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- Part III: -
Vom Verletzen und Heilen
No one can unring this bell,
unsound this alarm, unbreak my heart new.
God knows, I am dissonance
waiting to be swiftly pulled into tune.
(Sleeping at Last - Mercury)
Kapitel 3.01 – Ein guter Tag
Es war ein langer Winter, der hinter Severus und Hermine lag. Zuerst hatte er sich nicht so richtig zeigen wollen – an Weihnachten hatten sie geschätzte zehn Grad über Null gehabt. Doch Ende Januar hatte es dann zu schneien begonnen und lange nicht wieder aufgehört. Der Schnee hatte sich auf die Dimensionsbarriere gelegt, war daran hinuntergerutscht und hatte sich an den Rändern aufgetürmt, bis die komplette Kuppel von Schnee bedeckt gewesen war und sie in Dunkelheit getauchte hatte.
Anfangs hatte Hermine noch die Barriere erwärmt, damit der Schnee schmolz und wieder mehr des spärlichen Lichts zu ihnen gelangte. Aber das kostete so viel Kraft, dass sie sich bald schon auf einen kleinen Fleck beschränkt hatte, damit sie zumindest den Wechsel zwischen Tag und Nacht mitbekamen. Und nach ein paar Tagen hatte sie selbst damit aufgehört und sie hatten fast eine Woche lang in Dunkelheit gelebt.
Seit Mitte März hatte sich dann langsam der Frühling durchgesetzt und die ersten Blumen streckten die Köpfe aus dem Boden, während die Spatzen den Jahreszeitenwechsel zwitschernd begrüßt hatten. Auch den Gnom hatte er in den letzten Tagen wieder vereinzelt gesehen, nachdem er den Winter über tief in sein Erdloch vergraben geschlafen hatte.
Severus genoss die nach wie vor kühle Luft, die sich auf sein Gesicht legte, während er mit verschränkten Armen an der Terrassentür lehnte und Hermine beobachtete. Die Sonnenstrahlen flossen golden über ihre Locken, warfen immer längere Schatten und tauchten den Garten in ein Farbenspiel aus orange und rot. Der karmesinrote Ball sank langsam dem Horizont entgegen, steckte den Himmel in Brand und zog den dunkelblauen Nachthimmel hinter sich her.
Ein Jahr.
Heute war es ein Jahr her, dass Hermine ihren Mann verloren hatte. Severus hatte diesen Tag gefürchtet, besonders nach der Zeit rund um Weihnachten herum. Hermine war in ein Loch gefallen, das er nicht hatte kommen sehen und er hatte ernsthaft daran gezweifelt, ob sie ihm jemals wieder würde entkommen können. Es hatte Tage gedauert, ehe er herausgefunden hatte, was die Ursache für diesen Absturz gewesen war. Ihr Kind. Um Weihnachten herum hätte es zur Welt kommen sollen. Nachdem sie ihm das gesagt hatte, hatte er sich zu ihr gesetzt. Neben sie in dieses Loch und hatte ihr Gesellschaft geleistet, so gut und schweigsam er es konnte.
Aber dieser Tag war seltsam unspektakulär an ihnen vorbei gezogen. Sie war still gewesen, ein bisschen abwesend. Aber mehr auch nicht. Solche Tage hatte sie in den letzten Monaten immer wieder gehabt, genauso wie er. Auch wenn ihre Erinnerungen sich ihnen nicht mehr aufdrängten und sie nicht mehr nachts aus dem Schlaf rissen, waren sie doch noch immer da. Es war immer noch schlimm, was sie durchgemacht hatten. Es zog sie immer noch manchmal hinab in einen Abgrund.
Und der heutige Abgrund schien doch etwas tiefer zu sein, als der Tag bisher hatte vermuten lassen. Nach dem Abendessen war Hermine aufgestanden und hinaus in den Garten gegangen. Severus hatte ihr hinterher gesehen, war ihr aber nicht gefolgt. Inzwischen stand sie allerdings seit drei Stunden bewegungslos auf dem Rasen und starrte die Barriere dieser kleinen Dimension an.
Zwischen seinen Augenbrauen stand eine tiefe Falte, während er sie ansah. Sie waren die ganzen letzten Monate sehr vorsichtig miteinander umgegangen, hatten Distanz gehalten und Kraft geschöpft auf der Basis, die die neue Lehrling-Meister-Situation ihnen bot. Keiner von ihnen war auch nur einen Schritt aus der Reihe getanzt, sie hatten Adia und was in dieser Zeit passiert war, nicht mit einem Wort erwähnt. Vermutlich gab es auch nichts mehr, das Hermine erwähnen könnte. Adias Gefühle hatten sich längst verloren, Adias Anteil an Hermines Persönlichkeit war längst von ihrer eigenen überlagert worden.
Aber er hatte nicht aufgehört, sie zu lieben.
Er hatte es versucht. Ernsthaft. Wenn er etwas nicht in seinem Leben haben wollte, dann war es die Liebe zu einer Frau, die er nicht haben konnte. Aber solange sie zusammen in diesem Haus eingesperrt waren, hatte er keine Chance, sich dagegen zu wehren. Und ohne seine Magie ohnehin nicht. Er konnte es in sich verschließen, es vor ihr verbergen und so tun, als gäbe es diese Gefühle nicht. Aber sie waren da. Wenn er sie morgens in der Küche traf, wenn sie im Labor arbeiteten, wenn sie sich unterhielten. Sie waren da.
Severus seufzte unhörbar. Wenn Albus sie hier irgendwann rausholte, würde eine sehr harte Zeit auf ihn zukommen.
Nach ein paar weiteren Minuten riss Severus sich aus seinen Gedanken und ging zu Hermine. Mit verschränkten Armen blieb er neben ihr stehen. „Du wirst dich erkälten", sagte er leise.
Hermine nickte. „Ja, vermutlich."
Er sah sie an und ihm fielen zwei Dinge auf. Zum einen dieselbe tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen, zum anderen die getrocknete Spur einer Träne, die sich hell von ihrer Wange abhob. Und sie bebte vor Kälte. „Warum stehst du hier, Hermine?"
„Weil ich nicht an seinem Grab stehen kann."
Severus verzog das Gesicht, dann leistete er ihr stumm Gesellschaft. Die Minuten zogen sich in die Länge und dann vorbei. Die Dunkelheit der Nacht senkte sich immer tiefer über sie und obwohl die Kälte in seine Glieder kroch wie ein Wurm in einen Apfel, dachte er nicht einmal daran, Hermine alleine zu lassen.
Er wusste nicht, wie spät es war, als sie die Hände hob und ihren Ehering vom Finger zog. Sie hielt ihn vor sich in die Höhe, so dass das Licht aus dem Wohnzimmer darauf glänzte. Nach ein paar Momenten schloss sie ihn fest in die Hand und hob die Arme, um etwas in ihrem Nacken zu suchen. Er sah die Kette um ihren Hals kurz zwischen dem Stoff der schwarzen Bluse und als Hermine frustriert stöhnte, trat er hinter sie und erbot sich, ihr zu helfen.
Severus umgriff ihre dicken Haare und schob sie zur Seite. Er drehte die Kette, bis er den Verschluss fand, öffnete sie und hielt sie Hermine vors Gesicht. „Danke", sagte sie und fädelte den Ring auf. Anschließend reichte sie ihm die Kettenenden zurück und Severus schloss sie wieder.
Hermine sah ihn mit leerem Blick an, als er wieder neben sie trat. „Ist das Freiheit?", fragte sie und rieb sich den nun leeren Finger.
Severus schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht."
Sie schien erleichtert, ehe sie den Blick senkte, sich umdrehte und zum Haus zurückging. Er sah ihr hinterher, ohne ihr zu folgen. Einige Minuten – die brauchte nun er.
Als Severus am nächsten Morgen die Küche betrat, war Hermine bereits damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. „Du bist früh wach", stellte er fest.
„Ich hab gar nicht geschlafen", murmelte sie, während sie laut mit den Kaffeetassen klapperte. Offenbar hoffte sie, dass er sie nicht hörte.
„Deine Entscheidung?" Severus setzte sich, nachdem er den Tisch genau unter die Lupe genommen und festgestellt hatte, dass nichts mehr fehlte.
„Bin mir noch nicht sicher." Mit gerunzelter Stirn griff sie nach einer Scheibe Toast und dem Marmeladenglas.
Severus lächelte in sich hinein. Sie aß jeden Morgen zwei Scheiben Toast mit Marmelade und angeblich war das schon immer so gewesen. Wenigstens musste er so nicht befürchten, ihr mal das Falsche zu servieren.
Er goss sich Kaffee ein und überlegte einen Moment, was er essen wollte. Schließlich entschied er sich ebenfalls für Toast, allerdings gebuttert und dazu Rührei. Seitdem er zusammen mit Hermine in friedlicher Stimmung aß, tat er es regelmäßiger als zu jedem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. Er hatte sein ursprüngliches Gewicht inzwischen wieder erreicht und passte in die Kleidung, die Albus ihm hierher mitgegeben hatte.
„Wenn du möchtest, können wir heute mit dem Unterricht aussetzen", bot er an und kehrte auch mit seinen Gedanken zum vorherigen Thema zurück.
„Verlockend." Sie lächelte. „Aber nein, ich möchte nicht mit dem Unterricht aussetzen. Es liegt noch eine Menge vor mir, ehe ich die Meisterprüfung ablegen kann, und ich möchte keine Zeit mehr verlieren." Leise fügte sie hinzu: „Adia hat genug Zeit gekostet."
Ein kleiner Adrenalinstoß durchfuhr ihn. Seit dem Gespräch auf der Terrasse vor nicht ganz sieben Monaten hatte keiner von ihnen ihren Namen mehr ausgesprochen. Auf einmal war sie wieder da. Er räusperte sich. „Deine Ausbildung dauert so und anders auch drei Jahre. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich die Pausen nicht einreißen lassen werde."
„Das glaube ich dir aufs Wort", entgegnete sie.
„Also keine Pause?"
„Nein, keine Pause. Mit Müdigkeit komme ich schon zurecht."
Während er sich Rührei auffüllte, warf er ihr einen kurzen Blick zu. „Ist es denn nur Müdigkeit?"
Sie runzelte die Stirn. „Was sollte es sonst sein?"
Nun sah er sie offen an. „Es war viel los vor einem Jahr um diese Zeit."
Hermine schluckte. Senkte den Blick. „Bei dir auch", murmelte sie.
Dagegen konnte er nichts sagen. Er hatte sich in den letzten Tagen selbst häufiger dabei ertappt, gedanklich wieder in Lucius' Verlies zurückzukehren. Er kannte keine genauen Daten, er wusste nicht, wann ihm was angetan worden war. Das machte es eher schwerer als leichter. Es gab keinen Tag zwischen dem 31. März und dem 8. Juli, den er mit Gewissheit für harmlos erklären konnte. Alles war irgendwann um diese Zeit vor einem Jahr passiert.
Severus räusperte sich. „Dann machen wir weiter", sagte er.
Hermine schenkte ihm ein freudloses Lächeln. „Ja."
„Desinfektionslösung", sagte er etwa eine halbe Stunde später und dieser wortkarge Beginn der Unterrichtstunde erinnerte nicht nur Hermine an den Unterricht in Hogwarts. Allerdings ließ es sie im Gegensatz zu ihm lächeln.
„Desinfektionslösung", wiederholte sie, bevor sie aufzählte, was sie darüber wusste: „Ein Sud aus einer exakt abgestimmten Kräutermischung, die kurz abgeflammt und anschließend mit Alkohol gewässert wird. Es ist wichtig, frische Kräuter zu verwenden, damit die desinfizierende Wirkung stark genug wird. Am besten ist es, man zupft sie direkt von der Pflanze."
„Wo liegt der große Vorteil dieser Lösung im Vergleich zu anderen desinfizierenden Pasten?"
„Die Desinfektionslösung hat keine fetthaltige Basis. Man kann eine Wunde damit reinigen, ohne dass die Haut bereits Substanzen aufnimmt. So bleibt sie empfänglicher für Substanzen, die die Heilung fördern."
Er nickte, sichtlich zufrieden über das theoretische Wissen, das sie sich in den ersten Monaten der Ausbildung angeeignet hatte. Wobei sie in diesem Fall natürlich auch den Vorteil hatte, sich bei dem Wissen aus ihrer medizinischen Ausbildung bedienen zu können.
Er ging hinüber zu einem breiten Fach im Regal, das von einem Tuch verhängt war. Als er es beiseite zog, kam eine Reihe kleiner Kräutertöpfe zum Vorschein. Albus hatte sie erst am Abend zuvor geschickt, zusammen mit einem Brief für Hermine (er meinte die Handschrift von Nymphadora erkannt zu haben) und einem Brief von Filius, der seinen eigenen Namen getragen hatte. Die Antwort darauf lag bereits fertig geschrieben in seinem Zimmer.
„Benenne die Pflanzen", sagte er nun.
Hermine deutete auf das rechte Ende der Reihe und zählte sie dann ab: „Rosmarin, Thymian, Kätzchenwasser, Sauerampfer, Quittichgras und …" Sie stockte und verzog das Gesicht und sah dabei so hinreißend aus, dass Severus den Blick senkte. „Dilisium", knurrte sie schließlich den Fachbegriff.
Er schmunzelte. Er hatte ihr empfohlen, nicht mit den botanischen Namen der Pflanzen zu arbeiten, denn in den meisten Trankrezepten fand man nur die umgangssprachlichen Namen. Erstaunlicherweise stellte es sie vor eine größere Herausforderung, die umgangssprachlichen Namen zu lernen als die botanischen Bezeichnungen. „Elfenkraut", half er ihr schließlich aus.
Sie verdrehte die Augen. „Sag ich ja."
Er verbarg ein Lächeln, indem er sich abwandte, um einen trichterförmigen Kessel von der Wand zu nehmen. An der Spitze befand sich ein Ventil, über das später der Sud abgelassen werden konnte, während die festen Bestandteile im Kessel verblieben. „Warum bereitet man immer nur eine kleine Menge des Suds zu?", fragte er, während er den Kessel in die Mitte des Tisches auf ein metallenes Gestell platzierte und Hermine anwies, ein Becherglas darunter zu stellen.
Sie überlegte kurz und klang wenig überzeugt, als sie antwortet: „Weil sonst zu viele Schlackenstoffe in den Sud übergehen und die Qualität herabsetzen."
Er runzelte die Stirn. „Der prozentuale Anteil der Schlackenstoffe ist bei einer geringeren Menge derselbe wie bei einer großen."
„Weil …", setzte sie erneut an, aber ihre Stimme verlor sich.
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Ehrlich? Auf Schlackenstoffe kommst du, aber nicht auf das naheliegendste?" Er deutete auf die Töpfe mit den Kräutern.
Hermine errötete, aber sie verstand: „Der Sud, ebenso wie die Zutaten, ist nur für kurze Zeit verwendbar. Es wäre Verschwendung, viel davon zuzubereiten, außer man möchte ein ganzes Krankenhaus damit beliefern."
„Nein, wirklich?", fragte er gedehnt und sie verdrehte mal wieder die Augen. Von allem, das er mit Adia verband, war das das einzige, das spürbar übrig geblieben war. Severus kehrte zum Trank zurück: „Die Zubereitung des Suds geht schnell und kompensiert deswegen die kurze Haltbarkeit. Sie beträgt übrigens etwa achtundvierzig Stunden." Hermine nickte. „Nach dem Abflammen muss der Alkohol magisch erhitzt werden. Warum?"
„Weil Alkohol einen Siedepunkt von 78° Celsius hat und es kein natürliches Feuer gibt, das bei so geringen Temperaturen brennt."
„Exakt. Du musst darauf achten, dass du den Alkohol nicht über 70° Celsius erhitzt, damit das Mischverhältnis das gleiche bleibt. Die Zubereitung dauert dann zwar geringfügig länger, aber die Qualität ist erheblich besser."
Hermine half ihm, die Töpfe mit den Kräutern auf den Arbeitstisch zu tragen und gemeinsam begannen sie, die Zutaten zu zupfen und in den Kessel zu werfen.
Severus mochte diesen Teil des Tränkebrauens neben dem Fertigstellen eines perfekten Trankes am liebsten – heute noch mehr als früher. Der Großteil der Qualität eines Trankes entsprang aus der Sorgfalt, mit der man die Zutaten vorbereitete. Seitdem er nicht mehr magisch arbeiten konnte, war die Vorbereitung der Zutaten die einzige Arbeit, die er noch gänzlich alleine erledigen konnte. Er hatte eine Weile lang immer wieder versucht, Tränke ohne Magie herzustellen, aber sie hatten entweder nicht seinen Standards entsprochen oder es hatte ihn jedes Mal zu sehr ausgelaugt, um es zu rechtfertigen. Er hatte bald damit aufgehört. Aber Hermine schien Spaß daran zu haben, seine Experimente für ihn durchzuführen, und meistens konnte er damit auch ihren Lehrplan um die eine oder andere Lektion erweitern. Er hatte sich damit abgefunden, für das Vorbereiten der Zutaten verantwortlich zu sein.
Nur in den offiziellen Unterrichtsstunden verlangte er, dass auch Hermine sich daran beteiligte. Es wäre ein schlechtes Zeugnis für seine lehrenden Fähigkeiten, wenn er Hermine diese Arbeit komplett abnehmen würde. Sie musste es lernen und eine Routine darin entwickeln. Und sie war auf dem besten Weg dahin, genau dies zu tun. Als er einen Blick in den Kessel warf konnte er seine und ihre Kräuter nicht mehr voneinander unterscheiden.
„Das genügt", entschied er nach einer Weile. „Prüfe das Verhältnis."
Hermine zückte ihren Zauberstab und sprach einen Analysezauber über die Kräuter. Eine Liste der Zutaten und ihr prozentualer Anteil in der Mischung stieg in die Luft und Severus runzelte die Stirn, während er die Ergebnisse betrachtete.
„Was meinst du?", fragte er dann.
Sie schürzte die Lippen, ehe sie sagte: „Ein bisschen Thymian fehlt noch."
Er nickte und während Hermine noch etwas Thymian dazugab, ging er zum Waschbecken hinüber und wusch sich die Hände. „Du musst vorsichtig sein, wenn du die Kräuter abflammst. Sie dürfen nur leichten Kontakt mit dem Feuer haben und nicht verbrennen. Welchem Zweck dient dieser Schritt?"
Über das Rauschen des Wassers hinweg, antwortete sie: „Es soll die Erreger auf den Kräutern abtöten, damit sie nicht in die Lösung übergehen."
„Dafür würde auch der Alkohol selbst reichen. Doch dann verbleiben die toten Erreger in der Lösung und würden sie verunreinigen. Es geht darum, sie so vollständig wie möglich zu beseitigen."
Sie nickte und Severus konnte regelrecht sehen, wie sie auch diese neue Information über die Vorgehensweise in die alten einsortierte. „Gibt es einen Trick?", fragte sie, als sie an den Kessel trat.
„Übung."
Hermine sah ihn unzufrieden an.
Severus schwieg. Um ehrlich zu sein, erwartete er nicht, dass sie das Abflammen gleich beim ersten Mal hinbekommen würde. Es erforderte ein gewisses Gefühl für das Element, um die Flammen so hauchzart über die Oberfläche der Blätter zu führen, dass sie nicht in Flammen aufgingen. Er hatte es erst beim dritten Versuch hinbekommen und das auch nur, weil er sich darüber geärgert hatte, ständig die Kräutermischung neu zupfen zu müssen.
Hermine deutete mit ihrem Zauberstab auf die Mitte des Kessels und Severus beobachtete, wie sie eine kleine Flamme an der Spitze entstehen ließ. Diese faserte sich auf zu dünnen Schnüren, die wie Schlingpflanzen hinunter wanderten und sich durch den Kräuterhaufen wühlten. Kleine Rauchschwaden stiegen auf, doch noch brannte nichts. Severus hob anerkennend die Augenbrauen.
Er wusste nicht, ob Hermine diese leise Reaktion auf ihr Tun bemerkt hatte und dadurch abgelenkt wurde; jedenfalls war sie einen Moment unaufmerksam und das Feuer erfasste die Kräuter und stob in einer knisternden Stichflamme in die Luft. Hermine wich mit einem Keuchen zurück.
„Sand!", sagte Severus scharf und deutete auf ein großes Becherglas, das für genau diese Situation hinter Hermine auf dem Tisch bereit stand. Die zuvor mit Hitze behandelten und dadurch recht trockenen Kräuter brannten lichterloh und würden dies auch noch einige Zeit tun, wenn er sie nicht bald löschte. „Hermine!", knurrte er, als sie sich nicht bewegte, den Blick fest auf das Desaster gerichtet.
Im nächsten Moment spürte er das kühle Glas in seiner Hand und kippte den Sand in den Kessel. Er begrub die Kräuter unter sich und raubte dem Feuer den Sauerstoff, den es benötigte. Die Flammen erstarben.
Severus atmete scharf aus und wedelte mit einer Hand durch die Luft, um den Qualm zu vertreiben. „Versuch es gleich noch einmal", sagte er, doch als er sich zu Hermine umwandte, begegnete er ihren weit aufgerissenen Augen. „Was ist los?"
Sie schüttelte den Kopf, ehe sie schluckte und sagte: „Ich habe dir das Becherglas nicht gegeben, Severus. Es ist von alleine in deine Hand geflogen."
„Hör auf, aus einer Doxy einen Riesen zu machen!", sagte er kurz darauf und die Tür zum Labor knallte schwungvoll gegen die Wand.
„Aber es ist ein Riese, Severus!", beharrte Hermine und folgte ihm ins Wohnzimmer.
„Das kannst du überhaupt nicht wissen!"
„Ach nein? Du glaubst nicht, dass ich Magie erkenne, wenn ich sie sehe?"
Er knurrte leise. „Einmal ein Becherglas durch die Luft schweben zu lassen, ist kaum Magie zu nennen."
„Klar, das passiert meiner Mutter auch ständig", murmelte sie und sah ihn gereizt an. „Ich verstehe nicht, warum du die Möglichkeit kategorisch ausschließt. Vielleicht kehrt dein magisches Potential zurück!"
„Magisches Potential geht nicht spazieren, Hermine."
„Aber vielleicht kann es sich neu bilden." Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Es kann sich unter bestimmten Umständen anreichern, aber nicht neu bilden. Wenn es einmal weg ist, bleibt es auch weg. Sonst gäbe es keine Squibs."
„Squibs haben nie magisches Potential besessen, du schon", entgegnete sie stur.
„Und jetzt besitze ich es nicht mehr!"
„Das Becherglas ist in deine Hand geflogen!" Sie betonte jedes Wort.
„Schockschwerenot! Wir brauchen einen neuen Feiertag", ätzte er.
Hermine stöhnte. „Ich möchte doch nur sicher gehen, Severus. Verstehst du das nicht?"
„Nein!" Was, wenn sie sich täuschte? Was, wenn es nur ein einmaliges Ereignis gewesen war? Er hatte es verkraftet, seine Magie eingebüßt zu haben; es hatte sich gelohnt, es hatte ihr das Leben gerettet. Aber er würde es nicht verkraften, sich jetzt Hoffnungen zu machen und enttäuscht zu werden. „Warum ist dir das so wichtig? Ich hatte nicht den Eindruck, dass es dich stört, mir im Labor zur Hand zu gehen."
Sie sah ihn lange an und schürzte die Lippen. „Das tut es nicht. Aber wenn deine Magie sich wieder aufbauen würde, dann müsste ich mich nicht mehr so schuldig fühlen", erklärte sie schließlich und wandte den Blick ab.
Severus runzelte die Stirn. „Du hast keinen Grund, dich dafür schuldig zu fühlen."
„Doch, den habe ich. Du hast diesen Trank meinetwegen gebraut."
„Und ich werde vermutlich ein nettes Sümmchen mit der Abhandlung darüber verdienen, denn der gesamte Fachbereich der Tränkekunde wird sich alle zehn Finger danach lecken."
„Das ändert nichts daran, dass er dir die Möglichkeit genommen hat, in deinem Fachbereich selbstständig arbeiten zu können."
Severus seufzte und rieb sich die Stirn. „Es war meine Entscheidung, Hermine."
„Und ich würde gern etwas tun, um das wiedergutzumachen."
Er schnaubte. „Ich hab schon diesen Umkehrtrank zubereitet, um wenigstens ansatzweise wiedergutzumachen, was du für mich getan hast. Wenn wir nicht damit aufhören, wird das ein niemals endender Kreislauf."
„Und?", fragte sie schulterzuckend. „Lass mich … nur kurz nachgucken. Bitte!" Sie kam zwei Schritte auf ihn zu und sah ihn mit großen Augen an.
Severus stöhnte. „Du weißt noch nicht mal, wo du suchen musst!"
„Ich finde den Weg schon", tat sie seinen Einwand ab.
Nein, würde sie nicht. Sie war eine mittelmäßig begabte Legilimens, sie hatte keine Ahnung, wie sie etwas finden sollte, das ihr nicht gezeigt wurde. Aber sie sah ihn so an. Er hasste es, wenn sie ihn so ansah. Er hatte früher keine Schwierigkeiten damit gehabt, sich gegen diesen Blick zu wehren. Aber inzwischen machte es ihn glücklich, wenn sie glücklich war. Und er hatte festgestellt, dass er gern glücklich war und dass er es viel zu selten gewesen war. Deswegen … fiel es ihm jetzt doch schwer, sich gegen diesen Blick zu wehren.
Und heute gelang es ihm gar nicht. „Also gut", hörte er sich sagen.
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, so ehrlich und tief, dass ihm ein Schauer den Rücken hinunterlief. Sie zog ihren Zauberstab hervor, suchte seinen Blick und sagte: „Legilimens!"
Severus rümpfte die Nase, als sie ohne Widerstand in seinen Verstand eindrang. Dass sie ihn um seine Erlaubnis gebeten hatte, war reine Höflichkeit gewesen, denn Okklumentik war etwas Magisches und ohne Magie konnte man sie nicht aufrecht erhalten. Also versuchte er gar nicht, sich gegen ihre Anwesenheit zu wehren. Aber er versuchte, seinen Geist zu leeren. Mit mittelmäßigem Erfolg.
Wie ein Maulwurf wühlte sie sich durch seinen Geist und streifte dabei Erinnerungen und Gefühle, die nicht für ihre Augen bestimmt waren. Die ganz und gar nicht für ihre Augen bestimmt waren! „Hermine!", sagte er scharf. „Konzentriere dich!"
„Das ist keine Absicht! Hier herrscht Chaos!"
„Wohl kaum", schnarrte er. Ein paar weitere Erinnerungen flogen vor seinem geistigen Auge vorbei. Momente, in denen er sie beobachtet hatte, ohne dass sie es bemerkt hatte, weil sie so vertieft in ein Buch oder einen Aufsatz für ihn gewesen war. „Hermine!", sagte er jetzt lauter.
„Halt mich doch auf", entgegnete sie provokant.
Severus spürte Ärger in sich aufsteigen. Aus reiner Gewohnheit tat er das, was er noch vor einem Jahr automatisch getan hätte – er warf sie raus aus seinem Geist.
Und riss die Augen auf, als er merkte, dass es funktionierte.
Hermine schwankte und er griff rasch nach ihrem Arm. Sie sah äußerst zufrieden aus. „Ich wusste, dass das klappen würde."
Severus' Gesichtsausdruck war leer. Ein Muskel unter seinem Auge zuckte. Es hatte funktioniert. Er musste zumindest wieder ein gewisses Maß an Magie besitzen. „Wie viel?", fragte er.
„Wie viel was?"
„Wie viel Magie ist da?"
Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich habe nur einen kurzen Blick darauf werfen können. Und ich weiß nicht, wie viel da vorher gewesen ist …"
„Hermine!", unterbrach er sie scharf.
„Viel!", antwortete sie schnell. „Sehr viel sogar. Ich denke, du brauchst nur etwas Übung." Das Lächeln kehrte zurück.
Severus starrte sie an. Sein Herz pochte heftig in seiner Brust, sein Mund war trocken. „Das heißt ja …"
Sie nickte. „Das heißt, du kannst mir endlich alles demonstrieren, was ich lernen muss. Du kannst deine Experimente selbst durchführen und wieder so leben wie vorher. Du kannst beweisen, dass magisches Potential zurückkehrt, auch wenn man es komplett hergibt. Du kannst auch darüber eine ganze Abhandlung schreiben und damit vermutlich die gesamte magische Welt revolutionieren." Ihre Stimme überschlug sich beinahe.
„Das meine ich nicht", sagte Severus ungeduldig.
„Was dann?"
Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich muss Albus schreiben. Ich brauche zur Abwechslung mal einen neuen Zauberstab."
