Kapitel 3.09 – Jahrestage

„Professor Flitwick hat seinen Springer von C8 auf G4 gezogen."

Severus neigte den Kopf, während er sich das Spielfeld wieder in Erinnerung rief. Sie spielten diese Partie jetzt seit zwei Tagen, weil Filius offensichtlich nur gelegentlich Zeit hatte, einen Zug zu machen. Was war bloß in Hogwarts los, dass er so kurz vor dem Ende des Schuljahrs keine Zeit hatte, um in Ruhe eine Partie Schach zu spielen?

Er rieb sich die Nasenwurzel. Springer von C8 auf G4. Auf seinem imaginativen Spielfeld zog er die Figur. „Setz meinen Springer von C4 auf D5", sagte er schließlich.

Er hörte, wie Hermine sich im Sessel nach vorn beugte und den Zug für ihn machte. Dann lehnte sie sich zurück und las vermutlich weiter in ihrem Buch.

Severus, der mitten im Wohnzimmer stehen geblieben war, setzt seinen Weg fort. Er hatte die Terrasse angepeilt. Es war so still im Haus und er konnte es keine Minute länger ertragen, der Stimme seines Vorlesezaubers zuzuhören. Apropos … „Ich merke es übrigens, wenn du versuchst, mich zu täuschen", sagte er mit dunkler Stimme, die Hand schon an der Tür. „Deine Schrift auf dem Pergament magisch so sehr zu verkleinern, dass du den Text von drei Rollen auf zwei Rollen unterbringen kannst, ändert nichts daran, dass ich einen Teil deines Essays nicht bewerten werde."

Hermine seufzte. „Einen Versuch war es wert", murmelte sie.

Er schnaubte, dann ging er hinaus. Hier zwitscherten wenigstens die Vögel.


Er folgte Hermine langsam in ihr Zimmer, nachdem sie vom Frühstück geflüchtet war. Er hörte ihre Schritte auf der Treppe, dem Flur, dann bog sie nach links ab, ehe es still wurde. Er fand sie problemlos. Sie stand vor dem Fenster und er nahm sie von hinten in den Arm, so dass ihr Rücken gegen seine Brust lehnte. Sie hatte die Arme verschränkt und hielt sich zuerst an sich selbst, dann an ihm fest. Die Stille drückte schwer auf seine Ohren.

„Wirst du mir sagen, was dich beschäftigt?", fragte er leise und steckte seine Nase in ihre Locken, die er nur noch vage vor Augen hatte. Der Geruch und wie sie sich auf seinem Körper anfühlten, hatte sich sehr viel deutlicher in seine Erinnerungen gebrannt.

Hermine nickte. „Heute. Heute beschäftigt mich, Severus."

Er runzelte die Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, welcher Tag heute war. Ohne einen festen Schlafrhythmus glitten Tage und Wochen ineinander und nur noch der Tag, an dem sie seine Augen versorgte, war ein fester Punkt im Lauf der Woche für ihn. So dauerte es einige Sekunden, ehe es ihm wieder einfiel. Heute vor einem Jahr waren sie hier angekommen. Heute vor einem Jahr hatte Hermine ihr Kind verloren. „Es tut mir leid, Mia."

Seine Hände glitten an ihrem Körper hinab. Hermine versteifte sich und drehte sich aus seiner Umarmung. „Sei mir nicht böse, Severus. Ich … Lass mir etwas Zeit, ja?"

Er nickte und nahm ihr Gesicht in die Hände, nur um sie auf die Stirn zu küssen. „Ich bin da, wenn du Gesellschaft möchtest."

„Ich weiß."


An diesem Abend saß Severus im Wohnzimmer auf der Couch und ließ sich die neue Potio vorlesen. Es juckte ihn in den Fingern, das eine oder andere neue Rezept auszuprobieren. Manche der verwendeten Zutatenkombinationen hatte er noch in keinem anderen Trank gesehen, er konnte sich kaum vorstellen, dass das tatsächlich funktionierte. Aber wenn es das nicht täte, stünde es nicht in der Potio. Er schnalzte leise mit der Zunge.

„Stör ich dich?"

Severus zuckte zusammen, als Hermines Stimme so plötzlich die Vorlesestimme seines Zaubers durchbrach. „Pausa!", sagte er und es wurde still. „Nein, du störst nicht."

Er hörte sie das Zimmer durchqueren, dann schwankte die Couch neben ihm. Sie stellte etwas auf den Tisch. Als ihre Bewegung einen Luftzug verursachte, hörte er eine Flamme flackern. Anscheinend hatte sie eine Kerze mitgebracht. Dann zog sie die Beine auf die Polster und als ob sie einander niemals fremd geworden wären, legte sie ihren Kopf in seinen Schoß.

Severus hob überrascht die Arme, zögerte und legte die rechte Hand dann auf ihren Arm, fuhr mit der linken durch ihre Haare. „Filius hat seinen nächsten Zug gemacht", sagte sie leise.

„Das hat Zeit bis morgen."

Sie seufzte und es klang so erschöpft, so belastet, dass er schluckte.


Anderthalb Wochen später kam Severus zum ersten Mal der Gedanke, dass Hermines Rückzug nicht an seiner Laune liegen könnte. Jedenfalls nicht komplett.

Am Tag vorher hatte sie zum … achten Mal oder so seine Lider geöffnet, um ihren Trank zu verabreichen. Aber zum ersten Mal hatte er etwas gesehen. Da war nicht mehr nur Dunkelheit, sondern auch … „Licht."

„Wie, Licht?", fragte sie irritiert.

„Ich sehe Licht, Hermine."

Sie keuchte leise. „Das ist großartig!" Sie legte die Hände an sein Gesicht und küsste ihn – das erste Mal seit Wochen nicht nur flüchtig, sondern so, wie sie es sonst getan hatte. Mit der Sehnsucht nach mehr.

Severus seufzte leise und erwiderte diesen Kuss wie ein Verdurstender. Seine Sinne waren schärfer geworden ohne das Sehen, er spürte sie intensiver. Sie schmeckte besser. Und ihr Geruch … Etwas daran hatte sich verändert, aber er konnte nicht den Finger drauf legen. Und in letzter Zeit war sie ihm zu fern gewesen, um solche Themen anzusprechen. Sie roch nicht besser oder schlechter als vorher, nur anders. Vielleicht benutzte sie eine andere Seife.

„Ich sagte dir, es wird!", riss sie ihn schließlich aus seinen Gedanken, die Hände immer noch an seinem Gesicht, die Stirn gegen seine gelehnt.

„Müssen meine Lider trotzdem noch versiegelt werden?", fragte er. Er hasste es, nicht blinzeln zu können. Das Gefühl, er müsste doch nur die Augen öffnen, um sehen zu können, hatte nicht nachgelassen. Er hatte keine Chance, seine Erfahrungen zu überschreiben.

„Ja, eine Weile noch. Wenn du die ersten Schemen erkennen kannst, lassen wir sie offen. Dann brauchst du die Sinnesreize. Noch müssen die Strukturen heilen." Also hatte sie wieder seine Lider verschlossen.

Aber dieser Moment, in dem er Licht gesehen hatte, hatte Severus in ein kleines Hochgefühl versetzt. Seine Laune war besser seitdem. Er hatte endlich die Hoffnung, dass er seine Sehkraft zurückbekommen würde. Dass diese Blindheit nur ein vorübergehender Zeitraum seines Lebens sein würde. So wie vieles andere. Unendlich, während man darin steckt, aber rückblickend betrachtet nur eine kurze Phase. Auch wenn die jetzt schon gut acht Wochen andauerte. Wenn es irgendwann vorbei sein würde, dann konnte er durchhalten.

Aber trotz seiner ausgeglicheneren Stimmung blieb Hermine auf Distanz. Gut, das war erst gestern gewesen. Sicherlich würde sie eine Weile brauchen, um ihm seine Gereiztheit zu verzeihen. Aber es gab einen Moment an diesem heißen Abend Mitte Juli, als Severus sich beinahe lautlos durch das Haus bewegte. Hermine war weder oben, noch in der Küche, noch im Labor. Als er das Wohnzimmer betrat, hörte er die Spatzen. Die Tür zur Terrasse stand offen. Er ging langsam darauf zu.

Nach all den Wochen in Dunkelheit hatte er verinnerlicht, wo die Möbel standen und wie er sich bewegen musste, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Und weil es so heiß war, trug er nur eine weiche Hose und ein Hemd. Und weil er barfuß war, waren seine Schritte nicht zu hören.

Severus blieb an der Terrassentür stehen und lauschte. Dann hörte er, wie eine Buchseite umgeblättert wurde, leicht links von ihm. Er stieg über den kleinen Absatz und legte Hermine eine Hand auf die Schulter. „Severus!", schrie sie und schlug ihr Buch zu. Die Muskeln unter seiner Hand spannten sich an. „Warum kannst du dich jetzt noch besser anschleichen als vorher? Das sollte dir schwerer fallen!", schimpfte sie.

Er runzelte die Stirn. Was jedoch weniger an ihren Worten, als am Klang ihrer Stimme lag. Etwas war anders. „Wenn es dir lieber ist, dass ich mich frühzeitig bemerkbar mache, musst du nur die Möbel im Wohnzimmer verstellen", antwortete er.

Sie seufzte. „Nein, das ist gemein. Übrigens genauso wie das Anschleichen!"

„Es ist sehr gryffindor von dir, es mir trotzdem nicht heimzuzahlen", sagte er mit dunkler Stimme.

Sie schauderte unter seiner Hand. „Und sehr slytherin von dir, deine neu gewonnene Fähigkeit so auszunutzen!"

„Ich hab noch mehr neu gewonnene Fähigkeiten."

„Zweifellos", murmelte sie leise. „Ich muss das hier noch fertig lesen, Severus."

Er runzelte die Stirn. „Was ist los, Mia?"

„Gar nichts. Was sollte sein?"

„Du hast geweint", stellte er so selbstverständlich fest, dass ihre Muskeln sich wieder unter seiner Hand verspannten. Der Nachhall von Tränen. Das war es, was er in ihrer Stimme gehört hatte.

„Ich habe nicht geweint."

Doch, das hatte sie. Aber sie würde ihm den Grund nicht nennen. Er wusste das, genauso wie er wusste, dass das Sofa fünf Schritte in Richtung zehn Uhr von der Wohnzimmertür entfernt stand. „Mach nicht mehr zu lange", murmelte er, küsste sie auf den Scheitel und kehrte ins Haus zurück.

Etwas hatte sich zwischen ihnen verändert und es lag nicht nur an seiner Laune.


Severus tastete sich am Geländer der Treppe hinunter und streckte die Hand nach vorne aus, so wie er es immer tat, wenn er den unteren Knauf erreicht hatte. Zwei Schritte später trafen seine Fingerspitzen auf die raue Oberfläche der Wand und einen halben Schritt nach links fand er den Türrahmen.

Die Arbeitsplatte war an der linken Seite der Küche, darüber die Hängeschränke. Er glitt am Rand der Arbeitsplatte entlang, bis er die Spüle gefunden hatte. Dann griff er nach oben, fand den Türgriff und zog daran, um sich eine Tasse und einen Teller aus dem Schrank zu nehmen. Er stellte beides vor sich auf die Arbeitsplatte – und erstarrte.

Severus konnte beim besten Willen nicht sagen, was es gewesen war, aber er wusste plötzlich mit absoluter Sicherheit, dass er nicht allein im Raum war. Er hob den Kopf. „Guten Morgen, Mia", sagte er.

Er hörte sie hinter sich seufzen, aber sie sagte nichts. Severus drehte sich um, die Hände immer noch am Rand der Arbeitsplatte, und sah in die Richtung, in der er sie vermutete. „Was ist passiert?"

„Es ist ein Brief von Professor Dumbledore gekommen."

Da war dieses Kitzeln in seinem Bauch. Dieses ungute Gefühl. „Was schreibt er?"

„Sie haben Professor McGonagalls Über…" Sie schluckte. „… Überreste gefunden."

Severus spürte sich schwanken und festigte seinen Griff an der Arbeitsplatte. Minerva. Sein Geist spülte Bilder hinauf. Sie in diesem Leibchen. Die offenen Haare. Ihr Blick. Blut.

„Severus?"

Er holte scharf Luft. „Das ist gut", sagte er hohl. „Dann wird sie das Begräbnis bekommen, das sie verdient hat."

Hermine seufzte. „Er schreibt, sie werden sie am 3. August beisetzen."

„Das ist nächste Woche Samstag, oder?"

„Ja."

Er nickte und selbst wenn seine Augen nicht versiegelt gewesen wären, hätte er sie jetzt geschlossen. Er würde nicht dabei sein können. Noch ein Mensch, der ihm wichtig gewesen war und von dem er sich nicht angemessen verabschieden konnte.

Hermine griff nach seiner Hand. „Es tut mir leid, Severus."

Er schüttelte den Kopf. Aber er hielt sie fest.


Später an diesem Tag hatte er sich angezogen auf sein Bett gelegt. Es war so heiß, dass er selbst mit Hemd und dünner Hose schwitzte und so auf dem Bett zu liegen, machte es nicht besser; aber seitdem Hermine ihm am Morgen von Minerva erzählt hatte, war da dieser Schwindel, diese dumpfe Übelkeit und er brauchte eine Pause davon.

Er spürte seinen Herzschlag im Kopf widerhallen, ein unangenehmes, aber wenigstens nicht schmerzhaftes Gefühl. Noch nicht. In den letzten Tagen hatte er oft Kopfschmerzen gehabt. Das Wetter und vielleicht auch seine Augen, die immer mehr Unterschiede zwischen hell und dunkel registrierten. Natürlich waren es für ihn nur verschiedene Nuancen von Rot, aber er hatte zumindest einen Anhaltspunkt, wann Tag und wann Nacht war.

Es klopfte leise, vermutlich am Türrahmen, denn er hatte die Tür offen stehen lassen. „Darf ich reinkommen?"

Er winkelte einen Arm an und legte seinen Kopf darauf. „Natürlich." Das durfte sie immer, sie tat es nur in letzter Zeit kaum noch. Irgendetwas … war los. Etwas anderes als der Todestag ihres Kindes und der anstehende Geburtstag von Potter und ihr Hochzeitstag. Irgendetwas zwischen ihnen … stimmte nicht. Aber wenn er sie fragte, leugnete sie es. Sie wollte wohl allein damit zurechtkommen.

Die Matratze bewegte sich und Hermine seufzte leise. „Bist du okay?"

Severus atmete langsam aus. „Nein."

Sie rutschte dichter an ihn heran. Eine Welle aus Hitze durchrollte ihn, aber nicht mal wenn sie ihn in Brand gesteckt hätte, wäre er von ihr abgerückt. Er streckte den linken Arm aus und sie schmiegte sich an ihn. Auch ihre Stirn war feucht, als er sie küsste.

Er holte schon Luft, um sie ein weiteres Mal zu fragen, was sie vor ihm verheimlichte, aber dann ließ er es bleiben.

„Es tut mir so leid, Severus", hauchte sie.


„Was siehst du?", fragte sie ihn am nächsten Tag, als sie seine Lider geöffnet und seine Augen untersucht hatte.

„Hell und dunkel, vereinzelte Schemen. Ich erkenne die Tür." Sie war ein dunkles Rechteck in der hellen Fläche, die die Wand sein musste.

„Gut! Dann bleiben deine Augen jetzt offen und wir machen mit einem anderen Trank weiter."

Er hörte das Geräusch von Glas auf Holz neben sich, aber vor allem sah er, dass sie sich bewegte! Er konnte ihre Gestalt erkennen und das war für einen Moment so überwältigend, dass er die Luft anhielt.

„Severus, was ist los?", fragte sie überrascht, als sie sich ihm wieder zuwandte.

Er wollte sie schon fragen, was sie meinte, aber da merkte er es selbst. Seine Augen waren feucht geworden, zwei Tränen liefen über seine Wangen. Bevor er es selbst tun konnte, wischte Hermine sie weg, ließ ihre Hände an seinem Gesicht liegen und küsste ihn. „Ich kann dir den Trank nicht in die Augen tropfen, wenn du weinst", sagte sie leise. Es stand ein Lächeln in ihrer Stimme.

„Ich weine nicht", grollte Severus, obwohl er es doch tat.

„Sondern?"

„Das ist nur das Licht." Und bevor sie protestieren konnte, zog er sie wieder an sich und brachte sie zum Schweigen.


Es klopfte leise an seiner Tür, während Severus sich das Hemd zuknöpfte. „Komm rein", brummte er, drehte sich jedoch nicht zur Tür um. Es musste ein regnerischer Tag sein, denn das, was er sehen konnte, wenn er aus dem Fenster blickte, war grau.

„Es ist eine Erinnerung gekommen", sagte Hermine.

Severus erstarrte. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen den Tisch. „Albus", murmelte er. Minervas Beerdigung.

„Ja."

„Hast du ihm nicht gesagt, dass ich derzeit blind bin?", fragte er und es klang schärfer, als er beabsichtigt hatte.

„Nein. Ich wusste nicht, ob dir das recht wäre."

Er brummte. Wäre es nicht. „Warum erzählst du mir davon, wenn ich es nicht sehen kann?"

„Weil …", begann sie, brach jedoch ab und seufzte. „Du kannst es sehen, Severus."

Er schnaubte. „Wie? Meinst du, ich kann die verschiedenen Schattierungen von Grau unterscheiden und mir den Rest dazu denken?"

„Du kannst es durch meine Augen sehen. Benutz Legilimentik, während ich mir die Erinnerung ansehe." Seine Mimik glättete sich und nachdem er sich die Zeit genommen hatte, ihre Worte wirklich zu verstehen, drehte er sich langsam zu ihr um. „Guck mich nicht so entsetzt an, Severus. Du musst es sehen – ich kann es sehen. Es ist nur logisch. Also setz dich hin."

Er hörte, wie sie an ihm vorbei ging und sein Denkarium aus dem Schrank holte. Sie stellte es mit einem leisen Geräusch auf den Tisch, öffnete ploppend das Gefäß, in dem Albus die Erinnerung geschickt hatte, und kippte sie ins Denkarium. Er konnte das Schimmern sogar erkennen. Dann zog sie einen Stuhl hervor, setzte sich und wartete, dass er es ihr endlich gleich tat.

Severus griff nach ihrer Hand und fand sie sofort – so wie immer. Hermine gab ein trockenes Schnauben von sich. „Ehrlich, ich finde es unheimlich, wie genau du immer weißt, wo ich bin."

„Ich kann dich spüren."

Sie erwiderte seinen Griff. „Ich wünschte, ich könnte das auch."

„Nein, tust du nicht", entgegnete er.

Hermine schluckte. Dann hob sie seine Hand an ihre Lippen und küsste seine Fingerspitzen. „Tu es, bevor ich den Fokus verliere."

Severus nickte und zog mit der freien Hand seinen Zauberstab aus der Tasche, murmelte ein leises „Legilimens!". Hermine hatte ihren Geist geleert, es gab keine Erinnerungen, keine Gedanken, keine Gefühle, die ihn ablenken konnten – außer der Liebe zu ihm. Dann öffnete sie ihre Augen.

Er konnte nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, nach über zwei Monaten endlich einmal wieder ein klares Bild zu sehen. Das Denkarium auf dem Tisch, ihre Hand, die seine hielt, seinen Zauberstab, sich selbst. Severus stieß scharf die Luft aus.

Hermine atmete einmal tief durch. „Bist du bereit?", fragte sie.

„Ja."

Sie hob den Zauberstab und dunkelte zuerst sein Zimmer ab. Dann ließ sie die Erinnerung an Minerva McGonagalls Beerdigung aus dem Denkarium auferstehen.


„Ich möchte es nochmal mit dem Unterricht versuchen, Mia." Sie saßen in der Dämmerung auf der Terrasse, die Spatzen sangen leise in den Büschen, der Kühlzauber verlor langsam seine Wirkung und die abendliche Wärme legte sich über ihn wie ein Tuch, durch das er nur schwer atmen konnte.

„Praktisch oder theoretisch?", fragte sie argwöhnisch.

„Praktisch. Wenn ich das Labor hell ausleuchte, müsste ich genug sehen können, um dich zu unterrichten." Sie saß links von ihm, so wie immer, und er wandte ihr den Blick zu, obwohl er sie nur schemenhaft erkennen konnte. Ihr Gesicht war ein heller Fleck, der von einem braunen Kranz umgeben war.

„Warum warten wir nicht noch eine Weile? Dein Augenlicht wird immer besser."

Er grollte leise. „Ich brauche etwas zu tun. Ich bin das Vorlesen lassen und Schachspielen leid."

Sie schwieg eine Weile. „Okay, versuchen wir es."

Severus nickte. „Okay."


Knapp zwei Wochen später legte Severus eine Bestellung in die Speisekammer. Er bat Albus um eine Brille. Es gab magische Modelle, deren Sehstärke sich automatisch an die Bedürfnisse des Trägers anpassten. Selbst wenn sie ihm nicht sofort zu einer perfekten Sicht verhelfen würde, würde sie doch vielleicht wenigstens seine Sehkraft verbessern.

Er hoffte, dass Albus seine Notiz entziffern konnte. Er hatte sie im Sonnenlicht auf der Terrasse verfasst mit riesigen Buchstaben und großem Abstand der Zeilen. Vermutlich würde Albus einige Fragen haben. Aber solange er zu den Fragen eine Brille legte, konnte Severus damit leben.

Anschließend ging er hinunter ins Labor und bereitete den heutigen Unterricht vor. Mit ausreichender Beleuchtung und etwas Hilfe von Hermine war er tatsächlich wieder dazu in der Lage, sie zu unterrichten. Natürlich lehrte er sie derzeit keine gefährlichen oder herausfordernden Tränke, aber es reichte für weitere Vergleiche der Zutatenmengen nach den Berechnungen und den Mengenangaben im Rezept. Inzwischen gab er Hermine nur noch die gewünschte Wirkung eines Trankes und eine Zutatenliste und ließ sie – nachdem sie die Berechnungen durchgeführt hatte – ihre eigenen Vermutungen zu den Korrekturen anstellen. Sie wurde besser, sie begann die Zusammenhänge zu verstehen und lernte die Zutaten kennen.

Er nutzte im Moment Tränke, deren korrekte Zubereitung er sich schon wieder zutraute und genoss es sehr, nach fast drei Monaten endlich mal wieder am Kessel zu stehen. Schach mit Filius zu spielen war gut – Tränke brauen war besser.

Wenn er jetzt noch herausfand, mit welchen Sorgen Hermine sich quälte, wäre er tatsächlich zufrieden. Aber in ihrem Geist gewesen zu sein, hatte ihn beruhigt. Sie liebte ihn noch immer, das war nicht das Problem. Einerseits gab ihm das Hoffnung, andererseits wusste er jetzt erst recht nicht mehr, was sie auf Abstand hielt. Sie hatte jeden Gedanken, jede Erinnerung dazu sorgfältig vor ihm verborgen. Sie war eine bessere Okklumens, als er gedacht hatte.

Hermine kam etwa eine halbe Stunde später ins Labor. „Hast du schon gefrühstückt?", fragte sie.

„Ich würde es nicht Frühstück nennen, es dämmerte gerade. Aber ich habe bereits gegessen, ja. Du?"

„Nein. Aber ich hab auch noch keinen Hunger, das kann warten. Was hast du für heute geplant?" Sie trat näher an den Labortisch heran. „Wieder ein Vergleichsprojekt?"

„Nein. Ich dachte, wir beginnen mit der Herstellung des Felix Felicis. Hast du diesen Trank schon mal gebraut?"

„Ich hab nur darüber gelesen. Ich hatte nie genug Zeit dafür." Sie schwieg kurz. „Meinst du, wir sind noch ein halbes Jahr lang hier?"

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn nicht, werden wir eine Möglichkeit finden, um das Projekt weiterführen zu können. Außerdem hätte er uns schon vor seiner Fertigstellung Glück gebracht, wenn wir keine sechs Monate mehr hier wären."

„Ja …", murmelte sie nachdenklich.


Es war früher Morgen und noch dunkel, als Severus schlaflos durch das Haus geisterte. Er gab sich wirklich Mühe, aber es gelang ihm immer noch nicht, sich wieder an einen normalen Schlafrhythmus zu gewöhnen. Er vermied es zu schlafen, solange es hell war, aber die Tage wurden bereits kürzer und er schaffte nicht mehr als vier Stunden am Stück.

Sich im Dunkeln durch das Haus zu bewegen, bereitete ihm nach den letzten drei Monaten keinerlei Probleme mehr. Und weil er es am Vortag versäumt hatte, ging er in die Speisekammer und sah nach, ob Albus ihm inzwischen eine Brille geschickt hatte.

Drei Tage war es her, dass er die Notiz in die Kammer gelegt hatte. Jetzt wurde er tatsächlich fündig. Sein Herz machte einen kleinen Satz, als er das schmale Etui ertastete. Severus ließ seinen Zauberstab in die Hand gleiten und sorgte für Licht, dann klappte er das Brillenetui auf und setzte sich das Gestell auf die Nase.

Sekundenlang traute er sich nicht, die Augen zu öffnen. Die Brille kribbelte auf seinem Nasenrücken. Was, wenn es nicht funktionierte? Was, wenn seine Augen noch nicht genug geheilt waren? Er hatte es nicht mit Hermine abgesprochen, eine Brille zu bestellen. Er hatte ihre Einwände nicht hören wollen, seine Geduld war am Ende, er wollte endlich wieder richtig sehen können!

Aber wenn es noch zu früh war … Seine Stimmung war stabil gewesen in den letzten Wochen und trotzdem war die Beziehung zu Hermine distanziert geblieben. Wenn es zu früh war …

Severus presste die Lippen aufeinander, dann blinzelte er.

Er sah das Regal hinter dem Tisch. Er sah einen, zwei, drei Böden, darauf Gläser mit eingelegtem Obst und Gemüse. Er kniff die Augen ein bisschen zusammen und … ja, er konnte sogar die Beschriftung lesen. Er schnaubte und wischte sich über den Mund. Es half. Es war nicht zu früh.

Die Brille half!

Seine Sicht war nicht perfekt, ein bisschen unscharf sah er noch immer. Aber im Vergleich zu vorher war das kaum mehr spürbar und vermutlich würde es sich in den nächsten Wochen geben.

Mit zitternden Fingern griff er nach dem Brief, den Albus mitgeschickt hatte.

Severus,

ich hoffe sehr, die Brille wird Dir helfen. Wenn wir uns wiedersehen, bin ich gespannt, was für eine Geschichte Du mir zu erzählen hast.

Albus

„Eine, die dir nicht gefallen wird", sagte Severus leise und rollte den kurzen Brief wieder zusammen. „Gar nicht."

Etwas kribbelte durch seine Adern. Etwas Großes wuselte durch seinen Bauch. Und ein Gedanke kreiste durch seinen Kopf: Hermine. Er wollte sie teilhaben lassen an diesem Moment. Egal, was gerade zwischen ihnen schief lief, sie sollte Teil von diesem Gefühl sein.

Also verließ er die Speisekammer und während er die Treppe hinaufstieg, fiel sein Blick aus dem kleinen Fenster, das zur Vorderseite des Hauses hinausging. Die Sonne ging gerade auf. Ein zartrosa Schimmer lag über dem verwischten Horizont und verdrängte das Dunkel der Nacht. Severus beobachtete es ein paar Sekunden lang, dann ging er weiter.

Hermine hatte in seinem Bett geschlafen, anfangs mit ihm neben sich, inzwischen allein. Durch die Gardinen drang nur wenig Licht und tauchte das Schlafzimmer in ein Halbdunkel. Severus haderte mit sich, aber dann ging er zum Fenster und schob die Gardinen auf. Leise. Er wollte Hermine wecken, aber er wollte ihr in die Augen sehen können, wenn sie aufwachte. Nach gut drei Monaten wollte er ihr endlich wieder in die Augen sehen.

Aber als er sich zum Bett umwandte, sah er erst mal etwas anderes. Etwas, das ihn die Stirn runzeln ließ. Etwas, das ihn für ein paar Sekunden lang mit offenem Mund mitten im Zimmer stehen ließ.