Kapitel 3.14 – Isobel

Als Severus mit Hermine in Cornwall apparierte, war er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war. Seine Großmutter war … und er war … Er schnalzte mit der Zunge. Aber Hermine lenkte ihn ab.

„Merlin, ist das schön hier", sagte sie neben ihm und sah sich mit großen Augen um.

Severus tat es ihr gleich und versuchte, diesen Ort mit ihren Augen zu sehen. Das Wetter war nicht schön heute. Die Wolken hingen tief und grau über der Nordsee, es war kalt und windig. Aber es regnete nicht. Unten am Wasser war der kleine Hafen, einige Segel- und Fischerboote lagen vertäut am Steg. Das Klingeln der Metallrollen an den Masten lag in der Luft; dieses leise Geräusch, das er im Denkarium immer so schmerzlich vermisst hatte. Und in der Ferne erhoben sich die Klippen über das Meer. Er schloss die Augen und atmete tief die salzige Luft ein. Es roch nach Algen und Fisch.

Freiheit.

Als er blinzelte, sah Hermine ihn mit schief gelegtem Kopf an. „Was?", fragte er dunkel.

Sie lächelte. „Ich glaube, ich hab dich noch niemals zuvor so … erlöst gesehen."

Er schnaubte, griff nach ihrer Hand und ging mit ihr auf das Haus zu, vor dem sie gelandet waren. Das Haus seiner Großeltern. Jetzt nur noch seiner Großmutter. Er war sich wirklich nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, Hermine mitzubringen. Natürlich musste er sich irgendwann bei seiner Großmutter melden, sie war seine letzte lebende Verwandte und sie hatte wie lange nichts mehr von ihm gehört? Sie würde es ihm gleich sagen. Vielleicht hätte er erst mal allein herkommen und sie vorwarnen sollen. Die Wogen glätten, die Fragen klären, ihren Groll abfangen.

Er sah Hermine an. „Es war vielleicht keine gute Idee, dass du heute schon mitkommst."

„Ich kann auch wieder gehen, wenn dir das lieber ist", bot sie an.

War es ihm lieber? Nein. Im Gegenteil. Er war froh, dass sie da war, und egoistisch genug, um sie nicht wegzuschicken, auch wenn das vielleicht die bessere Entscheidung gewesen wäre. „Nein. Nimm … dir das, was sie sagt, nur bitte nicht zu sehr zu Herzen."

„Mach ich nicht", versprach sie.

Severus holte tief Luft, dann klopfte er an die rote Tür. An ein paar Stellen löste sich der Lack und das alte Holz darunter war zu sehen. Hermines Griff um seine Hand wurde ein bisschen fester, während sie warteten.

Es dauerte quälend lange Sekunden, ehe sich die Tür öffnete. Seine Großmutter spähte durch einen Spalt und sah ihn an, als hätte sie ihn noch niemals zuvor gesehen. Dann hellte sich ihre Miene auf. „Severus!" Sie stieß die Tür auf und schloss ihn in die Arme.

Severus knurrte leise, aber sie war seine Gran. Natürlich ließ er sich ihre Umarmung gefallen. „Gran …"

„Wo bist du die ganze Zeit gewesen?", fragte sie, ohne ihn loszulassen. Ihre Stimme klang, als würde sie zwischen Wut und Tränen schwanken.

Er verdrehte die Augen. „Könntest du mich erst mal loslassen?"

„Nein! Du bist seit zwei Jahren nicht mehr hier gewesen! Ich hab das Recht, dich so lange zu umarmen, wie ich es will, hörst du?"

Da war es. Zwei Jahre. Hermine hüstelte leise neben ihm, es klang wie ein Versuch, ein Lachen zu verbergen.

Severus wusste nicht, ob seiner Großmutter da erst bewusst wurde, dass er nicht allein war, oder ob es ihr vorher nur egal gewesen war. Jedenfalls ließ sie ihn dann doch los und sah Hermine interessiert an. Der schoss sofort die Röte ins Gesicht.

„Gran, das ist Hermine Weasley, Hermine, das ist meine Großmutter, Isobel Prince."

„Hallo, Mrs Prince", sagte Hermine und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen."

Seine Großmutter blinzelte, dann sah sie ihn an, ohne Hermine die Hand zu schütteln. „Ist sie hier, um deine faulen Ausreden zu unterstützen?"

Severus seufzte und griff sich an die Nasenwurzel, während Hermine langsam die Hand sinken ließ.

„Und seit wann trägst du eine Brille?", fragte sie weiter, ohne ihn überhaupt zu Wort kommen zu lassen. „Du siehst so intelligent aus damit."

Er holte tief Luft. Er hätte wirklich erst mal alleine herkommen sollen. „Nachdem wir nun geklärt haben, von wem ich mein Taktgefühl geerbt habe", schnarrte er ungeduldig, „Würdest du uns reinlassen oder empfängst du Gäste neuerdings immer auf der Türschwelle?"

Isobel kniff die Augen zusammen. „Ich habe mich noch nicht entschieden, ob du mein Gast oder mein Ex-Enkel bist, Severus Snape."

Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie nur an.

Nach ein paar Sekunden schnaubte Isobel und warf die Hände in die Luft. „Na, meinetwegen. Aber nur weil mich die Arthrose heute quält!" Sie wandte sich um und ging ihnen voraus durch den Flur.

Hermine sah ihn mit großen Augen an.

„Was?", fragte Severus ungeduldig.

„Die Ähnlichkeit ist verblüffend", hauchte sie und biss sich auf die Unterlippe. „Ich mag sie jetzt schon."


Seine Großmutter sah alt aus. Viel älter, als Severus sie in Erinnerung hatte. Er beobachtete sie dabei, wie sie ihnen Tee kochte, ein paar Scones auf einen Teller legte und alles zusammen mit Milch, Zucker und Tassen auf den Tisch schweben ließ. Die faltigen Hände, die grauen Haare, die Schürze, die sie um ihre Hüften trug. Sie stöhnte leise, als sie sich zu ihnen an den Küchentisch setzte.

„Soll ich dir einen Schmerztrank brauen?", fragte Severus, während er ihnen Tee eingoss.

„Du sollst mir erzählen, warum du zwei Jahre nicht hier gewesen bist."

„Ich bin sonst auch nicht oft hergekommen", erinnerte er sie.

„Du warst niemals zwei Jahre lang fort! Ich hätte sterben können und du hättest es nicht mal bemerkt."

Hermine warf ihm einen schnellen Blick zu und schluckte.

„Ich auch", entgegnete Severus ungerührt.

Isobel sah ihn an. Schwieg. Dann: „Soll ich dich extra fragen, wie du das meinst, oder ersparst du uns das?"

Severus rieb sich die Stirn. Immer, wenn er seine Gran besuchte, fragte er sich, ob er in Gesprächen mit anderen genauso anstrengend war. Hermines Schmunzeln war allerdings mehr Antwort, als er hatte haben wollen. „Willst du die lange oder die kurze Version?", fragte er.

„Die wahre. Und warum ist sie überhaupt hier?" Sie nickte zu Hermine.

„Hermine ist das Ende der Geschichte."

Wieder musterte sie Hermine abschätzend. „Scheint ein wichtiges Ende zu sein, wenn du sie mit herbringst."

Severus sah Hermine an. Etwas in ihm entspannte sich. „Ist es. Hermine hat mir das Leben gerettet und dann beschlossen, ihres an meiner Seite zu verbringen."

Isobel verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.

Severus sah sie verdrossen an. „Was, Gran? Was daran ist für dich gerade so unglaublich?"

Sie hob ihre Schürze hoch und betupfte sich den Mund. „Eine Frau? Du? Ich dachte, du hättest gar kein Interesse an Frauen."

Hermine presste ihre Lippen aufeinander.

Severus hingegen verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie kommst du darauf?"

„Du hast nie von einer gesprochen. Nie eine mitgebracht. Und bist mit Anfang vierzig immer noch unverheiratet und kinderlos. So komme ich darauf", zählte sie auf, als hätte sie sich auf so eine Frage vorbereitet.

„Das kinderlos hat sich bald erledigt", schnarrte Severus und beobachtete äußerst zufrieden, wie seiner Großmutter die Gesichtszüge entglitten.

„Nein!"

„Doch."

Sie sah Hermine an. „Nein."

Hermine zuckte mit den Schultern. „Doch." Sie strich ihr weit geschnittenes Oberteil glatt, so dass sich ihr Bauch deutlich darunter abzeichnete.

Isobel ließ sich auf ihrem Stuhl nach hinten sinken. „Jetzt bin ich gespannt auf die Geschichte."


Severus hatte seinen Großeltern nie etwas von seiner Spionagetätigkeit erzählt. Sie hatten gewusst, dass er ein Todesser gewesen war. Und sie hatten gewusst, dass er dem Dunklen Lord abgeschworen hatte und als Lehrer in Hogwarts Zuflucht gefunden hatte. Mehr zu wissen von dem, was er für den Orden tat, hätte sie nur beunruhigt.

Er hatte auch immer sorgfältig darauf geachtet, dass der Dunkle Lord nicht erfuhr, dass sie überhaupt existierten. Selbst als er noch ein treuer Todesser gewesen war, hatte er ihn von diesen Erinnerungen abgelenkt und seine Familie nie erwähnt. Es hatte dem Dunklen Lord auch immer gereicht, die Erinnerungen an seinen Muggel-Vater zu sehen. Wegen ihm war Severus so fasziniert von den Dunklen Künsten gewesen. Wegen ihm war er den Todessern beigetreten. Alles andere hatte den Dunklen Lord nie interessiert.

Aber dass er diesen Teil seines Lebens vollständig vor seinen Großeltern verborgen hatte, machte diese ohnehin schon lange Geschichte noch länger. Sie leerten die erste Kanne Tee und auch die zweite. Sie aßen die Scones auf und zusammen mit der dritten Kanne Tee bereitete Isobel ihnen auch noch ein Abendessen zu. Je mehr sie erfuhr von dem, was in den letzten zwanzig Jahren in Severus' Leben passiert war, desto leiser wurde ihre Ruppigkeit, desto aufrichtiger ihre Fragen und desto deutlicher ihre Besorgnis um ihn.

Sie war nicht nur seine letzte lebende Verwandte – er war auch ihrer.

Hermine saß die meiste Zeit schweigend dabei und erfuhr an diesem Nachmittag vermutlich fast so viel neues von Severus wie Isobel. Zumindest hing sie genauso an seinen Lippen wie seine Großmutter. Irgendwann griff sie unter dem Tisch nach seiner Hand und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.

Als Severus fertig erzählt hatte, seufzte seine Großmutter sehr tief. Er hatte den Eindruck, in den letzten Stunden wären ihre Falten noch ein bisschen tiefer geworden. „Ich wünschte, du hättest mir früher von all dem erzählt."

„Nein", entgegnete Severus, „Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt. Jetzt, wo es vorbei ist und wo ich ein gutes Ende mitbringen konnte."

Isobel sah Hermine an. „Wie alt sind Sie eigentlich?", fragte sie.

Hermines Augenbrauen zuckten. „Neunzehneinhalb Jahre jünger als Severus."

„Und haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater?"

Severus verdrehte die Augen.

Hermine lachte leise. „Ja, ein sehr gutes. Genauso wie meine Mutter."

„Hm", machte Isobel.

Nach einem kurzen Blick auf Severus sagte Hermine: „Ich hab mich nicht wegen des Altersunterschiedes in Severus verliebt, sondern trotzdem, Mrs Prince. Ich war vorher verheiratet mit einem Mann, der genauso alt war wie ich. Es ist kein Vaterkomplex, der mich zu ihm getrieben hat."

„Sie waren schon mal verheiratet?", fragte Isobel mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Gran!", warf Severus scharf ein, aber Hermine drückte kurz seine Hand und das brachte ihn zum Schweigen.

„Ja, war ich. Mein Mann starb vor anderthalb Jahren im Krieg. Er war Auror." Mit ihrer freien Hand tastete sie nach dem Ring, den sie an der Kette um ihren Hals trug. Isobels Blick zuckte kurz dorthin.

„Und dann jetzt schon ein Kind …"

Hermine holte schon Luft, um darauf zu antworten, aber Severus kam ihr zuvor: „Nein!"

Isobel sah ihn herausfordernd an. „Ich mein ja nur", sagte sie.

„Ich kenne dein Ich mein ja nur, Gran."

Sie richtete sich auf ihrem Stuhl auf. „Nachdem du zweiundvierzig Jahre lang nie eine Frau erwähnt hast, habe ich das verdammte Recht dazu, skeptisch zu werden, wenn du plötzlich mit einem so jungen Ding kurz vor der Niederkunft vor meiner Tür stehst!"

„Wann genau hätte ich Hermine denn in den letzten zweiundvierzig Jahren erwähnen sollen? Bevor sie geboren wurde? Oder während sie meine verdammte Schülerin gewesen ist? Hätte das dein Vertrauen in unsere Beziehung gestärkt?", fragte er scharf.

„Severus, es ist …"

Er warf Hermine einen kurzen Blick zu und sie verstummte.

„Ich rede doch nicht von ihr! Sie ist hoffentlich nicht die erste Frau in deinem Leben", entgegnete Isobel.

„Das geht dich nichts an", sagte er. „Und so, wie du dich ihr gegenüber verhältst, sollte es dich nicht wundern, dass ich früher nie etwas erzählt habe."

„Ach, jetzt ist das meine Schuld?" Er zuckte nur mit den Augenbrauen und seine Großmutter schnaufte. „Du bist genauso wie deine Mutter, Severus. Sie hat mir auch erst von deinem Vater erzählt, als sie schon mit dir schwanger gewesen ist."

Er rümpfte die Nase. „Hermine ist nicht wie Vater! Und es war nicht meine Entscheidung, sie dir erst jetzt vorzustellen."

„Ja, das sagtest du", murmelte sie und strich mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse.

Severus seufzte und griff nach ihrer Hand, fing den Blick seiner Großmutter ein. „Hermine ist das Gegenteil von Vater, Gran. Du wirst keinen anderen Menschen mit einer so hohen Moral finden wie sie. Eher müsste sie Angst haben, dass ich wie Vater werden könnte."

Isobel verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf und legte ihre andere Hand auf seine. „Du bist nicht wie dein Vater, Severus."

„Das hoffe ich", sagte er. Das hoffte er wirklich. „Ich hätte dir Bescheid gesagt, dass es mir gut geht, aber das hätte dich in Gefahr gebracht. Lucius Malfoy war genauso grausam wie der Dunkle Lord. Er hat versucht, Hermine entführen zu lassen, um sie vor meinen Augen foltern zu können. Und da waren wir noch nicht mal romantisch aneinander interessiert. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was er mit dir getan hätte, wenn er von deiner Existenz gewusst hätte." Dass Lucius diese Dinge mit Minerva getan hatte, bereitete ihm schon genug schlaflose Nächte.

Es war ein Glück, dass Lucius nicht auf die Idee gekommen war, Severus' Abstammung zu recherchieren. Dass er niemals die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass Severus ihn belogen haben könnte, als er gesagt hatte, er hätte keine Familie mehr. Seine Großmutter zu kontaktieren (oder über Albus kontaktieren zu lassen), hätte dieses Glück überstrapaziert.

„Ich hatte Angst um dich", sagte Isobel leise, den Blick auf ihre Hände gerichtet.

„Ich weiß."

Nach ein paar weiteren Sekunden ließ sie seine Hand los. „Und wie habt ihr euch das jetzt vorgestellt?"

„Was vorgestellt?", fragte Severus argwöhnisch und trank von seinem Tee.

„Werdet ihr heiraten? Wo wollt ihr wohnen? Werdet ihr überhaupt zusammenziehen? Das ist ja heutzutage alles nicht mehr selbstverständlich." Ihr Blick schweifte zwischen Hermine und Severus hin und her.

„Wir sind noch nicht mal ein halbes Jahr zusammen, Gran! Eine Ehe war noch kein Thema zwischen uns."

„Ein Kind offensichtlich schon", wandte sie spitz ein.

Severus grollte leise. „Ja, wir werden zusammen ziehen. Hermine zieht bei mir ein."

„Etwa in Spinner's End?" Isobel sah ihn mit großen Augen an.

„Natürlich in Spinner's End. Da wohne ich nun mal."

Sie keuchte. „Ihr könnt kein Kind in Spinner's End großziehen, Severus!"

„Warum nicht? Ich bin auch dort aufgewachsen."

„Genau das meine ich! Dieses Haus hat mein Enkelkind verkorkst, ich werde nicht zulassen, dass es auch meinen Urenkel verkorkst."

„Dankeschön", entgegnete Severus süßlich, bevor er sie finster anblickte. „Hast du noch ein anderes Haus in der Hosentasche? Ich nämlich nicht."

„Ihr könnt hier einziehen", sagte sie ohne zu zögern.

Severus schnaubte. „Und wo willst du wohnen?"

Sie machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand. „Mir reicht die Einliegerwohnung. Ich hab sie bisher immer an Touristen vermietet, aber das wird mir zu anstrengend. Dieses Haus ist zu groß für mich, Severus. Es verfällt immer mehr. Und trotzdem ist es besser als dieses Loch, in das dein Vater euch damals verschleppt hat."

Er verdrehte die Augen und sah Hermine an. Ihr Mund stand ein Stück offen, sie zuckte mit der Schulter.

Severus griff sich an die Nasenwurzel. „Wir werden darüber nachdenken."

„Viel Zeit solltet ihr euch damit nicht mehr lassen", warf sie ein.

„Ja, Gran, das weiß ich!", sagte Severus ungeduldig.

„Ich mein ja nur", murmelte sie wieder und sah ihn dabei sehr unschuldig an.

Severus atmete tief durch. Hermine hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und verbarg ihren Mund hinter der Hand. Aber er konnte die Falten um ihre Augen sehen. Sie verschwanden schlagartig, als er seine Augen zusammenkniff. „Wir sollten jetzt gehen", entschied er und stand auf.

Isobel tat es ihm gleich. „Wehe du lässt wieder erst in zwei Jahren von dir hören!"

„Doch, Gran, genau das war mein Plan. Ich lass mich nochmal ein paar Monate lang foltern und danach wegsperren", sagte er ölig, ließ sich aber von ihr zum Abschied umarmen.

Sie legte die Hände an sein Gesicht und ihre beinahe schwarzen Augen, die Augen, die er genauso von ihr geerbt hatte wie das Taktgefühl, bohrten sich regelrecht in seine. „Ich bin froh, dass es dir gut geht."

Severus lächelte kurz, dann küsste er sie auf die Stirn. „Ich auch, Gran."


Von Cornwall aus waren sie in den Grimmauldplatz appariert, um die ersten Sachen von Hermine zu holen. Sie hatte ihn aufmerksam gemustert, während sie den Apparierschutz, der auf dem Haus seiner Großmutter lag, verließen. Und dann hatte sie Luft geholt, offensichtlich um eine der vielen Fragen zu stellen, die sich im Laufe des Nachmittags für sie ergeben haben mussten. „Können wir später darüber reden?", hatte er sie gebeten.

Und so stand der Nachmittag und dieser erste Eindruck, den Hermine von Isobel Prince bekommen hatte, immer noch zwischen ihnen, als sie in Hermines Zimmer Sachen sortierten und schrumpften. Ihre Sachen. Weasleys Sachen. Es war ihr gemeinsames Zimmer gewesen. Severus presste die Zähne aufeinander, bis er Kopfschmerzen davon bekam.

„Möchtest du auch etwas trinken?", fragte er sie nach gut einer Stunde. Er brauchte eine Pause, er musste hier raus.

„Nein", murmelte Hermine und sah sich nicht mal zu ihm um, während er das Zimmer verließ und in die Küche hinunter ging.

Wieder hier im Grimmauldplatz Nummer 12 zu sein, verstärkte seine Kopfschmerzen. Es sah nicht mehr so aus wie damals, als Black noch hier gewesen war. Die Köpfe der Hauselfen waren verschwunden, das Portrait von Walburga Black war inzwischen endgültig zum Schweigen gebracht worden (auch wenn es offenbar immer noch niemandem gelungen war, es von der Wand zu nehmen), die Wände hatten frische Farbe und die Böden neue Beläge bekommen. Aber trotzdem war es immer noch der Grimmauldplatz Nummer 12 und er hasste dieses Haus.

In der Küche nahm er sich ein Glas aus dem Schrank und ließ kaltes Wasser hineinlaufen. Er trank es langsam, mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte gelehnt, und genoss das Gefühl in seiner Kehle.

Eine Bewegung zu seiner Rechten lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Ginevra Weasley war älter geworden. Groß und schlank, die Haare länger, als er sie in Erinnerung hatte. Sie sah ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen. „Professor Snape", murmelte sie.

Severus verzog das Gesicht. „Ich bin kein Professor mehr." Das Pochen zwischen seinen Schläfen nahm zu, er rieb sich die Stirn. Ja, er musste sich mit Hermines Freunden befassen, aber musste das unbedingt heute sein? Isobel hatte ihn schon Kraft gekostet, Weasleys Sachen hatten ihn Kraft gekostet – er hätte diese Begegnung gern auf ein anderes Mal verschoben.

Aber Ginevra stand nun mal jetzt dort in der Tür und war offensichtlich zerrissen zwischen ihrem ehemaligen Lehrer und dem Partner ihrer Freundin. Dem Nachfolger ihres Bruders. Severus seufzte, räusperte sich. „Und da Hermine und ich uns jetzt … näher stehen", zwang er sich zu sagen, „wäre es vielleicht angebracht, dass wir einander beim Vornamen nennen."

Sie schluckte. „Ich … bin mir nicht sicher, ob ich …" Ihre Stimme verlor sich.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ob Sie … was? Das wollen?"

Sie schüttelte den Kopf. „Das kann."

Severus wog den Kopf. „Wir werden es lernen, nehme ich an." Er runzelte die Stirn. „Mein aufrichtiges Beileid zum Verlust Ihrer Mutter und Ihres Bruders, Ginevra."

Sie wandte den Blick ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Danke", presste sie hervor, dann verließ sie die Küche wieder, ohne getan zu haben, wofür auch immer sie hergekommen war.

Severus schloss die Augen und seufzte schwer. Das war ja wunderbar gelaufen.

Er trank sein Wasser aus, reinigte das Glas und stellte es zurück in den Schrank. Dann kehrte er zurück zu Hermine. Sie saß auf dem Bett und sah eine Kiste mit Bildern und Briefen durch. Ihre Augen schwammen in Tränen, als sie zu ihm aufsah.

Er verzog das Gesicht. „Können wir bitte nach Hause gehen und ein anderes Mal …"

Sie nickte heftig und wischte sich über die Augen. Schloss die Kiste und stellte sie zurück auf den Schreibtisch.

„Willst du die nicht mitnehmen?", fragte Severus.

Sie sah ihn überrascht an. „Ist das okay?"

Er runzelte die Stirn. „Natürlich ist das okay. Es sind deine Sachen, Mia."

Sie lächelte (mehr Tränen stiegen ihr in die Augen) und klemmte sich die Kiste unter den Arm, während er sich die zwei Taschen mit geschrumpfter Kleidung und einigen anderen Dingen schnappte. Selbst damals, als Black noch hier gehaust hatte, war Severus nie so froh gewesen, den Grimmauldplatz Nummer 12 verlassen zu können.


Nachdem er sich einen Schmerztrank geholt und die Taschen mit Hermines Sachen in sein Schlafzimmer gestellt hatte (er wusste noch nicht, wo sie ihre Kleidung unterbringen sollte, darum würde er sich morgen kümmern müssen), fand er sie im Wohnzimmer. Sie hatte sich in den Sessel gekauert und war wieder in die Bilder und Briefe vertieft, die sie mitgenommen hatte.

Severus setzte sich auf das alte, durchgesessene Sofa und beobachtete sie. Mal lächelte sie, mal runzelte sie die Stirn. Mal rollte eine Träne über ihre Wange. Es war das erste Mal, das er wirklich begriff, wie viel Vergangenheit auch Hermine mit in diese Beziehung brachte. Dass nicht nur sie viel von ihm würde mit tragen müssen, sondern auch er von ihr. Sie hatten beide den einen Menschen verloren, von dem sie geglaubt hatten, dass er der richtige für sie gewesen war. Sie hatten beide Freunde verloren. Ihrer beider Seelen waren zerrissen und notdürftig wieder geflickt worden. Sie beide mussten immer noch heilen.

Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sie vielleicht gar nicht so verschieden waren. Dass die neunzehneinhalb Jahre, ihre Freunde und ihre herzliche Art möglicherweise alle Punkte auf dieser sehr kurzen Liste der Unterschiede waren.

Nach über einer Stunde, die er ihr schweigend Gesellschaft geleistet hatte, schloss Hermine die Kiste und kam zu ihm. Setzte sich und kuschelte sich an ihn. „Anstrengender Tag", sagte sie leise.

„Ja", sagte er dunkel und legte den Arm um sie. „Anstrengender Tag."

„Was hat dein Vater getan, Severus?", fragte sie nach einer Weile leise.

Er schluckte, seufzte leise. War dieser … verdammte Tag denn immer noch nicht mühsam genug gewesen? Aber noch während er darüber nachdachte, Hermine darum zu bitten, ein anderes Mal darüber reden zu können, hörte er sich antworten: „Er hat meine Mutter umgebracht."

Sie sog scharf die Luft ein.

„Und er wurde niemals dafür zur Rechenschaft gezogen."

Hermine stemmte sich von ihm und sah ihn mit großen Augen an. „Warum nicht?"

Er wischte sich über das Gesicht. „Weil er ein Muggel war, der eine reinblütige Hexe umgebracht hatte. Meine Mutter war bei den Muggelbehörden nicht registriert, genauso wenig wie ich es bin. Für die Polizei gab es sie nicht. Ihren Tod den Muggelbehörden zu melden, hätte mehr Chaos verursacht, als es geholfen hätte. Und das Zaubereiministerium verhandelt keine Verbrechen von Muggeln."

„Das ist furchtbar", hauchte sie.

Severus sah sie an. Das Wohnzimmer war inzwischen in ein Halbdunkel getaucht, das Schatten auf ihr Gesicht malte. Das Restlicht glänzte in ihren Augen. „Das ist Vergangenheit", entgegnete er.

Sie holte tief Luft. „Deine Großmutter hat recht. Du bist nicht wie dein Vater." Und dann schmiegte sie sich wieder an ihn.

„Ich hoffe es", sagte er leise und legte sein Kinn auf ihren Kopf. Ihr Geruch umhüllte ihn wie ein warmes Tuch.