Kapitel 3.04 – Eine Chance

So wie die anständigen britischen Bürger, die sie waren, saßen sie sich kurz darauf bei einer Tasse Tee gegenüber. Im Zweifelsfall trink Tee. Severus runzelte die Stirn, während er in seine Tasse hinab starrte. Der Wasserdampf leckte heiß über sein Gesicht.

Er war ihr eine Antwort schuldig geblieben. Eine Entscheidung. Sie wollte eine Chance. Er schnaubte leise, woraufhin sie ihn erschrocken ansah. Er winkte ab. Für sie war es nur eine Chance. Aber sie würde im Zweifelsfall auch nicht diejenige sein, die …

Er rümpfte die Nase. Eine Chance.

In Gefühlsangelegenheiten nach Sicherheiten und Garantien zu suchen, war absurd. Jede geschiedene Ehe, jedes gebrochene Versprechen zeugte davon. Severus wusste das. Deswegen hatte er sich nach Lily geschworen, niemals wieder jemanden zu lieben. Er war nicht der Typ Mensch, der einfach wieder aufhörte zu lieben. Wenn, dann war es für immer. Auch Lily würde er für immer lieben und er wollte nicht noch mehr davon in seinem Leben haben. Nie wieder. Das war es nicht wert.

Oder?

Er hob vorsichtig den Blick. Hermine starrte genauso in ihre Tasse wie er. Ihre Haare, diese unbändigen braunen Locken, umrahmten ihr Gesicht wie eine Löwenmähne. Auch sie sah blass aus gerade. Und traurig. Etwas zog sich in Severus' Brust zusammen und er sah wieder weg.

„Warum ich?", fragte er nach einer Ewigkeit des Schweigens.

Hermine riss den Kopf hoch und sah ihn mit großen Augen an. Ein paar Sekunden lang war sie das Reh im Scheinwerferlicht. Ihr Kopf war leer, er konnte es sehen. Das war nicht die Wirkung, die er auf sie haben sollte. Severus griff sich an die Nasenwurzel.

Das schien sie aus ihrer Starre zu reißen. Sie räusperte sich. „Ich … hab dir schon immer starke Gefühle entgegen gebracht."

Er zog eine Augenbraue hoch.

„Am Anfang Wut", fuhr sie unbeirrt fort. „Ich fand es abscheulich, wie du mit uns im Unterricht umgegangen bist. Später dann Neugier. Ich fragte mich, warum Professor Dumbledore so unerschütterlich in dich vertraute. Dann Bewunderung …" Ihre Stimme verlor sich.

Er atmete scharf aus. „Und jetzt Liebe?" Es klang verächtlicher, als er es meinte.

Sie sah ihn an. Offen und verletzlich und nickte. Er konnte es kaum aushalten, diese Aufrichtigkeit in ihrem Gesicht zu sehen. Sie war so jung … Und er … Er senkte den Blick.

„Was ist mit Weasley?", grollte er.

„Was soll mit ihm sein?", fragte sie mit belegter Stimme und griff sich mit einer Hand an den anderen Ellbogen.

„Würdest du mich auch lieben, wenn er noch leben würde?" Wow, das war … selbst für seine Verhältnisse unter der Gürtellinie. Ein Muskel unter seinem Auge zuckte.

Hermine holte tief Luft. „Nein."

Er presste die Lippen aufeinander und nickte.

„Aber Ron ist tot." Sie wischte sich schnell unter dem Auge entlang. „Sind meine Gefühle für dich deswegen jetzt weniger wert?"

Großartig. Er hatte sie zum Weinen gebracht. Da saß diese Frau und trug ihr Herz auf der Zunge und er hatte nichts besseres zu tun, als … das. Severus schloss die Augen. „Es tut mir leid", murmelte er kaum hörbar.

Hermine schwieg. Die Uhr tickte leise, der Tee wurde kalt. „Du hast recht, wenn du dem Haus die Schuld dafür gibst", sagte sie nach einer Weile leise.

„Ach ja?" Er sprach zu seiner Tasse.

„Ich hab dich hier kennenlernen dürfen. So wie ich dich nirgendwo sonst hätte kennenlernen können." Er sah sie an. „Je mehr ich von dir erfahre, desto besser verstehe ich, warum du … so bist." Sie lachte freudlos. „Ich verstehe sogar, warum du dieses Gespräch mit mir führst, auch wenn … das echt Kraft kostet." Wieder wischte sie sich über die Augen. „Es stimmt. Wenn Ron noch leben würde, hätte ich mich niemals in dich verliebt. Aber wenn ich damals im Hogwartsexpress in einem anderen Abteil nach Trevor gesucht hätte, hätte ich mich vermutlich auch niemals in Ron verliebt, weil ich … vermutlich in dieser Mädchentoilette von einem Bergtroll umgebracht worden wäre, wenn die beiden nicht nach mir gesucht hätten."

Er schnaufte leise und spürte sich müde lächeln.

„Ich hätte mich auch niemals in dich verliebt, wenn wir hier nicht so lange eingesperrt gewesen wären. Aber wir sind es. Und ich habe mich in dich verliebt." Sie reckte das Kinn vor. „Und jetzt bist du dran, Severus Snape. Ich glaube, dass du für mich dasselbe empfindest und wenn es so ist, dann bitte ich dich um eine Chance. Obwohl ich nur halb so alt bin wie du und eine miserable Schachspielerin. Und eine Chaotin, deren Unterlagen überall rumfliegen. Und obwohl ich mich bei Essays nicht kurz fassen kann und jedem, der lange genug mitliest oder zuhört alles erkläre, was ich weiß, obwohl sie es längst wissen. Obwohl ich … zerbrochen bin und Narben habe und wunde Stellen und Albträume … bitte ich dich um eine Chance."

Severus starrte sie an. Jetzt war er das Reh im Scheinwerferlicht und sein Kopf war leer. So leer wie ein Klassenzimmer am zwanzigsten Juli. Und bevor er sich aus seiner Starre reißen konnte, stand Hermine auf und wollte an ihm vorbeigehen. Aber etwas in ihm funktionierte noch und er griff nach ihrer Hand.

Dieses Gefühl … ihre Haut unter seiner. Ihre kleinen, schlanken, kalten Finger unter seinen langen, dünnen. Sie schnappte nach Luft, er hielt sie an. Sein Blick glitt an ihr hinauf und als ihre Blicke sich begegneten, nickte er kaum sichtbar.

Ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. Ihr stiegen schon wieder Tränen in die Augen. Aber sie erwiderte seinen Griff. Ihre kleinen, schlanken, kalten Finger waren erstaunlich stark. Sie wand sie herum und verschränkte sie mit seinen. Unwillkürlich dachte er an Adia und er wusste, dass sie es auch tat. Dass sie es wegen Adia überhaupt tat. Weil sie selbst erfahren wollte, wie es sich anfühlte. Weil Adia eben doch immer noch da und immer noch ein Teil von ihr war. Weil sie sich an Intimität mit ihm erinnerte, die nicht sie selbst erlebt hatte.

Severus' Mund wurde trocken. Er versuchte zu schlucken, aber ihm klebte die Zunge am Gaumen. Hoffentlich wollte sie ihn jetzt nicht küssen. Das war zu viel. Nur ihre Hand zu halten, war schon beinahe mehr, als er ertragen konnte. Sie zu halten und sich dabei der Gefühle bewusst zu sein, die er ihr entgegen brachte. Das war mehr, als Adia jemals von ihm bekommen hatte.

Hermine hob ihre freie Hand und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Die Rückseite ihrer Finger berührte seine Schläfe. „Ich mag es, dass sie so lang sind", sagte sie leise.

Severus schluckte. Endlich gelang es ihm.

Dann ließ sie ihn auf einmal los. „Nimm dir Zeit, Severus. Du siehst aus, als würdest du gleich … in Ohnmacht fallen oder so. Nimm dir Zeit. Wir haben sie." Und dann ging sie.

Er sank ein bisschen in sich zusammen, ließ die angehaltene Luft entweichen. Hatte er gerade tatsächlich …? Wollte sie wirklich …? Er sah seine Hand an. Die, die ihre festgehalten hatte. Und schnaubte. Sie mochte seine Haare? Was zum Teufel …


Severus war ins Labor gegangen nach diesem Gespräch in der Küche. Draußen hatte es bereits gedämmert, aber er brauchte die Klarheit der Tränke, die Struktur und die Sicherheit, die er darin fand. Das war noch so eine Sache bei ihm. Wenn Tee nicht reicht, geh Tränke brauen. Und hier fand er tatsächlich die Ruhe, die ihn heute Nachmittag verlassen hatte, als Hermine ihm von ihrem Süßwasser-Ozean erzählt hatte.

Süßwasser. Er schüttelte den Kopf. Aber er lächelte. Er hörte nicht mal damit auf, als er sich dessen bewusst war. Das war … Er seufzte.

Severus zog die Rezeptur von Hermines Salbe heran. Wie viele Schrumpelfeigen gehörten nochmal hinein? Er rieb sich die Stirn. Der Tiegel mit der Charge, die Hermine zubereitet hatte, war noch fast voll, aber er wollte auch einen Tiegel davon an Albus schicken. Vermutlich gab es inzwischen viele Narben, auf die ihre Träger gern verzichten würden. Es war nur dieser kleine Beitrag, den sie leisten konnten.

Er brauchte fast zwei Stunden, um die Salbe anzusetzen. Sie ging dann in eine Ruhephase, er würde sich erst am Morgen wieder darum kümmern müssen. Nachdem er aufgeräumt und das Licht gelöscht hatte, stieg er die Treppe hinauf. Im Erdgeschoss war es dunkel und still. Er warf einen Blick auf die Uhr in der Küche. Halb eins.

Aber als er ins obere Stockwerk ging, sah er Licht unter Hermine Tür. Sehr zartes, leicht flackerndes Licht, das ihm nicht aufgefallen wäre, wenn es im Flur nicht absolut dunkel gewesen wäre. Er blieb stehen und starrte auf den hellen Streifen über dem Boden. In den letzten Stunden hatte er sich so in der Salbenzubereitung verloren, dass die Gedanken an Hermine in den Hintergrund gerückt waren. Jetzt war alles wieder da und sein Herz machte einen Satz.

Sollte er zu ihr gehen? War das in Ordnung? War das etwas, das sie sich wünschte? War das ein Teil der Chance, die sie haben wollte?

Wollte er zu ihr?

Nun, zumindest die letzte Frage konnte er sich beantworten. Ja. Ja, er wollte zu ihr. Er wollte ihr ins Gesicht sehen und sich vergewissern, dass das Gespräch vorhin tatsächlich stattgefunden hatte. Dass er sich das nicht nur eingebildet hatte. Er wollte ihr in die Augen sehen und den gleichen Ausdruck darin finden wie vorhin.

Severus schluckte, dann straffte er seine Haltung und klopfte leise an ihre Tür. Vielleicht schlief sie schon. Vielleicht hatte sie nur vergessen, die Kerze auszupusten.

Aber sie rief ihn herein.

Er öffnete die Tür und als sie ihn sah, erblühte wieder dieses Lächeln auf ihrem Gesicht. Dieses Lächeln, das nicht nur in ihren Lippen lag, sondern in ihrem ganzen Gesicht. Das ihre Augen strahlen ließ und bei dem sie die Augenbrauen ein Stück nach oben zog und ein bisschen rot wurde. Es raubte ihm jedes Mal für einen kleinen Moment den Atem.

„Hey", sagte sie leise. Sie stand am offenen Fenster, barfuß, die Haare zusammengebunden und eine dicke Strickjacke um ihren Oberkörper gewickelt.

Severus wusste nicht, was er sagen sollte. Er schloss die Tür hinter sich und ging zu ihr.

„Du siehst besser aus", sagte sie.

„Ich war im Labor."

„Ah", machte sie, „die Geheimwaffe."

„Ja. Warum bist du noch wach?"

„Ich hab versucht zu schlafen, aber …" Sie zuckte mit den Schultern.

„Albträume?"

„Ja. Hast du auch welche?"

Er nickte. „Manchmal." Meistens, korrigierte er in Gedanken. Aber er kannte das, es war fast sein ganzes Leben lang so gewesen. Es waren nicht mehr die Art Albträume, die er nach seiner Ankunft hier gehabt hatte, er kam zurecht.

Sie sah ihn an. Lange Sekunden. Dann wandte sie sich wieder zum Fenster. „Der Gnom zerlegt das Blumenbeet", sagte sie und deutete hinunter in den Garten, der im diffusen Nachtlicht lag.

Severus trat näher, so dass er halb hinter ihr stand, und sah in die Richtung, auf die sie zeigte. Ein kleiner vom Mondlicht beschienener Erdhaufen im Beet bewegte sich. „Vielleicht sollten wir ihn doch fangen und nach Hogwarts schicken", murmelte er mit gerunzelter Stirn.

Hermine lachte leise. „Was?"

Stimmt, das hatte ihr nicht erzählt. Damals war Adia … „Albus hat mir vor einer Weile geschrieben, dass nichts Lebendes, das größer ist als ein Gnom, durch die Speisekammer gehen kann. Ich dachte daran, ihm unseren Plagegeist zu schicken."

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Warum hast du es nicht getan?"

„Albus schickt uns Essen. Das wollte ich nicht riskieren."

„Ist wohl besser", stimmte sie zu und sah wieder zum Gnom hinab.

Severus hingegen sah sie an. Sie war so nah. Ihre Schulter berührte ein bisschen seine Brust. Ihr warmer Geruch stieg ihm in die Nase. Blumig, aber auch etwas herb. Ein bisschen Zitrone. Vielleicht die Reste der Salbe, mit der sie vorhin ihre Narben behandelt hatte. Er schloss die Augen und atmete tief ein.

„Was hast du im Labor gemacht?", fragte sie.

Er blinzelte. „Ich hab noch mehr von deiner Salbe angesetzt. Ich will Albus etwas davon schicken."

Sie sah zu ihm auf. Das Licht der Kerze glänzte in ihren Augen. „Das ist lieb von dir."

„Lieb?" Er zog eine Augenbraue in die Stirn.

Sie nickte. „Ja, lieb."

Er schnaubte. Hatte jemals irgendjemand etwas von dem, was er getan hatte, als lieb bezeichnet? Vielleicht in seiner Kindheit mal seine Großmutter. Aber sonst … Er konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern.

Hermines Seufzen riss ihn aus seinen Gedanken. Sie sah wieder zum Fenster hinaus, den Kopf gegen den Rahmen gelehnt. „Es ist so still hier", murmelte sie. „Selbst mit den Spatzen. Ob wir nach all der Zeit in dieser Stille wohl jemals wieder zurecht kommen werden mit der Lautstärke eines normalen Lebens?"

„Damit bin ich nie besonders gut zurecht gekommen", sagte er mit dunkler Stimme.

Sie schmunzelte. „Stimmt." Sah ihn erst an, dann senkte sie den Blick. „Kannst du … mich nochmal so festhalten wie letztes Jahr in der Küche?"

Er schluckte. Nickte, als sie zu ihm aufsah, und sie lehnte sich an ihn. Seine Arme hoben sich wie von allein und er zog sie an sich. Hielt sie so fest, wie er es sich traute und holte ganz tief Luft, so als könnte er erst jetzt richtig atmen. So als hätte sie vorher gefehlt. Er schloss die Augen.

Hermine wurde weich in seinen Armen. Sie schmiegte sich an ihn, als hätte sie auf einmal keine feste Form mehr. Sie war fast einen Kopf kleiner als er und er legte seinen Kopf in den Nacken, weil es ihm zu … viel erschien, ihrem Haar noch näher zu kommen. Wie hatte er es letztes Jahr gemacht? Er wusste es nicht mehr. Er hatte nicht nachgedacht damals. Sie hatte geweint und er hatte … einem Instinkt gehorcht.

Aber es war ein guter Anfang, sie ohne Weinen in den Arm zu nehmen, oder? Er musste sich … nur daran gewöhnen.

Er wusste nicht mal, ob er es mochte, jemanden zu umarmen. Es war seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Seine Mutter war kein besonders körperlicher Mensch gewesen; seine Großmutter hatte versucht, das zu kompensieren, aber er war nicht oft genug bei ihr gewesen, um sich daran zu gewöhnen. Die Freundschaft zu Lily war nicht so eine Freundschaft gewesen und danach hatte er niemandem mehr auf diese Art nahe sein wollen. Sex, okay. Aber Umarmungen? Nein. Und er glaubte auch nicht, dass eine der wenigen Frauen, mit denen er Sex gehabt hatte, Wert darauf gelegt hätte, von ihm umarmt zu werden.

Nein, er wusste wirklich nicht, ob er es mochte. Es war fremd und er fühlte sich unwohl, weil es fremd war. Aber er hoffte, dass es sich mit der Zeit besser anfühlen würde. Hermine schien jedenfalls ein körperlicher Mensch zu sein.

Und sie schien von seinen Gedanken nichts zu bemerken, denn als sie sich von ihm löste, lächelte sie. Anders als vorhin. Zärtlicher irgendwie. Sie hatte die Abdrücke seiner Hemdknöpfe auf der Wange und ein paar einzelne Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie blinzelte ihn müde an und sah in genau diesem Moment, im flackernden Licht einer Kerze mitten in der Nacht, so hinreißend aus, dass Severus einem weiteren Impuls gehorchte, von dem er nicht wusste, woher er kam. Er legte seine Hände an ihr Gesicht und küsste sie auf die Stirn.

Hermine keuchte leise. Sie biss sich auf die Lippe, als er sie ansah. „Bleibst du heute Nacht hier?", fragte sie leise.

Severus zog die Augenbrauen hoch.

Sie errötete. „Oh nein! Nicht das. Nur … schlafen."

Er schluckte und senkte den Blick.

„Zu schnell?", fragte sie vorsichtig.

Severus schüttelte den Kopf. „Nein." Ja, dachte er. Aber sie hatte Albträume. Was wäre er für ein Mensch, wenn er sie damit weiter allein lassen würde? Einer, der er nicht sein wollte.

Trotzdem vermied er es, ihr in die Augen zu sehen. Er wünschte, er könnte gerade mal kurz die Zeit anhalten und nur fünf Minuten durchatmen. Ohne dass sie ihn ansah. Wie ironisch … Mit jeder noch so absurden und unerwarteten Forderung vom Dunklen Lord hatte er immer sofort umzugehen gewusst. Er hatte einen Fahrplan im Kopf gehabt. Einen 'Wenn er dir vertrauen soll, dann musst du …'-Plan, dem er problemlos gefolgt war. Jahrelang. Aber wenn eine junge Frau ihn darum bat, bei ihr zu übernachten, dann fuhr sein Kopf gegen eine Wand.

Nun, vermutlich sollte er froh sein, dass es nicht anders herum gewesen war.

Hermines Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Du musst nicht hier schlafen, Severus. Wirklich nicht. Ich bin schon groß, weißt du?" Sie lächelte und streckte eine Hand aus, strich über seine Wange.

Er straffte seine Haltung. „Nein. Ich bin gleich wieder da."

„Okay." Sie sagte das, aber sie sah nicht so aus, als ob sie es meinte. Sie sah aus, als würde sie es bereuen, ihm diese Frage gestellt zu haben. Kannte sie ihn wirklich schon so gut, dass sie ihm seinen inneren Zwiespalt ansehen konnte, oder hatte er in den letzten zehn Monaten sein Pokerface eingebüßt?

„Hermine", sagte er mit dunkler Stimme und sie sah ihn an. „Es ist in Ordnung." Er strich mit dem Daumen an ihrer Wange entlang. Dann wandte er sich ab und ging hinüber in sein Zimmer.

Es lag dunkel und kühl da. Mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, glitt sein Blick über die nur schemenhaft erkennbaren Möbel. Heute Morgen hatte er es versäumt, sein Bett zu machen. Es sah aus, als wäre gerade jemand daraus geflüchtet. Auf dem Tisch lag noch sein aufgeschlagenes Notizbuch, der Stuhl war halb unter dem Tisch herausgezogen.

Sein Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Er ließ den Kopf zurücksinken und schloss die Augen.

Er wollte das, was Hermines Blicke ihm versprachen. Er wollte es wirklich. Aber es trieb ihn über Grenzen, von denen er nicht gewusst hatte, dass sie so dermaßen scharf bewacht wurden. Nein, er hatte noch nie eine Beziehung geführt; wann auch? Aber er war auch nicht komplett unerfahren. Er war keine verdammte Jungfrau mehr! Es sollte nicht so schwer sein, einfach nur neben jemandem zu schlafen, oder?

Er seufzte und griff sich an die Nasenwurzel. Wäre soziale Kompetenz ein Fach in Hogwarts gewesen, wäre er durchgefallen. Selbst siebzehn Jahre unter dem Einfluss von Pomona und Poppy hatten nicht gereicht, um aus ihm einen Menschen zu machen, der mit Nähe umzugehen wusste. Ihn beschlich das Gefühl, dass nicht er Hermine eine Chance geben musste, sondern sie ihm. Er wusste ja nicht mal, wie er sie richtig umarmen sollte! Dabei war er doppelt so alt wie sie.

Verdammt!

Er war doppelt so alt wie sie! Der Gedanke durchfuhr ihn wie ein Stromstoß. Albus würde ihm den Kopf abreißen, wenn er erfuhr, wofür sie ihre Auszeit hier genutzt hatten. Er hatte ihm Hermine anvertraut. Er hatte ihm vertraut. Wenn er von dieser … Sache zwischen Hermine und ihm erfuhr, würde das nicht wieder vorkommen.

Severus strich sich durch die Haare, dann stieß er sich von der Tür ab und ging ins Bad. Albus war nicht hier. Er konnte sich später um ihn kümmern. Vielleicht hatte sie auch längst erkannt, dass er nicht der richtige für sie war, wenn Albus sie hier rausholte. Vielleicht musste sie nur noch ein paar weitere seiner Inkompetenzen sehen, um zu diesem Schluss zu kommen.

Und selbst wenn nicht … Er hatte lange genug getan, was Albus von ihm verlangt hatte, oder? Es gab ohnehin keinen Weg mehr, seine Schuld zu begleichen. Er hatte Lilys Sohn nicht schützen können. Was machte es da, noch einen weiteren Stein auf seinen Weg in die Hölle zu legen? Was machte es da, dass Albus das hier nicht gutheißen würde?

Severus putzte sich die Zähne, musterte seine Haare im Spiegel, verstand nicht, was Hermine daran toll fand und wandte sich schließlich schnaubend ab, um sich umzuziehen. Vielleicht würde sie nach dieser Nacht gar nicht wieder in einem Bett mit ihm schlafen wollen. Er war kein sonderlich ruhiger Schläfer, geschweige denn ein ausdauernder. Bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen er eine Frau in seinem Bett gehabt hatte, waren sie alle irgendwann auf die Couch geflüchtet – oder gleich ganz gegangen. Vermutlich würde Hermine ihn rausschmeißen.

Er war froh, dass sie die Kerze bereits gelöscht hatte, als er zu ihr zurückging. „Geht es dir gut?", fragte sie, als er sich zu ihr legte. Ihr Bett war warm und schmal, die Decke kaum breit genug, um seinen Rücken zu bedecken. Egal, es war ja nur für eine Nacht.

„Ja, es geht mir gut", sagte er ungeduldig. „Schlaf jetzt!"

Sie seufzte leise und lehnte sich ein bisschen gegen ihn. Sollte er sie in den Arm nehmen? War es das, was sie sich wünschte? Er rümpfte die Nase. Er wäre so spektakulär durchgefallen …


Am nächsten Morgen fand Hermine ihn in der Küche und ließ sich ihm gegenüber an den Tisch sinken. „Warum bist du einfach aufgestanden?"

Er zog eine Augenbraue hoch. „Weil ich wach war und du ruhig geschlafen hast."

Sie stützte den Kopf in die Hand. „Unfair."

Severus goss ihr Kaffee ein. „Erwarte nicht von mir, dass ich drei Stunden lang wach neben dir im Bett liegen bleibe."

Sie verschluckte sich beinahe. „Drei Stunden?" Ihr Blick wanderte zur Uhr an der Wand. „Du bist um fünf aufgestanden? Nachdem wir erst um eins schlafen gegangen sind?"

„Ich brauche nicht viel Schlaf."

„Offensichtlich", murmelte sie hohl.

„Ist dir das in der ganzen Zeit hier noch nicht aufgefallen?"

„Dass du immer vor mir wach warst schon. Aber ich hab nie darüber nachgedacht, wie lange du schon wach gewesen bist."

„Eine Weile", entgegnete er. Und heute hätte er ohnehin nicht viel länger schlafen können, weil er sich um die Salbe hatte kümmern müssen, die im Labor über kleiner Flamme eindickte.

Sie verbarg ein Gähnen hinter ihrer Hand. „Was steht für heute auf dem Plan?", fragte sie dann.

„Schrumpftrank."

Sie stutzte. „Du meinst Schrumpftrank wie in Dritte-Klasse-Lehrplan-Schrumpftrank?"

„Exakt den."

Einen Moment lang starrte sie ihn mit halb offenem Mund an. „Warum?"

„In Hogwarts habe ich euch gelehrt, wie man diesen Trank braut, wofür er verwendet wird und worauf man achten muss. Jetzt wirst du mir erklären, warum man ihn so und nicht anders braut." Er lehnte sich zurück. „Da du lernen möchtest, ein besseres Gefühl für die Zutatenmengen zu bekommen, wirst du zuerst durchrechnen, welche Mengen der einzelnen Zutaten laut der Mathematik in den Trank gehört hätten, und danach werden wir durchgehen, warum die Mengen angepasst wurden und mit welchem Effekt."

Nun hellte sich ihre Miene auf. „Großartig!"

Severus schnaubte.

„Was?", fragte sie lächelnd.

„Du bist vermutlich die einzige Tränkemeisterin, ob angehend oder fertig ausgebildet, die sich gern mit der Mathematik der Tränke beschäftigt." Er selbst hatte jedes Mal genervt die Augen verdreht, wenn Meister Dendron mit einer solchen Übung daher kam. Er hielt nichts von der mathematischen Herangehensweise; zu viele offizielle Rezepte waren nie über die rechnerische Annäherung hinausgekommen, unter anderem viele der Rezepte in den Büchern von Libatius Borage. Und obwohl er seinem Meister gezeigt hatte, dass er die meisten dieser Rezepte bereits während seiner Schulzeit korrigiert hatte, hatte er die Mathematik lernen müssen. Er hatte es gehasst.

Hermine anscheinend nicht, denn sie errötete. „Ich mag Zahlen. Ich finde auch Arithmantik toll. Es ist eher enttäuschend, dass ich mich hier nicht auf die Zahlen verlassen kann." Sie verzog den Mund.

„Du wirst dich bald auf etwas besseres verlassen können."

„Lass mich raten: Mein Bauchgefühl?"

„Nein. Deine Erfahrung."

Sie lächelte. Und sah ihn … irgendwie merkwürdig an. Dann blinzelte sie und der Moment war vorbei. „Ich geh schnell duschen, dann können wir anfangen."

Severus nickte und wandte ihr den Kopf hinterher, während sie an ihm vorbeiging. Ihr Geruch hing noch in der Luft.