Kapitel 3.15 – Samhain

„Deine Großmutter ist …"

„Was?", fragte Severus, als ihre Stimme sich verlor.

„Interessant." Ein Lächeln lag in ihrer Stimme, während ihre Finger mit seinen Haaren spielten.

Sie war heute tatsächlich mal vor ihm aufgewacht und saß mit dem Rücken gegen das Kopfende seines Bettes gelehnt, ein Buch in der Hand. Severus verspürte kein Interesse daran, sich mehr als nötig zu bewegen. Die Brille lag noch auf dem Nachtschrank und das würde auch noch eine Weile so bleiben. Hier, zusammen mit Hermine in seinem Bett, war es egal, ob er klar sehen konnte oder nicht. Er hatte sich nur auf die Seite gedreht und seinen Arm um ihre Taille geschlungen. Heute war er es, der in ihrem Arm lag, und das fühlte sich gleichzeitig merkwürdig und großartig an.

Nun schnaubte er. „Sie ist an guten Tagen aufdringlich und an schlechten unerträglich."

„Ich finde, sie ist dir sehr ähnlich."

Er brummte leise. Das hatte seine Mutter auch immer gesagt.

„Wirst du tatsächlich darüber nachdenken, in ihr Haus zu ziehen, oder hast du das nur gesagt, um dich aus ihrem Angebot herauszuwinden?"

Severus seufzte. Es gäbe jetzt hunderte Dinge, die er lieber mit Hermine tun würde, als zu reden. Die meisten davon beinhalteten schon Münder, aber bei keinem davon war es essentiell notwendig zu sprechen. Und schon gar nicht darüber. Aber irgendwann mussten sie ja doch darüber reden. „Sie hat das Angebot uns beiden gemacht", erinnerte er sie also.

„Ja. Auch wenn ich nicht verstehe warum. Sie schien nicht besonders glücklich über mich zu sein."

Ihre Finger glitten über seine Kopfhaut, Severus schauderte wohlig. „Doch, sie mochte dich", sagte er träge. „Sonst hätte sie dich ignoriert."

„Oh, so sehr ist sie wie du?", lachte Hermine.

Severus schmunzelte.

„Möchtest du dort leben, Severus?"

„Es ist mir egal, wo ich lebe, Mia." Es gab nichts, das ihn an dieses Haus band. Es war nicht mal ein Zuhause gewesen, als er noch ein Kind gewesen war – nach den letzten anderthalb Jahren war es das noch weniger. Aber es war ein Haus und bis er wieder etwas Geld verdient hatte, war es ihm wie die beste Option erschienen. „Wo möchtest du leben?"

„Bei dir", sagte sie sofort. „Aber Cornwall ist schon schöner als die Gegend hier …"

Er schnaubte. „Selbst Askaban ist schöner als die Gegend hier. Aber vielleicht solltest du mit deinen Eltern darüber reden, bevor du dich entscheidest. Cornwall ist nicht gerade um die Ecke."

Die Bewegungen ihrer Finger in seinen Haaren stoppten. „Meine Eltern leben in Australien und wissen nicht, dass es mich überhaupt gibt."

Severus runzelte die Stirn und sah sie an. Sah ihr Gesicht nur verschwommen und tastete nun doch nach der verdammten Brille. „Was hast du getan?", fragte er und stemmte sich hoch.

Sie seufzte schwer und rieb sich die Stirn. „Ich hab sie weggeschafft. Raus aus dem Krieg. Ich wollte nicht, dass Voldemort ihnen etwas antut."

„Wann?", fragte er.

„Vor etwa sieben Jahren." Sie zuckte mit den Schultern, lächelte wackelig.

Severus sah sie sprachlos an. Ein Zustand, den er nicht besonders mochte. Sieben Jahre. „Was genau hast du mit ihnen gemacht, Hermine? Hast du ihre Erinnerungen gelöscht?"

„Nein!", sagte sie schnell. „Nein. Sie glauben, sie wären jemand ganz anderes. Ein Ehepaar ohne Kinder. Ihr altes Leben, ihre alte Erinnerungen … ich … Es ist alles noch da. Irgendwo."

Er lehnte sich neben ihr gegen das Kopfende des Bettes. „Und willst du das rückgängig machen?"

Sie seufzte. „Ich weiß es nicht. Wäre das fair? Sie haben ein Leben dort. Sie haben Freunde, sie sind glücklich."

„Waren sie das vorher nicht?"

Hermine lehnte den Kopf gegen seinen Arm. „Ich weiß es nicht. Ich war nicht oft bei ihnen."

Severus legte seinen Arm um sie. „Wir haben noch Zeit, um über diese Dinge nachzudenken."

„Ja. Etwas."

Severus sah hinab auf Hermines Bauch. Bald würde keine Bluse ihn mehr verbergen können. „Ich bin Ginevra gestern begegnet."

„Oh", machte Hermine. „Und, wie war es?"

Er rümpfte die Nase. „Unangenehm."

„Tut mir leid, dass ich nicht dabei war."

„Ich bin durchaus in der Lage dazu, auch allein mit deinen Freunden zu reden", grollte Severus.

Hermine sah ihn an, biss sich auf die Unterlippe. „Bist du das?"

Er zog eine Augenbraue hoch.

Hermine steckte sich und küsste ihn. „Schon gut. Gib ihr Zeit. Sie hat es gerade nicht leicht. Tonks hat es besser aufgenommen."

Severus verdrehte die Augen. „Natürlich hat sie das …"

„Apropos", sagte Hermine und klang ein bisschen zu beiläufig. „Ich würde gern mit Professor Dumbledore reden."

„Wozu?", fragte Severus und versteifte sich ein bisschen.

Hermine setzte sich auf und sah ihn ernst an. „Ich will nicht, dass er denkt, du hättest mich in irgendeiner Form ausgenutzt oder erpresst. Ich bin hier, weil ich hier sein will. Der Gedanke, dass er …" Sie verzog das Gesicht. „Das macht mich krank, Severus."

Er rieb sich über das Gesicht. Es gab im Moment wenig, das so weit unten auf seiner Prioritätenliste stand wie Albus. Ja, er hatte viel für ihn getan. Aber Severus hatte auch viel für Albus erduldet. Er fühlte sich ihm in keinster Weise mehr verpflichtet. „Warum ist dir das so wichtig?", fragte er.

„Weil du mir wichtig bist."

Offensichtlich war es so einfach. Und trotzdem sah er sie erstaunt an. Blinzelte. Dann nickte er. „Ich werde nicht mitkommen."

„Das sollst du auch gar nicht." Sie strich ihm die Haare zurück. Und dann küsste sie ihn.

Severus fragte sich, ob er jemals weniger fassungslos darüber sein würde, dass sie ihn wollte. Ob es sich jemals selbstverständlicher anfühlen würde, dass es so war. Und ob er das überhaupt wollte. Dieser kleine Moment, wenn ihre Lippen seine berührten und sein Körper das so außergewöhnlich und wundervoll fand, dass er Adrenalin ausschüttete … Nein, er wollte nicht, dass das jemals anders würde. Es war außergewöhnlich und wundervoll. Er legte seine Hand an ihren Hinterkopf und hielt sie fest.

Aber Hermine hatte andere Pläne. „Du hast noch ein Versprechen einzulösen", sagte sie spitzbübisch.

„Hab ich?", fragte Severus. Er wusste tatsächlich nicht, wovon sie sprach.

„Ja. Du hast gesagt, du würdest mir irgendwann erklären, was das mit diesem Eintauchen in die Magie war."

Ach ja. Das. Severus feixte. „Das kann ich dir nicht erklären, Mia. Das muss ich dir zeigen." Und jetzt musste er sie nicht einmal mehr vorwarnen, was die Auswirkungen betraf. Sie würden ganz bestimmt beide ihre Freude daran haben.

„Okay", sagte sie, „Dann zeig es mir."

Er strich mit seinen Fingern an ihrem Gesicht entlang. „Vertraust du mir?"

Sie runzelte die Stirn. „Warum fragst du das?"

„Weil ich dir erst mal zeigen muss, wie du in deinen eigenen Geist eindringst. Und das ist am leichtesten, wenn du mir erlaubst, in deinen Geist einzudringen und dir den Weg zu weisen. Also … vertraust du mir?"

Sie schmiegte ihr Gesicht in seine Hand, sah ihm direkt in die Augen und sagte: „Blind."


Sie waren in das Haus seiner Großmutter gezogen. Hermine hatte beschlossen, dass sie ihre Eltern über Weihnachten in Australien aufsuchen würde. Sie würde mit ihnen in Kontakt treten und herauszufinden versuchen, ob sie mit dem Leben, das sie jetzt lebten, zufrieden waren oder ob sie wissen wollten, wer sie tatsächlich waren. Und wer Hermine war. „Aber selbst wenn sie das wollen und selbst wenn sie nach England zurückkommen, können wir sie immer noch abholen, wenn sie uns besuchen kommen wollen. Sie müssen nicht mit dem Auto nach Cornwall fahren."

Also hatte Severus sich geschlagen gegeben. Cornwall war schöner als Spinner's End, er konnte das nicht leugnen. Und er mochte den Gedanken, mehr Kontakt zu seiner Großmutter zu haben. Sie kam allmählich in ein Alter, in dem sie Hilfe gebrauchen konnte. Es war besser, dass sie nicht mehr allein hier draußen lebte.

Davon mal abgesehen hatten sie vieles gemeinsam. Zum Beispiel beobachtete sie Hermine an diesem Tag genauso fassungslos wie Severus. „Weiß sie, dass das alles Blödsinn ist?", fragte sie ihn, als Hermine einen Besen vor die Tür stellte, zusammen mit Wasser und Brot.

„Ich hoffe es", sagte er und runzelte die Stirn.

„Vielleicht solltest du sie mal darüber aufklären."

Severus sah Isobel an. „Sie ist eine Gryffindor, Gran. Und schwanger. Und stur. Es ist einfacher, sie machen zu lassen."

„Aber Geister essen nicht", sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und böse Geister würden sich nicht von einem alten Besen aufhalten lassen."

„Ich weiß." Aber er würde Hermine nicht davon abhalten, all diesen Muggelbräuche rund um Samhain nachzugehen.

„Du wirst deinem Großvater heute Nacht erklären, was das alles soll."

Severus runzelte die Stirn. „Ich hab heute Nacht genug zu erklären", sagte er, ehe er sich abwandte und ins Labor hinunter ging. Der Felicis verlangte nach seiner Aufmerksamkeit, ebenso wie ein paar seiner Experimente. Und er musste noch das Schreiben beantworten, das die Potio ihm geschickt hatte. Sie waren sehr interessiert an seiner Abhandlung über den Vicissitudo Virtus – ebenso wie die Verleger nahezu aller Bücher, die bisher zu diesem Thema erschienen waren.

Severus begann ein Antwortschreiben zu formulieren, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Er warf die Feder von sich und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, seufzte. Ihm graute es vor diesem Samhain fast genauso wie es ihm vor jedem Samhain gegraut hatte, das er in Malfoy Manor hatte verbringen müssen. Nur die Gründe waren diesmal andere.


Kerzen waren die einzige Lichtquelle im Wohnzimmer. Sie standen auf dem Fußboden im Kreis, in den Fenstern, auf Regalen und Schränken. Hermine, Isobel und Severus standen um die Kerzen auf dem Boden herum. Er konnte seinen Blick kaum von Hermines Gesicht wenden. Von dem warmen Licht, von den tanzenden Schatten.

Die Uhr an der Wand tickte leise der Geisterstunde entgegen – der einzigen im Jahr, die diesen Namen zu recht trug. Um Mitternacht würden sich die Tore zum Jenseits öffnen und ob nun ein Besen vor der Tür stand oder nicht, die Geister würden alle Häuser aufsuchen, in denen man ihrer gedachte und sie einlud.

Hermines Mund stand ein kleines Stück offen, sie atmete schneller als sonst. Die Flammen zuckten im Windzug, der von der offenen Tür her durch den Raum zog. Eine Gänsehaut kroch über Severus' Rücken, aber sie hatte nichts mit Kälte zu tun.

Als die Uhr leise zu schlagen begann, zuckte Hermine zusammen, lächelte. „Es ist soweit", flüsterte sie.

Severus nickte und sah zur Tür hinüber. Er glaubte das Meer bis hierher rauschen zu hören. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wartete, dass sie kamen. Gleich. Sie hatten nicht viel Zeit, kaum mehr als eine Stunde.

Das letzte Mal, das ihn ein Geist besucht hatte, war in dem Jahr gewesen, in dem sein Großvater gestorben war. Er hatte auch in dem Jahr zusammen mit seiner Großmutter gefeiert und sie hatten sich gemeinsam von ihm verabschiedet. Er war so unerwartet gestorben, dass sie im Leben keine Gelegenheit dazu gehabt hatten. Danach waren sie nicht mehr dazu gekommen, Samhain zusammen zu feiern und er hatte seiner Großmutter nicht eine Minute mit ihrem Ehemann nehmen wollen. Also hatte er darauf verzichtet, ihn einzuladen.

Heute hoffte er, von mehreren Menschen Abschied nehmen zu können. Und nicht nur das. Er wollte sich entschuldigen. Er wollte sich erklären. Es war so viel ungesagt geblieben.

Als Hermine bereits nervös wurde, schlichen sich sechs Schimmer ins Wohnzimmer. Severus hätte sie kaum bemerkt, wenn er nicht darauf geachtet und gewusst hätte, wie es aussah. Er machte Hermine erst auf sich aufmerksam und lenkte ihren Blick dann weiter, bis sie die Gestalten sah, die nun bei ihnen standen.

Die eine, sein Großvater, wandte sich sofort seiner Frau zu. Isobel hatte Tränen in den Augen, als sie ihn begrüßte. Eine weitere gesellte sich zu ihnen. Severus wusste, dass es die Schwester seiner Großmutter war, aber er hatte sie nie kennengelernt. Sie war früh gestorben, sah kaum älter aus als zwanzig. Sein Großvater sah ihn an und lächelte. Severus nickte ihm zu.

Dann sah er sich um. Nein, sie war wieder nicht gekommen. Er fing den Blick seiner Großmutter ein. Auch sie hatte nach ihrer Tochter Ausschau gehalten, so wie vermutlich jedes Jahr seitdem sie gestorben war. So wie er jedes Jahr nach seiner Mutter Ausschau gehalten hatte. Sie war noch kein einziges Mal gekommen. Er senkte den Blick, dann wandte er sich den anderen Geistergestalten zu.

Sie standen nebeneinander vor ihm und Hermine. „Willkommen", sagten Severus und Hermine gleichzeitig. Er sah, dass sie lächelte, wackelig, und sich gedankenverloren mit einer Hand über den zunehmend dicker werdenden Bauch strich. Er hatte das in den letzten Wochen häufiger bei ihr beobachtet.

Nach ein paar Momenten lösten sich zwei der Gestalten aus der Reihe. Eine ging zu Hermine (Severus kannte sie nicht, würde aber auf eine Großmutter tippen), die andere zu Severus. Seine Blicke glitten über das milchige Gesicht seiner ehemaligen Kollegin, die Bilder an ihre letzte Begegnung durch seinen Verstand. „Minerva", sagte er leise. Seine Stimme schwankte.

Sie lächelte ein wenig, kaum sichtbar. „Severus." Ihre Stimme klang, als würde sie von weit weg kommen. Als würde ein großer Saal mit hoher Decke den Klang weiter tragen und ihm nur eine Ahnung davon übermitteln.

Severus schluckte. Seitdem die Barriere letztes Jahr verhindert hatte, dass auch nur ein Geist sie besuchen konnte, hatte er diesen Moment herbeigesehnt. „Ich hätte dich schützen müssen", sagte Severus hohl. „Es tut mir leid, Minerva."

Sie hob ihre Hand und die Idee ihrer Berührung sandte einen kühlen Schauer über seine Wange. „Du trägst keine Schuld an meinem Tod. Ich bin froh, dass du es überlebt hast."

Er schloss die Augen, biss die Zähne aufeinander. „Lucius hat dich nur meinetwegen entführt. Es ist meine Schuld", presste er hervor.

„Es ist sehr gryffindor, eine Schuld auf dich nehmen zu wollen, die nicht deine ist", entgegnete Minerva und zog die Augenbrauen hoch.

„Gryffindor …" Er schnaubte.

„Willst du das etwa leugnen?"

„Wie könnte ich nicht?" Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.

„Gryffindor ist in dir, Severus. War es immer, wird es immer sein. Ich habe lange gebraucht, um das zu erkennen, und verstehe heute nicht warum. Slytherin hat dir viel genommen, ich hoffe, diese Gryffindor kann dir etwas davon zurückgeben." Sie sah kurz zu Hermine hinüber und lächelte. „Ich wünsche euch alles Gute."

Severus nickte langsam. „Ich danke dir, Minerva."

Danach wandte sie sich ab und kehrte in die Reihe zurück. Dieses Mal jedoch stellte sie sich an das andere Ende. Und während Harry Potter sich als nächste daraus löste und zu Hermine ging, drehte Draco seiner früheren Schulkameradin den Rücken zu und widmete seine Aufmerksamkeit Severus.

Ohne dass Severus etwas dagegen tun konnte, wurde seine Haltung gerader, steifer. Ein angedeutet spöttisches Lächeln lag auf Dracos Gesicht, als er vor ihm stehen blieb. „Professor Snape", sagte er und auch seine Stimme klang wie von sehr weit weg.

„Draco."

„Was macht der Panther?"

Severus' Mundwinkel zuckten kurz nach oben, als er sein Hosenbein von dem narbigen Bild zog und es dem Jungen zeigte.

Draco nickte nachdenklich. „Ich bin froh, dass Sie durchgehalten haben, Sir. Dass wenigstens Sie es geschafft haben, Vater zu überleben."

„Ich hätte ohne zu zögern meinen Platz mit dir getauscht", sagte Severus.

„Ja, das hätten Sie. Damals."

Severus senkte den Blick. Ja, heute würde er nicht mehr tauschen. Heute hatte er eine Aufgabe zu erfüllen. Severus sah zu Hermine hinüber, die sich gerade mit Harry unterhielt. Tränen standen in ihren Augen und immer wieder flatterten ihre Blicke hinüber zu der Reihe der Geistergestalten. Ronald Weasley war nicht dabei. Severus wandte sich wieder Draco zu. „Ich kann heute nur noch für sie oder mein Kind sterben."

„Ich weiß. Ich hoffe, sie weiß das auch. Und vor allem hoffe ich, dass sie es zu schätzen weiß."

„Das tut sie."

Draco nickte. „Ich danke Ihnen, Sir. Sie haben versucht, mir zu helfen. Ich bedauere es, Ihre Hilfe nicht angenommen zu haben." Und bevor Severus etwas darauf antworten konnte, hatte Draco sich umgedreht und war in die Reihe zurückgekehrt.

Ein lautes Schluchzen zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ronald Weasley war gerade aufgetaucht. Anscheinend hatte er vorher kurz seinen Vater und seine Geschwister besucht. Er ging zu Hermine und Severus wandte sich seinem Großvater zu, ließ die beiden reden.

„Severus", sagte sein Großvater und Isobel trat einen Schritt zur Seite.

„Gramps." Er sah kurz zu der Schwester seiner Großmutter, die seinen Blick neugierig erwiderte. „Irgendeine Idee, warum Mum wieder nicht da ist?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Sie redet nicht viel. Vielleicht wird sie es dir erzählen, wenn du in vielen, vielen Jahren zu uns kommst."

„Sie war schon immer stur", murmelte Isobel. Aber der Schmerz darüber, dass ihre einzige Tochter ihrer Einladung nicht folgte, war ihr deutlich anzusehen.

„Eines hat sie gesagt", berichtete sein Großvater in diesem Moment. Sowohl Isobel, als auch Severus sahen zu ihm auf. „Sie lässt euch grüßen."

Isobel schluchzte leise. „Grüß sie zurück, Marvin! Sag ihr, dass ich sie liebe und sie vermisse."

Marvin nickte und strich seiner Frau genauso federleicht über die Wange, wie Minerva es bei Severus getan hatte. Dann sah er Severus erwartungsvoll an, aber der schwieg. Er hatte seiner Mutter nichts zu sagen. Sie war gestorben, als er siebzehn gewesen war. Er war damals in Hogwarts gewesen. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, sich von ihr zu verabschieden. Und trotzdem war er es ihr nie wert gewesen, einer seiner Einladungen an Samhain zu folgen. Nein, er hatte ihr nichts zu sagen, zumindest nichts, das er ihr ausrichten lassen wollte. Sein Großvater nickte und wandte den Blick ab.

Severus blieb bei ihnen stehen, sah sich aber im Wohnzimmer um. Minerva war inzwischen gegangen; vermutlich hatte Albus sie ebenfalls eingeladen. Auch Draco war verschwunden. Severus hoffte, dass es noch jemanden gab, den er besuchen wollte heute Nacht. Vielleicht Narcissa.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er Hermine und Ronald. Potter war etwas zurückgetreten und bevor er sich auflöste (sicherlich wollte er noch Ginevra besuchen gehen), trafen sich ihre Blicke. Er nickte ihm kurz zu, Severus erwiderte es. Dann war er verschwunden.

Severus sah zur Uhr. Eine halbe Stunde war bereits vergangen. Er lauschte dem Gespräch zwischen seinen Großeltern und seiner Großtante nur mit halbem Ohr, versuchte aber auch, Hermine und Ronald nicht zu aufdringlich zu beobachten. Sie hatte diese eine Stunde im Jahr mit ihm, sie sollte sie genießen.

Eine Bewegung an der Tür zog Severus' Aufmerksamkeit auf sich, kurz bevor die Stunde sich dem Ende entgegen neigte. Eine weitere Geistergestalt gesellte sich zu ihnen und für einen Moment hoffte er, es wäre seine Mutter. Hoffte, es wäre Lily, die seiner Einladung auch noch nie gefolgt war. Aber es war Molly. Sie ging zu Hermine und ihrem Sohn und warf Severus einen Blick zu, der sehr deutlich sagte, dass er in diesem Gespräch nichts zu suchen hatte. Einen Blick, der ihm sehr deutlich zeigte, dass es auch im Jenseits Menschen gab, die nicht glücklich waren über seine und Hermines Beziehung.

Er wollte sich gerade abwenden, als er sah, wie Ronald sich von Hermine verabschiedete, widerwillig und mit dem gleichen Schmerz im Gesicht, den auch sie gerade durchlitt. Hermine presste sich eine Hand vor den Mund und versuchte, die Fassung zu bewahren. Molly blieb bei ihr, während Ronald tatsächlich zu Severus kam. Er holte tief Luft und zog die Schultern zurück.

Ronald sagte kein Wort, nachdem er Severus erreicht hatte. Keine Begrüßung, keine Beschimpfung, kein empörtes Aufbegehren. Lange Zeit sahen sie einander an. Sie standen nicht mehr auf verschiedenen Ebenen. Sie waren gleichgestellt – abgesehen von der Tatsache, dass Severus lebte und Ronald nicht.

Severus schluckte und neigte den Kopf. „Ich bedauere es, dass Sie nicht die Möglichkeit bekamen, an ihrer Seite alt zu werden."

Ronald nickte, sah zurück zu Hermine und seiner Mutter. „Ich verstehe nicht, was sie in Ihnen sieht, aber … bitte geben Sie gut auf sie Acht." Es fiel ihm sichtbar schwer, diese Worte auszusprechen.

Severus runzelte die Stirn. „Das werde ich. Ich gebe Ihnen mein Wort."

Er nickte und wandte sich von Severus ab, kehrte zu seiner Mutter zurück. Sie legte eine Hand auf Ronalds Schulter und sagte etwas, das Severus nicht verstehen konnte. Ronald nickte, schien aber sichtlich betrübt. Als Severus sich nach Hermine umsah, bemerkte er, dass sie ihn ansah. Ihn und nicht Ronald. Er lächelte, was sie erwiderte. Er ging zu ihr, achtete sorgfältig darauf, die Kerzen auf dem Boden nicht umzureißen, und sie griff nach seiner Hand.

Sie wandten sich den Geistern zu und beobachteten, wie sich einer nach dem anderen auflöste und verschwand. Hermine lehnte sich gegen ihn und seufzte. „Keiner hat gefragt, Severus."

Er musste einen Moment überlegen, wovon sie sprach. Dann fiel es ihm wieder ein. Die Toten hätten Hermine darum bitten können, durch ihr Kind wiedergeboren zu werden. Severus hielt kurz die Luft an, dann atmete er langgezogen aus. „Ich hatte es nicht anders erwartet." Sie sah zu ihm auf, die Augen noch immer feucht. „Keiner von ihnen würde deinem Kind die Chance nehmen, eine eigene Persönlichkeit zu bekommen." Er verzog das Gesicht und fügte hinzu: „Und keiner von ihnen hätte mich zum Vater haben wollen."

Hermine lachte leise. „Sie wissen ja gar nicht, was sie verpassen."

Isobel tauchte an seiner anderen Seite auf, wischte sich mit einem Taschentuch über die Augen. „Wenn ich erst mal drüben bin, werde ich Eileen ein paar Takte erzählen."

Severus verdrehte die Augen. „Bevor oder nachdem du sie solange umarmt hast, wie du es willst, weil sie … wie lange nicht mehr hier gewesen ist?"

„Fünfundzwanzig Jahre", grollte Isobel.

„Genau, fünfundzwanzig Jahre."

„Davor. Und nachdem. Und währenddessen", versprach Isobel. Dann sah sie ihn an und der Schmerz einer Mutter, die ihre Tochter liebte und vermisste, stand in ihren dunklen Augen. „Was glaubt sie denn, was ich sage, Severus? Glaubt sie, ich gebe ihr die Schuld an dem, was passiert ist?"

Er seufzte und rieb sich die Stirn. „Ich weiß es nicht, Gran." Dann legte er eine Hand auf ihre Schulter und sie hielt sich daran fest.

Severus sah sich nach Hermine um. Ihr Augen waren rot und geschwollen vom Weinen, die Wangen fleckig, in ihrer freien Hand knetete auch sie ein Taschentuch. Sie kaute auf der Innenseite ihrer Wange und sah dabei so hinreißend aus, dass er sie an sich zog und auf die Stirn küsste. „Ich liebe dich", raunte er so leise, dass seine Großmutter es nicht hörte.

Sie seufzte. „Ich dich auch."


I'll go anywhere you want,
anywhere you want,
anywhere you want me.
(Sleeping at Last – Mercury)