Kapitel 2.15 – Gewitter
In den Tagen danach hatte Severus einen festen Plan. Einen ungesunden zwar, aber es war ein Plan. Noch dazu einer, der ihn davor bewahrte durchzudrehen. Und einer, der es ihm ermöglichte, Hermine aus dem Weg zu gehen. Oder sie ihm. Oder sie einander. Irgendwas davon und alles zugleich.
Er stand morgens mehr oder weniger verkatert auf, machte sich frisch und ging in die Küche, um ein warmes Essen zuzubereiten. Da das meistens seine einzige Mahlzeit blieb, aß er, solange es noch warm war. Hermine konnte sich das Essen später wieder aufwärmen, sie hatte schließlich ihren Zauberstab zurück.
Danach zwang er sich ein paar Stunden dazu, an seiner theoretischen Forschung weiter zu arbeiten. Ab und zu dachte er sogar darüber nach, eines der Experimente zu beginnen, deren Ergebnisse er brauchte, ehe er weitermachen konnte. Aber die Experimente ruinierten seinen kompletten Plan und er hatte genug Ideen gehabt im Laufe der Jahre, um vorerst auch ohne die Experimente beschäftigt zu sein, also verschob er sie.
Wenn es endlich zwei oder drei Uhr nachmittags und er wieder an dem Punkt angekommen war, an dem er es nicht eine Sekunde länger ertragen konnte, in diesem verdammten Haus eingesperrt zu sein, machte er es sich mit einer Flasche Feuerwhiskey oder Wein in seinem Zimmer gemütlich, trank sich einen kleinen Rausch an und ging ins Denkarium.
Es gab ein paar Erinnerungen darin, die draußen stattgefunden hatten – oder von denen aus er rausgehen konnte, ohne die Grenzen der Erinnerung zu übertreten. Es war nicht dasselbe, wie tatsächlich draußen zu sein; am Meer fehlte der Wind, im Wald der Geruch nach Moos, in allen Erinnerungen die Ruhe. Aber wenn er vorher genug trank, konnte er sich vorstellen, was die Erinnerung ihm nicht bieten konnte. Außer der Ruhe. Aber das war allemal besser als dieses elende Haus.
An diesem Tag hatte es ihn ans Meer gezogen. Zum Haus seiner Großeltern. Es gab nur eine Erinnerung im Denkarium, die dort stattgefunden hatte. Die Zeit dort gab ihm Kraft, er hatte keine andere dieser Erinnerungen ins Denkarium legen wollen. Severus versuchte, dem Geschehen in dieser Erinnerung so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken, während er den Blick durch das kleine Fenster neben der Haustür hinaus auf die aufgewühlte Nordsee richtete. Wie lange war er jetzt schon nicht mehr hier gewesen? Ein Jahr? Etwas in dieser Größenordnung. Und wann er jemals wieder hierher kommen könnte, stand in den Sternen. Seine Großmutter würde ihm den Kopf abreißen.
Ein Geräusch riss ihn aus seinen Überlegungen. Komplett konnte er nicht ignorieren, was um ihn herum geschah.
Es war eine alte Erinnerung, er war noch nicht mal zwanzig gewesen. Sein Großvater hatte noch gelebt. Severus war direkt in ihren Hausflur appariert, weil er Hilfe gebraucht hatte. Dringend. Er hörte sein jüngeres Ich hinter sich stöhnen und zu Boden gehen. Dann hörte er seine Großmutter aufschreien.
Severus, der heutige, ging einfach durch die Haustür hinaus. In Erinnerungen war man wie ein Geist, physische Grenzen existierten nicht. Die Aufregung im Inneren des Hauses blieb hinter ihm zurück.
Während er an das Ufer hinter dem Haus herantrat, so weit die Erinnerung es ihm erlaubte, dachte er trotzdem an den Tag zurück, an dem das hier passiert war. Ein Todessertreffen war von Auroren gestürmt worden und bis Severus es aus dem appariergeschützten Bereich nach draußen geschafft hatte, war er von diversen Flüchen getroffen worden.
Er hatte geplant, zu Lucius nach Malfoy Manor zu apparieren, aber sein Geist hatte andere Pläne gehabt. Er war selbst überrascht gewesen, dass er bei seinen Großeltern gelandet war – und das auch noch in einem Stück. Eine so fehlgeleitete Apparation war eigentlich dafür prädestiniert, im Zersplintern zu enden. Aber ein Großteil von ihm war anscheinend überzeugt davon gewesen, dass er bei seinen Großeltern besser aufgehoben war als bei Lucius.
Sein Erscheinen hatte sie in helle Aufregung versetzt. Dabei waren seine Wunden alle oberflächlicher Natur gewesen. Fleischwunden. Sie bluteten zum Teil zwar recht stark, aber das war nichts, was ein bisschen Murtlap-Essenz nicht heilen konnte. Aber es war auch der Tag gewesen, an dem seine Großeltern erfahren hatten, dass er ein Todesser war.
Severus holte tief Luft und wünschte, er könnte das Meer riechen. Das Haus seiner Großeltern lag an einem kleinen Hafen, einige wenige Boote waren an einem Steg vertäut und schaukelten auf der Wasseroberfläche. Er erinnerte sich an das leise Klingeln der Metallrollen am Mast, aber es war kein Bestandteil der Erinnerung. Er schloss für einen Moment die Augen und sein Geist dichtete es hinzu.
Hinter ihm schrie sein jüngeres Ich kurz auf. Seine Großmutter hatte gerade ein Stück Stoff auf eine der Wunden gedrückt, während sein Großvater nach der Murtlap-Essenz gesucht hatte. Er hatte nur Diptam gefunden, aber es hatte ebenso seinen Zweck erfüllt.
Mit verschränkten Armen sah Severus hinaus und hatte das Gefühl, endlich wieder atmen zu können. Er schloss die Augen und erinnerte sich an das Rauschen des Wassers. An den Wind auf seinem Gesicht. An den Geruch von Seetang und Salz und ein bisschen Fisch. Gab es irgendeinen anderen Ort, an dem man sich so frei fühlen konnte wie am Meer?
Und dann krachte hinter ihm die Tür auf. Severus stöhnte leise. Jetzt kam dieser Teil der Erinnerung.
„Was hast du dir nur dabei gedacht?" Sein Großvater. „Wie kannst du nur diesem Despoten folgen? Haben wir dich nicht besser erzogen?"
Severus, der erwachsene, griff sich an die Nasenwurzel. Dann ging er ein paar Schritte weg von diesem Gespräch. Er konnte es trotzdem hören, laut genug war er ja gewesen, als er schrie: „Ihr habt mich nicht erzogen! Ihr habt zugelassen, dass Dad …" Er würgte hörbar an den Worten. „… sie umbringt! Ihr habt Mom diesen Scheißmuggel heiraten lassen!"
Sein Großvater schwieg und als Severus ihm einen Blick zuwarf, sah er einen Schmerz über das Gesicht des Mannes flackern, der ihm damals entgangen war. „Dein Vater … wird seine Strafe bekommen. Auf die eine oder andere Art."
„Ach ja? Und wie stellst du dir das vor? Wie soll er seine Strafe bekommen, wenn das verdammte Zaubereiministerium keine Muggel verurteilt und die Muggel ihren Tod nicht untersuchen, weil sie für sie überhaupt nicht existiert hat? Wie stellst du dir das vor, Gramps?"
Severus ging noch weiter weg. So weit wie die Erinnerung ihn gehen ließ und das war fast bis hinab zum Steg. Das Gespräch wurde leiser. Wieder holte er tief Luft, hielt sie an und atmete langsam wieder aus. Ihm schwirrte ein bisschen der Kopf vom Alkohol. Wenn er die Augen schloss, sah er seine Mutter vor sich. Dann Lily. Dann Hermine. Dann wieder seine Mutter. Er schüttelte den Kopf.
Er hätte ein paar andere Erinnerungen ins Denkarium legen sollen. Aber wie hätte er damit rechnen sollen, dass er jemals in eine Situation wie diese käme? In eine Situation, in der er seine eigenen Erinnerungen zur Flucht nutzen musste und nicht dazu in der Lage war, andere Erinnerungen ins Denkarium zu legen? Ruhigere. Erinnerungen, in die eine Flucht sich lohnen würde.
„Nein!", hallte die Stimme von Severus' jüngerem Ich bis zu ihm hinab. „Ich werde nicht einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten, dass Dad irgendwann der Schlag trifft! Ich bin jetzt ein Todesser!" Was er danach leiser hinzugefügt hatte, schallte nicht bis zum Steg. Aber Severus wusste, was er noch gesagt hatte: „Das lässt sich ohnehin nicht mehr ändern."
Er seufzte und griff nach seinem linken Unterarm. Immer noch erschrak er ein bisschen, wenn er die vernarbte Haut berührte. Seine Haut war immer völlig glatt gewesen, man hatte das Mal nicht gespürt. Erst die Narben erinnerten ihn wieder daran, dass man das Mal kaum noch sehen konnte.
Trotzdem war es noch da. Trotzdem war er noch Todesser.
Als sein jüngeres Ich disapparierte, löste sich die Erinnerung auf und Severus verließ das Denkarium. Ihm war schwindelig. Und schlecht. Er spülte beides mit noch ein bisschen mehr Feuerwhiskey hinunter und ging ins Bett.
Irgendwann im Laufe dieser Tage, die sich in seinem Geist zu einem einzigen Strudel vermischten, saß er morgens in der Küche am Tisch und starrte seinen Kaffee an, als könnte das diese Kopfschmerzen lindern. Severus seufzte und rieb sich die Stirn. Warum musste er in diesem Leben nur für jeden Moment der Erleichterung bezahlen? Warum durfte er nicht einfach mal den leichteren Weg nehmen und es war okay? Warum …
Seine Gedanken wurden unterbrochen von Hermine, die die Treppe hinunter polterte. Sie waren einander gelegentlich begegnet in den letzten Tagen. Glaubte er. Er war sich nicht hundertprozentig sicher. Aber er meinte, sich an ihre missbilligenden Blicke zu erinnern. Und an die Wut, die dazwischen lag. Wenn er sich das Ganze nicht eingebildet hatte (und bei seinem derzeitigen Alkoholkonsum hielt er das durchaus für möglich), dann verachtete sie ihn nicht nur dafür, dass er mit Adia geschlafen hatte, sondern auch dafür, dass er jetzt ständig betrunken war. Und sie strafte ihn damit, sich so laut wie möglich zu bewegen. Er stöhnte.
Während er sich noch an seinem Kaffee festhielt und ein bisschen wach zu werden versuchte, kam Hermine in die Küche und knallte etwas vor ihm auf den Tisch, so laut, dass er tatsächlich zusammenzuckte. „Du hast Post", informierte sie ihn, dann war sie auch schon wieder verschwunden.
Severus sah ihr hinterher und runzelte die Stirn. Sie sah noch genauso fürchterlich aus wie am Anfang ihrer Vergangenheitsbewältigung. Zottelige Haare, schlabberige Klamotten und sie zog einen etwas strengen Geruch hinter sich her. Eigentlich hatte sie gar keinen Grund, ihn so verachtend anzusehen. Sie war auch keine angenehme Gesellschaft derzeit. Nur dass sie dafür keinen Alkohol brauchte.
Er wandte den Blick von der Tür ab, durch die sie eben verschwunden war, und nahm den Brief in die Hand, den sie ihm so schwungvoll vor die Nase geknallt hatte. Severus musste die Augen ein bisschen zusammenkneifen, um die Schrift auf dem Umschlag erkennen zu können. Das war Filius' Schrift. Er stöhnte wieder. Um den zu beantworten, sollte er besser nüchtern sein. Verdammt.
Es dämmerte draußen, als Severus aufwachte. War es morgens oder abends? Und welchen Tag hatten sie überhaupt? Er wusste es nicht. Sein Schädel brummte, ihm war flau im Magen und auf seiner Zunge war irgendetwas verendet. Das war alles, was er wusste. Als er blinzelte, dauerte es eine Weile, ehe er klar sehen konnte. Und was er sah, war Hermine.
Sie saß vor seinem Kleiderschrank auf dem Boden, die Beine an den Körper gezogen, und starrte ihn an. Seine Gedanken krochen so träge durch seinen Geist, dass ihm erst verzögert klar wurde, dass sie hereingekommen war, ohne dass er es bemerkt hatte. Er hatte definitiv zu viel getrunken.
Severus überlegte, ob er sich aufsetzen sollte. Aber das Gefühl in seinem Magen hielt ihn davon ab. So wenig wie möglich bewegen, so flach wie möglich atmen, das war gerade der Fahrplan.
Hermines Stimme riss ihn aus seiner Bestandsaufnahme: „Ich liebe Ron."
Er schluckte, was mit diesem trockenen Mund gar nicht so einfach war. „Meinen Glückwunsch", entgegnete er irgendwann heiser.
„Ich will um ihn trauern", sagte sie dann.
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Ich halte dich nicht davon ab." Merlin, fühlte er sich elend.
Hermine seufzte. „Doch, tust du. Severus, ich l…"
„Halt den Mund!", unterbrach er sie heftig. Schmerz explodierte in seinem Kopf. Er schloss die Augen. Das war nicht der richtige Moment für dieses verdammte Gespräch. „Geh weg, Hermine."
Ihre Stimme klang anders, als sie sagte: „Bitte lass mich noch eine Weile hier bleiben."
Severus atmete langgezogen aus, während sein Herzschlag schmerzhaft in seinem Kopf pochte. Als würde sein verdammtes Gehirn anklopfen. Lästig. „Mach die Tür zu, wenn du gehst", murmelte er und dann ließ er sich zurück in den Schlaf sinken. Er konnte so nicht existieren.
Als er das nächste Mal wach wurde, war Hermine verschwunden und er war sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt da gewesen war.
Das erste Gewitter unterhalb der Dimensionsbarriere verbrachte Severus mit einer neuen Flasche Feuerwhiskey auf der Terrasse. Der Regen prasselte ohrenbetäubend auf sie herab, die Wolken waren so dicht, dass kaum noch Licht auf die Terrasse fiel. Ab und zu durchzuckte ein Blitz das Dunkel und dokumentierte den sinkenden Pegel der Flasche, gefolgt von einem grollenden Donner.
Er schloss die Augen, als Hermine neben ihm auftauchte. „Wie viel hast du schon getrunken?", fragte sie laut über das Getöse des Wetters hinweg.
„Zu wenig", grollte Severus, ohne sie anzusehen. Für diese Begegnung war es viel zu wenig gewesen.
Sie blieb einen Moment lang neben ihm stehen, dann zog sie ihren Stuhl an seinen heran und setzte sich, viel zu nah. „Ich hab Professor Dumbledore geschrieben, weil ich mich um dich sorge."
Severus verzog das Gesicht. „Aus Sorge? Nicht eher aus Verachtung?"
„Ein bisschen von beidem", gab sie zu.
Nun sah er sie doch an, die Augenbrauen weit in die Stirn gezogen. „Und?"
Sie presste die Lippen aufeinander, während ein weiterer Donner die Luft zu zerreißen schien. „Er sagte, du hättest manchmal solche Phasen und das würde sich wieder geben."
Severus schnaubte, es war beinahe ein Lachen. Dann setzte er die Flasche an den Mund und trank noch ein bisschen mehr.
„Ich glaube, er hat tatsächlich etwas gegen dich", sagte Hermine so leise, dass er es beinahe überhört hätte.
„Ja", sagte er dunkel. Man konnte auf diese Idee kommen. Aus Hermines Perspektive konnte man das tatsächlich. Aus seiner hingegen … Je weniger Albus sich einmischte, desto besser. Er hatte den Hang dazu, Entscheidungen über Severus' Kopf hinweg zu treffen und Dinge von ihm zu verlangen, die er nicht zu tun bereit war. Und dann tat er sie doch, was meistens der Grund für seine kleinen Alkoholexzesse war. Das würde sich in der Tat wieder geben.
„Ich nehme an, du hast deine Erinnerungsverarbeitung beendet?", wandte er sich nach ein paar Minuten wieder an Hermine.
„Wie kommst du darauf?", fragte sie. Ein Blitz erhellte für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gesicht.
„Du hast mich noch nicht angeschrien", entgegnete er trocken.
Sie wandte den Blick ab und biss sich auf die Unterlippe. „Ich könnte das nachholen, wenn du darauf bestehst."
„Danke, ich verzichte." Als er dieses Mal die Flasche an die Lippen setzte, nahm Hermine sie ihm aus der Hand und trank selbst. Er beobachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Als nur noch etwa zwei Zentimeter Whiskey übrig waren, setzte sie ab, verzog das Gesicht und schüttelte sich.
„Ekelhaft", sagte sie und reichte ihm die Flasche zurück.
„Das sah Adia anders." Die Worte rutschten ihm raus, bevor er sich dessen bewusst wurde. Er schluckte. Vielleicht hatte er doch genug getrunken für dieses Gespräch. Stellte die Flasche zwischen ihnen auf den Boden.
„Fehlt sie dir?", fragte Hermine.
Severus rieb sich die Stirn. „Nein", sagte er. Ja, dachte er. Nicht weil er sie so wahnsinnig gemocht hätte. Aber er hatte sich an sie gewöhnt. Die Fronten zwischen ihnen waren geklärt gewesen. Hermine hingegen war ihm fremd geworden in dieser Zeit und ihre Wut, so gerechtfertigt sie auch war, konnte er nur schwer aushalten. Es fehlte ihm, ihr nicht aus dem Weg gehen zu können. Wären sie nicht hier eingesperrt, hätte er dafür gesorgt, dass sie einander nie wieder sehen würden.
„Ja, mir auch", sagte sie in seine Gedanken hinein.
Er hob überrascht den Blick.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Man kann sich an jemanden gewöhnen, selbst wenn man ihn nicht leiden kann, oder?"
Severus schluckte. „Ja, kann man." Er sah einen Moment lang dem Regen zu, wie er an der Barriere entlang lief. „Warum wolltest du nicht, dass Adia sich mir zeigt?"
Hermine lehnte den Kopf zurück. „Ich brauchte sie. Und ich wusste, wenn du von ihr weißt, würdest du anfangen, nach einem Weg für ihre Beseitigung zu suchen."
Seine Augenbrauen zuckten kurz. Sie hatte recht behalten.
„Du hast recht, ich bin fertig mit der Therapie."
„Also wirst du mich nicht mehr anschreien?"
Sie lächelte, ohne dass es ihre Augen erreichte. „Ich will es nicht komplett ausschließen, aber im Moment ist das nicht geplant."
„Gut."
Wieder kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. „Es tut mir sehr leid, wie ich in den letzten Tagen zu dir gewesen bin. Es war wirklich … heftig." Sie runzelte die Stirn.
Er ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. „Ich weiß."
„Und die Erinnerungen an das, was du und Adia getan habt, hat es mir zusätzlich schwer gemacht."
Severus schwieg und sah sie nicht an. Ein weiterer Blitz, aber das Donnern kam schon später. Das Gewitter zog weiter. In den letzten Minuten war es auch heller geworden, oder?
„Ich hasse dich nicht, Severus."
„Solltest du aber."
„Ich weiß. Aber ich kann nicht. Ich verstehe, warum du es getan hast. Gib mir noch ein bisschen Zeit und ich werd irgendwann vermutlich sogar dankbar sein dafür. Ich kann dich nicht mehr hassen." Sie schluckte. „Und da wir hier noch eine Weile lang miteinander zurechtkommen müssen, bin ich eigentlich auch ganz froh darüber. Die letzten Tage waren so anstrengend …" Sie kämmte sich mit den Fingern die Haare aus dem Gesicht. „Für uns beide", fügte sie dann hinzu.
Severus antwortete nicht. Er sah sie nicht einmal an. Ja, die letzten Tage waren verdammt anstrengend gewesen. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass das jetzt auf einmal anders werden sollte. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass sie ihre Wut ihm gegenüber einfach abgelegt hatte. Er hatte die Wirkung ihrer Tränke selbst erlebt, aber verschwunden waren seine Gefühle nicht. Er konnte neben ihnen existieren, sie raubten ihm nicht mehr den Schlaf oder den Verstand; aber sie waren immer noch da. Ihre mussten es genauso sein.
„Warum hast du mir die Erinnerung nicht genommen?", unterbrach sie seine Gedanken.
Er holte tief Luft und schloss die Augen. „Weil ich es nicht mehr kann", zwang er die Worte hervor, die er so gern verschwiegen hätte.
„Warum nicht?"
Er atmete scharf aus und begegnete ihrem Blick. „Ich habe meine Magie genutzt, um die Einhorntränen auszugleichen, die du dem Vicissitudo Virtus hinzugefügt hattest."
Hermine riss die Augen auf und starrte ihn mit halb geöffnetem Mund an. „Du besitzt keine Magie mehr?", fragte sie tonlos.
„Nein."
Nun strich mit den Händen über ihre Haare. „Warum hast du das getan?"
Severus schnaubte und rieb sich über die Augen. „Das ist eine gewagte Frage aus deinem Mund."
Sie erwiderte seinen Blick still.
„Um es irgendwie wiedergutzumachen", grollte er schließlich leise.
Minutenlang schwieg Hermine und starrte hinaus in den Garten. Je mehr sich die Wolken über ihnen verzogen, desto mehr konnte er wieder erkennen. „Danke", sagte sie schließlich.
„War das mindeste." Sie hatte mehr für ihn geopfert als er für sie. Das würde er niemals wiedergutmachen können. „Nimmst du Adia noch wahr?", fragte er nach einer Weile.
Hermine nickte. „Ja, sehr. Nicht als eigene Persönlichkeit, aber … ich spüre, was von ihr in mir zurückgeblieben ist. Manche Gedanken hätte ich so früher nicht gehabt. Manche Gefühle auch nicht …" Sie sah ihn von der Seite her an.
Severus schluckte. „Der kleine Binnensee voll Süßwasser, der Adias Gefühlswelt war, wird sich bald in deinem Ozean verlieren."
Sie stützte den Kopf in die Hand. „Und was ist mit deinem Süßwasser-Ozean?"
Während sein Herzschlag in die Höhe schoss und Adrenalin durch seinen Körper pumpte, schnaubte Severus. „Adia hat gelogen, das hast du doch selbst gesagt."
„Ja, das hab ich gesagt … Aber Adia hat keinen von uns belogen. Niemals."
Ihr Blick schien ihm das letzte Stück Selbstachtung wegzuziehen, das er sich noch erhalten hatte. Was wollte sie bloß von ihm? Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Konnte sie nicht einfach so tun, als ob dieses unsägliche Adia-Kapitel niemals geschehen wäre? Musste sie wirklich auch noch hineinbohren in diesen Punkt, der doch eh schon wehtat? Er rümpfte die Nase. „Das ist irrelevant", sagte er hohl und biss die Zähne aufeinander. Nach allem, was in den letzten Wochen und Monaten passiert war, hatte er keine Kraft mehr, um sich mit diesem Thema zu befassen. Er wollte … wollte … einfach nur mal Ruhe haben. Durchatmen. Ein kleines bisschen loslassen.
Zumindest tat sie ihm den Gefallen, nicht weiter auf dieses Thema zu beharren. Sie ließ ihn. Schweigen und ein bisschen Luft holen. Seine alkoholgetrübten Gedanken sortieren. Und sie ließ ihn das Gespräch wieder aufnehmen: „Ich hab eine Abhandlung über meine Erfahrungen mit dem Vicissitudo Virtus geschrieben. Soweit ich weiß, bist du die erste, der eine Umkehrung gelungen ist. Würdest du deinen Teil der Erfahrungen dazu beitragen?"
Sie nickte. „Natürlich. Gibst du mir deinen Text?"
„Ja." Er verfiel in Schweigen und haderte mit sich, aber dann sprach er doch aus, was ihm unter den Nägeln brannte: „Ich habe mich auch mit theoretischer Trankforschung beschäftigt. Es gibt ein paar Experimente, die ich machen müsste, um daran weiterarbeiten zu können. Würdest du mir dabei helfen? Wir könnten es mit deiner Ausbildung verknüpfen."
„Sehr gern." Ein Lächeln erblühte auf ihrem Gesicht. „Wenn dein … Angebot bezüglich unserer Zusammenarbeit an meinen Projekten noch steht, würde ich es auch gern annehmen."
Er zog eine Augenbraue in die Stirn. „Das hast du doch schon längst getan. Ich habe deine Therapietränke optimiert."
Sie wurde rot. „Stimmt. Aber ich … möchte das Angebot auch ganz offiziell annehmen, sofern es noch gilt."
Severus sah sie lange an. Bei dieser Art der Zusammenarbeit würden sie zwangsweise viel Zeit miteinander im Labor bringen. Mehr als wenn jeder sein eigenes Süppchen kochen würde. Aber es würde sie auch auf eine professionelle Ebene führen, die nach allem, was hinter ihnen lag, einen Rahmen zu bieten hatte, der Stabilität versprach. Wenn es etwas gab, nach dem er sich sehnte, dann war es ein bisschen Stabilität. „Sehr gern", wiederholte er daher ihre Worte. Dann stand er auf. „Ich erwarte dich also morgen früh um Punkt neun im Labor."
Hermine lachte leise. „Ich werde da sein!"
- Ende Part II -
