Kapitel 3.08 – Knallrümpfige Kröter

Glasscherben.

Da waren Glasscherben in … in seinen Augen. Ein Ton. Eine Stimme, die etwas sagte.

Dunkelheit.


Etwas pochte.

Wumm. Wumm. Wumm.

Jedes Mal trieb es die Scherben tiefer in seine Augen.

Sein Arm zuckte.

Dann wieder die Stimme. Diesmal verstand er sie: „Es wird gleich besser, schlaf weiter."

Dunkelheit.


Die Scherben waren Sandpapier. Seine Augen waren Sandpapier.

Was war passiert?

Seine Gedanken kämpften sich durch ein Dickicht aus Nebel und Verwirrung. Dann der erste klare Gedanke: Der Trank. Er war explodiert.

Hermine!

Severus stöhnte. Er wollte blinzeln, aber es ging nicht. Er wollte etwas sagen, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht! Sein Herz schlug ihm bis unter die Schädeldecke und mit jedem Schlag schwoll sein Kopf auf die doppelte Größe an. Schwerfällig hob er die Hand und presste den Ballen gegen die Stirn. Schmerz.

Hermine!

Wumm wumm wumm.

Ruhig. Wenn er nur ganz ruhig atmete, musste das Pochen nachlassen. Es musste.

Aber es ließ nicht nach.

Er rieb seine Zunge gegen den Gaumen. Sein Mund war trocken. Er räusperte sich – und bereute es prompt. Mehr Pochen, mehr Schmerz.

„Severus?" Hermines Stimme klang verschlafen neben ihm.

Er atmete auf. Sie war da. Sie konnte reden. Das war gut.

„Warte, ich geb dir einen Schmerztrank", sagte sie und die Matratze unter ihm schwankte, ehe er den kühlen Rand einer Phiole an seinen Lippen spürte. Er wollte den Kopf heben, aber – mehr Schmerz. Also ließ er sie die Phiole etwas mehr kippen und der dicke, süße Trank floss in seinen Mund. Beinahe augenblicklich ließ das Pochen nach.

Severus schluckte. Seine Zunge erschien ihm jetzt deutlich kooperativer. „Geht es … dir gut?", fragte er heiser.

„Ja, es geht mir gut. Du hast mich hinter dich gezogen, ich hab … nur ein paar Spritzer abbekommen. Sind längst verheilt."

Severus wandte den Kopf in die Richtung, aus der er ihre Stimme gehört hatte. „Was ist mit meinen Augen?"

Sie seufzte. „Der Trank hat sie verätzt. Ich hab … getan, was ich konnte. Im Moment hab ich sie versiegelt. Der Trank, den ich dir hineingeträufelt habe, muss einwirken." Sie atmete zitternd aus. „Ich weiß nicht, ob er …" Ihre Stimme rutschte ab.

Severus hob die Hand und traf ihren Arm, glitt über ihre Schulter hinauf, bis er ihr Gesicht gefunden hatte. „Hauptsache, dir geht es gut." Er spürte Tränen an seinen Fingern und strich sie fort.

„Ich hatte solche Angst um dich", flüsterte sie und schmiegte sich noch fester in seine Hand.

„Und ich um dich", entgegnete er.

„Es geht mir gut", wiederholte sie. „Der Trank hat auch dein Gesicht verletzt. Du standest direkt davor, Severus. Was ist bloß passiert?"

Er schüttelte ganz leicht den Kopf, jetzt konnte er das nahezu schmerzfrei tun. „Etwas von dem Trank ist … hinuntergetropft. Ich weiß nicht, warum das zu dieser Reaktion geführt hat. Ist die Probe, die ich genommen habe, heil geblieben?"

Nun spürte er, wie sie den Kopf schüttelte. „Nein. Es ist nichts übrig geblieben, das nicht verunreinigt war. Ich hab nachgesehen, nachdem … Es ist alles weg."

Er seufzte. Gedanklich ging er jeden einzelnen ihrer Schritte durch. Hermine schien zu ahnen, was er tat, denn sie schwieg. Hielt nur seine Hand fest. Schließlich schüttelte er wieder den Kopf. „Wir haben keinen Fehler gemacht. Der Trank hätte nicht so reagieren dürfen", murmelte er und runzelte die Stirn. Was kaum ging, seine Haut fühlte sich steif und geschwollen an.

Hermine legte sich wieder hin, zog seinen Arm um ihre Schultern und schmiegte ihren Kopf in seine Armbeuge. „Ich hatte solche Angst", hauchte sie wieder und küsste seine Brust.

Severus zog sie an sich.


Als er das nächste Mal aufwachte, hörte er ihre ruhigen Atemzüge neben sich. Das Ticken einer Uhr. Das Knistern der Federn in seinem Kissen, als er den Kopf zur Seite rollte. Er roch Hermine. Ihre Haare, ihren Körpergeruch. Ihre Schlafwärme hüllte ihn darin ein. Und er fühlte das Sandpapier in seinen Augen.

Er wusste, dass es nicht ging, aber trotzdem versuchte er zu blinzeln. Da war diese Überzeugung, diese tief verwurzelte Gewissheit, dass er nur die Augen öffnen musste und dann würde er sehen können. Es war immer so gewesen. Er musste nur … seine verdammten Augen aufmachen!

Aber es ging nicht.

Er seufzte leise. Und wollte sich über das Gesicht wischen, aber sein Gesicht war immer noch verletzt und empfindlich. Er spürte die Reste einer Salbe an seinen Fingern und roch daran. Murtlap-Essenz. Es hatte sein Gesicht übel erwischt, wenn eine Behandlung damit nicht ausreichte. Vermutlich würde Hermines Narbensalbe eine neue Aufgabe bekommen.

Hermine.

Sie atmete neben ihm und machte wieder diese kleinen Geräusche dabei. Dieses Noch-kein-Schnarchen-aber-irgendwann. Er wollte sie ansehen. Er wollte sehen, dass es ihr gut ging. Dass sie keine so üblen Verletzungen abbekommen hatte wie er.

Aber es ging nicht.

Severus verzog das Gesicht. Jetzt war er nicht mehr nur eingesperrt in diesem verdammten Haus, sondern auch noch in seinem Kopf! Es gab kein Fenster mehr, mit dem er nach draußen sehen konnte. Es gab nur die Bilder in seinem Geist.

Er setzte sich auf, konnte es nicht mehr ertragen, still liegen zu bleiben. Presste die Handballen gegen die Stirn, obwohl es wehtat. Sollte es doch!

„Severus?"

Er stöhnte. „Lass mich durch, ich muss ins Bad", murmelte er und spürte, wie die Matratze schwankte, als sie ihm Platz machte.

„Soll ich dir helfen?"

„Nein", grollte er und verlor beinahe das Gleichgewicht, weil sein Fuß sich in der Decke verfangen hatte. Er stolperte ein paar Schritte vorwärts und wusste plötzlich nicht mehr, wo er war. Er streckte die Hände aus und schob vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Da. Er tastete. Eine Stuhllehne. Etwas weiter nach links. Die nächste Stuhllehne, dahinter der Türrahmen. Er fand die Klinke und verschwand in dem kleinen fensterlosen Bad, das er auch sonst oft im Dunkeln aufsuchte und das deswegen vermutlich der einzige Raum in diesem ganzen verdammten Haus war, in dem er keine Schwierigkeiten hatte, sich zurechtzufinden.

Er sank auf die Toilette und spürte seinem Herzschlag nach. Wie sollte es jetzt weitergehen? Wie lange würde es dauern, bis Hermine wusste, ob ihr Trank helfen würde? Und was, wenn er das nicht tat? Was, wenn er … blind bleiben würde?

Etwas kroch eiskalt seinen Rücken hinauf und schnürte ihm die Kehle zu. Die Luft um ihn herum wurde immer dünner und er fühlte sich, als würde er auf einem Karussell sitzen. Er griff nach dem Rand der Duschwanne neben sich, aber das Gefühl ließ nicht nach. Ihm wurde übel.

Licht! Er brauchte Licht! Er musste nur sehen, dass …

Severus würgte trocken, ihm brach der Schweiß aus. Okay. Ruhig. Atmen! Da war Luft. Genug Luft.

Langsam legte sich das Schwindelgefühl und die Übelkeit ebbte ab. Er begann zu frösteln und nachdem er die Toilette benutzt und sich die Hände gewaschen hatte, ertastete er sich seinen Weg zurück zum Bett.

„Geht es dir gut?", fragte Hermine. Ihre Stimme klang angespannt. Ängstlich.

„Ja", sagte er und kroch unter die Decke. Zog sie bis unter sein Kinn und rollte sich auf der Seite zusammen, den Rücken zu Hermine gedreht. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, ein Zittern durchlief seinen Körper. Aber sie sagte nichts und nach einer Weile hörte er wieder ihren ruhigen Atem.

Severus hingegen fand keine Ruhe. Anscheinend war es Nacht, sonst wäre Hermine nicht so bereitwillig wieder eingeschlafen. Aber er war wach. Bilder, Szenarien, Fragen wirbelten durch seinen Kopf. Wie sollte es jetzt weitergehen? Gut, er würde sich im Haus irgendwie zurechtfinden. Lange genug lebten sie jetzt hier und er besaß zwei gesunde Hände. Die Fortbewegung würde kein Problem sein. Auch für die grundlegenden Dinge würde er keine Hilfe brauchen. Körperpflege, sich an- und ausziehen, Fortbewegung. Das würde gehen.

Aber beim Essen fingen die Probleme an. Sollte sie ihn füttern? Oder sollte er nur noch Dinge essen, die er mit einem Löffel aus einer Schüssel essen konnte? Wie sollte das gehen?

Und wie sollte er sie weiter ausbilden? Er musste die Tränke sehen. Er musste sie beobachten – und Hermine auch. Er musste sehen, ob sie die richtigen Zutaten benutzte und ob sie sie richtig vorbereitete. Selbst wenn sie ihm alles bis ins Detail beschrieb … Was, wenn ihm etwas wichtiges entging? Was, wenn wieder ein Trank explodierte und er sie das nächste Mal nicht …

Nein. Hermines Trank würde wirken! Er musste! Es war einfach unmöglich, dass er nie wieder … Er würde wirken.


Er hatte keine Minute mehr geschlafen, bis Hermine aufwachte. Er wandte sich ihr zu, kaum dass er die Änderung in ihrem Atemmuster registrierte. „Wie lange wird es dauern, bis du weißt, ob ich wieder werde sehen können?", fragte er.

Hermine stockte. „Ähm …" Es klang, als würde sie sich das Gesicht reiben. „I-Ich weiß es nicht, Severus. Ein paar Wochen?"

Wochen?", wiederholte er entsetzt.

„Die Verletzungen waren wirklich schlimm! Es tut mir leid, dass es nicht schneller geht. Ich wünschte, ich könnte …"

Er hob eine Hand. „Schon gut", sagte er.

Wochen. Er griff sich an die Nasenwurzel, aber Überraschung! Das tat verdammt nochmal weh! Severus stöhnte.

„Ich muss dein Gesicht nochmal mit der Murtlap-Essenz behandeln, ehe die Wunden verheilt sind", sagte sie leise. Sehr leise.

Severus atmete langsam aus. „Es ist … Ich …" Er rieb die Zähne gegeneinander. „Es tut mir leid." Er holte tief Luft. „Danke für deine Hilfe. Mia." Er prügelte die Worte beinahe heraus. Es widerstrebte ihm, auch nur ein einziges davon auszusprechen, weil der Verdruss ihm gerade die Galle hochsteigen ließ und seine Finger kribbelten und er irgendwo hin wollte damit!

Aber es war nicht ihre Schuld. Weder dass der Trank explodiert war, noch dass er im Weg gestanden hatte, noch dass er diese Verletzungen davon getragen hatte. Es war nicht ihre Schuld und sie tat, was sie konnte. Er durfte sie nicht verlieren. Er musste … sich irgendwie zusammenreißen.

Sie seufzte. „Es ist okay, Severus. Ich bin da. Ich bleibe da. Wir kriegen das hin." Sie legte einen Finger auf seine Lippen und ersetzte ihn mit ihren eigenen.

Severus entspannte sich unter diesem zärtlichen Kuss. Mia. Ihr Geschmack, ihr Geruch, ihre Wärme an ihm. Er seufzte gegen ihre Lippen und etwas brannte hinter seinen versiegelten Lidern. Er hob die Hand und ließ sie in ihre Haare gleiten, hielt ihren Kopf fest, als sie sich zurückziehen wollte. Er brauchte diesen Kuss gerade wie die Luft zum Atmen. Er konnte endlich wieder atmen! Und der Schwindel, der ihn jetzt erfasste, war ein guter Schwindel. Einer, der dieses warme Gefühl in seinem Bauch hinterließ.

Schließlich ließ er sie gehen. „Wie lange ist es eigentlich her?", fragte er.

„Zwei Tage."

Seine Augenbrauen zuckten.

„Ich hab dich die erste Zeit schlafen lassen. Deine Verletzungen waren ziemlich schmerzhaft, so war es angenehmer für dich."

Er nickte. „Und wie spät ist es jetzt?"

Sie griff über seinen Oberkörper hinweg nach der Uhr, die auf seinem Nachtschrank stand. „Halb neun."

Er schnaubte. Kein Wunder, dass er nicht mehr hatte schlafen können. Normalerweise wäre er seit über drei Stunden auf den Beinen.

„Du hättest mich wecken können", sagte sie. Anscheinend hatte sie ihm seine Gedanken im Gesicht abgelesen.

„Ich wusste ja nicht, wie spät es ist", grollte Severus. Seine Stimme klang immer mehr wie seine eigene. Immerhin etwas.

„Tut mir leid. Bevor du duschen gehst, würde ich deine Wunden gern noch einmal einreiben."

„Tu dir keinen Zwang an."

Diesmal stieg sie über ihn hinweg und er hörte, wie sie einen Tiegel aufschraubte. Severus setzte sich auf die Bettkante. Kurz darauf waren ihre Finger auf seinem Gesicht. Vorsichtig massierten sie die Salbe in die verletzten Stellen und Severus bekam ein genaueres Bild davon, welche Teile seines Gesichts überhaupt in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

„Fünf bis zehn Minuten, dann kannst du duschen. Brauchst du meine Hilfe?"

„Nein."

„Soll ich … hierbleiben?"

Er stöhnte leise. „Geh dich fertig machen, Hermine. Ich melde mich, wenn ich dich brauche."

„Okay." Und dann ging sie.


Es hatte ganz zärtlich angefangen.

Severus' Schlafrhythmus war bereits nach knapp einer Woche ein einziges Chaos. Er hatte vorher schon nicht viel geschlafen, jetzt tat er das oft nicht mal mehr nachts. Wie hätte er auch nachts schlafen sollen, wenn er nicht mal wusste, wann nachts war? Er konnte sich nur an Hermine orientieren, aber sie hatte schon immer mehr geschlafen als er und ihre Schlafrhythmen passten nicht zueinander.

Trotzdem legte er sich manchmal mit ihr hin. Schlief eine Weile. Und lag dann neben ihr, lauschte in die Dunkelheit. Es war so still in diesem Haus.

Ja, sie hatte geschlafen. Aber es gab schlechtere Arten, um geweckt zu werden, oder? Seine Hand strich über ihr nacktes Bein und als er in ihren Slip schlüpfte, spreizte sie es ab, ohne aufzuwachen. Severus feixte. Er verteilte ihre Feuchtigkeit mit einem Finger und massierte ihre Klitoris, bis Hermine leise seufzte. Aber sie wachte noch nicht auf.

Er glitt zwischen ihre Schamlippen und obwohl seine Hand unter der Decke und in ihrem Slip war, glaubte er, sie riechen zu können. Severus atmete tief ein und seufzte leise. Ein heißes Kribbeln schoss hinab in seinen Schoß.

Hermine wimmerte leise, wand sich unter seiner Hand schob sich ihm entgegen. Erst jetzt wachte sie langsam auf, ihr Atem wurde hektischer. Severus glitt mit zwei Fingern in sie und ein kleiner Schrei entrang sich ihrer Kehle. „Severus!", keuchte sie und krallte ihre Hand in seinen Arm.

„Soll ich aufhören?", fragte er dunkel.

„Nein!", japste sie und dann: „Mmh!" Und: „Ja!"

Er verschwand unter der Decke und zog ihren Slip von den Hüften. Hier war ihr Geruch so intensiv, dass sein Glied zuckte. Er stöhnte und rieb seine Nase über ihren weichen Bauch, durch ihre Schamhaare und über ihre Klitoris. Hermine erschauderte. Ihre Beine zitterten neben seinem Kopf.

Severus zog seine Finger aus ihr und ersetzte sie mit seiner Zunge. Mmmh, sie schmeckte so gut und sie stöhnte so laut, dass er beinahe in seiner Unterhose kam.

Und dann war es gekippt.

Er konnte nicht mehr warten. Er wollte es nicht. Er schob seine Unterhose hinunter und drang in sie ein. Hermine schrie überrascht auf, fand seine Schultern und ihre verdammten Fingernägel kratzten ihm die Haut auf! Er stieß in sie, bis sie wimmerte, er keuchte und knurrte und sie schrie seinen Namen.

„Soll ich aufhören?", fragte er wieder, als er sich für einen Moment nicht mehr sicher war, ob sie noch vor Lust schrie oder nicht.

„Denk nicht mal dran!", greinte sie und schlang die Beine um seine Hüften.

Und von da an war nichts mehr zärtlich gewesen. Sie waren wie zwei wilde Tiere gewesen, die Bettdecke um ihre Körper geschlungen, verschwitzt, besessen, hemmungslos. Hermine legte die Hand in seinen Nacken und zog ihn zu einem Kuss herab, so wild, dass ihre Zähne gegeneinander stießen. Er biss ihr in die Lippe und sie zuckte zusammen, dann schmeckte er etwas Blut. Sie kratzte dafür über seinen Rücken – absichtlich! - und er stöhnte, bog ihn durch.

Schließlich trieb einer seiner Stöße sie über die Spitze und sie zerrann unter ihm zu einer zitternden, bockenden Masse, ihre Muskeln tanzten um ihn und Severus folgte ihr, versteifte sich, ergoss sich heiß in ihr und brach auf ihr zusammen. Er keuchte und hörte ihr Herz unter seinem Ohr rasen.

„Was war das?", fragte sie nach ein paar Minuten und strich mit den Fingern durch seine Haare.

Er grollte leise, was sie seufzen ließ. „Ich konnte nicht schlafen."

Sie gluckste. Und dann begann sie zu kichern und schließlich zu lachen.

Er stimmte dunkel mit ein, rollte sich von ihr und zog sie in seine Arme. „Hab ich dir wehgetan?"

„Du hast mir in die Lippe gebissen!"

Er zog eine Augenbraue hoch, auch wenn sie es vermutlich nicht sehen konnte. „Du hast mir die Schultern zerkratzt. Und den Rücken! Absichtlich!" Es brannte richtig.

„Ich musste mich doch wehren", sagte sie scheinheilig und küsste seine nackte Brust. „Glaubst du, du kannst jetzt schlafen?"

„Vielleicht eine Weile."

„Gut."


„Hermine, wie genau sieht der Trank aus?" Severus' Stimme hatte seit dem Beginn der Unterrichtsstunde merklich an Schärfe zugenommen.

„Blau! Er ist einfach blau. Marineblau, verhältnismäßig dunkel." Sie klang gereizt.

„Weiß ich, wie Marineblau aussieht?", knurrte er leise und strich sich durch die Haare.

Seit dem Unfall vor zwei Wochen war dies der erste Versuch, den Unterricht fortzuführen. Er hatte darauf bestanden, es zu versuchen. Er konnte nicht lesen, er konnte nicht schreiben, er konnte nicht in sein Denkarium gehen. Das hieß, er konnte schon, aber er hörte nur, was in der Erinnerung passierte. Er sah weder das Meer, noch den Wald, noch Hogwarts. Seine Laune war ähnlich ausgeglichen wie die von Hagrids seltsamen Eigenzüchtungen, die er vor Jahren mal beherbergt hatte. Wie hatte er sie noch genannt? Genau, Knallrümpfige Kröter. Genau so war seine Laune.

Zweimal hatte Hermine seine Lider schon geöffnet, um eine weitere Dosis ihres Trankes hineinzuträufeln. Zweimal hatte er nichts gesehen. Gar nichts. Nur Dunkelheit. Das letzte Mal war heute Morgen gewesen.

Hermine verlor allmählich die Geduld mit ihm. „Severus, er sieht aus, wie er aussehen soll!" Etwas klirrte leise.

„Was war das?", fragte er alarmiert.

„Eine Pinzette! Nur eine Pinzette!"

Er schnaufte. „Das hat keinen Zweck", murmelte er und stand auf. Er lief gegen die Ecke des Arbeitstisches, während er das Labor durchquerte. Ärgerte sich, dass ihm das immer noch passierte und musste gleichzeitig der Versuchung widerstehen, absichtlich etwas zu Boden zu reißen. Am besten etwas, das dabei kaputt gehen würde.

„Severus!", rief Hermine ihm hinterher, aber er winkte wütend ab und stolperte die Treppen hinauf.

Im Wohnzimmer tastete er sich zur Vitrine durch, von der er wusste, dass sie den Feuerwhiskey beherbergte. Seine Finger glitten vorsichtig durch das Regal, bis er den bekannten Flaschenhals fand. Er schloss die Vitrine wieder, denn wenn er es nicht tat, würde er irgendwann dagegen laufen. Alle Schranktüren, die er nicht wieder schloss, gerieten ihm irgendwann in den Weg. Genauso wie Stühle, die er nicht wieder unter den Tisch schob, und Geschirr, das er nicht in die Spüle räumte. Dinge, die er nicht an ihren gewohnten Platz zurücklegte, fand er nicht oder nur durch Zufall oder nur mit Hermines Hilfe wieder. Alles außerhalb seines Bettes fühlte sich bedrohlich und ungewiss an, jedes Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Er hasste, hasste, hasste es, nichts sehen zu können! Lieber würde er wieder auf seine Magie verzichten als auf seine Sehkraft.

Irgendetwas stieß er vom Wohnzimmertisch, als er die Couch suchte. Severus knurrte. Er musste finden, was auch immer runtergefallen war. Er würde darüber stolpern, wenn er es nicht tat. Also stellte er den Whiskey auf den Tisch und tastete mit den Händen über den Boden. Er fand es halb unter dem Tisch. Ein Glas. Nicht seines. Mit einem lauten Schlag knallte er es auf die Tischplatte, stemmte sich auf die Couch und suchte den Whiskey.

„Du wirst jetzt nicht trinken!" Hermine. Sie stand irgendwo vor ihm und anscheinend hatte sie den Alkohol an sich genommen.

„Das ist nicht deine Entscheidung", sagte er scharf.

„Stimmt. Aber denk doch mal darüber nach, Severus. Du findest deinen Weg so schon kaum. Du hast so schon Gleichgewichtsprobleme. Was glaubst du, wie es dir betrunken geht?"

Er schnaubte. „Entweder besser oder so richtig beschissen."

Sie seufzte. „Ich wünschte, du würdest mit mir reden."

„Worüber soll ich reden, Hermine? Keine Worte dieser Welt geben mir meine Sehkraft zurück!" Er rieb sich die Stirn.

„Das tut Alkohol auch nicht."

„Nein, aber es ist leichter auszuhalten, wenn ich betrunken bin."

Einen Moment lang war sie still, dann erklang ein leises Geräusch. Glas auf Holz. „Ich schlaf heute in meinem Zimmer", sagte sie tonlos und ihre Schritte entfernten sich.

Severus rümpfte die Nase, verbarg das Gesicht hinter seinen Händen. In seinem Magen brannte etwas. Er löschte es mit Alkohol.


Hermine begann, ihm aus dem Weg zu gehen und er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen. Er konnte sich selbst nicht ausstehen. Vielleicht würde sie ihn jetzt doch verlassen. Niemand wollte mit einem selbstmitleidigen Bastard zusammen sein.

Und ihr unfreiwilliger Aufenthalt hier schien immer noch kein Ende nehmen zu wollen. Jedenfalls erwähnte Hermine keine Nachricht von Albus. Keinen Hinweis darauf, dass sich draußen irgendetwas änderte. Oder dass Draußen überhaupt noch existierte. Aber es kam weiter Essen, zumindest die Hauselfen hatten also überlebt.

Weil Severus nicht die ganze Zeit betrunken sein konnte (Hermine hatte recht gehabt; nüchtern blind zu sein, war eine Karussellfahrt – betrunken war es ein Schiff mitten im Sturm), hatte er nach einem Weg gesucht, Zugang zu seinen Büchern zu bekommen. Er hatte einen Zauber entwickelt, der ihm das Buch vorlas. Aber nur von vorn und Seite für Seite. Er musste noch an den Feinheiten basteln, selbst er konnte sich kein komplettes Buch auf einmal vorlesen lassen. Insbesondere weil er sich keine Notizen machen konnte. Aber zumindest füllte das seine leere Zeit ein wenig.

Hermine kehrte auch in den Tagen danach nicht in sein Bett zurück. Gut, meistens schlief er ohnehin, wenn sie wach war. Sein Schlafrhythmus war eine Katastrophe. Aber sie schlief trotzdem in ihrem Zimmer. Er hatte aufgehört zu trinken, aber das schien ihr nicht zu reichen.

Sie fehlte ihm. Körperlich, aber vor allem emotional. Ihr Optimismus fehlte ihm. Ihr Glaube daran, dass alles gut werden würde. Ohne sie war er … irgendwie sinnlos.

Nachdem sie ihm zum vierten Mal den Trank in die Augen getropft hatte, hielt er ihre Hände fest, bevor sie gehen konnte. „Komm zurück zu mir, Mia", bat er leise und hasste, hasste, hasste es, dass er ihr dabei nicht in die Augen sehen konnte.

Sie schwieg sehr lange, aber sie zog auch nicht ihre Hände zurück. Doch, dann tat sie es doch, aber nur, um sein Gesicht zu sich zu drehen und ihm einen Kuss auf die Lippen zu pressen. „Okay", hauchte sie und lehnte ihre Stirn gegen seine.


„Professor Flitwick hat ein Schachspiel geschickt."

Severus hatte es sich inzwischen abgewöhnt, den Blick zu heben, wenn Hermine ihn ansprach. Er hatte keinen Blick mehr, es war sinnlos. „Wozu?", fragte er.

Sie schwieg eine Weile, vermutlich las sie einen Brief, der dabei gewesen war. Seinen Brief. Severus rümpfte die Nase. „Lies ihn wenigstens laut vor, wenn du schon meine Post lesen musst", grollte er und schob die Schüssel mit dem Porridge von sich.

Hermine seufzte. „Lieber Severus, Albus hat mir gesagt, dass du dich langweilst, also hab ich beschlossen, dir Beschäftigung zu schicken. Zu deinem Brett gibt es ein Gegenstück in meinem Büro. Machst du einen Zug, sehe ich es und umgekehrt. Du fängst an. Ich hoffe, dich so ein wenig aufheitern zu können. Einen lieben Gruß, auch an Mrs Weasley, Filius."

Er rieb sich die Stirn. „Großartig", murmelte er.

„Ja, finde ich auch." Er wusste nicht, ob ihr sein Sarkasmus entgangen war oder ob sie ihn einfach ignorierte. „Kannst du dir das Spielfeld vorstellen und dir merken, wo die Figuren stehen? Ich könnte dir sagen, welche Züge Professor Flitwick macht."

Severus runzelte die Stirn. Über diese Möglichkeit hatte er nicht nachgedacht. „Wir können es versuchen." Er hörte, wie sie das Frühstücksgeschirr beiseite schob und etwas auf den Tisch legte. Vermutlich das Schachbrett. Dann das wiederkehrende Geräusch von Figuren, die auf das Brett gestellt wurden.

„Was für einen Zug willst du machen?"

Er dachte einen Moment darüber nach, stellte sich das Brett und seine Figuren vor. „Bauer E2 nach E4", sagte er dann und hörte, wie Hermine diesen Zug tat.

„Professor Flitwick wird unterrichten, ein paar Tage geht das Schuljahr noch. Vielleicht hat er heute Nachmittag Zeit, um seinen Zug zu machen. Wingardium leviosa!" Ein paar Sekunden später hörte er, wie das Brett auf der Arbeitsplatte neben ihm landete.

Severus seufzte leise und griff nach seiner Kaffeetasse. Jedenfalls versuchte er das. Er hatte seiner Tasse inzwischen einen festen Platz auf dem Tisch zugewiesen, aber Hermine hatte eben alles beiseite geschoben. „Hermine, wo ist mein Kaffee?"

„Oh, Entschuldige", sagte sie und schob die Tasse zurück an ihren Platz.

Er verbarg seinen missmutigen Blick dahinter. Ja, er hatte sie gebeten, zu ihm zurückzukommen. Ja, er gab sich Mühe. Aber er war kein verdammter Heiliger! Der Unfall war fünfeinhalb Wochen her, es tat sich immer noch nichts. Vorgestern hatte sie zum letzten Mal ihren Trank in seine Augen geträufelt, immer noch war da nur Dunkelheit. „Hat es überhaupt noch einen Sinn?", hatte er sie ungnädig gefragt.

„Hat es! Deine Augen sehen besser aus, Severus. Gib dir Zeit!", war ihre Antwort gewesen.

Zeit … Wenn er von etwas gerade zu viel hatte, dann davon. Der Unterricht lief schleppend bis gar nicht. Im Labor zu arbeiten, ergab keinen Sinn. Er war zu ungeduldig und vor allem zu unruhig. Bei jedem Trank, egal wie harmlos er war, hatte er Angst, dieses eine Detail nicht zu bemerken, dass sie in die gleiche Lage bringen könnte wie ihn. Oder schlimmer. Weil er vielleicht nicht die richtige Frage stellte und Hermine die Gefahr nicht bemerkte.

Also hatte er ihr stattdessen theoretische Aufgaben gegeben. Bücher, die sie lesen sollte, und Essays, die sie zu den darin behandelten Themen schreiben sollte. Er konnte sie sich mit seinem Zauber vorlesen lassen. Aber diese Essays mussten auch erst mal geschrieben werden. Hermine las schnell und sie arbeitete schnell, aber auch sie brauchte ihre Zeit.

Seine Ungeduld, sowohl im Bezug auf seine Augen, als auch auf die Essays, setzte sie unter Druck. Sie war unausgeglichen in letzter Zeit. Aufgerieben. Dünnhäutig. Sie versuchte, seine Launen auszugleichen, versuchte optimistisch zu sein, wenn er es nicht war, und ruhig, wenn er aufbrauste. Aber auch sie hatte nur eine begrenzte Leidensfähigkeit. Und er überschritt diese Grenze zu oft.

Sie schlief wieder in seinem Bett, aber er war nicht oft dabei. Er hatte es aufgegeben, sich an ihren Rhythmus anzupassen, und sie hatte es aufgegeben, ihn darum zu bitten. Sie fand keine Ruhe, wenn er sie nicht fand. Selbst in ihrer Nähe zu sein, half ihm nicht. Er scheiterte jeden Tag an sich selbst und seiner Unfähigkeit, diese Wut zu beherrschen. Es dauerte einfach schon zu lang.

Also lebten sie mehr oder weniger nebeneinander her. Aber das zumindest einvernehmlich. Sie machte ihm keinen Vorwurf mehr aus seiner schlechten Laune, sondern ging ihm aus dem Weg, wenn es ihr zu viel wurde. Und er ließ sie. Das war vielleicht die einzige Chance, wie sie diese Phase überstehen konnten, ohne dass sie sich trennten. Wenn es denn eine Phase blieb. Wenn nicht …

Severus holte tief Luft. „Möchtest du heute mit deinen Aufgaben weitermachen oder sollen wir eine mündliche Stunde machen?"

„Ist 'mündliche Stunde' ein Euphemismus für Test?", fragte sie argwöhnisch.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Nein. Eine mündliche Stunde ist eine Stunde, in der du mir Fragen stellst und ich dir antworte, nicht umgekehrt."

„Darf ich dir hinterher eine Note dafür geben?"

„Vielleicht sollten wir doch einen Test daraus machen", entgegnete er nachdenklich.

„Nein!", rief sie, „Mündliche Stunde klingt gut."

Er schmunzelte und hoffte, dass es ihr ähnlich ging. Er brauchte unbedingt eine Pause von dieser Wut und theoretische Zaubertrankkunst könnte vielleicht diese Pause sein.