Kapitel 3.05 – Berührungen

Severus hatte Hermine angewiesen, den Schrumpftrank mit den Mengenangaben zuzubereiten, die die Mathematik ergeben hatte. Er konnte selbst kaum dabei zuschauen, wie sehr der Trank dadurch entstellt wurde, deswegen hatte er parallel begonnen, den Trank nach dem richtigen Rezept zu brauen. So konnte sie am leichtesten die Unterschiede erkennen und kombinieren, weswegen welche Zutatenmenge angepasst wurde. Zwar verschwendeten sie auch so einige Zutaten, aber weitaus weniger, als wenn er sie komplette Versuchsreihen mit ihren eigenen Entwicklungen machen ließ. Dafür war später noch Zeit. Später, wenn sie hier nicht mehr eingesperrt waren und ihre Zutaten selbst besorgen konnten.

Sie arbeiteten still miteinander, er auf der einen Seite des Labortisches, sie ihm gegenüber. Und ihm rutschten andauernd diese elenden Haare ins Gesicht! Seitdem ihm gestern Nachmittag bewusst geworden war, wie lang sie in den letzten Monaten geworden waren, gingen sie ihm auf die Nerven. Als hätten sie nur durch diese Erkenntnis nochmal zehn Zentimeter Länge hinzugewonnen.

Aber Hermine hatte gesagt, dass sie es mochte. Er rümpfte die Nase und schnitt die Gänseblümchenwurzeln ein bisschen aggressiver als vorher in feine Stückchen.

Nach einer halben Stunde war er aber so gereizt deswegen, dass es aus ihm herausplatzte: „Diese Haare! Warum gefällt dir das? Ich werde einen verdammten Zopf bei der Arbeit tragen müssen!"

Wie Lucius.

Dieser Gedanke durchzuckte ihn wie ein Blitz. Severus erstarrte mitten in der Bewegung, dann hob er langsam den Blick und begegnete Hermines. Sie dachte das gleiche, er konnte es am Ausdruck in ihren Augen sehen. Sie dachte auch auch Lucius-verdammt-nochmal-Malfoy.

„Ich werde sie abschneiden", sagte er hohl.

Sie nickte eifrig. „Ja, bitte."


Später an diesem Tag saß Severus mit kürzeren Haaren wieder falsch herum auf einem der Stühle vom Esstisch. Ohne Hemd, damit Hermine seine Narben behandeln konnte. „Sie sehen schon viel besser aus", sagte sie. „Jedenfalls die, die ich gestern behandeln konnte."

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ist das ein Vorwurf?"

„Niemals", murmelte sie ironisch.

„Du hättest dir einen besseren Zeitpunkt für dieses Gespräch suchen sollen, wenn du so viel Wert auf die Behandlung der Narben legst", sagte er ölig.

„Hätte es denn einen besseren Zeitpunkt gegeben?"

„Jeden, in dem ich ein verdammtes Hemd getragen hätte!" Er warf ihr einen Blick über die Schulter zu; sie errötete.

„Touché. Aber ich … hatte Angst, dir dabei in die Augen zu sehen."

„Sagte die Gryffindor", schnarrte Severus.

„Nur weil ich eine Gryffindor bin, bin ich noch lange kein Masochist."

Daraufhin wandte Severus sich zu ihr um. Die eine Hand in die Luft erhoben, in der anderen den Salbentiegel, sah sie ihn einfach nur an. Ehrlich und ohne Hintergedanken. Ihm lag ein sehr sarkastischer Kommentar auf der Zunge, aber als er sie so sah, schluckte er ihn runter. „Der Zeitpunkt war gut", sagte er stattdessen. Er war doch selbst froh gewesen, ihr nicht in die Augen schauen zu müssen.

Hermine lächelte. „Darf ich denn heute alle Narben behandeln?"

Er drehte die Augen zur Decke und sich selbst wieder auf dem Stuhl herum. „Bitteschön!"

Eine Weile lang massierte sie schweigend die Salbe in seine Narben. Severus mochte ihre Berührungen. Jedenfalls die im oberen Teil seines Rückens. Sie waren unverfänglich, das war gut. Und obwohl sie hinter ihm stand, was ihn generell nervös machte, konnte er sich langsam ein bisschen entspannen. Sie war nicht Lucius-verdammt-nochmal-Malfoy! Und ihr Zauberstab lag neben ihm auf dem Tisch. Nicht weil er darum gebeten hatte; sie hatte ihn von sich aus dort abgelegt. Aber es half.

„Hast du dir schon überlegt, welche Narben du noch mit der Salbe behandeln willst?"

„Auf jeden Fall die auf meinen Beinen."

„Und dein Arm?"

Severus streckte den linken Arm vor sich aus und betrachtete nachdenklich die vernarbte Haut. Es war eine große Fläche, es fiel sofort ins Auge. Aber das tat das Dunkle Mal auch. „Ich weiß es noch nicht", antwortete er schließlich.

„Befürchtest du, das Dunkle Mal könnte wieder erscheinen?"

„Das wäre möglich, ja." Das Dunkle Mal verfügte über eine ganz eigene Magie. Verletzungen darauf heilten schneller und rückstandsloser (was er Hermine nicht erzählen würde, denn es verriet mehr über die Ausdauer, die Lucius an den Tag gelegt hatte, als er sie jemals wissen lassen wollte). Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass es wieder in alter Pracht erstrahlen würde, wenn er diese Narben behandelte.

„Stört es dich mehr als das Narbengewebe?", fragte Hermine in seine Gedanken hinein.

Er rümpfte die Nase. „Es stört mich beides. Beides erinnert mich an einen Teil meiner Vergangenheit, den ich gern vergessen würde."

„Verstehe." Inzwischen war sie mit den Narben so tief unten auf seinem Rücken beschäftigt, dass sie in die Hocke ging.

Es war diese Bewegung, das leise Knacken ihrer Knie. Sein Gefühl kippte. Severus schloss die Augen und atmete angestrengt. Diese Stellen … er mochte es wirklich nicht, dort berührt zu werden. „Was würde dich mehr stören?", fragte er, hauptsächlich um sich davon abzulenken.

„Mich?", fragte Hermine überrascht. „Ist das wichtig? Es ist doch dein Körper."

„Ist es. Aber deine Meinung interessiert mich." Schließlich würde auch sie seinen Arm in Zukunft regelmäßig sehen. Sofern sie ihn denn langfristig an ihrer Seite haben wollte.

Hermine atmete langsam aus und wandte sich einer Narbe zu, die besonders dicht über Severus' Hosenbund lag, während sie über seine Frage nachdachte. Er biss die Zähne aufeinander, bis ihm der Kiefer schmerzte. Seine Beine kribbelten vom unterdrückten Bedürfnis aufzuspringen. Wenn sie doch nur endlich etwas sagen würde!

„Ich denke, es würde mich beides nicht stören", erlöste sie ihn endlich. Zumindest ein bisschen. „Es ist beides Teil deiner Vergangenheit, es gehört beides zu dir." Sie stockte kurz. „Aber das Dunkle Mal ist mit weniger … Hilflosigkeit verbunden, oder?"

Er griff sich an die Nasenwurzel. „Ja, ist es", sagte er leise. Sein Herz raste. „Bist du bald fertig, Hermine?"

„Ja, Moment … jetzt."

Ihre Finger verschwanden von seinem Rücken und Severus musste sich zwingen, auch jetzt nicht aufzuspringen, sondern einfach aufzustehen. Er zog sich das Hemd an und wandte sich von Hermine ab, um die Knöpfe zu schließen. Seine Finger zitterten.

Sie stellte den Tiegel auf den Tisch. „Was auch immer du mit deinem Arm machst, es ist okay für mich."

Er nickte und als er sich zu ihr umwandte, sah er, dass sie mit sich kämpfte. Dass sie ihn gern auf irgendeine Art berührt hätte, sich aber nicht traute. Und Severus konnte es gerade nicht ertragen, ihr nochmal nahe zu sein. Nicht jetzt. Also nahm er den Tiegel vom Tisch. „Danke für deine Hilfe", sagte er.

„Kein Problem. Ich denke, es braucht noch zwei oder drei Behandlungen, dann sollten die Narben auf deinem Rücken weitestgehend verschwunden sein." Sie rieb die Hände gegeneinander und zog die Schultern hoch.

Er nickte. „Ich muss … ins Labor", sagte er dann, ging an ihr vorbei und flüchtete aus dem Wohnzimmer.


Etwa eine Stunde später saß er im Labor am Tisch und notierte sich die Ergebnisse eines seiner eigenen Experimente. Seitdem seine Magie zurückgekehrt war, hatte er gelegentlich das eine oder andere davon durchgeführt. Während Hermine sich bei ihren Entwicklungen sehr auf Heiltränke konzentrierte, was angesichts ihrer Ausbildung logisch und sinnvoll war, lagen seine Interessen woanders. So viel sie ihn auch gekostet hatte, Severus konnte die Schwarze Magie nicht loslassen.

Nur dass er inzwischen nach Möglichkeiten suchte, die Auswirkungen Schwarzer Magie umzukehren. Er versuchte, einen Zauber zu entwickeln, der den Imperius-Fluch nachweisen und aufheben konnte. Er versuchte, einen Trank zu entwickeln, der die Folgen des Cruciatus-Fluchs beheben konnte (was sich mit Hermines Interessen soweit überschnitt, dass er sie vermutlich mit involvieren würden). Er versuchte, Tränke zu entwickeln, die dunkle Flüche resorbieren und entfernen konnten – sei es nun von Menschen oder von Gegenständen. Und er suchte nach einem Weg, das Dunkle Mal zu entfernen.

Schließlich legte er die Feder weg und schob seinen Ärmel hoch. Er hatte sich in den letzten Monaten an die Narben gewöhnt und daran, dass die Haut taub war. Es war nicht sein erster Gedanke gewesen, diese Narbe zu behandeln. Aber Hermine hatte recht. Die Narbe war eine Erinnerung an seine Folter. Das Dunkle Mal war ein Symbol für seinen Versuch, etwas wiedergutzumachen.

Er griff nach dem Tiegel, den er neben sich auf den Tisch gestellt hatte, und massierte etwas von der Salbe in die entstellte Haut. Die Magie kribbelte knapp unter der Oberfläche und er konnte dabei zusehen, wie das Narbengewebe weicher wurde und mit der umliegenden, gesunden Haut zu verschmelzen begann.

Und er konnte dabei zusehen, wie das Mal deutlicher wurde.

Severus seufzte.

In diesem Moment ging die Tür auf und er hörte Hermines Stimme von oben. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?"

Severus drehte den Tiegel zu und stellte ihn beiseite. „Natürlich", sagte er und schob seinen Ärmel wieder hinunter.

Kurz darauf setzte Hermine sich auf die gegenüberliegende Seite des Tisches. „Was machst du?"

„Ich notiere mir die Resultate eines Experiments."

„War es hilfreich?"

„Sehr." Zumindest hatte es ihm gezeigt, was nicht funktionieren würde. „Hat es einen besonderen Grund, dass du hier bist?"

Sie errötete, als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt. „Ja, hat es."

Er zog die Augenbrauen hoch.

Hermines Mienenspiel, während sie nach den richtigen Worten suchte, war faszinierend. Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Lippe, runzelte die Stirn, holte Luft, um etwas zu sagen, tat es dann aber doch nicht und lachte nervös, als sie seinem Blick begegnete. „Ich weiß nicht, wie ich dieses Thema ansprechen soll."

„Welches Thema?"

Wieder biss sie sich auf die Lippe. „Berührungen."

Severus nickte langsam und versuchte, sich seine zurückkehrende Anspannung nicht anmerken zu lassen.

„Ich sehe, dass es schwierig für dich ist, berührt zu werden. Was ich absolut verstehen kann! Aber ich … wüsste gern, was okay ist und was nicht. Ich möchte deine Grenzen nicht überschreiten."

Er holte tief Luft und klappte sein Notizbuch zu. „Die meisten Berührungen sind nur ungewohnt für mich, das wird sich geben." Allein schon deswegen, weil er sie selbst so sehr berühren wollte, dass es ihm manchmal schon beinahe körperliche Schmerzen bereitete, es nicht zu tun.

„Und was ist mit dem Rest?", fragte Hermine leise. „Vorhin im Wohnzimmer … Das war nicht nur ungewohnt. Oder?"

„Nein", seufzte er und rieb sich über die Augen.

„Kannst du mir bitte nächstes Mal sagen, dass du eine Pause brauchst? Ich weiß, dass du anderen nicht gern zeigst, was du empfindest, aber … ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass du mich so anschaust."

Er nickte. „Okay."

„Danke." Sie streckte ihre Hand über den Labortisch und lächelte ihn an.

Severus zögerte einen Moment, aber dann griff er danach und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. Es war immer noch überwältigend, sie so zu berühren. Zu sehen, dass sie es mochte und sich noch mehr davon wünschte. Wieder ließ sie ihre Finger zwischen seine gleiten und hielt ihn fest.

„Wie konntest du eigentlich damals Adias … Forderung erfüllen, wenn Berührungen so schwierig sind?"

Severus hob den Blick von ihren Händen und sah sie an. „Wenn es nötig ist, kann ich alles tun, Hermine."

Sie schluckte. Ihre Stimme klang dunkler, als sie sagte: „Nichts zwischen uns ist nötig, okay? Niemals."

Wieder nickte er.

Hermine stand auf und beugte sich über den Tisch, bis sie seine Hand an ihren Mund ziehen und seine Finger küssen konnte. „Ich lass dich mal weiter arbeiten."

Severus hielt sie noch einen Moment lang fest, fing ihren Blick ein und achtete sorgfältig darauf, dass sie die Dankbarkeit verstand, die er ihr entgegenbrachte. Dann ließ er sie los und sie ging.


„Severus, hast du gerade Zeit?"

Er sah von dem Buch über Die Theorie der Dunklen Magie auf, mit dem er sich im Wohnzimmer auf die Couch gesetzt hatte. Von der offenen Terrassentür sickerte frische Luft herein, mehr als ein offenes Fenster in seinem Zimmer ihm bieten konnte. Hermine stand in der Tür, sie hatte selbst ein Buch in der Hand. „Hab ich", sagte er und legte ein Stück Pergament zwischen die Seiten seines Buches, ehe er es zuklappte und weglegte.

Hermine kam durch den Raum, knickte ein Bein ein und setzte sich neben ihn. Ihr Knie berührte seinen Oberschenkel. „Ich mache gerade ein paar Berechnungen von Zutatenmengen und versuche zu verstehen, warum die offiziellen Rezepte anders lauten. Aber das Rezept vom Gripsschärfungstrank hier ist anders als das, was du uns damals gezeigt hast. Hier steht, man soll die Ingwerwurzeln reiben, wir haben sie damals in Streifen geschnitten. Und sie nutzen hier auch mehr Ingwerwurzeln. Meine Berechnungen passen weder zu diesem Rezept noch zu dem, was du uns damals gezeigt hast." Sie deutete auf die Stelle im Rezept.

Severus nahm ihr das Buch aus der Hand, warf einen Blick auf den Umschlag und stöhnte. „Libatius Borage ist ein Idiot", sagte er dann. „Deswegen passt nichts davon zusammen."

Sie sah ihn überrascht an, während sie ihm das Buch wieder abnahm. Dann lächelte sie. „Ist das alles, was du mir dazu sagen wirst, oder kommt da noch mehr?"

„Was soll ich dazu noch sagen? Er hielt sich offensichtlich für einen großartigen Tränkemeister und hat die Zutatenmengen der Berechnungen irgendwie verändert, damit es so aussah, als hätte er mehr getan, als ein paar Zahlen hin und her zu schieben. Aber er war kein großartiger Tränkemeister und die meisten seiner Tränke wären um Welten besser gewesen, wenn er nichts an den Berechnungen verändert hätte."

Sie grinste. „Du wirst ja richtig leidenschaftlich, wenn es um ihn geht."

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Libatius Borage war der Stein im Schuh meiner Schulzeit", grollte er. „Slughorn, mein Lehrer für Zaubertränke, schätzte seine Bücher sehr und ich verstehe bis heute nicht warum. Ich hab einen Großteil seiner Rezepte korrigiert, bevor ich meinen Abschluss gemacht habe."

Er wusste nicht, was es war, aber etwas an dem, was er sagte oder wie er es sagte, schien ihr zu gefallen. Ihre Ohren waren ganz rot geworden und jetzt hob sie die Hand und strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Severus' Blick zuckte kurz zu ihrer Hand. „Ist das okay?", fragte sie leise.

Er griff nach ihren Fingern und küsste ihre Handfläche. Hermine gab ein seltsames Geräusch von sich und er lächelte. „Ist es."

Sie starrte ihre Hand in seiner an, als hätte sie so etwas noch niemals zuvor gesehen. Und Severus starrte sie an, denn so etwas hatte er tatsächlich noch niemals zuvor gesehen. So eine Reaktion auf eine Berührung von ihm. Auf eine nicht sexuelle Berührung. Er konnte eine Frau sehr glücklich machen, aber für gewöhnlich nicht nur, indem er ihre Hand hielt.

Nicht dass er das oft getan hätte.

Aber Hermine schien sehr fixiert auf diese Art der Berührung. Er fragte sich, ob es nur an dem lag, was er mit Adia getan hatte. Dass er ihre Hände genutzt hatte, um sich vorzubereiten auf das, was geschehen würde. Oder ob Hermine dem vorher schon so viel Bedeutung beigemessen hatte.

Severus drehte ihre Hand herum und strich mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel. Beobachtete, wie Hermine sich auf die Innenseite ihrer Lippe biss. Und dann verwob sie wieder ihre Finger mit seinen und er begann zu verstehen, warum sie es so genoss. Es fühlte sich einfach so gut an. So harmlos und so … verbunden. Sie presste ihre Handfläche gegen seine und sah ihm in die Augen. „Ich mag es, dich zu berühren", sagte sie.

„So scheint es", entgegnete er.

„Gefällt es dir auch?"

Er sah ihre Hand an und seine. Nickte. Ja, es gefiel ihm. Er hob seinen freien Arm an und lud sie ein, sich anzulehnen. Hermine zögerte nicht. Drehte sich herum und schmiegte sich an ihn, ohne seine Hand loszulassen. „Erzähl mir mehr von Borage und deiner Schulzeit", bat sie und rieb mit ihrem Daumen über seinen Zeigefinger.

Severus holte tief Luft und während sich draußen die Nacht über ihre Dimension legte, zeigte er Hermine ein bisschen mehr von sich, als sie bisher gesehen hatte.


In den Tagen danach veränderte sich etwas zwischen ihnen. Hermine schlug vor, seine Narben etappenweise über den Tag verteilt zu behandeln. Jedes Mal wollte sie ihn fragen, welchen Bereich seines Rückens sie eincremen durfte, und danach sollte er ein paar Stunden Pause machen.

Severus konnte sich nur schwer auf diesen Firlefanz einlassen. Der Gedanke, sie nicht nur einmal, sondern mehrmals am Tag an seinen Rücken zu lassen, war schlimmer, als es einfach durchzuziehen. Aber er schaffte es nicht, ihr das auch zu sagen. Niemand hatte sich jemals solche Gedanken um ihn gemacht. Ja, er schämte sich mehr für dieses Theater, als er bereit war, sich einzugestehen; aber ein Teil von ihm wollte es. Also versuchten sie es.

Und zu seiner Überraschung half es. Hermine hielt sich akribisch an das, was er ihr erlaubte, und das gab ihm ein so verlässliches Gefühl der Sicherheit, dass es ihm tatsächlich leichter fiel, sich vor sie auf diesen Stuhl zu setzen. Selbst die unteren Regionen seines Rückens konnte er so aushalten, ohne dass das alte Grauen ihm den Rücken hinauf kroch. Er mochte es immer noch nicht, das würde er wahrscheinlich niemals. Aber so konnte er es aushalten.

Nach insgesamt fünf Behandlungen geriet die Salbe an ihre Grenzen. „Es ändert sich nichts mehr", sagte Hermine enttäuscht.

„Du klingst, als hättest du versagt", entgegnete er belustigt.

„Hab ich ja auch."

Er drehte sich zu ihr um, griff nach ihren Händen. „Ich hab mir meinen Rücken im Spiegel angesehen, Hermine. Du hast alles, aber ganz bestimmt nicht versagt." Tatsächlich waren die ehemals wulstigen breiten Narben nur noch schmale weiße Linien. Seine Haut war glatt, nichts spannte mehr, wenn er sich bewegte. Auf so ein Ergebnis hatte er nicht mal zu hoffen gewagt.

Auch die anderen Narben verschmolzen immer mehr mit der gesunden Haut. Das Dunkle Mal auf seinem Arm sah fast wieder so aus wie früher; sicherlich spielte die Kraft des Mals dabei eine Rolle. Er hatte es etwas mürrisch zurückkehren sehen. Und dann war ihm eingefallen, dass Lucius es hassen würde und seitdem hatte er seinen Frieden damit geschlossen.

Selbst seine Beine waren wieder weitestgehend narbenfrei. Nur das Mal, das Draco ihm eingebrannt hatte, hatte er nicht behandelt. Er wollte es behalten.

„Aber du wirst immer daran denken, wenn du es siehst", sagte Hermine in seine Gedanken hinein.

Severus nickte. „Ja, das werde ich. Ich denke auch jedes Mal daran, wenn ich mich anziehe. Oder ausziehe. Oder wenn ich mich zurücklehne und die Schmerzen der Wunden erwarte. Aber das alles ist im Laufe der letzten Monate weniger geworden und es wird weiterhin weniger werden." Er hob eine Hand und strich mit dem Finger über ihren Haaransatz, da wo ihre Narbe gewesen war. „Du hast Großartiges geleistet, Hermine."

Ihre Wangen glühten und sie schmiegte das Gesicht in seine Hand. So weich. Er stand auf und zog sie in seine Arme. Das war noch etwas, das sich veränderte. Er begann es zu mögen, sie im Arm zu halten. Vielleicht war er auch ein körperlicher Mensch. Vielleicht würde er diese Seite an sich mit ihrer Hilfe ausgraben.

Plötzlich zerriss ein lautes Krachen die Stille.

Hermine zuckte zusammen. „Was war das?"

Severus wandte sich um und sah zur Haustür. Das Geräusch war von draußen gekommen. Von der Dimensionsbarriere auf der Vorderseite des Hauses. „Halt dich bedeckt!", sagte er und warf sich das Hemd über, ehe er vor Hermine in den Flur schlich. Er zog seinen Zauberstab aus der Hosentasche und öffnete die Haustür, die sie seit ihrer Ankunft noch nicht ein einziges Mal wieder berührt hatten. Nur einen Spalt breit und spähte hinaus. Schatten waren hinter der Barriere zu erkennen. Flüche prallten mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke dagegen, es klang wie Äpfel auf einem Wellblech.

Hermine bückte sich, um unter ihm durch den Türspalt schauen zu können. „Warum glaube ich nicht, dass das Albus ist?"

Severus grunzte und beobachtete die Schatten auf der anderen Seite der Barriere mit schmalen Augen. „Weil Albus einen gewissen Stil pflegt. Er hätte vorher angeklopft." Es krachte erneut.

„Sie klopfen doch", murmelte Hermine.

„Nein", entgegnete er dunkel, „sie treten die Tür ein."

Einen Moment lang beobachteten sie das Geschehen draußen still. „Sollen wir rausgehen?"

Er rümpfte die Nase und begann nebenbei, wenigstens ein paar Knöpfe seines Hemds zu schließen. Das war definitiv nicht der Orden, aber sie brauchten den Orden und er wollte im Zweifelsfall nicht erklären müssen, warum er mit offenem Hemd herumlief. „Ungern. Sie können uns genauso sehen wie wir sie."

„Lange wird die Barriere es nicht aushalten."

„Das befürchte ich auch", grollte Severus. Die aufprallenden Flüche zogen immer größere Kreise auf der Barriere, durchzogen von feinen Linien. „Wie haben sie uns überhaupt gefunden? Sagtest du nicht, es liegt ein Fidelius-Zauber auf dem Haus?" Er runzelte die Stirn.

„Ja, so hat Professor Dumbledore es mir gesagt."

„Wer ist der Geheimniswahrer?"

„Professor Dumbledore." Er warf ihr einen schnellen Blick zu und sah sie schlucken. „Heißt das, Professor Dumbledore ist tot?"

„Das hätte den Fidelius-Zauber nicht außer Kraft gesetzt", entgegnete Severus. „Es hätte alle Eingeweihten zu Geheimniswahrern gemacht."

„Also selbst wenn er tot wäre, hätte uns jemand verraten müssen."

„Ja", murmelte er.

Im nächsten Moment brach ein Fluch durch die Barriere und flog direkt auf sie zu. Severus riss Hermine zurück und knallte die Tür zu. Der Fluch krachte dagegen und es fühlte sich an, als würde das ganze Haus erzittern. „Geht es dir gut?", fragte er.

„Ja, nichts passiert", antwortete sie leise.

„Das würde ich so nicht sagen", murmelte er. „Geh und schreib eine Notiz an Albus. Ich fürchte, er verlässt sich etwas zu sehr auf seinen Zauber." Hermine nickte und kämpfte sich auf die Beine. Sie wollte bereits gehen, aber Severus zog sie zurück und in seine Arme. Seine Nase tauchte in ihre Haare, er spürte ihren warmen Körper an seinem. „Beeil dich!", raunte er schließlich und ließ sie gehen.

Dann umfasste er den Griff seines Zauberstabes fester und trat vor die Tür. Er musste verhindern, dass das Loch noch größer wurde und vor allem, dass noch mehr Flüche zu ihnen hindurch drangen. Er musste die Stellung halten, bis die Kavallerie eintraf. „Protego maximus!", sagte er und eine feste schimmernde Wand tauchte auf, die sich passgenau an die Barriere schmiegte und den Blick nach draußen, den das Loch ihm für eine Sekunde geboten hatte, versperrte. Ein dünner Faden aus Magie zog sich vom Schutzzauber bis zu Severus' Zauberstabspitze. Der Maximus erforderte eine konstante Magieversorgung. Das war es, was ihn so mächtig machte. Er würde sich nicht auflösen, solange er genährt wurde.

Und Severus war noch nicht wieder ausreichend trainiert, um das lange tun zu können. Der Zauber entzog ihm so viel Magie, dass seine Hand bald anfing zu zittern. Dann sein ganzer Arm. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er fühlte sich wie während der Gefangenschaft. Als die Wunden, die Walden ihm zugefügt hatte, so stark geblutet hatten, dass sie ihn beinahe das Leben gekostet hätten. Wenn nicht Dracos unsäglicher Zauber das verhindert hätte. So ein Zauber konnte ihm jetzt nicht helfen. Severus holte stockend Luft.

Als Hermine wieder an seiner Seite auftauchte, war er bereits auf die Knie gesunken. „Bleib drinnen", sagte er dennoch.

Sie sah ihn an, sie sah die Barriere an und schüttelte den Kopf. „Keine Chance", sagte sie und ließ ihren eigenen Zauberstab in die Hand gleiten. „Protego maximus!", sagte sie laut und ihr Zauber legte sich vor seinen.

Severus ließ den Arm sinken und sein Maximus löste sich auf, als dabei der magische Faden zerriss. Er atmete heftig, stützte sich auf die Knie. Bevor er seine Magie geopfert hatte, hätte er einen Maximus problemlos eine halbe Stunde aufrecht erhalten können. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, wie sehr seine Magie immer noch schwächelte.

Nachdem sein Herzschlag sich etwas beruhigt hatte, hob er den Blick. Immer noch flogen im Sekundentakt Flüche gegen die Barriere. Schemenhaft konnte er einige Personen erkennen, sie mussten in etwa zwanzig Metern Abstand zur Barriere stehen.

Hermine keuchte. „Die Flüche sind heftig", sagte sie.

Er nickte. „Ich weiß. Hoffentlich findet Albus deinen Brief bald."

„Das wird er! Ich hab einen Heuler daraus gemacht."

„Clever", sagte Severus und sah sie feixen.

Aber es zogen noch weitere zehn Minuten quälend langsam vorbei. Inzwischen hatten die Todesser angefangen, ein zweites Loch in die Barriere zu schlagen und Severus hatte gerade eben einen neuen Maximus heraufbeschworen. Lange würde er ihn nicht aufrecht erhalten können, aber vielleicht lange genug.

Wie hatten sie sie bloß gefunden? Wer hatte sie verraten? Wie konnte das nur sein?

Er warf Hermine einen Blick zu, die ein paar Meter neben ihm nun ebenfalls auf dem Boden kniete. Ihr Atem ging stoßweise, sie sah richtig krank aus. „Hör auf, Hermine! Lass den Maximus und geh ins Haus!", rief er ihr über den Lärm der Flüche hinweg zu.

„Nein!"

Severus knurrte leise. Und dann sah er, wie weitere Personen hinter der Barriere erschienen. Wie aus dem Nichts waren sie plötzlich da und der Fluchhagel auf die Barriere brach ab.

Er atmete auf und ließ den Zauberstab sinken. Der Schutzzauber löste sich flimmernd auf. Dann sah er eine Bewegung im Augenwinkel und riss den Kopf herum. Hermine. Sie war bewusstlos zur Seite gekippt. „Verdammte Gryffindor!", zischte Severus und stolperte zu ihr. „Wenn du nur ein einziges Mal auf mich hören würdest!" Er tastete nach ihrem Puls und fand ihn, flatterhaft zwar, aber er war da.

Severus wandte sich wieder der Barriere zu. Durch das Loch, das Hermine verteidigt hatte, konnte er den Orden gegen die Todesser kämpfen sehen. Dann verschwanden sie aus seinem Blickfeld und er wagte sich nicht dichter heran. Im nächsten Moment flog ein verirrter Fluch durch das Loch und Severus duckte sich über Hermine; er krachte hinter ihm in die Hauswand. Nein, er würde definitiv nicht näher heran gehen.

Stattdessen kämpfte er sich auf die Beine und sprach einen Mobilcorpus über Hermine. Er ließ sie ins Wohnzimmer schweben und legte sie auf die Couch. Mit grimmiger Miene sah er auf sie hinab. Es ging ihr gut, sie war nur erschöpft. Sie musste schlafen und er würde ihr nachher einen Stärkungstrank geben. Es ging ihr gut.

Trotzdem konnte er sich erst von ihrem Anblick losreißen, als ein weiterer Fluch gegen die Hauswand krachte. Mit großen Schritten kehrte Severus zur Haustür zurück und spähte hinaus. Er hörte das Ploppen mehrerer Apparationen. Dann war es plötzlich still. Es war niemand zu sehen. Nicht mal Schatten hinter der Barriere. Langsam schlich er darauf zu und spähte durch das Loch. Zum ersten Mal seit Monaten war der Horizont eine scharfe Linie. Zum ersten Mal seit Monaten sah er klare Wolken am Himmel. Zum ersten Mal seit Monaten strich eine Brise über sein Gesicht.

Er wusste, er sollte das nicht tun. Er wusste, dass das praktisch Selbstmord war. Und trotzdem streckte er die Hand aus und hielt sie in den Luftstrom vor dem Loch. Streckte sie hinaus in die Freiheit, die nur ein paar Zentimeter vor ihm lag und doch so weit entfernt war.

Und dann griff jemand nach seinem Arm.