Kapitel 3.02 – Magie

Nachdem Severus die Bestellung für einen neuen Zauberstab in die Speisekammer gelegt hatte, hatte er sich mit dem Buch Das magische Potential in die Küche gesetzt und blätterte ungeduldig durch die Seiten.

„Was tust du da?" Hermine sah ihm mit gerunzelter Stirn dabei zu, wie er mit dem Zeigefinger über die Seiten glitt, während er sie querlas, und nahm sich einen Apfel.

„Ich suche nach Antworten."

„Ich dachte, in dem Buch steht nichts dazu."

„Nein", murmelte er gedankenverloren und las einen der Absätze aufmerksamer durch. Nichts. Er rümpfte die Nase und blätterte um.

„Warum behandelst du es dann, als hätte es dich angelogen?", fragte sie und biss geräuschvoll in den Apfel.

Severus warf ihr einen schnellen Blick zu. „Möglicherweise hat es mich angelogen." Sie sah ihn irritiert an. „Kannst du dir vorstellen, dass es in der gesamten Geschichte der Zauberei noch nie jemanden gegeben hat, der seine Magie geopfert hat? Es gibt sogar einen Zauberspruch dafür!"

Hermine runzelte die Stirn. „Das ist schon merkwürdig", gab sie zu.

„Trotzdem steht in diesem Buch nichts über die Regeneration des magischen Potentials." Er wandte sich wieder dem Text zu.

Hermine schwieg. Sie aß nur ihren Apfel.

Nach ein paar Minuten stellten sich Severus' Nackenhaare auf, jedes Mal wenn sie in das feste Fruchtfleisch biss. Er wünschte, sie würde ihn allein lassen. Nicht nur wegen des Apfels, sondern auch wegen der Erinnerungen, die sie vorhin gesehen hatte. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, aber er fühlte sich entblößt.

Und er konnte ihr nicht mal Vorwürfe deswegen machen. Er hatte sich letztes Jahr deutlich mehr Erinnerungen angesehen, ohne ihre Erlaubnis dafür zu haben. Es war nur fair, dass sie jetzt auch welche von seinen Erinnerungen gesehen hatte, oder?

Trotzdem knackte er mit den Fingerknöcheln, während er es auszuhalten versuchte, dass sie neben ihm stand. Wenigstens hatte sie jetzt endlich den Apfel fertig gegessen und warf den Rest in den Mülleimer. Er atmete unmerklich auf.

„Vielleicht hat noch niemand bemerkt, dass das magische Potential sich neu gebildet hat. Du hättest es auch nicht gemerkt, wenn du nicht in diese heikle Situation geraten wärst."

Er hob den Blick und sah sie nachdenklich an. „Möglicherweise", gab er zu. Er hatte in den ersten Wochen, nachdem er seine Magie geopfert hatte, noch hin und wieder versucht zu zaubern. Hermine hatte ihm dafür ihren Zauberstab geliehen. Aber nachdem auch nach zwei Monaten noch nichts passiert war, hatte er es aufgegeben. Die ständige Enttäuschung war es nicht wert gewesen. Er hatte sich arrangiert mit der Muggelart zu leben. Hatten das wirklich alle getan, die mal in seiner Lage gewesen waren? „Aber wie wahrscheinlich ist es, dass es wirklich niemandem aufgefallen ist?", fragte er, als er am Ende seiner Überlegungen angekommen war.

Hermine zuckte mit den Schultern. „Wie viele haben überhaupt mal ihre Magie geopfert? Vielleicht wurde der Zauberspruch auch zur Bestrafung genutzt und die Betroffenen sind, wenn sie merkten, dass die Magie zurückkehrte, lieber untergetaucht, anstatt irgendwem davon zu erzählen. Denn wenn ich an den durchschnittlichen magisch begabten Menschen denke, dann würden die allermeisten lieber ihre linke Hand opfern als ihre Magie."

Er zog die Augenbrauen hoch.

Hermine schnaubte leise. „Ist dir nie aufgefallen, wie wenig die Leute in der magischen Gemeinschaft ohne Magie tun? Denk mal an das Trimagische Turnier. Fred und George wollten unbedingt ihre Namen in den Kelch werfen, aber keiner von beiden ist auf die Idee gekommen, einfach einen älteren Schüler zu bitten, es für sie zu tun. Sie haben verbissen nach einer magischen Möglichkeit gesucht, sich älter zu machen."

„Und du hast sie natürlich nicht auf diese Möglichkeit hingewiesen."

„Natürlich nicht! Die Altersgrenze hatte schließlich ihren Grund."

Er schmunzelte, aber sie hatte recht. Auch er hatte in den letzten Monaten gemerkt, wie sehr er sich immer auf seine Magie verlassen hatte. Ihm war vorher nie aufgefallen, wie ärgerlich es war, wenn man sich hinlegte und vergessen hatte, das Buch mitzunehmen. Oder das Licht im Bad auszuschalten. Oder wie lange einen der Haushalt beschäftigen konnte, wenn man die Dinge nicht magisch erledigen konnte. Wie frustrierend ein zerbrochenes Glas sein konnte, wenn man es nicht mit einem Zauber wieder reparieren konnte. Das Gute daran war, dass er aufmerksamer und umsichtiger geworden war.

Er riss sich aus seinen Überlegungen. „Ich denke, ich werde mal ein paar Leute kontaktieren, wenn wir hier raus sind."


03.05.2002

Severus,

es freut mich zu hören, dass Deine Magie zurückkehrt!

Mr Ollivander hat Anfang des Jahres sein Geschäft an seinen Neffen übergeben. Ich habe ihm von Deinem Fall berichtet und er gab mir drei Zauberstäbe zur Auswahl mit. Ihm mangelt es noch an der Erfahrung und Selbstsicherheit, die Mr Ollivander bei der Auswahl eines passenden Zauberstabs hatte.

Im Gegensatz zu seinem Onkel schränkt Mr Goosander sich nicht ein bei den Kernen, die er benutzt; ich bedauere es sehr, nicht dabei sein zu können, wenn Du sie ausprobierst.

Albus

Severus zog die Augenbrauen hoch und musterte die drei schmalen Schachteln, die neben dem Brief auf dem Tisch in der Speisekammer lagen. Er nahm sie mit ins Wohnzimmer und packte den ersten Zauberstab aus.

Espenholz, Kern aus Veelahaar, 10 Zoll, stand auf dem Kärtchen, das dem beinahe weißen Zauberstab beilag. Severus starrte ihn sprachlos an. Veelahaar? Ein weißer Zauberstab? So genau konnte Albus diesem Goosander nicht von ihm berichtet haben, wenn er ihm so einen Stab mitgab. Aber zumindest wusste er jetzt, warum Albus gern dabei gewesen wäre, wenn er sie ausprobierte. Er schnaubte und legte das Kärtchen zurück in die Schachtel, ehe er sich der nächsten zuwandte.

Pinienholz, Kern aus Thestralhaar, 11 Zoll. Nun, dieser Zauberstab bestand immerhin mal aus dem gleichen Holz, aus dem sein erster Zauberstab gefertigt gewesen war. Severus neigte schon deswegen zu diesem Stab, weil er so bekannt aussah. Aber das Thestralhaar stieß ihm auf. Konnte es denn so schwer sein, einfach wieder einen Pinienstab mit Drachenherzfaserkern zu bekommen? Das hatte dreißig Jahre lang wunderbar für ihn funktioniert.

Mit gerunzelter Stirn wandte er sich der dritten Schachtel zu. Akazienholz, Kern aus Drachenherzfaser, 12 Zoll.

„Großartig", knurrte er. Da war die verdammte Drachenherzfaser.

Anscheinend hatte er seinen Unmut laut genug geäußert, dass Hermine, die gerade die Treppe herunter kam, ihn gehört hatte. Sie steckte den Kopf ins Wohnzimmer. „Was ist los?"

Severus nickte zu den Zauberstäben, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Albus hat Zauberstäbe geschickt. Anscheinend hat Ollivander sein Geschäft an seinen Neffen übergeben und der experimentiert mit den Zauberstabkernen. Und ganz offensichtlich war er kein Schüler in Hogwarts, denn sonst wäre er nicht auf die Idee gekommen, mir so was" – er deutete abfällig auf den Espenholzstab – „zur Auswahl zu geben."

Hermine trat an den Tisch heran und betrachtete die Zauberstäbe, las aufmerksam die Karten, die ihnen beilagen. Auch sie grinste, als sie den Espenholzstab ansah. „Vielleicht passt es ja", sagte sie und klang sichtlich amüsiert. „Du weißt schon, Gegensätze und so."

Er sah sie düster an und sie hatte zumindest den Anstand, ihre Lippen aufeinander zu pressen. Nicht, dass sie ihr Grinsen damit gänzlich verbergen konnte.

„Probier sie doch einfach aus, Severus."

Er grollte leise. „Später. Erst mal hast du heute einen Test zu schreiben."

Sie riss den Mund auf. „Davon hast du mir nichts gesagt!"

Er zog eine Augenbraue in die Stirn. „Und es ist ja auch so absolut untypisch für mich, unangekündigte Test schreiben zu lassen."

Sie schnaufte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Schön. Darf ich vorher noch frühstücken?"

„Sicher. Aber ohne Buch."

Sie verdrehte die Augen. „Natürlich." Dann sah sie ihn wieder an. „Kommst du mit oder sehen wir uns erst später im Labor, Mr Veelahaar?"

„Ich geb dir gleich Veelahaar!", knurrte Severus und beschloss, die etwas gemeineren Fragen, die er sich eigentlich hatte sparen wollen, doch mit in den Test zu nehmen.


Nachdem Severus Hermine für ihre kleinen Frechheiten am Morgen hinreichend hatte büßen lassen („Du kannst mich in einem Test nicht Dinge abfragen, die wir nie durchgenommen haben!"), zog er sich gegen Mittag in sein Zimmer zurück.

Severus breitete eine Decke auf dem Fußboden aus und setzte sich im Schneidersitz darauf. Er verzog das Gesicht, als die Narben auf seinen Beinen schmerzhaft spannten. Langsam ließ er den Kopf kreisen und schloss die Augen. Sofort richtete seine Aufmerksamkeit sich nach innen, sofort stand seine Atmung im Mittelpunkt. Er wurde ruhiger, die Welt um ihn herum versank.

Nach ein paar Minuten konzentrierte er sich auf einen Punkt hinter seinen Augen. Er wollte in seinen eigenen Geist eindringen, was genauso merkwürdig klang, wie es sich anfühlte. Er hatte damals Wochen gebraucht, ehe es ihm das erste Mal gelungen war. Als er Albus davon erzählt hatte, hatte er ihn gefragt, warum er sich nicht hatte helfen lassen. „Man findet den Weg schneller, wenn einem jemand zeigt, wo man hin muss." Nur dass Severus lieber niemals den Weg gefunden hätte, als freiwillig jemanden in seinen Geist eindringen zu lassen. Damals jedenfalls.

Inzwischen wusste er, wie es ging. Das unangenehme Gefühl, einen Salto rückwärts zu machen, stellte sich schnell ein und dann breiteten sich Erinnerungen, Gedanken und Gefühle ungeschützt vor ihm aus. So bekannt ihm all das sein sollte, so fremd fühlte es sich aus dieser Position an.

Er hielt sich nicht lang damit auf, seinen eigenen Geist zu betrachten. Stattdessen wandte er sich dorthin, wo das Zentrum seiner Magie war.

Der Anblick löste ein warmes Gefühl in seinem Magen aus. Sie war tatsächlich wieder da. Nicht so viel wie früher, aber was nicht war, konnte ja noch werden. Und selbst wenn nicht – für die Trankzubereitung und ein paar kleinere Zauber würde es allemal reichen.

Severus trat hinein in dieses Zentrum seiner Macht und spürte, wie sie ihn durchdrang. Spürte, wie die Magie durch seinen Körper pulsierte. Die feinen Haare auf seinen Armen und in seinem Nacken stellten sich auf, seine Haut kribbelte, ihm wurde warm. Sehr warm.

Das Gefühl intensivierte sich, je länger er in der Magie verweilte. Er entfesselte, was sein Geist ihm zurückgegeben hatte. Magie war niemals nur im Geist, sie durchfloss immer den gesamten Körper. Bei Kindern tat sie das ganz von allein, aber er musste seine Magie und seinen Körper wieder daran erinnern, dass sie zusammen gehörten. Dass sie eine Einheit waren.

Der Höhepunkt dieser Vereinigung war in mehrerlei Hinsicht ein Höhepunkt. Es fühlte sich an wie ein verdammter Orgasmus und zwar der beste, den er je gehabt hatte. Severus keuchte und biss sich auf Zunge, um nicht laut zu stöhnen. Er hatte die Tür zwar hinter sich geschlossen, aber nachdem Hermine bereits einige seiner Erinnerungen gesehen hatte, war er nicht angetan von dem Gedanken, dass sie auch noch solche Geräusche von ihm hören könnte.

Als die Gefühle langsam in ihm verebbten, trat Severus heraus aus der Magie und verließ seinen Geist. Er blinzelte. Seinen Herzschlag konnte er bis unter die Schädeldecke spüren, er atmete schwer. Als er hinab sah in seinen Schritt, entdeckte er einen Fleck auf seiner Stoffhose, den er dort seit seiner Jugend nicht mehr gehabt hatte. „Nun ja …"

Dann klopfte es an seiner Tür. „Severus?"

Er schloss die Augen und stützte die Stirn in die Hand. „Was?", knurrte er.

„Ist alles in Ordnung?"

Er riss den Kopf zur Tür herum. „Warum sollte nicht alles in Ordnung sein?" Hatte sie ihn doch gehört?

„Ich … Es … Irgendetwas war … komisch eben. Die Luft fühlte sich … elektrisch aufgeladen an. Oder so …" Ihre Stimme verlor sich für einen Moment. „Was auch immer das war, es ging von deinem Zimmer aus. Geht es dir gut?"

Er verdrehte die Augen zur Decke. Gut, sie hatte nur die Magie gespürt und nicht ihn gehört. Sehr gut. „Ja, es geht mir gut." Mehr als das. „Ich … erklär es dir später."

„Okay", sagte sie langsam und kurz darauf hörte er, wie sie die Treppe wieder hinunter ging.

Severus rieb sich über das Gesicht. Der Nachhall seines Orgasmus hatte sich verflüchtigt und er stand auf. Wieder protestierten die Narben, diesmal weil er sie zurück in ihre normale Position zerrte. Er musste sie bald mal wieder eincremen, um sie geschmeidiger zu machen.

Aber erst mal musste er sich waschen und frische Kleidung anziehen.


Hermine brütete über einem Fachbuch zum Errechnen der richten Zutatenmengen in der Trankentwicklung, als Severus ins Wohnzimmer kam. Sie sah ein bisschen erleichtert aus, als er ihr einen Grund gab, das Buch wegzulegen. „Schwere Kost", sagte Severus und nickte zu dem Buch.

„Definitiv. Mir brummt der Schädel." Sie rieb sich über die Stirn. „Aber ich beginne zu verstehen, warum meine Entwicklungen bisher so ihre Kinderkrankheiten hatten."

Er sagte nichts dazu. Mit den richtigen Zutatenmengen würde sie noch ihre Freude haben. Severus setzte sich in den Sessel. Die Zauberstäbe lagen noch immer auf dem Tisch, er betrachtete sie mit gerunzelter Stirn.

„Also, was war das vorhin?", fragte sie schließlich.

Er hob seinen Blick. „Magie."

„Nein, wirklich?" Sie zog eine Augenbraue in die Stirn.

„Vorhin schienst du noch nicht gewusst zu haben, was das gewesen ist", erinnerte er sie mit dunkler Stimme.

„Seitdem hatte ich etwas Zeit zum Nachdenken."

„Warum fragst du dann noch?"

„Weil mir nicht klar ist, wie jemand, der gerade so eben seine Magie wieder bekommen hat, ein ganzes Haus damit überfluten kann." Sie machte eine ausladende Geste mit der Armen.

Severus verbarg ein Schmunzeln hinter seiner Hand. „Indem man direkt hinein taucht", sagte er leise. Und als Hermine Luft holte, um die nächste Frage zu stellen, eine Frage, die ihm definitiv zu intim werden würde, er konnte es ihr an der Nasenspitze ablesen, fügte er hinzu: „Ich zeig es dir irgendwann mal." Ein kleiner Teil von ihm hoffte tatsächlich, dass sie es einfach vergessen würde. Er wusste, dass das nicht passieren würde, aber vielleicht konnte er sie lange genug hinhalten, um Albus dieses Vergnügen zu überlassen. Wenn nicht … nun, dann musste er sie definitiv vorher aufklären über die Folgen, die dieses Eintauchen hatte.

Für den Moment klappte sie jedenfalls erst mal den Mund zu und sah ihn nur unzufrieden an. „Ich hasse es, wenn du das machst."

„Was?"

„Mir Wissen vorenthalten."

„Du übertreibst", sagte er ölig. „Relevant an dem, was ich vorhin getan habe, sind nicht die Auswirkungen, die du gespürt hast, sondern der Sinn dahinter. Magie findet im gesamten Körper statt. Meine Magie war jedoch auf den Geist beschränkt. Ich habe sie wieder in meinem Körper zum Fließen gebracht und deswegen kann ich mich jetzt damit beschäftigen." Er deutete auf die Zauberstäbe.

Seine Erklärung schien sie zu besänftigen. „Gut. Aber das mit dem Hineintauchen will ich auch irgendwann wissen!"

„Natürlich", seufzte er. „Darf ich dann?"

Sie gestikulierte zu den Zauberstäben. „Gern. Fang mit dem Espenstab an!"

Er kniff die Augen zusammen. „Wenn es der wird, wirst du mich niemals wieder damit in Ruhe lassen, oder?"

„Niemals", entgegnete sie grinsend und verschränkte die Arme vor der Brust.

Severus grollte leise. Was war bloß passiert, dass sie ihm gegenüber so frech war und er es auch noch zuließ? Ach ja. Adia. Adia war passiert. Er schob den Gedanken beiseite und griff nach dem Espenholzstab mit dem Veelahaarkern. Schloss kurz die Augen und schickte ein Stoßgebet an Merlin, Salazar Slytherin, Circe oder wer auch immer bereit war, ihm Gehör zu schenken. Bitte – nicht – dieser – Stab!

Er schwang ihn durch die Luft und eines der Sofakissen explodierte. Hermine schrie vor Schreck, selbst er zuckte zusammen.

„Merlin sei Dank", seufzte Severus, als er sich wieder gefangen hatte, und legte den Zauberstab zurück in die Schachtel.

„Schade", murmelte Hermine währenddessen und begutachtete das Kissen, das nun nicht mehr als ein Haufen weißer Federn war, die sich quer über das Sofa, den Tisch und den Fußboden verteilt hatten. Sie zog ihren eigenen Zauberstab hervor, berührte ein Stück des angesengten Bezugs und murmelte: „Reparo!" Die Federn flogen wieder hoch in die Luft und sammelten sich über dem Kissenbezug, während dieser von unsichtbaren Händen neu gewoben wurde. Schließlich fiel es zurück auf seinen Platz.

„Erwartungen übertroffen", sagte Severus.

Was?", fragte Hermine entrüstet. „Das ist ein Ohnegleichen gewesen!"

Er zog die Augenbrauen hoch, griff neben sich auf den Boden und hob eine einzelne weiße Feder hoch. „Erwartungen übertroffen", wiederholte er.

Sie schnaubte, schwieg jedoch.

Severus betrachtete die anderen beiden Zauberstäbe. Es juckte ihn, den Pinienholzstab zu nehmen. Er sah so bekannt und vertraut aus. Aber er griff nach dem Akazienstab und schwang ihn durch die Luft. Dieses Mal explodierte nichts. Immerhin. Aber es stoben auch keine Funken aus der Spitze.

„Nicht überzeugend", sagte Hermine und rümpfte die Nase.

Severus legte ihn zurück und nahm den letzten Zauberstab in die Hand. Er spürte es sofort, das Kribbeln in seiner Hand. Es zog seinen Unterarm hinauf. „Das ist er", sagte er mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht und schwang den Stab durch die Luft. Silberne Funken stoben aus der Spitze und lösten sich knapp über der Tischplatte auf.

Hermine nickte beeindruckt. „Theastralhaar also."

Ein Muskel auf seinem Nasenrücken zuckte. „Ja", grollte er. Und so sehr er es auch hasste – er musste zugeben, dass dieser Stab fast noch besser zu ihm zu passen schien als sein erster Zauberstab mit dem Drachenherzfaserkern. Thestralhaar … Er schnaubte.

Dann begegnete er Hermines Blick und ein kleiner Adrenalinstoß durchfuhr ihn. Sie sah ihn so offen an, so gedankenverloren und beinahe, als … würde sie in ihn hinein sehen. Er runzelte die Stirn. „Bist du in Ordnung?", fragte er.

Sie blinzelte und nickte. „Ja, alles okay." Lächelte. „Ich lass dich mal allein mit deinem neuen Zauberstab." Dann stand sie auf und verließ das Wohnzimmer. Sie nahm nicht mal ihr Buch mit.


In den Tagen danach verbrachte Severus neben Hermines Unterricht die meiste Zeit damit, sich an seinen neuen Zauberstab zu gewöhnen und Zauber zu üben. Er musste zum Glück nicht alles komplett neu lernen; er wusste, wie er den Zauberstab zu bewegen hatte, um den gewünschten Erfolg zu erzielen – er musste seine Magie nur wieder dazu bringen, mit ihm zu kooperieren.

Anfangs war es frustrierend. Ermüdend und unbefriedigend. Er sprach Zauber, die er früher nonverbal perfekt beherrscht hatte und sie gelangen ihm selbst mit gesprochener Formel nicht so, wie er es gewohnt war. Nach einer Weile bekam er Kopfschmerzen und zwang sich, es gut sein zu lassen.

Aber mit der Zeit wurde es besser. Langsam, stetig. Es würde sicherlich noch eine Weile dauern, bis er sein altes Niveau wieder erreicht hatte, aber er wusste, dass er es irgendwann wieder erreichen würde. Und bis dahin würde er genau das tun, was Hermine neulich so abfällig erwähnt hatte: Sich für jede Kleinigkeit auf seine Magie berufen. Natürlich nur zu Übungszwecken.

Etwa eine Woche nachdem er seinen neuen Zauberstab erhalten hatte, hatte Albus endlich mal wieder einen Tagespropheten mitgeschickt. „Steht etwas Interessantes drin?", fragte Hermine, als sie die Küche betrat und sich ihm gegenüber an den Tisch setzte. Gähnend schenkte sie sich Kaffee ein.

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Was glaubst du?"

Sie verdrehte die Augen. „Ich verstehe den Sinn dahinter, aber es geht mir trotzdem auf die Nerven."

„Ja", sagte er und faltete die Zeitung zusammen, „mir auch."

Die einzige Zeitschrift, die Albus regelmäßig schickte, war die Potio, aber darin war auch nichts zur aktuellen Lage in der magischen Gemeinschaft zu finden. Er enthielt ihnen systematisch relevante Informationen vor. Severus war gleichermaßen dankbar dafür und genervt davon; er wollte wissen, was draußen passierte. Und er wollte es nicht wissen, denn er konnte nichts davon beeinflussen.

Die einzigen Hinweise, die er selten mal erhielt, waren Trankbestellungen von Albus. Sehr selten brauchte er mal einen Trank, den der neue Professor für Zaubertränke ihm nicht zubereiten konnte und um den er dann Severus bat. Das erste Mal, als er eine solche Bestellung in der Speisekammer gefunden hatte, hatte Severus ihn gefragt, ob er vergessen hatte, dass er keine Magie mehr wirken konnte. Wie sollte er ihm da einen hochkomplexen Trank wie das Veritaserum zubereiten? Aber anscheinend war das Veritaserum, das Hermine unter seinen wachsamen Augen zubereitet hatte, immer noch besser gewesen als das, das sein Nachfolger fabriziert hatte.

Jedenfalls war es bisher erst zweimal vorgekommen, dass Albus einen Trank bei ihm bestellt hatte. Beim ersten Mal das Veritaserum, das er zweifellos für das Verhör eines Gefangenen gebraucht hatte. Albus hatte ihm aber nicht gesagt, wen sie in ihre Gewalt gebracht oder was sie von ihm erfahren hatten. Beim zweiten Mal war es ein komplexer Unsichtbarkeitstrank gewesen – aber Severus hatte auch nie erfahren, ob die damit unterstützte Mission geglückt war oder nicht.

Nachdem er mehr als achtzehn Jahre lang in der ersten Reihe gesessen hatte, was das Beobachten des Kriegsgeschehens betraf, konnte er es nur schwer aushalten, nichts mehr zu erfahren.

Hermine riss ihn aus seinen Gedanken: „Ich hab das Essay fertig."

Er musste seine Gedanken sortieren, ehe ihm einfiel, wovon sie sprach. „Gut. Wie viele Rollen Pergament sind es geworden?"

Sie errötete. „Drei."

Severus stöhnte. „Was schreibst du drei Rollen lang über die Herstellung einer Salbe, Hermine?"

„Zu meiner Verteidigung: Es ist eine meiner eigenen Entwicklungen! Ich musste alles erklären. Jede Zutat, jede Mengenangabe, jeden Zubereitungsschritt. Das ging wirklich nicht in unter drei Rollen!"

Er griff sich an die Nasenwurzel. „Und wenn ich alles Pergament aus diesem Haus unter Verschluss halten würde – dann würdest du mir den Rest eben an die Wand schreiben, nicht wahr?"

Sie lächelte. „Ja. Und du würdest es lesen."

Er schnaubte. „Wohl kaum. Wenn du das nächste Mal zu viele Rollen abgibst, kannst du entscheiden, welche davon ich vor deinen Augen in Flammen aufgehen lasse."

Sie schnappte nach Luft. „Das würdest du nicht tun!"

Er sah sie aus schmalen Augen an. „Lass es darauf ankommen und ich beweise es dir."

„Sadist!", hauchte sie.

Er zuckte mit den Schultern und trank von seinem Kaffee. „Du musst lernen, dich auf das Wesentliche zu beschränken. Kein Lektor liest eine so lange Abhandlung über eine Salbe, nicht mal wenn sie die Toten wieder zum Leben erwecken könnte."

Sie senkte kurz den Blick auf ihre Hände. „Schon gut, ich werde mich nächstes Mal an deine Vorgaben halten", murmelte sie dann dumpf.

„Gut. Und dieses Mal werde ich noch jedes einzelne Wort deines Essays lesen." Und das vermutlich sogar recht interessiert. Hermines Entwicklungen waren besser geworden in den letzten Monaten. Er fand immer weniger Aspekte, die er optimieren konnte. Es war eine Freude, diesen Prozess zu beobachten.

Aber das musste sie ja nicht wissen.