Kapitel 3.12 – Zurück
„Was, wenn sie mich hassen, Severus?"
Er blinzelte in die Dunkelheit der Nacht. Anscheinend war sie genauso schlaflos wie er. Ihr Atem strich warm über seine Brust. „Das werden sie nicht."
„Woher willst du das wissen? Ich bin eine furchtbare Witwe. Ich habe Ron so schnell vergessen. Sie werden mich hassen." Ihre Stimme zitterte.
Er rieb sich über die Stirn. „Du hast Weasley nicht vergessen. Du trägst seinen Ring an deiner Kette."
„Und dein Kind in meinem Bauch", murmelte sie leise.
„Ja", grollte er. Was nicht ihre Schuld war. Sie hatten genau das zu verhindern versucht! „Sie werden das Kind lieben."
„Warum glaubst du das?"
„Weil es dein Kind ist und weil sie dich lieben." Ihn würden sie hassen. Im besten Fall. Aber Hermine und das Kind … sie würden sie lieben. Sie würden ihre Rückkehr feiern und sie würden das Ende des Krieges feiern und Severus würde sich aus all dem raushalten und in sein Haus gehen und sich darauf vorbereiten, im besten Fall gehasst und im schlimmsten Fall von irgendwem umgebracht zu werden. Vielleicht von Alastor.
„Wie soll ich ihnen das bloß erklären?"
Severus zog die Augenbraue hoch. Was einfach ein Reflex war, denn in der Dunkelheit konnte sie es ohnehin nicht sehen. Musste sie das überhaupt erklären? War es nicht selbsterklärend? Er würde jedenfalls niemandem irgendetwas erklären, es ging sie nichts an. Aber das war vermutlich nicht Hermines Art. „Warte am besten ab, bis sie dir zuhören. Du konntest es mir erklären, als ich bereit war zuzuhören, du wirst es auch ihnen erklären können."
Sie seufzte schwer. „Ich hab Angst, Severus." Und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich davor solche Angst haben würde."
Er zog sie dichter an sich. Nein, das hatte er auch nicht gedacht.
Nach einer schlaflosen Nacht waren sie um fünf aufgestanden und hatten angefangen, ihre Sachen einzupacken. Er hatte die kleine Kiste, in der Albus seine persönlichen Dinge vor über einem Jahr für ihn deponiert hatte, in eine Reisetasche verwandelt und stapelte seine magisch verkleinerte Kleidung, Bücher, und Notizen hinein. Schließlich legte er den restlichen Kleinkram hinein und zog den Reißverschluss zu.
„Was machen wir mit dem Felix Felicis?", fragte Hermine, nachdem sie mit dem Packen ihrer Sachen fertig war.
Er wandte sich zu ihr um und seine Augenbrauen zuckten kurz, als er das locker fallende Shirt bemerkte, das sie trug. Es verbarg ihren Schwangerschaftsbauch komplett. „Ich werde ihn mit in mein Haus nehmen. Wir können dort weiter daran arbeiten", sagte er, nachdem er sich von diesem Anblick losgerissen hatte. „Du wirst ohnehin regelmäßig zu mir kommen müssen, um deine Ausbildung fortzusetzen."
Hermine setzte mehrmals zum Sprechen an, schloss aber jedes Mal wieder ihren Mund, ohne ein Wort gesagt zu haben. Dann sah sie auf ihre Finger hinunter.
„Was?", fragte Severus.
Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Lippe. „Wo werden wir wohnen, Severus?"
Er zog die Augenbrauen hoch. „Ich werde im Haus meiner Eltern wohnen, so wie vorher auch."
Hermine schluckte. „Und ich?", fragte sie leise.
Severus seufzte leise und rieb sich die Stirn. Nachdem sie über vierzehn Monate lang zusammengelebt hatten, konnte er sich nicht mehr vorstellen, allein im Haus seiner Eltern zu sein. Aber darum ging es nicht, oder? Sie musste wenigstens die Chance bekommen, ihr altes Leben eine Weile lang weiterzuleben; sie musste wenigstens schauen, ob es ihr nicht doch besser gefiel als das, was er ihr bieten konnte. „Dort, wo du vorher gewohnt hast", sagte er also hohl.
Sie nickte und wandte den Blick ab, aber er hatte ihr Kinn zittern sehen, ehe sie sich wieder fasste. „Wir werden einen Weg finden", murmelte sie.
Severus antwortete nicht darauf.
Es war kurz vor zehn, als ein schmatzendes Geräusch durch das Haus hallte. Ein Geräusch, als würde man einen Saugnapf von einer glatten Oberfläche ziehen. Severus sah sich um, sah Hermine an. „Das war wohl die Barriere", sagte sie.
Und dann klopfte es an der Tür.
Severus durchquerte den Flur, öffnete die Haustür. Albus sah dünner aus, als er ihn in Erinnerung gehabt hatte. Und fahler im Gesicht. Die letzten vier Monate schienen anstrengend gewesen zu sein. Aber seiner Präsenz hatte das keinen Abbruch getan. Auch jetzt würde niemand daran zweifeln, dass dieser Mann mächtig war.
„Severus", sagte er und neigte seinen Kopf ein Stück. „Die Brille steht dir."
„Albus." Severus konnte es sich nur schwer verkneifen, die Augen zu verdrehen. Stattdessen trat er zur Seite, stieß die Tür zurück ins Schloss und folgte Albus ins Wohnzimmer.
„Mrs Weasley!"
Severus konnte nur Hermines Gesicht sehen, Albus wandte ihm den Rücken zu. Aber ihr Lächeln wirkte etwas gezwungen, als sie ihm die Hand schüttelte. „Hallo, Professor Dumbledore."
Albus sah sich zu ihm um. „Setzen wir uns einen Moment." Er wählte den Platz an der Stirnseite des Esstisches, Severus und Hermine gezwungenermaßen die Längsseiten. Er wagte es nicht, sich neben sie zu setzen. „Wie ihr gehört habt, habe ich die Barriere aufgelöst und ihr seid frei, dieses Haus zu verlassen", begann Albus, die Hände im Schoß ineinander verschränkt. „Ich halte es jedoch für sinnvoll, wenn wir einander vorher auf den aktuellen Stand bringen."
Hermines Mund stand ein kleines Stück offen, sie hing an Albus' Lippen. Nun nickte sie und warf Severus einen schnellen Blick zu. Sie war blass.
Dann traf ihn Albus' Blick und Severus versteifte sich. „Fang an, von draußen gibt es mehr zu erzählen", sagte er.
Albus nickte langsam. „Vielleicht das Offensichtliche zuerst: Es ist uns gelungen, Lucius Malfoy und alle seine Anhänger, die nicht im Kampfgeschehen starben, gefangen zu nehmen. Wir betrachten die Magische Gesellschaft als … sicher."
„Wir?", fragte Severus und zog eine Augenbraue hoch.
„Das Zaubereiministerium und ich."
„Der Orden hat mit dem Ministerium zusammengearbeitet?" Sein ungläubiger Tonfall ließ Hermine grinsen, sie verbarg es hinter ihrer Hand.
„Mit Teilen des Ministeriums."
Jetzt verdrehte er tatsächlich die Augen. „Muss ich dir jedes Detail einzeln aus der Nase ziehen, Albus?"
Die hellblauen Augen blitzten. „Wir haben mit den Auroren zusammen gearbeitet. Nach der erneuten Infiltrierung des Ministeriums waren sie gewillt, sich unserem Widerstand anzuschließen – Dank der Hilfe von Miss Weasley und Miss Tonks."
„Geht es ihnen gut?", fragte Hermine leise.
Albus sah sie an und lächelte, aber es war ein Lächeln, das nicht seine Augen erreichte. „Ja, es geht ihnen gut."
„Es hat also nur ein paar Auroren gebraucht?", kehrte Severus zum Thema zurück.
Albus holte tief Luft. „Nein. Remus hat ebenfalls geholfen. Es ist ihm gelungen, Fenrir Greyback um die Führung der Werwölfe zu bringen. Sie betrachten jetzt ihn als ihren … Alpha."
Hermine stieß beeindruckt die Luft durch die Nase.
Severus presste ungeduldig die Lippen aufeinander. Albus vermied ein Thema. Und er tat es aus guten Gründen, dessen war er sich sicher. Also sprach er es direkt an: „Wer ist tot, Albus?"
Hermine sah ihn an, sie wurde noch eine Nuance blasser. Er wünschte, er könnte sie beschützen vor dem, was jetzt kommen würde. Ihre Hand zuckte, so als wolle sie nach seiner greifen, aber sie unterdrückte den Impuls.
Albus senkte den Blick. „Natürlich haben nicht alle die letzten Kämpfe überlebt", sagte er leise, die Stirn gerunzelt. „Einige der Auroren sind gefallen, ich denke nicht, dass ihr sie kanntet."
Die anderen schon, ergänzte Severus still für sich. Die anderen Ordensmitglieder hatten die gefallenen Auroren gekannt.
„Wer, Professor Dumbledore?", fragte Hermine mit erstickter Stimme, als er schwieg.
Albus hob seinen Blick. „Molly."
Hermine schlug die Hände vor den Mund. „Nein!", keuchte sie und als sie anfing zu weinen, wollte Severus so dringend zu ihr gehen und sie in den Arm nehmen, dass seine Beine summten. Seitdem er tatenlos dabei hatte zuschauen müssen, wie der Dunkle Lord Unschuldige umbrachte, hatte er sich nicht mehr so gefühlt. Er schloss die Augen.
„Es tut mir sehr leid", sagte Albus.
„I-Ich muss kurz …" Sie brach ab und flüchtete hinaus den Garten.
Severus sah ihr hinterher und weil er sich Albus' Blicken deutlich bewusst war, versuchte er, seine Miene so neutral wie möglich zu halten. „Lucius ist also in Askaban?", fragte er.
„Ja."
Er nickte langsam.
„Bellatrix Lestrange ist tot, genauso wie Augustus Rookwood und ein paar der neu rekrutierten Todesser, die kein Mal trugen."
Wieder nickte er. Aus dem Augenwinkel sah er Hermine, die im Garten stand und die Arme um sich selbst schlang, während sie versuchte, ihre Fassung zurückzuerlangen. Er hatte nicht gewusst, dass sie ihrer Schwiegermutter so nahe gestanden hatte und dieser Gedanke sickerte heiß in seinen Magen. Er wusste kaum etwas von ihrer Beziehung zu anderen Menschen. Er wusste, dass sie mit Ginevra und Nymphadora befreundet war, weil er es in ihren Erinnerungen gesehen hatte. Aber davon abgesehen … Er schluckte.
„Wie ist es euch hier ergangen?", durchbrach Albus' Stimme seine Gedanken.
Severus blinzelte. „Gut", sagte er gedehnt. „Miss Whitmore ist – wie du bereits weißt – seit langem Vergangenheit. Ich habe angefangen, Hermine zur Tränkemeisterin auszubilden – wie du dir vermutlich ebenfalls gedacht hast. Und ich würde behaupten, wir haben beide die Zeit vor meiner Befreiung so leidlich verarbeitet."
Albus sah ihn eindringlich an. „Und davon abgesehen?"
Severus biss die Zähne aufeinander. Er ahnte es. Albus ahnte, dass er und Hermine zusammen waren. „Hermines und meine Beziehung zueinander gestaltete sich etwas … intimer, als es ursprünglich geplant gewesen war", presste er hervor und rümpfte die Nase.
Albus atmete schwer aus. „Sie ist 23, Severus."
„Das weiß ich", entgegnete Severus.
„Ich habe dir vertraut", fügte Albus mit scharfer Stimme hinzu.
„Und ich habe sie zu nichts gezwungen!", knurrte Severus.
Albus sah hinaus zu Hermine und Severus spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich, als Hermine eine Hand in die Seite stemmte und sich umdrehte. Sie hatte ein weites Oberteil angezogen, damit man ihren Bauch nicht sofort sehen konnte. Aber jetzt hatte die Nachricht von Mollys Tod sie so aus der Fassung gebracht, dass sie mit den Gedanken woanders war. Ihr Bauch zeichnete sich deutlich unter dem Stoff ab.
Albus sah ihn an und seitdem Severus ihn darum gebeten hatte, Lily zu beschützen – nur Lily – hatte in seinem Blick nicht mehr so viel Verachtung gestanden. „Du hast sie geschwängert?" Seine Stimme bebte vor Zorn.
Severus schloss die Augen und wischte sich über den Mund. Er sagte nichts. Was hätte er dazu auch sagen sollen?
Albus atmete langgezogen aus. „Wie konntest du es dazu kommen lassen?"
Severus sah ihn finster an. „Das war nicht meine Absicht! Du hast uns Flussgras geschickt, das wirkungslos war! Das hätte mich auch beinahe das Augenlicht gekostet!", zischte er.
„Seit wann versäumst du es, Zutaten vor der Verwendung zu überprüfen?"
Er schnaubte. „Ich habe dir vertraut, Albus! Ich habe den Zutaten vertraut, die du geschickt hast!" Severus rümpfte die Nase. „Das wird nie wieder vorkommen."
Albus stand auf und ging ein paar Schritte durch den Raum. Da Hermine die Terrassentür wieder angelehnt hatte, konnte sie nichts von dem hören, was gerade gesprochen wurde. „Wie willst du jetzt damit umgehen?"
„Wie sollte ich schon damit umgehen?", fragte Severus scharf. „Sie bekommt ein Kind von mir! Natürlich werde ich sie unterstützen!"
„Wirst du sie heiraten?"
Severus riss die Augen auf. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht", sagte er dann kühl.
„Es geht mich nichts an. Ich möchte nur wissen, ob du glaubst, dass diese Beziehung längerfristig Bestand haben wird."
Severus verzog den Mund, als hätte er einen widerlichen Geschmack auf der Zunge. Und tatsächlich stieg ihm die Galle hoch. „Nein, das glaube ich nicht", sagte er bitter.
„Gut", entgegnete Albus. „Sie wird es schwer genug haben, ihren Freunden zu erklären, wie es zu dieser Schwangerschaft kommen konnte."
„Ja", grollte Severus. Da sollte sie natürlich nicht auch noch erklären müssen, wie es dazu kommen konnte, dass sie ihn zu lieben glaubte. Es war leichter für alle Beteiligten, wenn sie es auf die Gefangenschaft schieben konnte. Stockholm-Syndrom oder wie auch immer man das nannte.
Severus beobachtete Hermine durch die Terrassentür. Sie wischte sich gerade die Tränen aus dem Gesicht. Er konnte kaum atmen. Schon Albus' Anwesenheit genügte, um die zarte Seifenblase platzen zu lassen, in der sie die letzten vier Monate gelebt hatten. Gerade fühlte es sich an, als hätte er das alles nur geträumt. Als hätte sie nie in seinen Armen gelegen, als hätte sie ihm nie gesagt, dass sie ihn liebte. Als hätte es Mia nie gegeben.
Er zwang sich, den Blick abzuwenden. „Gibt es noch mehr zu besprechen oder können wir dann gehen?"
Albus sah ihn reserviert an. „Sofern Mrs Weasley" – Er betonte ihren Namen. – „keine Fragen mehr hat, können wir gehen."
Severus wollte aufstehen und sie holen, aber Albus hob eine Hand und er sank auf seinen Stuhl zurück. Wie ein Schuljunge. Er hasste es so sehr, wenn Albus sich einmischte. Wenn er ihn mit einem Blick daran erinnerte, was für ein Mensch er gewesen war und dass eine Frau wie Hermine nichts an seiner Seite zu suchen hatte. Und dort erst recht nichts von Wert finden würde.
Er hielt den Blick gesenkt, als Hermine das Wohnzimmer wieder betrat. „Tut mir leid", sagte sie leise. Ihre Stimme klang immer noch tränenschwer.
Albus winkte ab. „Haben Sie noch Fragen oder möchten Sie noch etwas besprechen?"
Hermines Blick wanderte zwischen ihm und Severus hin und her.
„Severus hat mich bereits über alles wichtige, das hier vorgefallen ist, informiert."
„Hat er das?", fragte sie argwöhnisch.
Severus sah auf und begegnete ihrem Blick. „Ja", grollte er. „Es ist alles geklärt. Wenn du keine Fragen mehr hast, können wir los."
Sie sah ihn lange an, rieb die Zunge gegen ihren Gaumen. „Nein, ich hab keine Fragen mehr", murmelte sie schließlich. Dann wandte sie sich Albus zu. „Gehen Sie doch schon mal vor, Sir. Wir kommen gleich."
Severus' Augenbrauen zuckten. Albus sah ihn scharf an, aber er schwieg. Nein, er glaubte nicht, dass Hermine langfristig an seiner Seite bleiben würde, aber er würde sie nicht darum bringen, allein mit ihm zu reden.
Albus registrierte es unzufrieden. „Beeilen Sie sich, im Grimmauldplatz wartet eine Willkommensfeier auf Sie. Miss Weasley und Miss Tonks erwarten Sie ungeduldig." Er sprach nur mit Hermine.
„Wir kommen bald", versicherte sie ihm.
Severus sah nicht zu ihm auf, als Albus an ihm vorbei ging und das Haus verließ. Als sie das leise Ploppen seiner Disapparation gehört hatten, kam Hermine zu ihm. „Was hat er gesagt, als ich draußen war?"
Severus seufzte. „Nichts, das nicht wahr wäre."
Sie hob eine Hand und wollte ihm durch die Haare streichen, aber Severus hielt sie fest. Und um sie nicht weiter von sich zu stoßen, als es gerade unbedingt notwendig war, verschränkte er seine Finger mit ihren.
„Du solltest in den Grimmauldplatz gehen und dich feiern lassen."
„Und was machst du?", fragte sie.
Er sah zu ihr auf. „Ich gehe in mein Haus und schaue nach, ob es noch steht."
Sie strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. „Ich mag den Gedanken nicht, dass du allein sein wirst."
Severus schnaubte. „Ich bin jahrelang allein gewesen."
„Deswegen ja."
„Ich werde nicht mit dir in den Grimmauldplatz gehen", sagte er nachdrücklich. Er wollte keinen von diesen Menschen sehen. Sie hatten bereitwillig geglaubt, dass er ein treuer Todesser war, sie würden genauso bereitwillig glauben, dass er Hermine in diese Beziehung hinein manipuliert hatte.
Sie schluckte. „Darf ich zu dir kommen, Severus?"
Er nickte. „Morgen."
Hermine presste die Lippen aufeinander, aber sie nickte. Und dann beugte sie sich zu ihm herunter und stahl sich einen letzten Kuss von ihm. Severus spürte, wie etwas in ihm weich wurde. Er wollte ihr seine Hand in den Nacken legen und sie niemals wieder loslassen. Er wollte sie mitnehmen nach Spinner's End und eine neue Seifenblase bauen, in der sie für immer leben konnten.
Aber das Leben fand in keiner Seifenblase statt. Sie mussten sich der Realität stellen – wie auch immer sie letztendlich aussehen würde. „Geh jetzt", sagte er und zog seine Hand aus ihrer.
„Okay." Sie wandte sich ab und ihre Hand glitt auf ihren Bauch – ein Anblick, der Severus wie ein Klatscher mitten ins Gesicht traf. „Bis morgen, Severus."
Er nickte und sah ihr nach, wie sie im Flur nach ihrer Tasche griff und das Haus verließ. Dann disapparierte auch sie.
Severus schloss die Augen und holte tief Luft. Als wäre er die letzte halbe Stunde oder die letzten vierzehn Monate lang unter Wasser gewesen. Aber auch jetzt war da kein Sauerstoff. Auch jetzt schmerzten seine Glieder und fühlten sich schwer an. Er stützte die Ellbogen auf die Knie, nahm diese verdammte Brille ab und fuhr sich über das Gesicht.
Was hatten sie sich nur dabei gedacht? Eine Beziehung? Liebe? Zwischen ihnen?
Seine Augen brannten, er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger darüber. Als er blinzelte und sich im Wohnzimmer umsah, fühlte es sich an, als wäre etwas anders. Als würde er ein Spiegelbild davon sehen; vollkommen fremd und gleichzeitig merkwürdig vertraut. Hatte er wirklich die letzten vierzehn Monate seines Lebens hier verbracht? War das wirklich sein Zuhause gewesen?
Jetzt war es nur noch ein Zimmer in einem Haus.
Severus ging hinunter ins Labor, belegte den Kessel mit dem Felicis mit einem Stabilisierungszauber, verkleinerte ihn und trug ihn am schmiedeeisernen Henkel mit sich. Vor dem Schrank mit den fertigen Tränken hielt er nochmal inne. Da standen die Phiolen mit dem Trank gegen die Schwangerschaftsübelkeit. Der wirkungslose Verhütungstrank, den er immer noch nicht entsorgt hatte. Ein Tiegel mit Hermines Brandsalbe und die zweite Phiole vom Umkehrtrank für den Vicissitudo Virtus. Ihre ganze Geschichte in ein paar kleinen Flaschen.
Severus schrumpfte auch diese und steckte sie in die Tasche seines Umhangs. Er wusste nicht mal, was er damit machen wollte. Vor allem mit dem wirkungslosen Verhütungstrank. Aber er konnte sie nicht einfach hier lassen.
Ohne einen weiteren Blick zurück ins Labor stieg er die Treppe hinauf, nahm seine Tasche in die freie Hand und verließ das Haus. Er zog die Tür hinter sich ins Schloss und verriegelte sie magisch. Dann hob er den Blick und war für einen Moment überwältigt von dem Anblick grüner Felder. So weit das Auge reichte. Der Horizont war eine scharfe Linie. Nichts war verschwommen.
Er war tatsächlich frei.
Severus schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Türschwelle seines Hauses in Spinner's End. Hunderte Male war er schon dorthin appariert, so oft, es war als würde es seinen Körper von ganz allein dorthin ziehen. Selbst jetzt noch.
Nachdem die Magie ihn durch das Nadelöhr der Apparation gezwängt hatte, blinzelte Severus und sah sich um. Grau. Dreckig. Verlassen. Ja, eindeutig Spinner's End. Er stellte die Tasche ab und öffnete seine Haustür. Sie quietschte, als sie nach innen aufschwang. Die Luft roch staubig und abgestanden. Nachdem er seine Sachen abgestellt hatte, öffnete er die Fenster und ging hinunter ins Labor.
Hermine hatte aufgeräumt, nachdem sie seine Experimente beendet hatte. Damals. In einem anderen Leben. Er vergrößerte den Kessel mit dem Felicis und hängte ihn über ein Feuer. Er musste köcheln. Noch bis morgen. Für eine Phase wie diese war der Felicis der perfekte Trank, um ihn mit Hermine durchzunehmen. Die Ruhephasen waren so lang, dass sie problemlos die Zeit, die sie in Schutzhaft verbracht hatte, mit ihren Freunden aufholen konnte, ohne dass er verdarb.
Severus reihte die Phiolen aus seiner Tasche auf einem Regal an der Wand auf, dann ging er nach oben und packte seine restlichen Sachen aus. Als er die Kleidung aus der Tasche holte, stieg ihm der Geruch des Hauses in die Nase. Und Hermines Geruch. Sie hatte so viel Zeit in seinem Zimmer verbracht, dass alles nach ihr roch. Severus schloss die Augen und atmete tief ein. Es kitzelte in seinem Bauch und etwas schwoll in seiner Brust an.
Das Haus war in einem fürchterlichen Zustand. Seine Haushaltshilfe war natürlich nicht mehr gekommen, nachdem keine Zahlungen mehr eingegangen waren. Er hatte nie viele Rücklagen besessen. Seine Eltern waren arm gewesen und Hogwarts zahlte nicht gut genug, um großartig Geld zu sparen. Also verbrachte er seinen Vormittag und einen Großteil des Nachmittags damit, zu putzen, aufzuräumen und seine Tasche auszupacken. Er stellte das verzauberte Schachspiel im Wohnzimmer auf den Tisch und die Bücher ins Regal. Er beschloss, wenn es hier erst mal wieder sauber und alles an seinem Platz war, würde sich das alte Gefühl, hier zu Hause zu sein, auch wieder einstellen.
Was es nicht tat.
Severus stand am frühen Abend mitten im Wohnzimmer und sah sich unzufrieden um. Es war alles so, wie er es von früher kannte. Alt und abgenutzt, aber sauber. Das waren die Räume, in denen er seine Kindheit verbracht hatte und zumindest einen Teil seines Erwachsenenlebens. Er war hier geboren worden. Aber er war hier nicht mehr zu Hause.
Noch nicht wieder, korrigierte er sich. Er musste sich nur daran gewöhnen. Genauso wie Hermine sich an ihr altes Leben gewöhnen musste. Irgendwann würde es wieder passen.
Sein Blick fiel auf das Bücherregal, an dem Draco in Hermines Erinnerung gestanden hatte. Das neben dem Kamin. Er ging hin und zog das Buch heraus, das Draco in der Hand gehabt hatte. Ein Stück Pergament lag zwischen den Seiten. Severus war kein großer Freund von Gedichten, aber da war vor Jahren mal diese Frau gewesen … Er hatte sich ein paar Mal während der Sommerferien mit ihr getroffen. Sie hatten Spaß gehabt. Unverbindlichen Spaß, daran hatte er keinen Zweifel gelassen. Bevor sie gegangen war, hatte sie ihm dieses Buch geschenkt. „Du erinnerst mich an dieses Gedicht", hatte sie gesagt, ihn auf die Wange geküsst und dann war sie verschwunden. Er hatte sie danach nie wieder gesehen und das erste Mal wieder an sie gedacht, als er in Hermines Erinnerung gesehen hatte, wie Draco das Buch aus dem Regal gezogen hatte.
Der Panther. Das Brandmal an seinem Bein kribbelte.
Er stellte das Buch und die Erinnerungen gerade zurück ins Regal, als es an seiner Tür klopfte.
Severus seufzte und schloss kurz die Augen. „Es ist noch nicht morgen, Hermine", grollte er leise, ehe er sich umwandte und zur Tür ging. Aber als er öffnete, war es nicht Hermine, die davor stand.
