Kapitel 3.07 – Der Tränkemeister und die Rosen

Eine Dreiviertelstunde später saßen sie sich frisch geduscht in der Küche gegenüber. Hermine hatte ein Bein auf die Bank gestellt und knabberte an ihrem Toast. Severus hatte sich heute für Porridge entschieden; er aß ihn gern mit Nüssen und Ahornsirup. Er mochte den Kontrast zum würzigen Geschmack des Kaffees.

„Wer hat uns nun eigentlich an die Todesser verraten?", fragte Hermine nach einer Weile.

Er hob den Blick vom Tagespropheten, der heute in der Speisekammer gelegen hatte und in dem mal wieder nichts von Interesse stand. „Ich", sagte er.

„Wie, du?"

Er seufzte. „Das Dunkle Mal hat uns verraten. Durch das Heilen des Narbengewebes wurde es wieder stark genug, um mich sogar durch den Fidelius-Zauber hindurch orten zu können."

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ich wusste nicht, dass das möglich ist."

„Ich auch nicht. Aber ich hätte darauf kommen können. Der Dunkle Lord duldete keine Feiglinge, er hätte dafür gesorgt, dass wir uns nicht mal mit dem Fidelius vor ihm verstecken können."

Hermine schüttelte langsam den Kopf. „Und jetzt?"

„Albus hat irgendetwas mit dem Mal gemacht. Angeblich wird mich darüber jetzt niemand mehr orten."

„Also sind wir sicher?"

„Anscheinend", grollte Severus und blätterte die Zeitung um. Nichts. Es stand genau gar nichts in diesem elenden Ding!

„Geht es dir gut, Severus?"

Er schob die Zeitung von sich, genauso wie den Rest seines Porridges. „Ja, es geht mir gut."

„Aber?" Sie neigte den Kopf zur Seite.

Er rieb sich über die Stirn. „Ich hab gestern einen Blick nach draußen werfen können."

„Verstehe." Sie seufzte. „Ich vermisse es auch, raus gehen zu können. Ich würde gern mal wieder bei Flourish & Blotts stöbern."

Er brummte leise. Ihn zog es am meisten ans Meer. Gestern den Luftzug auf seinen Fingern zu spüren, hatte die Erinnerungen wieder hochgespült. Er glaubte sogar das leise Klingeln zu hören.

Hermine stellte ihre Tasse zurück auf den Tisch und das Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. „Warum nennst du mich auf einmal Mia?"

Severus begegnete ihrem Blick. „Ich weiß es nicht. Möchtest du, dass ich es lasse?"

„Nein. Es gefällt mir." Sie lächelte, errötete ein bisschen. „Und warum darf ich dich nicht Sev nennen?"

Er sah auf sein Porridge. „Lily hat mich so genannt", sagte er leise. Er wollte niemals wieder so genannt werden. Von niemandem. Niemals.

„Das wusste ich nicht." Er sah sie schlucken. Und dann haderte sie mit sich, ob sie wirklich sagen sollte, was ihr durch den Kopf ging. „Ich glaube, ich … würde ausrasten, wenn mich nochmal jemand Mine nennt", entschied sie sich schließlich dafür. Sie fing seinen Blick ein und stützte den Kopf in die Hand.

Severus nickte. Sie hatten beide eine Vergangenheit.


Nach dem Frühstück waren sie ins Labor gegangen. Sie hatten noch etwas nachzuholen. Severus räumte die Zutaten für den Verhütungstrank auf den Tisch und Hermine band sich die Haare zurück.

„Ohne Rezept also, ja?", fragte sie und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ohne Rezept", bestätigte er. „Ich werde dich im Auge behalten."

Sie seufzte leise. „Das sind ja erschwerte Bedingungen. Gibt das Bonuspunkte?"

Er zog eine Augenbraue hoch. „Wenn du der Gilde später erklärst, wofür du sie verdient hast …"

Sie errötete bis unter den Haaransatz. „Danke, ich verzichte." Sie zog das Flussgras heran, hob den Konservierungszauber auf, der diese nur frisch geerntet wirksame Zutat erhalten hatte, und begann, es in gleichmäßige Stücke zu schneiden.

Severus zog sein Notizheft heran und arbeitete an seinen Forschungen weiter. Ein allzu genaues Auge würde er nicht auf sie haben müssen. Hermine wusste, wie man einen Verhütungstrank zubereitete. Er glaubte auch nicht, dass der Trank das Problem bei ihrer ungewollten Schwangerschaft gewesen war. Vielleicht hatte sie vergessen, ihn zu nehmen. Das würde er nicht passieren lassen.

„Sag mal, hättest du den Verhütungstrank nicht schon längst durchnehmen müssen?", fragte sie nach einer Weile. „Wir haben schon so viele Tränke behandelt, die anspruchsvoller sind."

„Hätte ich", gab er zu.

„Warum nimmst du ihn dann erst jetzt durch?"

Er sah sie an und zog eine Augenbraue hoch. „Wie hättest du wohl reagiert, wenn ich in deiner ersten offiziellen Stunde mit dem Verhütungstrank angekommen wäre? Direkt nachdem ich deine Erinnerungen gesehen hatte?"

Hermine runzelte die Stirn. „Ich denke, ich hätte dich einen rücksichtslosen, unsensiblen Bastard genannt", überlegte sie.

„So was hatte ich vermutet. Deswegen hab ich ihn zurückgestellt und auf den richtigen Moment gewartet. Und dieser Moment …", fügte er bedächtig hinzu, „… ist doch ganz ausgezeichnet, findest du nicht?" Seine Stimme war ein dunkler Bass, der Hermine schaudern ließ.

„Erschwerte Bedingungen", murmelte sie nochmal und schüttelte den Kopf.

Severus schmunzelte. Aber ja, sie hatte recht. Nach diesem Morgen waren seine Gedanken auch woanders.


Hermine hatte beschlossen zu kochen und Severus aus der Küche verbannt. „Du und ich, Severus, wir haben jetzt eine Basis miteinander, auf der du einfach zugeben musst, dass du nicht kochen kannst." Das waren ihre Worte gewesen und er musste ihr recht geben. Er beherrschte genau ein Gericht und war ansonsten nur geeignet für Hilfsarbeiten. Er konnte Kräuter in so akkurate Stücke schneiden, dass jeder Sternekoch vor Neid erblasste. Er konnte Gemüse putzen und Kartoffeln schälen. Aber niemand interessierte sich für die Größe der Kräuter und für alles andere gab es Zauber, die Hermine perfekt beherrschte.

Es war einfach Fakt: Er war ein Virtuose am Kessel, aber ein Neville Longbottom am Herd.

Also war er in den Garten gegangen. Dieses Haus … Severus rümpfte die Nase. Er versuchte sich festzuhalten an den berauschenden Bildern, die der Morgen in seinem Geist hinterlassen hatte, aber je weiter der Tag voranschritt, desto aufdringlicher wurde wieder das Gefühl des zarten Luftzugs an seinen Fingern gestern.

Er musste das loslassen. Es führte zu nichts. Sie saßen hier noch eine Weile fest und das offensichtlich aus guten Gründen. Severus atmete tief durch.

Der Himmel war heute bewölkt; die Barriere sah aus, als hätte man sie mit einem hellgrauen Tuch eingeschlagen. Ein schwarzer Punkt huschte daran vorbei, vermutlich ein Vogel. Vermutlich … Severus wandte sich von der Barriere ab. Er hatte das Bedürfnis, sich die Augen zu reiben, jedes Mal wenn er die verschwommene Landschaft dahinter betrachtete.

Stattdessen fiel sein Blick auf die Beete. Sie hatten den Garten vernachlässigt. Unkraut wucherte zwischen den kümmerlichen Resten der Sommerpflanzen vom letzten Jahr. Der Gnom hatte einige der Büsche teilweise entwurzelt bei seiner Buddelei. Der Rasen war zu hoch und stellenweise gelb, weil im letzten Jahr zu viel Sonne darauf geschienen hatte.

Severus ließ seinen Zauberstab in die Hand gleiten. Hermine beherrschte Küchenzauber, er Gartenzauber. Die Anzucht und Pflege von Trankzutaten war Teil seiner Ausbildung gewesen und Pomona hatte ihm einen Teil von Gewächshaus III abgetreten, um einige seiner eigenen Pflanzen dort heranzuziehen. Sie hatte ihn zwar immer missbilligend dabei beobachtet, wenn er die Pflanzen magisch gepflegt hatte, aber es waren seine Pflanzen gewesen und sie hatte ihre Gedanken für sich behalten. Ihm fehlte die Leidenschaft für Gartenarbeit und da diese Magie nicht auf die Pflanzen, sondern nur auf ihre Umgebung wirkte, hatte er auch niemals eine solche entwickelt.

Er ging also durch den Garten und ließ das Unkraut aus der Erde in eine Ecke des Gartens schweben, selektierte die toten Pflanzen von denen, für die noch Hoffnung bestand, grub die Beete um, pflanzte die lebenden Blumen wieder ein, ließ den Gnom, der zwischendurch den Kopf aus der Erde streckte, hinauf auf einen der Bäume schweben, um ungestört arbeiten zu können, und richtete die Büsche wieder her. Als letztes schnitt und wässerte er den Rasen, während der Gnom schimpfend den dünnen Stamm des Apfelbaumes herunterkletterte und wieder in sein Erdloch verschwand.

Als Hermine neben ihm auftauchte, sah der Garten wieder beinahe gut aus. Die Spuren des Winters waren hier und da noch zu sehen, die Blumen brauchten noch mehr Sonne und Zeit, um sich zu erholen. Aber dass sie das taten, war jetzt zumindest mal wahrscheinlicher.

„Nett", sagte Hermine und sah ihn an, nachdem ihr Blick einmal quer durch den Garten gewandert war. Sie lächelte, streckte die Hand aus und strich ihm über die Wange. „Auch magische Gartenarbeit ist ein bisschen dreckig."

Severus hielt ihre Hand fest, bevor sie sie zurückziehen konnte, und küsste ihre Handfläche. Und ihre Finger. Er beobachtete sie, während er das tat. Sie starrte seinen Mund an, schluckte. Er rieb seine Nase gegen ihre Finger und atmete tief ein. „Kräuter und Zwiebeln", sagte er.

Sie nickte mit leicht geöffnetem Mund. „Das Essen ist fertig", murmelte sie verzögert.

Er zog sie an sich und küsste sie. Langsam, intensiv, zärtlich. „Béchamelsoße", stellte er dann mit tiefer Stimme fest und sah, wie sie sich mit geschlossenen Augen über die Lippen leckte.

„Wir können das … auch später wieder warm machen", sagte sie heiser.

Severus lächelte. „Nein. Jetzt ist prima. Ich hab Hunger."

Hermines Schultern sanken herab. „Okay", sagte sie enttäuscht.

Er lachte dunkel. „Jetzt schon scharf auf Runde zwei?"

„Du nicht?", fragte sie herausfordernd.

„Bei Merlin, nein! Ich bin keine verdammte zwanzig mehr, Mia!"

„Aww", machte sie, „alter Mann." Sie kaute auf ihrer Unterlippe.

Severus presste sie an sich, griff fest in ihren Po und ließ sie seine Körpermitte spüren. Sie quietschte leise. „Nicht so alt", grollte er, schnappte nach ihrer Lippe und biss selbst hinein. „Aber ich hab trotzdem Hunger."

Sie stöhnte, ließ ihren Kopf gegen seine Brust sinken. „Also gut."


In den Tagen danach litt neben dem Haushalt vor allem der Lehrplan, den Severus für Hermine aufgestellt hatte. Sie verbrachten mehr Zeit im Bett (und auf dem Sofa und unter einem Wärmezauber im Garten und einmal sogar auf dem verdammten Küchentisch), als in den ganzen Monaten davor. Sie waren unersättlich. Er hätte die Schuld dafür gern Hermine zugeschoben, aber er hatte ihr genauso wenig entgegenzusetzen wie umgekehrt.

Manchmal, wenn Severus nachts nicht schlafen konnte und Hermine ansah, schüttelte er über sich selbst den Kopf. Diese Frau wickelte ihn um ihren kleinen Finger und er versuchte nicht mal mehr, dem zu widerstehen. Wenn es nach ihm ging, konnte sie ihn um alles wickeln, er würde sich nicht beschweren.

Genau genommen war er sogar erleichtert. Nach seinem Erlebnis mit Adia hatte er befürchtet, dass die Folter, die er durchgemacht hatte, ihn auch in Zukunft beeinträchtigen würde. Dass er es nicht würde ertragen können, wenn Hermine ihm nahe kam. Aber tatsächlich hatte ihn diese Zeit bisher nur einmal eingeholt.

Es hatte schon angefangen, als Hermine sich auf ihn gesetzt hatte. Sofort war da dieses Kitzeln in seinem Bauch gewesen, das sich nicht das kleinste bisschen gut angefühlt hatte. Aber es war Hermine, nicht wahr? Er war nicht gefesselt, seine Hände waren frei, sie zu berühren, er konnte seine Füße aufstellen, es gab keinen Zauberstab, der ihn mit einem Cruciatus quälte, wenn er zu entkommen versuchte. Es war okay, das war Vergangenheit.

Aber als sie sich auf ihn fallen ließ und ihre Haare – ihre wundervollen weichen, wohlriechenden Haare – auf einmal überall in seinem Gesicht waren, wurde das Kitzeln zu einer Panik, die er nicht mehr wegreden konnte. „Hermine, bitte … bitte geh runter", hatte er gemurmelt und sie von sich geschoben.

Das Gespräch, das sie danach miteinander geführt hatten, war eines, das er lieber vergessen würde. Nicht weil es so schrecklich gewesen wäre, sondern weil er sich dabei so schrecklich gefühlt hatte. Er wollte Bellatrix nicht die Genugtuung geben, ihm nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Genauso wenig wie Lucius. Aber sein Körper betrog ihn.

Hermine hatte ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen und ihn angesehen, so wie er vermutlich manchmal sie ansah. „Wir werden einen Weg finden, Bellatrix diese Macht zu nehmen, Severus. Langsam, mit viel Zeit. Irgendwann gibt es nur noch dich und mich in unserem Bett."

Er hatte den Eindruck, dass sie seitdem vorsichtiger mit ihm umging. Dass sie ihn aufmerksamer beobachtete, seine Körpersprache genauer analysierte. Einerseits hasste er das; selbst das gab Bellatrix schon zu viel Macht. Andererseits hatte es auch seine Vorteile im Bezug auf die angenehmeren Seiten dieser Momente, denn sie erkannte noch besser, was ihm gefiel, und wurde nicht müde, ihm mehr und mehr davon zu geben. Das ließ ihn seinen Frieden damit schließen.

Nach gut einer Woche Müßiggang fand Severus dann aber doch ein kleines Stück Disziplin wieder und beorderte sie ins Labor. „Der Trank, den wir heute durchgehen werden, ist nicht ungefährlich. Ich werde keine Ablenkungen dulden, keine doppeldeutigen Kommentare, keine Unaufmerksamkeit." Er sah sie intensiv an.

„Okay", sagte Hermine und band ihre Haare zurück. „Was für ein Trank ist es?"

Er schloss kurz die Augen. „Ein Düngemittel für Rosen."

Sie sah ihn an. Blinzelte. Und grinste. „Ehrlich?"

„Ehrlich. Ich mach keine Scherze, wenn es um diesen Trank geht, Hermine."

Ihre Augenbrauen zuckten. Hermine, nicht Mia. Sie schluckte. „Was macht den Trank so gefährlich?"

„Die Menge an gefährlichen Zutaten. Luchshaare, Erumpentsekret, Drachenlunge, Phönixfedern – sie sind alle leicht explosiv und entzündlich. Man muss diesen Trank verstehen, um ihn zubereiten zu können."

Hermine nickte und stand auf, um die Zutaten zu holen. „Was brauchen wir noch?", fragte sie mit dem Tablett in der Hand.

„Schrumpelfeigen, Flussgras, Jadepulver, Einhornhaar und die Standardzutaten."

Hermine brachte alles zum Tisch und sie begannen, die Zutaten vorzubereiten. Hermine hielt sich strikt an seine Anweisungen, alle ihre Fragen bezogen sich auf den Trank, sie war genauso konzentriert wie er. Nach etwa einer Dreiviertelstunde ging der Trank in eine Ruhephase und sie begannen, den Labortisch aufzuräumen. Hermine wischte sich über die Stirn; schon in der ersten Zubereitungsphase hatte der Trank ihr gezeigt, wie heikel er war. Wie unberechenbar und wie instabil. Einmal hatte sie die Zutaten zu schnell hinzugefügt und er war hochgekocht und hatte Funken gesprüht. Ein anderes Mal war das Feuer ein paar Grad zu heiß gewesen und der Trank hätte beinahe selbst zu brennen begonnen, ohne überhaupt Kontakt zum Feuer gehabt zu haben.

„Warum enthält ein Düngemittel für Rosen so gefährliche Zutaten?", fragte sie, während sie die Kiele der Phönixfedern einsammelte und beiseite legte; sie konnten sie für andere Tränke benutzen. „Wer setzt sich so einer Gefahr aus für ein paar Rosen?"

„Es lohnt sich. Die Preise für mit diesem Mittel gedüngte Rosen sind horrend. Ihre Blüten sind größer, sie sind widerstandsfähiger, sie duften stärker und lieblicher, und wenn das Mittel gut produziert wurde, schillern ihre Blüten. Es gibt Leute, die Unsummen dafür bezahlen."

Sie schnaubte leise. „Und wer hat sich das ausgedacht? Ich meine … es muss irgendwann mal jemanden gegeben haben, der fand, es wäre eine gute Idee, sein Leben für ein Düngemittel zu riskieren."

Er lächelte, während er den Kessel im Auge behielt. „Ich hab meinen Meister das gleiche gefragt. Die genaue Geschichte ist nirgendwo dokumentiert, es ist nur eine mündliche Überlieferung." Eine große Blase stieg in dem Trank auf und zerplatzte lautlos auf der Oberfläche. Severus beäugte es kritisch.

„Aber es gibt eine Überlieferung", wandte Hermine ein, als er sich ihr wieder zuwandte.

„Natürlich. Es ging – wie sollte es auch anders sein – um eine Frau." Hermine zog eine Augenbraue hoch. „Viele gute Geschichten beginnen mit einer Frau und unsere Umkehr des Vicissitudo Virtus wird sich in diese Reihe gesellen."

Eine zarte Röte stieg ihr in die Wangen.

Er feixte. „Nun, bei dieser Geschichte ging es jedenfalls um eine Frau, die eigentlich schon in festen Händen war, nämlich in denen des Tränkemeisters. Sie standen kurz vor der Hochzeit, als ein Blumenzüchter in den Ort kam und sämtliche Frauen mit seinen Rosen verzückte. Auch die des Tränkemeisters."

„Klar", murmelte Hermine und stützte den Kopf in die Hand, während sie ihm zuhörte.

„Der Tränkemeister konnte das nicht zulassen. Er war angesehen im Ort und wenn ihm die Frau so kurz vor der Hochzeit weglief, wäre er das Gespött der Leute gewesen. Also hat er einen seiner Diener damit beauftragt, die Rosenbeete des Züchters mit einer Mischung zu beträufeln, die dem Boden die Nährstoffe entzog, so dass die Rosen langsam eingingen."

„Wie slytherin", sagte sie.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Kein Grund, Slytherin in die Sache mit reinzuziehen. Das war noch vor der Gründerzeit von Hogwarts."

„Was nicht heißt, dass es keine Slytherins gab." Sie lächelte unschuldig.

„Wie dem auch sei", überging Severus ihren Einwand, „Nach einigen Tagen erzählte man sich im ganzen Dorf von der Tragödie und der Tränkemeister sah, dass seine Zukünftige am Boden zerstört war. Sie hatte die Rosen wirklich nur um der Rosen Willen geliebt. Also hat er sich hingesetzt und ein Rezept ersonnen, das den Rosen helfen sollte."

„Was es nicht tat", kombinierte Hermine.

Severus nickte, während er den Trank einmal umrührte. „Er braute den Trank und schickte seinen Diener ein weiteres Mal los. Doch es half nicht. Die Rosen gingen weiter ein. Also versuchte er es mit einem gehaltvolleren Mittel."

Hermine seufzte. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass mindestens Dreiviertel der Liebesgeschichten weitaus weniger dramatisch wären, wenn die Verliebten mal miteinander geredet hätten?"

„Ich denke nicht, dass es nur Dreiviertel sind", wandte Severus ein.

Es klingelte leise, die Ruhezeit des Trankes war abgelaufen. Severus schob die Schale mit der Drachenlunge zu Hermine, die eine Pinzette zur Hand nahm. „Vorsichtig ein Stück nach dem anderen vom Rand des Kessels aus in die Mischung gleiten lassen", sagte er und beobachtete sie angespannt.

Hermine atmete auf, als das letzte Stück im Trank war. Sie legte die Pinzette beiseite und wischte sich wieder den Schweiß von der Stirn. „Das Feuer ist bei Tränken dieser Art irgendwie immer noch heißer als sonst", murmelte sie.

Severus hatte allerdings nicht mehr als ein schwaches Lächeln für sie übrig. Er beobachtete die Reaktion des Trankes, zog sie schließlich am Arm neben sich. „Du kannst bei diesem Trank niemals sicher sein, ob er sich nicht doch noch anders entscheidet und deinen Labortisch ruiniert. Nicht bevor er vollkommen abgeschlossen und sicher verkorkt in einer Phiole in deinem Regal steht."

Sie schluckte. „Du machst mir Angst."

„Gut", erwiderte er und schaffte es, dabei den alten, schnarrenden Lehrertonfall zu benutzen. Hermine kräuselte die Nase. „Es gibt nicht viele Tränke, die gefährlicher sind als dieser. Und die meisten davon gehören zur Dunklen Magie."

„Wie ermutigend", murmelte sie.

Severus zog eine Augenbraue hoch. „Gib es zu: Du genießt es, diesen Trank zu brauen."

Erneut sah sie ihn mit diesen riesigen Augen an. Dann jedoch breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Und wie!"

„Es hätte mich enttäuscht, wenn es anders gewesen wäre. Lerne, ihn zu verstehen. Sieh dir die kleinen Schaumkronen an, die sich gebildet haben." Sie folgte seinem Fingerzeig. „Wenn sie sich gelb verfärben, solltest du besser das Feuer löschen. Sind sie blau, kannst du es wagen, das Ganze unter strenger Beobachtung noch weiter köcheln zu lassen. Sind sie rot … Nun, dann versuchst du besser gar nicht erst, dein Labor zu retten."

Hermine schluckte. „Severus, ist das gelb oder rot?"

Er kniff die Augen zusammen und löschte das Feuer. „Ich bin mir noch nicht sicher …"

Im nächsten Moment leuchteten die Schaumkronen rot auf. „Unter den Tisch!", sagte Severus mit scharfer Stimme und folgte ihr.

Einige Sekunden warteten sie, dann ertönte ein lauter Knall, gefolgt von einem lauten Platschen. Der Trank schwappte über den Rand des Tisches und er zog sie tiefer unter die Tischplatte, um den heißen Spritzern des Trankes zu entgehen. Hermine schnaufte leise. „Was für eine Sauerei …"

„Ich dachte, nach Longbottom wäre dir so etwas bekannt."

„Nur weil ich es kenne, frustriert es mich nicht weniger." Sie kroch unter dem Tisch hervor und ging dabei sorgfältig den Trankspritzern auf dem Boden aus dem Weg. „Ist der Trank jetzt entschärft, oder müssen wir immer noch vorsichtig sein?", fragte sie, als sie bereits wieder stand und sich den Staub von der Hose klopfte.

„Vorsicht ist niemals verkehrt." Er folgte ihr und zog die Nase kraus, als er das Desaster auf dem Tisch und dem Boden sah. „Aber ich denke, da wird nicht mehr viel passieren."

„Merlin sei dank", nuschelte Hermine.

„Wir sollten die Reste analysieren und schauen, was schief gelaufen ist."

„Stimmt!", sagte und schien erst jetzt zu begreifen, was gerade passiert war. „Dir ist ein Trank explodiert. Dir. Wie konnte das passieren, Severus?"

Er zog die Augenbrauen hoch. „Was heißt hier mir? Du hast so viel an diesem Trank mitgearbeitet, dass es durchaus auch deine Schuld gewesen sein könnte."

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Finden wir es heraus."

„Gern." Er sah sie noch einen Moment an, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. Dann betrachtete er die verschmolzenen Überreste des Kessels, in denen kleine Pfützen dreckig grünen Trankes schwammen, die immer noch dampften. „Kühl die Reste ab, ich hol eine Phiole."

Während Hermine ihren Zauberstab zückte, wandte Severus sich zum Regal. Er nahm eines der Glasgefäße herunter und beseitigte nebenbei die Trankreste auf dem Boden. Sie hatten dunkle Flecken hinterlassen. Egal. Darum konnten sie sich später kümmern.

Eine kleine Zahl schwebte über dem zerstörten Kessel in der Luft. 67° Celsius zeigte sie momentan an und sie sank weiter. Bei 45° Celsius hielt Severus sie auf. „Das genügt. Zu schnelles magisches Abkühlen könnte etwas am Trank verändern."

Hermine machte ihm Platz und Severus zog seinen Zauberstab, um die Pfützen auf magischem Wege in die Phiole zu befördern. „Warum kippe ich den Trank nicht durch einen Trichter?", fragte er dabei.

„Damit er nicht unnötig bewegt und womöglich doch noch gereizt wird?" Severus nickte, während der Trank in die Phiole schwebte. „Wie ging die Geschichte mit dem Tränkemeister eigentlich aus?", fragte sie dann.

Severus holte gerade Luft, um ihr zu antworten, doch er kam nicht mehr dazu. Er sah durch das Glas der Phiole hindurch eine kleine, eine winzige Bewegung. Ein Tropfen des Trankes löste sich vom Rand des geschmolzenen Kessels und fiel in die Lache darunter.

Severus ließ die Phiole sinken und sah, wie Dampfschwaden über dem Trank aufstiegen. Auch ohne die Temperaturanzeige konnte er sehen, dass die Lache sich rasend schnell aufheizte. Er ließ seinen Zauberstab fallen. Das Klappern, als er auf dem Boden aufschlug, hallte sonderbar in ihm wider. Er zog Hermine hinter sich. Hörte die Explosion, spürte einen stechenden Schmerz in seinem Gesicht und dann … nichts mehr.