Kapitel 3.13 – Die anderen
„Was willst du denn hier?", schnarrte Severus, nachdem er die Überraschung abgeschüttelt hatte.
Remus Lupin hob eine Flasche Feuerwhiskey hoch. „Ich dachte, du könntest einen vertragen."
Severus kniff die Augen zusammen und suchte in Lupins Gesicht nach Anzeichen von Unaufrichtigkeit. Es wäre ein kluger Schachzug, ihn zu schicken, um Severus zu vierteilen. Aber er fand nichts dergleichen. Er fand nur die Überbleibsel einiger sehr mühsamer Jahre, die in den für sein Alter viel zu tiefen Falten standen. Falten, die auch Severus hatte.
Schließlich trat Severus zur Seite und Lupin ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. „Ich fand es bedauerlich, dass du nicht mit in den Grimmauldplatz gekommen bist."
„Tatsächlich?", entgegnete Severus gelangweilt und zeigte Lupin den Weg in die Küche. Die Stühle dort waren bequemer als das alte durchgesessene Sofa im Wohnzimmer. Davon abgesehen wollte er nicht neben ihm sitzen. Severus holte zwei Gläser aus dem Schrank, während Lupin scharrend einen Stuhl vorzog und sich setzte. Severus stellte die Gläser auf den Tisch und tat es ihm gleich.
„Ja, tatsächlich", sagte Lupin und schenkte ihnen Whiskey ein. „Ich werde dich nicht belügen und behaupten, du wärst genauso vermisst worden wie Hermine …"
„Wie großzügig", unterbrach Severus ihn.
„… aber die meisten haben dir Unrecht getan und sie hätten sich gefreut, etwas davon wiedergutmachen zu können."
Severus sah ihn missmutig an, dann griff er nach seinem Glas und leerte es in einem Zug. Das Brennen des Alkohols in seinem Rachen tat gut, das warme Gefühl in seinem Magen auch. Er musste nur aufpassen, dass er es nicht übertrieb. Er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. „Es ist mir egal, worüber sie sich gefreut hätten", sagte Severus dumpf. „Wenn es Hermine nicht gelungen wäre, mich zu retten, hätte es sie auch nicht sonderlich gestört." Angesichts der Tatsache, dass er sie in ihrer Schutzhaft geschwängert hatte, wären einige im Nachhinein vielleicht sogar froh darüber gewesen, wenn sie es nicht geschafft hätte.
Lupin trank ebenfalls von seinem Whiskey, allerdings zurückhaltender als Severus. Er sah blass aus, selbst angesichts der Jahre, die hinter ihm lagen. Strapaziert und belastet.
„Wann ist Vollmond?", fragte Severus, bevor Lupin auf seine Aussage reagieren konnte.
„Morgen."
Severus zog eine Augenbraue hoch.
„Nein, ich nehme den Wolfsbanntrank derzeit nicht", beantwortete er ihm die unausgesprochene Frage. „Um ein Rudel zu führen, muss ich den Wolf zulassen. Davon mal abgesehen … Der … Freund, der ihn mir zuletzt gebraut hat, war unabkömmlich."
Severus schnaubte. „Wir sind keine Freunde, Lupin. Waren wir nie, werden wir niemals sein." Er goss sich Whiskey nach. Ganz so vorsichtig musste er vielleicht nicht sein.
Lupin senkte den Blick und kippte das Glas in seiner Hand von einer auf die andere Seite, so dass die honigfarbene Flüssigkeit darin schwankte. „Ja, mag sein", murmelte er. „Dann biete ich dir meine Hilfe eben als Verbündeter an."
„Hilfe wobei?"
„Hermine und du."
Severus biss die Zähne so fest aufeinander, dass ihm der Kiefer wehtat. Natürlich wusste er es. Hermine hatte es wahrscheinlich jedem erzählt, der lange genug zugehört hatte. War vielleicht auch gut so. Je mehr Leuten sie es erzählte, desto mehr würde sie spüren, was es bedeutete, mit ihm zusammen zu sein. Und dass sie das ganz bestimmt nicht wollte. Er trank noch ein bisschen mehr Whiskey, um einen Moment Zeit zu haben, seine Gedanken zu sortieren. „Ich brauche keine Hilfe", grollte er dann.
Lupin seufzte. „Nenn es, wie du willst, Severus. Hilfe, ein offenes Ohr, Beistand, Unterstützung – es ist mir gleich. Aber ich weiß, wie es dir geht, und als ich an dem Punkt war, an dem du jetzt bist, hätte ich mir irgendetwas davon gewünscht."
Severus schnaubte. Nein, er lachte sogar leise, das aber sehr freudlos. „Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben dich alle dazu gedrängt, Nymphadoras Werben endlich nachzugeben. Niemand hat jemals an deinem Charakter oder deinen Absichten gezweifelt. Jeder wünscht es dir, glücklich zu sein. Inwiefern willst du also wissen, wie es mir geht?" Er wischte sich über die Augen.
Lupin lehnte sich nach vorn, die Unterarme auf dem Küchentisch. „Es geht nicht darum, was die anderen dir wünschen oder von euch beiden halten. Obwohl ich mir sicher bin, dass deine Vorstellung davon viel negativer ist als die Realität."
Severus sah ihn finster an.
„Jedenfalls … Sowohl Dora, als auch Hermine sind starke Frauen. Sie wissen, was sie wollen, und die Meinungen der anderen werden sie davon nicht abbringen. Ich bin überzeugt davon, dass die anderen Hermine genug lieben, um dich an ihrer Seite zu akzeptieren. Ich tue es jedenfalls und Dora wird es auch. Und spätestens wenn sie sehen, was ich heute gerochen habe, werden die Zweifel sich legen."
Severus riss den Kopf herum. „Was hast du gerochen?", zischte er.
Lupin lächelte, es sah ein bisschen spitzbübisch aus. „Viel, Severus. Du glaubst gar nicht, was man allein durch den Geruch eines Menschen erfahren kann." Nun leerte auch er sein Glas und bedeutete Severus, ihm nachzuschenken. „Ich hab gerochen, dass Albus wütend ist. Er wünscht euch definitiv nicht, dass ihr glücklich werdet."
„Natürlich nicht", murmelte Severus.
„Ich habe gerochen, dass Hermine angespannt war. Die vielen Menschen, nehme ich an. Ich habe dich an ihr gerochen und sie offensichtlich auch, denn manchmal zog sie die Schulter hoch und strich mit dem Gesicht daran entlang und sie wurde ein bisschen ruhiger. Und ich hab gehört, wie schnell ihr Herz schlug, als sie von dir geredet hat. Ihr Herz und … das eures Kindes." Er sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch.
Severus rümpfte die Nase und wandte den Blick ab. Verdammter Werwolf.
„Dass ich das alles mitbekommen habe, ist übrigens der Grund dafür, dass ich jetzt hier bin und nicht Alastor."
Severus stöhnte und schloss die Augen. Verdammtes magisches Auge!
„Kostet mich eine Flasche Feuerwhiskey, dass er mich mit dir reden lässt."
„Erwartest du jetzt meinen Dank dafür?"
Lupin schnaubte. „Nein. Du wolltest nie meinen Dank für den Wolfsbanntrank, ich will keinen Dank hierfür. Ich will dir nur sagen, was zu verstehen mich Monate gekostet hat: Hermine wird dich nicht aufgeben, Severus. Sie ist genauso wie Dora. Ich war mehr als drei Jahre kein Teil von Doras Leben und trotzdem hat sie sich nicht von mir abgewandt. Hermine will dich, auch wenn das niemand verstehen kann. Sie weiß, dass niemand es verstehen muss. Sie müssen es nur akzeptieren. Und wer das nicht kann, ist nicht die Art Mensch, die Hermine – oder Dora – in ihrem Leben haben will. Es ist nicht deine Entscheidung, ob sie dich lieben will oder nicht. Also hör auf, sie von dir zu stoßen."
Das Glas scharrte leise über den Tisch, als Severus es zwischen seinen Fingern hin und her schob. „Sie hat keine Ahnung, was es bedeutet, mit mir zusammen zu sein", sagte er leise. „Hier. Nicht in diesem Haus, abgeschnitten von der Welt."
„Doch, sie weiß es. Genauso wie Dora es wusste. Und es war ihr genauso egal, wie es Hermine egal ist."
„Woher willst du das wissen?"
„Ich habe sie gesehen, gerochen und gehört, Severus. Den ganzen Tag lang. Deutlicher hätte sie nur werden können, wenn sie auf den Tisch gestiegen und vor aller Augen ihre Liebe zu dir erklärt hätte."
„Ach, das hat sie nicht?", fragte Severus lahm.
„Nein."
Severus wischte sich über den Mund. Ihm stieg der Alkohol in den Kopf, er fühlte sich schwindelig und müde. „Wenn Hermine vor meiner Tür steht, bin ich ohnehin der letzte, der sie wegschicken wird", murmelte er.
„Ich weiß."
Missmutig sah Severus ihn an.
„Es riecht hier überall nach Hermine, dabei ist sie noch gar nicht hier gewesen. Ihr seid euch offensichtlich sehr nahe."
„Könntest du … einfach aufhören, deine Nase in unsere Angelegenheiten zu stecken?"
Lupin lächelte. „Selbst ohne ihren Geruch kann ich sehen, wie wichtig sie dir ist. Ich habe dich schon mal so gesehen …"
Severus presste die Lippen aufeinander. „Und wir wissen beide, wie das endete."
„Ja." Lupin senkte den Blick und runzelte die Stirn. „Zeit, es dieses Mal besser zu machen." Er leerte sein Glas und stand auf. „Ich geh dann besser mal zurück, bevor Alastor doch noch die Kavallerie schickt. Bist du dir sicher, dass du nicht mitkommen willst?"
„Absolut." Jetzt, wo die Küchentür ein bisschen vor seinen Augen schwankte, noch mehr als vorher. Er folgte Lupin durch das Wohnzimmer zur Haustür. Bevor er sie jedoch für ihn öffnete, hielt er inne, rieb seine Zähne gegeneinander und sagte dann doch: „Wie klingt der Herzschlag von …" Seine Mut und seine Stimme verloren sich.
Ein breites Lächeln trat auf Lupins Gesicht; er sah schlagartig zehn Jahre jünger aus. „Wundervoll."
Es war gegen Mitternacht, als ein Klopfen Severus aus dem Schlaf riss. Er war früh schlafen gegangen, kurz nachdem Lupin gegangen war. Der Alkohol hatte ihm diesmal mehr zugesetzt als sonst. Er hätte vorher etwas essen sollen.
Es klopfte wieder.
Severus blinzelte und wusste im ersten Moment nicht mal, wo er war. Dass alles verschwommen war, machte es nicht einfacher. Dann kehrten die Erinnerungen langsam zurück. Genau. Spinner's End. Er stand auf, nahm die Brille vom Nachtschrank und war trotzdem noch zutiefst irritiert darüber, dass sein Bett an der hinteren Zimmerwand stand. Das war einfach nicht richtig.
Barfuß stieg er die Treppe ins Untergeschoss hinunter und bis er an der Tür war, hatte es nochmal geklopft. Er knurrte leise und riss die Tür auf, aber die unwirsche Frage, wer ihn um diese Zeit auf diese Art störte, blieb ihm quer im Hals stecken.
„Jetzt ist morgen. Darf ich bitte reinkommen?" Hermine trug einen Mantel über ihrem Schlafanzug und die Schnürsenkel ihrer Schuhe, die sie ohne Socken trug, waren offen. Zumindest die linken. Die rechten fehlten. Severus zog eine Augenbraue hoch, als er es sah, und sie folgte seinem Blick. „Oh", murmelte sie. „Die liegen wohl auf dem Treppenabsatz vom Grimmauldplatz."
Er schmunzelte. „Gut, dass nicht ein anderer Teil von dir zurückgeblieben ist."
Sie atmete auf. „Ja. Darf ich bitte reinkommen?"
Severus trat zur Seite, aber als Hermine an ihm vorbeigehen wollte, griff er nach ihrer Hand und zog sie in seine Arme. Er versetzte der Haustür einen Stoß, die sie in ihr Schloss zurückbeförderte, und hielt Hermine so fest, dass sie keuchte. Seine Nase in ihren Haaren, ihr Geruch, ihre Wärme.
„Du hast mir auch gefehlt", flüsterte sie und schlang ihre Arme um seinen Rücken. Dann schob sie sich von ihm und sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Hast du etwa getrunken?"
Severus nickte. „Lass uns einfach ins Bett gehen."
Bevor sie protestieren oder diese Diskussion, für die er einfach nicht klar genug im Kopf war, vertiefen konnte, zog er sie hinter sich die Treppe hinauf. Hermine schlüpfte aus ihren Schuhen, warf den Mantel über das Fußende des Bettes und kroch zu Severus unter die Decke. Ihre Gesicht an seinem Hals, ihr Atem auf seiner Haut, ihre kalten Finger am Saum seines T-Shirts und dann darunter. Auf seinem Rücken.
„Es ist mir egal, was irgendjemand davon hält, dass ich dich liebe. Ich will nicht mehr einen einzigen Tag ohne dich sein." So leise, dass Severus es kaum verstand. Und noch während sie es sagte, schlief sie ein, die letzten Worte gingen beinahe verloren.
Severus lächelte und strich über ihren Rücken. Nicht mehr einen einzigen Tag.
„Wie war es gestern im Grimmauldplatz?", fragte Severus, als sie am nächsten Morgen noch im Bett waren. Hermines Kopf lag auf seiner Brust und sie seufzte leise, als sie seine Stimme in seinem Brustkorb vibrieren hörte.
„Laut. Voll. Da waren so viele Menschen …" Ihre Finger kreisten träge über seinen Bauch. „Wie war es hier?"
Severus runzelte die Stirn und verschränkte einen Arm hinter seinem Kopf, sah hinab auf ihren Lockenkopf. „Leise. Einsam", sagte er.
Hermine drehte sich um, so dass sie ihn ansehen konnte. „Das Haus hat uns beide verändert."
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Hat es." Ihn vermutlich mehr als sie. Jedenfalls hätte er vor seiner Schutzhaft nicht erwartet, jemals wieder einem Menschen so nahe zu kommen wie ihr. Berührungen und Körperkontakt jemals wieder so genießen zu können wie mit ihr. Jemals wieder so viel Angst davor haben zu können, etwas zu verlieren. „Wie geht es dir heute?"
„Was meinst du?"
„Es hat dich gestern sehr mitgenommen, von Mollys Tod zu hören." Seine freie Hand strich über ihren Arm und über ihren gewölbten Bauch. Als es ihm bewusst wurde, war da wieder dieses Kitzeln in seinem Magen.
Hermine schlug die Augen nieder. „Ja, hat es. Ich hab … einfach nie darüber nachgedacht, dass das passieren könnte. Molly war immer da. Selbst im Grimmauldplatz ist es leer ohne sie." Sie schluckte.
„Sie war eine Naturgewalt."
Sie lächelte. „Ja. Ich mach mir Sorgen um Ginny. Ich hatte gestern das Gefühl, dass sie versucht, Mollys Rolle in der Familie zu übernehmen. Die meiste Zeit findet man sie in der Küche und Mollys Tonfall hat sie auch schon erschreckend gut drauf."
Severus runzelte die Stirn. „Wann ist Molly gestorben?"
„Vor fünf Monaten. Kurz vor …" Sie brach ab.
Severus fing ihren Blick ein und zog eine Augenbraue hoch.
Hermine seufzte. „Kurz vor Rons erstem Todestag."
Er richtete den Blick an die Decke. „Ich denke, sie versuchen alle noch, einen Weg zu finden, um mit dem Verlust umzugehen. Wenn Ginevra sich in einem Jahr noch genauso verhält, würde ich mir auch Sorgen machen."
„Ich hoffe, dass sie bis dahin eine neue Aufgabe findet. Vielleicht … als Patentante?"
Severus schnalzte leise mit der Zunge. „Sehr geschickt", grollte er.
Sie biss sich auf die Unterlippe. „Dir den Vorschlag so unterzujubeln oder Ginny damit eine andere Aufgabe zu geben?"
„Beides. Es ist beides sehr slytherin."
Eine zarte Röte stieg ihr ins Gesicht. „Ich hatte darauf gehofft, dass du meine Bemühungen wertschätzen würdest."
Er knurrte leise.
„Und, was hältst du davon?"
Severus holte tief Luft und dachte darüber nach. „Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Und es ist nicht so, als ob ich einen besseren Vorschlag machen könnte." Er würde sich in Zukunft ohnehin mit Ginevra und Nymphadora auseinandersetzen müssen. Sie waren Hermines Freundinnen. Und wenn er sich mit Nymphadora auseinandersetzen musste, dann auch mit Lupin. Er verdrehte die Augen.
„Gut", sagte Hermine in seine Gedanken hinein. Sie wirkte sichtlich zufrieden. „Ich hab bisher übrigens nur Ginny und Tonks von uns und dem Baby erzählt."
„Lupin und Alastor wissen es auch", sagte Severus.
Sie sah ihn erschrocken an. „Was? Woher?"
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Werwolf und magisches Auge."
Hermine stöhnte und wischte sich über das Gesicht. „Ich meine, Remus hätte es bis heute Morgen sowieso gewusst, ich glaube nicht, dass Tonks das hätte für sich behalten können. Aber Moody?" Sie stöhnte nochmal.
„Er hat mich bisher nicht ins Jenseits und zurück gehext, irgendetwas scheint Lupin also richtig gemacht zu haben."
„Richtig gemacht?" Sie runzelte die Stirn.
Er rieb sich über die Stirn. „Lupin war gestern Abend hier, nachdem er Alastor davon abgehalten hat, deine Ehre zu verteidigen oder was auch immer er vor hatte. Hat mich mit Feuerwhiskey abgefüllt und versucht mir klarzumachen, dass ich dich nicht mehr loswerde."
„Und?", fragte sie und biss sich auf die Unterlippe. „Hat er es geschafft?"
Severus sah direkt in ihre haselnussbraunen Augen. „Hat er."
Sie lächelte dieses atemberaubende Lächeln. Dieses Lächeln, das sie mit dem ganzen Gesicht lächelte und nicht nur mit dem Mund. „Merlin sei Dank!", murmelte sie. „Ich will nicht einen Tag länger im Grimmauldplatz wohnen."
Ja, es war gemein. Aber nur weil er mehr oder weniger akzeptiert hatte, dass sie ihn liebte und nicht gehen würde, und dass er sie liebte und sie nicht gehen lassen würde, hörte er nicht auf, ein Slytherin zu sein. „Wo willst du dann wohnen?", fragte er also mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Aber Hermine kannte ihn einfach schon zu gut. Viel zu gut. Besser als gut für ihn war, denn sie feixte nur und sagte: „Hier. In diesem Bett. Ich werde für immer in diesem Bett wohnen." Und dann rollte sie sich auf den Bauch und küsste ihn.
Eine Weile später hatte Hermine sich dann doch dagegen entschieden, für immer in seinem Bett zu wohnen. Es hatte gereicht, sie an den Felicis zu erinnern, der in seinem Kellerlabor über einem kleinen Feuer hing und darauf wartete, weiter bearbeitet zu werden. Da sie nur ihren Schlafanzug mit hergebracht hatte, hatte sie eben diesen in eine Jeans und einen dünnen Pullover verwandelt und ihre Unterwäsche magisch gereinigt. Severus musste neidlos zugeben, dass sie in solchen Dingen mehr Geschick an den Tag legte als er.
„Jetzt mal ganz im Ernst, Severus. Wo wollen wir wohnen?", fragte sie, während sie vor dem Kessel stand und auf einen Farbumschwung wartete.
„Welche Optionen schweben dir denn vor?", fragte er argwöhnisch.
Sie seufzte leise. „Wir könnten hier wohnen oder uns etwas Neues suchen", sagte sie langsam. Dann biss sie sich auf die Unterlippe und fügte hinzu: „Oder wir fragen Professor Dumbledore, ob wir zurück ins Haus können."
Severus sah sie entsetzt an.
„Nicht mit der Barriere!", sagte sie schnell. „Nur … so."
„Das macht es nicht besser", entgegnete er. Zurück ins Haus? Zurück in das Gefängnis der letzten vierzehn Monate? Schon wenn er daran dachte, lief ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunter.
Aber Hermine sah unglücklich aus, als sie den Blick wieder in den Kessel richtete.
Severus griff sich an die Nasenwurzel. „Warum willst du dorthin zurück?"
„Weil das … unser Ort ist. Der Ort, an dem ich dich so kennenlernen durfte, dass ich erkannt habe, was für ein Mensch du tatsächlich bist. Der Ort, an dem ich angefangen habe, dich zu lieben. Der Ort, an dem du mir geholfen hast, mit meiner Vergangenheit abzuschließen. Ich mag das Haus. Und ich mag uns in diesem Haus."
Er sah sie nur an.
„Warum willst du nicht dorthin zurück?", fragte sie, nachdem er lange geschwiegen hatte.
Severus schluckte. „Weil ich … bei jedem Blick aus dem Fenster befürchten würde, dass diese Barriere wieder da ist."
„Verstehe", murmelte sie und begann den Trank nach einem festen Schema umzurühren, als die Farbe sich änderte. Dreimal nach links, fünfmal nach rechts, siebenmal nach links. Severus zählte mit.
„Und ich glaube nicht, dass Albus uns das Haus überlassen würde", sagte er, nachdem sie fertig war.
Hermine verzog das Gesicht. „Er ist nicht angetan von uns beiden, oder?"
Severus schnaubte. „Nein, ist er nicht."
„Aber … warum?"
Er legte den Kopf in den Nacken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Albus mag es, wenn die Leute tun, was er ihnen sagt", begann er. „Besonders wenn es um mich geht. Er wollte mich immer in seiner Nähe haben, wollte mich kontrollieren können. Er hatte wohl immer Angst, ich könnte doch zu den Todessern zurückkehren. Er hat mir vertraut, als er dich mit mir in dieses Haus gesperrt hat. Und ich hab sein Vertrauen missbraucht."
Sie rümpfte die Nase. „Zählt meine Meinung überhaupt?"
Severus verzog den Mund. „Ich denke nicht, dass Albus glaubt, dass du dich tatsächlich freiwillig und aufrichtig in mich verlieben könntest. Also nein."
„Glaubt er, du hättest mich … was? Manipuliert? Erpresst?"
„Ausgenutzt", sagte Severus. „Ich vermute, er hält es für nachvollziehbar, dass du im Laufe einer so langen Gefangenschaft diese Art des Interesses an mir entwickelt hast. Eine Affäre hätte er uns vermutlich sogar nachsehen können. Aber dass ich es zugelassen habe, dass du schwanger wirst …"
„Was?", fragte sie scharf und zog die Augenbrauen hoch. „Glaubt er etwa, du hättest mir absichtlich einen wirkungslosen Verhütungstrank gegeben, damit ich dich auch nach dieser … Schutzhaft nicht verlasse?"
Severus zuckte mit den Schultern. Vermutlich glaubte Albus genau das. Oder eine Variante davon.
Hermine sah ihn fassungslos an. Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare und Severus' Blick fiel einmal mehr auf ihren Bauch. Der Anblick löste bei ihm immer weniger Grauen aus, vielleicht gewöhnte er sich tatsächlich langsam an den Gedanken, dass er Vater werden würde.
Vater …
Nein, es gelang ihm immer noch nicht, diesen Begriff mit sich in Verbindung zu bringen. Absurd. Völlig absurd.
„Ich will nicht, dass er so von dir denkt!"
Hermines Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Blick und sah ihr ins Gesicht. „Es ist mir egal, was er von mir denkt", schnarrte Severus. „Ich hab genug Zeit damit verbracht, es ihm recht zu machen und einer Absolution von ihm hinterherzujagen, die ich niemals bekommen werde. Der Krieg ist vorbei, ich hab meine Schuldigkeit getan. Drei Monate Folter müssen reichen." Er wischte sich über das Gesicht.
„Also wirst du nicht wieder in Hogwarts unterrichten?"
„Nein!" Er lachte freudlos. „Wie kommst du auf die Idee?"
Hermine senkte den Blick. „Marvin Graytwig … Er war dein Nachfolger. Er hat sich letztes Jahr dem Orden angeschlossen und ist vor ein paar Monaten ums Leben gekommen."
Severus runzelte die Stirn. Der Name kam ihm bekannt vor. Er hatte ihn vermutlich unterrichtet. „Und Albus spekuliert auf mich? Das Schuljahr hat doch schon angefangen."
Hermine zuckte mit den Schultern. „Das ist es, was Remus angedeutet hat. Ich weiß nicht, ob Professor Dumbledore tatsächlich darauf gehofft hat."
Er schüttelte den Kopf. „Selbst wenn er das getan hat, wird er seine Meinung jetzt zweifellos geändert haben."
Sie seufzte. „Ja, vermutlich."
Severus ging zu ihr und nahm ihr Gesicht in die Hände. „Ich verstehe, warum du dich in diesem Haus wohl gefühlt hast. Aber ich möchte dort nicht mehr leben." Er sagte es auf die Art, die ihr immer ein wohliges Gefühl bereitete.
Und tatsächlich schloss sie die Augen und lächelte ein bisschen. „Okay. Darf ich dann bitte hier einziehen?"
Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie. Zärtlich. „Du darfst."
