte die Dimensionsbarriere an, als könnten seine Blicke ein Loch hineinbrennen, durch das er diesem Gefängnis entkommen konnte. Manchmal legte er auch die Hände dagegen und spürte die Magie auf seiner Haut kitzeln. Grundsätzlich gab es die Möglichkeit, die Magie, die sie der Barriere hinzugefügt hatten, auch wieder herauszuziehen; aber dafür brauchte es einen Zauberspruch, den er nicht wirken konnte. Die Magie war so nah, aber er kam nicht heran.

Heute legte er die Hände nicht dagegen. Heute hing er seinen Gedanken nach. Heute begann das neue Schuljahr in Hogwarts. Der Zug würde bald in Hogsmeade einfahren und Schüler auf den Bahnsteig spucken. Er hatte es immer gehasst, Lehrer zu sein, aber er hasste es tatsächlich mehr, hier zu sein.

Nein, falsch. Er hasste es mehr, ohne die Fähigkeit zu ernsthafter Trankforschung hier zu sein.

Eine Auszeit wie diese hatte er sich sein Leben lang gewünscht. Die Möglichkeit, sich monatelang auf seine Forschungen konzentrieren zu können, ohne nebenbei den einen oder anderen verrückten Diktator ausspionieren zu müssen. Dass er diese Auszeit jetzt nicht so nutzen konnte, wie er sich das immer vorgestellt hatte, war eine Ironie, die ihresgleichen suchte.

Er hatte einen ersten Entwurf verfasst von seinen Erfahrungen mit der Umkehr des Vicissitudo Virtus. Hermines Perspektive fehlte natürlich vollständig; er hoffte, sie würde sie irgendwann beitragen. Und er beschäftigte sich mit theoretischer Forschung und wählte sehr sorgsam das eine oder andere Experiment aus, ohne das er nicht weitermachen konnte. Bisher hatte er keines davon begonnen; er wollte seine begrenzten Möglichkeiten aufheben für den Fall, dass Hermine während ihrer Verarbeitungsphase einen Trank benötigen würde. Sobald sie damit fertig war, würde er ein paar Experimente beginnen.

Aber noch war sie nicht fertig. Noch musste er abwarten.

Es gab die vage Hoffnung in ihm, dass sie ein weniger emotional aufgeladenes Gespräch würden führen können, wenn sie ihre Vergangenheitsbewältigung abgeschlossen hatte. Dass sie – wenn sie es ihm verständlicherweise schon nicht verzeihen konnte – doch wenigstens verstehen würde, warum er Adias Bedingungen erfüllt hatte. Denn Albus hatte ihm in seiner Antwort auf Severus' Brief jede Hoffnung darauf genommen, dass sie dieses Haus bald wieder verlassen würden. Sie mussten einen Weg finden, auf diesem engen Raum miteinander klarzukommen.

Severus legte den Kopf in den Nacken und ließ seinen Blick an der Barriere entlang nach oben wandern. Verschwommene Wolken zogen heute über den nicht mehr ganz so strahlend blauen Himmel. Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen, es wurde kühler und früher dunkel. Bald würden die Herbststürme beginnen. Wie würde es wohl sein, sie unter dieser Käseglocke zu erleben?

Aber noch zwitscherten die Spatzen in den Büschen. Noch grub der Gnom sich quer durch ihr Blumenbeet. Noch trugen die kleinen Bäume ihre Blätter und die Blumen ihre Blüten.

Severus wandte sich ab und ging zurück ins Haus. Er fand nichts Entlastendes im Blick auf die Barriere.


Es war früher Abend, als Hermine in sein Zimmer platzte, ohne vorher angeklopft zu haben. „Nimm mir die Erinnerung!", rief sie aufgebracht.

Severus sah von seinem Notizbuch auf und zog die Augenbrauen hoch, als er sie sah. Die wirren Haare, das blasse, rot gefleckte Gesicht, die zu Fäusten geballten Hände. Der Puls an ihrem Hals raste. Wie weit auch immer sie inzwischen mit dem Zusammenfügen der Erinnerungsfragmente gekommen sein mochte, besser ging es ihr noch nicht.

„Hörst du?", fuhr sie ihn wieder an, als sein Schweigen zu lange dauerte. „Du sollst mir die Erinnerung nehmen! Obliviiere mich!"

Er schluckte. „Nein." Dann senkte er den Blick wieder auf sein Notizbuch.

„Was soll das heißen, nein? Du hast es selbst in Erwägung gezogen! Du hast … Tu es!" Ihre Stimme wurde immer lauter.

Severus schloss kurz die Augen und biss die Zähne aufeinander. „Das geht nicht", sagte er und schüttelte den Kopf.

Hermine stieß einen kleinen Schrei aus, kam zu ihm und zog das Notizbuch unter seinen Händen weg, schleuderte es quer durch das Zimmer. Es prallte mit einem lauten Schlag gegen den Bettrahmen und fiel zu Boden. „Tu es, Severus! TU ES!"

Er sah sie an. Sagte nichts. Er hielt einfach nur ihren Blick fest, sah ihr direkt in die weit aufgerissenen, rot unterlaufenen Augen.

Bis sie den Blick abwandte und schluchzte. Sie schlug eine Hand vor den Mund.

Er seufzte und streckte die Hand aus, wollte sie am Arm berühren, aber Hermine drehte sich von ihm fort.

Fass mich nicht an!", zischte sie.

Eine tiefe Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen, ihm war übel. Sein Blick lag starr auf Hermines Rücken, während sie sich selbst zu umarmen schien, vielleicht um nicht auseinander zu fallen. Er wünschte, das würde funktionieren.

Severus räusperte sich, sein Mund war staubtrocken. „Ich kann dich nicht obliviieren", quälte er schließlich die Worte hervor, die ihm quer im Hals zu stecken schienen.

„Warum nicht?", wimmerte sie, ohne ihn anzusehen. „Ich will doch nur, dass …" Ihre Stimme verlor sich. „Es soll aufhören."

Seine Finger zuckten. „Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann."

Sie wirbelte herum. „Warum kannst du mir nicht helfen, Severus? Warum kannst du tun, was sie von dir verlangt hat, aber nicht das, was ich von dir verlange? Warum hast du mich überhaupt gerettet, wenn du mich jetzt quälst? WARUM?" Ihr Gesicht lief rot an, während sie ihn anschrie.

Severus ließ es schweigend über sich ergehen. Sein Mund verzog sich zu einer abfälligen Grimasse, er schmeckte Magensäure auf seiner Zunge. Seine Stimme war kaum mehr als ein Zischen, als er sagte: „Hau ab, Hermine. Verschwinde aus meinem Zimmer."

Sie lachte freudlos auf. „Ich hasse dich", sagte sie wieder, dann wandte sie sich um und ging, aber nicht ohne die Tür hinter sich ins Schloss zu knallen.

Er schloss die Augen und biss die Zähne aufeinander, während er wartete, dass sein Herzschlag sich beruhigte. Dann fuhr er sich durch die Haare, stand auf und holte das Notizbuch, das mit dem Cover nach oben vor dem Bett lag. Ein paar Seiten waren zerknickt. Severus schlug es zu und warf es auf den Tisch. Er blieb mitten im Zimmer stehen und schloss die Augen. Sein Kopf war leer.


Später an diesem Abend holte Severus sich eine Flasche Feuerwhiskey aus der Speisekammer. Er wunderte sich darüber, dass Albus so bereitwillig Nachschub schickte. Aber vielleicht kontrollierte Albus die Bestellungen auch gar nicht, sondern überließ es den Hauselfen, die Speisekammer zu bestücken. Jedenfalls hatten sie in ihrer vergleichsweise kurzen Zeit hier schon besorgniserregend viel Whiskey getrunken und trotzdem fand er stets eine neue Flasche, wenn er sie bestellte.

Mit dieser zog er sich also auf sein Zimmer zurück, setzte sich an den Tisch und trank verboten viel davon in verboten kurzer Zeit. Er hatte wenig gegessen an diesem Tag, die Wirkung des Alkohols spürte er schnell. Als sein Kopf sich leichter anfühlte und das Zimmer um ihn herum ein bisschen schwankte, holte er das Denkarium aus dem Schrank und schnaubte leise. Er konnte zwar keine Magie wirken, aber er konnte sich die Erinnerungen in diesem Denkarium ansehen. Jeder könnte das, sogar Muggel.

Severus beugte das Gesicht über die steinerne Schale und ließ sich kopfüber in seine Vergangenheit fallen. Als er landete, schwankte wieder alles um ihn herum; möglicherweise hatte er ein bisschen zu viel getrunken. Egal.

Er sah sich um. Hogwarts. Missmutig versuchte er herauszufinden, welche Erinnerung es war, in der er gelandet war. Aber Potter und Black waren nirgendwo zu sehen. Tatsächlich war niemand zu sehen. Ein guter Anfang.

Severus ging den menschenleeren Gang entlang, eine Hand an der Wand. Der Whiskey summte durch seinen Körper und ließ alles um ihn herum etwas irreal wirken. Alkoholisiert in einem Denkarium zu stecken, war ein bisschen wie träumen.

Schließlich sah er sein elfjähriges Ich ein Klassenzimmer verlassen. „Ja, Professor, ich beeile mich!" Und da wusste er, welche Erinnerung das war. Er schloss kurz die Augen und überlegte, ob er sie weiter ansehen wollte. Entschied sich dafür, es gab schlimmeres hier zu sehen.

Mit etwas Abstand folgte er seinem jüngeren Ich. Severus wusste, wohin er damals gelaufen war, er hatte es nicht eilig, sich selbst zu folgen. Und es wäre auch nicht ratsam gewesen, denn was er nicht wusste, war, ob man sich in einem Dekarium übergeben konnte und er wollte es auch nicht rausfinden.

Er holte sein vergangenes Ich ein, als es endlich gefunden hatte, wonach es in jedem leer stehenden Klassenzimmer, in jeder Nische, in jedem abzweigenden Flur zwischen dem Klassenzimmer und hier gesucht hatte: Lily. Sie hockte mit angezogenen Beinen hinter einer der Rüstungen und weinte. Ihre Büchertasche lag halb im Gang, sie drehte sich weg, als Severus vor ihr stand.

„Was ist los, Lily? Warum bist du nicht in Verwandlung gewesen?"

„Geh weg", murmelte Lily. Sie war noch so jung. Severus – der erwachsene – ging neben der Rüstung in die Hocke und weil er Schwierigkeiten hatte, sein Gleichgewicht zu halten, ließ er sich komplett auf den Boden sinken.

„Warum? Was hab ich getan?", fragte sein jüngeres Ich gerade und runzelte die Stirn.

Lily sah ihn ärgerlich an. „Es geht nicht immer um dich, Sev!", zischte sie.

Severus sah sich selbst auf den Zettel aufmerksam werden, den sie in der Hand hielt. „Was ist das?", fragte er.

„Nichts." Sie zog ihn tiefer zwischen ihre Knie.

Severus hörte sich seufzen und dann kniete sich sein jüngeres Selbst vor Lily. „Ist das endlich eine Antwort von deiner Schwester?"

Lily sagte nichts, aber ein paar weitere Tränen liefen über ihre geröteten Wangen.

„Darf ich … ihn lesen?" Er streckte die Hand danach aus und Lily ließ den Zettel tatsächlich los.

Während sein jüngeres Ich den kurzen Brief las, den Brief, der nur diese vernichtenden zwei Sätze beinhaltet hatte, beobachtete der erwachsene Severus Lily. Er neigte den Kopf zur Seite und versuchte, jedes Detail ihres Gesichts zu erfassen. Die flammend roten Haare, die grünen Augen hinter den Tränen, die Sommersprossen und die blonden unendlich langen Wimpern. Es tat beinahe körperlich weh, sie so zu sehen und zu wissen, wie ihre Zukunft aussehen würde. Dass er sie verlieren würde. Mehrmals.

Das Seufzen des jungen Severus ließ den erwachsenen blinzeln. „Sie hat deine Liebe nicht verdient."

„Liebe verdient man nicht. Man bekommt sie geschenkt. Oder eben nicht." Ihre Stimme verlor sich in mehr Tränen.

Der erwachsene Severus schnaubte. Aber der junge schluckte nur schwer und rutschte dann dichter an Lily heran. Erst legte er nur seine Hand auf ihre Schulter und als sie ihn nicht abschüttelte, legte er seinen Arm um sie und lehnte sich neben ihr gegen die Wand. Lily schluchzte, es hallte von den Wänden wider. Es klang, als wäre ein Damm gebrochen unter seiner Berührung. Sie schmiegte sich an ihn, was Severus damals so überrascht und überfordert hatte, dass er sich versteift hatte. Aber nach ein paar Momenten hatte er sich getraut, seine Arme um ihren schmalen Körper zu legen und sie festzuhalten.

Der erwachsene Severus konnte sich daran erinnern, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte. Wie der Wunsch in ihm angeschwollen war, sie vor allem zu beschützen, das ihr so wehtun konnte. Er wünschte, irgendjemand hätte ihm damals gesagt, dass es keine Schwarze Magie brauchte, um jemanden beschützen zu können. Dass man nicht der furchteinflößendste Spieler auf dem Feld sein musste. Der vor dem jeder erzitterte. Er wünschte, er könnte es seinem jüngeren Ich sagen.

Die Erinnerung begann sich aufzulösen, aber Severus hielt sie fest. Das Bild vor ihm erstarrte und er blieb einfach sitzen und sah es an. Sah Lily an und widerstand der Versuchung, die Hand nach ihrem Haar auszustrecken.

Eine kleine Ewigkeit später verließ Severus das Denkarium, ohne sich noch eine weitere Erinnerung angesehen zu haben. Er schluckte gegen die Übelkeit an, die ihn überrollte, als er sich auf dem Stuhl in diesem verdammten Zimmer wiederfand.

Als sein Magen sich beruhigt hatte, nahm er die Whiskeyflasche in die Hand und trank dieses Mal ohne den Umweg über ein Glas. Die Flüssigkeit brannte in seiner Kehle und in seinem Magen. Sie brannte etwas von dem miesen Gefühl weg, das ihn seit Adias und Hermines Verschmelzung begleitete und das bei jedem Blick, den Hermine ihm zukommen ließ, wie ein hungriges Tier in ihm aufbegehrte.

Die Flasche war nur noch zu einem Drittel gefüllt, als er sie wegstellte und zu seinem Bett hinüber stolperte. Jetzt war er definitiv betrunken genug, um einschlafen zu können. Nicht durchschlafen, das funktionierte betrunken nie. Aber einschlafen. Und das hätte nüchtern nicht funktioniert.