Kapitel 3.03 – Narben

Severus sollte recht behalten: Das Essay war interessant.

Und in gleichem Maße langatmig.

Er rieb sich die Stirn, als er die dritte Pergamentrolle vor sich ausbreitete und mit dem nächsten Schriftblock konfrontiert war. Hermine schrieb ordentlich, aber klein. Sie machte Absätze, aber winzige. Und sie erklärte alles, als hätte er noch niemals zuvor an einem verdammten Kessel gestanden!

Severus hatte ein neues Pergament angefangen, um seine Anmerkungen aufzuschreiben. An welche Stelle sie gehörten, würde sie selbst herausfinden dürfen.

Als er endlich am Ende angelangt war, hatte er Kopfschmerzen und war gleichzeitig zufrieden. Er nahm die vier Rollen Pergament und ging hinunter ins Wohnzimmer. Hermine war meistens dort zu finden, der große Esstisch bot ihr beinahe genug Platz, um sich mit ihren Büchern auszubreiten. Beinahe. Er stellte sich schon vor, wie er ihre ganzen Unterlagen zur Seite schieben und ihr die Pergamentrollen vor die Nase werfen würde. Ja, ihr Essay war interessant gewesen, aber er hatte auch verdammt noch mal Kopfschmerzen, für die sie ebenso leiden würde wie er!

Aber heute saß sie nicht am Esstisch. Severus wurde bereits stutzig, als er die Treppe hinunter kam. Ein merkwürdiges Licht ergoss sich aus dem Wohnzimmer in den Flur. Er kannte das Licht im Wohnzimmer, es sah anders aus als dieses. Mit gerunzelter Stirn näherte er sich der Tür.

Licht schwebte in der Luft. Licht, das Formen annahm. Es strahlte so sehr, dass er sie erst nur schwer erkennen konnte, aber nachdem seine Augen sich daran gewöhnt hatten, war es ganz deutlich. Bilder. Es waren Bilder aus Licht. Ginevra, die lachte und sich an Harry Potter lehnte. Ein Mann und eine Frau mittleren Alters, die Severus nicht kannte; aber wenn er sich die Haare der Frau ansah, würde er darauf wetten, dass es Hermines Eltern waren. Ronald Weasley, der den Betrachter so direkt anschaute, dass es vielleicht doch eher Erinnerungen waren als einfache Bilder.

Severus räusperte sich und Hermine, die auf dem Sofa saß, sah sich nach ihm um. Sie lächelte, ohne dass es ihre Augen erreichte, aber zu seiner Überraschung ließ sie die Bilder nicht verschwinden. Stattdessen rutschte sie ein Stück zur Seite.

Er sah kurz zu Boden, dann hinauf zu dem Bild von Ronald Weasley. Etwas zog sich um seine Brust zusammen, aber er schluckte es hinunter und ging steifbeinig zu ihr. Nachdem er die Pergamentrollen auf den Tisch gelegt hatte, setzte er sich neben sie und sah sie an. Das Licht der Erinnerungsbilder zeichnete ihre Gesichtszüge weich. Wieder schluckte er. „Was ist das?", fragte er, als er seiner Stimme wieder traute.

Hermine seufzte. „Adia hat so was gemacht", entgegnete sie leise. „Als sie … zu viel Magie angestaut hatte, konnte sie so was mit den Händen machen. Ich fand es immer sehr schön. Aber ich brauche doch meinen Zauberstab." Sie lächelte schief.

Er wollte die Bilder nicht sehen. Sie zeigten ihm ganz deutlich, welcher Mensch Hermine war. Welche Freunde sie hatte, wer ihre Familie war. Er passte da nicht rein. Er wusste das, aber er wollte es nicht sehen müssen. Also sah er Hermine an. Und als sich die Zeit zu sehr in die Länge zog, sah er hinab auf seine Hände.

Schließlich erstarb das Licht und Hermine entzündete die Deckenlampe. „Tut mir leid, du bist bestimmt nicht hergekommen, um dir das anzusehen."

Severus räusperte sich. „Nein." Er versuchte sich auf den Grund seiner Anwesenheit zu besinnen. Das Essay, genau. Er hatte ihr die Pergamentrollen vor die Nase werfen wollen. Aber die Stimmung dazu war vergangen. Er wischte sich über den Mund.

„Du hast das Essay gelesen?", half Hermine ihm.

Severus nickte. „Ja." Er zog seine Schultern ein Stück zurück. „Du weißt schon, was ein Essay ist, oder?", fragte er und zog eine Augenbraue hoch. Ja, das war besser.

„Ich denke schon", entgegnete sie verunsichert.

„Es zeichnet sich durch Leichtigkeit und thematische Kürze aus. Es soll ein Thema präzise und nachvollziehbar darstellen."

„Das ist präzise!", wandte Hermine ein, aber ihr kroch die Röte über die Wangen.

„Zu präzise, um noch nachvollziehbar zu sein! Und weder leicht noch kurz", grollte Severus. „Ich habe Kopfschmerzen vom Lesen, Hermine."

„Entschuldigung?"

Er schnaubte. „Das Essay ist inhaltlich gut, deine Salbe klingt vielversprechend und man merkt dir die Entwicklung an, die du durchmachst. Aber in dieser Form wirst du niemanden davon überzeugen."

Sie seufzte. „Was kann ich besser machen?", fragte sie dann.

Severus griff nach der ersten Pergamentrolle. Sie hatte darauf ausführlich das Konzept ihrer Entwicklung dargelegt (eine Salbe, die Narbengewebe in unversehrte Haut umwandeln sollte) und die Zutaten aufgelistet und erklärt. „Lass die Erklärungen der Zutaten weg. Du hast einen ganzen Absatz auf den Wasser-Knöterich verwendet, das ist unnötig."

„Aber ich", unterbrach sie ihn, verstummte aber auf seinen scharfen Blick hin. Erst als er die Augen zur Decke drehte, fuhr sie fort: „Ich muss doch erklären, warum ich Wasser-Knöterich und keinen scharfen Knöterich nehme."

„Nein", entgegnete Severus einfach.

„Warum nicht?"

„Weil du keine Drittklässlerin mehr bist, von der man wissen will, ob sie die Unterschiede der Pflanzen kennt, sondern eine angehende Tränkemeisterin. Jeder versteht, warum du Wasser-Knöterich nehmen willst. Eine Erklärung wäre nur notwendig, wenn du den scharfen Knöterich bevorzugt hättest, denn dafür bräuchte es einen verdammt guten Grund."

Sie nickte langsam. „Okay. Was noch?"

„Lass generell die unnötigen Erklärungen weg. Niemand, der solche Essays liest, fragt sich, warum du den Kessel mit zwölf Zoll Abstand zum Feuer aufhängst und nicht mit zehn."

Sie runzelte die Stirn. „Woher weiß ich, welche Erklärungen unnötig sind?"

Er sah sie an. „Stell dir vor, du würdest es mir erklären. Wenn ich eine Augenbraue hochziehe, war es unnötig."

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Das ist hilfreich."

„Das hoffe ich", sagte er und wandte sich wieder dem Pergament zu, bevor sie sein Lächeln sehen konnte. „Und lass die Füllwörter weg, das spart dir noch eine halbe Rolle und schont meinen Geduldsfaden."

„Okay."

„Wenn du das alles umsetzt …" Er zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel und ließ ihn über die Pergamente kreisen. Sie begannen zu glühen und eine der Rollen löste sich auf. „… dann hast du am Ende die anderthalb Rollen Pergament, die ich von dir verlangt habe." Er zeigte ihr das Pergament in seiner Hand, auf dem jetzt noch das gleiche stand wie vorher – nur reduziert auf das Wesentliche.

Hermine sah vom Pergament auf. „Du wirst besser", stellte sie fest.

„Natürlich." Er hielt ihren Blick fest und erlaubte es sich für ein, zwei Sekunden das warme Gefühl zu genießen, das dieser Blick bei ihm auslöste. „Und was die Salbe betrifft", riss er sich dann aus diesem Moment. „Ich hab ein paar Änderungen bei den Zutatenmengen gemacht. Ich möchte, dass du sie nach diesem Rezept zubereitest."

„Änderungen?", fragte sie und nahm ihm das Pergament aus der Hand. „Aber das ist nicht richtig", sagte sie, als sie es überflogen hatte. „Ich hab das alles berechnet. Mehrmals! Die Mengen, die ich hatte, stimmen." Sie klang verzweifelt und angesichts des Wälzers zur Berechnung der Zutatenmenge, durch den sie sich neulich gekämpft hatte, konnte er das sogar verstehen.

„Die Berechnungen sind nicht perfekt, Hermine. Tränke folgen keiner strengen Mathematik."

Sie sank in sich zusammen. „Und woher soll ich dann wissen, wie die richtigen Verhältnisse sind? Ich kann doch keine unzähligen Versuche machen."

„Erfahrung. Mit den Berechnungen wirst du passable Tränke und Salben mischen und mit der Zeit wirst du lernen, wie du daraus perfekte Tränke und Salben machst. Wenn wir mit unserem Vorrat an Zutaten hier nicht so knapp wären und Albus nebenbei keinen Krieg zu führen hätte, würde ich dich deine Erfahrungen selbst sammeln lassen. So jedoch … Ich hoffe, du sammelst deine Erfahrungen auch auf diesem Weg."

Sie seufzte. „Das werde ich. Danke!"

Er nickte. „Wir sind davon abgesehen auch Partner, also ist es nur fair, wenn ich auch meinen Teil zu dieser Arbeit beitrage."

Hermine lächelte und sah hinunter auf die Rezeptur, biss sich wieder auf die Unterlippe. „Severus, darf ich die Salbe an … deinen Narben testen?"

Seine Mundwinkel zuckten. Mit dieser Frage hatte er gerechnet. „Warum testest du sie nicht an deinen Narben?" Sein Blick glitt hinauf zu der inzwischen weißen Linie an ihrem Haaransatz und zu den feinen Narben an ihren Handgelenken. Jenen Narben, die ihn immer noch nervös machten, wenn er sie sah.

„Das will ich! Aber deine Narben sind …" Sie brach ab.

„Ja", sagte er dumpf. Seine Narben waren groß und wulstig oder tief und eingezogen. Seine Narben waren eine andere Hausnummer. Sie waren perfekt, um diese Salbe einem Test zu unterziehen. Aber ihr das zu erlauben, würde bedeuten, ihr nahe zu kommen. Sehr nahe. Näher als jemals in den letzten acht Monaten. Er nickte. „Du darfst sie bei mir testen."

Schon für ihr Strahlen hatte es sich gelohnt. „Danke!"


Es dauerte drei Tage, bis die Salbe fertig war. Severus unterzog sie einer Bewertung, bevor er Hermine damit ihre eigene Narbe behandeln ließ. Nicht dass er mit fatalen Nebenwirkungen oder Zubereitungsfehlern rechnete, aber es wäre fahrlässig gewesen, die Salbe nicht vorab daraufhin zu prüfen.

Die Konsistenz war so, wie er es anhand der Theorie erwartet hatte. Sie ließ sich geschmeidig verreiben, enthielt keine Klümpchen, zog schnell ein und hinterließ keinen fettigen Film. Sie roch angenehm, Hermine hatte nach der Fertigstellung etwas Zitronenöl untergemischt. Und als er sie auf eine seiner kleinen Narben tupfte, die Schnitte und Verbrennungen bei der Arbeit auf seinen Händen hinterlassen hatten, sah er die Wirkung. Die Narbe wurde feiner, weicher und verschmolz etwas mit der unverletzten Haut, die sie umgab. Sie verschwand nicht komplett, dafür würde es mehrmalige Behandlungen erfordern; aber sie wirkte.

Severus nickte zufrieden. Damit konnte er sie ihre Narbe behandeln lassen. Und seine. Ein Muskel in seinem Nasenflügel zuckte.

Er hatte es nach dieser unleidlichen Geschichte mit Adia vermieden, Hermine zu berühren oder sich von ihr berühren zu lassen. Er war wieder ihr Lehrer, es gehörte sich so. Nicht dass die Gilde wie auch immer geartete Beziehungen zwischen Lehrling und Meister verbieten würde; Severus war nicht derjenige, der ihre Prüfung abnehmen würde und es gab niemanden, dem gegenüber er sie hätte bevorzugen können. Aber es hatte die Dinge zwischen ihnen vereinfacht, sich darauf zurückfallen zu lassen. Jedenfalls hatte es das für ihn. Sie seine Narben versorgen zu lassen, würde für Unruhe in dieser Struktur sorgen.

Severus fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Als sie damals seine Wunden versorgt hatte, war ihm ihre Nähe unangenehm gewesen, weil sie die Bilder aus seiner Gefangenschaft heraufbeschworen hatte. Jetzt würde sie ihm unangenehm sein, weil sie seine Sehnsucht nach mehr Nähe heraufbeschwören würde.

Seufzend schob er die Gedanken beiseite und ging hinunter zu Hermine. Sie saß auf der Terrasse; heute war es zum ersten Mal in diesem Jahr sonnig und warm genug, um ohne Jacke nach draußen zu gehen. Und das Mitte Mai. „Du darfst damit arbeiten", sagte er und hielt ihr den Tiegel vors Gesicht.

Hermine zuckte zusammen; offensichtlich hatte sie ihn nicht kommen hören. Aber sie fing sich schnell und sah begeistert zu ihm auf. „Bei dir oder bei mir?"

„Erst bei dir, dann bei mir." Er hielt ihren Blick fest. Er konnte das, sie würde es ihm nicht anmerken.

Sie nahm ihm den Tiegel ab und stellte ihn im Wohnzimmer auf den Esstisch. Dann lief sie hinauf ins obere Stockwerk und kam mit einem kleinen Spiegel zurück. Severus setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und beobachtete, wie sie eine kleine Menge der Salbe auf der Narbe an ihrem Haaransatz verteilt. Ihre Augen wurden groß, als sie die Wirkung bemerkte. „Das ist großartig!", hauchte sie.

Er lächelte. „Es ist deine Entwicklung."

Sie sah ihn über den Spiegel hinweg an. „Und deine."

„Mein Anteil ist vernachlässigbar."

„Nein, ist er nicht." Sie schenkte ihm ein Lächeln, dann betastete sie wieder die Narbe. „Aber es wird mehrere Behandlungen brauchen, bevor sie ganz verschwindet."

„Möglicherweise reicht eine zweite."

„Bei Narben wie dieser vermutlich schon", entgegnete sie vorsichtig.

Severus senkte den Blick. Ja, seine Narben würden mehrere Behandlungen benötigen. Vielleicht würden sie auch gar nicht komplett verschwinden. Vielleicht hatte die Salbe ihre Grenzen. „Wir werden sehen", sagte er.

Hermine stellte den Spiegel weg und massierte eine kleine Menge der Salbe auch in ihre Handgelenke. Sie seufzte leise, als die Narben dünner wurden. Severus konnte es ihr nachfühlen. Ein Echo der Vergangenheit, das verschwand. Schließlich schüttelte sie den Kopf und sah zu ihm auf. „An welchen Narben möchtest du sie testen?"

Er hatte darüber nachgedacht. Am unangenehmsten waren die Narben an seinen Beinen, aber die würde er selbst versorgen. Er wollte vor ihr nicht die Hose ausziehen. Aber er wollte sie auch nicht darum bringen, den Effekt der Salbe an so gravierenden Narben wie seinen zu beobachten. „Die auf dem Rücken", entschied er daher. Dann musste er sie nicht dabei ansehen und ohne Hemd hatte er schon mehrmals vor ihr gesessen.

Sie nickte, sah auf einmal nervös aus. Severus stand auf, um sich das weiße Hemd auszuziehen. Dann drehte er den Stuhl herum und setzte sich so, dass er seine Arme auf die Rückenlehne legen konnte. Seine Haare waren lang geworden in den letzten Monaten, er strich sie sich über eine Schulter und nahm sich vor, sie später zu kürzen.

Hermine trat hinter ihn und begann, seine Narben mit der Salbe einzureiben. Ihre Finger waren kühl auf seiner Haut, aber er merkte das hauptsächlich, wenn sie die wenigen Stellen intakter Haut zwischen den Striemen berührte. Die Narben selbst waren weitestgehend taub.

„Und?", fragte er, als sie eine ganze Weile geschwiegen hatte.

„Entschuldige! Es wirkt! Gut sogar. Das Gewebe wird weicher, schrumpft zusammen … es hilft."

Severus nickte. Er spürte ein leichtes Prickeln auf der Haut. Und er spürte Hermines Angespanntheit. „Ist alles okay?", fragte er mit dunkler Stimme.

Sie holte tief Luft. „Ja, alles bestens."

Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Er spürte ihre Finger zittern und runzelte die Stirn. Dass ihr diese Situation mehr zusetzen könnte als ihm, hatte er nicht erwartet. War es ihr tatsächlich so unangenehm, ihn zu berühren? „Ich kann die Narben auch allein weiter eincremen", bot er ihr an.

„Was? Warum? Mach ich es nicht richtig?"

Er stutzte. „Was kann man denn beim Eincremen falsch machen?", fragte er und warf ihr einen Blick über die Schulter zu.

„Warum willst du es dann allein machen? So ist es doch einfacher."

Nun drehte er sich weit genug um, dass er sie ansehen konnte. „Weil du dich offensichtlich unwohl fühlst."

Sie wurde rot und senkte den Blick. „Nein, ich …" Sie presste die Lippen aufeinander. „Dreh dich um, ich bin noch nicht fertig", fügte sie dann leise hinzu und er tat es, wenn auch zögernd.

Severus legte das Kinn auf seine verschränkten Arme und wartete. Irgendetwas beschäftigte sie. Und wenn er eines in den letzten Monaten gelernt hatte, dann dass er nur warten musste. Hermine war nicht gut darin, Dinge unausgesprochen stehen zu lassen.

Und er behielt recht: „Weißt du noch … diese Gespräch, das wir … letztes Jahr geführt haben?" Ihre Stimme klang merkwürdig.

„Wir haben viele Gespräche geführt letztes Jahr", entgegnete Severus und runzelte die Stirn.

Er konnte sogar hören, wie sie die Augen verdrehte. „Das auf der Terrasse." Bevor er sie daran erinnern konnte, dass sie auch viele Gespräche auf der Terrasse geführt hatten, fügte sie hinzu: „Das beim Gewitter."

Ein Adrenalinstoß durchfuhr ihn, seine Finger legten sich fest um das Holz der Stuhllehne. Dieses Gespräch. Natürlich. „Ja", grollte er über das Pochen seines Herzens hinweg.

Er sah sie aus dem Augenwinkel nicken. „Wie du gesagt hast", sprach sie mit bebender Stimme weiter, während sie noch etwas mehr Salbe aus dem Tiegel nahm und die nächste Narbe damit bedeckte. „Wie du sagtest, der … kleine Binnensee voll Süßwasser, der … Adias Gefühlswelt war … würde sich bald in meinem Ozean verlieren?" Sie hielt in ihrer Bewegung inne, die kühlen Finger lagen etwa auf der Mitte seines Rückens.

Sein Körper schien zu summen. „Ja", sagte er und jetzt klang auch seine Stimme merkwürdig.

Hermine schwieg unendliche Sekunden lang, dann sagte sie: „Ich hab immer noch einen Süßwasser-Ozean." So leise, dass er es kaum verstehen konnte.

Severus schloss die Augen. Es fühlte sich an, als würde das Wohnzimmer schwanken. Das hatte er nicht kommen sehen. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Süßwasser. Salzwasser. Ozean. Die Worte wirbelten durch seinen Kopf. Süßwasser. Süßwasser. Meinte sie wirklich das, was er damals gemeint hatte? Sprachen sie von demselben Süßwasser?

„Severus?"

„Ja", murmelte er und massierte seine Nasenwurzel. „Ich hab dich gehört." Die Sekunden zogen vorbei. Sag was! Aber was? Er musste sie falsch verstanden haben. Es gab … gar keine andere Möglichkeit. Er sollte nachfragen, was sie genau meinte.

Und dann begannen ihre Finger sich wieder zu bewegen.

Severus sprang auf die Beine, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Mit großen Augen sah er sie an. Mit großen Augen sah sie zurück. Und dann ging er. Wortlos.


Er hatte nicht mal sein Hemd mitgenommen.

Und nicht nur das, er hatte auch beinahe eine Viertelstunde gebraucht, ehe ihm aufgefallen war, dass er kein Hemd trug. Da er diese Viertelstunde in seinem Zimmer verbracht hatte, war das nicht so dramatisch, aber es war auf jeden Fall ein Grund zur Sorge.

Süßwasser.

Verdammte Metapher! Warum hatte er damals nicht einfach gesagt, was er gemeint hatte? Es war doch klar, dass sie ihn missverstehen musste. Unmöglich konnte sie meinen … Nein. Schon der Gedanke war absurd.

Severus blieb stehen, mitten im Zimmer. Er atmete heftig. Sie konnte nicht … das meinen.

Oder?

Er ging ins Bad und kühlte sich das Gesicht. Dann sah er sich im Spiegel über dem Waschbecken an. Sein Gesicht war hager, blass, beinahe grau. Spitzes Kinn, riesige Hakennase. Die er jetzt rümpfte. Hermine konnte nicht meinen, was sie gesagt hatte. Er passte nicht zu ihr. Er passte nicht in ihr Leben. Selbst wenn sie glaubte, diese Art Gefühle für ihn zu haben, dann nur, weil es ihr an Alternativen mangelte und sie sich nach Nähe sehnte in diesem verdammten Haus.

Es machte sie beide verrückt!

Spätestens wenn Albus sie hier raus holte, würde sie schnell erkennen, dass das alles nur ein Irrtum gewesen war. Sie war jung. Sie hatte den Mann verloren, den sie geliebt hatte. Und ihr Kind. Sie hatte viel geopfert, um ihm das Leben zu retten. Und dann hatte Severus ihr das Leben gerettet. Es war logisch, dass sie sich da Gefühle einbildete, die … zumindest mal nicht von Dauer sein würden.

Er stützte sich mit den Händen am Rand des Waschbeckens ab und erst als sein Blick auf seinen vernarbten Unterarm fiel, wurde ihm bewusst, dass er kein Hemd trug. Erst da. Er schloss die Augen.

Was sollte er jetzt tun? Sie mussten das klären. Hermine musste verstehen, dass … Sie musste es verstehen.

Also zog er sich ein neues Hemd an und ging zurück ins Wohnzimmer. Aber Hermine war nicht mehr dort. Sie stand im Garten, die Arme um sich selbst geschlungen, den Blick auf die Barriere gerichtet. Genauso wie vor zwei Wochen. Am Todestag ihres Mannes.

Sie musste doch verstehen, dass …

Severus straffte seine Haltung und ging zu ihr. Hermine zuckte kaum merklich zusammen, als er neben ihr auftauchte. „Das, was du zu fühlen glaubst, ist nicht echt", sagte er mit verkniffener Miene.

Sie sah ihn an. Müde irgendwie. „Wie kommst du darauf?"

Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Du hast selbst gesagt, dass Adia dich Dinge fühlen lässt, die du vorher nicht so empfunden hättest."

Sie nickte. „Und?"

Nun starrte er sie an. „Ist das nicht offensichtlich? Es ist nicht echt!"

Sie lachte freudlos und fuhr sich über den Mund. „Wie lang muss man denn etwas empfinden, bevor es echt ist?"

Er verschränkte die Arme vor der Brust, ein Muskel unter seinem Auge zuckte. „Darum geht es nicht", grollte er.

„Sondern?"

„Darum, dass du niemals solche Gefühle entwickelt hättest!", fuhr er sie an. „Es ist … Adia und … dieses Haus! Sobald wir hier raus sind, wirst du merken, wie absurd das alles ist! Sobald wir hier raus sind …" Er brach ab.

„… werde ich dich nicht mehr lieben?"

„Sprich es nicht aus!", zischte er.

Ihre Augen wurden feucht. „Warum nicht, Severus? Es ist acht Monate her, seitdem Adia mit mir verschmolzen ist! Acht Monate! Du hast gesagt, ihre Gefühle würden sich verlieren in meinen, aber das haben sie nicht! Im Gegenteil, sie sind immer stärker geworden. Und da Adia in mir nicht mehr existiert, müssen … müssen es meine Gefühle sein." Sie schluckte und ihr Atem zitterte, als sie Luft holte und sagte: „Ich habe Gefühle für dich, Severus."

Er stieß zischend die Luft aus und wandte sich von ihr ab. „Wenn es nicht Adia ist, dann ist es diese Situation. Du wirst … aufhören, so zu fühlen, wenn Albus …"

„Ja, vermutlich werde ich das!", unterbrach sie ihn heftig. Und als er sie ansah, fügte sie leiser hinzu: „Für gewöhnlich hört man irgendwann auf, Gefühle für jemanden zu haben, der nicht mehr Teil des eigenen Lebens ist." Sie schluckte. „Wenn Professor Dumbledore uns hier raus lässt und du … weggehst und dich weigerst, mich wiederzusehen … dann werde ich irgendwann aufhören, dich zu lieben. Ansonsten …" Sie zuckte mit den Schultern.

Luft holen war schwer. Als würde er in einem Vakuum stehen. Es zog ihn in alle Richtungen. Er wollte ihr glauben. Er wollte einfach glauben, dass ihre Gefühle echt waren. Sie küssen, in den Arm nehmen und wirklich glauben, dass das keine Phase, keine Einbildung war. Aber sein Verstand zerrte ihn in die andere Richtung. Das würde nicht passieren. Er stand nur da. Mit verschränkten Armen, genauso wie sie. Sie hatten beide ihre Mauern errichtet. „Was willst du von … mir?", fragte er hohl und rümpfte die Nase.

„Eine Chance." Er konnte den Puls an ihrem Hals rasen sehen. „Ich weiß, dass du … auch Gefühle für mich hast. Adia … spürte es. Und ich hab es in deinen Erinnerungen gesehen."

Er wandte den Blick ab. Diese verdammte Legilimentik.

„Severus."

Widerwillig sah er sie an.

„Gib mir nur eine Chance."