Kapitel 3.11 – Der letzte Mensch

Er lag neben ihr auf der Seite, den Kopf in die Hand gestützt und sah sie an. Es war warm hier oben, sie hatten die Tür geschlossen und die Sonne stand mal wieder hoch am Himmel. Die Dimensionsbarriere war wie die Scheiben eines Gewächshauses.

Jedenfalls hatten sie sich nicht zugedeckt, bevor sie nochmal eingeschlafen waren, und jetzt lag sie nackt und begehrenswert in seinem Bett. Severus' Blick glitt über ihren Körper, als würde er sie das erste Mal sehen. Merlin, er hatte es so vermisst, sie sehen zu können! Er bekam einfach nicht genug davon.

Sein Blick blieb an ihrem Bauch hängen. Es war eine sehr zarte Wölbung und hätte er nicht gewusst, dass sie vorher sehr schlank gewesen war, wäre ihm das niemals als Schwangerschaftsbauch aufgefallen. Aber so … Er schluckte. Ein Kind. Niemals war ein Kind Teil seiner Lebensplanung gewesen. Niemals hatte er sich vorstellen können, dass jemand Kinder mit ihm würde haben wollen.

Severus hielt sich nicht für einen geeigneten Menschen, um ein Kind großzuziehen. Er hasste Kinder. Leidenschaftlich. Dass Albus ihn gezwungen hatte zu unterrichten, hatte nicht dabei geholfen. Was, wenn er sein eigenes Kind genauso hassen würde wie die kleinen Kröten in Hogwarts? Was, wenn er sein Kind genauso verkorksen würde, wie seine Eltern ihn verkorkst hatten? Auch sie waren Menschen gewesen, die besser kein Kind bekommen hätten. Jedenfalls sein Vater. Mit dem richtigen Mann an ihrer Seite wäre seine Mutter vielleicht irgendwie zurechtgekommen. Mit dem richtigen Mann hätte aus ihm vielleicht so was wie ein guter Mensch werden können.

Würde sein Kind irgendwann mal das gleiche über ihn denken? Er rümpfte die Nase.

Davon mal abgesehen würde das Kind seine Beziehung zu Hermine verändern. Bald würden sie nicht mehr allein sein. Sie würden es niemals wieder sein. Ein neues Leben, ein neuer Charakter würde sich dazwischen stellen. Er mochte den Gedanken nicht. Sie hatten gerade erst zueinander gefunden und er war so hungrig nach ihr und dem, was sie miteinander hatten, dass er sie mit niemandem teilen wollte. Nicht mal mit seinem Kind.

Er seufzte. Wie hatte das bloß passieren können? Severus schloss die Augen und versuchte, sich an den Nachmittag zu erinnern, an dem Hermine den Verhütungstrank zubereitet hatte. Sie hatte keinen Fehler gemacht. Da war er sich absolut sicher. Es wäre ihm aufgefallen. Und sie hatte auch nicht vergessen, den Trank zu nehmen. Auch darauf hatte er geachtet, denn ein Kind war kein Teil seiner verdammten Lebensplanung gewesen!

Irgendwann hätten sie sich natürlich mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Hermine hatte zwar so freizügig behauptet, Kinder seien ihr nie so wichtig gewesen, aber er hatte gesehen, wie sehr sie unter dem Verlust ihres ersten Kindes gelitten hatte. Sie brauchte Kinder in ihrem Leben. Sie hätte irgendwann angefangen ihn zu hassen, wenn sie seinetwegen darauf verzichtet hätte. Vielleicht wäre das tatsächlich ein Punkt gewesen, an dem sie gescheitert wären.

Nun, diese Frage stellte sich jetzt nicht mehr. Sie würde eine verdammt gute Mutter werden. Und er ein verdammt mieser Vater.

Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger unter die Brille und über seine Augen. Dann schwang er die Beine aus dem Bett und zog sich an.

Hermine regte sich hinter ihm. „Was hast du vor?", fragte sie verschlafen.

„Ich werde jetzt herausfinden, warum du trotz Verhütungstrank schwanger geworden bist."

„Hast du eine Idee?", fragte sie und setzte sich auf.

Er schnalzte mit der Zunge, während er den Reißverschluss an seiner Hose schloss. „Der Trank war korrekt zubereitet und du hast ihn zuverlässig eingenommen. Es ist also weder ein Herstellungs- noch ein Anwendungsfehler gewesen. Du hast den Trank früher schon genommen und bist erst schwanger geworden, als du ihn vergessen hast, außerdem hast du nicht ungewöhnlich darauf reagiert. Eine Unverträglichkeit kann es also auch nicht sein. Das lässt nur einen Schluss zu." Er warf sich das Hemd um die Schultern und begann die Knöpfe zu schließen. „Eine oder mehrere der Zutaten waren nicht in Ordnung."

Sie beobachtete ihn mit schief gelegtem Kopf. „Können denn Zutaten nicht in Ordnung sein, ohne dass man es dem fertigen Trank anmerkt?"

„Unter Umständen. Ich werde es herausfinden." Bevor er gehen konnte, rief sie seinen Namen und er wandte sich zu ihr um.

„Werden wir das hinkriegen?", fragte sie mit dünner Stimme. „Das Kind meine ich. Werden wir das schaffen, Severus?"

Er zog die Schultern hoch. „Wir haben keine andere Wahl, oder?"

Hermine senkte den Blick und er verließ das Zimmer.


Er fand sie eine halbe Stunde später beim Frühstück, einen aktuellen Tagespropheten über den halben Tisch gebreitet. „Es war das Flussgras", sagte er dumpf.

Sie sah von der Zeitung auf. Blinzelte.

Severus setzte sich auf seinen Platz und rieb sich über das Gesicht, wobei ihm beinahe die Brille herunterfiel. Er musste sich an das verdammte Ding echt gewöhnen. „Es wurde nicht bei Vollmond geerntet, es ist faktisch wirkungslos."

Hermine schluckte. „Und das hat zu keinerlei Veränderungen am Trank geführt?"

„Nein. Das Flussgras ist übrigens nicht nur für deine Schwangerschaft verantwortlich, sondern auch für den Unfall, der mich beinahe das Augenlicht gekostet hat."

Sie schob den Teller mit dem halb gegessenen Toast von sich und seufzte schwer. „Wie konnte Professor Dumbledore uns wirkungsloses Flussgras schicken?"

„Ich denke nicht, dass Albus unsere Bestellungen bearbeitet. Er lässt das die Hauselfen erledigen. Deswegen dauerte es nach unserer Ankunft auch so lange, ehe ich einen neuen Zauberstab bekam. Albus war damals unterwegs."

Hermine stützte den Kopf in die Hand. „Aber auch die Elfen müssen das Flussgras doch in der Apotheke besorgt haben, oder?"

„Ich weiß nicht, woher sie es hatten", entgegnete Severus ungeduldig. „Jedenfalls ist es wirkungslos und der Grund für viele unserer Probleme." Und der Grund für seine Gereiztheit, denn er hatte es versäumt, die Zutaten zu prüfen, bevor sie sie verwendet hatten.

„Es tut mir leid, Severus", sagte Hermine leise.

„Es ist nicht deine Schuld. Nichts davon." Er griff sich an die Nasenwurzel. „Ich hätte die Zutaten prüfen müssen. Ich bin der Tränkemeister."

Sie schwieg.

Schließlich verschränkte er die Arme vor der Brust und nickte zum Tagespropheten. „Wie viel unwichtiges Zeug steht dieses Mal drin?"

„Viel. Die Chudley Cannons haben tatsächlich mal ein Spiel gewonnen. Aber nur, weil einer der gegnerischen Jäger nach drei Minuten so hart von einem Klatscher getroffen wurde, dass er fluguntauglich war und sie mit einem Mann weniger spielen mussten."

„Haben denn wenigstens die Cannons den Klatscher geschlagen?"

„Nein. Er wurde von einer Sturmböe erfasst."

Severus schnalzte mit der Zunge. „Sonst noch was?"

Hermine schüttelte den Kopf und sah ihn unglücklich an. „Ich wünschte, wir wären nicht in dieser Lage."

Severus lehnte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf den Tisch. „Wir sind es aber. Du und ich, wir bekommen ein Kind."

„Ja." Sie schluckte. „Hast du Angst, Severus?"

Er nickte. „Ich bin der letzte Mensch, der ein Kind großziehen sollte. Ja, ich hab Angst."

Tränen stiegen ihr in die Augen, sie senkte den Blick.

Severus griff nach ihrer Hand, nach der, die auf dem Tisch lag und sich am Griff ihrer Tasse festklammerte, als könnte das verhindern, was passieren würde. „Wegen meiner Angst musst du nicht weinen, Mia."

Sie schnaubte leise und wischte ihre Tränen fort. „Ich weine wegen meiner Angst", sagte sie mit wackliger Stimme. „Ich bin hier angekommen als … Rons Witwe und jetzt …"

Er zog seine Hand zurück, runzelte die Stirn. Natürlich. Sie würde es schwer haben, allen zu erklären, wie das passieren konnte. Nicht nur die Schwangerschaft, sondern vor allem das zwischen ihnen. Severus stand auf und goss sich Kaffee ein, lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Wie sollte jemand, der nie so lange Zeit mit nur einem anderen Menschen eingesperrt gewesen war, nachvollziehen können, was zwischen ihnen passiert war? Wie sollte es jemand verstehen, der nichts von Adia wusste? Er konnte es ja selbst kaum.

Nein, das stimmte so nicht. Er konnte nachvollziehen, wie er sich in Hermine verliebt hatte. Vermutlich wäre das schon früher passiert, wenn sie nicht mit Weasley liiert gewesen wäre. Aber er konnte bis heute nicht nachvollziehen, warum sie sich in ihn verliebt hatte. Ein Teil von ihm war immer noch überzeugt davon, dass das ohne Adias starke Bindung an ihn niemals geschehen wäre. Ein Teil von ihm glaubte immer noch, dass es nicht wirklich Hermine war, die ihn liebte.

Vermutlich würde sie nach ihrer Befreiung aus diesem Haus erkennen, welchem Irrtum sie aufgesessen war. Und würde es nur sie beide geben, dann wäre das okay. Es hätte ihn zwar zerstört, sie zu verlieren, nachdem er erfahren hatte, wie es war, sie zu haben. Aber er wäre irgendwie damit klar kommen, er hatte schlimmeres … Er seufzte. Nein. Nein, er hatte nichts schlimmeres erlebt als das. Lily war niemals auf diese Art an ihm interessiert gewesen, sie waren einander niemals so nahe gewesen wie Hermine und er. Aber er hätte einen Weg gefunden, irgendwie damit klarzukommen.

Aber jetzt … Dieses Kind änderte alles. Ein Kind band zwei Menschen fester aneinander als jede Ehe es konnte. Ehen ließen sich scheiden und man musste sich danach niemals wiedersehen. Ein Kind war ein unzerstörbares Band. Außer er entschied sich dafür, kein Teil im Leben seines Kindes zu sein. Was vermutlich ohnehin für alle Beteiligten das beste wäre.

„Severus?", fragte sie in seine Gedanken hinein.

Er hob den Blick.

„Wo… worüber denkst du nach?" Sie klang argwöhnisch. Sah ihn mit gerunzelter Stirn und großen Augen an. Der Puls an ihrem Hals ging schnell.

Er schnaubte und fuhr sich über den Mund. „Über gar nichts", sagte er hohl.

Hermine stand auf und stellte sich vor ihn. Sie nahm ihm die Tasse aus der Hand und stellte sie fort. „Lüg mich nicht an", sagte sie und fing seinen Blick ein. „Ich kenne diesen Gesichtsausdruck."

„Woher?"

„Du hast genau so geguckt, als wir die Tränke fertig gestellt hatten, die es Harry ermöglichen sollten, Voldemort umzubringen. Und du hast so geguckt, als du gehört hast, dass und warum Professor Dumbledore uns hier eingesperrt hat. Du guckst immer so, wenn du etwas akzeptieren musste, das dir nicht gefällt." Sie schluckte. „Ist es das Kind? Ist das Kind das, was du akzeptieren musst, obwohl es dir nicht gefällt?"

Er hob eine Hand und strich über ihre Augenbraue, versuchte die Angst herauszustreichen. „Nein, es ist nicht das Kind", sagte er dunkel. „Ich versuche zu akzeptieren, dass ich dich verlieren werde, sobald wir hier rauskommen."

Hermine schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie kommst du denn darauf?"

„Schau dich an, Hermine. Und dann schau mich an. Du hast jetzt schon Angst davor, wie die anderen reagieren werden, wenn sie von uns und dem Kind erfahren. Du und ich … das ist obszön." Sie keuchte, aber er fuhr fort: „Ich bin es gewohnt, verachtet zu werden und am Rande zu leben. Aber du … du brauchst deine Freunde, deine Familie. Ich kann nichts davon ersetzen. Irgendwann wirst du das auch merken und dann wirst du gehen. Und ich werde dich gehen lassen."

Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte wieder den Kopf. „Das wird nicht passieren." Ihre Stimme zitterte. „Lieber lebe ich mit dir für immer allein in diesem Haus, als auch nur einen Tag lang auf dich zu verzichten."

Severus lächelte, aber es erreichte nicht seine Augen. Jetzt konnte sie so was leicht sagen. Jetzt war es so lange her, dass sie ihre Freunde und ihre Familie das letzte Mal gesehen hatte. Aber das würde sich ändern. Wenn sie sich daran erinnerte, wie wichtig diese Menschen für sie waren und wenn sie sah, dass sie ihn nicht an ihrer Seite akzeptieren würden, dann würde sich das ändern.

Hermine schluckte. „Du glaubst mir nicht, oder?"

Er schlug die Augen nieder.

„Oh Severus …", seufzte sie und stemmte sich auf die Zehenspitzen, um ihn küssen zu können. Ihre Lippen waren warm und weich und ihre Zunge strich zärtlich über seine Unterlippe.

Severus' Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass er sie verlieren würde. Er wollte, wollte, wollte ihr glauben! Aber wie konnte er? Alles sprach dagegen.

Schließlich sank sie auf ihre Füße zurück. „Ich werde es dir beweisen."

Er lehnte seine Stirn gegen ihre und seufzte lautlos.


Am nächsten Morgen wurde Severus das erste Mal Zeuge von Hermines Schwangerschaftsbeschwerden. Er hielt ihr die Haare aus dem Gesicht, während sie sich geräuschvoll in seine Toilette erbrach. „Wie konntest du das bisher vor mir verheimlichen?", schnarrte er mit gerümpfter Nase. Und warum tust du es jetzt nicht mehr?, fügte er gedanklich hinzu, vermutete aber, dass er diese Frage besser für sich behielt.

„Isolationszauber", murmelte Hermine erschöpft und stützte die Stirn in die eine Hand, während sie mit der anderen nach der Spülung tastete. Sie war sehr blass. „Und dass du blind warst, hat geholfen."

„Offensichtlich." Er ließ ihre Haare los und hielt ihr die Hände hin, um ihr aufzuhelfen. „Gibt es keinen Trank dagegen?" Er war wirklich nicht fit, was Heiltränke betraf. Er kannte nur den normalen Trank gegen Übelkeit, der während einer Schwangerschaft nicht verabreicht werden durfte. Tränke gegen Schwangerschaftsbeschwerden hatte Poppy zum Glück nie von ihm bestellt.

„So schlimm ist es nicht", sagte Hermine und wandte sich zum Waschbecken um, um sich den Mund auszuspülen.

„Das ist Ansichtssache."

„Der Trank hat Nebenwirkungen", erklärte sie, nachdem sie sich das Gesicht mit seinem Handtuch abgetrocknet hatte. „Man verliert seinen Geschmackssinn. Ich kann dann also essen, will es aber nicht mehr, weil alles nach Pappe schmeckt."

Er zog eine Augenbraue hoch. „Welches Genie hat sich denn den Trank ausgedacht?"

Sie lächelte und lehnte sich gegen ihn. „Offensichtlich nicht du."

„Gib mir das Rezept, ich schau mir das mal an", grollte er und strich ihr über den Rücken.

Hermine seufzte leise. „Eigentlich sollte das auch bald mal vorbei sein. Ich hab so sehnlichst auf das Ende des ersten Trimesters gewartet und trotzdem wird mir noch übel. Das ist nicht fair."

„Das Leben ist nicht fair."

Sie sah zu ihm auf. „Nein, ist es nicht."

Er strich ihr durch die feuchten Haare. „Wie sieht es aus, fühlst du dich gut genug, um weiter am Felix Felicis zu arbeiten?"

Hermine nickte. „Ja, es geht mir gut."

Severus verzog das Gesicht. Nein, es ging ihr nicht gut. Weder körperlich noch emotional. Aber während sie am Felicis arbeitete, konnte er sich den Trank gegen die Übelkeit anschauen und vielleicht würde er ihr zumindest körperlich helfen können.


Einige Tage später fand Severus eine Lieferung in der Kiste, die Albus für ihn in der Speisekammer deponiert hatte. Die Kiste, die Hermine nicht öffnen konnte. Von deren Existenz sie nicht mal wusste. Jedenfalls hatte sie sie ihm gegenüber nie erwähnt und so scharfsinnig und neugierig, wie sie war, hätte sie das garantiert getan, wenn sie wüsste, dass sie existierte.

Es war bereits einige Monate her, dass er diese Bestellung aufgegeben hatte. Im letzten Jahr hatte er ihren Geburtstag übergangen. Zum einen weil er nicht gewusst hatte, wann sie Geburtstag hatte – zum anderen weil er sich unsicher gewesen war, ob sie Gratulationen von ihm begrüßt hätte. Aber er hatte die vielen Briefe in der Speisekammer gesehen am Morgen des 19. September und hatte sich dieses Datum gemerkt.

Es war Tradition unter den Meistern, ihren Lehrlingen ein Set ihrer eigenen Werkzeuge zu schenken. Für die mehrheitlich geisteswissenschaftlichen Bereiche wie Zauberkunst und Verwandlung war dies meistens eine hochwertige Schreibfeder und ein Exemplar der offiziellen Meisterlektüre. Im Falle der Tränkekunst waren es jedoch Utensilien, die für die Trankzubereitung benötigt wurden. Messer, Spatel, Pinzetten, Pipetten, Mörser und Stößel. Er hatte Albus vor ein paar Monaten gebeten, eine entsprechende Bestellung bei Meister Ardolofo in Italien aufzugeben.

Severus nahm das Paket aus der Kiste und begann, das braune Packpapier zu entfernen. Ein mit schwarzem Leder bezogenes Kästchen kam zum Vorschein, auf dem in Gold das Wappen der Tränkemeister und Hermines Name eingeprägt war. Er klappte es auf und begutachtete die Werkzeuge, die ordentlich auf einem herausnehmbaren Boden aneinander gereiht waren. Die meisten waren aus einer hochwertigen Silberlegierung gearbeitet, stabil und robust. Nur ein paar gesonderte Werkzeuge waren ohne Silber hergestellt; es gab Tränke, bei denen nicht mit Silber gearbeitet werden durfte.

Severus hob den Boden aus dem Kästchen und hielt es ins Licht. In den Griff jedes Werkzeugs waren die Buchstaben HG graviert. Hermine hieß zwar offiziell nicht mehr Granger mit Nachnamen, aber sie würde unter diesem Namen als Meisterin arbeiten. Jeder Meister arbeitete unter seinem Geburtsnamen, denn nicht der Ehepartner hatte diese Ausbildung absolviert. Die Ehre gebührte ihr und nur ihr allein.

Er stellte die Werkzeuge beiseite und sah hinunter in das Kästchen. In dafür vorgesehenen Aussparungen lagen ein Mörser und ein Stößel aus hellem Granit.

Severus lächelte, als er alles wieder zusammenpackte und zurück in die Kiste legte. Wenn Hermine nicht wusste, dass es diese Kiste gab, war sie der perfekte Ort, um das Geschenk bis zu ihrem Geburtstag aufzubewahren.


Severus stellte die Phiole mit einem leisen Geräusch vor Hermine auf den Küchentisch. Sie war blass und klammerte sich an ihrer Teetasse fest. „Was ist das?", fragte sie dumpf und sah zu ihm auf. Nein, es war kein guter Morgen für ihren Magen.

„Gegen deine Übelkeit. Ohne dass danach alles nach Pappe schmeckt", erklärte Severus und war selbst überrascht, wie zärtlich seine Stimme klang. Er fühlte wirklich mit ihr und genoss es zu beobachten, wie ihre Miene sich aufhellte.

„Ehrlich?", fragte sie.

„Ehrlich. Ein Schluck pro Tag, am besten nimmst du ihn in Zukunft am Abend." Er mochte es wirklich nicht, dass sein Kind sie manchmal aus seinen Armen trieb, bevor er überhaupt richtig wach war. Wenn er sich nun schon daran gewöhnte, spät ins Bett zu gehen, um morgens zusammen mit Hermine länger zu schlafen, wollte er wenigstens etwas davon haben.

Sie zog den Korken aus dem Flaschenhals und trank besagten Schluck aus der Phiole. Augenblicklich kehrte etwas Farbe in ihre Wangen zurück und sie atmete auf. „Danke, Severus!"

Er zog eine Augenbraue hoch. „Das war reiner Eigennutz. Ich werde nicht gern von diesen Geräuschen geweckt."

„Natürlich", sagte sie und lächelte.

„Es stehen noch ein paar Phiolen davon unten im Schrank. Das sollte für diese Schwangerschaft reichen." Vermutlich würde es sogar noch für drei andere Schwangerschaften reichen. Nicht Hermines! Dieses Kind würde das einzige bleiben! Aber er hatte lieber auf Nummer sicher gehen wollen. „Da es dir nun besser geht", sagte er dann und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

„Ja?", fragte sie argwöhnisch.

„Ich habe einen schriftlichen Test vorbereitet und erwarte dich in fünf Minuten im Wohnzimmer."

Sie stöhnte. „Muss das sein?"

„Oh ja." Sie war sein Lehrling und er würde sie ausbilden – auch wenn sie nebenbei sein Kind ausbrütete.


Ein paar Tage vor ihrem Geburtstag fand Severus sie im Wohnzimmer. Sie hatte sich mit ihren Unterlagen über den ganzen Esstisch ausgebreitet und arbeitete an Berechnungen für die Zutatenmengen eines neuen Trankes.

Er setzte sich auf die gegenüberliegende Seite des Tisches und sah sie an, bis sie ihre Arbeit unterbrach und zu ihm aufsah. „Hast du einen Plan?", fragte er.

„Einen Plan wofür?"

„Einen Plan für den Fall, dass das da" – Er deutete auf ihren Bauch, der inzwischen schon etwas größer geworden war. – „zur Welt kommen will, bevor Albus uns hier rausholt."

Hermine zog die Augenbrauen hoch und stützte den Kopf in die Hand. „Das da", entgegnete sie im gleichen Tonfall wie er und nickte zu ihrem Bauch hinab, „kommt erst im Februar zur Welt, Severus. Ich fange an, mir Gedanken darüber zu machen, wenn wir nach Silvester immer noch hier sind."

Er presste die Lippen aufeinander.

Sie grinste. „Hast du etwa Angst, Geburtshelfer spielen zu müssen?"

„Du nicht?", entgegnete er spitz.

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich vertraue dir. Du hast schon ganz anderes geschafft, wenn es sein muss, wirst du auch unser Kind auffangen, wenn es soweit ist."

„Ich würde das lieber nicht tun", grollte er unzufrieden.

Sie seufzte. „Sollten wir tatsächlich noch so lange hier eingesperrt sein, werde ich Professor Dumbledore rechtzeitig Bescheid geben, damit er sich was einfallen lassen kann. Er hat uns hier eingesperrt und er hat zugelassen, dass wir wirkungsloses Flussgras bekommen. Ich finde, das ist sein Problem und nicht unseres."

Severus feixte. „Ich mag es, wie du denkst."

„Das dachte ich mir. Darf ich dann jetzt weiterarbeiten?"

Er stand auf und ging, allerdings nicht ohne sich einen Kuss von ihren Lippen zu stehlen – ein Versprechen für den kommenden Abend.


Sie hatte den Brief erst gar nicht gefunden. Zwischen all der Post, die sie zu ihrem Geburtstag erhalten hatte, war er einfach untergegangen.

Gut, und Severus hatte auch seinen Teil dazu beigetragen. Er hatte ihr sein Geschenk überreicht und sie dadurch von den Briefen abgelenkt. Stundenlang hatten sie unbeachtet auf dem Esstisch gelegen, während Hermine die Werkzeuge ausgepackt, jedes einzelne in die Hand genommen und mit roten Wangen und voller Stolz unter die Lupe genommen hatte. Und während er sie verführt hatte. Auf dem Sofa. Und dann nochmal in seinem Bett. Und unter der Dusche.

Was nicht so anregend gewesen war, wie er es sich immer vorgestellt hatte; er hatte ernsthaft Schwierigkeiten gehabt, sich selbst und sie vorm Ertrinken oder Ausrutschen zu bewahren. Aber das heiße Wasser zwischen ihren Körpern, auf seiner Erektion und in ihren Mündern hatte das wieder wettgemacht. Er hatte sich vorgenommen, das irgendwann zu wiederholen. Aber vermutlich erst, wenn Hermine nicht mehr schwanger war. Vorausgesetzt dann hatten sie noch Zeit für Dinge dieser Art. Vielleicht mussten sie warten, bis das da endlich nach Hogwarts ging. Ein bitterer Gedanke.

Jedenfalls hatte Hermine ihre Geburtstagspost sträflich lange ignoriert. Die Sonne neigte sich bereits wieder dem Horizont entgegen, als sie – ein bisschen wund – nach unten ging, um die Briefe zu holen.

Als Severus sie seinen Namen rufen hörte, erschrak er und kämpfte sich ungeschickt aus den zerwühlten Laken. „Was?", rief er laut und lief ihr entgegen, nachdem er seinen Fuß endlich befreit hatte.

Hermine begegnete ihm auf halber Treppe. „Professor Dumbledore holt uns raus!"

Was?" Es war ein anderes Was als das davor. „Wann?"

Sie steckte die Nase wieder in den Brief. „Morgen", sagte sie dann. „Morgen früh." Sie hob den Blick und starrte ihn an. Ihr Mund stand ein kleines Stück offen.

Severus blinzelte. Morgen. Er hatte erwartet, dass er sich … erleichtert fühlen würde, wenn sie hier endlich rauskamen. Froh. Zumindest irgendwie … gut. Aber tatsächlich fühlte er gar nichts.

Er hatte aber auch nicht damit gerechnet, dass ein Brief zwischen vielen anderen derjenige sein würde, der ihnen diese Botschaft übermittelte.

„Gut", sagte er schließlich und schluckte.

Hermine nickte. „Das ist es." Und etwas verzögert fügte sie hinzu: „Oder?"

Er holte tief Luft. „Ich muss nicht Geburtshelfer sein, das ist definitiv gut."

Sie lächelte schmallippig, dann seufzte sie und lehnte sich gegen ihn. Mitten auf der Treppe.